
Das Jahresende ist die Zeit, Jahrtausende alte Rituale wie Weihnachten und Silvester zu feiern. Auch die Arbeiterbewegung hatte ihre Rituale. Franz Walter zeigt am Beispiel der Stadt Freital deren Aufstieg und Verfall.
Die Stadt Freital, in der unmittelbaren Nähe von Dresden gelegen, existiert erst seit 1921. Ihre Gründung war ein rein sozialdemokratischer Akt. Zur neuen Stadt Freital vereinten sich damals zu Beginn der Weimarer Republik die drei
Industriegemeinden Döhlen, Deuben und Potschappel. In allen drei Gemeinden kamen die Sozialdemokraten auf eine Zweidrittelmehrheit. Und diese sozialdemokratische Zweidrittelmehrheit schuf sich im Tal des "Plauenschen Grundes" (wie das hoch industrialisierte Umland im Süden von Dresden hieß) eine Stadt, die frei sein sollte von "Ausbeutung und Unterdrückung", eben Freital. Das Bürgertum hat diese ganz unverhüllt sozialdemokratisch imprägnierte
Stadtgründung heftig bekämpft, sprach anfangs ein wenig gehässig von "Liebknechthausen". Doch das steigerte das Selbstbewusstsein der Sozialdemokraten, die ungemein stolz darauf waren, sich ihre eigene Stadt erfunden zu haben. Stadt und sozialistische Arbeiterbewegung verschmolzen in den 1920er Jahren miteinander, wurden in einer Weise eins, die in Deutschland ohne zweites Beispiel blieb. Zwar war die Stadt sozialräumlich ein zersiedeltes, zusammengewuchertes, ja hässliches Gebilde. Aber der gesamtsozialdemokratische Anspruch und das gesamtsozialdemokratische Ritualsystem gaben Freital kollektivmentale Homogenität und kulturelle Identität. Tatsächlich war Freital in den Jahren der Weimarer Republik die Stadt sozialdemokratischer Superlative schlechthin. Sie war die einzige Stadt im "Roten Sachsen" mit einem
sozialdemokratischen Oberbürgermeister, mit absoluten Mehrheiten der Sozialdemokratie bei Wahlen. Nirgendwo sonst war die Zahl der SPD-Mitglieder proportional so groß wie hier, wo mehr als 3.000 der insgesamt 36.000 Einwohner das rote Parteibuch besaßen. Und schließlich war das ganze Tal nachgerade übersät von sozialistischen Arbeiter-Chören, Naturfreunde-Gruppen, Arbeiter-Turner-Klubs, Arbeiter-Fußballvereinen und anderen Arbeiter-Freizeitorganisationen
mehr. Feste und Feiern als städtisches Ritualsystem
Die Feste und Feiern dieser Vereine strukturierten das Freizeitleben der Freitaler Arbeit wie der Wechsel der Jahreszeiten. Und etliche Feste richteten sich auch nach der Rhythmik der Jahreszeiten. Da gab es Jahreswendfeiern, Frühlingsfeste, Sonnenwendfeier, das Sommerschwimmfest, das Herbstsaalsportfest, schließlich die roten
Weihnachtsfeiern, die sich durchaus an den überlieferten christlichen Riten orientierte, wie Rituale ja überhaupt in der Regel lange Vorgeschichten haben. Lediglich der Messias im sozialistischen Weihnachtsritus war ein anderer: Eben
da sozialistische Proletariat selbst. Und als gelobtes Land pries man den noch fernen Sozialismus. Das Festritual vergemeinschaftete, konstituierte Zusammengehörigkeit, strukturierte den Zeitrhythmus und ordnete die
Alltagsdeutungen. Unter den Festen befanden sich prätentiöse wie die Revolutionsfeiern, die Liebknechtfeiern, die Verfassungsfeiern, auch Quartettkonzerte und Beethovenabende. Doch dazu zählten auch leichtere Vergnügungen wie die italienischen Nächte, die Gartenfeste und ganz besonders die zahlreichen - von den Theaterabteilungen der Arbeitersportvereinen aufgeführten - Operetten, Lustspiele und Schwänke. Dorthin zog es die proletarischen Massen bevorzugt, während sie sich bei den Liebknechtfeiern mit ihrer etwas frömmelnden sozialistischen Klassenkampfmetaphorik eher rar machten. Operetten - das liebten die sozialdemokratischen Massen. Revolutionsgedenken - dafür mochte sich nur die kulturelle Elite im Freitaler Vereinssozialismus erwärmen. Arbeiterkultur in Freital war nur zu einem geringen Teil die programmatisch postulierte ästhetische Veredelung oder sozialistische Gesinnungskunst. In der Hauptsache und für die meisten ihrer Träger und Rezipienten bedeutete sie vielmehr Unterhaltung, Geselligkeit, Abwechslung, Vergnügen. Sport und Maifest als Säulen der Arbeiterkultur
Ähnlich war es mit manchen Manifestationen des Arbeitersports in Freital. Der Arbeitersport war die tragende Säule der Arbeiterkultur im Plauenschen Grund, auf welche auch die demonstrativen Aktionen der Sozialdemokratischen Partei, insbesondere zum Ende der Republik, gebaut waren. Mit ihren öffentlichen Darbietungen und Sportfesten waren die Arbeiterturner, -fußballer und -radfahrer allgegenwärtig im Freizeitleben der Stadt. Sportaufführungen und Wettkämpfe waren wohl die wichtigsten Publikumsveranstaltungen im Freital der 1920er und 1930er Jahre. Auch in den kältesten Wintermonaten brauchten die Freitaler nicht darauf zu verzichten, die Matadore des lokalen Arbeitersports zu bewundern. Denn dann gingen die Turner und Radfahrer auf die Bühnen der Kneipensäle und führten dort ihre Kunststücke vor. Die Sportjugend skandierte Sprechchöre, die Radfahrer gaben Proben ihrer Reigenstücke und zu alledem spielte die Reichsbannerkapelle oder der vereinseigene Pfeifen- und Trommlerchor auf. Dies Spektakel nannten sich dann "Saalsportfeste" oder "Bühnenschauturnen" und fanden vorwiegend zwischen November und März statt. So kamen die Freitaler festrituell über den Winter. Ritualenteignung durch die SEDUnd so konnte das Sozialdemokratische auch die Jahre der SED-Herrschaft in Freital nicht überleben. Denn die Bedingungen, sozialdemokratische Einstellungsrituale durch standardisierte Repetition zu tradieren, waren weit schlechter noch als unter dem Nationalsozialismus. Als Hitler die Macht hatte, sah sich die sozialdemokratische Funktionärselite als Ganzes gesellschaftlich und politisch ausgegrenzt. Eine sozial und normativ homogene Gruppe befand sich automatisch im Widerspruch und bei jedem Zusammentreffen in zumindest verbaler Resistenz und Abwehr zu den neuen Machthabern und ihren sozialen Trägern. Spitzel und Überläufer gab es in diesem Umfeld der alten sozialdemokratischen Funktionäre faktisch nicht, weder in Familien - noch im engeren Freundeskreis. So war es verhältnismäßig leicht, als geschlossene Gruppe die Kohäsion zu sichern, Identitäten auch noch vorsichtig an die Kinder weiterzugeben und über das Ende des Regimes hinwegzuretten. Nach 1946 aber waren die Verhältnis anders. Unter Ulbricht ging der Riss mitten durch das einst homogene Milieu. Die einen waren Anhänger und Stützen des Systems, das die anderen aus sozialdemokratischen Motiven ablehnten. Doch mussten letztere nun auch in ihrer unmittelbaren persönlichen Umgebung schweigen, vorsichtiger auftreten als noch in den nationalsozialistischen Jahren. (Anm. Dikigoros: Hört hört!) Vor allen war eine sozialdemokratische Opposition nun unter der SED im Unterschied zu den Jahren vor 1945 sprach-, ritual- und daher vermittlungsunfähig, gleichsam um ihre Identität gebracht. Denn die alten sozialdemokratischen Metaphern und Rituale gehörten ebenfalls alle zu den Manifestation der SED: die roten Fahnen, die Anredeformen, die Lieder, die Demonstrationen, ja die Begriffe für Endziele, Visionen und Utopien.
Die Sozialdemokraten konnten nicht auf die alten Rituale ihrer früheren Partei zurückgreifen, um sie den verhassten Herrschenden entgegenzuhalten, oder sich damit einfach nur das eigene Selbstverständnis zu bewahren und zu tradieren. Die SED gebrauchte schließlich die selben Zeichen und Mythen, hatte dadurch die Sozialdemokraten gewissermaßen rituell und symbolisch enteignet, artikulations- und tradierungsunfähig gemacht. Der rituelle Habitus der alten Sozialdemokratie war den Äußerungsformen der SED zu ähnlich gewesen, und sei es auch nur äußerlich, deshalb konnte er als Bezugs- und Orientierungspunkt resistenten Verhaltens, als kulturelle Übereinkunft des Einzelnen mit der sozialdemokratischen Vergemeinschaftung von früher nicht fortleben. Das Ende der ArbeiterkneipeVerloren ging schließlich auch der Ort, in dem sich autonome Arbeiterfreizeitkultur mit dem organisierten sozialdemokratischen Vereinswesen verband, zumindest traf: Die alte Arbeiterkneipe. Die Kneipe war ein durch und durch ritualisierter Ort der Arbeiterfreizeit In den Hinterzimmern der Arbeiterkneipen hatten bis 1933 die Arbeitersänger geprobt, die Freidenker dissidentische Vorträge gehört, die Ortsvereine der SPD ihre Zahlabende abgehalten. Vorne im Schankraum hatten die Arbeiter an der Theke gestanden, getrunken, geschwatzt und auch ein bisschen politisiert. In Kneipen eben wird, egal zu welchen Zeiten und unter welchen gesellschaftlichen Verhältnissen freiweg geredet, geschimpft und vom Leder gezogen. Republikanische und liberale Staatswesen können damit umgehen. Diktaturen haben damit ihre Probleme. Die DDR erlaubte die private Nische, nicht aber einen öffentlichen Raum zur Artikulation von Unzufriedenheit, und dazu hätte das Wirtshaus gewiss gehört. Die öffentliche Freizeit unterlag dem kontrollierenden Zugriff der Massenorganisation. Die alten Treffpunkte sozialdemokratischer Arbeiter- und Arbeitervereine, in denen bis zum Nationalsozialismus unzählige Feste und Feiern ritualisiert waren, Aufführungen und Kundgebungen statt gefunden hatten, wurden bis auf wenige Ausnahmen geschlossen, zu anderen Zwecken verwendet oder einfach dem Zerfall preisgegeben. Die Schließung der Arbeiter-Kneipen und der Verlust der sozialdemokratischen Freizeit-Organisationen aber bedeutete nicht nur das Ende der alten Freitaler Arbeiter- und Ritualkultur, sondern auch den Niedergang der städtischen Freizeitkultur insgesamt. Freital wurde kulturell ausgedörrter, entschieden langweiliger und schließlich spießig. Bis 1933 war das Freizeitleben in Freital trotz sozialer Not und häufiger wirtschaftlicher Krisen lebendig, bunt, vielseitig und interessant. Die Stadt war in Bewegung. In den SED-Zeiten war das Leben nach der Arbeit in Freital fade, steril und ohne Reiz; die Stadt wurde öde, sie wirkte apathisch, von Jahr zu Jahr mehr. Das üppige Freizeitangebot in Freital bis 1933 rechneten die Einwohner seinerzeit den Sozialdemokraten zugute, prämierten das bei den jeweiligen Wahlen und machten Freital so zur sozialdemokratischen Stadt. Für den Niedergang der Stadtkultur machten die Freitaler indessen ebenfalls die Sozialisten verantwortlich, wandten sich verbittert von ihnen ab.
Die Stadt ist nicht mehr rotAls schließlich 1989 die DDR implodierte, waren alle früheren sozialdemokratischen Einstellungen, Rituale, Orientierungen, Kulturen und Mentalitäten längst aus Freital verschwunden. Es existierte nichts mehr, woran eine neu gegründete Sozialdemokratie hätte anknüpfen können. So fanden sich bloß ein paar Individualisten aus der protestantischen Sphäre zur neuen Sozialdemokratischen Partei zusammen. Von der imposanten Geschichte der Freitaler SPD und ihrer reichen Symbolik wussten sie nichts. Wie hätten sie davon auch etwas wissen sollen? Denn nichts war in Freital mehr rot. Als die kleine, etwas 20köpfige Truppe der neuen Freitaler Sozialdemokratie Anfang 1990 ihren ersten Wahlkampfstand in der Stadt aufstellte, wurde sie ausgebuht, angepöbelt, als "rote Schweine" beschimpft. Der Ausgang der ersten freien Wahlen nach etlichen Jahrzehnten, jener zur Volkskammer im März 1990, wurde zum Desaster, gleichsam zur historischen Tragödie für die sozialdemokratische Kultur in Freital: Ganze 9,8% der Stimmen entfielen auf die SPD in ihrer früheren Hochburg - jener Stadt, die von Sozialdemokraten gegründet und mit Energie, Organisationskraft und einem beeindruckenden Set gemeinschaftsstiftender Rituale und Symbole zur renommierten Musterkommune in Sachsen ausgebaut worden war. Perdu, das alles. Im ostsächsischen Freital hat so der vielleicht europaweit tiefgreifendste Verlust einer milieuspezifischen Munizipalkultur und Ritualwelt während des 20. Jahrhunderts statt gefunden.
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