Karparow über Fischer: »Er zerstört seine eigene Legende!«

von Hajo Schumacher (DER SPIEGEL 19/114 vom 20. September 1992)

Anmerkungen: Nikolas Dikigoros 2025 (hinterher ist man immer klüger :-)

SPIEGEL: Bobby Fischer läßt sich als Weltmeister anreden. Nehmen Sie ihm diese Anmaßung übel?

KASPAROW: Keineswegs. Er ist der ungeschlagene Weltmeister von 1972, der seinen Titel nicht verteidigt hat. Ich bin der amtierende Weltmeister.

SPIEGEL: Erinnern Sie sich an den WM-Kampf 1972 zwischen Fischer und dem Russen Boris Spasski?

KASPAROW: Ich war damals neun Jahre alt und mit meiner Mutter in Ferien in Kislowodsk im Kaukasus. Es herrschte der Kalte Krieg, und Fischer - Spasski stand für den Kampf der Systeme. Alle Menschen spielten verrückt, überall wurden die Partien analysiert, jede Hausfrau verfolgte das Duell. Ich war noch ein kleiner Junge, aber ich sah: Fischer öffnete dem Schach neue Türen, ich habe sein Spiel sehr bewundert.

SPIEGEL: Und jetzt fürchten Sie, daß Fischer zu alter Stärke zurückfindet?

KASPAROW: Da haben wir nicht viel zu erwarten. Es ist wie mit Björn Borg: Er hat keine Chance mehr. Wir spielen heute in einer anderen Dimension. Fischer, vorausgesetzt er wäre geistig normal, müßte enttäuscht sein von seinen Leistungen. Ich traue ihm nicht mehr als 2600 Weltranglistenpunkte zu, das wäre Platz 42.
(Anm. Dikigoros: Der Vergleich ist unfair. Natürlich hätte B.B. - der noch mit einem primitiven Holzschläger gespielt hatte, keine Chance gegen einen Spieler, der schon auf einem Fiberglas-racket gelernt hat. [Das ist, als wollte man die Leistung von Stabhochspringern, die noch einen Bambusstock benutzten, mit denen vergleichen, die mit Hilfe eines modernen Glasfiberstabs erzielt wurden, der den Springer fast wie ein Katapult in die Luft schnellt.] Außerdem gibt es nicht umsonst in fast allen Sportarten Senioren- bzw. Altersklassen-Meisterschaften - im Schach übrigens auch, allerdings sind die Teilnehmer da durchweg Amateure, und Veranstaltungen, bei denen es kein Geld zu gewinnen gibt, ignoriert Kasparow offenbar.
Im übrigen war B.B. zwar ein besonders erfolgreicher, aber alles andere als ein besonder guter Tennisspieler - man könnte ihn auch den Totengräber des Tennisspiels nennen. [Dikigoros ist da ganz neutral, denn er selber hat nie Tennis gespielt; aber er kennt ein paar ältere Tennisspieler und referiert, was die ihm erzählt haben.] Tennis "lebt[e]" davon , daß die Spieler über den ganzen Platz laufen - auch mal ans Netz und auf die Gefahr hin, "overlopped" oder "passiert" zu werden. B.B. blieb dagegen immer sturheil auf der Grundlinie stehen und wartete darauf, daß der Gegner Fehler machte. So artete Tennis bald zu einem bloßen Aufschlagspiel aus - und ein Match war praktisch schon gewonnen, wenn ein Spieler seinem Gegner nur ein einziges Mal "den Aufschlag abnahm". Dikigoros hat nie verstanden, wie sich jemand Stunden lang so ein stumpfinniges Geditsche anschauen kann - womöglich auch noch einen "Tie-break", denn bei der Spielweise waren 6:6-Gleichstände ja vorprogrammiert. Im neuen Jahrtausend sollte Tennis denn auch in der Publikumsgunst eine ähnliche Entwicklung nehmen wie Schach - Tendenz gegen Null...)

SPIEGEL: Dennoch erregt Fischers Rückkehr mehr Aufsehen als jedes Großmeister-Turnier der vergangenen 20 Jahre.

KASPAROW: Es war nur an den ersten Tagen eine große Show. Fischer hat seine Sprüche verbreitet und auf das Schreiben der US-Regierung gespuckt. Jetzt ist wieder Alltag eingekehrt, die Leute reden lieber über Tennis. Fischer ist zu unbedeutend, um hohe Wellen zu schlagen.
(Anm. Dikigoros: Man spürt hier den Neid auf die Tennisspieler, die seit der Zulassung von Profis in Wimbledon und bei anderen "Grand Slam"-Turnieren erheblich mehr Geld verdienen als etwa Schachspieler. Kasparow selber war nicht nur geistig, sondern auch fysisch immer topfit - vielleicht bedauerte er, nicht selber Tennisspieler geworden zu sein?!?)

SPIEGEL: Aber Fischer gilt immer noch als Genie. Haben Sie in seinen ersten sechs Partien irgend etwas Ungewöhnliches, Neues entdeckt?

KASPAROW: Nichts. Die Qualität war niedrig, in jedem Spiel gab es grobe Fehler. Die 1. Partie war noch ungewöhnlich, aber der 19. Zug von Spasski war tödlich. Die 4. und 5. Partie verlor Fischer mit einem Zug. Ich sehe nichts Interessantes für mich. Der bevorstehende Wettkampf des Weltranglisten-Zweiten Wassilij Iwantschuk gegen den Fünften Viswanathan Anand bedeutet für das Schach wesentlich mehr.

SPIEGEL: Wo sehen Sie Fischers größte Schwächen?

KASPAROW: Er macht viele Fehler, die zeigen, daß ihm die Spielpraxis fehlt. Er sieht nicht ein, täglich trainieren zu müssen. Er glaubt, so etwas nicht nötig zu haben. Das mag 1972 so gewesen sein - 1992 reicht das nicht. Dabei hat Fischer noch Glück, daß Spasski seine Fehler nicht gnadenlos ausnutzt wie die heutigen Spitzenspieler.

SPIEGEL: Der niederländische Großmeister Jan Timman, gegen den Sie womöglich Ihren Titel verteidigen müssen, behauptet, daß Ihnen Fischer gefährlich werden könne. Wie groß sind die Unterschiede zwischen dem Schach von heute und zu Fischers Zeiten?

KASPAROW: Früher vernichteten Weltmeister wie Jose Raul Capablanca selbst starke Gegner kurzerhand, weil die nicht vernünftig verteidigten. Auch 1972 war es für einen kraftvollen Spieler wie Fischer ein leichtes, jede Verteidigung zu pulverisieren. Heute kostet es mich unglaubliche Anstrengung, selbst mittelmäßige Spieler zu schlagen, weil das Wissen über Verteidigungsstrategien weitaus größer ist als noch vor 20 Jahren.
(Anm. Dikigoros: Acht Jahre nach diesem Interview sollte Kasparow seinen Titel an den Defensivkünstler Wladimir Kramnik verlieren, da er selber in zwei Partien unkonzentriert patzte; gewinnen sollte Kasparow in jenem Match gegen den durchweg unspektakulär, aber aufmerksam und fehlerfrei spielenden Kramnik keine einzige Partie.)

SPIEGEL: Welche Aussichten hätte Fischer in einem gut besetzten Turnier?

KASPAROW: Er hätte nicht den Hauch einer Chance. Fischer weiß nicht, welchen Belastungen ein Champion ausgesetzt ist. Für mich ist jedes Spiel ein Kampf. Die jungen Spieler scheren sich nicht um große Namen, sind psychisch stabil und haben Killerinstinkt. Fischer würde zerstört unter dieser Spannung.

SPIEGEL: Stört es Sie, daß Sie zwar als Weltmeister respektiert werden, doch Fischer als Legende vergöttert wird?

KASPAROW: Was da in Sveti Stefan passiert, ist traurig. Die jungen Talente von heute müssen glauben, daß früher niemand Schach spielen konnte. Da sitzt dieser arme Kerl, mit dem man nicht normal reden kann - und schlechtes Schach spielt er auch noch. Er zerstört seine eigene Legende, die größte, die das Schach je gehabt hat.

SPIEGEL: Beobachter behaupten, Sie seien verbittert, weil Fischer mehr Interesse auf sich zieht als der amtierende Weltmeister.

KASPAROW: Ich habe damit keine Probleme. Nicht ich, die Medien gingen unfair mit ihm um. Jeder erwartete Geniales, selbst meine Freunde hofften: Vielleicht geschieht das Wunder. Jeder wollte die Legende wiederhaben, aber Legenden gehören in die Vergangenheit. Will man die Vergangenheit im nachhinein ausbeuten, stirbt die Legende. So wird es mit Fischer geschehen.

SPIEGEL: Warum hat Fischer dennoch ein Comeback gewagt?

KASPAROW: Fischer hatte immer Schwierigkeiten, sich aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Er strebt nach Beachtung. Außerdem gab es finanzielle Gründe. Ihm blieb die Wahl: Legende bleiben und arm sterben oder Legende opfern und reich sterben.

SPIEGEL: Politische Motive schließen Sie aus?

KASPAROW: Keineswegs. Fischer fühlt sich besonders wohl in Gegenwart von Menschen, die von der Weltgemeinschaft ausgestoßen sind. Er fühlt sich doch auch als Opfer eines weltweiten Komplotts, er macht eine dauernde Paranoia durch. Fischers Logik ist dabei sehr widersprüchlich. Er hat den Kommunismus verdammt. Und jetzt tritt er für eines der letzten kommunistischen Regime dieser Erde auf - und obendrein für kommunistisches Geld.

SPIEGEL: Ärgert es Sie, daß Fischer und Spasski fünf Millionen Dollar bekommen...

KASPAROW: Bekommen sollen. Das ist noch nicht sicher.
(Anm. Dikigoros: Sie bekamen es...)

SPIEGEL: ... während für Ihren WM-Kampf nur 3,8 Millionen Dollar ausgelobt sind?
(Anm. Dikigoros: ... während die FIDE die ausgelobten 3,8 Mio US-$ nicht aufbringen konnte :-)

KASPAROW: Fischers Geld ist nicht sauber, es stammt aus dunklen Quellen, aus einer Propagandakasse der Serben.
(Anm. Dikigoros: Was redet Kasparow denn da für Unsinn? Das Preisgeld für den WM-Kampf 1972 in Reykjavik stammte aus der Propagandakasse der USA. Die Quellen, aus denen das Preisgeld für den Wettkampf 1992 in Jugoslawien stammten, waren noch viel dunkler! Dikigoros schreibt darüber an anderer Stelle mehr - in der 6. Fußnote.)

SPIEGEL: Jezdimir Vasiljevic, der Mann, der das Spektakel in Sveti Stefan bezahlt, soll Ihnen zehn Millionen Dollar geboten haben.

KASPAROW: Seine Leute haben bei meinem Manager Andrew Page in London angerufen, aber ich habe gesagt: Finger weg, keine Verhandlungen. Wenn ich wollte, könnte ich für 15 Millionen Dollar in Medellin für den kolumbianischen Kokain-König Pablo Escobar spielen. Es gibt so viele zwielichtige Figuren, die ihr Ansehen mit meiner Hilfe reinwaschen wollen, weil ich ihnen Glaubwürdigkeit verleihe.
(Anm. Dikigoros: Schau mal an - Kasparow hatte damals einen britischen Manager! P.E. wäre im September 1992 wohl kaum mehr bereit und in der Lage gewesen, ihm 15 Mio US$ zu zahlen - er war schon auf der Flucht und ein gutes Jahr später mausetot. Dikigoros überlegt noch, wo er seine Webseite über ihn, wenn sie mal fertig wird, einsortieren soll: unter "Wohltäter der Menschheit" - so sah er sich selber - oder unter Politiker, wie seinen Kollegen, den Opium-König Ħamīd Karzāï von US-Gnaden Durranistān. Aber vielleicht legt er auch mal eine neue Datei mit dem Titel "Marionetten" an, unter besonderer Berücksichtigung derer, welche die USA bzw. ihre Vasallen an die Macht gebracht und sich damit selber ins Knie geschossen haben :-)

SPIEGEL: Lohnt sich Fischers PR-Auftritt, sein sogenanntes Friedensmatch, für die Serben?

KASPAROW: Sie haben nicht bekommen, was sie wollten. Sie wollten die große Schau, aber die Werbung war schlecht: Anstatt für Sympathie zu werben, propagiert Fischer den Völkermord - exakt das, was die kriminellen Serbenführer vertuschen wollen. Sie werden nur widerwillig zahlen.
(Anm. Dikigoros: 30 Jahre später sollte Kasparow den Völkermord des Kijiwer Verbrecherregimes an den Russen im Donetsbecken propagieren - den sein Führer so gerne vertuschen wollte.)

SPIEGEL: Und dennoch ist Ihr Titelkampf weniger wert als dieser Schaukampf zweier Schach-Pensionäre.

KASPAROW: Für eine Weltmeisterschaft sind 3,8 Millionen eine Riesensumme. Und die müssen wir uns hart verdienen. Wir müssen die Seriosität des Schachs repräsentieren, wir müssen das Schach wie das Tennis professionalisieren, damit auch andere Spitzenspieler davon leben können, und wir müssen das Interesse der amerikanischen Fernsehgesellschaften wecken. Wenn uns das alles gelingt, haben wir das Geld verdient. Aber was leisten Fischer und Spasski? Sie unterhalten die Menschen nicht einmal. Sie sind nur hinter einer komfortablen Pension her.

SPIEGEL: Mißgönnen Sie Fischer das Geld?

KASPAROW: Ganz im Gegenteil. Er spielte zu einer Zeit, als es nicht viel zu verdienen gab. Daß wir heute kassieren, haben wir auch ihm zu verdanken. Man sollte ihm die fünf Millionen einfach so geben: Machen wir ihn glücklich, ermöglichen wir ihm ein sorgenfreies Leben und hoffen wir, daß er den Mund hält - für immer.
(Anm. Dikigoros: Sollte Kasparow nicht kapiert haben, daß das ein Gesamtbetrag war? Der Sieger bekam davon "nur" 3,35 Mio US$, der Verlierer immerhin 1,65 Mio! Na klar war Kasparow mißgünstig: Er selber soll in seiner ganzen Schach-Karriere insgesamt "nur" 8 Mio US$ verdient versteuert haben, und zwar einschließlich der lukrativen Wettkämpfe gegen Computerprogramme - die es zu Fischers aktiver Zeit noch nicht gab. Fischer mag ein Psychopath gewesen sein - wie so viele Weltklasse-Schachspieler vor und nach ihm -, aber er war auch ein Idealist, der in seiner besten Zeit wiederholt auf Geld - viel Geld für damalige Verhältnisse - verzichtete, wenn es ihm gegen den Strich ging, und der sich nicht den Mund verbieten ließ, wie es viele - offenbar auch Kasparow - gerne gesehen hätten.)

SPIEGEL: Daraus wird wohl nichts. Fischer hat ein Buch angekündigt, in dem er angebliche Absprachen im WM-Kampf zwischen Ihnen und Anatolij Karpow enthüllen will.
(Anm. Dikigoros: Eine typische Sch...hausparole des Lügel. Eine solche Ankündigung Fischers hat es nie gegeben - jedenfalls nicht öffentlich -, geschweige denn, daß er jemals ein solches Buch geschrieben hätte.)

KASPAROW: Das sind Hirngespinste - Quatsch. Wenn wir wirklich die Welt hätten betrügen wollen, hätten wir wohl kaum 144 Partien gespielt. Fischer geht immer noch von Zeiten aus, als sowjetische Spieler als potentielle Betrüger galten, weil Tigran Petrosjan und Jefim Geller 1962 in Curacao ihre Züge abgesprochen haben. Sie wollten sich nicht gegenseitig, sondern gemeinsam westliche Spieler bekämpfen. Fischer glaubt, daß die Welt nach seinem Verschwinden stehen geblieben ist.

SPIEGEL: Immerhin beschimpft er Sie als »krummsten Hund von allen«.
(Anm. Dikigoros: Vielleicht verfügte Fischer ja über hellseherische Fähigkeiten :-)

KASPAROW: Er haßt mich, weil mein Vater Jude war. Wie soll ich darauf reagieren? Er ist eben anormal, ein fanatischer Antisemit, der Parolen verbreitet, die seit 1945 geächtet sind. Meinetwegen soll er mich beleidigen, ich ignoriere ihn. Fischer ist mit seinem Gerede der Tod des Schachs.
(Von hier an faßt Dikigoros seine Anmerkungen der Einfachheit halber in einer längeren Nachbemerkung am Ende des Interviews zusammen.)

SPIEGEL: Verdanken Sie Fischer nicht gewaltige Reklame für das Schach, dem es an exzentrischen Stars mangelt?

KASPAROW: Er macht Negativ-Werbung. Meine größte Sorge ist, daß er den Schach-Boom, den die WM 1993 auslösen kann, von vornherein zerstört. Seine politischen Äußerungen sind für keinen zivilisierten Menschen akzeptabel. Wenn der größte romantische Schach-Held des Westens den Sport nutzt, um altes Nazi-Zeug zu propagieren, werden viele Eltern glauben, daß ihre Kinder so werden wie er, sobald sie Schach spielen.

SPIEGEL: Aber Nachwuchsspieler in aller Welt lernen Fischers Züge noch immer auswendig.

KASPAROW: Er hat das moderne Schach geprägt. Aber in einer Zeit, in der wir Schach an Schulen lehren wollen, haben wir eine moralische Verantwortung. Der kann Fischer nicht gerecht werden, weil sein Auftritt das Produkt einer geistig strapazierten Person ist.

SPIEGEL: Fischers Forderungen an die Organisatoren in Sveti Stefan werden immer bizarrer. Mal will er seinen Toilettensitz um zweieinhalb Zentimeter erhöht, mal den Schachtisch um drei Millimeter abgesenkt haben. Bereitet er damit seinen Ausstieg vor, um einem peinlichen Resultat zu entkommen?

KASPAROW: Ich halte es für denkbar, daß dieses Match nicht beendet wird. Vielleicht weiß Fischer sogar, wie er spielen müßte, aber er bringt die Kraft dafür nicht auf. Mir passiert das einmal pro Turnier, aber Fischer dauernd. So wächst sein Schmerz mit jedem Spiel.

SPIEGEL: Sie wollen dennoch gegen Fischer antreten?

KASPAROW: Das habe ich unter dem Eindruck der ersten Partie gesagt, als es hieß, Fischer spiele wie ein Gott. Ich sagte: Wenn er tatsächlich großes Schach spielt, wenn die Weltgemeinschaft glaubt, daß Fischers Schachfähigkeiten höher zu bewerten sind als seine Äußerungen, wenn es dem Schach nicht schadet, dann spiele ich.

SPIEGEL: Würden Sie ihm damit nicht zu noch mehr Ansehen verhelfen?

KASPAROW: Das ist ein Problem: Deswegen soll die Welt ein derartiges Match als Experiment begreifen. Wir vergessen den Blödsinn, den Fischer erzählt, und sehen unter rein wissenschaftlichen Aspekten, wie ein Verrückter großes Schach gegen den Weltmeister spielt. Aber so, wie er im Moment spielt, bleibt mir das moralische Dilemma ohnehin erspart. Wenn die Welt dennoch ein Match will: Ich habe keine Angst.

SPIEGEL: Wie stehen die Chancen für ein baldiges Match?

KASPAROW: Im Moment eher schlecht. Ich will zuerst meinen Titel im August 1993 verteidigen. Und dann frage ich mich: Ist Fischer überhaupt bereit? Nach der zweiten Partie konnte Fischer die Fragen der Reporter nicht beantworten, er brachte nur Gestammel heraus. Er ist viel zu nervös, er ist diesem Streß nicht gewachsen, obwohl er noch nicht einmal gegen richtige Profis gespielt hat. Selbst wenn er gegen Spasski gewinnt, besagt das gar nichts. Fischer sollte zuerst gegen einige der besten Spieler antreten oder ein Turnier spielen. Wenn er sich dort behauptet, spielen wir vielleicht wirklich das Match des Jahrhunderts.

SPIEGEL: Und Sie könnten ihm all seine Bösartigkeiten heimzahlen?

KASPAROW: Die Genugtuung wäre gering, denn es wäre unfair: Ich habe die besseren Waffen. Große Generäle, selbst Napoleon, hätten heute auch keine Chance mehr. Er täte mir leid.

SPIEGEL: Hätten Sie Motivationsprobleme?

KASPAROW: Niemals. Ich muß mir nur sagen: Er beleidigt deinen Vater, er beleidigt alles, woran du glaubst. Und dann zerquetsche ich ihn.


Nachbemerkung Dikigoros:
  1. Fischer haßte Kasparow bestimmt nicht, weil dessen Vater Jude war. (Insoweit litt Kasparow selber an Verfolgungswahn.) Vielmehr war er mit mehreren Juden (z.B. Tal und den Polgárs) und Halbjuden (z.B. Spasskij) befreundet. Kasparows Verhalten mag ihn jedoch in seiner Auffassung bestätigt haben, daß die meisten Zerstreuungsjuden "krumme Hunde" sind.
    Die meisten der wenigen Schachfreunde, die Dikigoros - vor allem in den USA - hatte (Freundschaften zwischen Schachspielern sind selten; in der Regel herrschen Konkurrenzneid und Mißgunst vor), waren Juden; dennoch sieht er das mit den "krummen Hunden" im Ergebnis genauso wie Fischer; und das resultiert nicht aus "Vorurteilen", sondern aus den Erfahrungen eines langen Lebens.
  2. Wenn jemand "Negativ-Werbung" für das Schachspiel machte, dann war es Kasparow selber. Fischer deckte die korrupten Machenschaften der FIDE auf - aber um der Sache willen. Als dagegen Kasparow einige Monate nach diesem Interview mit der FIDE brach, tat er das allein des Geldes wegen. Als das ausblieb, versuchte er beinahe verzweifelt, sich wieder bei der FIDE einzuschleimen, wollte sogar ihr Präsident werden - vergeblich; aber da interviewte ihn der Lügel nicht mehr.
  3. All das Gewäsch Kasparows von der "Vorbildfunktion", vor allem für Kinder und Jugendliche, erwies sich schon wenig später als pure Heuchelei. Schachunterricht gab es schon lange - freilich nicht für jedermann, sondern an speziellen Schulen, allerdings nur zu Sowjetzeiten. Kasparow hatte das offenbar schon vergessen - oder er ging davon aus, daß der doofe Lügel-Reporter das nicht wußte.
  4. Was man Jugoslawien auch immer vorwarf - ob zu Recht oder zu Unrecht - war nichts im Vergleich zu dem, was das jüdische Verbrecherregime von Kijiw im neuen Jahrtausend Millionen seiner russischer Untertanen antat. Und dafür machte sich Kasparow explizit stark, forderte sogar zu dessen Unterstützung einen offenen [Atom-]Krieg gegen Rußland - pfui Deibel!
  5. Fazit: Letztlich war der einzige, der seine eigene Legende zerstörte, Kasparow selber - was damals, im September 1992, freilich noch nicht abzusehen war. Heute, im Rückblick, ist es leicht, klüger zu sein; aber Dikigoros behauptet, daß Kasparow damit schon ein Jahr später, 1993, begann.

zurück zu Bobby Fischer (Tabellarischer Lebenslauf)

zurück zu Garri Kasparow (wie vor)