Überlegungen für die Zukunft

S. 240 bis 242

Ein Drama, das uns [...] das prinzipiell Unfaßliche aller Geschichte demonstriert, ist Hildesheimers 1970 erschienene 'historische Szene' Mary Stuart. Dargestellt werden hier die letzten Stunden vor Maria Stuarts Hinrichtung, historisch-authentisch, soweit man dies aus der Rekonstruktion der Dokumente und in Zubilligung einiger Vereinfachungen sagen kann, und doch auf eine beklemmende Weise absurd. Wir werden konfrontiert mit den Vorbereitungen des Scharfrichters, den Erbstreitigkeiten des Gefolges, den Tätigkeiten von Arzt und Apotheker, die der Delinquentin Beruhigungsmittel verabreichen und ihre Verdauung stillstellen, deren Einkleidung für die Enthauptung und den letzten Handlungen des Priesters. Die Königin selbst, wirr und heruntergekommen, überläßt sich währenddessen teils leichtfertigen, teils sentimentalen Erinnerungen, schikaniert ihr Gefolge, trifft konfuse Verfügungen und verfällt schließlich dank der eingenommenen Sedative in eine Gebetseuphorie, die sie das Geschehen gar nicht mehr wahrnehmen läßt. Das Ganze ist auf eine gespenstische Weise gefühllos, von unvermuteten Brutalitäten durchsetzt oder auch plötzlich in eine absurde Komik umschlagend, letztlich nichts anderes als der Blick in einen historischen Zoo.

In einem erklärenden Nachwort zu seinem Stück hat Hildesheimer ausgeführt, daß all dies, so absurd es uns vorkommen mag, unzweifelhaft geschehen sei und daß jeder Versuch, es mit Sinn erfüllen zu wollen, zum Scheitern verurteilt sei. Vor dem, was Maria Stuart erlebt, was sie sich zugemutet habe, müsse die Vorstellungskraft jedes redlichen Geschichtsschreibers versagen; sie sei uns fremd und bleibe uns fremd, und so wie mit ihr ergehe es uns mit allen Menschen früherer Zeiten, mit allen früheren Verhältnissen. Das Bemühen der Geschichtsschreibung, uns hier etwas 'nahebringen' zu wollen, sei "bestenfalls Spekulation, schlimmstenfalls Kitsch". Das wirklich geschichtliche Drama konne nicht mehr tun, als "die Einsicht der Unvorstellbarkeit eines historischen Ereignisses zu fordern". Grundsätzlich sei deshalb auch ein moralischer Standpunkt der Geschichte gegenüber fehl am Platz. Wo "Sinnloses das Sinnlose gebiert und ernährt", gebe es nur eins: hinnehmend zu registrieren.

Der Vergleich zu Schiller drängt sich natürlich auf, und er zeigt, was wir verloren haben. Denn ganz gleich, für wie übertrieben wir Hildesheimers 'historische Szene' halten - sicher ist doch, daß sie in jedem Falle dichter an der historischen Realität steht als Schillers Exempel der Erhabenheit. Vielleicht war dieses Exempel auch damals schon ein Wagnis. Goethe, der dieses Wagnis prinzipiell forderte, hat immerhin schon die sarkastische Bemerkung gemacht, er sei doch gespannt, wie das Publikum es aufnehmen werde, "wenn die beiden Huren zusammenkommen und sich ihre Aventüren vorwerfen".26) Aber man konnte seine Skepsis eben doch noch stillstellen und sich auf diese Umdeutung einlassen, konnte einer verjüngten Maria zusehen, wie sie alle Todesfurcht beiseite schiebt, um der anderen, die ihre Unterwerfung verlangt, die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Und wer will ausschließen, daß dieses Beispiel nicht auch gewirkt hat, daß es über Generationen hin den Menschen nicht vielleicht wieder und wieder Mut gemacht hat, auch für sich selbst zu einem aufrechteren Gang zu kommen? Uns jedoch hat das Wissen, daß es dieses Beispiel nicht gegeben hat, eingeholt, und so wie hier ist es mit aller historischen Beispielhaftigkeit. Und wenn es uns bei Schiller vielleicht auch noch möglich ist, so zu tun, als wüßten wir nichts - einem Autor von heute würden wir auf diesem Wege nicht mehr folgen. Wir glauben einfach nicht mehr, daß die großen geschichtlichen Akteure auch die großen Muster der Menschlichkeit sind.

Oder ist das doch wieder nicht die ganze Wahrheit? Werden nicht Filme mit Geschichtshelden immer noch gern gesehen, werden sie nicht der nüchtern-belehrenden Filmdokumentation, wie sie das Fernsehen in seiner volkserzieherischen Fürsorglichkeit des öfteren anbietet, immer noch vorgezogen? Das Wissen, auch wenn es in der Welt ist, ist eben noch durchaus nicht so gleichmäßig verteilt, daß diese so angenehm menschlichen historischen Bilderbogen auf einhelliges Mißtrauen stoßen. Und wir sollten uns auch hüten zu sagen: besser nichts als sie. Wer sich seine eigenen Begriffe und Maßstäbe in ihm gesellschaftlich freigehaltener Zeit in Ruhe hat bilden können, der mag eine Holocaust-Serie nicht brauchen. Für viele war sie der erste ernsthafte Blick auf das, was war, und immer können sich weitere und genauere Blicke anschließen. Und wie für die Trauer, so für die Hoffnung. Wenn wir auch, um mit Brecht zu sprechen, kein Land, keine Gesellschaft mehr sein wollen, die 'Helden nötig hat' - als Leitbilder für das eigene Handeln sind sie vielleicht doch von Zeit zu Zeit nötig. In unserer eigenen nationalen Geschichte sind die Möglichkeiten - oder auch Verführungen - in dieser Hinsicht zwar nicht groß, aber es ist auch nicht beunruhigend, wenn sich inmitten unseres wissenschaftlichen Zeitalters z. B. um die Person Kennedys so etwas wie ein neuer Mythos bildet.

Im großen und ganzen freilich ist abzusehen, daß das Geschichtsdrama, der Geschichtsfilm mehr und mehr in historische Durchschnittsverhältnisse führen |S.242:|werden, ja eigentlich schon jetzt bei ihnen angekommen sind. Nur hier, in der noch unerschlossenen, unaufgeschriebenen Alltagsgeschichte sind die Freiräume noch groß genug, die historischen Verhältnisse so aufzufinden oder umzugestalten, daß nicht nur das Historische, sondern auch das Menschliche glaubhaft zu seinem Recht kommt. Oder um noch einmal Goethes Begriffe aufzunehmen: nur hier vermag uns die historische Welt wohl noch wahr und wahrscheinlich zugleich zu sein. Als Geschichtsdramen sollte man solche Alltagsgeschichten jedoch nicht mehr bezeichnen. In diesem Begriff steckt grundsätzlich der Bezug sowohl auf ein öffentliches als auch ein dokumentarisch belegtes Geschehen. Die Darstellung eines Privatschicksals, auch wenn es vielleicht dokumentarisch belegt ist, rechtfertigt also die Zuordnung eines Werkes zum Bereich der historischen Dichtung noch ebenso wenig wie die Darstellung eines allgemein-repräsentativen Geschehens, dem es an der individuellen Dokumentiertheit fehlt. Eine Quelle historischer Einsicht können die Alltagsgeschichten freilich durchaus sein, und sei es am Ende nur der, daß wir keinen Grund haben, uns die Vergangenheit zurückzuwünschen. Hat das auch damit zu tun, daß unsere Zeit schon den Stoff für Geschichtsdramen nicht mehr liefert? "Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks", heißt es bei Hegel, "die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr".27) Wir brauchen jedenfalls den größer werdenden Abstand zum Geschichtsdrama nicht zu bedauern.

 
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©Bernd W. Seiler, Juni 1999