VON ROT ZU SCHWARZ

FREITAL IN SACHSEN

Eine Geschichte des radikalen Ritualverlusts
am Beispiel einer sächsischen Mittelstadt

von Franz Walter (fr-aktuell, 23.12.2005)

Bilder, Anmerkungen & Links: N. Dikigoros

Das Jahresende ist die Zeit, Jahrtausende alte Rituale wie Weihnachten und Silvester zu feiern. Auch die Arbeiterbewegung hatte ihre Rituale. Franz Walter zeigt am Beispiel der Stadt Freital deren Aufstieg und Verfall.

Die Stadt Freital, in der unmittelbaren Nähe von Dresden gelegen, existiert erst seit 1921. Ihre Gründung war ein rein sozialdemokratischer Akt. Zur neuen Stadt Freital vereinten sich damals zu Beginn der Weimarer Republik die drei Industriegemeinden Döhlen, Deuben und Potschappel. In allen drei Gemeinden kamen die Sozialdemokraten auf eine Zweidrittelmehrheit. Und diese sozialdemokratische Zweidrittelmehrheit schuf sich im Tal des "Plauenschen Grundes" (wie das hoch industrialisierte Umland im Süden von Dresden hieß) eine Stadt, die frei sein sollte von "Ausbeutung und Unterdrückung", eben Freital. Das Bürgertum hat diese ganz unverhüllt sozialdemokratisch imprägnierte Stadtgründung heftig bekämpft, sprach anfangs ein wenig gehässig von "Liebknechthausen". Doch das steigerte das Selbstbewusstsein der Sozialdemokraten, die ungemein stolz darauf waren, sich ihre eigene Stadt erfunden zu haben. Stadt und sozialistische Arbeiterbewegung verschmolzen in den 1920er Jahren miteinander, wurden in einer Weise eins, die in Deutschland ohne zweites Beispiel blieb. Zwar war die Stadt sozialräumlich ein zersiedeltes, zusammengewuchertes, ja hässliches Gebilde. Aber der gesamtsozialdemokratische Anspruch und das gesamtsozialdemokratische Ritualsystem gaben Freital kollektivmentale Homogenität und kulturelle Identität. Tatsächlich war Freital in den Jahren der Weimarer Republik die Stadt sozialdemokratischer Superlative schlechthin. Sie war die einzige Stadt im "Roten Sachsen" mit einem sozialdemokratischen Oberbürgermeister, mit absoluten Mehrheiten der Sozialdemokratie bei Wahlen. Nirgendwo sonst war die Zahl der SPD-Mitglieder proportional so groß wie hier, wo mehr als 3.000 der insgesamt 36.000 Einwohner das rote Parteibuch besaßen. Und schließlich war das ganze Tal nachgerade übersät von sozialistischen Arbeiter-Chören, Naturfreunde-Gruppen, Arbeiter-Turner-Klubs, Arbeiter-Fußballvereinen und anderen Arbeiter-Freizeitorganisationen mehr.

Feste und Feiern als städtisches Ritualsystem

Die Feste und Feiern dieser Vereine strukturierten das Freizeitleben der Freitaler Arbeit wie der Wechsel der Jahreszeiten. Und etliche Feste richteten sich auch nach der Rhythmik der Jahreszeiten. Da gab es Jahreswendfeiern, Frühlingsfeste, Sonnenwendfeier, das Sommerschwimmfest, das Herbstsaalsportfest, schließlich die roten Weihnachtsfeiern, die sich durchaus an den überlieferten christlichen Riten orientierte, wie Rituale ja überhaupt in der Regel lange Vorgeschichten haben. Lediglich der Messias im sozialistischen Weihnachtsritus war ein anderer: Eben da sozialistische Proletariat selbst. Und als gelobtes Land pries man den noch fernen Sozialismus. Das Festritual vergemeinschaftete, konstituierte Zusammengehörigkeit, strukturierte den Zeitrhythmus und ordnete die Alltagsdeutungen. Unter den Festen befanden sich prätentiöse wie die Revolutionsfeiern, die Liebknechtfeiern, die Verfassungsfeiern, auch Quartettkonzerte und Beethovenabende. Doch dazu zählten auch leichtere Vergnügungen wie die italienischen Nächte, die Gartenfeste und ganz besonders die zahlreichen - von den Theaterabteilungen der Arbeitersportvereinen aufgeführten - Operetten, Lustspiele und Schwänke. Dorthin zog es die proletarischen Massen bevorzugt, während sie sich bei den Liebknechtfeiern mit ihrer etwas frömmelnden sozialistischen Klassenkampfmetaphorik eher rar machten. Operetten - das liebten die sozialdemokratischen Massen. Revolutionsgedenken - dafür mochte sich nur die kulturelle Elite im Freitaler Vereinssozialismus erwärmen. Arbeiterkultur in Freital war nur zu einem geringen Teil die programmatisch postulierte ästhetische Veredelung oder sozialistische Gesinnungskunst. In der Hauptsache und für die meisten ihrer Träger und Rezipienten bedeutete sie vielmehr Unterhaltung, Geselligkeit, Abwechslung, Vergnügen.

Eherne sozialdemokratische Gesinnungsethiken kamen hier nur beiläufig vor, waren infolgedessen auch in einer Stadt wie Freital danach nicht über Jahrzehnte und Generationen hinweg während widriger Zeiten in Massen zu tradieren. Zeitgenössisch aber hielten die Feste und Feiern der Arbeitervereine auch die eher unpolitischen Arbeiter an der SPD fest, da es solche Veranstaltungen der sozialdemokratisch geprägten Organisationen waren, die - etwas pathetisch ausgedrückt - ein wenig Licht in den grauen Alltag brachten, die für Stunden wenigstens die Sorgen vergessen ließen, die ein bisschen Freude bereiteten, die für viele die Freizeit am Wochenende ausfüllten, die Trost in Zeiten der Arbeitslosigkeit und des wirtschaftlichen Elends spendeten. Ein Verlust dieser ritualisierten Arbeiterbewegungskultur hätte in einer Stadt wie Freital auch die unpolitischen Arbeiter empfindlich getroffen, hätte ihre Freizeit sehr viel leerer gemacht, hätten sie gleichsam negativ individualisiert. Entritualisierung bedeutet oft genug Einsamkeit und Isolation. Das ließ das Gros der Freitaler Arbeiter an der gedeihlichen Existenz der sozialistischen Arbeiterorganisationen und ihrer Rituale, auch an einer kräftigen SPD interessieren. Daher wählten sie diese Partei, auch wenn sie sonst von deren Erfurter und Heidelberger Programmen sie nicht viel wussten und auch gar nicht wissen wollten.

Die Spannbreite sozialistischer Festkultur in Freital umfasste alle Generationen der Arbeiterschaft. Zum Pflichtprogramm einer jeder Organisation gehörte es nachgerade, einmal im Jahr für die Kinder der Vereinsangehörigen einen bunten Nachmittag mit Wettkampfspielen, Kuchen und dem unvermeidlichen "roten Kasper" durchzuführen. Das Ende der Kinderzeit, den Beginn des Berufslebens, läutete festlich dann die alljährliche Jugendweihe ein, einer der rituellen Höhepunkte sozialistischer Familienfeierlichkeit in Freital und im ganzen Plauenschen Grund der Weimarer Jahre. Im Freital von heute ist die Erinnerung daran gänzlich verblasst. Kaum einer kann sich vorstellen, dass es Jugendweihen in der Stadt schon vor 1933 gab, die im wesentlichen von Sozialdemokraten organisiert wurden und an denen Hunderte von Schulabgängern teilnahmen, ohne dass ein staatlicher Oktroy sie dazu zwang. Dabei war der Plauensche Grund in den 1920er Jahren Fokus und Speerspitze der rituellen Jugendweihekultur in Deutschland schlechthin gewesen. 1927 hatten sich 62,4% aller Schulabgänger in den Orten, die zum sozialdemokratischen Unterbezirk Freital gehörten, nicht zur Konfirmation, sondern zur Jugendweihe gemeldet. Über 3.300 Menschen hatten in diesem Jahr den 14 Jugendweihen, die im Plauenschen Grund stattfanden, beigewohnt. In keiner anderen Region war die Quote der bekennenden Dissidenten unter den Volksschul-Absolventen derart hoch. In Sachsen beteiligten sich Ende der 1920er Jahre zwischen 10 und 20% der Schulabgänger an den freidenkerischen Weihen; im Deutschen Reich insgesamt dürfte der Anteil zwischen 1 und 2% gelegen haben. In dieser Hinsicht reichte die freidenkerisch-sozialistische Prägung in Freital tatsächlich über die kleine Elite überzeugter Kultursozialisten und Parteifunktionäre weit hinaus und erfasste die Majorität der Arbeiterfamilien.

Im Pathos, Ablauf und Stil hatte das Ritual der Weihen viel vom ideologisch denunzierten Vorbild protestantischer Konfirmationen übernommen. Im Grunde war nur die Heilsbotschaft ausgetauscht worden. Auf den Weiheakt wurden die Freidenkerzöglinge über Monate durch einen besonderen Unterricht vorbereitet; auch das hatten sie mit den gleichaltrigen Konfirmanden gemeinsam. Dort bekamen sie ein paar naturwissenschaftliche Regeln mit, etwas Darwin, ein bisschen Kirchenkritik, einige ethische Lebensmaxime, schließlich die Aufforderung, gute Sozialisten zu werden. Diesen "Lebenskundeunterricht" erteilten durchweg sozialdemokratische Volksschulpädagogen. Diese Lehrer hielten dann auch die Weiherede, die eingerahmt war vom Gesang der Arbeiterchöre, von Violinensoli, Kammermusik und Orgelspiel - ganz wie in der Kirche. Man nutzte die Weiherede, um die Schulentlassenen zum Eintritt in die sozialistischen Organisationen zu ermahnen. Der Vortrag pflegte mit dem pathetischen Appell zu beende: "Helft auch ihr mit, das Proletariat aus seinen Fesseln zu befreien" - Weihe als Mission und Erlösungsbotschaft. Am Ende erhielten die Weihelinge ihre Gedenkbücher ausgehändigt und wurden nun, gleichsam mit dem Tropfen freidenkerisch-sozialistischen Öls gesalbt, in das Leben und die Klassenkämpfe entlassen. Das alles vollzog sich Jahr für Jahr nach einem identischen Muster. Und darin lag auch Sinn und Zweck: Rituale disziplinieren; sie schaffen Ordnung, Kontinuität, Bedeutung und Stabilität durch Redundanz, Formalisierung und stereotype Repetition. In den Worten von Gerardus van der Leeuw: "Aller Kultus ist Wiederholung."

Sport und Maifest als Säulen der Arbeiterkultur

Ähnlich war es mit manchen Manifestationen des Arbeitersports in Freital. Der Arbeitersport war die tragende Säule der Arbeiterkultur im Plauenschen Grund, auf welche auch die demonstrativen Aktionen der Sozialdemokratischen Partei, insbesondere zum Ende der Republik, gebaut waren. Mit ihren öffentlichen Darbietungen und Sportfesten waren die Arbeiterturner, -fußballer und -radfahrer allgegenwärtig im Freizeitleben der Stadt. Sportaufführungen und Wettkämpfe waren wohl die wichtigsten Publikumsveranstaltungen im Freital der 1920er und 1930er Jahre. Auch in den kältesten Wintermonaten brauchten die Freitaler nicht darauf zu verzichten, die Matadore des lokalen Arbeitersports zu bewundern. Denn dann gingen die Turner und Radfahrer auf die Bühnen der Kneipensäle und führten dort ihre Kunststücke vor. Die Sportjugend skandierte Sprechchöre, die Radfahrer gaben Proben ihrer Reigenstücke und zu alledem spielte die Reichsbannerkapelle oder der vereinseigene Pfeifen- und Trommlerchor auf. Dies Spektakel nannten sich dann "Saalsportfeste" oder "Bühnenschauturnen" und fanden vorwiegend zwischen November und März statt. So kamen die Freitaler festrituell über den Winter.

Symbiotisch rückten Stadt und Arbeitersport zusammen, wenn internationale Sportgäste eintrafen. Das waren Großereignisse, denen sich kaum einer in Freital entziehen konnte. Es gab dann kein anderes Thema mehr, und die Stadt war rot: Die sozialistischen Arbeiter hatten ihre Fahnen gehisst. So war das Anfang 1926, als erst die Arbeiterfußballer von Antwerpen kamen, dann wenige Tage danach die Radballspieler aus Wien, und so war es schließlich im Juli 1931, als die norwegische Fußball-Ländermannschaft in Freital gegen eine städtische Auswahlmannschaft spielte und mit 1:8 Toren deutlich unterlag. Die Gäste wurden jedes Mal von den Spielmannzügen der Arbeitersportvereine vom Bahnhof abgeholt und in einem großen Demonstrationszug durch die Hauptstraße zum Saal der zentralen Arbeiterkneipe geleitet. Dort war dann Empfang. Vertreter der Stadt begrüßten die Gäste. Der Bürgermeister hielt eine Ansprache, als wäre er nicht der Repräsentant der gesamten Stadt, sondern sozialistischer Festtagsfunktionär. Er redete vom Sozialismus, beschwor den Völkerfrieden und den Internationalismus. Und mit dem Gesang der "Internationale" klang die Festlichkeit aus; das sportliche Getümmel um den Ball konnte endlich beginnen. Das Ritual hatte nach innen vereint, die Grenzzäune nach außen ebenso deutlich wie rhetorisch und symbolisch martialisch markiert.

Ein Meer von roten Fahnen und proletarischen Marschkolonnen durchflutete die Stadt auch Jahr für Jahr am 1. Mai. In den Anfangsjahren der Weimarer Republik war der 1. Mai noch eine Sache der gesamten Freitaler Arbeiterschaft. Im Inflationsjahr 1923 nahmen 15.000 Freitaler an der Schlusskundgebung der Maidemonstration teil, das war über die Hälfte der Einwohnerschaft, in der Tat wohl das ganze proletarische Freital. Doch nahm die Zahl der Demonstranten zum Ende der 1920er Jahre ab. Im Durchschnitt nahmen jetzt nur noch 5.000 Freitaler an den Umzügen, Abschlusskundgebungen und Volksfesten der Arbeitersportlicher und der Sozialdemokraten teil. Schon in Weimar also bröckelte es an der Fassade des proletarischen Sozialismus. Viele Arbeiterfamilien nutzten bereits damals den Tag und zogen für sich oder mit Freunden ganz ohne rote Fahnen ins Grüne statt in das Arbeitervereinsstadion. Der Rückzug in die privaten Nischen, die Individualisierung der Freizeit anstelle des sozialistischen Organisationskollektivs war gewiss noch keineswegs dominant oder prägend für Freital in der Zeit vor dem Nationalsozialismus - aber ein wenig begonnen hatte der Prozess des Sinn- und Integrationsverlustes im kollektiven Ritualsystem auch dieser sozialdemokratischen Stadt in jenen Jahren schon.

Ritualenteignung durch die SED

Und so konnte das Sozialdemokratische auch die Jahre der SED-Herrschaft in Freital nicht überleben. Denn die Bedingungen, sozialdemokratische Einstellungsrituale durch standardisierte Repetition zu tradieren, waren weit schlechter noch als unter dem Nationalsozialismus. Als Hitler die Macht hatte, sah sich die sozialdemokratische Funktionärselite als Ganzes gesellschaftlich und politisch ausgegrenzt. Eine sozial und normativ homogene Gruppe befand sich automatisch im Widerspruch und bei jedem Zusammentreffen in zumindest verbaler Resistenz und Abwehr zu den neuen Machthabern und ihren sozialen Trägern. Spitzel und Überläufer gab es in diesem Umfeld der alten sozialdemokratischen Funktionäre faktisch nicht, weder in Familien - noch im engeren Freundeskreis. So war es verhältnismäßig leicht, als geschlossene Gruppe die Kohäsion zu sichern, Identitäten auch noch vorsichtig an die Kinder weiterzugeben und über das Ende des Regimes hinwegzuretten. Nach 1946 aber waren die Verhältnis anders. Unter Ulbricht ging der Riss mitten durch das einst homogene Milieu. Die einen waren Anhänger und Stützen des Systems, das die anderen aus sozialdemokratischen Motiven ablehnten. Doch mussten letztere nun auch in ihrer unmittelbaren persönlichen Umgebung schweigen, vorsichtiger auftreten als noch in den nationalsozialistischen Jahren. (Anm. Dikigoros: Hört hört!) Vor allen war eine sozialdemokratische Opposition nun unter der SED im Unterschied zu den Jahren vor 1945 sprach-, ritual- und daher vermittlungsunfähig, gleichsam um ihre Identität gebracht. Denn die alten sozialdemokratischen Metaphern und Rituale gehörten ebenfalls alle zu den Manifestation der SED: die roten Fahnen, die Anredeformen, die Lieder, die Demonstrationen, ja die Begriffe für Endziele, Visionen und Utopien.

Die Sozialdemokraten konnten nicht auf die alten Rituale ihrer früheren Partei zurückgreifen, um sie den verhassten Herrschenden entgegenzuhalten, oder sich damit einfach nur das eigene Selbstverständnis zu bewahren und zu tradieren. Die SED gebrauchte schließlich die selben Zeichen und Mythen, hatte dadurch die Sozialdemokraten gewissermaßen rituell und symbolisch enteignet, artikulations- und tradierungsunfähig gemacht. Der rituelle Habitus der alten Sozialdemokratie war den Äußerungsformen der SED zu ähnlich gewesen, und sei es auch nur äußerlich, deshalb konnte er als Bezugs- und Orientierungspunkt resistenten Verhaltens, als kulturelle Übereinkunft des Einzelnen mit der sozialdemokratischen Vergemeinschaftung von früher nicht fortleben.

So verloren sich die Spuren sozialdemokratischer Einflüsse im Freitaler Vereins- und Freizeitleben spätestens während der 1950er Jahre. Aus den Sportorganisationen der DDR-Gesellschaft zog sich die Gruppe früherer sozialdemokratischer Vereinsfunktionäre, die anfangs noch über einen eigenen Einfluss verfügt hatte, in diesem Jahrzehnt allmählich zurück. Der Sport änderte in jenen Jahren seinen Charakter, in der DDR und in Freital. Die sozialdemokratischen Sportaktivitäten waren noch auf Breitenwirkung angelegt, um Freizeit- und Körperbedürfnisse möglichst vieler Arbeiter, jenseits von hochgeschraubten Leistungsanforderungen zu erfüllen. Im einheitssozialistischen Staat aber erhielt der Leistungssport den Vorrang. Trainingszentren wurden geschaffen, Kinder- und Jugendsportschulen eingerichtet. Mit der alten sozialdemokratischen Freizeitkultur hatte dies alles nichts mehr zu tun; zwischen beiden gab es seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre keine organisatorischen, keine personellen Brücken mehr. In Freital verschwand nun endgültig die Lebenskultur, in der sich zuvor über Jahrzehnte sozialdemokratische Bindungen, hergestellt, reproduziert und gefestigt hatten. Das "kulturelle Gedächtnis", um einen Begriff von Jan Assmann aufzunehmen, ging verloren.

Das Ende der Arbeiterkneipe

Verloren ging schließlich auch der Ort, in dem sich autonome Arbeiterfreizeitkultur mit dem organisierten sozialdemokratischen Vereinswesen verband, zumindest traf: Die alte Arbeiterkneipe. Die Kneipe war ein durch und durch ritualisierter Ort der Arbeiterfreizeit In den Hinterzimmern der Arbeiterkneipen hatten bis 1933 die Arbeitersänger geprobt, die Freidenker dissidentische Vorträge gehört, die Ortsvereine der SPD ihre Zahlabende abgehalten. Vorne im Schankraum hatten die Arbeiter an der Theke gestanden, getrunken, geschwatzt und auch ein bisschen politisiert. In Kneipen eben wird, egal zu welchen Zeiten und unter welchen gesellschaftlichen Verhältnissen freiweg geredet, geschimpft und vom Leder gezogen. Republikanische und liberale Staatswesen können damit umgehen. Diktaturen haben damit ihre Probleme. Die DDR erlaubte die private Nische, nicht aber einen öffentlichen Raum zur Artikulation von Unzufriedenheit, und dazu hätte das Wirtshaus gewiss gehört. Die öffentliche Freizeit unterlag dem kontrollierenden Zugriff der Massenorganisation. Die alten Treffpunkte sozialdemokratischer Arbeiter- und Arbeitervereine, in denen bis zum Nationalsozialismus unzählige Feste und Feiern ritualisiert waren, Aufführungen und Kundgebungen statt gefunden hatten, wurden bis auf wenige Ausnahmen geschlossen, zu anderen Zwecken verwendet oder einfach dem Zerfall preisgegeben. Die Schließung der Arbeiter-Kneipen und der Verlust der sozialdemokratischen Freizeit-Organisationen aber bedeutete nicht nur das Ende der alten Freitaler Arbeiter- und Ritualkultur, sondern auch den Niedergang der städtischen Freizeitkultur insgesamt. Freital wurde kulturell ausgedörrter, entschieden langweiliger und schließlich spießig. Bis 1933 war das Freizeitleben in Freital trotz sozialer Not und häufiger wirtschaftlicher Krisen lebendig, bunt, vielseitig und interessant. Die Stadt war in Bewegung. In den SED-Zeiten war das Leben nach der Arbeit in Freital fade, steril und ohne Reiz; die Stadt wurde öde, sie wirkte apathisch, von Jahr zu Jahr mehr. Das üppige Freizeitangebot in Freital bis 1933 rechneten die Einwohner seinerzeit den Sozialdemokraten zugute, prämierten das bei den jeweiligen Wahlen und machten Freital so zur sozialdemokratischen Stadt. Für den Niedergang der Stadtkultur machten die Freitaler indessen ebenfalls die Sozialisten verantwortlich, wandten sich verbittert von ihnen ab.

Die Stadt ist nicht mehr rot

Als schließlich 1989 die DDR implodierte, waren alle früheren sozialdemokratischen Einstellungen, Rituale, Orientierungen, Kulturen und Mentalitäten längst aus Freital verschwunden. Es existierte nichts mehr, woran eine neu gegründete Sozialdemokratie hätte anknüpfen können. So fanden sich bloß ein paar Individualisten aus der protestantischen Sphäre zur neuen Sozialdemokratischen Partei zusammen. Von der imposanten Geschichte der Freitaler SPD und ihrer reichen Symbolik wussten sie nichts. Wie hätten sie davon auch etwas wissen sollen? Denn nichts war in Freital mehr rot. Als die kleine, etwas 20köpfige Truppe der neuen Freitaler Sozialdemokratie Anfang 1990 ihren ersten Wahlkampfstand in der Stadt aufstellte, wurde sie ausgebuht, angepöbelt, als "rote Schweine" beschimpft. Der Ausgang der ersten freien Wahlen nach etlichen Jahrzehnten, jener zur Volkskammer im März 1990, wurde zum Desaster, gleichsam zur historischen Tragödie für die sozialdemokratische Kultur in Freital: Ganze 9,8% der Stimmen entfielen auf die SPD in ihrer früheren Hochburg - jener Stadt, die von Sozialdemokraten gegründet und mit Energie, Organisationskraft und einem beeindruckenden Set gemeinschaftsstiftender Rituale und Symbole zur renommierten Musterkommune in Sachsen ausgebaut worden war. Perdu, das alles. Im ostsächsischen Freital hat so der vielleicht europaweit tiefgreifendste Verlust einer milieuspezifischen Munizipalkultur und Ritualwelt während des 20. Jahrhunderts statt gefunden.


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