Kinder der Revolutionäre

(Die ZEIT 04/1999)

40 Jahre nach dem Sieg der kubanischen Rebellen ist von ihren Idealen wenig
geblieben. Sie sind arm und verkaufen für ein paar Dollar ihren Körper

Samstagnacht in Havanna. Auf der Rampa, der Bannmeile des Lasters und der Doppelmoral, drängen sich die Menschen. "Mani, mani", ruft die Erdnußverkäuferin, ein alter Mann schwenkt die Parteizeitung Granma vom Vortag, ein paar Jungs pfeifen einer hübschen Dunkelhäutigen hinterher und fordern sie auf, ihren Rock zu heben. Sabrosura - ein bißchen Lust am Untergang, ein bißchen Tanz auf dem Vulkan.

Der Hügel, zu dem die Rampa hinauf führt, wird vom 30-stöckigen Hotel Habana Libre gekrönt. Einst die Kommandozentrale von Fidel Castros Rebellen, heute das Epizentrum des Exzesses. In der Cafeteria streunen pingueros umher, halbwüchsige Burschen, die Touristen für ein Paar Nike-Sneakers Sex verkaufen. In der Lobby sitzen Geschäftsleute mit dunklen Brillen - Import/Export - und junge Männer, die gefälschte Zigarrenmarken, private Unterkünfte und ihre kleine Schwester im Angebot haben. Nervös huschen ihre Blicke durch den Raum zu dem Mann von der PNR, der Revolutionspolizei. Doch der sieht gelangweilt zu und übt mit seinem Schlagstock Trommelwirbel auf dem Oberschenkel.

Yamila ist jeden Samstag auf der Rampa. Una mulatica linda, eine hübsche Mulattin, schlank, klein. Die schräg-geschnittenen grünen Augen lassen ihre Gesichts-züge asiatisch wirken. Ihr pelo malo, das böse Kraushaar, wie es hier heißt, hat sie geglättet, um weißer auszusehen.

Yamila Yanes Jiménez, 20 Jahre alt, wohnt in Cerro, einem herunter gekommenen Stadtviertel Havannas, das mit seinen Baulücken und Schutthalden aussieht, als sei gerade eine Bombe eingeschlagen. Yamilas Spiel jede Samstagnacht ist die Jagd auf Touristen, Männer, die guanikiki haben, amerikanische Dollars. Denn für kubanische Pesos kann man kaum noch etwas kaufen.

Yamila weiß um die Wirkung ihrer grünen Augen. Wenn sie einem Mann zuwinkt, ihn um eine Zigarette bittet, setzt sie sie ein wie eine Waffe - sehnsüchtige Blicke, Falschmünzerei des Gefühls. Oft sind die Augen und die Hände die einzigen Mittel, um einen Dialog mit einem Ausländer zu führen, denn Yamila spricht nur spanisch. Vergangenes Jahr war sie mit einem Franzosen zusammen. Er hat ihr ein kurzes, weißes Kleid hinterlassen. Die hochhackigen Schuhe sind das Geschenk des Favoriten dieser Saison, eines US-Amerikaners. Der kubanische Freund, der in die Bresche springt, wenn die Ausländer wieder weg sind, kann ihr nichts schenken.

Jineteras nennt man hier Mädchen wie Yamila, Reiterinnen, die im Rodeo des Lebens oben bleiben wollen. Keine Huren, sondern Glücksspielerinnen. Yamila läßt sich Zeit, versäumt Verabredungen, schmiegt sich an, geht kokett auf Distanz. Wichtig ist ihr la bola: die Party, das Vergnügen, der einzige Spaß in der Stadt. Und eine Handvoll Dollar, ein Heiratsversprechen oder ein Flugticket in ein fernes Land.

"Was soll ich machen", sagt Yamila. "Wir leben jetzt seit acht Jahren in einem período especial. Die Amerikaner blockieren den Handel. Die Sowjetunion gibt es nicht mehr. Ich sehe in den Straßen Leute, die hungern, und Diebe, die den Touristen die Taschen weg reißen. Früher konnte ich in einen Laden gehen und Schuhe kaufen, heute nicht mehr, weil es keine Schuhe mehr gibt. Ich muß in die Läden für Ausländer. Die nehmen aber keine kubanischen Pesos."

Yamila wurde in der Provinzstadt Camaguey geboren, von der Mutter nach der Geburt weggegeben, von der Familie des Vaters in der Hauptstadt Havanna adoptiert. Sie absolviert die Grundschule, beginnt Pädagogik zu studieren. Doch bald werden ihr die Busfahrten zur Uni im entfernten Vorort Marianao zu lang. Ohne Abschluß arbeitet sie eine Zeitlang für 100 Pesos im Monat als Hilfslehrerin. Dann kippt sie in die Arbeitslosigkeit - wie Millionen andere Kubaner.

Yamila lebt mit ihrer Tante Myleidy und deren Tochter in Cerrounter der Adresse Catillo 319. Die Verbindung zum Vater ist lose: Esteban Jiménez, seine zahlreichen Brüder und Schwestern und die Großmutter Amarylis haben sich in Guanabacoa angesiedelt, einer Vorstadt Havannas ohne urbane Hysterie und ohne ständige Polizeikontrollen.

Natürlich weiß die Familie, daß Yamila jeden Samstag beim Habana Libre auf den Flügeln ihrer Träume reitet. Doch darüber wird nicht gesprochen. Die Rampa ist eine seltsame und fremde Welt außerhalb ihres Lebenszusammenhangs. Ein Boulevard der Dämmerung, ein Paralleluniversum, von dem Esteban nur durch seine Tochter Kenntnis hat. Er verdient 167 Pesos im Monat, rund 8 US-Dollar. Yamila kann in einer Nacht leicht 50 bis 100 Dollar bekommen. Die Familie aber kämpft trotzdem ums Überleben, im Netzwerk von Ungleichheit, Illusion und Staatsideologie.

Wenn die Nacht sich von der Rampa verabschiedet, dann geht der letzte Glanz. Man sieht die schmutzigen Häuserfassaden, den Müll, der achtlos in die Ecken geschoben wurde, die Betrunkenen, die in ihrem Urin liegen. Yamila kehrt im Taxi aus der Freihandelszone der Körper und Seelen in den Alltag zurück, eine Wohnung, kaum mehr als ein Verschlag, brüchige Wände, offen verlegte Stromleitungen. Gleich neben der Eingangstür eine angerostete Nähmaschine mit Fußpedal, ein brummender Kühlschrank, dessen Größe in keinem Verhältnis zu seinem mageren Inhalt steht, und der unvermeidliche Fernseher; denn die abendliche telenovela ist in Kuba ein Überlebensmittel. Eine Reise zu den Schönen und Reichen in ihren Luxuswohnungen, die das wirkliche Reisen ersetzen muß. Als Fidel Castro einmal eine der regelmäßigen Stromsperren, bei denen ganze Stadtteile für Stunden lahmgelegt werden, in die hora de telenovela verlegte, war der Unmut der Bevölkerung so groß, daß es fast schon einer politischen Kundgebung gleichkam.

Im hinteren Teil der Wohnung ist ein Grunzen zu hören. Neben der Toilette ist ein kleiner Koben eingerichtet, in dem ein Schwein an der Verschalung kratzt. "Die wachsen schnell", sagt Yamila. "Nach zwei, drei Monaten haben wir ein paar schöne Sonntagsbraten. Dann kommt das nächste Schwein."

Daß in Kuba gerade jetzt im Januar 40 Jahre Revolution mit Fernsehdokumentationen, Sonderausgaben der Zeitungen und langen Reden des máximo líder gefeiert werden, ist in Cerro nur als fernes Wetterleuchte wahrzunehmen. Yamila: "Auf die staatliche Lebensmittelkarte bekomme ich sechs Pfund Reis, ein Brötchen pro Tag, Fleisch nur noch zweimal im Jahr. Wenn ich davon leben müßte, würde ich verhungern. Was interessiert mich da das Geschwätz der Politiker?"

An den meisten Wochenenden flieht Yamila aus der Mondlandschaft in ihrem Viertel und dem freudlosen Licht der Neonröhren in ihrer Wohnung hinaus nach Guanabacoa. Dort betreiben ihr Vater und ihr Onkel Vladimir einen agromercado, eine staatliche Verteilerstelle für Lebensmittel. Zwei un-gleiche Brüder, die die Verhältnisse zusammen gebracht hat. Vater Esteban, schlank, mittelgroß, wortkarg, bedächtig. Ein babalao der afrokubanischen Religion Santería [Voodoo-Kult, Anm. Dikigoros], ein Weiser und Zeichendeuter, den die Leute aufsuchen, wenn sie krank sind oder Sorgen haben. Onkel Vladimir dagegen: korpulent, beweglich, redefreudig. Ein Witzereißer und Schenkelklopfer. An der Moskauer Lomonossow-Universität hat er sich zum Ingenieur ausbilden lassen, vor zehn Jahren blies ihn der Wind der Veränderung zurück nach Kuba. Stolz zeigt er auf die Porträts der Revolutionshelden Ché Guevara und Camilo Cienfuegos, die er mit Esteban an die Wand des Betonbaus ohne Dach gemalt hat. Und auf die Parolen, die revolutionären Durchhaltewillen signalisieren: "Aqui no se rinde nadie", hier unterwirft sich niemand, oder einfach: Es lebe Fidel.

Ein wenig großspurig muten solche Worte an, angesichts des kargen Alltags im agromercado. Vladimir deutet auf die leeren Regale. "Früher haben wir fünf Leute gebraucht, um den Reis und die schwarzen Bohnen, die Hühner und das Fleisch unter die Leute zu bringen. Heute genügt ein einziger." Trotz Mangelwirtschaft und Alltagstristesse glaubt er jedoch weiter an den kubanischen Sozialismus: "Mira", sagt er, und legt dem Gast die Hand auf die Schulter, "schau her, wir haben noch immer die Errungenschaften der Revolution: unser Bildungssystem, unsere Spitäler. Es fehlt zwar an allem, an Bleistiften, an Schulheften, an Medikamenten, an Verbandsmaterial. Trotzdem gehen alle Kinder in die Schule, und trotzdem wird jeder Kubaner vom Arzt behandelt. Wir wollen nicht verlieren, was die Generation vor uns erkämpft hat."

Esteban hört lange schweigend zu. Dann will er der Moskauer Dialektik nicht mehr folgen. "Das ist doch alles Unsinn. Wir leben in einem Land der Lüge. Vielleicht hat es einmal eine Idee vom Kommunismus gegeben, die schön war. Aber der Fidelismus, der hier praktiziert wird, funktioniert einfach nicht. Wir führen seit Jahren einen Überlebenskampf. Von Solidarität ist hier nichts mehr zu spüren." Esteban ist unwirsch: "Vamos", sagt er. Gehen wir. Heute gibt es ein Fest zu Ehren von Changó, dem Gott des Krieges, dem Gebieter der Trommeln, dem Herrn des Feuers, der sich hinter der katholischen heiligen Barbara versteckt. Der Ritus findet in dem Häuschen der Großmutter Amarylis statt, einer schmucklosen Holzkate in der Calle Coco, die zur Peripherie von Guanabacoa führt. Die abuela ist 66 Jahre alt, klein, hager. Zurückgebürstetes weißes Haar, im Mund kaum noch Zähne - ein Gebiß ist jenseits ihrer finanziellen Möglichkeiten. Sie hat den Raum für die Santería-Zeremonie geschmückt. Rote, gelbe, blaue Tücher, für die verschiedenen oríchas, die afrokubanischen Götter, Teller mit Süßspeisen, die Changó geopfert werden, eine Holzstatuette des heiligen Lazarus und in der Mitte der kleinen Kammer ein Gefäß mit magischen Gegenständen: Friedhofserde, Federn von Geiern, Kräuter, Steine, Wurzeln, Blut und Knochen von Menschen.

Amarylis spricht leise, zögerlich, verschluckt halbe Sätze. Ihre Gedanken scheinen etliche Schleifen zu drehen. "Mein Fernseher ist kaputt", sagt sie. "Ich kann Fidel jetzt nur noch im Radio hören." Ob ihr die Revolution auch heute noch etwas bedeutet? "Chico, die Revolution war das Größte. Vorher habe ich als Kindermädchen bei reichen Kubanern gearbeitet. Für 20 Pesos im Monat. Sie gaben mir ihre Essensreste mit. Die konnte ich dann zu Hause kochen. Nachdem Fidel, Ché und Camilo in Havanna angekommen waren, bekam ich eine Stelle im Innenministerium."

Kann sie sich noch erinnern an die Jahre des Aufbruchs? An den Roten Sonntag, die freiwilligen Arbeitseinsätze auf den Zuckerrohrfeldern, die Alphabetisierungs-Kampagne? Amarylis denkt lange nach. "Yo no recuerdo nada", sagt sie ganz leise. Ich erinnere mich an nichts mehr.

Das Gedächtnis ist amputiert, die Erinnerung gelöscht. Die Propagandamaschine der PCC hat an die Stelle der individuellen Geschichte den kollektiven Mythos gesetzt. Amarylis lebt in einem Nebel aus Parolen, überlebensgroßen Bildern und Schattengestalten aus der Vergangenheit. Ihr Herz schlägt noch für die Revolution, ihr Verstand hat sich längst abgewandt und ist mit dem täglichen Überleben beschäftigt.

Von der Rampa weiß Amarylis nichts. Ihre Enkelin ist für sie ein nettes Mädchen, das manchmal zu Besuch kommt - ohne weißes Kleid, ohne hochhackige Schuhe - und ein Geschenk mitbringt: Waschmittel, Seife, Shampoo, Dinge, auf die die Großmutter sonst verzichten müßte. "Die Zukunft?" sinnt Amarylis. "Ich weiß nicht ... Die Amerikaner ... Vielleicht wird es unseren Enkeln schlechter gehen als uns, die noch erlebt haben, wie Batista aus dem Land gejagt wurde."

Die Hütte in der Calle Coco füllt sich gegen Abend mit Onkeln, Tanten, Kindern und Nachbarn. Drei Trommler schlagen sich für den feierlichen Ritus ein, bei dem die Götter gerufen werden. Auch Yamila klopft mit einem Hölzchen auf eine Art Kuhglocke mit scharfem, metallischem Klang. Der stille Esteban rückt ganz selbstverständlich ins Zentrum - der babalao und Zeremonienmeister, der die Seelen der Götter in das ärmliche Häuschen locken soll. Mit schnellen ruckartigen Körperdrehungen nimmt er den Rhythmus auf, übersetzt ihn in die Sprache der Gesten. Mit monotoner Stimme singt er Beschwörungsformeln. "Moyu aye", rufen die anderen im Chor. "Aché to." Amen.

Längst sind alle von Schweiß überströmt. Flaschen mit selbstgepanschtem Rum gehen von Hand zu Hand. Die Trommeln werden lauter und wilder. Plötzlich scheint sich der Raum zu krümmen, als ob die geballte Energie das Haus sprengen wolle. Zwei Männer beginnen, die Augen zu verdrehen und unkontrolliert die Glieder zu schütteln. Changó hat von ihnen Besitz ergriffen und spricht durch ihre Körper. Rote und orangefarbene Lichter zucken. Es scheint, als ob die Liebesgöttin Oshún am Bart des máximo líder zupft und ruft: "Abajo Fidel", nieder mit Fidel, Polizisten von der PNR spielen mit ihren Schlagstöcken Salsa, ein alter Mann in Lumpen stopft sich die Granma vom Vortag in den Mund, die Granma von letzter Woche, vom letzten Monat, vom letzten Jahr. Sein Körper bläht sich, die Augen glühen wie Holzkohlen. Die Zeit scheint im selben Augenblick vorwärts und rückwärts zu laufen, die Trommeln rasen. Que viva Changó.

Vladimir Jiménez hat während der Zeremonie das Haus nicht betreten. Er sitzt auf der Veranda. Die Religion ist nichts für ihn. Vladimir denkt an die Zukunft. Eine Zukunft ohne Rampa, ohne jineteras, ohne pingueros, ohne gefälschte Zigarren und vielleicht sogar ohne Fidel. "Er ist ein Führer der Revolution", sagt Vladimir, "aber nicht ihr Eigentümer. Die Revolution existiert, weil wir Kubaner wollen, daß sie existiert."


Nachbemerkung. Und was wird danach kommen? Darf Dikigoros eine Prognose wagen? Kuba wird in Voodoo-Kult ("Santería") und Négritude verfallen, etwa wie Haïti, und den Kubanern wird es noch schlechter gehen als unter Castro - von Batista ganz zu schweigen, zu dessen Zeiten Kuba bekanntlich der reichste Staat der Karibik war.


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