Der allergrößte Brand

von Andreas Platthaus (FAZ, 11.12.2003)

Bis zur Wende von 1989 trug das Gebäude des Reichsgerichts in Leipzig für fast vier Jahrzehnte den Namen "Dimitroff-Museum" - nach dem bulgarischen Kommunistenführer Georgi Dimitroff, der hier der Mittäterschaft am Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 angeklagt war. Bis 1991 war sogar das aus Bulgarien importierte Geburtshaus ausgestellt. Und im Großen Sitzungssaal konnten sich Museumsbesucher noch bis 1997 das im Herbst 1933 im Rundfunk ausgestrahlte Rededuell zwischen Göring und Dimitroff vor Gericht anhören, das den Reichstagspräsidenten derart nach Strich und Faden blamierte, daß die Prozeßübertragungen abgebrochen wurden. Die positive Seite am Personenkult: Nur als Erinnerungsstätte für Dimitroff entging der gewaltige Reichsgerichtsbau zu DDR-Zeiten der Vernachlässigung oder gar der Zerstörung. Heute hat das Bundesverwaltungsgericht hier seinen Sitz gefunden.

So konnte die Gewerkschaft ver.di in Zusammenarbeit mit dem Forum Justizgeschichte und der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler nun eine Diskussion über den Reichstagsbrand an ebenjenem Ort abhalten, wo Dimitroff und drei weitere kommunistische Angeklagte frei- und der Niederländer Marinus van der Lubbe schuldig gesprochen worden waren: im wiederhergestellten Großen Sitzungssaal. Das Thema der Veranstaltung, "Neues zum Reichstagsbrand", war höchst vorsichtig durch ein Fragezeichen ergänzt worden, aber zu diesem Thema gibt es immer Neues zu berichten - und seien es neue Ausfälle der beiden konkurrierenden historischen Schulen gegeneinander. Hermann Graml vom Institut für Zeitgeschichte in München sah denn auch den Hauptgrund für die Vorsicht, die viele Historiker walten lassen, wenn sie sich der Frage stellen sollen, ob van der Lubbe tatsächlich allein für den Brand verantwortlich gewesen sei oder ob es Mittäter gegeben habe, im rauhen Tonfall, der seit 1959 in dieser Debatte vorherrscht.

Ein neuer Tenor

Damals publizierte Fritz Tobias im "Spiegel" eine Artikelserie, die harsch gegen die herrschende historische Meinung wetterte, daß die Nationalsozialisten selbst hinter dem Attentat gesteckt und Van der Lubbe nur die Schuld in die Schuhe geschoben hätten. Tobias identifizierte den Niederländer als Alleintäter. In Hans Mommsen fand er einen streitlustigen Fürsprecher, und als 1965 das Berliner Landgericht den ursprünglichen Schuldspruch des Reichsgerichts nicht komplett kassierte, sondern in einer Neuverhandlung den 1934 hingerichteten van der Lubbe postum nur vom Tatbestand des Hochverrats, nicht aber von dem der menschengefährdenden Brandstiftung freisprach, hatte sich ein neuer Tenor in der Historiographie herausgebildet, der ganz Tobias' Ansichten folgte. Allein das sogenannte "Luxemburger Komitee" unter Walther Hofer vertrat seit 1968 noch die These zumindest einer Mittäterschaft der Nazis. Mittlerweile haben die Thesen der durch Fälschungsvorwürfe diskreditierten "Luxemburger" neue Anhänger gefunden.

Etwa den Düsseldorfer Soziologen Hersch Fischler, dessen Teilnahme an der Leipziger Diskussion sowohl Tobias als auch Hans Mommsen zur Absage bewog. Fischler ist nicht zimperlicher als frühere Beteiligte an der Debatte; also ging es hoch her im Großen Sitzungssaal. Er und der ehemalige Hofer-Mitarbeiter Alexander Bahar waren sich einig: Die These von der Alleintäterschaft ist unhaltbar. Polizeiakten, die 1982 aus Moskau ans Zentrale Parteiarchiv der SED in Berlin gegangen sind, seien zunächst von der DDR unterdrückt (warum, vermochte niemand zu sagen) und nach 1989 nicht richtig ausgewertet worden. Die kriminalistische Spurenauswertung sei nicht in Übereinstimmung zu bringen mit Zeugenaussagen und Van der Lubbes Geständnis. Zudem versucht Fischler den Nachweis zu führen, daß Van der Lubbe vor seiner Festnahme im Reichstag weniger Zeit zur Brandlegung hatte, als im Prozeß behauptet worden war - und nicht mehr, wie das Alfred Bernd als Vertreter der Alleintäterthese behauptet hatte.

Seltsamer Verweis

Leider wurden die etwas langatmigen Ausführungen von Fischler und Bahar vom Moderator immer dann abgewürgt, wenn es um den Inhalt der bislang angeblich unbeachteten Akten ging. Der monotone Verweis auf die fortgeschrittene Zeit mutete etwas seltsam an, hatte man doch zu Beginn auf Einführung des Moderators, Begrüßung durch den Hausherrn und musikalisches Intermezzo bereits mehr als eine halbe Stunde verwandt. So muß das Fragezeichen hinter dem Diskussionsthema weiter stehenbleiben, auch wenn der Leipziger Schriftsteller Erich Loest, der vor zwei Jahren seinen Roman "Das Reichsgericht" publiziert hat, mehrfach forderte, man möge doch einfach sagen, wer es getan habe, statt umständlich ins Detail zu gehen.

Diese klare Antwort aber erwartet in Wahrheit weder Loest selbst, der dann doch auf weitere Forschung drang, noch Graml, der sich gegen den Einzug einer nach juristischem Vorbild allein auf Indizien gegründeten Beweisführung in der Geschichtsschreibung wandte. Doch auch er gestand zu, daß die neuen Erkenntnisse, die man gewonnen habe, die Alleintäterschaft Van der Lubbes in Frage stellten. Allerdings dürfe die Frage, wem der Reichstagsbrand seinerzeit genutzt habe - zweifellos allein den Nazis -, nicht dazu führen, daß man nun deren Mitwirkung oder gar Verantwortung für sicher halte. Es fehle dafür immer noch jeder Beweis.

Ein Hauch von Diskussion

Das wiederum sahen Fischler und Bahar ganz anders, und so kam am Schluß doch noch ein Hauch von Diskussion auf. Das Phänomen, daß ideologisch und methodisch belastete Geschichtsschreibung zusammen mit feuerpolizeilichen und kriminalistischen Ermittlungen einen neuen Sprengstoff ergibt, wurde mehr als deutlich. Schon über den Quellencharakter des zweifellos manipulierten, 1933 im französischen Exil erschienenen "Braunbuchs" des Willi Münzenberg war keine Einigkeit zu erzielen. Und warum sollten im allseits als Farce gewerteten Reichsgerichtsprozeß, der doch fünf Schuldsprüche zum Ziel hatte, Fakten verschwiegen worden sein, die am Alleintäter zweifeln lassen?

Legte Van der Lubbe mit einer Hand den allergrößten Brand? Die Debatte lodert wieder auf. Es wird mehr als einen historischen Lapplöschmann brauchen, sie einzudämmen. Ganze Wehren werden wieder ausrücken.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2003, Nr. 288 / Seite 37