|
SPIEGEL: Bobby Fischer läßt sich als Weltmeister anreden. Nehmen Sie ihm diese Anmaßung übel? KASPAROW: Keineswegs. Er ist der ungeschlagene Weltmeister von 1972, der seinen Titel nicht verteidigt hat. Ich bin der amtierende Weltmeister. SPIEGEL: Erinnern Sie sich an den WM-Kampf 1972 zwischen Fischer und dem Russen Boris Spasski? KASPAROW: Ich war damals neun Jahre alt und mit meiner Mutter in Ferien in Kislowodsk im Kaukasus. Es herrschte der Kalte Krieg, und Fischer - Spasski stand für den Kampf der Systeme. Alle Menschen spielten verrückt, überall wurden die Partien analysiert, jede Hausfrau verfolgte das Duell. Ich war noch ein kleiner Junge, aber ich sah: Fischer öffnete dem Schach neue Türen, ich habe sein Spiel sehr bewundert. SPIEGEL: Und jetzt fürchten Sie, daß Fischer zu alter Stärke zurückfindet?
KASPAROW: Da haben wir nicht viel zu erwarten. Es ist wie mit Björn Borg: Er hat keine Chance mehr. Wir spielen heute in einer anderen Dimension. Fischer, vorausgesetzt er wäre geistig normal, müßte enttäuscht sein von seinen Leistungen. Ich traue ihm nicht mehr als 2600 Weltranglistenpunkte zu, das wäre Platz 42. SPIEGEL: Dennoch erregt Fischers Rückkehr mehr Aufsehen als jedes Großmeister-Turnier der vergangenen 20 Jahre.
KASPAROW: Es war nur an den ersten Tagen eine große Show. Fischer hat seine Sprüche verbreitet und auf das Schreiben der US-Regierung gespuckt. Jetzt ist wieder Alltag eingekehrt, die Leute reden lieber über Tennis. Fischer ist zu unbedeutend, um hohe Wellen zu schlagen. SPIEGEL: Aber Fischer gilt immer noch als Genie. Haben Sie in seinen ersten sechs Partien irgend etwas Ungewöhnliches, Neues entdeckt? KASPAROW: Nichts. Die Qualität war niedrig, in jedem Spiel gab es grobe Fehler. Die 1. Partie war noch ungewöhnlich, aber der 19. Zug von Spasski war tödlich. Die 4. und 5. Partie verlor Fischer mit einem Zug. Ich sehe nichts Interessantes für mich. Der bevorstehende Wettkampf des Weltranglisten-Zweiten Wassilij Iwantschuk gegen den Fünften Viswanathan Anand bedeutet für das Schach wesentlich mehr. SPIEGEL: Wo sehen Sie Fischers größte Schwächen? KASPAROW: Er macht viele Fehler, die zeigen, daß ihm die Spielpraxis fehlt. Er sieht nicht ein, täglich trainieren zu müssen. Er glaubt, so etwas nicht nötig zu haben. Das mag 1972 so gewesen sein - 1992 reicht das nicht. Dabei hat Fischer noch Glück, daß Spasski seine Fehler nicht gnadenlos ausnutzt wie die heutigen Spitzenspieler. SPIEGEL: Der niederländische Großmeister Jan Timman, gegen den Sie womöglich Ihren Titel verteidigen müssen, behauptet, daß Ihnen Fischer gefährlich werden könne. Wie groß sind die Unterschiede zwischen dem Schach von heute und zu Fischers Zeiten?
KASPAROW: Früher vernichteten Weltmeister wie Jose Raul Capablanca selbst starke Gegner kurzerhand, weil die nicht vernünftig verteidigten. Auch 1972 war es für einen kraftvollen Spieler wie Fischer ein leichtes, jede Verteidigung zu pulverisieren. Heute kostet es mich unglaubliche Anstrengung, selbst mittelmäßige Spieler zu schlagen, weil das Wissen über Verteidigungsstrategien weitaus größer ist als noch vor 20 Jahren. SPIEGEL: Welche Aussichten hätte Fischer in einem gut besetzten Turnier? KASPAROW: Er hätte nicht den Hauch einer Chance. Fischer weiß nicht, welchen Belastungen ein Champion ausgesetzt ist. Für mich ist jedes Spiel ein Kampf. Die jungen Spieler scheren sich nicht um große Namen, sind psychisch stabil und haben Killerinstinkt. Fischer würde zerstört unter dieser Spannung. SPIEGEL: Stört es Sie, daß Sie zwar als Weltmeister respektiert werden, doch Fischer als Legende vergöttert wird? KASPAROW: Was da in Sveti Stefan passiert, ist traurig. Die jungen Talente von heute müssen glauben, daß früher niemand Schach spielen konnte. Da sitzt dieser arme Kerl, mit dem man nicht normal reden kann - und schlechtes Schach spielt er auch noch. Er zerstört seine eigene Legende, die größte, die das Schach je gehabt hat. SPIEGEL: Beobachter behaupten, Sie seien verbittert, weil Fischer mehr Interesse auf sich zieht als der amtierende Weltmeister. KASPAROW: Ich habe damit keine Probleme. Nicht ich, die Medien gingen unfair mit ihm um. Jeder erwartete Geniales, selbst meine Freunde hofften: Vielleicht geschieht das Wunder. Jeder wollte die Legende wiederhaben, aber Legenden gehören in die Vergangenheit. Will man die Vergangenheit im nachhinein ausbeuten, stirbt die Legende. So wird es mit Fischer geschehen. SPIEGEL: Warum hat Fischer dennoch ein Comeback gewagt? KASPAROW: Fischer hatte immer Schwierigkeiten, sich aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Er strebt nach Beachtung. Außerdem gab es finanzielle Gründe. Ihm blieb die Wahl: Legende bleiben und arm sterben oder Legende opfern und reich sterben. SPIEGEL: Politische Motive schließen Sie aus? KASPAROW: Keineswegs. Fischer fühlt sich besonders wohl in Gegenwart von Menschen, die von der Weltgemeinschaft ausgestoßen sind. Er fühlt sich doch auch als Opfer eines weltweiten Komplotts, er macht eine dauernde Paranoia durch. Fischers Logik ist dabei sehr widersprüchlich. Er hat den Kommunismus verdammt. Und jetzt tritt er für eines der letzten kommunistischen Regime dieser Erde auf - und obendrein für kommunistisches Geld. SPIEGEL: Ärgert es Sie, daß Fischer und Spasski fünf Millionen Dollar bekommen...
KASPAROW: Bekommen sollen. Das ist noch nicht sicher.
SPIEGEL: ... während für Ihren WM-Kampf nur 3,8 Millionen Dollar ausgelobt sind?
KASPAROW: Fischers Geld ist nicht sauber, es stammt aus dunklen Quellen, aus einer Propagandakasse der Serben. SPIEGEL: Jezdimir Vasiljevic, der Mann, der das Spektakel in Sveti Stefan bezahlt, soll Ihnen zehn Millionen Dollar geboten haben.
KASPAROW: Seine Leute haben bei meinem Manager Andrew Page in London angerufen, aber ich habe gesagt: Finger weg, keine Verhandlungen. Wenn ich wollte, könnte ich für 15 Millionen Dollar in Medellin für den kolumbianischen Kokain-König
Pablo Escobar spielen. Es gibt so viele zwielichtige Figuren, die ihr Ansehen mit meiner Hilfe reinwaschen wollen, weil ich ihnen Glaubwürdigkeit verleihe. SPIEGEL: Lohnt sich Fischers PR-Auftritt, sein sogenanntes Friedensmatch, für die Serben?
KASPAROW: Sie haben nicht bekommen, was sie wollten. Sie wollten die große Schau, aber die Werbung war schlecht: Anstatt für Sympathie zu werben, propagiert Fischer den Völkermord - exakt das, was die kriminellen Serbenführer vertuschen wollen. Sie werden nur widerwillig zahlen. SPIEGEL: Und dennoch ist Ihr Titelkampf weniger wert als dieser Schaukampf zweier Schach-Pensionäre. KASPAROW: Für eine Weltmeisterschaft sind 3,8 Millionen eine Riesensumme. Und die müssen wir uns hart verdienen. Wir müssen die Seriosität des Schachs repräsentieren, wir müssen das Schach wie das Tennis professionalisieren, damit auch andere Spitzenspieler davon leben können, und wir müssen das Interesse der amerikanischen Fernsehgesellschaften wecken. Wenn uns das alles gelingt, haben wir das Geld verdient. Aber was leisten Fischer und Spasski? Sie unterhalten die Menschen nicht einmal. Sie sind nur hinter einer komfortablen Pension her. SPIEGEL: Mißgönnen Sie Fischer das Geld?
KASPAROW: Ganz im Gegenteil. Er spielte zu einer Zeit, als es nicht viel zu verdienen gab. Daß wir heute kassieren, haben wir auch ihm zu verdanken. Man sollte ihm die fünf Millionen einfach so geben: Machen wir ihn glücklich, ermöglichen wir ihm ein sorgenfreies Leben und hoffen wir, daß er den Mund hält - für immer.
SPIEGEL: Daraus wird wohl nichts. Fischer hat ein Buch angekündigt, in dem er angebliche Absprachen im WM-Kampf zwischen Ihnen und Anatolij Karpow enthüllen will. KASPAROW: Das sind Hirngespinste - Quatsch. Wenn wir wirklich die Welt hätten betrügen wollen, hätten wir wohl kaum 144 Partien gespielt. Fischer geht immer noch von Zeiten aus, als sowjetische Spieler als potentielle Betrüger galten, weil Tigran Petrosjan und Jefim Geller 1962 in Curacao ihre Züge abgesprochen haben. Sie wollten sich nicht gegenseitig, sondern gemeinsam westliche Spieler bekämpfen. Fischer glaubt, daß die Welt nach seinem Verschwinden stehen geblieben ist.
SPIEGEL: Immerhin beschimpft er Sie als »krummsten Hund von allen«.
KASPAROW: Er haßt mich, weil mein Vater Jude war. Wie soll ich darauf reagieren? Er ist eben anormal, ein fanatischer Antisemit, der Parolen verbreitet, die seit 1945 geächtet sind. Meinetwegen soll er mich beleidigen, ich ignoriere ihn. Fischer ist mit seinem Gerede der Tod des Schachs. SPIEGEL: Verdanken Sie Fischer nicht gewaltige Reklame für das Schach, dem es an exzentrischen Stars mangelt? KASPAROW: Er macht Negativ-Werbung. Meine größte Sorge ist, daß er den Schach-Boom, den die WM 1993 auslösen kann, von vornherein zerstört. Seine politischen Äußerungen sind für keinen zivilisierten Menschen akzeptabel. Wenn der größte romantische Schach-Held des Westens den Sport nutzt, um altes Nazi-Zeug zu propagieren, werden viele Eltern glauben, daß ihre Kinder so werden wie er, sobald sie Schach spielen. SPIEGEL: Aber Nachwuchsspieler in aller Welt lernen Fischers Züge noch immer auswendig. KASPAROW: Er hat das moderne Schach geprägt. Aber in einer Zeit, in der wir Schach an Schulen lehren wollen, haben wir eine moralische Verantwortung. Der kann Fischer nicht gerecht werden, weil sein Auftritt das Produkt einer geistig strapazierten Person ist. SPIEGEL: Fischers Forderungen an die Organisatoren in Sveti Stefan werden immer bizarrer. Mal will er seinen Toilettensitz um zweieinhalb Zentimeter erhöht, mal den Schachtisch um drei Millimeter abgesenkt haben. Bereitet er damit seinen Ausstieg vor, um einem peinlichen Resultat zu entkommen? KASPAROW: Ich halte es für denkbar, daß dieses Match nicht beendet wird. Vielleicht weiß Fischer sogar, wie er spielen müßte, aber er bringt die Kraft dafür nicht auf. Mir passiert das einmal pro Turnier, aber Fischer dauernd. So wächst sein Schmerz mit jedem Spiel. SPIEGEL: Sie wollen dennoch gegen Fischer antreten? KASPAROW: Das habe ich unter dem Eindruck der ersten Partie gesagt, als es hieß, Fischer spiele wie ein Gott. Ich sagte: Wenn er tatsächlich großes Schach spielt, wenn die Weltgemeinschaft glaubt, daß Fischers Schachfähigkeiten höher zu bewerten sind als seine Äußerungen, wenn es dem Schach nicht schadet, dann spiele ich. SPIEGEL: Würden Sie ihm damit nicht zu noch mehr Ansehen verhelfen? KASPAROW: Das ist ein Problem: Deswegen soll die Welt ein derartiges Match als Experiment begreifen. Wir vergessen den Blödsinn, den Fischer erzählt, und sehen unter rein wissenschaftlichen Aspekten, wie ein Verrückter großes Schach gegen den Weltmeister spielt. Aber so, wie er im Moment spielt, bleibt mir das moralische Dilemma ohnehin erspart. Wenn die Welt dennoch ein Match will: Ich habe keine Angst. SPIEGEL: Wie stehen die Chancen für ein baldiges Match? KASPAROW: Im Moment eher schlecht. Ich will zuerst meinen Titel im August 1993 verteidigen. Und dann frage ich mich: Ist Fischer überhaupt bereit? Nach der zweiten Partie konnte Fischer die Fragen der Reporter nicht beantworten, er brachte nur Gestammel heraus. Er ist viel zu nervös, er ist diesem Streß nicht gewachsen, obwohl er noch nicht einmal gegen richtige Profis gespielt hat. Selbst wenn er gegen Spasski gewinnt, besagt das gar nichts. Fischer sollte zuerst gegen einige der besten Spieler antreten oder ein Turnier spielen. Wenn er sich dort behauptet, spielen wir vielleicht wirklich das Match des Jahrhunderts. SPIEGEL: Und Sie könnten ihm all seine Bösartigkeiten heimzahlen? KASPAROW: Die Genugtuung wäre gering, denn es wäre unfair: Ich habe die besseren Waffen. Große Generäle, selbst Napoleon, hätten heute auch keine Chance mehr. Er täte mir leid. SPIEGEL: Hätten Sie Motivationsprobleme? KASPAROW: Niemals. Ich muß mir nur sagen: Er beleidigt deinen Vater, er beleidigt alles, woran du glaubst. Und dann zerquetsche ich ihn. Nachbemerkung Dikigoros:
zurück zu Bobby Fischer (Tabellarischer Lebenslauf) zurück zu Garri Kasparow (wie vor) |