SPARSAM UND GEIZIG . . .

Kein Tauwetter in Sachen Liebe

Zwischen Mann und Frau geht immer noch
ein eiserner Vorhang durch Europa.

von Boris Reitschuster (Moskau, 19.07.2005)

Das vereinte Europa ist eine Illusion - zumindest in einem Bereich. 16 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer sind sich zwar die Menschen im ehemaligen Ostblock und im einst „kapitalistischen Ausland“ näher gekommen. Doch an einer Front fehlt es immer noch an Entspannung: zwischen den Geschlechtern in Ost und West. Ob Frau/Ost nun ganz westorientiert den Mann/Ost für einen verwöhnten Pascha hält, oder, im Gegenteil, ganz patriotisch im Mann/West ein nutzloses Weichei sieht: Die Positionen an der Liebesfront scheinen verhärteter und die Vorurteile tiefer als geglaubt.

Hiebe statt Gericht

Im grenzüberschreitenden Verkehr geht der Geschmack der Russinnen diametral auseinander: Die einen finden Männer/West unromantisch und staubtrocken, andere offenherziger und aufmerksam. Die Wessis seien Opfer der Emanzipation, echte Männer seien nur in Russland zu finden, hält die maskuline Hälfte des Landes im Internet dagegen: Kerle, die im Notfall dem Nebenbuhler „eins auf die Fresse geben ohne zum Richter zu rennen“, auf einen „Ehevertrag pfeifen“, im „Restaurant für beide bezahlen“ und „nicht sparen“.

Sehnsüchtiger Wunsch

Im „Runet“, wie die Russen ihren Teil des Internets nennen, ist eine heftige Diskussion über die internationalen Beziehungen der Geschlechter entbrannt – ausgelöst ausgerechnet durch die Übersetzung eines Artikels in FOCUS Online – „Hilfeschrei nach echten Männern": Die Geschichte der jungen Russin Dascha, die immer von einem ausländischen Mann träumte – und jetzt, nachdem ihr sehnsüchtiger Wunsch in Erfüllung gegangen ist, klagt, Mann (West) sei verweichlicht und kein echter Mann.

„Sparsam und geizig“

Kritische Stimmen über die deutschen Männer kamen vor allem per E-Mail bei FOCUS Online an: „Sie sind geizig und trocken, was die Gefühle angeht, sie zeigen ihre Emotionen kaum, sie verstehen es nicht, die Frauen mit Aufmerksamkeit zu verwöhnen“, klagt eine junge Russin, die in Bayern ihre bessere Hälfte gefunden hat: „Die Deutschen sind berechnend und sehr sparsam, oft auch geizig. Sie sind egoistischer als russische Männer, denken vor allem an sich und ihren eigenen Vorteil“. Dennoch habe der Mann/West auch Vorzüge – wie Genauigkeit und Zielstrebigkeit.

Romantiker meist hässlich

„Langeweiler, Workaholicer, Neurotiker und Geizkragen“ gebe es zuhauf in Deutschland, schreibt auch eine junge Petersburgerin aus einer deutschen Großstadt, wo sie als Austauschstudentin lebt: „Als Frau will ich Romantik, Blumen, Anrufe, Überraschungen, dass der Mann um mich wirbt. Aber die Männer sind faul geworden in dieser Hinsicht - überall.“ Wenn sich ein formvollendeter romantischer Kavalier finde, sei der meistens hässlich, so die Studentin: „Und wer nicht hässlich ist, ist meistens zu verwöhnt von weiblicher Aufmerksamkeit.“

„Glaubt niemand, liebe Frauen!“

„Ihr seid verrückt! Ist ein echter Mann der, der mit der Faust auf den Tisch haut und für nichts in der Welt Geschirr spült? Ich bin seit drei Jahren mit einem Deutschen verheiratet und sehr glücklich“, hält die russische Ärztin Natali auf einem Diskussionsforum im Internet dagegen: „Glaubt niemandem, liebe Frauen: Im Ausland, etwa in Deutschland, gibt es sehr viele gute Männer, es fehlt dagegen an Frauen, vor allem an so schönen und ordentlichen wie Russinnen.“

Flügel an der Liebesfront

Ungerecht seien die Vorwürfe gegen die stärkere Hälfte der Deutschen, so auch die für alle Germanen tröstliche Stimme einer anderen Gaststudentin: „Sie sind auch nur Männer, mit allen üblichen männlichen Fehlern, und dazu kommt ihre Mentalität, die für uns Russinnen fremd ist“. Mit ihrer Kritik wollten ihre Landsfrauen nur von ihren eigenen Fehlern ablenken: „Russischen Schönheiten wachsen Flügel von ihrem Erfolg an der Liebesfront im Ausland, sie glauben dann in ihrer Naivität, die Welt läge ihnen zu Füßen.“

Rückständige Russen

Die russischen Männer seien etwas rückständig – mit diesen Worten schießt eine Moskauer Journalistik-Studentin den Ball in den maskulinen Strafraum in der eigenen Spielfeld-Hälfte zurück: „Unsere Frauen leiden seit jeher unter fehlender Aufmerksamkeit, die Männer nutzen sie nur aus. Unsere Mannsbilder glauben, eine Frau müsse man nur einmal auf Händen tragen – zur Hochzeit. Danach läuft sie nicht mehr weg.“ Der Mann/West wiederum tue sich schwer mit der Romantik, weil ihn die Emanzipation verdorben habe.

Weibliche West-Männer

Tatsächlich heißt es in vielen Kommentaren im Internet, dass die Emanzipation die westlichen Männer in die Arme der Russinnen treibe: Während die deutschen Frauen nur noch an Gleichberechtigung dächten, seien ihre russischen Geschlechtsgenossinnen ein Inbegriff der Weiblichkeit, schreibt etwa ein anonymer Leser: „Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Deutschland verwischen immer mehr, vor allem bei den Jungen.“

Hexen gegen Menschenrechtler

Mancher Russe verabschiedet seine Landsfrauen gar mir einem Nachtreten. „Früher ärgerte mich, dass so viele Russinnen in den Westen ausreisen, heute freut es mich“, schreibt ein russischer Leser mit dem Nicknamen „voodoo“: „Normal reisen sie aus, um zu parasitisieren. Ein normales Eheleben ist mit solchen Frauen kaum möglich. Die Westler schicken uns Menschenrechtler, wir ihnen unsere Hexen. Die naiven Deutschen kapieren nicht, dass ihnen so eine Frau zehn Jahre ihres Lebens kostet.“

Eheglück mit holprigem Englisch

Solche Vorwürfe seien ungerecht, hält eine Russin mit dem Kosenamen Ol dagegen: „Es ist nicht so, dass alle russischen Frauen nur vom Westen träumen. Auch dort ist der Tee nicht süß. Aber in Russland hat eine Frau mit 26 oder 28 so gut wie keine Chancen mehr, ihre bessere Hälfte zu finden“, schreibt Ol: „Im Westen gibt es einfach mehr Männer. Viele Russinnen würden mit ihren ausländischen Männern lieber zuhause in Russland leben, aber die wollen nicht.“ Vor allem diejenigen, die zuhause Probleme haben, suchten ihr Glück in der Fremde, hält ein Russe dagegen: „Und wie soll man eine gemeinsame Sprache finden mit holprigem Englisch?“

Frauen wollen Tannen ohne Nadeln

Und die Moral der Geschichte? Wenn es eine gibt, dann kommt sie ausgerechnet aus Baden-Württemberg, in bestem Deutsch – von einer jungen Russin. Wenn es um die große Liebe geht, wollen ihre Landsfrauen wie in einem alten russischen Sprichwort „auf die Tanne klettern und nicht gepiekst werden“, schreibt die junge Frau, die mit einem Deutschen verheiratet ist: Die russischen Frauen dürften sich nicht beklagen. Wenn sie westliche Lebensstandards wollten, müssten sie auch mit den Konsequenzen rechnen: „Die für Russen üblichen und als richtig empfundenen geschlechtlichen Verhaltensregeln sind im Westen obsolet geworden, so die junge Russin: „Aber die Frauen wollen Emanzipation UND männliche Galanterie.“


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