Paavo Nurmi (1897 - 1973) Tabellarischer Lebenslauf

PAAVO NURMI

(1897 - 1973)

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

[Nurmi auf einer 1972 anläßlich der Olympischen Spielein München geprägten Medaille]

1897
13. Juni: Paavo Johannes Nurmi wird als erstes von fünf Kindern des Zimmermanns Johan Fredrik Nurmi und seiner Ehefrau Matilda Wilhelmiina, geb. Laine, in Turku geboren. Finnland - lange Zeit eine schwedische Kolonie, in der Ende des 19. Jahrhunderts weniger als zwei Millionen ethnische Finnen leben - wird seit 1809 als "Großherzogtum" in Personalunion vom russischen Tsaren regiert.
(Seit dem Vorjahr ist das Nikolaj II. 1896 haben auch - in Griechenland - die ersten "Olympischen Spiele" der Neuzeit statt gefunden, freilich ohne größere Beachtung zu finden.)


1911
Paavo wird Laufbursche bei einer Bäckerei.
(Das ist wörtlich zu nehmen. Damals wurden die Brötchen noch nicht per Fahrrad ausgetragen oder gar per Auto - wo gab's denn schon sowas? In Finnland nicht! -, sondern per pedes; und die Brotkarren wurden per Hand gezogen oder geschoben - Laufburschen waren billiger als Pferde! :-)

1912
Bei den Olympischen Sommerspielen in Stockholm dominiert der Finne Hannes Kolehmainen die Langstreckenläufe. Sein Ruhm dringt - auch ohne Radio (Fernsehen gibt es noch nicht) - bis zu den Nurmis durch; Paavo beschließt, es seinem Landsmann eines Tages gleich zu tun und tritt dem Sportverein Turun Urheiluliitto bei.


1914
August: Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

1916
Die Olympischen Sommerspiele - die in Berlin statt finden sollten - fallen kriegsbedingt aus.
(Es ist aber zweifelhaft, ob Nurmi als 19-jähriger schon stark genug gewesen wäre, um sich für eine Teilnahme zu qualifizieren, geschweige denn Medaillen zu gewinnen.)

1917
März: Nach der "Februar"-Revolution (in Rußland gilt noch der alte, "iulianische" Kalender) dankt der Tsar ab - auch als Großherzog von Finnland.
November: Nach der "Oktober"-Revolution rufen jüdische Kommunisten einen "Bund der Räte-Republiken" (im Westen später meist "Sowjet-Union" o.ä. genannt) aus.
Dezember: Auch in Finnland versuchen Kommunisten, gewaltsam die Macht zu ergreifen; ein "Bürgerkrieg" bricht aus. (Dikigoros setzt das - entgegen der herrschenden Lehre - in Anführungsstriche, da ja nur auf der einen Seite "Bürger" kämpfen. auf der anderen dagegen - angeblich - nur "Arbeiter und Bauern" :-)

1918
April/Mai: Deutsche Truppen (und aus finnisch-stämmigen Kriegsgefangenen aufgestellte Freiwilligenverbände) kämpfen Finnland frei.
November/Dezember: Nach der Kriegsniederlage der Mittelmächte bricht der "Bürgerkrieg" erneut aus.


Das finnische Parlament führt die alte schwedische (!) Verfassung von 1772 wieder ein, holt Carl Gustav Mannerheim - einen russischen General schwedischer-holländischer Abstammung, der nicht mal richtig Finnisch spricht - aus dem französischen Exil zurück und ernennt ihn zum "Reichsverweser".

1919
März: Nach Neuwahlen verschiebt sich die Parlamentsmehrheit. Die Abgeordneten berufen Mannerheim ab und küren Kaarlo Juho Ståhlberg zum Präsidenten.
April: Nurmi wird zum Militär eingezogen, muß jedoch nicht an die Front, sondern wird von seinem sportbegeisterten Kompaniechef weitgehend zum Training freigestellt.

1920
Mai: Nurmi stellt seinen ersten finnischen Rekord auf - im 3.000-m-Lauf - und qualifiziert sich anschließend auch über 5.000 m und 10.000 m für die Olympischen Spiele in Antwerpen.
August: Dortselbst gewinnt er die Silbermedaille über 5.000 m sowie drei Goldmedaillen über 10.000 m (Bahn, Querfeldein Einzel- und Mannschaftswertung).


Zur Belohnung gewährt ihm die Technische Hochschule Helsinki einen Studienplatz (auch ohne formale schulische Qualifikation) und ein Stipendium.
(Niemand sieht darin einen Verstoß gegen das "Amateurstatut", ebensowenig darin, daß ein Gönner seinem Elternhaus eine Strom- und eine Wasserleitung spendiert.)


Oktober: Nach ihrem Sieg im "Bürgerkrieg" schließen die finnischen Sesselpupser Bürgerlichen den Frieden von Dorpat mit der Sowjet-Union und verzichten für das Linsengericht der "Anerkennung der Unabhängigkeit" auf das - überwiegend von Finnen besiedelte - Ostkarelien mit der wichtigen Hafenstadt Murmansk. Wie so oft in der Geschichte verspielen unfähige Politiker und Diplomaten am Verhandlungstisch leichtfertig Gewinne, die das Militär zuvor unter großen Blutopfern errungen hatte.*


1921-23
Nurmi bricht die Weltrekorde über 1.500 m, die Meile, 3.000 m, 5.000 m und 10.000 m und immerhin den finnischen Rekord über 800 m.

1923
Nurmi schließt sein Studium als Dipl.-Ingenieur ab.

1924
Juli: Bei den Olympischen Spielen in Paris gewinnt Nurmi trotz eng gesteckten Zeitplans und brütender Hitze 5 Goldmedaillen über 1.500 m (Einzel- und Mannschaft), 5.000 m und 10.000 m Querfeldein (Einzel- und Mannschaft) und stellt dabei zwei neue olympische Rekorde auf.
(Er ist überzeugt, daß er auch die 10.000 m auf der Bahn gewonnen hätte; aber das finnische OK nominiert dafür Ville Ritola - der sie ebenso gewinnt wie die 3.000 m Hindernis.)

1925
Januar-Mai: Nurmi absolviert eine Tournee durch die USA und Kanada. Er gewinnt 53 von 55 Rennen - von 800 m bis 10.000 m - und stellt dabei zwei neue Weltrekorde - über die Meile und über 5.000 m - auf.
(10 weitere [Hallen-]Weltrekorde werden nicht anerkannt, da es sie offiziell noch nicht gibt.**)
Die Rennen werden von den Veranstaltern professionell aufgezogen, mit Nurmi als groß heraus gestellter Attraktion und für damalige Zeiten recht "happigen" Eintrittspreisen. Es wäre naïv anzunehmen, daß er das für den König von Preußen umsonst täte.


Anschließend wird er von Präsident Calvin Coolidge im Weißen Haus empfangen.
(Zieht bitte aus den sauertöpfischen Mienen keine falschen Schlüsse, liebe Leser; beide waren für ihren ständig griesgrämigen Gesichtsausdruck bekannt :-)


1926
Oktober: Nurmi verliert - für ihn überraschend - einen 1.500-m-Lauf gegen - und zugleich seinen Weltrekord an - Otto Peltzer. (Er hatte wohl ganz verdrängt, daß seine großen Erfolge auch dadurch ermöglicht wurden, daß deutsche Sportler bis 1924 von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen waren :-)

1928
Juli/August: Bei den Olympischen Spielen in Amsterdam holt Nurmi Gold über 10.000 m sowie Silber über 3.000 m Hindernis und 5.000 m. (Die Goldmedaillen gewinnen zwei andere Finnen, nämlich Ritola und Loukola - mit neuem Weltrekord.)

1929
Nurmi macht auch diesmal seine Medaillen auf einer längeren Tournee durch Nordamerika zu Geld.

1931
Nurmi macht Werbung für das Anabolikum "Rejuven" - wobei offen bleibt, ob seine Aussage, es selber genommen und so seine Leistungen gesteigert zu haben, nicht bloß ein "Werbegag" ist.
(Selbst wenn - Doping war damals noch generell erlaubt, und die Einnahme von Anabolika wäre wahrscheinlich gar nicht als solches angesehen worden, da sie nicht unmittelbar, sondern nur "langfristig" wirkt.)


1932
April: Nurmi wird von der Internationalen Amateur-Athletik-Föderation [IAAF] wegen Verstoßes gegen das Amateur-Statut vorläufig gesperrt.
Juni: Der finnische Verband legt Einspruch ein und führt eine eigene Untersuchung durch, in der Nurmi von allen Vorwürfen freigesprochen wird, nimmt ihn mit zu den Olympischen Spielen in Los Angeles und meldet ihn für die 10.000 m und den Marathon.
Juli: die IAAF weist den finnischen Einspruch zurück und sperrt Nurmi lebenslänglich; das IOC schließt sich dem an.***
Oktober: Nurmi heiratet Sylvi Laaksonen, ein verwöhntes Millionärstöchterchen, das für den "Proletensport" Leichtathletik keinerlei Interesse aufbringt.
(Warum sie dann ausgerechnet Nurmi heiratete? Weil sie zum Zeitpunkt der Hochzeit mit Recht davon ausgehen konnte, daß seine Sportlerkarriere beendet war.)


Aus der Ehe - die 1935 geschieden wird - geht ein Sohn - Matti - hervor, der die 3.000 m ebenso schnell läuft wie sein Vater, damit aber eine Generation später keinen Lorbeer mehr ernten kann.

1936
August: Bei den Olympischen Sommerspielen in Berlin betreut Nurmi die finnische Mannschaft, die außerordentlich erfolgreich ist - vor allem im Langstreckenlauf.
(Herausragend der 10.000-m-Lauf, bei dem die Finnen alle drei Medaillen gewinnen - mit Gold für Ilmari Salminen.)


Zurück aus Berlin, eröffnet Nurmi ein Geschäft für Sportbekleidung in Helsinki.
Dieses dient jedoch vornehmlich als "Schaufenster" für Touristen. Hinter dieser Fassade steigt Nurmi ganz groß ins Baugeschäft ein, wird binnen weniger Jahre Multimillionär und einer der reichsten Männer Finnlands. (Er äußert später, daß der Wohnungsbau viel wichtiger sei als der Wettkampfsport.)

1939
September: Großbritannien und Frankreich nehmen den Beginn des Polenfeldzugs zum Anlaß, dem Deutschen Reich den Krieg zu erklären - nicht aber der Sowjet-Union, als auch die Rote Armee in Polen einrückt. Auch die Annektion der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen nehmen die "Demokratien" des "Wertewestens" achselzuckend hin.
November: Dadurch ermutigt, überfällt die Sowjet-Union auch Finnland.

1940
Februar: Nurmi reist in die USA - diesmal ganz offiziell gegen Geld, das er der finnischen Kriegskasse spenden will.
März: Der "Winterkrieg" endet jedoch, als die Westmächte Anstalten machen, in Finnland einzumarschieren, abrupt; Finnland tritt im Frieden von Moskau einige Randgebiete an die SU ab.
Juli/August: Die Olympischen Sommerspiele in Helsinki fallen gleichwohl aus - obwohl außer den Deutschen und Briten (und den Chinesen und Japanern) zur Zeit niemand Krieg führt.

1941
Juni: Finnland überlegt es sich anders und nimmt den Krieg gegen die Sowjet-Union wieder auf (als "Fortsetzungskrieg") in der Hoffnung, daß der deutsche "Rußlandfeldzug" gelingen möge und es ein Stück vom Kuchen abbekommen werde.****
Nurmi wird eingezogen und dient in einer Nachschubeinheit als Sportfeldwebel (bis 1942).

1944
September: Finnland wechselt erneut die Seiten, tritt der SU weitere Gebiete ab und erklärt Deutschland den Krieg. (Zu größeren Kampfhandlungen kommt es jedoch nicht - die Wehrmacht räumt Finnland mehr oder weniger unbehelligt.)

1945
Mai: Die Sowjet-Union zählt zu den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs und dehnt ihr Einflußgebiet im Westen weit über die Grenzen des einstigen Tsarenreichs aus.

1948
Der von Stalin diktierte Vertrag über "Freundschaft, Kooperation und Beistand" macht Finnland - für das die Westmächte keinen Finger rühren - de facto zu einem Satelliten der Sowjet-Union.
Finnland ist vom Krieg ruiniert, zumal es - anders als etwa die DDR, Polen oder die Tschecho-Slowakei - nicht auf von Deutschen geschaffene Industrien zurück greifen kann.
Nurmis Bauunternehmen tut das jedoch keinen Abbruch - im Gegenteil.

1952
Juli/August: Die Olympischen Sommerspiele finden mit 12-jähriger Verspätung in Helsinki statt.
Auf Betreiben von Ministerpräsident Kekkonen wird vor dem Olympiastadium ein Nurmi-Denkmal aufgestellt - welches auch, leicht geschönt, das offizielle Werbe-Poster ziert -, und er darf als Schlußläufer der Fackel-Staffette das olympische Feuer entzünden.
Die IOC-BonzenFunktionäre schäumen vor Wut, sind aber machtlos: Der Fackellauf und das Entzünden der Flamme im Ölkessel ist kein offizieller Bestandteil des olympischen Programms, sondern Sache des Ausrichters - eine Erfindung der bösen Nazi-Deutschen aus dem Jahre 1936. Die Finnen haben die Teilnahme Nurmis bis zuletzt geheim gehalten; sein Einlauf ins Stadion ist eine große Überraschung: unangenehm für das IOC - denn er ist offiziell noch immer von allen Olympischen Spielen ausgeschlossen -, umso angenehmer für das Publikum, das vor Begeisterung tobt. (Das anschließende Entzünden der offiziellen olympischen Flamme in einer Art Pseudo-Leuchtturm, das niemanden mehr sonderlich interessiert, übernimmt dann Kolehmainen - der ja nicht gesperrt ist :-)


Ein Leser hat Dikigoros gemailt, daß es sich bei dem Denkmal bloß um eine von mehreren Kopien handele; das Original stehe in einem Museum. Das will er gerne glauben, denn das erklärt, weshalb es nicht lebensgroß, sondern doch etwas mickerig ist - für jeden, der davor steht und bis dahin nur die notorisch irreführenden Bilder mit dem perspektivisch kleinen Stadion im Hintergrund kannte, eine herbe Enttäuschung. Dennoch dürfte diese Kopie bekannter und weit öfter besichtigt worden sein als das Original.

1964
Nurmi wird noch einmal in die USA eingeladen, wo ihn Präsident Johnson im Weißen Haus empfängt.
Außer einem warmen Hundedreck Händedruck kann er jedoch von dort nichts mit nach Hause nehmen.
(Die USA sind gerade mit der Ausweitung des Luftkriegs in Vietnam beschäftigt und können sich nicht auch noch um die Belange eines relativ unwichtigen kleinen Landes am Rande Europas kümmern.)

1971
Finnland richtet die [10.] Leichtathletik-Europameisterschaften aus.


1972
Juli/August: Bei den Olympischen Sommerspielen in München gelingt dem Finno-Schweden Lasse Virén, was Nurmi verwehrt geblieben war: ein Doppelsieg über 5.000 m und 10.000 m.
Der salbungsvolle Hinweis, daß Nurmi diese "Renaissance der finnischen Leichtathletik" noch "miterlebt" habe, geht indes fehl: Er ist fast erblindet, halbseitig gelähmt und nach mehreren Herzinfarkten todkrank. Überhaupt hätte ihn das Wissen um eine Renaissance des Leistungssports wohl nicht glücklich gemacht; er hatte in den letzten Jahren wiederholt beklagt, daß zugunsten des letzteren der viel wichtigere Breitensport vernachlässigt und die Finnen zu einem Volk von Schlaffis würden, die selbst kürzere Strecken lieber mit dem Auto zurücklegten als per pedes.
(Als Virén seinen Erfolg vier Jahre später bei den Olympischen Sommerspielen in Montreal wiederholt, wird die Einspritzung von zuvor abgezapftem Eigenblut - entgegen der Definition von "Doping" als "Zuführung körperfremder Substanzen" - auf Betreiben der farmazeutischen Industrie verboten. "EPO" - das den gleichen Effekt hat - tritt seinen Siegeszug um die Welt an, besonders unter Langstreckenläufern u.a. Ausdauersportlern.)

1973
02. Oktober: Paavo Nurmi stirbt in Helsinki; nach einem Staatsakt dortselbst wird seine Leiche nach Turku überführt und im Familiengrab beigesetzt.



* * * * *


1987
Die finnische Staatsbank bringt zu Nurmis 90. Geburtstag einen 10-Markka-Schein mit seinem Konterfei heraus. (Ohne Namensnennung - er ist noch populär genug, daß ihn auch so jeder erkennt :-)


1997
Zehn Jahre später, an seinem 100. Geburtstag, scheint das schon nicht mehr der Fall zu sein - jedenfalls nach Meinung der Staatsbankster.*****


2004
Oktober-Dezember: Die Zuschauer des Fernsehsenders YLE wählen die "größten Finnen". Die ersten Plätze werden von Politikern und Militärs belegt. In der Top 10 plaziert sich kein einziger Sportler, in der Top 20 nur einer: der Skispringer Matti Nykänen. Nurmi belegt Platz 21 - als einziger Leichtathlet in der Top 100.

2012
März: Nurmi wird in die neu gegründete "Hall of Fame" der IAAF aufgenommen.******


*Für jene "Anerkennung" konnten sich die Finnen 20 Jahre später nichts mehr kaufen. Aber der Winterkrieg 1939/40 wäre vielleicht anders ausgegangen, wenn es zwischen Ladoga- und Onega-See eine relativ kurze, leicht zu verteidigende Befestigungslinie gegeben hätte und die Finnen entsprechend mehr Truppen an der Südfront hätten einsetzen können.

**Damals wußte man noch, daß Leichtathletik-Wettkämpfe in der Halle eine Schnapsidee sind, vor allen in den Laufdisziplinen. Je länger die Distanz, desto schlechter die Sauerstoffversorgung. "Hallen-Rekorde" sind daher immer langsamer als die im Freien aufgestellten.

***Am Verstoß gegen das Amateur-Statut kann - anders als etwa im Falle des Indianers Jim Thorpe - kein ernsthafter Zweifel bestehen. Schäbig sind "nur" die Begleitumstände: Wiewohl das Verfahren ganz eindeutig auf den schwedischen Verband zurück geht - treibende Figuren sind die Ganoven Sigfrid Edström und Bo Ekelund (die dem finnischen Verband unter der Hand anbieten, die Sperre gegen eine angemessene Schmiergeldzahlung aufzuheben) -, schafft es dieser, den "Schwarzen Peter" den Deutschen zuzuschieben: Ritter von Halt wird mit der Drohung, auch deutsche Athleten zu sperren, zu der falschen eidesstattlichen Versicherung erpreßt genötigt, Nurmi habe für einige Rennen, die er 1930 und 1931 in Deutschland bestritt, je 250-500 US-$ erhalten. (Das ist schon deshalb unglaubhaft, weil das Reich damals so gut wie pleite war und solche Summen - in Devisen! - für ein paar Laufveranstaltungen schwerlich bewilligt hätte.) Tatsächlich hatte Nurmi diese Summen aber schon in den 1920er Jahren auf seinen US-Tourneen erhalten und so insgesamt ein kleines Vermögen angehäuft, das ihm später seinen Start ins Geschäftsleben ermöglichte. Die Amerikaner schwiegen indes vornehm - sie hätten sich wohl auch nicht erpressen lassen; das skandalöse Verhalten der Schweden bei den Olympischen Spielen von Stockholm 1912 gegenüber George Patton war noch nicht vergessen.
Die Frage, ob für Nurmi mit immerhin schon 35 Jahren noch ernsthafte Medaillen-Chancen bestanden, hätte er selber uneingeschrankt mit "ja" beantwortet. Für den Marathon-Lauf würde sich Dikigoros dem anschließen. Er hat, wie einige Zeitgenossen auch, den/die/das Siegende, Juan["ita"] Zabala aus Argentinien, im Verdacht, der erste (und bisher einzige :-) "Trans-Mann" der Sportgeschichte zu sein. (Ein Marathon-Lauf für Frauen wurde nicht angeboten - das galt als zu anstrengend :-) Das zierliche Püppchen lief fast 10 Minuten langsamer als Nurmi in der Qualifikation.
Wie dem auch sei, bricht Finnland - das die Geschichte durchschaut - die sportlichen Beziehungen zu Schweden ab (bis 1939) und läßt Nurmi im Inland weiter zu Wettkämpfen antreten. (Er wird 1933 noch einmal finnischer Meister über 1.500 m.)

****Finnland sabotiert dieses Wunschergebnis jedoch selber - und zwar entscheidend -, indem es den deutschen Truppen einen Angriff auf die Murman-Bahn verwehrt, der sich mit ein paar Kompanien hätte bewerkstelligen lassen und die SU von westlichen Lieferungen abgeschnitten hätte. (Die kostspieligen Geleitzugschlachten im Atlantik wären dann überflüssig gewesen.) Selbst die patriotischten russischen Historiker bezweifeln heute nicht mehr, daß die SU den Krieg dann binnen weniger Monate verloren hätte. Dikigoros hat darüber bereits an anderer Stelle geschrieben; daher kann er sich hier auf diese kurze Fußnote beschränken.

*****Duplizität der Ereignisse: Die finnische Staatspost sieht das offenbar ebenso:

******Eine zweifelhafte Ehre, denn die Aufnahme beruht weniger auf sportlichen Meriten als vielmehr auf politischen Erwägungen und solchen der "political correctness". So werden Kolehmainen und Virén erst 2013 bzw. 2014 "nachgeschoben", Ritola und Salminen - die ähnlich erfolgreich waren - nie. Besonders peinlich ist die Aufnahme zahlreicher Doper[innen] - nicht nur aus dem Ostblock - und Profis. Objektiv gerechtfertigt ist die Aufnahme aber allemal: Nurmi ist noch immer der Leichtathlet, der die meisten Weltrekorde aufgestellt (Weltmeisterschaften gab es in seiner aktiven Zeit noch nicht), die meisten olympischen Medaillen und insbesondere die meisten olympischen Goldmedaillen gewonnen hat. (Diejenigen, die ihn später ein- oder überholten, betrieben durchweg Sportarten, in denen es erheblich mehr Disziplinen und somit auch Gewinnchancen gab, wie Turnen, Fechten oder Schwimmen.)


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