Die elitäre Idee von Corona als Chance

von Roger Letsch (Blog Unbesorgt, 15. Mai 2020)

mit Bildern, Links und Anmerkungen von Nikolas Dikigoros

Zitt von Klaus Schwab

"Die Pandemie bietet die seltene [...] Chance, eine
neue Weltordnung zu errichten" Klaus Schwab

Gehen wir mal grundsätzlich davon aus, dass die Kri­se erst dann für been­det erklärt wer­den kann, wenn der Deutschlandfunk zu seinem normalen Programm zurückfindet, statt uns allmorgendlich mit Corona-Wasserstandsmeldungen zuzutexten. Der Informationsgehalt ist meist gering, und gäbe es nicht hin und wie­der Perlen wie die vom 12. Mai, als Ingeborg Breuer „Aus Kultur- und Sozialwissenschaften“ berichtete, lohnte sich das Einschalten kaum. 9:20 Uhr war es an jenem Dienstag, als folgen­des über den Sender ging:

„Mit den Lockerungen sinkt auch die Angst vor dem Virus. Für viele Menschen stellt sich die Frage, ob es vielleicht auch eine Chance in der Krise gibt. Öffnet der Lockdown Möglichkeiten für neue, nachhaltige Wege in eine solidarischere, klimafreundlichere Zukunft? Oder sind das romantische Träumereien von Menschen in privilegierten Lebensumständen?”

Dass die Angst „sinkt“, ist natürlich gar nicht gut! Wer jedoch diese „vielen“ Menschen sind, denen sich hier eine Chance bieten soll und in welche Richtung der „neue“ Weg führt, wird schnell klar. Die Linke hält den Sozialismus für solidarisch und die wissenschaftlichen Lieferanten der Grünen kriegen sich angesichts der sinkenden CO2-Emissionen kaum noch ein vor Freude. Jetzt muss man das nur noch „zusammendenken“. Doch weiter im Sendebetrieb:

„In Zei­ten von Corona zeigen sich Menschen solidarisch in der Nachbarschaft und helfen einander. In Zeiten von Coro­na stellt Sarah Schutzmasken her, VW baut Beatmungsgeräte, und L’Oréal produziert Desinfektionsmittel.“ Slogans auf einer Online-Konferenz an der Uni Bozen. Sie verdeutlichen, zu welch erstaunlicher Solidarität Menschen, Firmen und Staaten im Fall der Corona-Krise fähig sind.“

Moment mal, „Solidarität“? Wozu braucht es hier dieses Schlingelwort, das immer dann fällt, wenn man den Leuten ans Portemonnaie will? Wenn Menschen oder Firmen das tun und produzieren, was gerade gebraucht wird, statt das herzustellen, was ein zentraler Plan ihnen sagt, handelt es sich um klassische und funktionierende Marktwirtschaft, nicht um Solidarität! Erstaunlich wäre, wenn L’Oréal die Produktion von Shampoo hochgefahren hätte, logisch und zutiefst marktwirtschaftlich ist es hingegen, im Moment Desinfektionsmittel herzustellen – und zu verkaufen!

Überhaupt fällt auf, dass in der Sendung jede Menge seltsamer Begriffe eingeführt werden, die ihren Erfinder zwar mächtig schlau erscheinen lassen, die jedoch in der Rubrik Marktwirtschaft vollständig enthalten und definiert sind. Wenn der Modephilosoph Precht etwa davon spricht, dass die künftige Post-Corona-Gesellschaft „ihren Alternativsinn schärfen“ werde, um zu entscheiden „braucht‘s das, braucht‘s das oder braucht‘s das“, beschreibt er nichts anderes als das Wechselspiel aus Angebot und Nachfrage. Aber dafür gibt es ja bereits ausreichend Experten (nämlich uns alle), während der Neologismus „Alternativsinn“ nach dicken Precht-Büchern und Phoenix-Sondersendungen geradezu schreit.

Radikale Chance oder Chance für Radikale?

Man möchte etwa Kris Krois nach Aussagen wie „was wäre, wenn diese Solidarität überdauert“ zuru­fen „was wäre, wenn Sie aufhören würden, die freie Marktwirtschaft anzugreifen, indem Sie ihre wichtigsten Mechanismen zu Solidaritätsbekundungen umdeuten?“ Krois, Professor für Eco-Social-Design in Bozen, sieht im aktuellen wirtschaftlichen Stillstand offenbar den Beweis für die Funktionstüchtigkeit politischer Macht und zeigt sich fasziniert von grünen und linken Ideen:

„Kli­ma­for­scher und Wachstumskritiker sehen jetzt die Chance für einen grundlegenden Paradigmenwechsel. Denn man macht ja gerade die Erfahrung, dass das Herunterfahren der Wirt­schaft zu einem nie dagewesenen CO2-Rückgang führt, dass die Politik durchaus radikale Maßnahmen durchsetzen kann.“

Man kann sich auch eine Kugel in den Kopf jagen und dadurch eine radikale Diät einleiten. Wer wollte die Wirksamkeit bestreiten? Aber das kann man eben nur einmal machen, nachladen ist nicht drin. So ist es auch mit dem CO2-Rückgang im Corona-Lockdown, von dem wir bereits wissen, dass selbst die­ser nicht ausreichen würde, um die für notwendig erklärte Decarbonisierung zu erreichen.

Was wollen wir also zur Verstärkung der Effekte noch machen? Einen Revolver größeren Kalibers benutzen? Eine doppelläufige Flinte vielleicht? Und wie soll die Leiche „Ökonomie“ nach ihrem „Selbstmord auf staatliches Verlangen“ überhaupt den Umbau der Wirtschaft auf „sanft” hinbekommen? Dass die ganze irrsinnige „Transformation“ mehr CO2 verursacht als einspart, musste zuletzt sogar Michael Moore schmerzlich feststellen. Nichts davon beeindruckt jedoch unsere Geisteselite. Also zumindest jenen Teil, den Ingeborg Breuer in ihrer Sendung zu Wort kommen lässt. Es gelte „Veränderungen anzustoßen, die bislang politisch und wirtschaftlich nicht durchsetzbar zu sein schienen“. Aus gutem Grund nicht.

Krois weiter: „Die Kurve der Erwärmung wird über Jahrhunderte nicht mehr absinken und dagegen wird es auch keinen Impfstoff geben.“ Womit er den Kritikern von Klimarettung und Energiewende mal eben denselben Aluhut aufgesetzt hat, wie Impfgeg­ern. Man lebt in spannenden Zei­ten, wenn Schulschwänzerklimatologin Greta auf Virologie umsattelt und ein Eco-Social-Designer Krois aus Erderwärmungskurven die Zukunft „über Jahrhunderte“ auspendelt!

Ein Traum von Zukunft, die Zukunft – ein Traum!

Und der Irrsinn reißt in den acht Sendeminuten nicht ab. Da träumt Zukunftsforscher Matthias Hoax Horx von einer „neue Welt der Fairness, der Ökologie und der Solidarität“, Philosophin Svenja Flaßpöhler wurde „Denkraum geschenkt“ und so kann unsere privilegierte Elite abseits von Kurzarbeit, Jobverlust und Insolvenz nach Herzens­lust über die Rolle der Bedeutung bei der Entwicklung der Steigerung nachsinnen. Dicke Bücher werden entstehen und dicke, wie Selbstversicherungen klingende Unverschämtheiten wie die folgende wertvolle Sendezeit vergeuden:

"Waren es nicht immer die Privilegierten, die die Muße hatten, andere Gesellschaftsmodelle zu entwerfen? Folglich sind es immer nur Minderheiten, die alternative [und vor allem alternativlose, Anm. Dikigoros] Entwicklungspfade andenken und vorleben. Gut, dass die ihre privilegierte Position sinnvoll nutzen!"

Was täten wir nur ohne unsere Eliten, die unseren kleinen Leben unablässig den Puls fühlen! Freilich könnte man mit solchen Äußerungen auch dem Feudalismus ein dreifaches „Vivat!“ darbringen… das übersehen wir mal großzügig. Dass man seine privilegierte Position „sinnvoll nutzt“, ist in der Sendung übrigens nicht als Maxime gemeint, sondern ist eine Feststellung, von der man ausgeht! Erkennt man beim „Andenken und Vorleben“ aus privilegierter Position überhaupt die Probleme „da unten“? Eher nicht, wie es scheint:

„Braucht man wirklich die ganzen Fernreisen, Konferenzen, Meetings, Geschäftsreisen?“ fragt Ingeborg Breuer, und ich frage mich, ob sie bemerkt, dass die Welt der Fernreisen und Konferenzen eben gerade nicht die der breiten Masse, sondern ausgerechnet die jener Elite ist, der gerade „Denkräume geschenkt“ und „Chancen geboten“ wer­den. Hier schließt sich nun der Kreis der Privilegiertheit zur Selbstreferenz, indem man von „allen“ Verhaltens- und Konsumänderungen fordert, die nicht erfolgen können, weil es sie beim Adressaten kaum gibt. Das eigene Verhalten wird auch weiterhin als „notwendiges Übel“ exkulpiert. Man selbst fernreist, konferiert und meetet ja nur, weil man muss!

Wir dürfen uns also auch weiter freu­en auf Post-Corona-Konferenzen, Neue-Weltordnung-Meetings und COP-Klimagipfel an den schönsten Fernreisezielen. Dort trägt unsere Elite dann telegen und eloquent das angeblich uns gehörende schlechte Gewissen wie eine Gucci-Handtasche spazieren, und wir dürfen dabei zusehen. Von zu Hause. Nachdem wir die Rundfunkgebühr entrichtet und Steuern gezahlt haben!


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