"Wie klingt das?"

Hören mit einer Hörschädigung - Ergebnisse aus einer schriftlichen Umfrage mit 152 Hörgeschädigten
 

Ort: Eine Universität. Ein Professor hält eine Vorlesung. Etwa 200 Studierende hören ihm zu. Er benützt ein kleines Mikrophon, das zu einer Mikroport-Anlage einer hörgeschädigten Studentin gehört. Nach der Vorlesung holt die Studentin ihr Mikrophon beim Dozenten ab. Der Professor fragt freundlich: "Und, konnten Sie mich verstehen?" Was soll die von Geburt an gehörlose Studentin antworten?
Dass sie nicht jedes Wort verstanden hat, sondern nur Satzfragmente, aus denen sie die Inhalte irgendwie zusammenfügen musste?

Diese Situation zeigt, dass das Gelingen der auditiven Wahrnehmung mit einer Hörschädigung - vereinfacht "Hören" genannt - vonn verschiedenen Faktoren abhängt.

Da ich von Geburt an mit ca. 100 dB beidseits stark hörgeschädigt bin, interessierte ich mich für diese Faktoren und beschäftigte mich im Rahmen meines Studiums (Schwerhörigenpädagogik) mit dieser Thematik. 1998 führte ich für meine Magisterarbeit eine schriftliche Umfrage unter 152 Hörgeschädigten in Deutschland durch.

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, wenn ich alle Ergebnisse darlegen würde. Deshalb werde ich nur einen kleinen Ausschnitt aus der Studie vorstellen.

An der schriftlichen Befragung beteiligten sich insgesamt 152 Hörgeschädigte, von leichtgradig schwerhörig bis gehörlos (1). Der jüngste Teilnehmer war 14 Jahre alt, der älteste 75.
Etwa 82 % der Hörgeschädigten gaben an, während der ersten Lebensjahre rein lautsprachlich erzogen worden zu sein (d.h. ohne Gebärdensprache und ohne lautsprachbegleitende Gebärden).

Fast die Hälfte der Personen (43 %) war mindestens ein Jahr an einer Regelschule bzw. Allgemeinen Schule (dazu zählen u.a. auch das Gisela-Gymnasium und das Derksen-Institut in München), nicht wenige von ihnen zehn Jahre oder länger, alle anderen besuchten Schulen für Hörgeschädigte (u.a. die Samuel-Heinicke-Schule München, das Pfalzinstitut Frankenthal).

Hören und Verstehen in der Schule

Kopfhörer- und Infrarot-Anlagen wurden in den Hörgeschädigtenschulen kaum oder "nur manchmal" genutzt. Eine resthörige (2) Person kritisierte, dass die Anlagen "miserabel" gewesen seien. In Regelschulen kamen zusätzlichen Hörhilfen wie Mikroport-Anlagen vor allem bei hochgradig und stärker Schwerhörigen zum Einsatz, vereinzelt auch in Hörgeschädigtenschulen.

Die hörgeschädigten Teilnehmer wurden gebeten, Fragen zur derzeitig bzw. zuletzt besuchten Schule zu beantworten. Vermutlich wurden alle 152 Hörgeschädigten lautsprachlich unterrichtet, nur vereinzelt zusätzlich mit Gebärden. Etwa 80 % der Hörgeschädigten, welche Hörgeschädigtenschulen besuchten, gaben an, ihre Lehrer im Unterricht "sehr gut" bzw. "gut" verstehen zu können. Hörgeschädigte in Regelschulen hatten größere Verständnisschwierigkeiten, die meisten gaben an, ihre Lehrer lediglich "gut" bzw. "mittelmäßig" verstehen zu können.

Mitschüler wurden im Allgemeinen schlechter als die Lehrer verstanden. Eine Ausnahme bildet die Gruppe der Gehörlosen, von denen die Hälfte keine Hörhilfen verwendet. Etwa 75 % aller Gehörlosen gaben an, ihre Mitschüler besser als ihre Lehrer verstanden zu haben. Vermutlich kommunizierten sie mit ihren Mitschülern mit Gebärden(sprache).

Am meisten wurden der mangelhafte Blickkontakt der Lehrer zu den Schülern während des Sprechens kritisiert, ebenso eine undeutliche Sprechweise.
Eine Person, welche einen integrativen Unterricht mit Hörgeschädigten und Hörenden besucht (hat), kritisierte: "Wenn Hörende den Lehrer verstanden haben, [wurde] einfach mit dem Stoff weitergemacht."
Eine andere hörgeschädigte Person hingegen lobte "das große Engagement" ihrer  Lehrer. Immer wieder gelobt wurde auch, dass die Klassen klein seien. Eine Person meinte schalkhaft: "Die Fehler lagen in meinem Dafürhalten mehr im Bereich der didaktischen Fähigkeiten..."

Lehrpersonen eines hörgeschädigtenspezifischen Unterrichts erhielten insgesamt positivere Beurteilungen als solche eines regulären Unterrichts. Positiv bewertet wurde vor allem der häufige Einsatz von visuellen Medien wie Tafel und Arbeitsblättern.

Nachfolgend seien einige Kommentare über Fehlverhalten von Lehrern beim gemeinsamen Unterricht Hörgeschädigten und Hörenden aufgelistet (3):

"Mund zum Tafel, manche redeten meist zu Hörenden Dialekt"

"einige Lehrer waren nicht auf eine hg Schülerin vorbereitet worden, kannten sich mit der Hörlage nicht aus; Lehrerinnen wiesen meine Mitschüler nur anfangs auf behindertenspezifische Verhaltensweisen hin und wiesen sie später kaum auf Fehler hin (z.B. Mikrofon einschalten oder Mikro umhängen). Lehrer sprachen teilweise zur Tafel hin oder erklärten Folie, wenn wir sie abschreiben mußten."

"manchmal zu monoton, zu faul zum Wiederholen, erwarten, daß ich mit Höranlage 100 % höre und verstehe"

Es gab aber nicht nur negative Kritiken, sondern auch positive Aussagen zum Unterrichtsstil der Lehrer:

"Wert darauf gelegt, daß wir mit Hörenden kommunizieren können"

"sich im Kreis zusammengesetzt! Einzelaufgaben verteilt, der Schüler mußte sein Erarbeitetes in Form eines Referates vortragen!"

"viel mit Lichtprojektor gearbeitet, im kleinen Kreis Diskussionen geführt, auf 'Melden' u. Namen vorsagen geachtet"

"Mehr Rücksichtnahme durch Rückfragen und deutliches Sprechen, und anschauliches Darstellen des Sachverhalts"

"Wenn etwas diktiert wird (Hefteintrag), dann nimmt der Lehrer anschließend mein Heft mit und korrigiert es."

"Blätter zum Film (leider gab es die nur bei einem Lehrer), ein Lehrer benutzte Kopfhörer-Anlage und hatte so eine bessere Kontrolle über das Verhalten der Schüler"

"Trotzdem immer wieder Diskussionsrunden mit 1 GL (!) in der Klasse"

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Anmerkungen:
(1) Als "gehörlos" werden hier Hörgeschädigte mit einem Hörverlust ab 100 dB bezeichnet sowie Hörgeschädigte, welche keine Audiogrammwerte angaben und sich als "gehörlos" bezeichneten.
(2) Als resthörig werden hier Hörgeschädigte bezeichnet, die einen durchschnittlichen Hörverlust zwischen 85 und 100 dB haben.
(3) Die Aussagen der Hörgeschädigten wurden im Hinblick auf Grammatik und Rechtschreibung bewusst nicht korrigiert.
 

(c) by Gudrun Kellermann
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29. September 2002

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