Theater ist schwerer, als man denkt

von Georg Kreisler

(CAMPO de Criptana, Heft 3 - IV Quartal 2003)

[Anmerkungen und Links von N. Dikigoros]

Manchmal muss man auch das Unvermeidliche, das Hartnäckige bekämpfen. Elias Canetti wollte den Tod abschaffen. Attac wehrt sich gegen die Globalisierung. Und ich kämpfe gegen das sogenannte Regietheater. Natürlich wird die Globalisierung, also das kapitalistische System, eines Tages verschwinden, und die Leute von Attac werden sich vielleicht einreden, dass sie mitgeholfen haben. Es wird ganz sicher wesentlich länger dauern, bis der Tod verschwindet, und ganz verschwinden dürfte er nie, höchstens das Sterben wird sich ändern - immerhin! [Aber bestimmt nicht zum Besseren, Anm. Dikigoros]

Was das Regietheater betrifft, so ist es ohne Zweifel eine der miesesten Mode-Erscheinungen, die schon viel zu lange dauern, und wie alle Mode-Erscheinungen wird auch diese eines Tages umkippen, ob ich nun dagegen wüte oder nicht. Nur: Wie soll man mit halbwegs gutem Gewissen leben, wenn man Ungerechtigkeiten einfach hinnimmt und sie für unvermeidlich erklärt? Das können nur Politiker. Politiker wehren sich gegen das Volk, sonst gegen nichts.

Nun war es ja bisher meistens so, dass die ältere Generation Kriege, Wirtschaftskrisen und dergleichen anzettelte und dadurch der jüngeren Generation das Leben erschwerte. Was aber das Regietheater betrifft, ist es umgekehrt. Hier macht die jüngere Generation ihrer eigenen jüngeren Generation das Leben schwer.

Die ältere Generation hat sich zu einem großen Teil das Theater einfach abgewöhnt. Das erschwert ihr Leben nicht. Es macht sie zwar ärmer, aber es gibt Ersatz, es ist erträglich. Und es gibt auch ältere Jungregisseure, die die Dummheiten der jüngeren mitmachen. Wohin das führt, sieht man, zum Beispiel, am letzten Interview des Peter Zadek, in dem er den Zweiten Weltkrieg für überflüssig erklärt. Man hätte mit Hitler auch verhandeln können, meinte er. So ähnlich verfährt das Regietheater: Man hätte Shakespeare auch anders schreiben können.

Man missverstehe mich nicht! Nichts gegen modernes Theater, das von modernen, also zeitgenössischen Autoren geschrieben wird! Sie sollen, sie können, sie müssen ein neues Theater schaffen, das unserer Zeit entspricht. Und sie sollen, sie müssen aufgeführt werden. Aber die Jungregisseure schaffen ja nichts Neues. Sie zerstören nur. Sie nehmen ein fertiges Stück, womöglich eines, das sich hundert Jahre oder länger bewährt hat, und zerstören es. Sie zerstören es für ihre eigene Generation, das ist vielleicht das Schlimmste. Sie gestatten einem jungen Menschen nicht mehr, Goethe, Schiller, Shakespeare, Ibsen zu erleben. Sie gestatten ihnen nicht mehr zu erleben, was Mozart, Verdi, Beethoven vertonten.

Auch der mir persönlich unsympathische, weil deutschtümelnde Richard Wagner wird, ohne mit der Wimper zu zucken, in ein Umfeld verlegt, in das seine Musik schon gar nicht passt. In der Oper ist diese Methode vielleicht am auffälligsten, denn die Musik bleibt ja, nur der Komponist wird mit Füßen getreten, kaputt gemacht, eine Dummheit, ja ein kulturelles Vergehen ohnegleichen.

Mozarts Musik zur „Entführung aus dem Serail“, die in unzähligen kleinen Facetten den Kulturkampf zwischen Orient und Okzident aufzeigt - ein Thema, das doch gerade heute hochaktuell ist - wird missbraucht, um bei den Salzburger Festspielen (das auch noch!) ein ziemlich schlechtes Revuetheater auf die Bühne zu stellen, das mit obigem brandaktuellen Thema nichts mehr zu tun hat.

Die Amerikaner, die im allgemeinen hervorragendes Revuetheater machen, hätten sich das nicht getraut. Die hätten zu viel Respekt vor Mozart. Überhaupt wird Respektlosigkeit gerne mit Modernität verwechselt. Verdi hat nicht gewusst, warum er Shakespeares „Falstaff“ vertonte, aber ich weiß es, sagt der deutsche Jungregisseur und verlegt das Stück in ein modernes Altersheim, wo dann weder der Text noch die Musik stimmen. [Wohl wahr - dabei ist die Idee dahinter sowohl originell als auch aktuell. Der Ärger ist nur, daß sich offenbar kein "Moderner" bemüßt fühlt, ein eigenes, neues Theaterstück bzw. eine eigene, neue Oper zu diesem Thema auf die Bühne zu bringen, bei dem dann sowohl der Text als auch die Musik stimmen könnten, Anm. Dikigoros] Mozart und Beaumarchais haben nicht gewusst, warum sie im „Figaro“ die Herrschaft des Adels anprangerten, aber ich weiß es, sagt der Altjungregisseur Marthaler und verlegt das Ganze in ein Standesamt ohne Adel, ohne Bürger, nur mit Klamotte. Sie trauen also ihrer eigenen Generation nicht zu, aus den Klassikern ihre Schlüsse zu ziehen, lieber machen sie belangloses Kabarett, das man gequält belachen und sofort wieder vergessen kann.

Ich bringe hier Beispiele aus der Oper, aber es ist im Sprechtheater kein bisschen anders. Die junge Generation wird um Schlüsselerlebnisse betrogen, mit der Ausrede, dass alles andere veraltet wäre. Seltsamerweise sind Mozarts Symphonien nicht veraltet, sie werden so gespielt, wie er sie geschrieben hat, seltsamerweise „modernisiert“ niemand Picasso oder Michelangelo oder Tolstoj, Heinreich Heine wird nicht umgeschrieben, Beethoven nicht verjazzt, Rembrandt nicht verkehrt aufgehängt oder teilweise übermalt.

Nur das Theater glaubt zu verbessern, indem man die Autoren frikassiert und durch stupide (und meist teure) Regie-Einfälle ersetzt. Und noch seltsamer ist es, dass kaum jemand aufmuckt. [Was immer man von Kreisler - der Dikigoros aus vielerlei Gründen persönlich unsympathisch ist - halten mag: den Mut aufzumucken hatte er!] Die Kritiker, deren vorrangige Aufgabe das wäre, scheinen schreckliche Angst zu haben, als unmodern zu gelten. Immer wieder kann man zwischen den Zeilen lesen, dass es einem unserer an und für sich unmaßgeblichen Kritiker nicht gefallen hat und dass er trotzdem alles lobt. Meistens erfindet er dann irgendeine verquaste Theorie und will uns einreden, dass seine Theorie auch dem betreffenden Jungregisseur vorgeschwebt hat. Denn irgendeinen Grund muss er ja finden, warum er die ihm missfallenden Inszenierungen trotzdem für legitim hält.

Für die jüngere Generation ist das Theater nun einfach uninteressant geworden, sie orientieren sich an Besserem. Dabei gibt es keinen Grund, warum sie keine begeisterten Theaterbesucher sein sollten, wie es bei früheren Generationen der Fall war, außer eben, dass ihnen das heutige Theater nichts sagt. Das ist nicht ihre Schuld, sondern einzig und allein die Schuld des Regietheaters, das am Anspruch der Jugend scheitert.

Der älteren Generation, wie wahrscheinlich auch mir nach diesem Artikel, wird einfach vorgeworfen, dass sie die heutige Zeit nicht versteht, ein Vorwurf, der an der Sache vorbeigeht. Kunst, die nicht verstanden wird, hat ihren Zweck verfehlt! Und gerade das Theater hat die Aufgabe, vom Publikum verstanden zu werden und den Menschen beim Denken zu helfen, egal wie alt sie sind.

Und natürlich kann man Theater oder Oper nicht mehr so spielen, wie man sie vor fünfzig Jahren gespielt hat. Auch ich sehne mich nicht nach altmodischem Theater. Aber modernisieren heißt nicht zertrampeln. Modernisieren, um es hier kurz zu sagen, bedeutet, das Alte so zu spielen, dass es dem Publikum wie neu vorkommt.

Dass das deutsche Theater an Publikumsschwund leidet, ist ein Hoffnungsstrahl, dass daraus Konsequenzen gezogen werden müssten, leider noch keine Selbstverständlichkeit. Nach wie vor gehen Kulturpolitiker, Intendanten und Kritiker den dilettantischen Jung- oder auch Altregisseuren auf den angenehmen Leim. Die Subventionen fließen weiter, und nicht mal der greise Wolfgang Wagner gibt ihnen zu denken, wenn er versucht, sich anzupassen. Ich und andere warten auf Irgendwann.


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