Vom Sprachdiktat zum Orwellstaat

von Viktor Farkas (Kopp Verlag, 16.10.2008)

Da in den USA eine einzige unbedachte Bemerkung zur Vernichtung der eigenen Existenz führen kann und sich auch in der »Alten Welt« Ähnliches anzubahnen droht, muss im Grunde eine neue Sprache gelernt werden, um der geforderten Korrektheit gerecht zu werden.

Leicht ist das allerdings nicht, wovon beispielsweise ein harmloser Traktorbesitzer ein Lied singen konnte. Wie eine Zeitung berichtete, wurde er 2006 von einem Landesratsamt zur Kraftfahrzeugzulassungsstelle beordert, wo ihm mitgeteilt wurde, das seit 30 Jahren anstandslos geführte Nummernschild »HEF-KZ 44« müsse ausgetauscht werden, denn die Kürzel HJ, KZ, NS, SA, SD und SS »hätten aus der Geschichte heraus eine belastete Bedeutung«. Ein ironisch gehaltener Protest verpuffte.

Hingegen erweiterte die Stadtverwaltung das Verbot der erwähnten Kürzel um die Buchstabenkombinationen AH, BH und HH. Bei AH und HH kann sich der Geübte vorstellen, was man hier hintanhalten wollte, aber bei BH? Gab es seit neuestem rechtsradikale Büstenhalter? Mitnichten. BH stünde für Blood and Honour. Alles klar? Es reicht der Platz nicht, um zu erklären, welche geheime rechte Bedeutung die Autonummern 14, 18 und 88 haben, die mittlerweile auch nicht mehr vergeben werden. Stattdessen der Kommentar eines Zynikers: Brecht meinte 1955 in seiner Kriegsfibel: »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch«, hat ihn aber nicht näher lokalisiert. Jetzt könnte er offenbar geworden sein: Es ist die Kfz-Zulassungsstelle.

Zeitgenossen, die den Regeln der »politcal correctness« (PC) nachspüren, die zwar nicht klar, aber nicht weniger kompliziert sind als die einer Fremdsprache, haben einen Katalog von zu Beachtendem ausgearbeitet, der natürlich von Vollständigkeit weit entfernt ist:

– Vermeidung der üblichen und verständlichen Bezeichnungen von Minderheiten.

– Einfügen des Binnen-I wo es nur geht, oder auch nicht geht (Zyniker fragen: Wann kommen endlich die MännerInnen? Auch von MörderInnen liest man selten. Beim gesprochenen Wort hört sich jede Klarheit auf.)

– Strenges Aussprechen der weiblichen und männlichen Formen: Bürgerinnen und Bürger, Zuhörerinnen und Zuhörer, Einwohnerinnen und Einwohner, Berlinerinnen und Berliner usw. (Liebhaberinnen sind derzeit noch ein Grenzfall und bei Worten wie Mensch oder Verwandter spießt es sich überhaupt.)

– Euphemismen für Behinderungen (»visuell Herausgeforderte« für Sehschwache oder »Andersbefähigte« für Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen. Aus englischen Landen kam sogar die Bezeichnung »vertically challenged« für Untergroße. Wohlgemerkt: Niemand soll an dieser Stelle verunglimpft oder lächerlich gemacht werden. Was aufgezeigt werden soll ist der Umstand, dass mit solchen Sprachverrenkungen den durch sie »Geschonten« schon mal ein Bärendienst geleistet werden kann. Beispielsweise Menschen mit Behinderungen, wenn die Empfänger der Aussendungen von Hilfsorganisationen zu ihrer Irritation in den Briefen, in denen sie um Spenden ersucht werden, von »Menschen mit besonderen Bedürfnissen« lesen müssen. Damit assoziiert nicht jeder sofort das Richtige.

– Vermeidung einer »Sprache der Gewalt« (»ungestümer Selbstverwirklicher« statt Mörder, »verhaltensauffällige« oder »verhaltensoriginelle Schüler« für kleine Gewalttäter).

Manche Kritiker meinen, mit Sprachverrenkungen oder Interpretationsorgien solle weder jemand geschont noch belasteten Doppeldeutigkeiten ein Riegel vorgeschoben, sondern auf allen Ebenen allgemeine Verwirrung verbreitet werden. Das Endziel wäre totale Konfusion: Niemand weiß mehr, was er eigentlich sagen darf und was nicht.

Vormals »normale« und auch von der Sprachwurzel her unbelastete Begriffe sind plötzlich verpönt. Verwendet man sie gedankenlos, steht man entweder am Pranger oder, wenn man Pech hat, vor Gericht. Am besten man sagt gar nichts, das irgendwie belastet sein könnte oder man konsultiert die tatsächlich existierenden und immer umfangreicher werdenden Listen von »Pfui-Wörtern«.

Maulkorbverteilung durch Unbekannt

Für manche sind die Exzesse der »political correctness« nicht mehr und nicht weniger als ein Angriff auf die Grundlagen der Demokratie. »Wo kommen wir denn hin«, ist zu vernehmen, »wenn Personen, die man nicht kennt – und die nicht der Gesetzgeber sind – die Macht haben, einem zu diktieren, was man zu sagen oder nicht zu sagen hat?«

Wie Leserbriefe beweisen, ist der »Fall Eva Herman« ein erschreckender Indikator dafür, wie sehr wir in unserer Meinungs- und auch Redefreiheit beschnitten sind. Auch wenn kein vernünftiger Mensch der NS-Zeit nachweint, so ändert das nichts am Faktum, dass eine sehr große Anzahl von Leuten Hermans Meinung sind und sich keine Gesellschaft wünschen, in der jeder gezwungen wird familiäre Strukturen zu Gunsten von kontrollierten Institutionen aufzugeben, um ausschließlich einem in letzter Konsequenz letalen Immer-mehr-Konsum zu huldigen.

Was harmlose Naturen naiv für Einzelerscheinungen oder schrullige Auswüchse halten, sind für Misstrauische unübersehbare Symptome einer tiefgreifenden Systemveränderung durch Sprachzerstörung, Gesinnungsverbote und gesetzlichen Anti-Diskriminierungsorgien, die manche als kalte Enteignung und Verhöhnung des im Westens hochgehaltenen freien Unternehmertums ansehen. Sie argumentieren: Warum darf ich als Unternehmer mein Geld nicht jemandem verweigern, der mir unsympathisch ist oder als Vermieter, dem die Wohnung geben, der mir, warum auch immer, mehr zu Gesicht steht als ein anderer? Es ist doch schließlich mein Geld und meine Wohnung – oder vielleicht doch nicht?

Die Zeit wird kommen, so unken die Misstrauischen, in der es immer schwieriger, fast schon unmöglich wird, in einer überwachten und vor Gummigesetzen strotzenden Vereinigung aus Großbank, Mafia und "UdSSR neu" – wie besonders Enttäuschte die EU heute nennen – nicht dauernd am Rande der gesellschaftlichen Ächtung, wenn nicht sogar Strafverfolgung zu lavieren.

Nach ihrer Ansicht ist es durch »Meinungsbildung« gelungen, zahlreichen Zeitgenossen nicht nur die Bereitschaft einzuimpfen, den Nachbarn, den Bürokollegen, ja sogar Familienmitglieder für potentielle Terroristen zu halten, sondern selbst aktiv nach Diskriminierern und Unkorrekten aller Art Ausschau zu halten, auf dass sie von den Behörden verfolgt werden können. George Orwell wäre begeistert. Seine Gedankenpolizei ist gar nicht mehr notwendig, der Bürger kontrolliert sich selbst.

Big Brother in Eigenregie

Ungeachtet der üblen Erfahrungen mit Spitzelsystemen in totalitären Regimen meinen heute viele Zeitgenossen in Demokratien: »Was ist schon dabei, wenn wir aufpassen sollen, was der Nachbar, der Kollege, die eigene Frau und unsere Freunde tun und lassen, denken und reden? Es geht schließlich um die Einhaltung von Gesetzen!« Manchen schmeichelt es sogar, zu den informellen Mitarbeitern der Behörden zu zählen. Auch wenn wir das nicht gerne eingestehen, genießen gar nicht so wenige die mit dem Anschwärzen anderer, ihnen vielleicht schon lange unsympathischer Mitmenschen verbundene heimliche Machtausübung. Daher bewährt sich gegenseitiges Ausspionieren stets großartig.

Unter dem griffigen Slogan »Verbrechensbekämpfung vom Sofa aus« rief im Januar 2006 die Londoner Metropolitan Police alle Bürger dazu auf, jegliches »verdächtige Verhalten« an die Behörden zu melden. Als Pilotprojekt erhielten »aufmerksame Bürger« im Londoner Stadtteil Shoreditch, Verwaltungsbezirk Hackney, die technischen Möglichkeiten für diese »verantwortungsvolle Aufgabe«: Über ihre TV-Geräte können Bewohner des sozialen Wohnungsbaus auf den »Gemeinde-Sicherheits-Kanal« schalten, worauf sie die Bilder von elf Überwachungskameras in der Nähe der Häuser erhalten. Ohne auch nur zum Telefon greifen zu müssen, kann jegliches »verdächtige Verhalten« durch einen Rückkanal an die Behörden gemeldet werden. Die Polizei hingegen kann über diesen Kanal Informationen über Anwohner ausstrahlen, die verdächtigt werden, gegen die im Jahr 2003 erlassenen »Gesetze gegen gesellschaftsfeindliches Verhalten« zu verstoßen. Was darunter zu verstehen ist, erscheint manchen allerdings als reichlich weit gefasst. Zu »gesellschaftsfeindlichem Verhalten« gehören nämlich nicht nur Vandalismus, Angriffe und Bedrohungen, sondern auch Betteln, Ruhestörung, Beleidigungen, Prostitution sowie bei Minderjährigen das Trinken von Alkohol und das Rauchen.

Nach Abschluss des erfolgreiches Pilotprojekt sollen 20.000 Haushalte die Möglichkeit erhalten haben, auf Hunderte »Closed Circuit Television«- (CCTV-) Überwachungskameras zuzugreifen. Manche Häuserblöcke sollen mit jeweils bis zu 400 Aufnahmegeräten bestückt worden sein. Weitere Londoner Stadtteile sind an dem Projekt interessiert.

Fachleute halten es für höchst unwahrscheinlich, dass durch diese Überwachung die Sicherheit in diesem oder jedem anderen Stadtteil verbessert werden könnte. Lediglich Verbrechern würde das Leben erleichtert. Gemütlich vor dem heimischen Fernseher sitzend, könnten Einbrecher beobachten, wie wohlhabende Bürger die Wohnungen verlassen, oder Kinderschänder die Schulwege ihrer Opfer ausspionieren.

Schön langsam beginnen sich nicht nur Paranoiker zu fragen, wohin diese, dem Empfinden weiter denkender Zeitgenossen überaus suspekte Entwicklung eigentlich gehen mag und was uns noch als »Fortschritt« untergejubelt, korrekter gesagt, dekretiert wird.


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