OTTO "TULL" HARDER

(25.11.1892 - 4.3.1956)

von Ingo Kapteinat

(Supporters News Nr. 23 von 12/99)

[Otto 'Tull' Harder]

(mit einer Nachbemerkung von N. Dikigoros)

Zu einer Zeit, zu der der größte HSV-Stürmer aller Zeiten (Uwe Seeler) noch gar nicht geboren war, da spielte ein Mann beim HSV, der sicher zu den Größen unseres Vereins gehörte und maßgeblichen Anteil an den ersten 3 (2) Meisterschaften des HSV gehabt hat. Sein Name wird auf immer mit unserem Verein verschweißt sein - Otto "Tull" Harder!

Mancher der ehrenwerten Leserschaft mag sich vielleicht fragen, warum über einen Spieler des HSV, der schon längst verstorben ist, an dieser Stelle geschrieben wird. Und vielleicht interessiert sich auch nicht jeder dafür!?

Aber, man sollte sich der Tradition "seines" Vereines bewusst sein und diese auch nicht vergessen!

In Braunschweig geboren, begann seine Karriere bei Hohenzollern Braunschweig, bevor er im Alter von 17 Jahren für Eintracht Braunschweig spielte. Dort machte er sich als schussgewaltiger Spieler einen Namen.

Am 01.01.1912 kehrte er seiner Heimatstadt den Rücken und wechselte zum Hamburger FC 88 (einer der 3 Gründerklubs des Hamburger-Sport-Vereins).

Interessant ist, dass Spieler wohl schon zu dieser Zeit zu Vereinen "gelockt" wurden. Harder wurde damals eine Versicherungsagentur zu eigen, was in der Presse für einigen Wirbel gesorgt haben muss.

Erst ab 1914 spielte Harder für seinen neuen Klub.

Mit der Gründung des HSV im Jahr 1919 begann für Harder ein erfolgreiches Jahrzehnt. Dreimal wurde er mit dem HSV Meister (1922, 1923, 1928), und im Jahre 1927 gelang das Double: Norddeutscher Meister sowie Norddeutscher Pokalsieger.

Otto Harder war bei 1,90 m Größe ein sehr bulliger Typ, dem es aufgrund seiner Größe leicht gelang, sich durch die gegnerischen Abwehrreihen zu "tanken". Er ist von der Statur her mit einem Spieler wie Horst Hrubesch zu vergleichen. Seinen Spitznamen "Tull" bekam er schon zu seiner Zeit in Braunschweig von einem englischen Mittelstürmer der seinerzeit dieselbe Spielweise praktizierte. Harder schoss Tore mit links und rechts, räumte mit seinem Möbelpackerkreuz die Gegner aus dem Weg. Seine besondere Stärke aber war das Kopfballspiel (daher auch der Vergleich mit Hrubesch). Eine Tageszeitung der Hauptstadt Berlin titelte einmal über Harder: "Der Leben gewordene Torschuß".

"Tull" Harder gefiel diese Schlagzeile - er hatte keine Probleme damit, wenn im Zusammenhang mit seiner Person übertrieben wurde. Auch liebte er den Rummel um seine Person. So genoss er Menschenaufläufe und hielt auch schon mal eine öffentliche Rede vom Dach eines Eisenbahnwaggons. Zuhörer fand er dabei ohne Probleme. In Hamburg genoss er hohes Ansehen in der Gesellschaft.

Selbst ein [Stumm-]Film wurde 1927 über Harder gedreht. Titel von der Olympia-Filmgesellschaft: "Der König der Mittelstürmer". Eine Firma vertrieb eine Tull Harder Zigarette. Den Packungen lagen Bilder des Stürmers bei und die Werbung befahl: "Sportler, raucht die neue Tull Harder-Zigarette."

Harder stellte in punkto Toren einen Rekord auf, der vielleicht für die Ewigkeit Bestand haben wird. In einem Pflichtspiel gegen Wandsbek 81 schoss er nicht weniger als 12 Tore (Endergebnis 18:5).

Für den HSV (bzw. den Hamburger FC) ging er insgesamt 19 (!) Jahre auf Torejagd und wurde 1914 im letzten Länderspiel vor dem ersten Weltkrieg als Spieler des Hamburger FC in die Nationalelf berufen. Das Spiel Reichsadler 15 mal (14 Treffer) auf der Brust.

Alle absolvierten Länderspiele Harders (in Klammern erzielte Tore):

1914   vs Holland           4:4         (1)

1920   vs Schweiz         4:1

        
vs Österreich       2:3

        
vs Ungarn           1:0

1923   vs Norwegen       1:0         (1)

1924   vs Schweiz         1:1         (1)

         vs Norwegen        2:0

        
vs Ungarn            1:4        (1)

         vs Holland           1:2

         vs Schweden       1:4        (1)

1925   vs Schweiz         4:1         (3)

1926   vs Holland           4:2        (2)

         vs Schweiz          2:3

         vs Holland           3:2        (1)

    
     vs Schweden       3:3        (3)

In den glorreichen 20er Jahren unseres Vereins spielten noch 5 weitere HSVer für die deutsche Nationalelf: Albert Beier (11 Spiele), Friedrich Blunk (1), Franz Horn (3), Hans Lang (8 von 10 Spielen in seiner HSV-Karriere), Walter Risse (3).

Vielleicht kommt diese Zeit mal wieder....

Insgesamt spielte Harder 17 Jahre für den HSV und auf Anhieb fallen einem nur sehr wenige Spieler ein (z.B. Uwe Seeler - 18 Jahre, Horst Schnoor - 14 Jahre), die unserem Verein über einen ähnlich langen Zeitraum treu geblieben sind (für die es auch eine Ehre bedeutete, für unseren HSV spielen zu dürfen).

In der heutigen Zeit, wo Spieler oft ein Dollarzeichen statt eines Herzens in der linken Brusthälfte zu haben scheinen, kann man eine solche Vereinstreue wohl nicht mehr erwarten - oder glaubt Ihr, daß Hans-Jörg Butt noch mit Ende 30 bei uns spielt?

Als Harder seine Zeit beim HSV beendete, zählte er schon 39 Lenze und spielte bei keinem weiteren Verein.


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