John Fuegis "Brecht & Co."

Sex for text oder: Nicht alles was Brecht ist

von PETER VON BECKER (I.B.S. 1997)

Kurz vor Brechts 100. Geburtstag zerstört John Fuegis 'Brecht & Co.' die Reste vom armen, guten B.B.-Mythos.
Jetzt ist die skandalumraunte amerikanische Brecht-Biographie auf deutsch erschienen: eine Zäsur

Von André Gide stammt das Bonmot, einen Dichter seiner Werke wegen zu lieben und ihn dann persönlich kennenzulernen, das sei manchmal so, wie Gänseleberpastete zu lieben und hinterher die Gans kennen zu lernen. Wenn wir den geflügelten Vergleich nun auf Brecht übertragen: dann gleicht der Dichter wohl eher einem gewaltigen Ganter, und liest man gar seinen jüngsten Biographen, so wachsen ihm weiter noch Schwingen und aasige, blutige Triebe. Er wäre: mal Geier, mal Vampir.

Natürlich ist es ein frommer Glaube, daß die Schöpfer erstaunlicher Werke auch wunderbare Menschen seien. Genie ist keine Charakterfrage, vor allem haben das immer wieder Frauen erfahren in ihren wechselnden Rollen als dienende Musen, Geliebte, Gattinnen oder Witwen im Wartestand. Seit langem weiß man auch, daß Brecht als Materialisten und Macho, als Strategen in Sachen Sex, Poeterei und Politik in diesem Jahrhundert keiner das Wasser reichen konnte; daß selbst der Superchauvi Picasso hier zum Vergleich noch wie ein Romantiker und ein legendärer Molch wie Sartre als erotisierter Sonderling erscheint. Doch nie zuvor ist ein Brecht-Biograph nach 25 Jahren akribischer und bei aller detektivischer Lust wohl schon obsessiver Forschung derart eindeutig (und oft einseitig) darangegangen, auch noch den letzten Rest des alten Mythos vom armen, vom weisen, vom gütigen B. B. zu demolieren. Also beginnt das große Brecht-Jubiläum - am 10. Februar ist 100. Geburtstag - vor allen Feiern und Inszenierungen bereits jetzt. Mit einem Generalangriff durch John Fuegis "Brecht & Co.".

Ursprünglich schon für das Frühjahr angekündigt, hatte sich die deutsche Ausgabe der Brecht-Biographie des 61jährigen Literatur-Professors aus Maryland durch immer neue Überarbeitungen und nachgereichte, neu aufgetauchte Dokumente verzögert. Und die Europdische Verlagsanstalt in Hamburg, die das dickleibige Opus soeben druckfrisch prdsentiert (1087 Seiten, mit Abb., DM 88,-), hat viel darangesetzt, die Geschichte auch juristisch "wasserdicht" zu machen. Denn es geht bei Fuegi in der Konsequenz ums Recht an Brecht, genauer gesagt: ob alles, was bisher Brecht ist, tatsächlich (von) Brecht ist. Seine These lautet: B. B.'s Mätressen und Mitarbeiter, allen voran Elisabeth Hauptmann, Margarete Steffin und Ruth Berlau, die in der einen oder anderen Rolle bereits in der Brecht-Literatur der letzten 20 Jahre (zumeist im Anmerkungsteil) und auch in der Frankfurter und Berliner Werkausgabe des Suhrkamp-Verlags ausgewiesen sind, haben für ihren Herrn und Meister nicht nur recherchiert, getippt und redigiert. Sie waren häufig die Hauptautoren oder mindestens Co-Autoren von Gedichten, Prosa und Stücken, die in Publikationen und auf Tantiemen-Abrechnungen weiterhin als Brecht-Werke erscheinen. Brechts eigenes Verrechnungs-Verhältnis habe sich dabei auf ein einziges Prinzip gegründet: sex for text.

Als Fuegis Attacke wider den Jahrhundert-Dramatiker vor drei Jahren zuerst in New York und London erschien, hieß die amerikanische Ausgabe "Brecht & Company. Sex, Politics and the Making of the Modern Drama", während das Buch in England noch "The Life and Lies of Bertolt Brecht" betitelt war. Brechts "Leben und Lügen" - da braute sich, auch in Deutschland, sogleich ein Protestgewitter zusammen. Selbst langjährige Brecht-Kritiker rafften sich auf, den toten Alten gegen die Moralinsäure, den angemannten Feminismus und mancherlei Schlüsselloch-Perspektiven des Literatur-Professors aus Maryland zu verteidigen. Und die International Brecht Society listete in der 20. Ausgabe ihres "Brecht Yearbook" auf über 100 Seiten mehr als 700 tatsächliche oder angebliche Falschbehauptungen und Irrtümer Fuegis auf, die dieser wiederum in einer Gegenliste zu kontern suchte. Was keiner sagte: Kurz vor Drucklegung von "Brecht & Company" war in der New Yorker Grove Press der Fußnotenapparat im Computer abgestürzt, die Rekonstruktion durch den Autor erfolgte überhastet, und kein Verlagslektorat konnte das Gewimmel deutscher, russischer, französischer, skandinavischer, angelsächsischer Namen, Zitate, Begriffe und zeitgeschichtlicher Daten noch verifizieren.

Sebastian Wohlfeil hat dies für "Brecht & Co." getan. Der 46jährige deutsche Übersetzer darf in Sachen Brecht mittlerweile als habilitationsreif gelten. Gegenüber der angelsächsischen Erstausgabe ist der deutsche Text mitsamt seinen fast 2200 Anmerkungen um gut 20% erweitert worden, es gab etwa 2000 Eingriffe in das Original, eine Reichspräsidentenwahl wird nun nicht mehr mit der Reichstagswahl verwechselt und auch nicht weiter insinuiert, Brecht habe seine Tochter Barbara (heute: Brecht-Schall, die Berliner Herrin des mit dem in Amerika lebenden Bruder Stefan und der Halbschwester Hanne Hiob geteilten Erbes) nicht mit Helene Weigel, sondern mit seinem Dienstmädchen Mari Hold gezeugt.

Bertolt Brechts Leben: ein Riesenroman mit allen Ingredienzien des Historienthrillers (Hauptfiguren: Hitler, Stalin, McCarthy, Ulbricht), des Kulturkrimis und der Liebestragödien (mit Selbstmordversuchen, Eifersuchtsdramen, Abtreibungen, Intrigen und dem gar nicht kameliendamenhaften Ende der lungenkranken Margarete Steffin in Moskau, auf der Flucht nach Amerika). Auch eine Mammut-Biographie kann da nur Schlaglichter werfen. Trotzdem fällt auf, wie dürftig Fuegis ästhetische Analysen Brecht'scher Gedichte und Dramen sind; daß sich fast nichts über Brechts philosophische Studien, über seine Beziehung zu Walter Benjamin findet, über seine Erfahrungen mit dem großen Antipoden Kafka und später Beckett; daß Fuegi angesichts Brechts existentieller und ideologischer Widersprüche kaum eine Vorstellung hat, was Leben und Flüchten in der Emigration, im Schatten von Nazismus und Stalinismus in einem Menschen anrichten mögen. Statt dessen dilettiert Fuegi seitenweise mit allgemeinen welthistorischen Exkursen über Hitler und Stalin, über Weltbekanntes. Oder im Grunde unsinnige Mitteilungen verknüpfen sich mit unausgesprochenen Unterstellungen. So heißt es, Brecht habe in den 20er Jahren seiner Leidenschaft fürs Berufsboxen gefrönt "wie Ernest Hemingway und der Berliner Weinhändler Joachim von Ribbentrop". Ein anderes Mal nennt Fuegi unvermittelt Lion Feuchtwangers Frau Marta und schreibt, daß sie, als wdre dies am 30. Januar 1933 nicht Millionen so ergangen, aus dem Radio von Hitlers Machtergreifung hörte, freilich: "im Wintersportort Sankt Anton in der Schweiz, wo auch Leni Riefenstahl Ferien machte". Abgesehen davon, daß St. Anton in Österreich liegt, was soll der Fingerzeig beweisen?

Oft genug agiert Fuegi mit unterschwelligen Andeutungen oder polemischen Verknüpfungen, beschreibt die in Konzentrationslagern malträtierten früheren Brecht-Schauspieler, um den Meister selbst, im direkten Gegenschnitt, sehr komfortabel "unter Palmen und Orangenbäumen Südkaliforniens" bei der Arbeit an "Schweyk im II. Weltkrieg" zu präsentieren. Brechts grandios listigen Auftritt vor dem McCarthy-Ausschuß, bei dem er nichts und niemanden verriet, behandelt er wie eine Denunziation und erhebt, weil der Dichter nie offen als Held und Widerstandskämpfer auftrat, den in seiner Kombination absurden Vorwurf, Brecht habe zu "den Millionen" gehört, "deren Stillschweigen einen Hitler, einen Stalin und einen McCarthy nach oben trug".

John Fuegi ist ein Eiferer. Immer puritanisch - weshalb ihm Brecht mit seinen Frauengeschichten zu jenem Monster gerät, dem er sich mit der Sprache eines Buchhalters in eroticis nähert: "Sein abwechslungsreiches Sexualleben nahm er rasch wieder auf." Dazu wirkt Fuegi politisch naiv, weshalb er die leninistisch furchterregende "Maßnahme" zum fast humanen Meisterwerk verklärt, hingegen beim Auswerten von Brechts FBI-Akten auch mal rechts von Herbert Hoover argumentiert (Brechts Kontakte zu Kommunisten in den USA hätten "zentrale Belange der nationalen Sicherheit" berührt).

Saubermann Fuegi mischt auch unsaubere Quellen. Wenn es ihm paßt, zitiert er Hörensagen, Originaldokumente, wissenschaftliche und fiktionale Literatur sowie Künstlermemoiren als unterschiedslos gleichwertige Belege und dichtet so zum Beispiel Marieluise Fleißer, die unter Brecht als Frau und Dichterin genug zu leiden hatte, aus einer nur halbdokumentarischen und vielfach mehrdeutigen Erzählung von 1962 einen Selbstmordversuch im Jahr 1929 an.

So sonderbar dies nun aber klingt: Trotz solcher Einwände im Detail markiert dieses Buch im ganzen eine Zäsur. Ist ein Ereignis. Anders als Klaus Völker, Werner Mittenzwei, Hans Bunge und selbst Werner Hecht in seiner jetzt fast zeitgleich im Suhrkamp Verlag erschienenen 1315 Seiten starken "Brecht Chronik. 1898 - 1956" hat John Fuegi erstmals eine von Pressionen und Zensurversuchen, von editorischen, verlagsgeschäftlichen und erbrechtlichen Interessen gänzlich freie Brecht-Biographie geschrieben. Er hat, unterstützt von Stefan Brecht, als erster systematisch die in Harvard gelagerten Kopien des Brecht-Nachlasses ausgewertet, hat dabei die Aufstellung der zu DDR-Zeiten im Ostberliner Brecht-Archiv als "privat" oder "politisch" gesperrten, inzwischen mit dem ganzen Archiv vom Land Berlin für die Akademie der Künste erworbenen Dokumente gleichsam als Fahndungsliste benutzt. Zuvor hatte Fuegi von Helene Weigel über Elisabeth Hauptmann bis zu Lew Kopelew Dutzende von Brechts Zeitgenossen interviewt und als erster Biograph auch die FBI- und KGB-Akten über Brecht ausgewertet - und zu allerletzt noch den hochbetagten Robert Vambery, 1929 einst Dramaturg bei der Berliner Uraufführung der "Dreigroschenoper" am Schiffbauerdamm, in Amerika aufgespürt. Zudem zitiert Fuegi zahlreiche bisher unveröffentlichte Briefe Brechts, Hauptmanns, Steffins, Berlaus, gibt Einblick in Geschäftspapiere und Verträge (zum Beispiel über die "Dreigroschenoper") und belegt sämtliche Varianten der Testamente Brechts.

Wie einst in den Malerwerkstätten von Dürer, Tintoretto oder Rembrandt, wie heute in den Filmfirmen Woody Allens oder Steven Spielbergs, so wurden in Brechts Schreib-Factory immer neue Ideen, Stoffe, Themen von vielen unter dem Namen eines einzigen zusammengefügt. Von Geliebten, Freunden, Satrapen. Doch anders als sonst in der Kulturindustrie hat Brecht seine Mitarbeiter kaum entlohnt, er hat sie vielmehr über alles in Theatern oder Künstlerfamilien allgemein übliche Macho- und Machtgebaren hinaus ausgebeutet und auch betrogen. Diese Verbindung von Geschlechtsleben und Geschäftsleben war im Prinzip längst bekannt. Aber seriöser und vielfältiger belegt als in der US-Ausgabe macht Fuegi nun klar, daß der Sozialist B. B. seine kapitalistischen Interessen mit einer von den 20er Jahren bis kurz vor seinem Tod unglaublichen Insistenz betrieben hat. Brecht selbst hat sophistischer als jeder Advokat unentwegt fintenreiche Verträge entworfen und die eigene "Marke" (Brecht über Brecht) mit seiner scheinbaren Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums präzise - und auch brutal - vermarktet. Selbst in seinen wohlhabendsten Zeiten vor 1933 und nach 1947 hat der arme reiche B. B. zudem keine Tricks gescheut, um die Weimarer Republik oder die Deutsche Demokratische Republik noch um winzigste Steuerzahlungen zu prellen. Er war ein Pfennigfuchser. Und Brecht war kriminell: Fuegi dokumentiert aufs spannendste, wie Brecht seine "Bess" Hauptmann, die nach heutigem Forschungsstand etwa 80 Prozent der "Dreigroschenoper" schrieb, beim Verkauf der Filmrechte ausmanövrierte und ihre Tantiemen unterschlug; wie Hauptmann als Anregerin und Mitautorin unter anderem der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" im doppelten Sinne des Wortes "liquidiert" wurde und sich dieser Fall bei Margarete Steffin im Hinblick auf den "Dreigroschenroman" oder das "Leben des Galilei" wiederholte; wie Ruth Berlau beim Verkauf der Filmrechte für "Die Gesichte der Simone Machard" und die finnische Schriftstellerin Hella Wuolijoki als Mitverfasserin des "Puntila" betrogen wurden. Hier bahnen sich, unter den diversen Erben und mit dem Suhrkamp-Verlag, nunmehr neue juristische Auseinandersetzungen an. Last not least böte die Art und Weise, in der Brecht seinem früheren Theaterverlag, Felix Bloch Erben, vor 1933 über 40 000 Goldmark für Null Gegenleistung abknöpfte und am 11. Juli 1949 bei einer "Art Guerilla-Theater-Auftritt in den Büroräumen" des Verlages sich alle, alsbald millionenschwere Verfügungsrechte über seine Stücke zurückerbeutete, reichlich Stoff für eine fabelhafte Komödie aus dem Reich der Kulturwirtschaftskriminalität.

Wie genau die genial gerissene Brecht-Factory funktionierte, warum Brechts Freundinnen so bis zum Wahnsinn, bis zur Demütigung und an den Rand des Selbstmords an dem ewig Treulosen hingen, ob hinter den Masken des Zynikers und Snobs mit den proletarischen Maßanzügen nicht doch ein abgründigerer, zerrissenerer Mensch als der so schnell verklärte oder verhöhnte Dichterdämon sich verbarg: diese Fragen kann auch Fuegis Buch nicht wirklich beantworten. Doch lassen sich nun nicht mehr, wie in den bisherigen Brecht-Exegesen, alle moralischen Zweideutigkeiten immer nur als Ausdruck einer besonderen Dialektik von Zeit, Geist und Geschichte weg eskamotieren, nicht alle privaten, politischen Schweinereien, nicht alle Stalin-Preise und die erstaunliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Holocaust unter dem häufig löchrigen Mantel des "Antifaschismus" begraben. Das ist auch Fuegis Verdienst. So setzt diese Biographie zu den auf hundert Bühnen und allen Kandlen sich ankündigenden Brecht-Feierlichkeiten des Jubiläumsjahrs den dicken Kontrapunkt. Und Brecht lacht dazu, in himmlischer Hölle.

Veranstaltungen zum Brecht-Jahr

Mehr Veranstaltungen als Kerzen auf einer Geburtstagstorte für Brecht brennen würden, sind für seine Zentenarfeier geplant. Das BE eröffnet am 3. Dezember eine Ausstellung über Caspar Neher und hat für Dezember und Januar drei Brecht-Premieren angekündigt. Zwischen 6. und 12. Februar veranstaltet das Theater zusammen mit dem Literaturforum im Brecht-Haus die Brecht-Tage 1998. Am Abend der Editoren (6. Februar), in den Nächten der Regisseure (7. Februar) und der Dichter (9. Februar) oder am Vormittag der Germanisten (10. Februar) treffen sich all jene, die sich mit dem umfassenden Werk auseinandersetzen. In der Akademie der Künste wird am 25. Januar eine große Brecht-Exposition eröffnet, die bis zum 29. März zu sehen ist. Zur vorherigen Einstimmung werden zwischen 11. und 25. Januar Filme und Aufzeichnungen von Inszenierungen aus sämtlichen Jahrzehnten gezeigt. Wo die Wiege Brechts stand, da fällt das Jubiläum persönlich aus. In Augsburg wird im museal genutzten Geburtshaus eine neue Etage eröffnet. Auch ist hier am 22. Februar der Ausgangspunkt von Nina Hagens und Meret Beckers Brecht gewidmeter Tournee. Und am 19. Mai wird hier der Brecht-Preis verliehen. Bei den Münchener Gedenkfeiern mischt Brecht-Tochter Hanne Hiob mit. Sie wird bei den filmischen Präsentationen vom 1. bis zum 5. Februar im Gasteig stets anwesend sein. Außerdem wandert die Brecht-Ausstellung der Berliner Akademie der Künste ins Literaturhaus München. Fern der süddeutschen Gefilde initiiert das Goethe-Institut etwa fünfzig Veranstaltungen. In Kalifornien, wo Brecht im Exil lebte, treffen sich in Amerika lebende deutsche Künstler zum "Brechtathon". 1998 bestimmt Brecht auch das Programm des Pariser Goethe-Instituts. Nicht gebunden an einen geographischen Ort sind die Funk-Hommagen. 3sat gratuliert vom 6. Dezember bis zum Februar mit der umfassenden Fernseh-Retrospektive "Alles, was Brecht ist".


zurück zu Bert Brecht

heim zu Die Bretter, die die Welt [be]deuten

Return to the International Brecht Society Main Page

heim zu Reisen durch die Vergangenheit