Im Mexiko der 1930er und 1940er Jahre trafen drei europäische Minderheiten aufeinander, denen die deutschsprachige Herkunft und eine geringe Bereitschaft zur Assimilation gemeinsam waren, die aber darüberhinaus aufgrund ihrer unterschiedlichen kulturellen Prägungen und politischen Orientierungen in Gegensätzen zueinander verharrten, die nur selten überbrückbar waren.
Anders als Argentinien oder Brasilien war Mexiko traditionell kein Land deutscher Masseneinwanderung, abgesehen von einer landwirtschaftlichen Siedlung deutschsprachiger Mennoniten aus den USA, die sich in Nordmexiko niedergelassen hatten, gab es keine geschlossenen deutschen Siedlungsgebiete. Die rund 6.000 Auslandsdeutschen, die in den 1930er Jahren - als naturalisierte Mexikaner oder deutsche Staatsangehörige - in Mexiko lebten, waren seit dem letzten Jahrhundert in kleinen Gruppen zugezogene Auswanderer und deutsche Firmenvertreter. Sie bildeten eine größtenteils in der Hauptstadt ansässige, gegenüber der mexikanischen Bevölkerung weitgehend abgeschlossene Minderheit. Kleinere Gruppen gab es auch in anderen Handels- und Wirtschaftszentren. Aufgrund ihrer geringen Zahl und nicht zuletzt aufgrund der gesellschaftspolitischen Entwicklungen im Mexiko des frühen 20. Jahrhunderts spielten die Mexiko-Deutschen in der Wirtschaft des Landes nur eine untergeordnete Rolle. Über marktbeherrschende Positionen verfügten sie lediglich im Handel mit Drogerieartikeln, im Eisenwarenhandel und in den Kaffeeanbaugebieten des südmexikanischen Bundesstaates Chiapas. Hier wurden noch Ende der 1930er Jahre, trotz vorangegangener Enteignungen und der Landreform, 60-70% der Kaffee-Produktion von deutschen Händlern und Plantagenbesitzern kontrolliert.
Obwohl unter den frühen Mexiko-Einwanderern Liberale waren, die Deutschland nach 1848 verlassen hatten, und ihnen später auch einzelne Sozialisten gefolgt waren, war die deutsche Kolonie in Mexiko bereits um die Jahrhundertwende in ihrer Mehrheit monarchistisch und extrem nationalistisch eingestellt. Der konservative auslandsdeutsche Nationalismus, an sich schon stabilisierende ideologische Schutzreaktion einer Minderheit gegen den Assimilationsdruck der fremdsprachigen Umgebung, wurde durch den verlorenen Ersten Weltkrieg und die deutsche Nachkriegsentwicklung gefördert, wie auch durch die für privilegierte Schichten bedrohlichen jahrzehntelangen Wirren der Mexikanischen Revolution bestärkt. Von Ausnahmen abgesehen, darunter einer kleinen Gruppe deutscher Demokraten, die in den 1920er Jahren die Vereinigung Deutscher Republikaner in Mexiko bildeten, fanden die Auslandsdeutschen politisch nie Zugang zur Weimarer Republik. Als die bereits 1932 gebildete Landesgruppe Mexiko der NSDAP-Auslandsorganisation (AO) im Verein mit der Gesandtschaft des NS-Staates Kurs auf die politische Übernahme der auslandsdeutschen Einrichtungen nahm, war die Mehrheit gern bereit, das kaiserliche Schwarz-Weiß-Rot gegen die Hakenkreuzfahne einzutauschen.
Zentrum des auslandsdeutschen Gemeinschaftslebens war seit 1848 das Deutsche Haus, ein klubähnlicher Zusammenschluß, aus dem verschiedene Sport-, Hilfs- und Interessenvereine hervorgegangen waren. Daneben bestanden die in den 30er Jahren drei Mal wöchentlich in 2000 Exemplaren erscheinende Deutsche Zeitung von Mexiko und als wichtigste Institution eine von Berlin subventionierte deutsche Privatschule, an der zu dieser Zeit etwa 1.500 deutsche und mexikanische Schüler unterrichtet wurden. Trotz anfänglicher Widerstände der Honoratioren, die sich ungeachtet ihrer politischen Sympathien nicht aus den angestammten Positionen verdrängen lassen wollten, gelang es der Gesandtschaft und den örtlichen Führern der AO, in wenigen Jahren die auslandsdeutschen Vereinigungen unter ihre Kontrolle zu bringen. Als effektives Instrumentarium erwies sich dabei eine Anfang 1935 gebildete Deutsche Volksgemeinschaft in Mexiko, die als Dachverband sämtliche Institutionen erfaßte. Die Landesgruppe selbst erweiterte die Zahl ihrer Mitglieder von zunächst 45 auf 376 im Jahr 1939 und besetzte die Führungsposten vieler Einrichtungen, darunter auch der deutschen Schule. Obwohl das mexikanische Erziehungsministerium, dessen Oberaufsicht auch Privatschulen unterstanden, keine Rassendiskriminierung zuließ, war jüdischen Kindern ein Verbleib auf der Schule, in der zunehmend HJ- und BDM-Verbände das Bild bestimmten, in der Praxis nicht möglich. Selbst eine renommierte wissenschaftliche Vereinigung mit internationaler Mitgliedschaft wie die Deutsch-Mexikanistische Vereinigung blieb nicht frei von der allgegenwärtigen nationalsozialistischen Einflußnahme. Zusätzlich zu der NS-kontrollierten Deutschen Zeitung von Mexiko erschienen ein monatlicher N.S.-Herold als Organ der Landesgruppe (Auflage 1.100) sowie ab 1935 in vergleichsweise hoher Auflage (4.000) die Mitteilungen der Deutschen Volksgemeinschaft als zusätzliches Medium der NS-Propaganda. Wenn auch die Gleichschaltung der deutschen Kolonie nicht ohne Druckmittel vonstatten ging - hierzu gehörten ökonomische Pressionen gegen die meist am deutsch-mexikanischen Handel beteiligten auslandsdeutschen Geschäftsleute -, erfolgte sie im wesentlichen doch freiwillig. Unter den Bedingungen der mexikanischen Legalität und der mexikanischen Politik, in einem Land nämlich, das als einziges der westlichen Welt die spanische Republik gegen Franco und die Intervention unterstützte und sich in scharfer ideologischer Frontstellung gegenüber Hitlerdeutschland befand, wäre es ohne weiteres möglich gewesen, sich dem nationalsozialistischen Druck offen entgegenzustellen. Diese Möglichkeit wurde jedoch nur in Einzelfällen genutzt. Bei der Mehrheit der Auslandsdeutschen setzten sich - gefördert von einer geschickt argumentierenden Propaganda - die Triebkräfte des auslandsdeutschen Nationalismus und der auslandsdeutschen Gruppensolidarität gegen alle Vorbehalte durch:
Bei der Winterhilfswerk-Sammlung 1940/41 brachten die Mexiko-Deutschen den Betrag von 100.000 Reichsmark auf und erreichten damit - wie der Gesandte Rüdt von Collenberg stolz vermerkte (Tagebuch, 16.10.1941) - ein Pro-Kopf-Spendenergebnis, das doppelt so hoch wie das der Bevölkerung in Deutschland war. Die nationalsozialistische Ausrichtung der Mexiko-Deutschen diente ihrer Instrumentalisierung für die Zwecke der deutschen Außenpolitik in
Mexiko, die in den 1930er Jahren auf den Ausbau von Wirtschaftspositionen und die propagandistische Beeinflussung der traditionell deutschfreundlichen mexikanischen Öffentlichkeit zielte. Entgegen zeitgenössischen Befürchtungen und der mit Kriegsbeginn einsetzenden Fünfte-Kolonne-Hysterie konnte Hitlerdeutschland aber in Mexiko keinen politischen Bodengewinn verbuchen. Vielmehr verstand es die Regierung
Cárdenas
(1934-1940) - an deren Haltung ihr Spanien-Engagement oder auch der weltweit einsame Protest gegen die Annexion Österreichs keinen Zweifel lassen konnten -, die Gegensätze zwischen den Großmächten im nationalen Interesse zu nutzen: So wurde zum Beispiel mexikanisches Öl - 1938 verstaatlicht und in der Folge von angloamerikanischer Seite boykottiert - bis ins Kriegsjahr 1940 nach Deutschland geliefert, ohne daß dem eine politische Annäherung entsprochen hätte.
In den ersten Kriegsjahren verengten sich die für ein Lavieren zwischen den Großmächten nutzbaren Handlungsspielräume
zusehends. Die USA nahmen Kurs auf die Sicherung ihrer südlichen Flanke,
und für die gleichgeschaltete auslandsdeutsche Kolonie in Mexiko begann
eine Phase der Absicherung und Abschirmung. In exponierten öffentlichen
Funktionen machten Reichsdeutsche sogenannten 'Volksdeutschen'
mexikanischer Nationalität Platz. Die Landesgruppe der AO verkündete im
April 1941 ihre freiwillige Selbstauflösung, und die für den dritten
Kriegswinter geplante Winterhilfswerk-Sammlung wurde kurzerhand als
Soziales Hilfswerk für Mexico bezeichnet. Als im Juli 1941 in den USA
schwarze Listen am deutsch-mexikanischen Handel beteiligter Firmen
publiziert wurden, begannen nüchtern kalkulierende auslandsdeutsche
Geschäftsleute, Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen. Dem Abbruch der
diplomatischen Beziehungen Mexikos zu den Achsenmächten nach Japans
Angriff auf Pearl Harbor folgte im Januar 1942 die Abreise der 42
offiziellen Gesandtschaftsmitarbeiter und damit eine wesentliche
Schwächung der AO. Bald darauf setzten die Behörden ihrer Tätigkeit ein
Ende. Noch vor Mexikos Kriegseintritt im Mai 1942 (den die Versenkung
eines mexikanischen Tankers durch deutsche U-Boote provozierte) wurden
deutsche Spionageringe ausgehoben und führende NSDAP-Mitglieder
verhaftet, interniert bzw. in einigen Fällen auch in die USA deportiert.
Für die Gesamtheit der Deutschen und Deutschstämmigen hatte Mexikos
Kriegseintritt eine Reihe von Restriktionen im Rahmen einer 'Feindliche
Ausländer'-Politik zur Folge. Soziale und kulturelle Einrichtungen
wurden aufgelöst oder - wie etwa die deutsche Schule - unter
mexikanischer Leitung weitergeführt. Vermögenswerte und Firmen wurden
beschlagnahmt bzw. unter mexikanische Verwaltung gestellt, die
Auslandsdeutschen unterlagen Reisebeschränkungen und mußten zum Teil in
die Hauptstadt übersiedeln.
Alles in allem war Mexikos 'Feindliche Ausländer'-Politik aber liberal. Interniert wurden nur die wichtigsten
Funktionäre und Aktivisten der AO, und im Internierungslager Perote
herrschte eine Art offener Vollzug. Manche deutsche Seeleute, die in
mexikanischen Häfen vom Kriegseintritt überrascht und nach Perote
überstellt wurden, haben dort Familien gegründet und eine neue Heimat gefunden.
Anfang der 1930er Jahre lebten in Mexiko etwa 20.000 Juden vorwiegend osteuropäischer bzw. levantinischer Provenienz. Der Anteil der Deutschsprachigen unter ihnen war mit weniger als 100 verschwindend gering. Im April 1933 meldeten sich einige von ihnen als Verband Deutscher Israeliten in Mexiko zu Wort. In einem Schreiben an den "sehr geehrten Herrn Reichskanzler" brachten sie ihr Interesse an der Wahrung ihrer "ungeschmälerten Rechte als deutsche Reichsangehörige" zum Ausdruck (Schreiben vom 28.4.1933). Spätestens die um 1936 eintreffenden ersten Gruppen deutsch-jüdischer Emigranten dürften ihnen deutlich gemacht haben, wie wenig Verständnis man in Deutschland ihren
Bestrebungen entgegenbrachte. Bis Mitte 1940 war die Zahl der
deutschsprachigen Juden in Mexiko auf rund 800 angestiegen, bis Ende
1942 dürfte sie mehr als das Doppelte betragen haben. Gemessen an den
Aufnahmeziffern anderer lateinamerikanischer Staaten wie Argentinien,
Brasilien oder auch Chile, die fünfstellige Zahlen aufweisen, war
Mexikos Bereitschaft zur Aufnahme jüdischer Flüchtlinge also
ausgesprochen gering. Eine strenge Quotenregelung, die überdies auch in
den prekärsten Jahren der Massenemigration aus Europa nicht ausgeschöpft
werden konnte, benachteiligte mitteleuropäische Einwanderer zugunsten
der Südeuropäer. Über 15.000 spanisch-republikanische Flüchtlinge fanden
ab 1939 in Mexiko Aufnahme, während es im gleichen Zeitraum im Hafen von
Veracruz immer wieder zu spektakulären Einreiseverweigerungen für
unzureichend dokumentierte jüdische Passagiere der überfüllten
Flüchtlingsschiffe kam. Die restriktive Haltung der mexikanischen
Behörden gegenüber den jüdischen Flüchtlingen beruhte dabei weniger auf
dem - wie andernorts in Lateinamerika, so auch in Mexiko
allgegenwärtigen, katholisch inspirierten Antisemitismus, als vielmehr
auf ideologischen Konzepten einer mexikanischen Identitätssuche, die in
Folge der bewegten Revolutionsjahre entwickelt worden waren. Als
Kernstück der zu findenden Mexikanität definierten führende
Intellektuelle seit den 1920er Jahren den 'mestizaje', die Verschmelzung
der europäischen und indianischen Rassen. Die Quotenregelung, die sich
so sehr zum Nachteil der jüdischen Flüchtlinge auswirkte, folgte
unmittelbar einer hiervon inspirierten, 1936 in Kraft getretenen
demographischen Gesetzgebung, die explizit iberischen und
lateinamerikanischen Einwanderern aufgrund der historisch-kulturell
begründeten Assimilationsbereitschaft dieser Nationalitäten den Vorzug gab.
Wichtigste Sammelpunkte der deutschsprachigen Juden in Mexiko wurden nicht die zahlreich bestehenden Einrichtungen der
jüdischen Minderheit, sondern die 1938 von deutschen Juden gegründete Menorah - Vereinigung Deutschsprechender Juden. Diese Absonderung, relativiert nur durch die Zugehörigkeit zum Dachverband jüdischer Organisationen, war zum einen Ausdruck einer innerjüdischen kulturellen Differenz: Die in Deutschland und Österreich weitgehend assimilierten Juden, die sich in Mexiko zusammenfanden, standen dem von ostjüdischen und sephardischen Traditionen bestimmten Leben der mexikanischen Juden eher fern. Zum anderen war sie Ausdruck der besonderen kulturellen Prägung dieser Flüchtlinge. Nur eine Minderheit wandte sich in Mexiko radikal von 'allem Deutschen' ab. Ebenfalls nur eine Minderheit wandte sich mit durchgängiger Konsequenz Palästina und der zionistischen Idee zu. Die Mehrheit blieb bei jeweils unterschiedlich nuancierten jüdischem Selbstverständnis zumindest der deutschen Sprache, darüberhinaus deutschen und österreichen Traditionen im weitesten Sinne verbunden. Die Organisierung eines entsprechenden kulturellen Lebens gehörte zu den
erklärten Zielen der Menorah; und welches Gewicht letzterem zukam, deutet ein rückblickend verfaßter Vereinsbericht an:
Zu den Aktivitäten der Menorah gehörten natur- und geisteswissenschaftliche Vorträge, Lesungen, Konzerte und Theaterabende, darunter auch eine Aufführung von Goethes Scherz, List und Rache im Mai 1942 - ein Ereignis, das den Charakter der kulturellen Bindungen der Menorah exemplarisch belegt. Die große Zahl von Akademikern und vornehmlich österreichischen Musikern und Schauspielern unter den Mitgliedern war der Garant für die Aufrechterhaltung dieser Bindungen, die andererseits im Publikumsinteresse eine solide Basis hatten. Prominentester Vortragsredner war der Kunstkritiker Paul Westheim, einst wichtigster Kritiker-Apologet des Expressionismus in Deutschland, der jetzt vor den Mitgliedern der Menorah die ersten Ansätze seiner Ästhetik der altmexikanischen Kunst entwickelte.
Wie Westheim waren auch andere, 'eigentlich' politische Emigranten in der Menorah tätig. Eine Mitgliederliste aus dem Jahr 1943 belegt die Mitgliedschaft politischer Exilanten verschiedener Lager, insbesondere kommunistischer Exilanten jüdischer Abstammung. Jedoch gelang es dem Vorstand, die Vereinigung entgegen allen Versuchen politischer Instrumentalisierung oder Unterwanderung als überparteiliche, allgemeine Interessensvertretung und Kulturvereinigung der deutschsprachigen Juden in Mexiko zu erhalten. Das galt auch hinsichtlich zionistischer Avancen, die schließlich zur Bildung einer weiteren Gruppierung deutschsprachiger Juden führten. Die 1943 entstandene Hatikwah fusionierte bezeichnenderweise erst 1948, im Jahr der Staatsgründung Israels, mit der Menorah zu einer gemeinsamen Vereinigung.
Literaturhinweise:
Oeste de Bopp, Maruanne. Die Deutschen in Mexiko, in: Hartmut Fröschle (Hrsg.). Die Deutschen in Lateinamerika, Tübingen 1979, S. 475 - 564.
Pohle, Fritz. Das mexikanische Exil, Stuttgart 1986.
Lateinamerika Nachrichten. No. 251 und 252/53, 1995, Flucht und Migration I + II.
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