AMÁLIA  RODRIGUES

Die Königin des Fado

(1.7.1920-6.10.1999)

[Amália Rodrigues]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros*

1920
01. (nach anderen Quellen 23.) Juli: Amália da Piedade Rebordão Rodrigues wird als fünftes von neun Kindern eines Schuhflickers und Hobby-Musikers in Lissabon (Alcântara) geboren.

1921
Amálias Eltern ziehen nach Fundão (Beira). Amália bleibt in Lissabon und wächst bei ihrer Großmutter auf. Sie erinnert sich später an eine Kindheit in Schmutz und Armut. [Portugal ist trotz eines noch immer beträchtlichen, auf das 16. Jahrhundert zurück gehenden Kolonialreichs eines der ärmsten Länder Europas. "Gute Demokraten" hatten 1911 die Monarchie beseitigt und das Land ohne Not in den Ersten Weltkrieg gestürzt, der es nur Menschenleben und Geld gekostet, aber nichts eingebracht hat. Die "Bildungsreform" resultiert in einer Analfabetenrate von über 70% (bei Frauen fast 90%).]


1929-32
Amália besucht drei Jahre lang die Volksschule und lernt ein wenig Lesen und Schreiben. Danach wird sie Obstverkäuferin; beim Ausrufen der Ware schult sie ihre Stimme.

1931
Der erste portugiesischsprachige (aber in Frankreich gedrehte :-) Tonfilm, "A Severa" - die Lebensgeschichte der Sängerin Maria Severa Onofriana - verherrlicht den Fado. Er wird beworben als "der portugiesischte aller portugiesischen Filme" und als "um verdadeiro poema de raça [ein wahrhaft völkisches Epos]".


1932
António de Oliveira Salazar wird Ministerpräsident. Er beseitigt die Parteien-Demokratie und steuert seinen "Estado Novo" in den folgenden Jahrzehnten sicher durch alle politischen Wogen, saniert seine Wirtschaft und bewahrt ihm insbesondere den inneren und äußeren Frieden. Er hält Portugal sowohl aus dem spanischen Bürgerkrieg als auch aus dem Zweiten Weltkrieg heraus, so daß das Kulturleben aufblühen kann. "Musiker" wird zu einem staatlich anerkannten Beruf.

1936
Amália lernt den Gitarristen Francisco da Cruz kennen.

1938
März: Amália vertritt ihren Stadtteil Alcântara beim jährlichen Gesangswettbewerb um den Titel "Rainha do Fado [Königin des Fado]" von Lissabon.

1939
Amália wird Sängerin in der nach M. S. Onofriana benannten Fado-Kneipe "Retiro da Severa" von José Soriano.


1940-47
Amália tritt hauptsächlich in Musik-Revues in Lissabon auf (zunächst im Teatro Maria Vitória und im Teatro Variedades, später vor allem im Teatro Apolo).

1940
Amália heiratet Francisco da Cruz. (Die Ehe hält nur zwei Jahre und bleibt kinderlos.)

1943
Amália gibt in Madrid ihr erstes Auslands-Gastspiel.

1944
Amália spielt in der Operette "A Rosa Cantadeira" mit.
September: Amália gibt ihr erstes Gastspiel in Brasilien. Sie tritt drei Monate im "Casino Copacabana" in Rio de Janeiro auf.

1945
Während ihres zweiten Gastspiels in Brasilien nimmt Amália ihre erste Schallplatte auf.


1946
Amália spielt in der Operette "Mouraria" mit. Der gleichnamige Fado wird einer ihrer größten Erfolge.


Amália gibt in "Capas Negras" ihr Filmdebut. "Capas Negras" läuft fast ein halbes Jahr lang und wird zum bis dahin meist besuchten Kinofilm in Portugal.
(Böse Zungen behaupten, das habe nicht zuletzt an der für damalige Verhältnisse äußerst "gewagten" Modeschau in knappen Badeanzügen gelegen :-)


1947
Amália spielt die Hauptrolle in dem Film "Fado - historia d'uma cantadeira", für den sie den Nationalpreis des Kultusministeriums erhält. Im selben Jahr spielt sie in einem Dutzend Kurzfilme von Augusto Frage mit, die hauptsächlich aus Fadogesang bestehen.
Amália nimmt "Coimbra" von Raul Ferrão und José Galhardo auf. Die Hymne auf die alte Universitätsstadt und "Hauptstadt der Liebe" bleibt zunächst unbeachtet.

1949
Amália singt für Werbeveranstaltungen des portugiesischen Fremdenverkehrs-Ministeriums in Paris und London.
Sie spielt die Hauptrolle in den Filmen "Sol e Touros" und "Vendaval Maravilhoso".


1950
Amália nimmt an einer Propaganda-Tournee für den Marshall-plan durch Europa mit Auftritten in Triest, Bern, Dublin und Rom teil. Dabei wird "Coimbra" von anderen Sänger[inne]n entdeckt, u.a. Bing Crosby und Yvette Giraud, welche die englische ("April in Portugal") bzw. französische ("Avril au Portugal") Fassung zum Welthit machen. (Amália hat davon freilich wenig, da ihre Aufnahme selbst auf dem lukrativen brasilianischen Markt von anderen - insbesondere Ester de Abreu - verdrängt wird.)


1951
Amália absolviert eine Afrika-Tournee durch Belgisch-Kongo und die portugiesischen Übersee-Provinzen Angola und Moçambique.

1952-1953
Amália gastiert vier Monate im New Yorker La Vie en Rose und tritt erstmals im Fernsehen auf. In der von Coca Cola gesponserten "Eddie Fisher Show" muß sie das Firmengetränk zu sich nehmen und verzichtet danach auf weitere Auftritte.


1954
Amália spielt in dem französischen Film "Les Amants du Tage" (in Portugal "Os Amantes do Tejo") mit, für den sie die Lieder "Barco Negro" und "Solidão [Canção do Mar]" aufnimmt, die Jahrzehnte später - in der Interpretation von Dulce Pontes - zu Welthits werden.


1955-57
Amália spielt in einigen ausländischen Kurzfilmen mit, u.a. in "April in Portugal", "Música de siempre" (neben Édith Piaf) und "Las canciones unidas". Bekannt wird ihre Weigerung, mit einer roten Rose im Haar aufzutreten mit der Begründung, das sei eine spanische Angewohnheit, sie aber sei Portugiesin.

ab 1957
Amália tritt in der Pariser Music-hall Olympia auf und beginnt, auch auf Französisch zu singen.


1958
Amália spielt die weibliche Hauptrolle - die Fado-Sängerin Maria - und singt mehrere Lieder in "Sangue Toureiro".
Um sich der aufkommenden Konkurrenz durch das neue Medium Fernsehen zu erwehren, wird der Film in Farbe gedreht (zum ersten Mal in Portugal); größeren Erfolg an den Kinokassen hat jedoch die synchronisierte Exportfassung im Nachbarland Spanien.


(Nein, in der spanischen Fassung ist kein weiblicher Torero gemeint, sondern auf beiden
Plakaten sein Blut; aber auf Portugiesisch ist Blut männlich, auf Spanisch weiblich :-)

Amália spielt die weibliche Hauptrolle - die Isaura - und singt das Titellied in dem Fernsehfilm "O céu da minha rua".

1961
April: Amália heiratet in zweiter Ehe den Ingenieur César Seabra. Anläßlich der Hochzeit kündet sie an, dauerhaft nach Brasilien zu übersiedeln und ihre Karriere als Sängerin zu beenden.
(Der Vorsatz hält nur ein Jahr; danach zieht ihr Mann dauerhaft mit ihr nach Portugal, und sie setzt ihre Karriere fort. Die Ehe bleibt kinderlos.)

1962/64
Amália nimmt als Fado vertonte Gedichte des Dichters Pedro Homem de Mello auf, u.a. " Asas fechadas" und " Povo que lavas no rio".
(Vor Einführung der elektrischen Waschmaschinen und Verschmutzung der Gewässer durch Chemikalien pflegten die Portugiesinnen noch im Fluß zu waschen.)


1964
Amália spielt die Hauptrolle in den Filmen "Fado Corrido" und "As Ilhas Encantadas".


1965
Amália nimmt als Fado vertonte Gedichte des portugiesischen Nationaldichters Luís de Camões auf.


1966
Amália spielt zum letzten Mal in einem Kinofilm ("Via Macau") mit.
Amália tritt im New Yorker Lincoln-Center und in der Hollywood Bowl auf.


Die Brücke über den Tejo - die längste Hängebrücke Europas - wird von Ministerpräsident Salazar - dessen Namen sie erhält - persönlich eingeweiht. Amália singt als Ehrengast der Einweihungsfeier ihre neue Platte "Vou dar de beber à dor".


1967-69
Amália erhält in drei aufeinanderfolgen Jahren dem MIDEM-Preis für die Sängerin mit den meisten Plattenverkäufen in Portugal. Sie steht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und wird nun auch international als "Königin des Fado" gefeiert.


1968
Amália spielt die Titelrolle in dem Fernsehfilm "A sapateira prodigiosa".

1969
Marcelo Caetano wird zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Da in Europa inzwischen vielfach sozialistische Parteien an die Macht gekommen sind, die "fascistoïde" Regierungen wie die Spaniens und Portugals mit Wirtschaftsboykott bedrohen, nimmt Caetano (wie zur gleichen Zeit Franco) Beziehungen zum Ostblock auf - der in diesem Punkt weniger Berühungsängste hat.
Amália absolviert eine Tournee durch die Sowjet-Union.

1970
Amália absolviert Tourneen durch Europa, die USA und Japan.


1971
Amália spielt in der brasilianischen Telenovela "Os deuses estão mortos [Die Götter sind tot]" mit.


1974
(25.) April in Portugal: Eine kleine Clique verbrecherischer Subaltern-Offiziere, die sich "MFA [Bewegung der Streitkräfte]" nennt, putscht gegen die Zivilregierung Caetano und errichtet eine kommunistische Militär-Diktatur ("JSN [Junta der Nationalen Rettung]"), deren Marionette und Feigenblatt, der gemäßigte General Spinola, nach weniger als einem halben Jahr von der Revolution gefressen gestürzt wird. Nach der Verstaatlichung der meisten Privatunternehmen kommt das Wirtschaftsleben Portugals für mehrere Jahre zum Erliegen, ebenso das kulturelle Leben. Als Gipfel der portugiesischen Sangeskunst gilt während jener finsteren Epoche das bereits 1971 aufgenommene düstere Revolutionslied "Grândola, vila morena [G., braune Stadt]" des zum "Troubadour der Freiheit" hoch gejubelten José "Zeca" Afonso (1929-87).

[Wappen der Schweinestadt Grândola]

Amália versucht zunächst - wie fünf Jahre später die Iranerin Gougoush -, sich beim neuen Regime anzubiedern: Sie nimmt ebenfalls das Grândola-Lied auf und besingt ihre Liebe zu einem bärtigen Matrosen, der eine Nelke - das Symbol der Revolution - zwischen den Zähnen trägt. Sie stößt damit jedoch auf wenig Gegenliebe; in ihrer KGB- Stasi- Geheimdienst-Akte wird sie als "Anhängerin des fascistischen Regimes" geführt. Die Militärjunta erwägt, den Fado ganz zu verbieten, da er vom Volk zunehmend als Ausdruck der Nostalgie nach der "guten alten Zeit" vor der Revolution verstanden wird. Die Kommunisten lassen keinen Zweifel daran, was mit Leuten geschehen soll, die Salazar nachtrauern.


ab November: Amália nimmt fünf Jahre lang keine neuen Platten in Portugal mehr auf und verlegt ihre Auftritte überwiegend ins Ausland - u.a. nach Deutschland.

1975
Amália singt wieder im Pariser Olympia, das damals seine letzte große Blüte erlebt.

1977
Amália tritt erstmals in der New Yorker Carnegie Hall auf.

1979
Die Portugiesen wählen die kommunistische Regierung ab.


1980
April in Portugal: Amália eröffnet die Feier ihres Comebacks in der Nacht vom 19. auf den 20. April (Führers Geburtstag :-) mit dem - selbstgeschriebenen - programmatischen Lied "Gostava de ser quem era [Ich genoß es, die zu sein, die ich war]". Ihr neues Album heißt einfach "Fado".


Sie wird zum Groß-Offizier des Ordens von Heinrich dem Seefahrer (Grande-Oficial do Ordem do Infante D. Henrique [GOIH]) ernannt.**


Anstelle des 25. Aprils wird der Todestag von Camões (10. Juni) zum nationalen Feiertag erklärt, dessen 400. Wiederkehr landesweit gefeiert wird.***


1981
Amália nimmt eine LP mit "Liedern an das Jesuskind" auf.


1983
Amália nimmt "Perlimpimpim" auf, ihren letzten Single-Erfolg.


1984
"Amália na Broadway" - eine Compilation ihrer englischsprachigen Aufnahmen - erscheint.
Daß sie dafür eigens nach New York gereist sei und bei der Gelegenheit auch gleich einen von vielen Selbstmordversuchen unternommen habe, ist ein Märchen aus dem Film "Amália" von Carlos Coelho da Silva (s.u.). Die Aufnahmen stammen durchweg aus den 1950er, 1960er und 1970er Jahren.


1985
April: Amália gibt ihr letztes großes öffentliches Konzert im Coliseum von Lissabon.


1986
Der alte Wolf Kommunist und neue Präsident Mário Soares frißt Kreide macht einen auf geläutert und verleiht Amália das Großkreuz (Grã-Cruz) des Prinz-Heinrich-Ordens [GCIH].**
In der Laudatio würdigt er sie als "konservative, gottesfürchtige Frau".


1987
Nach dem Wahlsieg des PSD werden die Verstaatlichungen rückgängig gemacht. José Afonso säuft sich vor Wut zu Tode (offizielle Todesursache: ALS).


1989
Amália feiert im Lissaboner Theatermuseum ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum.

1994
Lissabon wird zur "europäischen Kulturhauptstadt" erklärt.
Dezember: Bei den offiziellen Feierlichkeiten singt Amália zum letzten Mal vor Publikum.
25. April: Am 20. Jahrestag der "Nelken-Revolution" geißelt Amália in einer öffentlichen Rede noch einmal den kommunistischen Putsch von 1974, der Portugal 20 Jahre zurück geworfen hat, und lobt ausdrücklich die segensreiche Ära des "Salazarismo".

1995
Der Fernsehsender RTP strahlt eine fünfteilige Dokumentation über Amálias "merkwürdiges Leben" ("Uma estranha forma de vida" - ursprünglich der Titel eines ihrer Lieder von 1965) aus, die später auch auf DVD erscheint.


Amália - die Jahrezehnte lang Kettenraucherin war - erkrankt an Lungenkrebs.
Für die Behauptung, sie habe ob dieser Diagnose mehrere Selbstmordversuche unternommen, gibt es keine belastbaren Beweise.


1996/97
Die Alben "Amália no Café Luso", "Fado Lisboeta" und "Segredo" enthalten durchweg Lieder - und Bilder -, die schon vor Amálias Erkrankung aufgenommen wurden.


1998
Anläßlich der Weltausstellung in Lissabon wird Amália für ihre letzte bei Lebzeiten erschienene LP, "O melhor de Amália" - ebenfalls eine Sammlung früherer Aufnahmen - geehrt.


1999
06. Oktober: Amália Rodrigues stirbt in Lissabon und wird auf dem Prazeres-Friedhof beigesetzt; sie wird jedoch angeblich wieder ausgegraben und ins Pantheon überführt - jedenfalls wird dort ein entsprechender Sarg aufgestellt.


2001
Amálias Haus in Lissabon wird in ein Museum umgewandelt.
Eine der größten Grünflächen in der Innenstadt Lissabons wird in "Amália-Rodrigues-Garten" umbenannt.


Um ihr musikalisches Erbe als "Königin des Fado" streiten Dulce Pontes und die "Anti-Salazaristin" Mísia (die vor allem von linken Medienmachern außerhalb Portugals hoch gejubelt wird). Aber auch posthum verkaufen sich Amálias Platten immer noch am besten. Um zu verhindern, daß sie in gewissen Ländern als Salazar-Sympathisantin auf den ungeschriebenen Index gesetzt wird, lassen ihre Verleger die Legende verbreiten, daß Amália insgeheim Kommunistin gewesen sei - was inzwischen als Empfehlung gilt. Ferner wird im Tal der AhnungslosenAusland das Märchen verbreitet, daß der Fado unter Salazar immer kurz vor dem Verbot gestanden habe und erst durch die "demokratische" Revolution von 1974 rehabilitiert worden sei.


2007
März: Der Staatssender RTB läßt die "größten Portugiesen" wählen. Amália landet als höchstplazierte von nur fünf Musikanten**** auf Platz 14. Sie ist damit die einzige Frau unter den ersten 30.

2008
Dezember: Der pseudo-biografische Film "Amália" von Carlos Coelho da Silva, mit Sandra Barata Belo in der Titelrolle, kommt in die Kinos. Er endet, mit Ausnahme eines - fiktiven, s.o. - Vorgriffs auf 1984, im Jahre 1974 und überzeugt niemanden.
Dikigoros auch nicht. Die Überpräsenz ihrer Schwester Celeste, die vielen schlecht motivierten Selbstmordversuche allein um des dramatischen Effekts Willen und die ständigen, verwirrenden Zeitsprünge nerven gewaltig. (Aber was kann man schon von jemandem erwarten, der sich "Karl Karnickel vom Walde" nennt?! :-)


2020
Die Betreiber der Webseite Panthéon gelangen nach - nicht immer überzeugenden - Internet-Recherchen zu dem Schluß, daß Amália "die populärste in Portugal geborene Sängerin" ist.*****


*Warum hat Dikigoros das alte Titelbild ersetzt und in die Fußnote verbannt? Nun, für gewöhnlich bevorzugt er Zeichnungen gegenüber Fotos, weil erstere meist "zeitloser" sind. Aber hier mußte er nachträglich feststellen, daß das alte Titelbild gar keine originäre Zeichnung war, sondern vielmehr die gezeichnete Kopie eines Fotos, noch dazu eines ziemlich "einseitigen"; da fand er das von der Autogrammkarte doch ansprechender, wenngleich es leider nicht signiert ist, so daß er die Unterschrift anderweitig besorgen mußte. Auch die gibt es "besser", aber meist ohne den eigentlich obligatorischen Akzent auf dem zweiten "á". Wegen des letzteren Mankos hat er auch der Versuchung widerstanden, eine "all-in-all"-Lösung mit Foto, Signatur und Lebensdaten an den Anfang zu stellen. Einstweilen hält er die jetzt gewählte Lösung für die am wenigsten schlechte.

**Das ist die 3. Klasse. Da dies der höchste zivile Orden Portugals ist (praktisch sogar der höchste insgesamt, da der theoretisch über ihm stehende militärische Orden "Sant'Iago da Espada" mangels Heldentaten schon seit geraumer Zeit nicht mehr verliehen wird), muß Dikigoros dazu etwas mehr schreiben.
Gestiftet wurde der Orden 1960 anläßlich des 500. Todestages des Namenspatrons, der damals in aller Munde war. Er war zwar nie selber zur See gefahren, hatte aber als de-facto-Prinzregent die Seefahrt sehr gefördert und galt als der Vater des portugiesischen Weltreichs.

Nachdem sich die Kommunisten 1974 an die Macht geputscht hatten, fiel er als böser Kolonialist vorübergehend in Ungnade, und der nach ihm benannte Orden wurde bis zu deren Abwahl nicht mehr verliehen - Amália war die erste, die ihn nach fünf Jahren Pause wieder zugesprochen bekam.
Verliehen wird er in 5 Klassen. (Zum Vergleich: Das deutsche "Bundesverdienstkreuz" wird in 4 Klassen verliehen, wobei das BVK "1. Klasse" die 3. Klasse darstellt, hinter dem "Großkreuz" und dessen "Sonderstufe".) Das Großkreuz, das sie sechs Jahre später erhalten sollte, ist die 2. Klasse und zugleich die höchste Stufe für "Normalsterbliche"; die 1. Klasse - das Großkreuz mit Schulterband - ist Staatsoberhäuptern und Regierungschefs vorbehalten und als solches wertlos, da an keinerlei Voraussetzungen im Sinne von echten Verdiensten um Portugal gebunden; ein Staatsbesuch reicht aus.
Tote können Orden nicht mehr zurück geben und sich auch nicht mehr dagegen wehren, daß ihr Andenken durch die spätere Vergabe an besonders üble Gestalten mit in den Schmutz gezogen wird, sondern sich nur noch im Grabe umdrehen. Dikigoros ist überzeugt, daß Amália dies getan hätte, hätte wie gewußt, wer alles diesen Orden nach ihrem Tode noch erhalten sollte. Um seine Leser nicht zu ermüden, nennt Dikigoros nur einige Beispiele:

  • Michelle Bachelet, die Totengräberin Chiles (2007)
  • Ollanta Humala, der anti-weiße Rassist aus Perú (2012)
  • José Manuel Barroso, der Ober-Eurokrat (2014)
  • Frankenstein-Meier, der Vampir aus BRDistan (2018)
  • Sarah Sauer, die Abrißbirne aus der Uckermark (2022)
    (Versteht Dikigoros bitte nicht falsch: Er hat Verständnis, wenn ein so gut wie bankrottes Entwicklungsland dem Regierungschef des Hauptgeberlandes einen Orden verleiht, um ihm zu schmeicheln und einen auf "schön Wetter" zu machen. Aber einer Canaille, die nicht mehr Regierungschef[in] ist, einen solchen noch nachträglich hinterher zu werfen, findet er schändlich.)
Und um auch das noch nachzutragen, da Dikigoros oben geschrieben hat, daß der Sant'Iago-Orden für militärische Verdienste in der Praxis nicht mehr verliehen wird: Selbstverständlich erhalten auch Militärs weiterhin Orden - nämlich eine der niederen Stufen des Prinz-Heinrich-Ordens. Für die Verleihung genügte es während der "Corona"-Plandemie schon, wenn sich jemand immer brav eine Narrenkappe vor's Maul band, so daß der höchste Orden Portugals zum Covidioten-Abzeichen degradiert wurde:

***Wenn man so will, dann war das ein Kompromiß: Man wollte nicht gleich Heinrich den Seefahrer zum alten und neuen Nationalhelden machen, zumal sich da gerade keine passende Jahreszahl anbot. (1994 wurde aber anläßlich seines 600. Todestages ordentlich nachgefeiert. Nominell hatte sich die Wertschätzung seiner Person da sogar verzehnfacht - und das, obwohl der Silbergehalt der Gedenkmünze gesunken war :-)

Camões war immerhin der Dichter, der die Heldentaten, zu denen ersterer den Anstoß gegeben hatte, in seinem Epos "Os Lusíadas" verherrlicht hatte, dessen 400. Jahrestag bereits 1972 von Staats wegen groß gefeiert worden war.
Das geschah noch unter Salazars Nachfolger Caetano. Unter der linken Militärjunta war jenes Werk verpönt, diente es doch dem Sich-Einschmeicheln bei einem Monarchen und bösen Kolonialisten. Zu allem Überfluß war es auch noch rassistisch, denn es ließ an den Afrikanern - Mauren und Mohren gleichermaßen - kein gutes Haar. (Man konnte von Glück sagen, daß es nicht verboten und verbrannt und die Münzen und Medaillen nicht eingezogen und eingeschmolzen wurden.)

Übrigens ist Portugal das einzige Land der Welt, das den Todestag eines Dichters zu seinem Nationalfeiertag erklärt hat - vielleicht auch in bewußter Abkehr von "historischen" Gedenktagen, die allzu leicht eine Beute des politischen Tagesgeschäfts wurden.****** Portugal hatte im 20. Jahrhundert fünf verschiedene Nationalfeiertage (also fast so viele wie Deutschland): bis 1910 den 1. Dezember (1640, Unabhängigkeit Portugals von Spanien), bis 1926 den 5. Oktober (1910, Sturz der Monarchie), bis 1974 den 28. Mai (1926, Marsch auf Lissabon), bis 1980 den 25. April (1974, Militärputsch der "Junta de salvação") und seit 1980 den 10. Juni (1580, Todestag von Camões).

****Die anderen sind José Afonso (29.), Carlos Paredes (147.), Mariza (61.) und António Variações (98.)

*****vor Carmen Miranda, Zeca Afonso, Carlos do Carmo, Mísia, Dulce Pontes und Simone de Oliveira.
Warum Dikigoros die Recherchen von Panthéon nicht immer überzeugen, erläutert er an anderer Stelle ausführlicher (ebenfalls in der Fußnote); er will sich hier nicht wiederholen.

******Ein cynischer Leser hat Dikigoros gemailt und gemeint, das sei doch auch historisch durchaus passend, denn Camões sei zumindest indirekt der Totengräber des portugiesischen Weltreichs gewesen: Der dumme junge König Sebastião habe sich von ihm zu dem Versuch anstiften lassen, Marokko zu erobern, sei dabei gefallen, und zwei Jahre später sei Portugal an den König von Spanien gefallen, unter dem seine wertvollsten Kolonien - Ceylon und Insulinde - verloren gingen.
Letzteres mag aus der Sicht des 16. Jahrhunderts stimmen. (Dikigoros schreibt darüber an anderer Stelle mehr.) Und gewiß sind fernöstliche Gewürze - um die es damals ja in erster Linie ging - noch immer eine feine Sache. Aber anno 1980 wußte man schon, daß sich mit Ländern wie Shrī Lankā und Indonesien - auch wenn sie damals noch attraktive Urlaubsziele waren und scheinbar ein großes Potential für die Tourismus-"Industrie" bargen - kein Staat machen ließ, geschweige denn ein Weltreich. Die langfristig wertvollsten, da an Bodenschätzen reichen Kolonien Portugals lagen nicht in Asien, sondern vielmehr in Afrika - insofern hatte Camões mit seiner Stoßrichtung durchaus richtig gelegen -; und die waren erst unter dem Regime der Putschisten vom 25. April 1974 verloren gegangen.
PS: Besagter Leser hat Dikigoros - als Reaktion auf diese Fußnote - des weiteren gemailt, daß es damals nicht nur um Gewürze ging, sondern auch um Hölzer, die ja für eine seefahrende Nation ebenso wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger waren, vom duftenden Sandelholz Insulindes bis zum robusten Brasilholz, nach dem irgendwann sogar das ganze Land - das ursprünglich "Land des Heiligen Kreuzes" geheißen habe - [um]benannt wurde.
Auch das stimmt - aus der Sicht des 16. Jahrhunderts. Aber als Brasilien im 19. Jahrhundert verloren ging, war man bereits dazu übergegangen, Schiffe aus Metall statt aus Holz zu bauen; und das Sandal-Holz kam nicht aus ganz Insulinde, sondern hauptsächlich aus Ost-Timor - und daran hielten die Portugiesen lange Zeit eisern fest, bis die November-April-Verbrecher auch das endgültig aufgaben.


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