Hören ist ein aktiver Prozess

Diese Aussagen verdeutlichen, dass eine Hörschädigung nicht nur ein "leiseres Hören" zur Folge hat, sondern auch ein "verzerrtes Hören".
Das bedeutet, dass Hörgeschädigte häufig Lücken in der auditiven Wahrnehmung haben und kombinieren müssen, um ein Geräusch richtig zu interpretieren oder einen gesprochenen Satz richtig zu verstehen.
Das Prinzip der Kompensation ist gerade bei der auditiven Wahrnehmung mit einer Hörschädigung von großer Bedeutung. Kompensation meint, dass ein geschädigtes Organ (z.B. das Hörorgan) durch ein anderes Organ (z.B. durch das Sehorgan) unterstützt werden kann. Hörgeschädigte wenden das Prinzip der Kompensation nahezu andauernd und meist unbewusst an.

Die auditive Wahrnehmung von Geräuschen

Vor allem bei Hörgeschädigten ist es wichtig, dass verschiedene Sinne (Hör-, Seh-, Tastsinn etc.) zusammenwirken, um eine Situation richtig interpretieren zu können. Viele Hörgeschädigte kennen diese Situation: "Bei (...) [Lautsprecherdurchsagen] muß man immer mit den Augen hören! z. Bsp. Wenn sich am Bahnsteig die Fahrgäste zu einem anderen Bahnsteig bewegen!" (4)

Manchmal aber können sich der visuelle und der auditive Eindruck widersprechen, wie eine hörgeschädigte Person schildert: "Berufsschule: Es war Feueralarm und ich dachte, daß draußen ein Polizeiauto od. Feuerwehr vorbeifährt. Hat mich sehr verwundert, weil alle das Klassenzimmer verlassen haben."

Manche Geräusche werden an bestimmten Orten häufig gehört, an anderen Orten wiederum nie, so wird man z.B. in einem Haus keine Kuh muhen hören. In einer Kirche wird man kein Telefon klingeln hören, dafür aber in einem Büro. Hörgeschädigte können sich also je nach Ort auf bestimmte Geräusche einstellen und andere Geräusche ausschließen.

Amüsiert erzählt eine Hörgeschädigte: "Ich wohne ganz nahe am Krankenhaus! Eines Tages wunderte ich mich, ich hörte viel + lange Sirenen. Ich sagte zu meinem Bruder: 'Da muß ja was ganz schlimmes passiert sein.' Er sagte: 'Nein, das ist der Posaunenchor, der einen Auftritt hat, vor dem Krankenhaus für die kranken Leute!'"
Da diese hörgeschädigte Person in der Nähe eines Krankenhauses wohnt, war sie es gewöhnt, Sirenen zu hören, dass sie einen Posaunenchor mit Sirenen verwechselt hat. Dieses Beispiel zeigt sehr deutlich, wie unvollständig das Gehör eines Hörgeschädigten arbeitet - und wie erfinderisch Hörgeschädigte manchmal sein müssen, um ein Geräusch richtig zu deuten.

Ebenso fällt es mit einer Hörschädigung manchmal schwer, Geräusche zu lokalisieren und herauszufiltern, wenn gleichzeitig andere Geräusche zu hören sind: "Während mein Fernseher lief, kam der laute Feueralarm, den ich vorher nie hörte. Ich versuchte dauernd, den Fernseher leiser zu stellen, aber ohne Erfolg. Bis ich merkte, daß es der Feueralarm war und nicht der Fernseher selbst."

Dieses Beispiel zeigt, dass manche Hörgeschädigte Geräusche nicht zuverlässig interpretieren können; aber dafür ist es ihnen je nach Hörvermögen möglich, anhand von Tonhöhen, Lautstärke, Rhythmus, Zeitpunkt des Beginns und des Endes Geräusche voneinander abzugrenzen. Zu diesem Phänomen seien einige Beispiele aufgelistet:

"Vor meiner Haustür war eine Baustelle. Seit bereits 1 Woche haben die Arbeiter dort gewerkelt. 1 Woche lang hörte ich das gleiche Geräusch. Ein ständiges Zischen. Dann war die Baustelle weg - das Geräusch nicht. Es war meine Dunstabzugshaube!"

"Bei der Autofahrt in der Kurve gab es einen Krach. Ich dachte die Stoßdämpfer sind kaputt. Später merkte ich, daß der Verbandkasten durchs Auto rutschte."

"Als ich meine HdO-Geräte bekam, wunderte ich mich über ein Ticken im Auto, bis ich herausbekam, daß es vom Blinker kommt."

"Ich habe den Fernsehen läufen lassen, während ich kochte. Bei einer Werbesendung einer Telefongesellschaft läutete auch das Telefon bei mir. Ich kam erst später darauf, daß jemand mich anrufen wollte."

"Ein Flugzeug, das zu tief flog, dröhnte laut. Ich sagte zu meinem Mann (er ist hörend, und meine zwei Kinder auch): "Das ist wohl Techno-Musik'"

"Wenn ein Flugzeug vorbeifliegt und ich in meinem Zimmer sitze, denke ich immer das ein Gewitter kommt."

"Draußen ist Riesenlärm, Krach und ich dachte, mein Kater hätte wieder was vom Regal runtergeschmissen!"

Es wurde hier eine Reihe von Fehldeutungen genannt. Aber oft kombinieren Hörgeschädigte unbemerkt und erkennen dadurch Geräusche richtig, dass bei Hörenden der Eindruck entstehen kann, dass der Hörgeschädigte "doch sehr gut hört".

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Anmerkungen:
(4) Wenn ein Satz ohne Angabe einer Literaturquelle in Anführungszeichen zu lesen ist, handelt es sich um ein Zitat einer hörgeschädigten Person aus der schriftlichen Umfrage.
 

(c) by Gudrun Kellermann
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29. September 2002

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