V. S. Naipaul oder der Zusammenstoß von Kulturen

von Michael Ackermann

Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Vidiadhar Surajprasad Naipaul und des Friedensnobelpreises an Generalsekretär Kofi Annan und an die UNO bilden eine Trias. Sie steht im Zusammenhang mit dem 11. September und enthält eine Botschaft: Kofi Annan soll als Persönlichkeit ebenso wie die Organisation der UNO gestärkt werden, damit sie zukünftig einen gewichtigeren Beitrag zu internationalen Konfliktlösungen leisten. Kofi Annan hat die Untätigkeit der Vereinten Nationen in Ruanda einmal als seine größte Niederlage bezeichnet, und von ihm geht ein erkennbarer Druck auf die USA aus, nicht nur finanzielle Beiträge zu leisten, sondern endlich eine größere Souveränität der Rechts- wie Handelswirksamkeit der Weltorganisation zu akzeptieren und zu fördern (etwa die Einrichtung eines internationalen Strafgerichtshofes).

Welche Symbolik aber steckt in der Verleihung des Literaturnobelpreises? Der 1932 in Trinidad geborene, indischstämmige V. S. Naipaul steht schon lange auf der Liste der Kandidaten, die Verleihung des Preises entspringt jedoch nicht einer Proportional-Arithmetik, sie setzt einen kulturpolitischen Akzent. Denn das Werk von Naipaul ist geprägt von der Auseinandersetzung mit dem Zusammenstoß von Kulturen und Zivilisationen.

Seine ersten Romane (Der mystische Masseur; 1957; Wahlkampf auf karibisch, 1958; Ein Haus für Mr. Biswas, 1961) sind lebendige Romane über die hindustämmige Gemeinde in Trinidad. In ironischen und sarkastischen Szenerien gibt es reichlich zu schmunzeln über die Kuriositäten etwa einer Großfamilie. Der Humor verdeckt hier noch ganz den Ernst des Hintergrundes – und den Ehrgeiz, den V. S. Naipaul in seinen Weg zum Schriftsteller steckt. Er ist ausgelöst durch die tiefe Bindung an einen Vater, der den Schriftsteller-Wunsch verspürte, jedoch nicht verwirklichte. In einigen Büchern macht Naipaul diese väterliche Leerstelle zum Thema (dezidiert in Prolog zu einer Autobiographie, deutsch 1984) und schreibt dabei den Frauen der Familie eine "beherrschende Rolle" zu (was sich in seinem Werk, um es vorsichtig auszudrücken, in herben Frauenfiguren spiegelt).

Schon bei Herr und Sklave oder Guerillas ist es dann mit dem farbenprächtigen Spaß vorbei. Der Sarkasmus wird bitter und in Guerillas wird Naipaul hochpolitisch. Er vollzieht eine scharfe Abrechnung mit den Grausamkeiten von Befreiungskämpfen, in denen Ideen und Ideale durch nackten Nihilismus erstickt werden. Schon damals, es war Mitte der 1970er Jahre, bekommt Naipaul - auch und gerade in der "Dritten Welt" - den Ruf eines Konservativen, wenn nicht Schlimmeres.

Das war nicht einfach nur ein Missverständnis. Naipaul besitzt von Beginn an ein tiefes Misstrauen gegen Revolte und Aufstand, die er in den verschiedensten Ländern der nachkolonialen Zeit zwar als Ausflüsse der Kolonialisierung (an-)erkennt, aber nicht allein auf sie zurückführt. In seinem Afrika-Roman An der Biegung des großen Flusses (Original 1979, deutsch 1980) findet sich denn auch fast so etwas wie eine Theorie über die fatalen Auswirkungen des Rückfalls in eine Kultur der Stämme, Häuptlinge oder Führer, die die Förderung des Individuums und individueller Verantwortung verhindern: "Mit der Unabhängigkeit waren die Stammesgrenzen wieder wichtig geworden." "Das Außen" wird zum permanenten Feind - das kann der nächste Stamm sein - oder eben "der Westen" als Ganzes.

V. S. Naipaul als Reinwascher des Kolonialismus? Das ist ein häufig geäußerter Verdacht, aber wirklich ein Missverständnis, dem allerdings der Autor durch sein pointiertes, zuspitzendes Schreiben gewiss entgegenkam. Nicht zuletzt der Reiseschriftsteller belehrt durch seine Bücher in der Summe aber eines Besseren. Sein genauer Blick, etwa bei seinen Reisen durch Afrika, konfrontiert mit der Erkenntnis, dass Entkolonialisierung leider nicht Befreiung bedeutete; und seine Studien im Süden der USA (In den alten Sklavenstaaten) zeigen die Folgen eines Rassismus, der durch die Bürgerrechtsbewegung zwar den Schwarzen einige Verbesserungen brachte, den Weißen jedoch einen Vorteil bescherte. Sie fühlten sich "entlastet", die Schwarzen aber litten weiterhin substanziell unter einem Minderwertigkeitsgefühl. Und trotzdem: "Es ist dumm, von den Amerikanern zu sprechen. Sie sind kein Stamm, wie man als Außenstehender annehmen mag. Sie sind alle Individuen, die um ihren Erfolg kämpfen und die genauso angestrengt wie du und ich versuchen, nicht unterzugehen."

Nicht unterzugehen, das, so zeigt das Gesamtwerk, war und ist der Antrieb und ist die biografische Essenz des Schriftstellers, und am beeindruckendsten entwickelt er dieses Thema und die Sehnsucht des multikulturell Geformten nach einem Ankommen in Das Rätsel der Ankunft - ein "Roman" der Selbstvergewisserung. Zugleich ist es ein Plädoyer für die Amalgamisierung von Kulturen, deren Potenzial Naipaul durchaus im Nachklang des "Empire" findet. Dessen Wirkungen (Initiative, Institutionen) sieht er im heutigen Indien - bei aller Kritik im Einzelnen - vergleichsweise produktiv umgesetzt, während das unter dem Vorzeichen eines muslimischen "Schutzraumes" abgetrennte Pakistan in der Endlosschleife eines korrumpierten Islamismus festsitzt. In die Schimäre des islamischen Fundamentalismus vom "reinen Glauben" gibt Eine islamische Reise schon im Jahr 1981 instruktiven Einblick. Gegen die "Reinheit" von Kulturen setzt V. S. Naipaul skeptisch die Kultur ziviler Verschlingungen - ein wichtiges europäisches Erbe, das ihm lieb und teuer ist.

zurück zu V. S. Naipaul

heim zu Reiseschriftsteller des 20. Jahrhunderts

heim zu Reisen durch die Vergangenheit