Jürgen Schneider

(30.4.1934 - x.y.202z)

[Jürgen Schneider]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1934
30. April: Utz Jürgen Schneider wird als Sohn des Bauunternehmers Richard Schneider in Frankfurt/Main geboren, wo er auch die Schule besucht.

1963
Nach einer Maurerlehre und ausgiebigen Studien an der TH Darmstadt (Abschluß: Dipl.-Ingenieur Bauwesen) und der Universität Graz (Abschluß: Dr. Graz* rer. pol. [Volkswirtschaft]) tritt Schneider in die Baufirma seines Vaters ein.

1964
Schneider heiratet Claudia, geb. Granzow.

1981/82
Schneider verläßt die Firma seines Vaters und macht sich als Bauunternehmer selbständig.
Sein Geschäftsmodell: Potentiell gute, aber im Laufe der Jahre herunter gekommene Immobilien ankaufen, luxus-sanieren und mit Gewinn weiter verkaufen, hilfsweise lukrativ vermieten.
Die dafür notwendigen Kredite gewährt man ihm ohne weiteres, da er und seine Frau als Gesellschaft bürgerlichen Rechts auftreten, d.h. als persönlich unbegrenzt haftende Gesellschafter - ein positive Ausnahme unter den zunehmend unseriösen Konkurrenz-Unternehmen, die als Kapitalgesellschaften mit beschränkter Haftung agieren.**
(Daß er sich dabei schon mal etwas zu seinen Gunsten "verrechnet" - z.B. bei den Quadratmetern seiner Immobilien oder den Mieteinnahmen - gilt als branchenüblich und wird, solange es gut geht, von niemandem moniert, geschweige denn mit Kreditentzug sanktioniert; man geht stillschweigend davon aus, daß so etwas nie vorsätzlich geschieht. Auch daß es Banken nicht so genau nehmen mit der zulässigen Beleihungsobergrenze von 60% des vermeintlichen Wertes einer Immobilie - wer will den schon zuverlässig schätzen? - ist inzwischen fast "normal" :-)
Zu Schneiders bekanntesten Objekten in seiner Heimatstadt zählen die Zeil-Galerie und der Frankfurter Hof - das erste Hotel am Ort.

[Zeil-Galerie, Frankfurt/M.] [Hotel Frankfurter Hof]

Insbesondere der Verkauf des letzteren an einen japanischen Investor mit einem neunstelligen Gewinn (in DM, nicht in Yen :-) läßt vorerst alle Kritiker an Schneiders Geschäftsmodell verstummen.

1987
In München erwirbt Schneider das Palais Bernheimer am Lenbachplatz und läßt es ebenfalls luxus-sanieren.
Dies erweist sich als große Fehlspekulation, was allerdings nicht allein Schneiders Schuld ist, sondern auch und vor allem die der Denkmalschutz-Behörde, deren Auflagen die Renovierungsarbeiten übermäßig verteuern.

[Palais Bernheimer, München]

1989/90
Der den tumpen Untertanen als "deutsche Wiedervereinigung" verkaufte Zusammenschluß von BRD und DDR zur BRDDR erfolgt durch Politiker-Verschulden unter denkbar ungünstigen Voraussetzungen. Gleichwohl steigen die wirtschaftlichen Erwartungen ins Unermeßliche. Insbesondere auf dem Immobilienmarkt rechnen nicht nur Schneider und seine Geldgeber, sondern alle Keksperten und Auguren fest mit einem kometenhaften, lang anhaltenden "Aufschwung Ost" in den "neuen Bundesländern", vor allem in den "Top-Lagen" von [Ost-]Berlin, Leipzig und Dresden.
Bankiers Bank[st]er und Baulöwen Bauunternehmer (und Politverbrecher Politiker :-) schauen lieber in die vermeintlich goldene Zukunft als in die vermeintlich düstere Vergangenheit. (Aber auch viele Historiker beschäftigen sich ja lieber mit Politik- und Kriegs- als mit Wirtschafts- und Sozial-Geschichte. Deshalb konnte Dikigoros diese Zwischenbemerkung nicht mit dem Satz einleiten: "Ein Blick in die Geschichtsbücher hätte gezeigt...") Schon die als "Wiedervereinigung Deutschlands" verkaufte Reichsgründung von 1870/71 - in Wahrheit eine Zerschlagung des Deutschen Bundes durch Amputation seiner wichtigen Glieder Österreich, Böhmen und Mähren - hatte zum "Gründerzeit-Boom" geführt. (Allen, die durch die Lektüre dieses Links neugierig geworden sein sollten, empfiehlt Dikigoros zur Vertiefung eine Beschäftigung mit Schneiders geistigem Urgroßvater Heinrich Quistorp.) Dieser platzte nach wenigen Jahren genauso wie die Immobilienblase in der Ex-DDR 120 Jahre später - dies, obwohl Reichskanzler Otto v. Bismarck vielleicht nicht ganz so unfähig war wie Bundeskanzler Helmut Kohl.
Schneider entscheidet sich für ein schwerpunktmäßiges Engagement in Leipzig (Mädler-Passage, Barthels Hof u.a.) und nimmt dafür beträchtliche Kredite auf. (Angeblich wird er zu Deutschlands größtem Schuldner.)

[Schneider in der Leipziger Mädlerpassage] [Die Mädlerpassage in Leipzig. Links 'Auerbachs Keller'] [Barthels Hof in Leipzig]

Dikigoros kannte sich damals in Leipzig recht gut aus, und auch er fand Schneiders Bauwerke optisch sehr ansprechend. Vom Umfang der dafür aufgewendeten Mittel ahnte er allerdings nichts; und es kommt halt nicht darauf an, ob solche Objekte dem Betrachter gefallen, sondern ob sie sich amortisieren. (Wobei die Frage bleibt: Ist es billig und gerecht, wenn sich alle Beteiligten in ihren [Fehl-]Prognosen einig sind, die Schuld im Nachhinein auf einzelne zu schieben?)
Unter den Linden in [Ost-]Berlin erwirbt Schneider die französische Botschaft in der DDR, die nun nicht mehr als solche benötigt wird.

[Ambassade Unter den Linden, Berlin]

Auch hier machen überzogene Auflagen der Denkmalschutz-Behörde eine rentable Sanierung unmöglich. Dies ist umso pikanter, als die dem Land Berlin gehörende Bankgesellschaft Berlin Schneider dafür einen Kredit in neustelliger Höhe gewährt hat, der mehr als 50% über dem Kaufpreis liegt, den Schneider selber aufgewendet hatte, also das Hauptrisiko trägt. (Der Steuerzahler hat's ja :-)

1991
Auch im Westen ist Schneider weiter aktiv: In Hamburg erwirbt er das "Fahninghaus", in Wiesbaden das "Grand Hotel Rose".***

[Fahninghaus, Hamburg] [Grand Hotel Rose, Wiesbaden]

1994
Februar: In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung [FAZ] - die damals noch als seriöses Blatt gilt - erscheint ein Artikel, der Schneiders Zahlungsfähigkeit anzweifelt und einschlägt wie eine Bombe.
März: Das Ehepaar Schneider verläßt Deutschland fluchtartig.
April: Das Amtsgericht Königstein eröffnet ein Konkursverfahren über Schneiders GbR.
Mai: Auf einer Pressekonferenz sichert der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, den an Schneiders Objekten tätigen Handwerkern zu, ihre offenen Forderungen begleichen zu wollen - das seien für sein Haus lediglich "Peanuts [Erdnüsse]". Die Medien entfachen ob dieser "skandalösen Aussage" einen Scheißsturm Shitstorm im Wasserglas.****

1995
Mai: Die mit internationalem Haftbefehl gesuchten Eheleute Schneider werden in Miami/Florida aufgespürt und festgenommen.


1996
Februar: Die Eheleute Schneider werden an die BRD ausgeliefert - entgegen der gängigen Praxis des Staates Florida, niemanden wegen bloßer Wirtschaftsdelikte ins Ausland abzuschieben.
Carlo Rola verfilmt Schneiders Lebensgeschichte satirisch unter dem Titel "Peanuts - die Bank zahlt alles", mit dem aus "Schtonk" - der satirischen Verfilmung der Lebensgeschichte von Konrad Kujau - bekannten Ulrich Mühe in der Hauptrolle. (Auch ein Drehort - Schloß Drachenburg bei Königswinter im Siebengebirge - ist der selbe; ob die Eheleute Schneider dies als Anregung aufgefaßt haben, später dorthin umzusiedeln, entzieht sich Dikigoros' Kenntnis :-)

[Schloß Drachenburg]

(Sowohl Schneider als auch einige Bankmanager - die als mehr oder weniger lächerliche Vollidioten dargestellt werden - scheitern mit dem Versuch, den Film wegen "Verletzung von Persönlichkeitsrechten" gerichtlich verbieten zu lassen. Die Namen der handelnden Personen mußten freilich geändert werden: So wurde z.B. Jürgen Schneider zu "Jochen Schuster" :-)

1997
Dezember: Schneider wird vom Landgericht Frankfurt wegen Betrugs, Krediterschleichung und Urkundenfälschung zu einer Gesamtstrafe von 6 Jahren und 9 Monaten Gefängnis verurteilt.

1999
Dezember: Schneider wird vorzeitig aus der Haft entlassen; seine Reststrafe wird zur Bewährung ausgesetzt.
Er veröffentlicht seine Memoiren unter dem Titel "Bekenntnisse eines Hochstaplers Baulöwen".


(2000 und 2001 folgen zwei weitere Bücher - "Alle meine Häuser" und "Top oder Flop" -, die allerdings kommerziell weniger erfolgreich sind.*****)

ab 2002
Schneider lebt offiziell von der Verwaltung des Vermögens seiner Ehefrau - die von der Justiz unbehelligt geblieben ist.

2008-2014
Die Justiz des Landes Nordrhein-Westfalen - wo Schneider jetzt lebt - gelangt zu der überzeugung, daß er in Hessen seinerzeit viel zu gut "weg gekommen" ist und versucht daher, ihm irgendwie ans Bein zu pinkeln irgendetwas neues anzuhängen. Sie glauben fündig geworden zu sein, als der Betreiber einer Spielbank (!) behauptet, e habe Schneider 67.000 Euro als "Sicherheit" für ein geplantes gemeinsames Investment in Millionenhöhe gezahlt - was Schneider auch von anderen potentiellen Investoren gefordert habe.
Das Landgericht Bonn entblödet sich nicht, die Anklage - die weder Hand noch Fuß hat - zuzulassen, stellt das Verfahren jedoch nach mehreren Jahren auf Steuerzahlerkosten Staatskosten ein, mit der hahnebüchenden Begründung, Schneider sei "verhandlungsunfähig".*****


*Die Universität Graz stand (und steht :-) in dem Ruf, daß einem dort der Dr.-Grad "nachgeworfen" wird, daher die scherzhafte Bezeichnung "Dr. Graz".

**Allerdings ist es eine laienhafte Vorstellung, man könne seine kriminellen Machenschaften hinter einer GmbH o.ä. "verstecken". Bei betrügerischem Bankrott u.a. Straftaten gibt es - jedenfalls nach deutschem Recht - eine so genannte "Durchgriffshaftung". Und bei einem "ehrlichen" Konkurs hilft es den Gläubigern auch nichts, wenn die Gesellschafter persönlich haften - wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren.
Angeblich warnte Schneiders Vater alle Banken davor, seinem Sohn Kredite zu gewähren. Das hält Dikigoros für etwa so glaubhaft wie die Behauptung mancher Historiker, daß Lenin auf dem Sterbebett seine Genossen davor warnte, Stalin zu seinem Nachfolger zu machen. (Warum? Weil sich beim Ableben Richard Schneiders heraus stellte, daß dieser seinen Sohn zum Alleinerben eingesetzt hatte - die Staatsanwaltschaft versuchte vergeblich, ihm ein Verfahren wegen Erbschaftssteuerhinterziehung anzuhängen.) Doch selbst wenn diese Gerüchte wahr wären, dann hätten die Warnungen jedenfalls keinen Erfolg gezeitigt.

***Zwei üble Fälle, deren [Vor-]Geschichte allerdings nichts mit Schneider zu tun hat, weshalb Dikigoros ihnen nur eine Fußnote widmet [...]

****Das war eine Frechheit und nicht so sehr ein Banken-, als vielmehr ein Medien-Skandal. Kopper war ein durchaus honoriger und kompetenter Mann - jedenfalls verglichen mit anderen Bank[st]ern im allgemeinen und einigen seiner Vorgänger und Nachfolger im besonderen. Die offenen Handwerker-Rechnungen beliefen sich insgesamt auf ca. 250 Millionen DM. Davon entfielen ca. 50 Millionen auf Objekte, welche die Deutsche Bank beliehen hatte. Verglichen mit den offenen Kreditforderungen der Banken (ca. 5,3 Milliarden DM, von denen in erster Linie die Deutsche Bank bzw. deren Tochter Centralbodenkredit betroffen war - angeblich mit rund 1,2 Milliarden DM) machten 50 Millionen DM nichtmal 1% aus, waren also tatsächlich "Peanuts". Überhaupt mußte kein einziger der betroffenen Handwerksbetriebe Insolvenz anmelden - auch durch Koppers Großzügigkeit, die ihm schlecht gedankt wurde.
Und wenn sie es doch gemußt hätten, dann wäre es überwiegend ihr eigenes Verschulden gewesen: Man hat im Nachhinein über "die dummen Banker" gespottet, die sich von Schneider aufs Kreuz legen ließen, ohne dessen Angaben "mal richtig zu überprüfen". Aber dazu ist ein Sesselpupser Kreditsachbearbeiter am Schreibtisch schwerlich in der Lage. Dagegen hätte es den Handwerkern vor Ort am ehesten auffallen können/sollen/müssen, wenn Schneider z.B. die Quadratmeter eines Gebäudes viel zu hoch ansetzte oder ganze Stockwerke dazu erfand!

*****Da Dikigoros oben etwas über die Haftungsfrage bei Personen- und Kapitalgesellschaften geschrieben hat, will er auch darüber noch ein paar Worte verlieren [...]

******Auch dazu nur eine Fußnote [...]


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