EIN MANN MIT VIELEN GESICHTERN

(oder: vom Sieg des Tourismus über den Faschismus)

Peter Ustinov spielt Bush - und bellt für Unicef

von Astrid Wirtz (Kölner Stadtanzeiger, 8./9. März 2003)

Geistreich, humorvoll, charmant: Der Künstler er-
wies sich einmal mehr als grandioser Unterhalter.

Eine Stunde in seiner Gesellschaft ist besser als zwei Stunden mit seinem Werk“, hat ein britischer Journalist einmal über Sir Peter Ustinov geschrieben. Und die fast magische Präsenz gemeint, die den 82-jährigen Schauspieler, Regisseur, Autor, Entertainer, Weltbürger und Oscar-Preisträger bis heute umgibt. Eine Präsenz, die eine noch viel größere Wirkung entfaltet als all seine Filme und Bücher. Ustinov ist eben ein begnadeter Plauderer , geistreich, humorvoll und überraschend komisch. Man wird einfach nicht müde, ihm zuzuhören. Wie sollte es der Redaktion des „Kölner Stadt-Anzeiger“ da anders ergehen, bei der er am Freitag zu Besuch war.

Da läuft es vorbei, dieses bunte, pralle Leben und ist gespickt mit guten Geschichten, ein Leben, das selbst den Stoff liefert für viele Stunden und Tage Unterhaltung pur. So erzählt er wie nebenbei von dem amerikanischen Senator, den er mitten in der Kuba-Krise eine Havanna rauchen sieht. Von Blairs Vater, der früher dort Professor war, wo Ustinov heute Dekan ist. Und erinnert an seinen weltberühmten Film „Quo Vadis“. Für die Darstellung des Nero erhielt er einst einen Oscar und sagt nun: „Mein privater Albtraum heute ist, dass ich nie Nero gespielt habe, sondern George W. Bush.“

Und alle lachen. Kurz nur, weil es eigentlich nicht lustig ist, sondern Humor von der bissigen Sorte. Und plötzlich ist es Sir Peter bitterernst. „Amerika ist die Gefahr für den Weltfrieden“, sagt er erschrocken und zitiert Nelson Mandela. „Verstehen“, sagt er, „begreifen“ kann auch er diesen unbedingten Willen zum Krieg gegen den Irak nicht, wie ihn Bush und Blair betreiben. Blair habe ihn schrecklich enttäuscht. Und Bush? „Bush will Familien-Geschichte schreiben. Vielleicht denkt er, sein Vater war damals zu alt, um Saddam Hussein zu beseitigen.“

Bush dumm oder töricht zu nennen, dazu lässt sich ein Ustinov nicht hinreißen. Das muss dann schon die Verwandlung in einen hässlichen Amerikaner leisten, einen Amerikaner, der in texanischem Slang seine hemdsärmelige Weltsicht unters Soldatenvolk streut. „Und da brüllen sie dann wie einst in Nürnberg“, sagt Ustinov. Und schon wird aus dem nüchternen Konferenzsaal eine kleine Bühne, auf der ein bitterböses Stück gespielt wird. Es fallen Vergleiche mit Goebbels und seinem Propagandaministerium, untermalt von vielsagenden Grimassen, wenn Ustinov von den Lügen dieser Vor-Kriegs-Zeiten spricht. Bewusst politisch unkorrekt. „Ich bin kein Politiker. Ich muss nicht immer Recht behalten“, sagt er und rückt seine Empörung ins rechte Licht.

„Aber ich mache mir Sorgen“, gesteht dieser so weise wirkende [auf wen? auf Dikigoros wirkt er eher so verkalkt wie vertrottelt; weiße Haare machen noch nicht weise!] alte Mann, der so viele Kriege in diesem Jahrhundert leidvoll miterlebte. „Imperialismus gehört doch nicht mehr in unsere Epoche. Ich verstehe nicht, warum die einzig verbliebene Weltmacht sich auch noch ausweiten muss.“ Sagt es und findet die Entwicklung sehr römisch. Dabei fällt ihm ein, dass die Amerikaner wohl deshalb die besten Filme über die Römer gedreht haben könnten, weil sie diesen so ähnlich sind.

„Gehen Sie mal in Hollywood in eine Bank und wollen 100 Dollar abheben. Sie werden hinausgeworfen. [Ist Dikigoros noch nie passiert.] Verlangen Sie zwei Millionen und Sie werden vom Direktor empfangen“, sagt er amüsiert. [Schade, das auch nicht - Dikigoros hätte es wohl mal versuchen sollen...] „Man führt Sie vorbei an protzigen Kolonaden [die schreiben sich richtig "Kolonnaden", Anm. Dikigoros], Flaggen und Fahnen, Stuck und schlechten Porträts von früheren Direktoren, und der Chef schlägt ihnen vor, das Geschäft am Pool zu besprechen.“ Ustinov: „Die Idee ist doch sehr römisch.“ Ein Vergleich, möchte man meinen, der Amerika wenig gute Aussichten beschert. [Wieso? Rom ist damit immer gut gefahren - bis dort der Pazifismus ausbrach, Anm. Dikigoros]

Ustinov hat stets darauf bestanden, ein Optimist zu sein. „Ja, auch heute noch“, sagt er. „Es gibt keine Alternative dazu, wenn man überleben will.“ Fasziniert ist er von der weltweiten Antikriegsstimmung der Menschen, die zu Millionen auf die Straßen gehen. „Zum ersten Mal in der Geschichte“, findet er, „sind die Menschen vom Instinkt her weiter als ihre Politiker.“ Gerade auch die Deutschen wüssten eben, wie die Russen, was Krieg bedeute. „Die menschliche Natur spürt, das Schiff hängt auf der falschen Seite. Da ist es die natürliche Reaktion, auf die andere Seite zu springen.“

Manchmal müssten die Menschen den Politikern und der Staatsmacht eben zeigen, was vernünftiger sei. Und er erinnert an Spanien zur Zeit des Faschismus, als es selbst spanischen Männern nicht erlaubt war, mit nacktem Oberkörper an den Strand zu gehen. [Wie fast überall auf der Welt, Anm. Dikigoros] „Und dann kamen Tausende von deutschen [zunächst einmal zigtausende von englischen, Anm. Dikigoros] Touristen und stürzten sich in Bikinis und Strings [der String-Tanga wurde erst lange nach Francos Tod erfunden, in Brasilien, Anm. Dikigoros] in die Fluten. Was sollte die Guardia Civil tun? Sie alle erschießen? “ Klugerweise seien sie dann hinter dem Strand auf die Jagd nach Parksündern gegangen. „Das war der Sieg des Tourismus über den Faschismus.“

Optimismus ist es auch, was ihn stets neben Schauspielerei, Regie und Schreiben an seinem Engagement für Unicef und die Arbeit für die Not leidenden Kinder festhalten ließ. „Sie sind die Zukunft der Welt“, sagt er und betont ausdrücklich, dass dies zwar eine Plattitüde aber die Wahrheit sei. [Das schreibt sich richtig "Platitüde", und dahinter fehlt ein Komma, Anm. Dikigoros]

Und dann bellt er doch noch zu guter Letzt - wie erstmals in dem 1957 gedrehten Film „Der Hund, der Herr Bozzi hieß“. Generationen deutscher Kinder haben dieses wunderbare Märchen vom bösen Rechtsanwalt Bozzi gesehen, der in einen grimmigen Bernhardiner verwandelt wurde und nur von einem Kind, das ihn liebte, gerettet werden konnte. Und seitdem bellt dieser Ustinov. „Heute für Unicef“, sagt er und freut sich über seine letzte Geschichte an diesem Tag, in dieser Umgebung. Denn weil er bei seinen Auftritten vor den Kindern dieser Welt nicht sprachlos bleiben wolle („Suaheli und Thai kann ich nun einmal nicht“), belle und knurre er. „Und am Ende finde ich mich auf dem Boden wieder und acht Kinder auf meinem Rücken.“ Doch was noch viel schlimmer sei: „Nach zwei Stunden ist die Schlange derjenigen, die aufsitzen wollen, noch immer elend lang."


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