ROMULUS HAT GELEBT!

Der italienische Archäologe Andrea Carandini hat
die Gründungsgeschichte Roms neu geschrieben

von Birgit Kraatz (DIE ZEIT 27/1998)

Wie ein müder Feldherr nach der Schlacht lehnt Andrea Carandini lässig auf dem Diwan im Salon seiner prachtvollen Residenz auf dem Quirinal. Die Pose ist echt; das geschundene Kreuz des römischen Aristokraten ächzt nach der zehnjährigen Strapaze des "Feldzugs", der hinter ihm liegt. Dennoch strahlt Carandini. Sein 776seitiges Werk "La Nascita di Roma" ("Die Geburt Roms", Einaudi Verlag) liegt, in moosgrünem Leinen frisch gebunden, auf dem Tisch.

Es ist vollbracht. Roms Gründungsgeschichte ist umgeschrieben. Die Geburt der Ewigen Stadt und "mit ihr des ersten embryonalen Staates unserer Zivilisation" beginnt nun nicht mehr um 600 vor Christus, wie die moderne Geschichtswissenschaft annimmt, sondern eineinhalb Jahrhunderte früher. Damals wurden nach Carandinis Überzeugung dörfliche Siedlungen auf den Hügeln nahe der Tibermündung zu einer Stadt zusammengefaßt.

Carandini, der in der Vergangenheit durch Grabungen in Karthago, Ostia, in der Toskana und auf dem Forum in Rom von sich reden machte, hatte 1988 vom italienischen Kultusministerium den Auftrag erhalten, unweit der Maxentius-Basilika auf dem römischen Forum nach den aristokratischen Prachtvillen der späten Republik und der frühen Kaiserzeit zu graben. Der Archäologe vermutete sie auf der nördlichen Seite des Palatins. Die Gegend galt in den beiden Jahrhunderten vor Christus als das schicke Viertel der Stadt, in dem Prominente wie Cicero gerne residierten. Beim großen Stadtbrand im Jahr 64 nach Christus, als Nero regierte, wurden die Prachthäuser zerstört.

Die Helfer des Archäologen schaufelten sich auf dem Forum schichtweise durch Geschichte. Bevor sie zu den Resten der frühen Residenzen vorstießen, trafen sie zunächst auf ein mittelalterliches Dorf, später auf die Markthallen des Vespasian. Dann erst tauchten die Mauerreste der herrschaftlichen Bürgerhäuser aus den ersten beiden vorchristlichen Jahrhunderten auf.

Doch Carandini ließ weiter graben. "Meine Nase sagte mir, daß darunter noch ältere Häuser liegen mußten", erzählt er begeistert von dem Moment, als plötzlich in fünfzehn Meter Tiefe ein rötliches, klotziges Mauerwerk primitiver Bauart auftauchte, "mit dem wir zunächst gar nichts anzufangen wußten, weil die großen Quadersteine alle in eine Richtung liefen; sie konnten schon deshalb unmöglich zu einer neuen Häuserfront gehören."

Carandini nahm die neue Spur auf. Als fünfzehn Meter des Mauerrumpfes sowie der typische davor liegende Graben frei gelegt waren, gab es für ihn kaum noch Zweifel: "Ich war auf den palatinischen Mauerring aus dem 8. und 9. Jahrhundert vor Christus gestoßen, den Tacitus als pomerium erwähnt. Das war die erste Festungsmauer, mit der für mich die Gründung der Stadt und des Staates begann."

Fast alle Autoren des alten Rom, denen noch Schriften, Gemälde und Monumente zur Rekonstruktion der Frühgeschichte zur Verfügung gestanden hatten, erwähnen die Mauer als den Anfang Roms. Später ging man indes davon aus, daß es keine konkreten Spuren dieser Frühgeschichte mehr geben könne. Insbesondere die Geschichtswissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts war überzeugt, daß eine Rekonstruktion der Gründungsgeschichte Roms nicht gelingen könne, weil die Reste in Schutt und Asche verkommen seien.

Die Überlieferung gestatte es nicht, schrieb der deutsche Althistoriker Theodor Mommsen 1876 in seiner berühmten "Römischen Geschichte", "die äußeren Machtverhältnisse der einzelnen latinischen Gaue auch nur mit annähernder Genauigkeit zu erkennen". Vom Märchen der etruskischen Königssöhne Romulus und Remus müsse sich die Geschichte schnellstens frei machen, meinte er. Die Sage sei ein naiver "Versuch der ältesten Quasihistorie, die seltsame Entstehung Roms an der denkbar ungünstigen, weil sumpfigen und sandigen Stelle des Tibers zu erklären".

Andrea Carandini glaubt dagegen, dank seines Studiums latinischer Mythen und mit "mutiger, aber legitimer Phantasie" das Puzzle nun vollendet zu haben. "Warum sollten mythische Überlieferungen aus jener frühen Epoche, als Mythen die Realität bestimmten und Geschichte nichts als ihre Metapher war, nicht auch als Quellen für die Geschichtsschreibung nützlich sein?" fragte sich der Archäologe, als er Anfang der 1990er Jahre an die Auswertung und Interpretation seiner "sensationellen Grabung" (New York Times) ging.

Das Glück führte ihn auf eine weitere Spur. Mit der Festungsmauer war auf dem 10.000 m² großen Grabungsterrain auf der nördlichen Seite des römischen Forums auch ein befestigtes Stadttor freigelegt worden. Unter dessen Eingangsschwelle fand die dreißigköpfige Carandini-Crew die Grabaussteuer eines Mädchens. "Weil wir ihr Skelett nicht aufspüren konnten, wissen wir nicht sicher, ob eine junge Dame den Göttern geopfert wurde oder ob es sich um ein symbolisches Opfer handelte", erklärt der Archäologe.

"Sabus regierte die Sabiner und Romulus die Römer"

Das reich ornamentierte Portal und seine auffällige Position überzeugten den Römer davon, daß die Ureinwohner der Gründungsfestung und ihrem Portal "eine überragende kultische Bedeutung beimaßen". Als weiteres Indiz wertet Carandini die Tatsache, daß im Laufe von nahezu acht Jahrhunderten immer wieder Stadttore an derselben Stelle errichtet wurden. "Rom muß in jener Zeit eine Art verbotene Stadt gewesen sein: heiliges, politisches und militärisches Zentrum zugleich, in einem Moment, als der König in seinem Quartier alle Macht auf sich vereinte, während die Stämme vorher in totaler Autonomie lebten und es vorstaatliche Strukturen gar nicht gab", erklärt Carandini die synchronisierte "Geburt von Stadt und zentralisiertem Staat". Außerdem sei ein Volk oder eine Siedlung ohne einen Anführer in jener Zeit nicht denkbar: "Sabus regierte als erster die Sabiner, Siculus die Sikuler, Latinus die Latiner - und Romulus die Römer."

Mit dem neuen Konzept galt es nun, die Mentalität, das Seelenleben der Latiner aus ihren Sagen zu rekonstruieren. Schicht um Schicht, wie bei seinen Ausgrabungen, machte sich Carandini auf zu den unbekannten latinischen Mythen, zu ihren Vogelgöttern, Dämonen und kultischen Zeremonien, mit deren Hilfe er Romulus' Stammbaum rekonstruierte. Das Zeug zum Befehlshaber habe er fürwahr gehabt, meint Carandini. Der mythische Held stamme vom Vogelgott ab, war Sohn des Mars, des ältesten Hauptgottes der italischen Bürgergemeinden, Abkömmling auch von Latinus und Faunus, göttlichen Königen vor ihm. Auf dem Abhang des Palatins, mit Blick über den Tiber, wo Cacus, Sohn des Vulcanus, vor ihm schon seinen düsteren Palast aufschlug, gründete Romulus Rom. Ein Zufall war es sicherlich auch nicht, daß 700 Jahre später, nämlich 36 v.C., der große römische Staatsmann Octavian Augustus an derselben Stelle sein tempelartiges Haus bezog. Es war auch für ihn und seine Zeit ein Ort symbolischer Kraft, der beweisen sollte, daß er nicht nur Kaiser, sondern auch Pontifex maximus, also höchster Priester, war.

Dem Nichthistoriker Carandini war klar, daß archäologische Funde und Mythen allein noch keine Geschichte machen. So holte er sich auch Hilfe in der Anthropologie, Ethnologie und Soziologie. Diese interdisziplinäre Öffnung sei lebenswichtig, besonders für die Frühgeschichte und die Archäologie, wenn sie lebendige Wissenschaften bleiben wollten, polemisiert Carandini. Die großen Gelehrten der vergangenen beiden Jahrhunderte in Ehren, meint er, aber ihre zu rationalen Erkenntnisse hätten ihre Zunft auch mumifiziert.

Und was sagen die Kollegen des späten 20. Jahrhunderts zu der kühnen Theorie des Römers? Im Deutschen Archäologischen Institut in Rom zieht man anerkennend den Hut vor der kolossalen Leistung. Carandinis unglaubliches Wissen um die latinische Religionswissenschaft zeige neue Wege. Für ein definitives, fachgerechtes Urteil sei es jedoch noch zu früh, die Lektüre von 776 Seiten samt 80-seitiger Bibliographie brauche ihre Zeit.

Mit Tim J. Cornell, dem großen englischen Althistoriker aus Cambridge, der 1995 ein Buch über die Anfänge Roms vorlegte, streitet Carandini seit Jahren kollegial um die Glaubwürdigkeit seiner Frühdatierung. Bei einem Seminar im vergangenen Sommer kamen sich beide näher. Carandini: "Cornell gestand mir zu, daß Rom sicher anno 625 v.C. schon gegründet war. Unbekannt sei nur, wie viele Jahre vorher damit begonnen worden sei."


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