Lord Nelsons größte Stunde

Wie Englands Flotte in der Schlacht von
Trafalgar Napoleons Seemacht zerschlug

von Sten Nadolny (Die ZEIT, 06.10.2005)

»England expects that every man will do his d-u-t-y.« Beim letzten Wort musste man die Buchstaben einzeln setzen, es gab dafür kein Kürzel in der Flaggenschrift. Das Hissen des nachmals so berühmten Signals machte viel Arbeit, und es war auch schwer zu lesen. Man musste sich die Bestandteile des Satzes von der Vorroyalrah bis zur Besangaffel auf der Takelage des Nachbarschiffes zusammensuchen. Aber auf See ist Zeit für die merkwürdigsten Dinge, sogar direkt vor einer Schlacht. Die erste Idee für das Signal soll gelautet haben: »Nelson vertraut darauf, dass jeder Mann seine Pflicht tun wird.« Der Name des Admirals und das Wort confides hätten ebenfalls buchstabiert werden müssen – er entschied sich für England expects. Vielleicht auch aus Geschmacksgründen. Manchmal empfand er sich als etwas zu ruhmsüchtig für einen ordentlichen Christenmenschen, und was Gott über ihn dachte, war ihm nicht egal. Bei den Seeleuten hätte aber der Name ihres Admirals, so darf man annehmen, anspornender gewirkt als der ihres Landes.

Er war längst ein Star, ein wirklicher Held, sie folgten ihm mit einer Begeisterung, die man sonst nur von Napoleons Soldaten kannte. Das kam nicht allein daher, dass Nelson dafür bekannt war, mit suizidalem Mut die Entscheidung zu suchen, vor allem gab er seinen Leuten das Gefühl, dass er wirklich confided: dass er ihnen vertraute und dass er weniger Befehlshaber als Kamerad war. Das hat auch der junge Napoleon bei seinen Truppen erreicht, und er inszenierte es gekonnt bis zum Ende.

Man mag aber Nelson nicht mit Napoleon in einen Topf werfen. Nelsons Liebe zu seinen Seeleuten erscheint bis heute echter, herzlicher, spontaner. Man denke: Da hatte ein kleiner Midshipman, ein noch Halbwüchsiger, vor der Schlacht die Briefe aller Offiziere und Mannschaften eingesammelt und dem Kutter der Fregatte mitgegeben, die die Post nach England bringen sollte – und dabei im Eifer den eigenen Brief vergessen. Er war todunglücklich. Nelson schnappte etwas davon auf und erkundigte sich. Die Fregatte war schon weit weg, der Rumpf halb hinter der Kimm, aber Nelsons Signal konnte der Mann im Besantopp noch auffangen. Das Schiff kehrte zurück und nahm den Brief des jungen Mannes mit. Gewiss, eine Gestalt wie Nelson zieht hübsche Geschichten an wie ein Hund Flöhe, aber diese ist verbürgt, die ganze Flotte sprach davon.

Viele wollten für Nelsons Sieg sterben oder mit ihm untergehen. Am liebsten freilich mit ihm siegen, am Leben bleiben, Karriere machen: Um aufzusteigen, mussten junge Offiziere sich auszeichnen, und das geschah vor dem Feind. Aber auch die einfachen Seeleute, zum Teil mit Alkohol und Gewalt in den Dienst gepresst, die unter der Arroganz der Offiziere litten, oft nur miserable Nahrung erhielten und davon zu wenig, und immer wieder hart bis sadistisch bestraft wurden für Kleinigkeiten – sie erlagen dem Nelson touch, folgten ihrem draufgängerischen Kommandeur durch dick und dünn, meinten den Sinn ihrer Qualen zu erkennen. Was für wahrhaft erstaunliche Ferkel von Kriegsherren haben seitdem versucht, Führer wie Nelson nachzuahmen! Heroismus ist, nach den überreichen Erfahrungen mit totalitären Regimen und zwei Weltkriegen, nach all dem unendlichen Missbrauch der menschlichen Fähigkeit zur Hingabe, nur noch schwer nachzuvollziehen. Wer daran erinnert, stößt auf Befremden. Ob die Welt doch noch einmal Helden dieser Art braucht? Wir wollen es nicht hoffen.

Napoleon Bonaparte hatte sich Frankreichs bemächtigt und das übrige Europa als General, Erster Konsul, schließlich Kaiser durcheinander gerüttelt. Er hatte es nicht nur in Schrecken versetzt, sondern auch tief beeindruckt. Auf dem Schlachtfeld schien dem »Robespierre zu Pferde« alles zu gelingen. Ein Genie. Wäre er eine bescheidenere Natur gewesen und fähig, sich mit anderen Mächten dauerhaft zu arrangieren, so hätte er der Chef einer weise operierenden Hegemonialmacht bleiben können, Emporkömmling zwar unter den gekrönten Häuptern, dafür aber ausgestattet mit riesigem militärischem Prestige, das ihm ermöglicht hätte, mehr Schlachten zu vermeiden als zu schlagen. Doch er und seine glühenden Anhänger waren eben auch die Erben der Großen Revolution. Sie träumten von einem neuen römischen Weltreich.

Dafür hieß es zunächst eine so deutliche Seeherrschaft zu erlangen, dass England nicht nach Belieben Truppentransporte, Versorgung und Ausfuhr behindern und Hafenstädte attackieren konnte. Der britischen Regierung war schon bei Bonapartes Ägyptenfeldzug klar, dass sein Ziel unter anderem ihre Besitzungen in Indien waren, und sie fürchteten mit Recht, dass er England direkt angreifen würde. Wenn es ihm gelang, bei ruhiger See in wenigen Stunden seine Elitetruppe über den Ärmelkanal zu bringen, dann hatte er, und das war in der Tat seine Idee, nicht nur London und die ganze Insel, sondern binnen kurzem auch die englische Flotte in seiner Gewalt und beherrschte den Globus.

Dieser Plan bestand längst vor der Seeschlacht am Nildelta bei Abukir, 1798, wo der 40-jährige Befehlshaber einer britischen Schwadron, ein Konteradmiral namens Horatio Nelson, die vor Anker liegende französische Flotte ausfindig gemacht, nach riskanter Annäherung in flachem Wasser angegriffen und so gut wie vernichtet hatte. Napoleon hatte Mühe, nach Frankreich zurückzugelangen, der Rest seiner vom Nachschub abgeschnittenen, schließlich aufgeriebenen ägyptischen Armee musste irgendwann gegen Bezahlung von britischen Schiffen nach Hause gebracht werden, eine Demütigung.

Für Napoleon schien der Sprung über den Kanal vorerst nicht mehr aktuell, die Sehnsucht aber, ihn irgendwann doch zu tun, wuchs und wuchs. Anfang 1805 war es so weit: In Boulogne hatte der Kaiser eine Invasionsarmee von über 130000 Mann, 10000 Pferden und 650 Geschützen gesammelt – erstmals Grande Armée genannt–, ferner an die 2000 Transportschiffe unterschiedlichster Größe mit 12000 Mann Besatzung für den Sprung nach England. Der Londoner Regierung von William Pitt dem Jüngeren war nichts von alledem entgangen, er hatte es längst vorausgeahnt und Frankreich fast ohne Pause weiter direkt und indirekt bekämpft, mit Attacken von See aus, aber auch mit Gold für Napoleons Gegner auf dem Festland, und diese Waffe war äußerst wirksam.

Trafalgar, das ist und bleibt eine der großen, bewegenden Storys der Weltgeschichte. Da verteidigt ein ehrwürdiger, tüchtiger Inselstaat mit gut geführter Flotte sein Eigenleben und seine Art von Freiheit gegen die unmittelbar bevorstehende Invasion eines gefährlichen Raubtiers, und die Insel siegt, weil sie im richtigen Moment einen Admiral hat, der alles auf eine Karte setzt und dabei doch den Tag der Entscheidung so umsichtig antizipiert und vorbereitet hat, dass das Glück ihm nur hold sein kann. Er stirbt in der Schlacht, aber langsam genug, um noch zu hören, dass er gesiegt hat und England aufatmen kann. Man muss es akzeptieren: Geschichten gibt es viele, aber am begeisterndsten sind die von vollständigen Triumphen aus unsicherer, gefährlicher Lage heraus, Triumphen des Mutes, des Könnens, des Scharfsinns und der Beharrlichkeit – mit einem Wort: von Siegen (ich bestreite standhaft, dass es militärische sein müssen).

Und die Lage ist gefährlich in jenem Jahr 1805. Napoleon ist auf dem Sprung. Um den Kanal zu überwinden, darf der Transport seines gefürchteten Heeres allerdings zu keinem Augenblick den Kanonen der englischen Flotte ausgesetzt sein. Das geht nur, wenn diese vom Kanal weggelockt werden kann, also im entscheidenden Moment gar nicht da ist, und wenn ferner die französischen Kriegsschiffe sie bei ihrem Wiedereintreffen lange genug beschäftigen können. Die Sache steht und fällt mit dem Gelingen eines Täuschungsmanövers.

Napoleons Flotte liegt unter dem Schutz der Landbatterien in französischen Häfen des Mittelmeeres und des Atlantiks fest und wird dort von englischen Schiffen beobachtet und blockiert, allerdings ziemlich halbherzig – vernichten können sie den Gegner nur, wenn er auf offener See ist.

Der französische Admiral und Oberbefehlshaber Pierre Charles Villeneuve verlässt im März 1805 auf Napoleons Weisung Toulon, entwischt geschickt den lauernden Engländern, passiert Gibraltar und steuert mit einem starken Geschwader aus spanischen und französischen Schiffen die Karibik an. Er soll den Eindruck erwecken, Frankreich habe die Invasionspläne aufgegeben und greife nach Englands kolonialen Besitzungen. Tatsächlich aber hat er den Auftrag, im rechten Moment kehrtzumachen und im Kanal zu erscheinen, um dort mit weiteren Flottenteilen das Übersetzen der »Großen Armee« zu decken.

Nelson, der einarmige, einäugige Invalide, der schmächtige Sieger von Abukir, kriegt ihn zunächst nicht zu fassen, weil er ihn woanders sucht. Die Nachrichtentechnik auf See beschränkt sich zu jener Zeit darauf, dass eine Fregatte das, was der Mann im Ausguck erkannt hat, eilends unter vollen Segeln der Flottenführung im Wortsinn »näher bringt«. Den größten Teil seines Lebens als Befehlshaber hat Nelson damit zugebracht, nach dem Feind zu suchen. Oft fuhr er im Nebel, noch öfter aber auch ganz ohne Nebel knapp an ihm vorbei. Denn: Pures Raten half noch weniger, man musste sich für ein Ziel entscheiden, wohin der andere gefahren sein konnte. Fregatten eigneten sich wegen ihrer Schnelligkeit am besten, den Feind zu orten, Nelson nannte sie die »Augen der Flotte« – und hat immer darüber geklagt, zu wenig Fregatten zu haben. Die großen, langsamen Kriegsschiffe, schwimmende Festungen mit 74 und mehr Kanonen, nützten gar nichts, wenn sie an der falschen Stelle herumlungerten.

Der Admiral kriegt nun doch noch Wind von der Karibiktour des Gegners, fährt ihm nach, obwohl er dafür keinen Auftrag hat, und legt die Strecke nach Barbados, für die die Franzosen 34 Tage brauchen, in 24 zurück. Die Besatzungen englischer Schiffe sind routinierter und härter, die Kapitäne segeln besser, und man hört bis nach Paris die bittere Wahrheit, dass englische Kriegsschiffe dreimal schneller feuern können als französische oder spanische, ausschließlich wegen der Trainiertheit der Kanoniere.

Nelson verhindert in der Karibik (so wird später lobend behauptet, um seine Eigenmächtigkeit zu entschuldigen) all die bösen Taten der Franzosen, die sie in Wahrheit gar nicht vorhaben – sie sind schon auf dem Rückweg, und Nelson ist so schnell wieder an ihnen dran, dass Villeneuve das Ablenkungsmanöver als gescheitert ansieht und sich in spanische Häfen zurückzieht, statt den Ärmelkanal zu blockieren. Napoleon rast vor Wut und schimpft, seine Admiräle hätten das Sterben verlernt.

Und Nelson? Fährt in Urlaub zu Emma, seiner langjährigen Geliebten und jetzt Frau, und seiner Tochter Horatia. Es ist Mitte August 1805.

Napoleon hält nur noch ein, zwei Wochen an dem Traum von der Invasion fest, gegen Ende August muss er ihn aufgeben, weil aus dem Osten bedrohliche Truppenkonzentrationen gemeldet werden. Er kann hier nicht weitermachen, sondern muss die Vereinigung der Österreicher mit den Russen verhindern, es geht um alles. Er zieht die Armee geradezu schlagartig aus Boulogne ab – eine Leistung für sich – und rückt in Eilmärschen nach Deutschland vor. Die Invasion, selbst wenn sie zunächst gelungen wäre, hätte sein Untergang werden können: Sie hätte Truppen gebunden, die er im Osten dringend brauchte. Er will nun die Flotte im Mittelmeer haben, rechnet aber nicht damit, dass der »feige« Villeneuve dem Befehl folgen und auslaufen wird. Er will ihn des Kommandos entheben und schickt einen Nachfolger mit entsprechenden Papieren los.

Dies kommt Villeneuve frühzeitig zu Ohren. Noch ist er Oberbefehlshaber. Tief gekränkt, entschließt er sich, aus Cádiz auszulaufen, um Napoleons Weisung zu folgen, aber wohl auch, weil er jetzt in der Tat lieber die Schlacht sucht, als in Cádiz auf den Mann zu warten, der ihn absetzen soll. Villeneuve ist ein erfahrener, aber nicht eben charismatischer Befehlshaber, der sich jeden Schritt gründlich überlegt, manchmal etwas zu gründlich. Persönlich feige ist er nicht.

Napoleons Abzug aus Boulogne verstärkt merkwürdigerweise die Invasionsfurcht im englischen Volk: Was für eine Teufelei hat er jetzt vor? Ist es ein Täuschungsmanöver? Solange ein starker französisch-spanischer Flottenverband existiert, gibt es keine Sicherheit, man muss ihn vernichten. Gerade jetzt, da der Kanal – wie lange denn? – nicht in akuter Gefahr ist, muss man sich auf den Gegner stürzen und reinen Tisch machen, ein für alle Mal. Wer das kann? Nur Nelson.

Womit sein Urlaub beendet wäre. Wie einen Gott feiert ihn das einfache Volk für eine Entscheidungsschlacht, die noch zu schlagen ist. Er kommt in Portsmouth vor jubelnden Menschen kaum aus dem Hotel und nur mit Mühe auf sein Schiff.

Die Victory ist ein etwa dreißig Jahre alter Dreidecker, ein schwerer, langsamer »man of war« mit 102 Geschützen, 2162 Tonnen Wasserverdrängung und 47 Meter Kiellänge. Ein riesiger Haufen Holz und Eisen, und auf ihm dienen 850 Mann.

Am 28. September 1805 trifft Nelson vor Cádiz ein, wo sein Freund Collingwood ihn mit zwei großen Geschwadern erwartet; sie blockieren Villeneuves vereinigte französisch-spanische Flotte, die immer noch im Hafen liegt. Zweifellos nicht mehr lange: So eine Flotte will ernährt sein, die Ressourcen des Hinterlandes sind irgendwann erschöpft – sie wird herauskommen, sie muss einfach. Nelson übernimmt den Oberbefehl.

Nelsons Vertrauen in seine Kapitäne ist mehr als nur ein touch, es ist auch eine Strategie. Die übliche Vorgehensweise, die eigenen Schiffe zu einer Schlachtlinie zu formen, sie genau parallel zur feindlichen Linie zu legen und dann ein mächtiges Scheibenschießen zu veranstalten, jedes Schiff gegen das ihm zugeordnete feindliche, ist veraltet, Nelson macht damit Schluss und gibt seinem Co-Befehlshaber Collingwood, auch jedem einzelnen Kapitän, mehr Bewegungsfreiheit. Sein Befehl lautet, nicht umständlich die Parallellinie herzustellen, sondern zwei Stoßkeile zu bilden, die im rechten Winkel in die feindliche Linie hineinfahren, um diese aufzutrennen und sich dann, jeder selbständig, in das nächstliegende gegnerische Schiff zu verbeißen.

Villeneuves spanisch-französische Flotte von 33 Linienschiffen und einigen leichteren Briggs und Fregatten fährt am 21. Oktober in langer Reihe bei schwachem Westwind gen Süden, Richtung Gibraltar, Richtung Mittelmeer. Die englische Flotte mit 27 Schiffen nähert sich in zwei Angriffskolonnen aus Westen. Als sie gesichtet wird, befiehlt Villeneuve eine Wende, er will wieder nach Norden, zurück nach Cádiz. Vielleicht befürchtet er, dass weitere Gegner ihn vor oder hinter Gibraltar erwarten, damit könnte er in die Zange genommen werden. Seine Flotte schafft nun das Wendemanöver bei diesem geringen Wind nur mühsam, sie bildet zwar eine neue Linie, kommt aber nicht mehr gut zusammen, segelt etwas verstreut in einem großen Halbkreis wieder nach Norden.

Jetzt wird Villeneuves katastrophaler Fehler offenkundig: Wäre er weiter zügig nach Süden gefahren, dann hätte Nelson vielleicht wegen des schwächelnden Windes das Nachsehen gehabt. Villeneuve hat die Chance vertan, noch einmal heil davonzukommen. Nun ist es, wie es ist, nicht mehr zu ändern.

Kurz nach Mittag stößt Collingwoods Kolonne in die Linie der Alliierten. Seine Royal Sovereign feuert eine Breitseite in die spanische Santa Ana, tötet auf einen Schlag 400 Mann und wirft 14 Kanonen aus der Verankerung. Weitere Schiffe seiner Kolonne greifen an, darunter die Bellerophon, deren Kapitän auf die gleiche Weise sterben wird wie Nelson.

Eine Dreiviertelstunde später erreicht die Victory Villeneuves Flaggschiff Bucentaure von der Heckseite her. Sie bestreicht die französischen Decks mit Karronaden- und Gewehrfeuer, platziert schließlich eine Breitseite. Doch im selben Moment noch wird sie von dem Vierundsiebziger Redoutable angegriffen, dessen Kapitän Lucas der große Held auf der französischen Seite werden wird, denn er gibt erst auf, als sein Schiff völlig entmastet ist. Vorher aber, als die Masten noch stehen, sitzen auf ihnen die berüchtigten französischen Scharfschützen und wählen sich lohnende Ziele auf dem Oberdeck der Victory. Eines davon ist Nelson.

Gegen den Rat mehrerer Freunde hat er es abgelehnt, seine ordengeschmückte Admiralsuniform abzulegen und unscheinbarere Kleidung zu tragen (wollte er sterben?). Bereits eine halbe Stunde nachdem die Victory ins Gefecht gekommen ist, trifft ihn die Kugel. Sie durchschlägt Schulterblatt, Lunge und Rückgrat. Rasch trägt man ihn ins Orlopdeck zum Schiffsarzt hinunter, versucht aufmunternd und hoffnungsvoll auf ihn einzureden, aber er weiß mit Bestimmtheit, dass er keine Überlebenschance hat.

Den Oberbefehl gibt er nicht ab, lässt sich vom Kapitän der Victory, seinem Freund Hardy, weiter berichten. Als dieser ihm meldet, dass mehr als die Hälfte der feindlichen Schiffe genommen oder vernichtet sind, befiehlt er zu ankern, wissend, dass ein Sturm im Anzug ist, der die ramponierten Schiffe zu Spielbällen machen würde.

Er stirbt um 16.30 Uhr.

Die Briten haben 1700, die Franzosen und Spanier 7000 Mann und 18 Schiffe verloren, Villeneuve hat sich ergeben und ist gefangen. Nelsons Leiche wird zwecks Konservierung in einem Fass voll Rum nach London gebracht und dort, wie er es sich gewünscht hat, begraben.

Villeneuve nimmt, wohl nicht ganz freiwillig, an der Beisetzung Anfang Januar 1806 in der St.Pauls-Kathedrale teil und beugt sein Haupt vor dem Toten. Wenig später schiebt man den Franzosen in seine Heimat ab. Auf dem Weg nach Paris wird der Verlierer von Trafalgar in einem Hotel tot aufgefunden. Selbstmord aus Schande und aus Angst vor dem Gerichtsverfahren, behauptet Napoleon. Aber die Obduktion wirft Fragen auf. Welcher Selbstmörder schafft es denn, sich sechs tödliche Messerstiche in die Brust zu versetzen?

In Paris nimmt man Trafalgar kaum wahr. Die Baronin Rémusat notiert: »Auf der Höhe von Kap Finisterre wurde eine Seeschlacht geschlagen, nach der beide Gegner, Engländer wie Franzosen, sich den Sieg zuschrieben. Obgleich die französische Tapferkeit der seemännischen Erfahrung des Feindes ohne Zweifel kräftig Widerstand geleistet hatte, war der Erfolg nur der, dass unsere Flotte in den Hafen zurückkehren musste.«

Napoleons Propagandamaschine ist schon bald mit den glänzenden Siegen von Ulm und Austerlitz beschäftigt. Der Kaiser beherrscht jetzt den Kontinent drückender denn je. Aber nur den Kontinent.

Frankreichs Seeherrschaftspläne hatten sich für Jahrzehnte (wenn das reicht) gründlich erledigt, Napoleon war und blieb ein Gefangener des Festlandes, und seine Versuche, England durch eine kontinentale Einfuhrsperre zu ruinieren, schadeten ihm mehr als dem Inselreich. Sie bewiesen überdies, dass aus guten Seeleuten im Handumdrehen gute Schmuggler werden.

Englands größte Trophäe aus der Schlacht von Trafalgar war die Herrschaft über die Weltmeere. Seit jenem Oktobertag vor 200 Jahren stand es fest: Britannia rules the waves. Und es gab noch einen Gewinn: Die Briten haben seit dem 21. Oktober 1805 einen Nationalhelden von unbezweifelbarer Größe, an den sie sich besonders liebevoll 1940 erinnerten, als das nächste Raubtier über den Kanal wollte.


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