AMÁLIA  RODRIGUES

Die Königin des Fado

(1.7.1920-6.10.1999)

[Amália Rodrigues]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros*

1920
01. (nach anderen Quellen 23.) Juli: Amália da Piedade Rebordão Rodrigues wird als fünftes von neun Kindern eines Schuhflickers und Hobby-Musikers in Lissabon (Alcântara) geboren.

1921
Amálias Eltern ziehen nach Fundão (Beira). Amália bleibt in Lissabon und wächst bei ihrer Großmutter auf. Sie erinnert sich später an eine Kindheit in Schmutz und Armut. [Portugal ist trotz eines noch immer beträchtlichen, auf das 16. Jahrhundert zurück gehenden Kolonialreichs eines der ärmsten Länder Europas. "Gute Demokraten" hatten 1911 die Monarchie beseitigt und das Land ohne Not in den Ersten Weltkrieg gestürzt, der es nur Menschenleben und Geld gekostet, aber nichts eingebracht hat. Die "Bildungsreform" resultiert in einer Analfabetenrate von über 70% (bei Frauen fast 90%).]


1929-32
Amália besucht drei Jahre lang die Volksschule und lernt ein wenig Lesen und Schreiben. Danach wird sie Obstverkäuferin; beim Ausrufen der Ware schult sie ihre Stimme.

1931
Der erste portugiesischsprachige (aber in Frankreich gedrehte :-) Tonfilm, "A Severa" - die Lebensgeschichte der Sängerin Maria Severa Onofriana - verherrlicht den Fado. Er wird beworben als "der portugiesischte aller portugiesischen Filme" und als "um verdadeiro poema de raça [ein wahrhaft völkisches Epos]".


1932
António de Oliveira Salazar wird Ministerpräsident. Er beseitigt die Parteien-Demokratie und steuert seinen "Estado Novo" in den folgenden Jahrzehnten sicher durch alle politischen Wogen, saniert seine Wirtschaft und bewahrt ihm insbesondere den inneren und äußeren Frieden. Er hält Portugal sowohl aus dem spanischen Bürgerkrieg als auch aus dem Zweiten Weltkrieg heraus, so daß das Kulturleben aufblühen kann. "Musiker" wird zu einem staatlich anerkannten Beruf.

1936
Amália lernt den Gitarristen Francisco da Cruz kennen.

1938
März: Amália vertritt ihren Stadtteil Alcântara beim jährlichen Gesangswettbewerb um den Titel "Rainha do Fado [Königin des Fado]" von Lissabon.

1939
Amália wird Sängerin in der nach M. S. Onofriana benannten Fado-Kneipe "Retiro da Severa" von José Soriano.


1940-47
Amália tritt hauptsächlich in Musik-Revues in Lissabon auf (zunächst im Teatro Maria Vitória und im Teatro Variedades, später vor allem im Teatro Apolo).

1940
Amália heiratet Francisco da Cruz. (Die Ehe hält nur zwei Jahre und bleibt kinderlos.)

1943
Amália gibt in Madrid ihr erstes Auslands-Gastspiel.

1944
Amália spielt in der Operette "A Rosa Cantadeira" mit.
September: Amália gibt ihr erstes Gastspiel in Brasilien. Sie tritt drei Monate im "Casino Copacabana" in Rio de Janeiro auf.

1945
Während ihres zweiten Gastspiels in Brasilien nimmt Amália ihre erste Schallplatte auf.


1946
Amália spielt in der Operette "Mouraria" mit. Der gleichnamige Fado wird einer ihrer größten Erfolge


Amália gibt in "Capas Negras" ihr Filmdebut. "Capas Negras" läuft fast ein halbes Jahr lang und wird zum bis dahin meist besuchten Kinofilm in Portugal.


1947
Amália spielt die Hauptrolle in dem Film "Fado - historia d'uma cantadeira", für den sie den Nationalpreis des Kultusministeriums erhält. Im selben Jahr spielt sie in einem Dutzend Kurzfilme von Augusto Frage mit, die hauptsächlich aus Fadogesang bestehen.
Amália nimmt "Coimbra" von Raul Ferrão und José Galhardo auf. Die Hymne auf die alte Universitätsstadt und "Hauptstadt der Liebe" bleibt zunächst unbeachtet.

1949
Amália singt für Werbeveranstaltungen des portugiesischen Fremdenverkehrs-Ministeriums in Paris und London.
Sie spielt die Hauptrolle in den Filmen "Sol e Touros" und "Vendaval Maravilhoso".


1950
Amália nimmt an einer Propaganda-Tournee für den Marshall-plan durch Europa mit Auftritten in Triest, Bern, Dublin und Rom teil. Dabei wird "Coimbra" von anderen Sänger[inne]n entdeckt, u.a. Bing Crosby und Yvette Giraud, welche die englische ("April in Portugal") bzw. französische ("Avril au Portugal") Fassung zum Welthit machen. (Amália hat davon freilich wenig, da ihre Aufnahme selbst auf dem lukrativen brasilianischen Markt von anderen - insbesondere Ester de Abreu - verdrängt wird.)


1951
Amália absolviert eine Afrika-Tournee durch Belgisch-Kongo und die portugiesischen Übersee-Provinzen Angola und Moçambique.

1952-1953
Amália gastiert vier Monate im New Yorker La Vie en Rose und tritt erstmals im Fernsehen auf. In der von Coca Cola gesponserten "Eddie Fisher Show" muß sie das Firmengetränk zu sich nehmen und verzichtet danach auf weitere Auftritte.


1954
Amália spielt in dem französischen Film "Les Amants du Tage" (in Portugal "Os Amantes do Tejo") mit, für den sie die Lieder "Barco Negro" und "Solidão [Canção do Mar]" aufnimmt, die Jahrzehnte später - in der Interpretation von Dulce Pontes - zu Welthits werden.


1955-57
Amália spielt in einigen ausländischen Kurzfilmen mit, u.a. in "April in Portugal", "Música de siempre" (neben Édith Piaf) und "Las canciones unidas". Bekannt wird ihre Weigerung, mit einer roten Rose im Haar aufzutreten mit der Begründung, das sei eine spanische Angewohnheit, sie aber sei Portugiesin.

1957-60
Amália tritt in der Pariser Music-hall Olympia auf und beginnt, auch auf Französisch zu singen.


1958
Amália spielt die weibliche Hauptrolle - die Fado-Sängerin Maria - und singt mehrere Lieder in "Sangue Toureiro".
Um sich der aufkommenden Konkurrenz durch das neue Medium Fernsehen zu erwehren, wird der Film in Farbe gedreht (zum ersten Mal in Portugal); größeren Erfolg an den Kinokassen hat jedoch die synchronisierte Exportfassung im Nachbarland Spanien.


(Nein, in der spanischen Fassung ist kein weiblicher Torero gemeint, sondern auf beiden
Plakaten sein Blut; aber auf Portugiesisch ist Blut männlich, auf Spanisch weiblich :-)

Amália spielt die weibliche Hauptrolle - die Isaura - und singt das Titellied in dem Fernsehfilm "O céu da minha rua".

1961
Amália heiratet in zweiter Ehe den Ingenieur César Seabra. Anläßlich der Hochzeit kündet sie an, dauerhaft nach Brasilien zu übersiedeln und ihre Karriere als Sängerin zu beenden. (Der Vorsatz hält nur ein Jahr; danach zieht ihr Mann dauerhaft mit ihr nach Portugal, und sie setzt ihre Karriere fort. Die Ehe bleibt kinderlos.)

1962/64
Amália nimmt als Fado vertonte Gedichte des Dichters Pedro Homem de Mello auf, u.a. " Asas fechadas" und " Povo que lavas no rio".
(Vor Einführung der elektrischen Waschmaschinen und Verschmutzung der Gewässer durch Chemikalien pflegten die Portugiesinnen noch im Fluß zu waschen.)


1964
Amália spielt die Hauptrolle in den Filmen "Fado Corrido" und "As Ilhas Encantadas".


1965
Amália nimmt als Fado vertonte Gedichte des portugiesischen Nationaldichters Luís de Camões auf.


1966
Amália spielt zum letzten Mal in einem Kinofilm ("Via Macau") mit.
Amália tritt im New Yorker Lincoln-Center und in der Hollywood Bowl auf.


Die Brücke über den Tejo - die längste Hängebrücke Europas - wird von Ministerpräsident Salazar - dessen Namen sie erhält - persönlich eingeweiht. Amália singt als Ehrengast der Einweihungsfeier ihre neue Platte "Vou dar de beber à dor".


1967-69
Amália erhält in drei aufeinanderfolgen Jahren dem MIDEM-Preis für die Sängerin mit den meisten Plattenverkäufen in Portugal. Sie steht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und wird nun auch international als "Königin des Fado" gefeiert.


1968
Amália spielt die Titelrolle in dem Fernsehfilm "A sapateira prodigiosa".

1969
Marcelo Caetano wird zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Da in Europa inzwischen vielfach sozialistische Parteien an die Macht gekommen sind, die "fascistoïde" Regierungen wie die Spaniens und Portugals mit Wirtschaftsboykott bedrohen, nimmt Caetano (wie zur gleichen Zeit Franco) Beziehungen zum Ostblock auf - der in diesem Punkt weniger Berühungsängste hat.
Amália absolviert eine Tournee durch die Sowjet-Union.

1970
Amália absolviert Tourneen durch Europa, die USA und Japan.


1971
Amália spielt in der brasilianischen Telenovela "Os deuses estão mortos [Die Götter sind tot]" mit.

1974
(25.) April in Portugal: Eine kleine Clique verbrecherischer Subaltern-Offiziere, die sich "MFA [Bewegung der Streitkräfte]" nennt, putscht gegen die Zivilregierung Caetano und errichtet eine kommunistische Militär-Diktatur ("JSN [Junta der Nationalen Rettung]"), deren Marionette und Feigenblatt, der gemäßigte General Spinola, nach weniger als einem halben Jahr von der Revolution gefressengestürzt wird. Nach der Verstaatlichung der meisten Privatunternehmen kommt das wirtschaftliche Leben Portugals für mehrere Jahre zum Erliegen, ebenso das kulturelle Leben. Als Gipfel der portugiesischen Sangeskunst gilt während jener finsteren Epoche das bereits 1971 aufgenommene düstere Revolutionslied "Grândola, vila morena [G., braune Stadt]" des zum "Troubadour der Freiheit" hoch gejubelten José "Zeca" Afonso (1929-87).

[Wappen der Schweinestadt Grândola]

Amália versucht zunächst - wie fünf Jahre später die Iranerin Gougoush -, sich beim neuen Regime anzubiedern: Sie nimmt ebenfalls das Grândola-Lied auf und besingt ihre Liebe zu einem bärtigen Matrosen, der eine Nelke - das Symbol der Revolution - zwischen den Zähnen trägt. Sie stößt damit jedoch auf wenig Gegenliebe; in ihrer KGB- Stasi- Geheimdienst-Akte wird sie als "Anhängerin des fascistischen Regimes" geführt. Die Militärjunta erwägt, den Fado ganz zu verbieten, da er vom Volk zunehmend als Ausdruck der Nostalgie nach der "guten alten Zeit" vor der Revolution verstanden wird. Die Kommunisten lassen keinen Zweifel daran, was mit Leuten geschehen soll, die Salazar nachtrauern.


ab November: Amália nimmt fünf Jahre lang keine neuen Platten in Portugal mehr auf und verlegt ihre Auftritte überwiegend ins Ausland.

1975
Amália singt wieder im Pariser Olympia, das damals seine letzte große Blüte erlebt.

1977
Amália tritt in der New Yorker Carnegie Hall auf.

1979
Die Portugiesen wählen die kommunistische Regierung ab.


1980
April in Portugal: Amália feiert ihr Comeback in der Nacht vom 19. auf den 20. April (Führers Geburtstag) mit dem - selbstgeschriebenen - programmatischen Lied "Gostava de ser quem era [Ich genoß es die zu sein die ich war]".


Der neue Präsident Mário Soares verleiht ihr den Prinz-Heinrich-der-Seefahrer-Orden und würdigt sie als konservative, gottesfürchtige Frau.


Anstelle des 25. Aprils wird der Todestag von Camões (10. Juni) zum nationalen Feiertag erklärt, dessen 400. Wiederkehr landesweit gefeiert wird.**


1981
Amália nimmt eine LP mit "Liedern an das Jesuskind" auf.


1983
Amália nimmt "Perlimpimpim" auf, ihren letzten Single-Erfolg.


1986
Januar: Im Rahmen der "Süderweiterung" der Europäischen Gemeinschaft wird nach Griechenland und Spanien auch Portugal EG-Mitglied.


1987
Nach dem Wahlsieg des PSD werden die Verstaatlichungen rückgängig gemacht. José Afonso säuft sich vor Wut zu Tode (offizielle Todesursache: ALS).


1989
Amália feiert im Lissaboner Theatermuseum ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum.

1994
Lissabon wird zur "europäischen Kulturhauptstadt" erklärt. Bei den offiziellen Feierlichkeiten singt Amália zum letzten Mal vor Publikum.
25. April: Am 20. Jahrestag der "Nelken-Revolution" geißelt Amália in einer öffentlichen Rede noch einmal den kommunistischen Putsch von 1974, der Portugal 20 Jahre zurück geworfen hat, und lobt ausdrücklich die segensreiche Ära des "Salazarismo".

1995
Der Fernsehsender RTP strahlt eine fünfteilige Dokumentation über Amálias "merkwürdiges Leben" ("Uma estranha forma de vida") aus.
Amália - die Jahrezehnte lang Kettenraucherin war - erkrankt an Lungenkrebs.


1997
"Segredo", Amálias letztes "neues" Album erscheint. Es enthält überwiegend Lieder - und Bilder -, die schon vor ihrer Erkrankung aufgenommen wurden.


1998
Anläßlich der Weltausstellung in Lissabon wird Amália für ihre letzte Platte, "O melhor de Amália" - ebenfalls eine Sammlung alter Aufnahmen - geehrt.


1999
06. Oktober: Amália Rodrigues stirbt in Lissabon und wird auf dem Prazeres-Friedhof beigesetzt; sie wird jedoch angeblich wieder ausgegraben und ins Pantheon überführt - jedenfalls wird dort ein entsprechender Sarg aufgestellt.


2001
Amálias Haus in Lissabon wird in ein Museum umgewandelt.
Eine der größten Grünflächen in der Innenstadt Lissabons wird in "Amália-Rodrigues-Garten" umbenannt.


Um ihr musikalisches Erbe als "Königin des Fado" streiten Dulce Pontes und die "Anti-Salazaristin" Mísia (die vor allem von linken Medienmachern außerhalb Portugals hoch gejubelt wird). Aber auch posthum verkaufen sich Amálias Platten immer noch am besten. Um zu verhindern, daß sie in gewissen Ländern als Salazar-Sympathisantin auf den ungeschriebenen Index gesetzt wird, lassen ihre Verleger die Legende verbreiten, daß Amália insgeheim Kommunistin gewesen sei - was inzwischen als Empfehlung gilt. Ferner wird im Tal der AhnungslosenAusland das Märchen verbreitet, daß der Fado unter Salazar immer kurz vor dem Verbot gestanden habe und erst durch die "demokratische" Revolution von 1974 rehabilitiert worden sei.

2007
März: Der Staatssender RTB läßt die "größten Portugiesen" wählen. Amália landet als höchstplazierte von nur vier Musikanten*** auf Platz 14. Sie ist damit zugleich die einzige Frau unter den ersten 30.


*Warum hat Dikigoros das alte Titelbild ersetzt? Nun, für gewöhnlich bevorzugt er Zeichnungen gegenüber Fotos, weil erstere meist "zeitloser" sind. Aber hier mußte er nachträglich feststellen, daß das alte Titelbild gar keine originäre Zeichnung war, sondern vielmehr die gezeichnete Kopie eines Fotos, noch dazu eines ziemlich "einseitigen"; da fand er das von der Autogrammkarte doch ansprechender, wenngleich es leider nicht signiert ist, so daß er die Unterschrift anderweitig besorgen mußte. Auch die gibt es "besser", aber meist ohne den eigentlich obligatorischen Akzent auf dem zweiten "á". Wegen des letzteren Mankos hat er auch der Versuchung widerstanden, eine "all-in-all"-Lösung mit Foto, Signatur und Lebensdaten an den Anfang zu stellen. Einstweilen hält er die jetzt gewählte Lösung für die am wenigsten schlechte.

**Portugal ist das einzige Land der Welt, das den Todestag eines Dichters zu seinem Nationalfeiertag erklärt hat. Dies geschah in bewußter Abkehr von "historischen" Gedenktagen, die allzu leicht eine Beute des politischen Tagesgeschäfts wurden; Portugal hatte im 20. Jahrhundert fünf verschiedene Nationalfeiertage: bis 1910 den 1. Dezember (1640, Unabhängigkeit Portugals von Spanien), bis 1926 den 5. Oktober (1910, Sturz der Monarchie), bis 1974 den 28. Mai (1926, Marsch auf Lissabon), bis 1980 den 25. April (1974, Militärputsch der "Junta de salvação") und seit 1980 den 10. Juni (1580, Todestag von Camões).

***Die anderen sind José Afonso (29.), Mariza (61.) und António Variações (98.)


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