8. Mai:
Deutschland, Klappe halten!

Der 8. Mai ist zum eigentlichen deutschen Nationalfeiertag geworden. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus dient heute dem deutschen Selbstbewusstsein.

Von Deniz Yücel
Jungle World 18 v. 04.05.2005

Bei Günther Jauch würde die Frage 10 000 Euro einbringen, vielleicht mehr. Sie lautet: Wann ist der Deutschen Festtag? Der 3. Oktober jedenfalls eignet sich kaum dazu, viele individuelle Erzählungen zu einer allgemeinen zu verdichten und so einen nationalen Mythos zu schaffen.

Während in den letzten Jahren die Regierenden es an diesem Tag bei den obligatorischen und pflichtbewusst abgehaltenen Staatsakten beließen und nur in der Hauptstadt des gastgebenden Bundeslandes ein paar Wurstbuden aufgestellt wurden, waren es radikale Linke, die dem "Tag der deutschen Einheit" Respekt zollten und selbst dann noch gegen einen "nationalen Taumel" demonstrierten, als er längst einem nationalen Kater gewichen war. Am augenscheinlichsten wurde dies 2003 in Berlin, wo der klamme Senat das Straßenfest absagte und außer einer linksradikalen Demonstration niemand an diesem verregneten Tag auf der Straße war.

Auch der 9. November, den einige – selbstredend kritische – nationale Denker einen "deutschen Schicksalstag" nennen und als Alternative vorschlagen, mag sich für Ausstellungen im Deutschen Historischen Museum eignen, aber nicht für eine symbolische Verdichtung. Und die Geschichten von Ossis, wie sie von der Öffnung der Mauer erfuhren und wofür sie ihr Begrüßungsgeld verjubelten, betreffen ohnehin nur ein Viertel der Bevölkerung.

Der eigentliche deutsche Nationalfeiertag ist der 8. Mai. Bis es dazu kommen konnte, bedurfte es Anstrengungen der verschiedenen Segmente der Nation, auch der Linken, die, so muss man rückblickend feststellen, jedes auf seine Weise zur Wiederherstellung von "Normalität" beigetragen haben.

Solange die alten Partei- und Volksgenossen in ihren Richtersesseln, Lehrstühlen, Vorstandsetagen und zuhause am Mittagstisch saßen, galt den Deutschen der 8. Mai als Tag der Niederlage. Bitterlich erinnerten sie sich daran, wie sie um ihre Hoffnungen auf den Endsieg, die Wunderwaffe, den Führer betrogen wurden, daran, wie sie bis zur letzten Minute im Schützengraben oder im Konzentrationslager, bei der Feuerwehr oder der Reichsbahn ihren Dienst verrichteten, um nicht mit dem Sieg, sondern mit Leiden belohnt zu werden.

Auch jene, die nicht von "Niederlage", sondern von "Befreiung" sprachen, präsentierten die Deutschen als Opfer, wenn nicht sogar als die eigentlichen Opfer: als Opfer der Diktatur, der Bomben, der Vetreibungen, ja, der "fehlenden Normalität".

Zudem wurden die beispiellosen Verbrechen der Deutschen mit echten oder vermeintlichen Verbrechen anderer Nationen gleichgesetzt. Zumeist mussten dabei die einstigen Feinde herhalten. Für die Rechte war der Sowjetkommunismus mindestens so schlimm wie der Nationalsozialismus, die meisten Linken sahen in den USA und in Israel die Nazis der Gegenwart.

Mit dem Ableben der alten Nazis begann sich die dominierende Sicht zu wandeln. Das Signal setzte Richard von Weizsäcker mit seiner berühmten Rede im Jahr 1985, über die Joseph Fischer später, im Prozess gegen seinen früheren Weggefährten Hans-Joachim Klein, sagen sollte, dass sie, wäre sie 20 Jahre früher gehalten worden, den bewaffneten Kampf und einiges mehr verhindert hätte.

Weizsäcker sagte: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen." Fast wortgleich argumentiert heute der Aufruf für einen "Tag der Demokratie" am Brandenburger Tor, dessen Liste der Erstunterzeichner sich liest wie die Gästeliste des Bundespresseballs.

Die einfache Tatsache, dass die Anti-Hitler-Koalition nicht darum gekämpft hat, die Deutschen zu befreien, sondern darum, die Welt von den Deutschen zu befreien, ist der Vorstellung gewichen, dass die 300 000 Rotarmisten, die allein beim Kampf um Berlin starben, nichts sehnlicher wünschten, als ausgerechnet den Deutschen zu helfen. In diese Reklamation des Begriffs "Befreiung" eingeflochten ist der Hinweis auf die Leiden der Deutschen vor und nach dem Kriegsende. Allerdings werden, anders als im alten geschichtsrevisionistischen Diskurs, der aufrechnete, relativierte und verdrängte, die deutsche Schuld und die Kausalität zwischen Auschwitz und Dresden nicht geleugnet, sondern eingestanden.

Der rechte wie der linke Vergangenheitsdiskurs sind spätestens seit 1999, als Deutschland wieder Krieg führte und vor allem ehemalige Linke Auschwitz zu einem beliebigen Verbrechen der Menschheit und in einen Kampfauftrag für Deutschland umdeuteten, ineinander übergegangen. Eine weitere Vereinigung konnte man am 8. Mai 2002 erleben, als Gerhard Schröder und Martin Walser, Vertreter der 68er- bzw. der Flakhelfergeneration, im Willy-Brandt-Haus über "Nation und Patriotismus" plauderten. Und seit der Abspeisung der Zwangsarbeiter ist Jürgen Habermas' Vorschlag, aus Auschwitz "nationales Selbstbewusstsein" zu schöpfen, zum Konsens geworden, auf dessen Grundlage auch eine Faszination für den "Führer" möglich ist.

Damit aber hat die antifaschistische Kritik, die einst am erklärten Nachfolgestaat des Deutschen Reiches geübt wurde, ihren subversiven, vielleicht unversöhnlichen Gehalt verloren. Die Kontinuitäten zwischen Nazideutschland und der Bundesrepublik? Sie werden längst in den Kommentarspalten der FAZ bedauert, während hinten die alten Nazis mit dem Eisernen Kreuz verabschiedet werden. (Es empfiehlt sich allerdings nicht, aus dem Anzeigenteil der Frankfurter Allgemeinen den wahren Geisteszustand der Republik zu exegieren. In ein paar Jahren werden auch diese Anzeigen verschwinden.)

Kaum ein Kaff, das nebst der Geschichte seiner Bombardierung nicht auch die Geschichte "seiner" Juden dokumentiert und ausgestellt hätte. Wer in diesem Diskurs nur Kalkül und Heuchelei sieht, verkennt, wozu die Deutschen fähig sind. Den berühmten Schlussstrich, den ab und an noch einer fordert, über den es aber zumeist heißt, dass er eben nicht gezogen werden dürfe, wird es aus diesem Grund nicht geben.

Ein weiterer Punkt, der die Kritik erschwert, ist der Umstand, dass die Rede von Opfern und Tätern zu einer Art Universalkategorie geworden ist. "Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Tätern und Opfern", könnte man mit dem "kommunistischen Manifest" dieses Denken beschreiben, das längst auch die Linke erfasst. Nicht dass diese Unterscheidung keinen Sinn ergäbe. Aber wenn man allein mit diesen Kategorien die Dinge zu analysieren versucht, übernimmt man eine Weltsicht, die von Karol Wojtyla ebenso geprägt ist wie von Eduard Zimmermann. (Nicht zufällig heißt die Nachahmung von "Aktenzeichen XY… ungelöst", die im Zonenfernsehen läuft, "Täter, Opfer, Polizei".) Die schärfste Kritik, die dieses Denken zu entwickeln vermag, nämlich dass Täter zu Opfern gemacht würden oder umgekehrt, geht am Gegenstand vorbei. Vom kriminalistischen wie vom christlichen Standpunkt ist es durchaus möglich, dass jemand Täter und Opfer zugleich ist.

Aus diesem deutschen Selbstgespräch gibt es freilich kaum ein Entrinnen. Wer geräuschvoll vorträgt, dass er dabei nicht mitmache, läuft Gefahr, auf seine Weise dazu beizutragen. Konsequenter wäre es, nichts zu sagen. Einfach schweigen. Das wäre die angemessene Form, wie Deutschland den 8. Mai, den Tag seiner Niederlage, begehen sollte: die Klappe halten.

hagalil.com 06-05-2005


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