Bauern, Bonzen und Bomben

ein Roman von Hans Fallada (1931)

Anmerkungen & Links: Nikolas Dikigoros

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Drittes Buch: Der Gerichtstag

Erstes Kapitel: Stuff verändert sich

1

Der 30. September ist ein schöner blaugoldener Herbsttag, mit Glanz und Frische in der Luft. Im übrigen ist er ein Montag, ein Arbeitstag wie alle andern auch.

Der 1. Oktober wird ein Dienstag sein, an diesem Dienstag wird der Prozeß gegen Henning und Genossen seinen Anfang nehmen, wegen Aufruhr, Landfriedensbruch, öffentlicher, tätlicher Beleidigung, Sachbeschädigung, gefährlicher Körperverletzung...

Außerdem ist der 1. Oktober, wie alle Jahre, ein Ziehtag, Wohnungen werden gewechselt, Angestellte verändern sich.

Max Tredup ist schon seit netto einer Woche in wilder Aufregung. Herr Gebhardt hat ihn schon zweimal rufen lassen und sich erkundigt, wie das mit dem versprochenen Abgang von Stuff würde. Tredup hat versichert, der ginge.

Gebhardt glaubt das aber nicht, Tredup ist fest davon überzeugt, Gebhardt skeptisch, beim zweitenmal ungehalten, sehr ungehalten.

Tredup ist gar nicht so fest überzeugt: Stuff ist nichts anzumerken.

Tredup steigt Stuff diese letzten Tage unablässig nach. Stuff tut wie nichts. Tredup steht Wache vor einem halben Dutzend Schenken, Stuff säuft die Nächte durch. Tredup läuft zu Stuffens Schlummermutter, Stuff hat nicht gekündigt.

»Schicke ich nun doch eine Anzeige an die Staatsanwaltschaft –?

Aber er hat es doch Elise gesagt!

Oder ...?«

Tredup sitzt an einem Schreibtisch, Stuff sitzt am andern Schreibtisch. Sie sehen einander an, das heißt, Tredup sieht Stuff häufig verstohlen und rasch an, für Stuff ist Tredup Luft.

Es ist nachmittag, am 30. September, schönes Herbstwetter.

Stuff schneidet sich die Nägel. Dann sieht er auf die Uhr, seufzt und beginnt in seinem Schreibtisch zu kramen.

»Packt er zusammen?«

Stuff hat einen noch unbenutzten Stenogrammblock gefunden und steckt ihn ins Jackett. Den Schurrmurr stopft er wieder in den Schreibtisch.

In die Luft sagt Stuff: »Heute abend gehst du zu den Nazis.«

Hoffnungsvoll sagt Tredup: »Ja?« und fragt zärtlich: »Hast du keine Zeit, Männe?«

Aber bei Stuff ist es schon wieder alle, er ist halb aus dem Zimmer.

Tredup springt auf, läuft ihm nach, legt die Hand auf Stuffs Schulter und flüstert flehend: »Männe, du machst mich verrückt!«

Stuff nimmt sorgsam mit zwei Fingerspitzen die fremde Hand von der Schulter, läßt sie fallen. Gedankenverloren flötet er dem Annoncenwerber ins Gesicht.

»Stuff, quäle mich doch nicht so namenlos! Bitte, sag mir, ob du gehst.«

»Jawohl«, sagt Stuff, »ich gehe – aufs Gericht nämlich. Und sofort.«

»Stuff –!«

Stuff flötet.

»Du hast doch meiner Frau gesagt, du gingest zum ersten Oktober?«

»Kaninchen«, sagt Stuff schallend. »Kaninchen mit Schlappohren! Oktober neunzehnhundertvierzig!« Und er entschwindet flötend, alle Türen donnern, Tredup bleibt zerschmettert zurück.

2

Nachdem Stuff den Tredup erledigt hat, geht er aber nicht aufs Gericht, sondern zu Tante Lieschen. Dort sitzt er den ganzen Nachmittag in einem Zustand behaglicher Aufgeregtheit, trinkt viel und fühlt sich wie ein Junge, der die Schule schwänzt. Schließlich steht er auf und geht zu den Nachrichten. Dort ist es schon duster, als er ankommt. Er tastet sich in den Redaktionsgang, aus dem Setzersaal fällt etwas Licht auf eine Türklinke, sie blitzt. Stuff drückt sie herunter, die Tür geht auf. Stuff ist im Zimmer von Herrn Gebhardt. Zuerst einmal läßt er die Vorhänge herunter, dann schaltet er Licht ein.

Stuff setzt sich auf den Schreibtisch des Chefs, baumelt mit den Beinen, und denkt nach.

»Na ja«, seufzt er. »Na ja. Atjüs sagen muß ich ihm doch schließlich.«

Er probiert das Telefon, es ist durchgestellt.

»Neunundsechzig, Fräulein«, sagt er.

»Herr Gebhardt? Herr Gebhardt selbst dort? Hier Stuff. Ja, Stuff. – Herr Gebhardt, ich komme eben bei den Nachrichten vorbei und sehe Licht in Ihrem Zimmer. Ich gehe rein, alles zerwühlt, der Schreibtisch offen. – Nein, Polizei habe ich noch nicht benachrichtigt, wußte nicht, ob es Ihnen recht wäre. – Sie kommen selbst? Sofort? Ja, ich bleibe hier, warte. Kann ja solange versuchen, ein bißchen Ordnung zu machen. – Ich soll nichts anrühren? Nein, wenn Sie nicht wollen, natürlich nicht. – Nichts lesen, nein, ausgeschlossen. Ich lese doch nichts! Freiwillig lese ich überhaupt nichts, Herr Gebhardt ... Hat angehängt. Schade.«

Stuff schnüffelt kummervoll. Fischt sich ein Blatt weißes Papier, malt mit Rotstift in Riesenlettern darauf: »Atjüs, Pappchen Gebhardt. Stuff verändert sich.«

Legt das Blatt auf die leere Schreibtischplatte. Mustert das Ganze noch einmal, malt mit Blaustift die großen Buchstaben nach. Mustert das Ganze von neuem. Er nimmt aus einer Vase eine rote Aster, eine weiße Aster, legt sie rechts und links auf das Papier.

»Sieht freundlicher aus«, murmelt Stuff. »Herzlicher.«

Er verläßt das Gemach, in dem still und hell das Licht weiterbrennt. Stuff schusselt langsam zum Bahnhof, trinkt im Wartesaal gemächlich drei Helle und sechs Korn und erklettert den letzten Zug nach Stolpe.

»Atjüs, Altholm«, sagt er. »Morgen auf Wiedersehen.«

3

Die Nazis halten ihre Versammlungen stets im Tucher am Marktplatz ab, und gegen acht Uhr macht sich Tredup dorthin auf den Weg.

Es ist die erste politische Versammlung, zu der er geht, bisher hat Stuff ihn immer nur ins Kino oder auf den Wochenmarkt geschickt. Langsam geht Tredup durch die dunklen Straßen, er grübelt darüber, ob es was zu bedeuten hat, daß ihn Stuff zu den Nationalsozialisten schickte, oder ob es bloß Faulheit von dem war.

Jedenfalls, morgen ist der 1. Oktober, der Tag, an dem Stuff fort wollte und sollte, der Tag auch, an dem die Gerichtssitzung beginnt. Geschieht morgen nichts, muß die Anzeige an die Staatsanwaltschaft geschrieben und abgesandt werden. – Oder schickt er dem Stuff noch einmal einen Drohbrief?

Peinigend und ermüdend drehen die Gedanken ewig um das gleiche, bis Tredup aus der dunklen Propstenstraße auf den Marktplatz einbiegt. Das Gesumme einer großen Menge, Geschrei, wildes Reden einer heiser brüllenden Männerstimme. Tredup macht einen Satz und läuft gegen das Ende des Marktplatzes zu, an dem das Tucher liegt.

Eine dichte Menschenmenge hindert ihn am Vorwärtskommen, der ganze Marktplatz ist von Leuten angefüllt, neugierigen Altholmern. Doch die Fahrbahn hält Polizei frei und auf einen dieser Wachtmeister stürzt Tredup zu: »Herr Wachtmeister! Tredup von der Chronik. Kann ich durch? Ich vertrete Herrn Stuff.«

Er darf zwanzig Schritt weiterlaufen, dann muß er dem nächsten Wachtmeister sein Sprüchlein von neuem sagen und darf wieder weiter.

Unter dem Schein der Bogenlampen unendlich viel Menschen, halb Altholm, scheint es, drängt sich hier und lauscht auf das heisere Gebrüll. Tredup sieht ein paar rote Fahnen wehen.

Jemand aus der Menschenmasse ruft ihn an: »Heh, Sie! Herr Tredup!«

Sein Wirt ist es, der Gemüsehändler aus der Stolper Straße.

»Ja, bitte? Ich bin eilig, ich vertrete die Chronik.«

»Dann geben Sie es der Polizei nur ordentlich! Es ist eine Schmach! Es ist eine Affenschande!«

»Was ist eine Schmach? Was ist überhaupt los?«

»Ich weiß ja auch nicht. Aber daß die Kommunisten hier offen auf dem Marktplatz ihre Brandreden halten dürfen ...«

»So. – Entschuldigen Sie, Meister, ich muß weiter ...«

»Geben Sie es der Polizei nur tüchtig!« hallt es ihm nach.

Nebenstehende, die das Gespräch hörten, brummen bestätigend.

Noch zwanzig Schritt, noch ein Polizeiposten, und Tredup ist ganz nahe beim Tucher. Hier ist auch der Bürgersteig freigemacht, hell und leer liegt er im Schein der Lampen, die vor dem Lokal brennen. In der Mitte des Fahrdamms steht ein Haufen Polizisten, Tredup sieht Frerksen, auch Kriminalpolizei in Zivil. Er erkennt den Assistenten Perduzke.

Im Eingang zum Tucher stehen zwei Jünglinge in Hitleruniform, die Hakenkreuzbinde am Arm. Sie sehen blaß aus, rote Schmarren ziehen sich über ihre Gesichter, Blut tropft dem einen von der Stirn. Er wischt es mit einem Taschentuch ab.

Gerade gegenüber ist der ganze Marktplatz unter den Bäumen erfüllt von Kommunisten. Auf einer umgedrehten Karre steht der Funktionär Matthies und hält eine Ansprache.

»Was ist denn los? Was ist geschehen?« stürzt Tredup auf einen der beiden Nationalsozialisten los.

»Wer sind denn Sie?« fragt der abweisend.

»Tredup, von der Chronik. Ich vertrete die Presse. Herr Stuff ist verhindert ...«

Beim Namen Stuff erhellen sich die Gesichter der beiden. »Ja, Herr Stuff sollte das erlebt haben, der gäbe es der Polizei! Es ist eine Schmach ...!«

»Was ist eine Schmach? Alle sagen, es ist eine Schmach, aber was ist ...?«

»Hören Sie zu: auf acht war unsere Versammlung angesetzt. Um dreiviertel waren erst zwanzig Mann von uns da. Plötzlich kommen die Kommunisten angerückt, dreihundert Mann stark, mit Fanfaren. Halten vorm Lokal. Ihr Führer, der Matthies, sagt was ...«

»Haut die Nazis! hat er geschrien«, sagt der zweite Nationalsozialist.

»Die stürmen alle den Gang runter zur Saaltür. Ein Gedränge plötzlich, sage ich Ihnen, ein Getobe. Ich und mein Parteigenosse, wir stehen an der Saaltür, Eintrittsgeld kassieren, fünfundzwanzig Pfennige sage ich zum ersten. Der nimmt die Faust, schlägt von unten gegen den Teller, daß das ganze Geld durch die Luft fliegt. Ich gebe ihm einen Kinnhaken. Schon sind zehn über mir. Als ich mich wieder hochrapple, brüllt die ganze Horde schon im Saal ...«

»Mir ist es nicht anders ergangen ...«

»Und? Was wurde?«

»Wer im Saal von uns war, wurde niedergeschlagen. Ein paar konnten über die Bühne ausreißen, sie telefonierten. Dann kam Polizei. Wie die durch die Saaltür reinkam, zogen die Kommunisten durch die andere raus, stellten sich unter die Bäume und halten jetzt dort ihre Versammlung ab.«

Der Redner schluckt. »Unter Polizeischutz!« stößt er wütend hervor.

»Und Sie? Tagen Sie drinnen?« fragt Tredup.

»Wie sollen wir denn drinnen tagen? Sie sehen doch, wie die Polizei das Publikum von uns absperrt! Außerdem hat der Bürgermeister unsere Versammlung verboten.«

»Verboten?!«

»Ja, nicht wahr, das kapiert man nicht? Die Räuber da drüben dürfen reden. Denen passiert nichts. Aber wir ...«

»Entschuldigen Sie. Einen Augenblick«, ruft eifrig Tredup. »Ich will gleich feststellen, ich gehe auch zum Bürgermeister ... Ihre Versammlung müssen Sie haben ...«

Tredup schießt auf den Kriminalassistenten Perduzke zu: »Herr Perduzke, können Sie mir sagen, wo der Bürgermeister ist?«

»Wo soll denn der sein? Auf der Rathauswache ist er. Läßt es sich gut sein und unsereins darf sich schämen.«

»Aber wieso?«

»Wieso? Wieso? Stuff, Männe würde nicht fragen, wieso! Das sieht man doch. Der Matthies, der Stänker, der sofort wegen Überfalls und Raub verhaftet werden müßte, schwingt die große Klappe, und wir patrouillieren hier, daß ihn man nur keiner stört.«

»Aber warum das alles? Herr Perduzke, ich verstehe das nicht ...«

»Das glaube ich, fragen Sie doch Ihren Freund, den Frerksen. Der stolziert ja hier wie ein Storch im Salat.«

Tredup stürzt auf Frerksen los: »Herr Oberinspektor, wollen Sie mir nicht erklären ... Ich vertrete hier die Chronik, Herrn Stuff. Ich verstehe nichts ...«

Oberinspektor Frerksen legt artig zwei Finger an den Mützenschirm: »Guten Abend, Herr Tredup. Sie vertreten die Chronik? Das ist günstig, so dürfen wir auf einen unparteiischen Bericht hoffen ...

Die Lage ist rasch erklärt Dort ... die Nationalsozialisten. Hier ... die Kommunisten. Wir Polizei dazwischen. Wir halten sie auseinander, Schlägereien bleiben vermieden.«

»Aber die Kommunisten haben einen Überfall gemacht, habe ich gehört?«

»Das ist noch nicht klargestellt. Untersuchungen können wir in dieser Stunde natürlich nicht anstellen.«

»Aber die Naziversammlung ist verboten?«

»Nur vorübergehend. Vielleicht noch eine Viertelstunde. Das Ganze ist: wir sind zu schwach, Herr Tredup. Ich habe dreißig Mann hier. Was soll ich damit machen? Schupo aus Stolpe kann jeden Augenblick kommen. Dann lösen wir die Kommunisten auf und geben die Naziversammlung frei.«

Er sieht Tredup liebenswürdig an.

Der ist besiegt: »Das scheint mir ganz richtig. Natürlich können Sie nicht mit dreißig Mann ...«

»Ausgeschlossen.«

»Und können Sie mir sagen, wo Herr Bürgermeister ist? Vielleicht hat er Instruktionen für mich?«

»Herr Bürgermeister ist auf der Rathauswache«, sagt Frerksen kurz.

»Meinen Sie nicht, daß es richtig ist, wenn ich mal zu ihm gehe?«

»Oh, warum nicht?« fragt Frerksen kühl. »Gehn Sie nur zum Herrn Bürgermeister. Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte.«

Und der Oberinspektor nimmt wieder seinen Marsch auf, genau in der Mitte des Fahrdamms, genau in der Mitte zwischen den feindlichen Parteien.

Auf dem Rathausflur brennt eine einzige trübe kleinflammige Glühbirne.

Tredup tastet sich auf die Tür zu, an der er das Schild weiß: »Polizeiwache. Eintritt verboten.«

Er klopft einmal, aber niemand antwortet.

Wieder klopft er und wieder bleibt alles still.

Er öffnet vorsichtig die Tür.

Auch drinnen ist es trübe, staubig, öde. Aber Gareis ist da. Auf einem Tisch sitzt er, die Füße auf einer Mannschaftspritsche, in grauem Lodenmantel, den Hut weit in der Stirn.

Vor ihm steht ein Arbeiter und redet eilig und heftig.

Gareis hebt den Kopf und sieht flüchtig auf Tredup: »Nun, Herr Tredup, was verschafft mir die Ehre? – Ich habe keine Zeit.« Und schon ganz woanders: »Sieh es ein, Genosse, was soll ich denn machen? Ich kann doch nicht mit meinen paar Männekens auf die Kommunisten losgehen.«

Der Arbeiter ist böse: »Die Partei wird es dir übelnehmen, Genosse Gareis, die Mißstimmung in der Partei gegen dich wächst ständig. Das ist keine Sache, daß du die Sowjetjünger auf dem Marktplatz unter unserm Schutz Versammlung abhalten läßt.«

»Unserm Schutz ... Wir sind zu schwach. Sofort wenn Schupo da ist, werden sie aufgelöst.«

»Gegen dreitausend Bauern seid ihr mit drei Mann losgezogen. Jetzt bist du plötzlich zu schwach. Kein Genosse versteht das.«

»Jeder Vernünftige versteht das. Soll auf den sechsundzwanzigsten Juli ein dreißigster September folgen?«

»Läßt du wenigstens den Matthies noch heute verhaften?«

»Man muß mindestens erst ein paar KPD-Leute hören. Was die Nazis erzählen, ist auch nicht alles lauteres Gold.«

»Du denkst immer an die andern, Genosse Gareis, nie an die Partei.«

»Ich denke«, sagt Gareis, »an die andern und an die Partei.«

»Das ist es! Das ist es! Du willst es beiden recht machen.«

»Ich will es richtig machen. Deshalb muß ich an beide denken.«

»Jedenfalls bleibt die Naziversammlung verboten?«

»Nein. Nein.« Noch einmal mit viel Nachdruck: »Nein. Sobald die Schupo da ist, gebe ich die Versammlung frei.«

»Genosse Gareis ...«

»Also, Herr Tredup, was haben wir?«

»Ich wollte fragen ... Ich vertrete Herrn Stuff ... Ob Sie Instruktionen für mich haben?«

»Herrn Stuff?« fragt der Arbeiter Geier und sieht böse aus. »Ist der etwa von der Chronik?«

»Herr Tredup von der Chronik – Herr Stadtverordneter Geier.«

»Und den läßt du zuhören?!«

»Der gehört zu uns. Der ist in der Partei. Es ist ganz gut, daß er das gehört hat.«

»Jawohl. Ja, ich weiß nur nicht recht ... Herr Bürgermeister, die Leute meinen, die Polizei sollte vorgehen...«

»Hörst du!« sagt Geier.

»Mit was denn?« fragt der Bürgermeister, aber das Telefon klingelt.

Er hört, spricht, dankt: »In zwei Minuten ist die Schupo hier. Sie fährt eben in Altholm ein. Sie entschuldigen mich ...«

Alle drei brechen auf.

Als sie auf die erhöhte Außentreppe am Rathaus hinaustreten, hören sie schon von weitem Hupengetön, Motorengeräusch.

Die Menge ist noch größer geworden, so weit man sehen kann, unter den Lampen brausendes Gewimmel.

Die Autos sind ganz nahe zu hören.

»Von der Seite?« ruft plötzlich Gareis. »Von der Seite?! Oh, verdammt, das ist keine Schupo, das sind Nazis!«

Drei Motorräder stürmen vorbei, mit je zwei Mann in Hitleruniform besetzt.

Schon am Rathaus verlangsamen sie das Tempo, unaufhörlich hupend schieben sie sich in die auseinanderweichende Menge.

Ihnen folgt Lastwagen auf Lastwagen, jeder mit fünfzig, sechzig Nationalsozialisten besetzt. Die Hakenkreuzfahne weht über jedem Wagen.

Die jungen Männer stehen stramm, spähen militärisch stolz in das Volk ...

»Wenn jetzt nicht Schupo kommt«, sagt Gareis, »haben wir in drei Minuten ein Schlachtfeld mit Toten.«

Der Redner hinten vor dem Tucher hat mit einem Ausruf geendet. Ein Hochgeschrei folgt. Irgendeine scharfe Stimme ruft etwas.

Und wie ein Gießbach stürzt die Masse der Kommunisten auf die freie Fahrbahn vor dem Tucher. Die paar Polizeileute sind sofort beiseite geschoben, im Strudel verschwunden. Gebrüll, Hoch, Nieder, Heil Hitler, rote Fahnen, Hakenkreuzfahnen, Fanfarengeschmetter.

Gareis hat den Arm von Tredup gepackt. Mit klammerndem Griff faßt er zu. »Schupo!« fleht er. »Schupo!!«

Aber die Fanfaren nehmen eine Marschmelodie auf, ein triumphierender Sang hebt an.

Die Kommunisten sind in Viererreihen geordnet, die roten Fahnen wehen darüber, die Leute setzen sich in Marsch ...

Von den Autos schwingen sich die Nazis. Auch dort ertönen Kommandos, auch dort gliedern sich die Leute, vor dem Tucher stehen sie, vier Reihen tief, das Gesicht gegen die Kommunisten gekehrt ...

»Da ist die Schupo!« ruft Gareis erlöst.

Sie muß weiter entfernt schon die Mannschaftsautos verlassen haben. In zwei langen Ketten kommen sie, schieben sich zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, Kommunisten und Publikum, trennen die Feinde ...

Aber schon marschiert die KPD.

Die Fanfaren gellen, die Pfeifen schrillen, gegen das Rathaus zu, unter der Treppe vorbei, geht ihr Marsch.

In völliger Ordnung ziehen sie ab, mit lachenden triumphierenden Gesichtern. Sie haben ihre Versammlung gehabt.

»Was ist das?« ruft Tredup und zeigt auf einen Popanz im Zuge, der zwischen zwei Fahnen torkelt.

Eine Strohpuppe ist es, in einer blauen Uniform mit blanken Knöpfen, mit einer Mütze auf der Strohkopfkugel, einer Hornbrille auf der Rübennase.

»Frerksen«, sagt der Stadtverordnete Geier. »Unser teurer Genosse Frerksen ...«

Es ist kein Zweifel, jeder versteht es, denn im Besenstielarm gen Himmel erhoben trägt die Gestalt den berühmten Säbel, die verschwundene Waffe paradiert.

»Frerksen als Vogelscheuche bei den Kommunisten«, sagt Geier.

»Sehr günstig das für unsere Partei, Genosse Gareis. Was meinst du?«

»Da!« sagt Gareis.

Sechs, acht Schupos sind plötzlich neben der Spitze des Zuges. Mit Gummiknüppeln dringen sie ein, gegen den Kern an, in dem der Strohmann schwankt.

Schon nicht mehr schwankt. Die von der Treppe sehen es deutlich: plötzlich sackt er zusammen, losgelassen fällt er zwischen die Füße der Weitermarschierenden, die ihn beiseite stoßen, über ihn stolpern, mit den Füßen aus der Gehbahn werfen.

Nur der Säbel ...

Mit der Spitze gegen den Nachthimmel, die Schneide immer wieder aufblitzend im Laternenschein, wandert von Hand zu Hand im Zuge. Wo auch die Schupo vorstößt, ihn zu fassen meint, schon mit den Händen zu halten glaubt ... Zehn Meter weiter wandert er, blinkt er, spottet er, droht er.

Und nun taucht laufend neben dem Zug auf, schwitzend, mit verdrückter Uniform, verrutschter Mütze, schiefer Brille: Oberinspektor Frerksen.

»Der Idiot!« schimpft Gareis. »Statt daß er sich drückt. Flachkopf, verdammter! – Frerksen, hierher!« brüllt er.

Aber Frerksen stolpert dem Blinklicht seines Säbels nach. Er leuchtet vor ihm, verschwindet, strahlt wieder auf ...

Die Musik ändert die Melodie. Plötzlich singen sie alle, schreien, kreischen, lachen: »Wo ist denn nur mein Säbel hin? Säbel hin? Säbel hin? ...«

Der Zug verschwindet um die Ecke. Mit ihm der Oberinspektor.

»Ich glaube«, sagt Tredup erschauernd, »der tut sich heute nacht noch was an.«

4

Kurz vor zehn Uhr trifft der Zug aus Altholm in Stolpe ein.

Stuff hat, müde vom Alkohol, ein bißchen vor sich hingedrusselt. Nun steht er unlustig auf dem Bahnsteig und überlegt, wo er Henning wohl finden könnte. So gut er Altholm kennt, so wenig weiß er vom nächsten Nest, und in Stolpe ist er in seinem ganzen Leben höchstens ein Dutzend Male gewesen.

»Na, jedenfalls versuche ich es auf der Bauernschaft. Ein schönes Kamel bin ich eigentlich, so ins Blaue hineinzufahren.«

Erst einmal aber muß er sich stärken, und als der Kellner im Wartesaal ihm den dritten dreistöckigen Korn serviert, ist die Grundlage für eine Auskunftserteilung da.

»Henning? Nein, so einer verkehrt hier nicht.«

»Der von der Bauernschaft, wissen Sie, von der Zeitung von Padberg.«

»Herrn Padberg kennen wir, aber der ist ja ...«

»Verschütt«, ergänzt Stuff. »Im Kittchen. Das ist alt.«

»Jetzt ist ein junger Mann für ihn da ...« fängt der Kellner an zu erzählen.

»Mensch! Seele! Bruderherz!« ruft Stuff. »Der ist es ja, den ich suche. Der heißt Henning.«

»So, der heißt Henning? Das habe ich nicht gewußt. So ein Junger, Blonder mit blauen Augen? Hat meistens Sportanzug an?«

»Ja. Jawohl. Das ist er. Und verkehrt der hier?«

»Nein, hier verkehrt der nicht.«

»Wo verkehrt er denn?«

»Das könnte ich nicht sagen. Ich bediene nur hier. Aber er hat es wohl viel mit den Mädchen. Man sieht ihn immer mit Mädchen.«

»Und wo geht man hier hin mit Mädchen?«

»Ins Café, Herr, in irgendein Café.«

»Wieviel Cafés gibt es denn hier?«

»Da haben wir erst einmal Café Koopmann.«

»Wo ist das?«

»Das ist am Markt.«

»So. Den Markt weiß ich. Und weiter?«

»Ja, aber ins Café Koopmann geht man nicht mit Mädchen. Das duldet Frau Koopmann nicht.«

»O Gott, Mann«, stöhnt Stuff. »Wo geht man denn hin mit Mädchen?«

»Ins Café Fichte oder ins Café Grand.«

»Wo sind denn die? Schwer zu finden?«

»Ja, wenn Sie hier nicht Bescheid wissen ...«

»Nein! Nein! Gibt es hier eine Taxe?«

»Ja, die gibt es.«

»Hier vor dem Bahnhof?«

»Ja.«

»Dann will ich ...«

»Heute aber nicht«, erklärt der Kellner. »Heute ist die für den ganzen Tag vermietet.«

»An wen denn?«

»An den Rechtsanwalt Streiter.«

»Na, dann kann ich die ja nicht haben.« Stuff seufzt ergebungsvoll. »Dann muß ich sehen, daß ich die Cafés so finde.«

»Im Dunkeln ist das nicht leicht«, sagt der Kellner. »Soll ich dem Herrn noch ein Bier geben?«

»Nein, ich will los. Aber einen großen Korn können Sie mir erst noch bringen.«

Der Kellner bringt den Korn.

»Sie wollen«, fängt er an, »wohl den Herrn in den Cafés suchen?«

»Ja«, sagt Stuff.

»Aber der ist nicht in den Cafés.«

»Nein? Wo ist er denn? Wissen Sie denn das?«

»Der ist doch«, sagt der Kellner gekränkt, »im Hotel zur Krone mit dem Rechtsanwalt Streiter.«

»Und das sagen Sie erst jetzt?«

»Aber ich habe doch nicht gewußt, daß der Herr den Herrn sucht!«

»Das habe ich aber doch gesagt!«

»Ich habe gedacht, der Herr will mit einem Mädchen ausgehen. Da fragen die Herren immer so von weitem her.«

»Unsinn. Aber ich denke, Herr Streiter hat das Auto gemietet?«

»Der Rechtsanwalt ist mit Herrn Henning schon wieder zurück.«

»Na Gott sei Dank. Und wo ist das Hotel zur Krone?«

»Grade gegenüber, Herr. Gleich hier gradeüber.«

5

In der Krone scheint so was zu sein wie das Bauernhauptquartier, alle Tische sitzen dick voll, und die Luft schwirrt nur so von Reden und Rufen.

Stuff blinzelt durch den Tabaksqualm, schiebt dann langsam und suchend durch das Lokal.

In einem Winkel, an einem kleinen Tisch, sitzt Henning mit einem Herrn, der entschieden kein Bauer ist. »Der Rechtsanwalt«, denkt Stuff. »Werde man Justizrat sagen, das tut immer gut.«

Und er legt seine Hand auf Hennings Schulter.

»'n Abend, Henning, 'n Abend, Herr Justizrat. Gestatten, Stuff, Redakteur. Ich darf mich ransetzen?« Stuff setzt sich behaglich. »Also da bin ich, mein Sohn.«

»Das sehe ich«, sagt Henning. Und erläuternd: »Herr Stuff ist von der Chronik in Altholm, Herr Justizrat.«

»Richtig geraten!« denkt Stuff laut. Und weiter: » War. War bei der Chronik.«

»Was heißt war? Haben Sie Schluß gemacht?«

»Was sonst? Wer soll denn hier morgen den Mist bei der Bauernschaft machen?«

»Aber lieber Herr Stuff! Wir haben ja längst einen Vertreter. Ich hätte Sie brennend gern genommen, aber daß Sie frei sein könnten, habe ich wirklich nicht gedacht. Da schreibt man doch mal oder telefoniert wenigstens.«

»Wozu denn das? Ihr wollt doch nicht so einen grünen Jungen, der von gar nichts weiß, den Prozeßbericht machen lassen?«

»Der ist gar nicht grün, der kommt von Berlin, der ist ausgekocht.«

»Also! Der weiß doch nichts von Bauern. Den Prozeßbericht mache ich. Den Jungen laßt man die Provinz und Lokales machen, das ist sauschlecht bei euch in der Bauernschaft.«

»Aber das wird ja viel zu teuer!« sagt Henning.

»Teuer! Natürlich wird das teuer. Ich koste monatlich sechshundert und mache mit euch festen Vertrag auf fünf Jahre«, sagte Stuff gemütlich.

»Bei Ihnen piept es«, erklärt Henning. »Wieso kommen wir dazu?«

»Natürlich kommt ihr dazu. Gerne macht ihr das«, erklärt Stuff.

»Für wünschenswert hielte ich es auch, wenn ein Einheimischer die Prozeßberichte liefert«, äußert Rechtsanwalt Streiter.

»Also, mein Junge, dann ist alles in Butter. In den nächsten Tagen machen wir mit den Bauernschaftsleuten Vertrag. Heute abend genügt mir diese Zusage.«

Henning denkt nach. Schließlich: »Also gut, mach den Prozeßbericht. Später sprechen wir uns noch mal.«

»Recht«, sagt Stuff gleichmütig. »Ihr leckt euch in drei Wochen auch noch alle Finger nach mir ab. Ich habe keine Eile. – Und was den Prozeß angeht, machen Sie ihn mit oder türmen Sie vorher?«

Diese Frage war etwas zu grade. Der Rechtsanwalt verzieht sein Gesicht und Henning schweigt.

»Na, ich will es Ihnen sagen, Henning«, erklärt Stuff. »Bleiben Sie ruhig hier. Es ist für die Mitangeklagten besser und Sie riskieren nichts.«

»Das sagen Sie«, meint Henning.

»Das weiß ich. Wo mich doch ein Stahlhelmassessor in Ihre Akten hat sehen lassen.«

»Die Herren«, sagt der Rechtsanwalt und steht auf, »entschuldigen mich einen Augenblick. Die Toiletten sind wohl dort hinaus?«

Er entschwindet. Die beiden Zurückgebliebenen sehen sich an.

»Nun reden Sie keinen Mumpitz, Stuff«, sagt Henning. »Was steht in den Akten?«

»Daß Sie ein guter, reiner, herziger Junge sind«, strahlt Stuff. »Mutters Herzblättchen. Noch ist die Fliege nicht geboren, die Sie kränken könnten.«

»Klar und deutsch?«

»Klar und deutsch: weder über Vorleben noch Vorstrafen ist etwas Belastendes in den Akten. Und auch von Bomben ist die Luft dort gänzlich rein.«

»Das wird sich wohl so gehören, Stuff«, sagt plötzlich übermütig Henning.

»Wenn Sie Ihren ollen, versoffenen Stuff nicht hätten, mein Junge«, antwortet der zweiflerisch.

6

Tredup macht viele Überstunden.

Es ist lange nach elf, und er hockt noch im Redaktionszimmer und schreibt am Bericht über den heutigen Abend.

Für die Polizei? Gegen die Polizei? Für die Polizei! Gegen die Polizei!

Er möchte es sich an den Knöpfen abzählen.

Am besten ist schließlich ein Mittelweg: Ganz recht haben die Nationalsozialisten, die stramme feine Kerle sind. Außerdem hat man ihnen die Kasse geklaut und die Köpfe blutig geschlagen. Die haben die Sympathien.

Ganz unrecht haben die Kommunisten, die immer so laut schreien, jeden Bürger schlagsüchtig anglotzen, mit einem gestohlenen Säbel paradieren und ständig Zeugnis ablegen für Sachen, von denen man nichts wissen will, als wären sie die Urchristen.

Und so halb und halb recht hat die Polizei. Erstens hätte sie früher dasein müssen. Aber schließlich konnte sie nicht vorher wissen, daß die KPD-Leute einen Überfall machen würden. Zweitens hätte sie forscher vorgehen müssen, aber schließlich war sie wirklich zu schwach. Und drittens hätte das mit dem Säbel überhaupt nicht sein dürfen, aber vielleicht war er wirklich vorher nicht aufzufinden.

Also war es im ganzen ein schwarzer Tag in der Geschichte Altholms, nicht ganz so schlimm, aber beinahe so schlimm wie der 26. Juli.

Als er soweit ist, klingelt das Telefon. Nachts, beinahe um zwölf.

Tredup meldet die Chronik.

»Ja, hier ist Gebhardt. – Was machen Sie denn jetzt noch da? Sie haben sich wohl mit Herrn Stuff verabredet? – Wieso? Na, Sie wissen doch, daß Herr Stuff heute Schluß gemacht hat. Sie erzählen mir das doch schon seit sechs Wochen. – Sie wissen nichts? Meine Angestellten denken immer, ich bin dumm. Nein, danke, Herr Tredup, ich weiß Bescheid. Sie brauchen mir nichts zu erzählen. – Nun, vorläufig muß ich dann ja wohl in den sauren Apfel beißen. Sie machen von morgen ab den Prozeßbericht für die Chronik. Um das Lokale kümmern Sie sich nicht, das bekommen Sie von uns. – Aber ich wiederhole Ihnen: es ist nur eine Probe. Ein Versuch. Es hängt davon ab, wie Sie sich einrichten. – Wir hatten es anders ausgemacht? Wir hatten gar nichts ausgemacht! Es ist immer nur von einem Versuch gesprochen. Und wo Herr Stuff sich in so gemeiner Weise verabschiedet hat ... – Gehalt? Gehaltserhöhung? Leisten Sie erst was! Ich weiß ja noch gar nicht, ob Sie überhaupt schreiben können. Geldverdienen ist schwer. Das fordert sich leicht, aber ich, ich muß es schaffen. – Nein, darüber ist nicht zu reden. Sie brauchen nicht, bitte! Zehn für einen. Also, guten Abend, Herr Tredup.«

Tredup glotzt. Er glotzt genauso, wie sein Vorgänger Stuff manchmal an diesem Platz geglotzt hat.

Zweites Kapitel: Drei Tage Glück

1

Am andern Morgen ist Tredup in glänzender Stimmung. Er hat geschlafen, Gebhardts quänglige Stimme klingt nicht mehr hart an seinem Ohr, Tredup hofft wieder, Tredup freut sich.

Eng im Bett an Elise geschmiegt, verteidigt er sogar den Chef, weil er nicht ohne Hoffnung sein will.

»Schließlich hat er recht. Was weiß er denn von mir? Er hat ja keine Ahnung, wie ich schreiben kann. Wenn er erst sieht, daß alles klappt wie bei Stuff und vielleicht besser klappt ...

Ich habe einen guten Anfang. So einen Dusel ... Erst einmal der Bericht über den Abend gestern, ich sage dir, Elise, der ist mir gelungen.

Ganz dramatisch habe ich es gemacht und gezeigt, daß nur durch Glück aus dem dreißigsten September kein sechsundzwanzigster Juli wurde.

Und nun kommt jeden Tag der Prozeßbericht. Ich werde schuften. Das soll ein guter Bericht werden, ich werde wirklich schreiben, was im Saal passiert. Der Wenk muß mir auch noch einen Ausweis geben, die Gerichtsdiener kennen mich doch gar nicht.

Und dann, an einem der nächsten Tage, wenn ich erst Bescheid weiß, wie alles klappt, nehme ich dich auch mal mit. Die Angeklagten und Richter und die Staatsanwälte und der Verteidiger, so was hast du doch nicht gesehen, so was interessiert dich doch, nicht wahr, Elise?«

»Ja«, sagt sie, »gerne komme ich mal. Wenn es dich nicht geniert. Man sieht es doch schon wieder bei mir. Bei mir sieht man es immer gleich.«

»Das macht nichts. Das ist doch keine Schande, wenn man ein Kind erwartet und ist verheiratet. Vielleicht ist es sogar ganz gut. Vielleicht ist Gebhardt grade da und sieht es, und legt mir von selbst zu.«

»Das möchte ich nicht«, meint sie, »daß der es sieht. Auf Gebhardt habe ich eine richtige Wut.«

»Aber warum denn? Gebhardt ist doch ganz gut, der legt mir am Ende doch zu, wenn ich zehnmal bei ihm gewesen bin. Ich geniere mich nicht. Ich frage immer wieder.«

»Nein, ich mag ihn nicht. Seit er gesagt hat, er legt der Heinze nichts zu, das ist schon viel zuviel, was er ihr gibt, seitdem mag ich ihn nicht. Daß der Mann sich nicht schämt! Das Mädchen will doch auch leben.«

»Gott, Elise, so sind die Chefs alle. Die verstehen doch nichts vom Gehalt und Auskommen. Die lesen in der Zeitung, daß ein Arbeitsloser mit zwölf Mark vierzig [Pfennig] die ganze Woche leben muß mit seiner Familie. Und da denken sie, was eine ganze Familie kann, muß ein einzelnes Mädel doch auch können.«

»Eben. Der sollte es mal versuchen. Eine Woche sollte er leben mit Frau und Kindern, nur so, wie wir leben ...«

»Das hilft nichts, Elise, eine Woche. Eine Woche können das alle. Das Schlimme ist ja, immer so leben, ohne Aussicht, daß es besser wird, das ist das Schlimme. Und das kann man dem Gebhardt nie beibringen. Nein, wir kriegen schon Geld. Es geht doch vorwärts, Elise. Vor einem Vierteljahr bekam ich nur Provision und heute bekomme ich festes Gehalt und bin Redakteur.«

»Und die tausend Mark ...« fängt Elise an.

Aber er will nicht hören: »Und ich sage dir, wir stehen jetzt gleich auf und trinken Kaffee. Und dann lauf ich zum Ostseekino und seh mir die Bilder an. Ich soll alles Lokale von denen kriegen, aber was ich kann, schreibe ich doch lieber selbst.

Und zum Wochenmarkt gehe ich auch noch. Zum eigentlichen Marktbericht ist es zu früh, aber ich will ein Stimmungsbild schreiben, wie die Marktwagen kommen und die Stände aufgebaut werden und der Hänsel von der Marktpolizei rumgeht und verteilt die Plätze. Und wie zwei Händler sich um ihre Stände zanken. – So was lesen die Leute gerne. Eine feine Zeitung will ich machen.«

Er liegt mit offenen Augen, abwesend, träumend. Frau Elise möchte noch einmal anfangen von den tausend Mark, aber dann tut er ihr leid. Er ist so glücklich, er freut sich wie ein Kind.

»Dann stehe ich auf und koch Kaffee«, sagt sie und will aus seinen Armen.

»Das tu nur. Ich muß los. Oh, Elise, Elise!« Er drückt sie immer fester und schüttelt sie. »Elise, ich bin Redakteur! Freust du dich nicht? Redakteur bin ich!«

2

Vor der großen Turnhalle bei der Marbedeschule ist Schupo aufmarschiert. Neugierige stehen in dichten Scharen auf der Straße.

Es ist schon ein Viertel nach neun, als Tredup mit stürmendem Schritt naht. Er hat sich verspätet, hoffentlich bekommt er noch einen guten Platz am Pressetisch.

Er stürzt auf den nächsten Schupo zu: »Tredup, Redakteur von der Chronik. Hier ist mein Ausweis. Hat es schon angefangen? Ist etwas passiert, Herr Wachtmeister, daß hier Schupo ist? Sie sind wohl gleich von gestern abend hiergeblieben?«

»Bitte, dort steht Herr Oberleutnant.«

Tredup lernt Oberleutnant Wrede kennen. Nein, es hat noch nicht angefangen. – Nein, das ist eine halbe Hundertschaft, vom Gericht angefordert. – Nein, natürlich im Einvernehmen mit der Polizeiverwaltung. – Ja, die bleiben den ganzen Prozeß hier. – In Hotels sind die Leute untergebracht.

Ja, er bäte den Herrn Redakteur, das lieber nicht zu erwähnen.

Tredup kraust die Stirn.

Es gäbe gleich wieder Gerede, über Luxus, Verschwendung, und doch wären keine anderen Quartiere hier in Altholm.

Tredup verspricht, nichts zu bringen. Und behält sich innerlich freie Hand vor. Eine halbe Hundertschaft Schupo in Hotels? Das ist ja horrend!

Tredup tritt eilig in die Turnhalle ein.

Man hat aus ihr durch die Entfernung der Geräte einen leidlichen Sitzungssaal geschaffen. Natürlich, der Gerichtssaal im Amtsgericht ist viel zu klein, und in den Saal einer Gastwirtschaft hat man wohl nicht gehen wollen. Immerhin wirkt es seltsam, wie hinter dem Richtertisch der dürre Wald der Kletterstangen aufwächst, die Seile sind hochgebunden, aber etwas ominös sieht es doch aus.

Tredup findet den Pressetisch grade gegenüber dem Platz der Angeklagten und sucht sich einen freien Stuhl. Schon ein Dutzend Herren sind da, auf vielen Plätzen ist ein Schild aufgepinnt, wer sie beansprucht.

Das also sind die großen Herren aus Berlin, sie flüstern miteinander. Die kennen sich. Tredup kennt niemanden. Von Altholm ist noch keiner da. Wenn doch erst Blöcker käme oder wenigstens der Pinkus von der Volkszeitung, daß man ein paar Worte reden könnte, erzählen, als was man hier ist.

Plötzlich tun sich die Türen hinten auf, und das Publikum wird eingelassen. Und durch die andere Tür, eskortiert von Justizwachtmeistern, erscheinen zwei Angeklagte: Padberg und Bauer Rohwer. Tredup sucht den einzigen, den er kennt, Henning, der einmal wegen der Bilder bei ihm war, doch der fehlt noch.

Nun geht die Tür zur Rechten auf, ein kleiner Mann kommt unsicher herein, sieht sich zögernd um, der Gerichtsdiener sagt was zu ihm. Der kleine Mann macht fünf Schritte und springt wieder zurück. Er sieht nicht gut aus: quer über die eine Gesichtshälfte, durch die Nase, läuft eine feuerrote breite Narbe. Und die Nase selbst, graubleich, sieht aus wie eine formlose Kartoffel.

Der Gerichtsdiener nimmt den kleinen Mann beim Arm und führt ihn zum Platz der Angeklagten. Ganz zuunterst setzt sich der. Er sieht sich ängstlich um und verbirgt dann sein Gesicht in der Hand.

Aus dem Gerede der Pressevertreter entnimmt Tredup, daß dies der Dentist aus Stolpe ist, gegen den unbegreiflicherweise Anklage erhoben sei. (Was eine Schande sein soll.)

Nun wird der vierte Stuhl bei den Angeklagten besetzt, Henning, den Arm in einer schwarzen Binde, ist gekommen. Im Zuschauerraum stehen die Leute sogar auf, um ihn zu sehen, alle recken die Hälse. Ein Pressemensch, zwei Plätze ab von Tredup, fängt an zu zeichnen, als sei nun erst der Richtige gekommen.

Aber Henning macht sich gut. Er begrüßt die andern Angeklagten, gibt ihnen die Hand, sogar dem Dentisten stellt er sich vor, die beiden reden miteinander, Henning lächelt.

Tredup notiert eifrig.

Eine Stimme quäkt neben ihm: »Nanu, ist das Käseblatt Chronik heute durch zwei Mann vertreten?«

Pinkus von der Volkszeitung hat sich neben Tredup gesetzt.

»Wieso zwei Mann?« fragt Tredup ärgerlich. »Ich vertrete die Chronik.«

Pinkus grinst: »Und Stuff? Was macht der?«

»Stuff? Was soll der machen?« Aber schon verschlägt es ihm die Rede.

Schräg gegenüber sitzt Stuff und sieht ihn grade und trüb durch den Klemmer an. Beklommen grüßt Tredup und Stuff bewegt ernst den Kopf.

Und während alles aufsteht, weil jetzt der Gerichtshof seinen Einzug hielt, ist Tredup ganz auseinander. Was will Stuff hier? Hat er sich mit Gebhardt ausgesöhnt? Oder ist er nur so da? Was spielen die mit ihm? Soll er nie Ruhe haben? Sich nie freuen dürfen?

Indes die Personalien der Angeklagten festgestellt werden, der Eröffnungsbeschluß verlesen wird, versinkt Tredup in Grübelei. Nur manchmal schreibt er flüchtig ein paar Sätze.

Wozu sich die Mühe geben? Es wird ja doch nichts mit ihm.

Die Vernehmung der Angeklagten zieht sich endlos hin. Der Vorsitzende hat eine freundschaftliche Art, mit ihnen zu sprechen. Er redet sie mit Herr an, er läßt ihnen Zeit. Und mit äußerster Genauigkeit bemüht er sich, jeden Schritt jedes Angeklagten während des Demonstrationszuges festzustellen. Hinter ihm steht eine große schwarze Tafel, auf der jedes Haus am Marktplatz und am Burstah eingezeichnet ist.

»Wo standen Sie da? – Waren Sie vielleicht schon beim Hause von Bimm? Sie wissen, das ist der Laden ...«

Die Staatsanwaltschaft schweigt. Der Verteidiger erläutert nur manchmal, hilft dem wortungewandten Rohwer.

Bewegung entsteht erst, als der Vorsitzende die Bauernschaftsfahne in den Saal bringen läßt. Sie ist auseinandergenommen, und nun bildet sich vor dem Richtertisch eine Gruppe: Henning und Padberg schrauben die Sense auf, der Vorsitzende sieht interessiert zu. Der Oberstaatsanwalt, gefolgt vom Staatsanwaltschaftsrat, beobachtet aus zwei Meter Entfernung, der Verteidiger steht neben Henning.

Padberg hebt die Fahne.

Das beschmutzte Fahnentuch hängt kläglich am Schaft herunter, die Sense, dreifach geknickt und verbogen vom Kampf, sieht trübe aus.

»Würden Sie nun einmal zeigen, Herr Henning, wie Sie die Fahne trugen? Ach so, Ihr Arm. Entschuldigen Sie, vielleicht ist Herr Padberg so liebenswürdig?«

Aber Padberg ist ungeschickt. Er ist klein, untersetzt, er hat sicher nie eine Fahne getragen. Sie schwankt zwischen seinen Händen, kippt nach vorn, der Vorsitzende und der Gerichtsdiener retten sie knapp vor einem Fall.

Ungeduldig streift Henning die Binde ab. Er nimmt die Fahne aus Padbergs Händen, hält sie vor die Brust. Dann hebt er sie plötzlich.

Irgend etwas reißt ihn mit, er hebt sie höher und höher, läßt sie seitlich fallen, fängt sie mit einer Hand ab, das Fahnentuch entfaltet sich: schwarzes Feld, weißer Pflug, rotes Schwert.

Sie knattert und schlägt, weht nach rechts, weht nach links.

Im Zuschauerraum werden ein paar Rufe laut: »Heil Bauernschaft!«

Der Verteidiger springt zu: »Ihr Arm, Herr Henning!« erinnert er. Plötzlich sinkt Hennings Arm herunter, er verzieht schmerzvoll das Gesicht, mit Mühe hält er die Fahne in einer Hand, Padberg und Rohwer nehmen sie ihm ab.

Alles ist vorbei.

Aber Tredups Hand fliegt nur so über das Papier.

»Der ›Krüppel‹ Henning als Fahnenschwenker. – Verteidiger nimmt Hilfsstellung. – Wunderwirkung einer Fahne auf Armlähmung.«

»Das ist doch was, da wird sich Bürgermeister Gareis freuen, wenn er das liest. Allerdings, eigentlich sind diese Angeklagten alle ganz nette Kerle, vor allem Henning ist wirklich nett, aber kann man sich so etwas entgehen lassen? Das grade lesen die Leute gern.«

Hinter dem Pressetisch geht der Gerichtsdiener, flüstert das Wort: »Chronik – Chronik – Chronik –«

Erschreckt fährt Tredup herum: »Ja. Hier.«

»Sie möchten mal rauskommen.«

Man ruft ihn ab. Stuff hat gesiegt. Wieder Annoncen sammeln, nachdem man hier im Saal, an diesem Tisch gesessen ...

Tredup rafft seine Papiere zusammen und schleicht aus dem Saal. Noch ein Blick auf alles, das er nicht wiedersehen wird: der Richtertisch mit den Schöffen, das Tischchen in der Ecke, an dem neben Stadtrat Röstel der Vertreter der Regierung in Stolpe sitzt, Assessor Meier, Padberg redet grade ...

Austreibung aus dem Paradies.

Die Tür geht hinter ihm zu.

Aber draußen im Vorsaal steht nur Lehrling Fritz in seinem blauen Kittel: »Das Manuskript, Herr Tredup, es ist gleich zwölf.«

Tredup atmet auf, sucht die Blätter zusammen.

»Herr Stuff ist auch hier«, sagt er möglichst gleichgültig.

»Der hat schon heute früh bei uns reingeschaut. Adieu gesagt. Der ist jetzt bei der Bauernschaft«, berichtet Fritz.

»Ja so, bei der Bauernschaft«, sagt Tredup und sieht gegen die Fenster, die heller und heller werden. »Wie ist eigentlich das Wetter draußen?« fragt er.

»Es klärt auf, Herr Tredup.«

»Also, es klärt auf«, sagt der und geht mit festen Schritten gegen die Tür, an dem Schupo vorbei, in den Sitzungssaal.

3

Als letzter Angeklagter wird noch am späten Nachmittag der Dentist Franz Czibulla aus Stolpe vernommen. Der kleine bärtige Mann tritt mit fliegenden Gliedern vor den Richtertisch, immer wieder fahren seine Hände bergend zu dem zerstörten Gesicht.

Der Vorsitzende fragt: »Sie haben eine Klage gegen die Stadt Altholm angestrengt?«

»Ja, Herr Landgerichtsdirektor, wo man mich so zugerichtet hat! Ich muß unter Menschen sein, um zu verdienen. Wie kann ich denn so unter Menschen sein?« Wieder fährt seine Hand zum Gesicht hoch.

»Also Sie kamen vom Bahnhof –?« fängt der Vorsitzende an.

»Ich kam vom Bahnhof, ja. Ich wollte zu meinem Kunden Heß in der Propstenstraße, dem ich ein Gebiß gemacht hatte. Herr Heß kann immer schlecht abkommen, deshalb gehe ich zu ihm.«

»Wir werden Herrn Heß noch hören«, sagt der Vorsitzende. »Also, Sie gingen den Burstah hinunter? War es da nun sehr voll?«

»Nein. Zuerst gar nicht. Ganz leer war es, totenstill war es dort. Es fiel mir noch auf.«

»Also aufgefallen ist Ihnen da schon was?«

»Wie man so denkt. Hier ist es aber still. Und dann sieht man in die Schaufenster. Und dann denkt man wieder: Hier ist es aber still heute in Altholm.«

»Sie haben also nicht weiter darüber nachgedacht?«

»Nein. Wenn ich vorher gewußt hätte, was mir passieren würde, hätte ich darüber nachgedacht. Aber das kann man ja nicht.«

»Haben Sie denn nicht gewußt, daß in Altholm eine Bauerndemonstration stattfinden würde? Es stand doch in den Zeitungen.«

»Vielleicht habe ich es gelesen. Aber daran gedacht habe ich sicher nicht.«

»Sie sind also kein Bauernschaftsanhänger? Sie haben doch hauptsächlich Landkundschaft.«

»Ich bin ein Geschäftsmann, Herr Landgerichtsdirektor.«

»Sie sollen sich aber zustimmend über die Bauernschaftsbewegung geäußert haben.«

»Ich bin Geschäftsmann, Herr Landgerichtsdirektor, wenn ich bei einem Bauern bin, sage ich Ja zu dem, was der Bauer sagt, und bin ich bei einem Sozi, dann sage ich zu dem auch Ja.«

»Sie sind also nicht wegen der Demonstration nach Altholm gekommen?«

»Ich bin wegen der Zähne von Herrn Heß gekommen.«

»Als Sie nun den Burstah weitergingen, was sahen Sie da?«

»Da war plötzlich eine Masse Menschen, ein Gedränge, und überall standen Polizisten.«

»Und da sind Sie nicht stehengeblieben?«

»Ich mußte doch pünktlich zu Herrn Heß. Herr Heß will, daß ich pünktlich bin.«

»Nun, schildern Sie mal, was sahen Sie dann? Schlugen die Bauern auf die Polizei ein oder die Polizei auf die Bauern? Oder was war?«

»Geschlagen wurde überhaupt nicht mehr. Die Leute drängten hin und her und die Polizisten riefen immerzu ›Straße frei‹. Und als ich zehn Schritte weiter kam, da lag der Herr blutend auf dem Pflaster.«

Der Vorsitzende erläutert: »Herr Henning.«

»Ja, ich weiß, daß das Herr Henning ist. Den kenne ich.«

Der Oberstaatsanwalt erhebt sich: »Ich bitte, den Angeklagten zu fragen, woher er Herrn Henning kennt.«

Der Vorsitzende: »Wollen wir nicht alle Fragen zurückstellen? – Nun gut, woher kennen Sie den Angeklagten?«

»Richtig kennen tue ich ihn erst seit heute morgen, aber ich habe ihn im Krankenhaus ein paarmal gesehen.«

»Hat der Angeklagte nicht mit dem Angeklagten Henning im Krankenhaus gesprochen?«

Henning springt erregt auf: »Herr Oberstaatsanwalt, wenn Ihnen das Gesicht so zerschlagen gewesen wäre wie dem Herrn Czibulla, da würde Ihnen das Reden schon vergehen!«

»Ich bitte, den Angeklagten Henning auf das Ungebührliche seiner Redeweise hinzuweisen. Der Angeklagte Henning ...«

»Herr Henning, das geht nicht. Sehen Sie, wenn jeder aufspringen wollte und losreden, wenn ihm etwas nicht gefällt. Nicht wahr, Sie sehen das ein? Also bitte, das nächste Mal –« lächelnd – »Kandare stramm. – Die Frage ist wohl erledigt?«

»Im Gegenteil. Ich bitte, den Angeklagten zu befragen, ob er sich mit dem Angeklagten Henning im Krankenhaus irgendwie verständigt hat. Es gibt auch andere Wege als die Sprache.«

»Herr Landgerichtsdirektor, ich hatte wirklich anderes im Kopf als den Herrn. Ich habe ihn nur zwei- oder dreimal gesehen, als er zur Toilette ging und meine Zimmertür zum Gang stand auf.«

»Also. – Sie sahen Herrn Henning auf dem Pflaster liegen? Lag er allein oder war jemand bei ihm?«

»Er lag ganz allein. Das regte mich furchtbar auf, daß ihm keiner half.«

»So, Sie waren also sehr erregt? Waren Sie nun sehr erbittert auf die Polizei?«

»Ich wußte doch damals gar nicht, daß ihn die Polizei niedergeschlagen hatte!«

»Aber Sie sahen doch, daß es Säbelwunden waren? Sonst hatte doch niemand einen Säbel wie die Polizisten.«

»Wer denkt denn daran in so einem Augenblick? Ich hatte zu tun, daß ich durch die Leute durchkam, ich sah den Herrn liegen, das regte mich auf. Aber weiter nachgedacht habe ich nicht. Ich mußte doch zu Herrn Heß.«

»Warum gingen Sie nun grade zu der Fahnengruppe? Das war doch nicht der grade Weg zur Propstenstraße?«

»Der grade Weg war verstopft, da kam ich nicht durch. Und bei der Gruppe war Luft.«

»Fiel Ihnen nun die Fahne sehr auf?«

»Die habe ich gar nicht gesehen.«

»Aber es ist doch eine große Fahne! Sehen Sie sich einmal die Fahne an, sie steht dort in der Ecke. Die kann man doch eigentlich gar nicht übersehen.«

»Herr Landgerichtsdirektor, da war ja soviel zu sehen, ich habe die Fahne wirklich nicht bemerkt.«

»Nun schön, also Sie haben die Fahne nicht bemerkt. Was veranlaßte Sie nun, grade auf die Beamten loszugehen? Sie sahen doch, daß es Beamte waren?«

»Jawohl, ein paar hatten ja Uniformen an.«

»Was wollten Sie da nun eigentlich?«

»Ja, ich weiß auch nicht ... Herr Landgerichtsdirektor, ich wollte fragen, wie ich durchkäme, was los wäre ... Ich weiß auch nicht mehr recht, ich wollte eben zu den Beamten. Ich war so unruhig.«

Der Vorsitzende: »Ja.« Zögernd noch mal: »Ja. Sehen Sie, das ist so ein Punkt, Herr Czibulla, der scheint mir nicht ganz geklärt. Sie sagen, Sie wollten fragen, was los wäre. Glaubten Sie denn, die Beamten hatten Zeit, Ihnen Auskunft zu geben?«

»Ja ... Nein ... Ich weiß doch nicht ...«

»Sie hatten doch gemerkt, daß alles sehr unruhig war. Wurde denn nicht sehr geschimpft in Ihrer Nähe?«

»Ja, geschimpft wurde schon, aber ich kriegte nicht schlau, was los war.«

»Und das sollten Ihnen die Beamten erzählen? Wo ein Schwerverletzter auf dem Pflaster lag?«

»Ja, ich wollte doch gern wissen ...«

»Und dann wollten Sie fragen, wie Sie durchkämen? Durch die Menschenmenge? Wäre es nicht einfacher gewesen, Sie wären einfach zurückgegangen?«

»Aber dann kam ich doch nicht zu Herrn Heß!«

»Sie hätten doch durch die Grünhofer Straße gehen können.«

»Daran habe ich nicht gedacht.«

»Und Sie wollten nun fragen, wie Sie durchkämen. Aber da war doch die Menschenmenge, ein paar tausend Mann. Und Sie haben uns doch erzählt, wie die Beamten ›Straße frei‹ riefen. Wurde denn die Straße da frei?«

»Nein, da waren zu viele.«

»Wie konnten Ihnen denn die Beamten da helfen? Sie müssen doch eine Idee gehabt haben?«

»Nein ... ich weiß nicht mehr ... ich wollte bloß fragen, was los war.«

»Nein, Herr Czibulla, das scheint mir alles noch nicht auszureichen. Sie waren also sehr erregt. Sie hatten den blutenden Mann auf dem Pflaster liegen sehen. Die Beamten standen mit dem Rücken zu Ihnen. War es da nicht doch vielleicht so, daß Sie den Beamten eins auswischen wollten?«

»Herr Landgerichtsdirektor, so wahr ich hier stehe ... Ich bin doch Dentist, was gehen mich denn solche Sachen an?«

»Nun, der Herr ist Reisender in landwirtschaftlichen Maschinen, den ging es auch nichts an, wenn man es von Ihrem Standpunkt ansieht, und doch lag er auf dem Pflaster.«

»Ich kann das nicht erklären«, flüsterte der Kleine, »aber ich wollte nur mal fragen. Da standen die Beamten ...« Er bricht ab und sieht sich hilflos um.

Der Verteidiger erhebt sich: »Ich finde, Herr Czibulla hat uns eine vollkommen einleuchtende und ausreichende Erklärung gegeben. Herr Czibulla war unruhig, besorgt, erregt, ein blutender Mensch lag auf dem Pflaster. Herr Czibulla war ängstlich. Um ihn wurde geschimpft, die Leute waren aufgeregt.

Ein ängstlicher Mensch hat in solcher Lage den Wunsch, sich unter Schutz zu stellen. Da waren die Beamten. Was lag näher, als daß er zu den Beamten ging. Dafür ist die Polizei doch da. Er hat sich gar nichts weiter gedacht dabei, er hat rein gefühlsmäßig gehandelt. Vielleicht hat er sich wirklich gesagt, frag sie, wie du durchkommst, was los ist. Aber die Hauptsache war ihm, daß er unter Schutz kam.«

Der Vorsitzende fragt: »War das so, Herr Czibulla, wie Herr Justizrat Streiter das eben ausführte, daß Sie sich schutzbedürftig fühlten und sich unter den Schutz der Beamten stellen wollten?«

Der Kleine flüstert ängstlich: »Ich weiß doch nicht ... ich wollte doch zu Herrn Heß ...«

»Also lassen wir das vorläufig. – Was geschah nun? Halt, einen Augenblick. Was hatten Sie in Ihren Händen, als Sie zu den Beamten gingen?«

»In den Händen? Meine Tasche.«

»In der einen Hand. Und in welcher Hand? In der rechten oder in der linken?«

»In der linken. Nein, in der rechten. Nein, ich weiß nicht mehr.«

»Und was hatten Sie in der andern Hand?«

»In der andern? Nichts.«

»Herr Czibulla, überlegen Sie sich genau, was Sie sagen. Was hatten Sie in der andern Hand?«

»Nichts, Herr Landgerichtsdirektor. Bestimmt nichts.«

»Hatten Sie nicht einen Stock in der andern Hand?«

»Einen Stock? Ich gehe doch nicht mit einem Stock!«

»Oder einen Schirm?«

»Herr Landgerichtsdirektor, seit fünfundzwanzig Jahren gehe ich ohne Schirm. Seit ich im ersten Ehejahr den Schirm mal habe stehenlassen, habe ich keinen neuen gekauft.«

Gelächter im Zuhörerraum.

»Ich bitte, das Lachen zu unterlassen.«

Der Gerichtsdiener läuft in den Gang: »Das Lachen ist zu unterlassen! – Das Lachen ist zu unterlassen! – Das Lachen ...«

Der Vorsitzende: »Ich danke Ihnen, Herr ... Danke, danke, es ist erledigt. – Herr Czibulla, wir werden später einen Zeugen hören, der aussagt, daß Sie einen Schirm oder Stock in der Hand gehabt haben.«

»Herr Landgerichtsdirektor, das ist doch unmöglich. Nie gehe ich mit Schirm oder Stock. Fragen Sie meine Frau, fragen Sie alle meine Verwandten oder Bekannten, nie hat mich jemand mit einem Stock gesehen.«

»Der Zeuge wird aussagen, daß Sie den Polizeihauptwachtmeister Meierfeld mit dem Stock oder mit der Schirmkrücke ins Kreuz gestoßen haben.«

»Wie kann denn der Mann das! So, Herr Landgerichtsdirektor, so habe ich ihn mit der Hand am Rock gezupft.«

»Aber auch Herr Meierfeld hat ausgesagt, daß er einen heftigen Stoß verspürt hätte.«

»Herr Landgerichtsdirektor, gesagt habe ich drei- oder viermal ›Herr Wachtmeister‹, und dann habe ich ihn am Rock gezupft. Nicht doller, als eine Maus zupft.«

»Na, Sie müssen doch sehr energisch gezupft haben, sonst hätte der Beamte nicht solchen Schreck bekommen.«

»Nicht mehr wie eine Maus, Herr Landgerichtsdirektor, ganz sachte habe ich gezupft. Und da fuhr er gleich mit dem Säbel auf mich ein.«

4

Am Morgen des zweiten Verhandlungstages wird als erster Zeuge der Polizeioberinspektor Frerksen vernommen.

Da ist kaum einer im Saal, der ihn nicht kennt, doch recken sie alle die Hälse, als er hereinkommt. In den hinteren Reihen stehen sie sogar auf. Er tritt schlank und blaß, ein wenig vorgebeugt, an den Richtertisch, Tschako und Handschuhe in der einen, den Säbelgriff in der andern Hand.

»Reinweg vorm Spiegel muß der Affe das eingeübt haben«, knurrt Stuff. »Das hat er doch noch nie fertiggebracht, den Säbel richtig offiziersmäßig zu halten.«

»Totgeschossen hat er sich also doch nicht«, denkt Tredup. »Wie er das fertigbringt, jetzt vor allen Leuten, und vorgestern abend ist er erst auf der Straße seinem Säbel nachgerannt ...«

Frerksen spricht zu Anfang sehr leise, erst allmählich wird seine Stimme stärker.

Kaum sind seine Personalien festgestellt, erhebt sich der Verteidiger: »Ich bitte, von einer Vorvereidigung dieses Zeugen Abstand zu nehmen. Die Verteidigung ist der Ansicht, daß dieser Zeuge seine Befugnisse überschritten hat. Ein Disziplinarverfahren war bereits gegen ihn in Gang.«

Der Staatsanwalt widerspricht: »Das Disziplinarverfahren ist eingestellt. Es bestehen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft keine Bedenken gegen die Vorvereidigung.«

Und der Vorsitzende: »Der Gerichtshof zieht sich zur Beschlußfassung zurück.«

Alles strömt in den kleinen Vorplatz, auf den Schulhof, wo man rauchen darf. Frerksen bleibt noch einen Augenblick vor dem Richtertisch stehen, aber alle schauen ihn an. So drängt er mit durch die zu enge Tür, taucht in die Menge ein, verschwindet in ihr vor der Aufmerksamkeit aller, und findet sich wieder Seite an Seite mit Henning.

Es ist der Blick des andern, der ihn aufmerksam gemacht hat. Ein lodernder Blick, ein kaltes Feuer.

Vor beider Augen steht jene Szene, da diese behandschuhte Hand nach dem Fahnenschaft griff, die andere ihn triumphierend hob, hob, hob.

Und der ganze Film bis da, da man Henning in die Apotheke trug, und dieser stürzte hinzu und rief: »Nicht anrühren! Der ist verhaftet.«

Sie sehen sich an, eng treibend, Schulter an Schulter im Gedränge der vielen. Sie sehen sich nur an.

Dann drückt Frerksen nach rechts, mit Gewalt nimmt er seinen Blick vom andern fort, sieht zur Seite, um die Augen nicht niederschlagen zu müssen.

Henning brennt sich eine Zigarette an.

Frerksen entdeckt den Assessor Stein mit Tredup. Stein hat sich den Tredup gekauft.

»Ich glaube nicht«, sagt grade Stein zu Tredup, »daß wir uns das länger bieten lassen von der Chronik. Der Bericht über die Naziversammlung war direkt sensationell aufgemacht und entstellt. Als ob die Nazis Lämmer wären. Sagen Sie das man Ihrem Herrn Stuff!«

»Aber wieso?« stottert Tredup. »Das war doch alles richtig. Die Kommunisten hatten überfallen! Und die Polizei war doch wirklich zu schwach.«

»Ein schwarzer Tag!« nörgelt der Assessor. »Nach dem sechsundzwanzigsten Juli der dreißigste September. So 'ne Aufmachung! Was war denn los? Gar nichts! Aber gleich muß der Polizei eins ausgewischt werden. Wir kennen Ihren Stuff.«

»Ausgewischt? Der Herr Bürgermeister hat doch selbst gesagt ...«

»Ach was! Wenn man unsere Bekanntmachungen haben will, benutzt man nicht jede Gelegenheit, uns einen Tritt zu versetzen. Das sollte Herr Stuff auch wissen.«

»Ich höre immer Stuff«, sagt der Polizeioberinspektor. »Herr Stuff ist doch gar nicht mehr bei der Chronik!«

»Ja?« fragt Stein, scheinbar äußerst überrascht. »Wer hat denn da diesen Mist produziert?«

Frerksen deutet mit den Augen und Stein tut sehr verlegen: »Na, dann entschuldigen Sie, Herr Tredup. Hätte ich das gewußt! Aber Herr Bürgermeister wird sich sehr wundern, daß grade Sie so schreiben.«

»Ich habe ganz sachlich berichtet«, verteidigt sich Tredup.

»Viel Freunde werden Sie sich mit diesen sachlichen Berichten nicht machen. – Nun, Frerksen, werden Sie nun vereidigt oder nicht?«

»Vorvereidigt – hinterher werde ich doch vereidigt! Das ist doch Unsinn, daß ich mich strafbar gemacht haben soll.«

»Natürlich. Sie werden ja sehen, was für Zeugen für Sie aufmarschieren. Reichsbanner und SPD, kurz die Arbeiterschaft steht hinter Ihnen.«

Frerksen wechselt die Farbe.

Hundert Schritte ab, vor dem Schultor, wird auch über dies Thema gesprochen. Gareis hat seinen grauen flauschigen Lodenmantel über den Cut geworfen und geht zwischen dem Stadtverordneten Geier und dem Parteisekretär Nothmann auf und ab.

»Ich möchte wissen, Bürgermeister«, sagt Nothmann, »woher Sie noch das Vertrauen nehmen? Dieser ganze Prozeß wird ein Riesenreinfall für uns.«

»Warten Sie doch die Zeugen ab. Gestern die Angeklagten, das sagt gar nichts. Natürlich haben alle Idioten mit solch einem hübschen Jungen wie Henning Mitleid. Ein feiner Junge!«

»Die Zeugen sind auch so so«, meint Geier. »Die erliegen auch der Stimmung. Und der Vorsitzende mit seiner Väterlichkeit ist ein Aas. Man weiß, was man weiß.«

»Was weiß man?« fragt Gareis gereizt.

»Zum Beispiel, daß der Herr Vorsitzende nicht wie die andern Herren jeden Morgen aus Stolpe mit der Bahn rüber kommt, sondern daß er hier bei seinem Schwager, dem Fabrikbesitzer Thilse, wohnt. Richter und Fabrikbesitzer, das wird grade gegen die Bauern sein! Das Korps hält zusammen! Aber ich stecke es dem Pinkus, der kann es in der Volkszeitung bringen.«

»Macht doch nur nicht so was!« ruft der Bürgermeister erschrocken aus. »Warum soll der Mann nicht bei seinem Schwager wohnen? Darum ist er doch noch nicht Partei.«

»Lax sind Sie, Bürgermeister«, sagt Nothmann. »Schlapp. Früher waren Sie anders. Natürlich muß das ins Blatt. Der Arbeiter, der als Zeuge auftritt, muß wissen, was das für ein Mann ist, der ihn befragt. Daß das ein Freund von den Ausbeutern ist.«

»Wenn der Pinkus das bringt«, erklärt Gareis entschieden, »haue ich ihm ein paar ins Genick, daß er die nächste halbe Stunde nicht wieder aufsteht.« Sanfter: »Ihr seid Riesenrösser, alles würdet ihr mit so was vermasseln. Aber ihr könnt nichts dafür.«

»Du«, sagt Geier gekränkt, »kommst dir immer mächtig schlau vor, Genosse Gareis, aber bisher haben wir noch nicht gesehen, daß du viel erreicht hast für die Partei. Ewig muß man den Genossen erklären, entschuldigen, sie vertrösten. – Führ einen Kurs gefälligst, den der Arbeiter versteht, nicht solche Geschichten, die nicht Fisch und Fleisch sind.«

»Wenn die Bauern verknackt sind, werdet ihr wieder finden, daß ich recht gehabt habe.«

»Wenn. Und wenn nicht?«

»Ja, bitte?«

»Dann, Genosse Gareis, wirst du dein Köfferchen packen müssen. Wir können uns hier keinen Gesinnungsluxus leisten.«

»Nee«, sagt Gareis. »Nee. Habe ich schon gemerkt.«

Ungemütliche Stille.

Quer über den Fahrdamm kommt Pinkus gestürmt. Er trabt fast, so eilig hat er es.

»Ich komme direkt aus dem Parteibüro, Bürgermeister«, keucht er. »Was ich jetzt habe, das raten Sie nie.«

»Also erzählen Sie schon.«

»Ein Einschreibebrief ist gekommen. Von Frerksen ...«

»Was will denn der? Wieso schreibt er?«

»Seinen Austritt aus der Partei hat er erklärt«, kreischt Pinkus.

Die vier Männer starren sich an.

»Deine Zeugen, Gareis ...« höhnt Geier.

Der Bürgermeister holt tief Atem: »Egal!« Und mit Nachdruck: »Das sage ich euch, meine Koffer packe ich noch lange nicht! Da kann ja jeder Esel kommen und denken, er ist es. Ich mache weiter.«

Er stürmt fort.

»Heute noch«, sagt Nothmann zu Geier und Pinkus.

5

Unterdessen steht Frerksen wieder vor dem Richtertisch.

Er spricht noch sachter, noch zögernder, noch leiser. Vielleicht unter dem beklemmenden Eindruck, daß vom Gericht seine Vorvereidigung abgelehnt ist, vielleicht, weil der Blick Hennings nachwirkt ...

Jedenfalls notiert sich Tredup, daß dieser Zeuge, dieser Kronzeuge, eigentlich nichts gesehen hat, nichts weiß, niemanden wiedererkennt. –

»Sie hatten also den Eindruck, daß man Ihre Zusammenkunft mit Herrn Benthin hintertrieb? Daß man Sie absichtlich in falsche Lokale schickte?«

»Ja, ich weiß doch nicht. Wenn ich das in der Voruntersuchung ausgesagt habe, kann ich mich auch geirrt haben. Es war nur so ein Gefühl.« –

Der Vorsitzende fragt: »Was veranlaßte Sie nun zu der Flaggenbeschlagnahme?«

»Es wurden Rufe des Unwillens laut. Sie schienen mir bedenklich. Provozierend.«

»Erinnern Sie sich, wer gerufen hat?«

»Nein, ich erinnere mich nicht.« –

»Hatten Sie nun bei dieser Flaggenbeschlagnahme den Eindruck, daß Herr Henning Ihnen tätlich Widerstand leistete?«

Der Zeuge, zögernd: »Tätlich? Nein. Eigentlich nicht.« –

»Sie haben früher ausgesagt, Herr Padberg habe Sie von der Fahne zurückgestoßen?«

»Nein, das kann ich nicht mehr sagen. Ob es Herr Padberg war oder ein anderer, das weiß ich nicht zu sagen.«

»Sie sind geschlagen worden?«

»Ja. Stark.«

»Und von wem?«

»Das weiß ich nicht. Namen weiß ich nicht.«

Ein kläglicher Anblick, ein Mensch, der sich windet, der niemanden belasten möchte, der es am liebsten allen recht machte.

»Na«, sagt Tredup etwas schadenfroh zu Pinkus, der eben wiederkommt, »Ihr Kronzeuge versagt ja völlig.«

»Unser Kronzeuge? Was geht uns Frerksen an?«

»Frerksen ist doch SPD.«

»Frerksen –? Mensch, Mann, wer hat Ihnen das aufgebunden? Frerksen ist doch nicht SPD!«

»Nein, nicht? Das ist ja das Neueste!«

»Glauben Sie, solche Leute wollen wir in der Partei haben?«

»Er ist also ausgeschlossen worden?«

»Ich habe Ihnen das nicht gesagt.«

»Nein, natürlich nicht. Aber es ist sehr interessant«

Doch unterdessen ist Padberg aufgestanden zwischen den Angeklagten: »Herr Oberinspektor, ich richte an Sie die Frage, haben Sie am sechsundzwanzigsten Juli Ihre Nerven in der Hand gehabt?«

Der Oberinspektor sieht den andern gespannt an. Das verbindliche Lächeln um seinen Mund verzieht sich: »Jawohl, die habe ich in der Hand gehabt. – Aber eine Gegenfrage, Herr Padberg: Sind Sie nicht Trinker?«

»Nein.«

»Waren Sie nicht in einer Trinkerheilanstalt?«

»Das ist eine infame Lüge.«

Der Vorsitzende spricht dazwischen: »Meine Herren, ich bitte Sie, was soll das? Wir wollen hier doch vernünftig verhandeln. Also, Herr Frerksen ...«

Aber die Stimmung wird schlechter und schlechter. Man sieht es deutlich am Pressetisch. Pinkus schreibt gar nichts, für den ist das alles nichts. Und Stuff schmiert wie wild.

Doch in der Pause nähert sich der Oberinspektor Herrn Tredup. Er geht da so allein unter den Leuten herum, niemand will etwas von ihm wissen.

Aus der Gruppe Stuff kann er ganz deutlich die Stimme seines alten Feindes hören: »Frerksen? Erledigt! Keine vier Wochen macht der Mann mehr Dienst.«

Nun tritt er zu Tredup, ein vorsichtig-ängstliches Lächeln auf dem Gesicht: »Nun, Herr Tredup, darf ich fragen, wie so die Stimmung des Volkes ist? Was denkt man über meine Aussage?«

Aber hier sieht selbst Tredup keinen Grund zur Schonung: »Zu lau. Zu lasch, Herr Oberinspektor. Nicht erkannt. Nicht erinnert. Weiß ich nicht. – Wenn man so was macht, steht man dazu.« Und er dreht sich um.

Manzow in seinem Kreis verkündet: »Der Frerksen war immer ein Schlappschwanz, aber für Gareis ist das gar nicht schlecht. Man sieht doch jetzt, wer die Böcke gemacht hat.«

»Du«, sagt Meisel giftig, »du willst dich jetzt wohl wieder anbiedern bei deinem Gareis? Ist nicht, mein Junge. Gareis ist erledigt.«

»Anbiedern?« protestiert Manzow. »Ich werde doch noch sagen dürfen, was ist. Die Fehler hat Frerksen gemacht.«

»Und Gareis bezahlt sie. Das ist immer so. Und kann uns nur recht sein.«

6

Im Rücken der Verteidigung steht ein Tischchen, an dem zwei Herren sitzen. Zum ersten der Stadtrat Röstel, der als Vertreter der Stadt den Verhandlungen folgt. Als man den Dentisten Czibulla vernahm, schrieb er eifrig mit, denn von Czibulla hängt eine Klage gegen die Stadt.

Doch der zweite Herr an diesem Tisch ist Assessor Meier. Kummervoll sitzt er da, es sieht aus, als hätte er sich ganz hinter seine Klemmergläser zurückgezogen. Bisher geht ja alles unberufen toitoitoi solala, man kann dem Chef nach Stolpe ganz günstige Berichte schreiben. Aber wenn nur der Gareis nicht wieder alles verbockt, dieser Gareis ...

Meier hätte gern mit Gareis vorher ein Wörtchen gesprochen, eigentlich hatte er den Eindruck, daß man daheim, in jenem großen, trüben, dunklen Zimmer gerne Frieden mit diesem Mann gemacht hätte ... Aber so was auf die eigene Kappe nehmen? Ein Wörtchen vor solchem Prozeß kann sehr falsch verstanden werden ... Zeugenbeeinflussung. Lieber wartet man ab. Gareis wird schon nicht so unklug sein ...

Es ist gegen elf Uhr, daß Gareis in den Saal eintritt. Er ist ganz ruhig, als er vor den Richter tritt. Seine Haltung ist gut.

»Eingebildeter Fatzke«, knurrt Stuff. »Im Cut, ist ja lächerlich, dieses Getue!«

Bei der Vereidigung muß Gareis den Vorsitzenden leider unterbrechen.

»Bitte, nicht die religiöse Formel«, sagt er entschieden in die ersten Schwurworte hinein, und der Vorsitzende entschuldigt sich kurz.

Dann sagt Gareis aus.

Er sei nicht gegen die Demonstration gewesen. Erst ein in der Presse veröffentlichter Brief des Bauernführers Franz Reimers, der zu Kundgebungen vor dem Gefängnis aufforderte, habe ihn stutzig gemacht. Er habe dann mit dem Landwirt Benthin verabredet, daß er am Tage der Demonstration mit den Führern noch einmal zu ihm kommen solle. Benthin aber habe sein Versprechen nicht gehalten.

Er selbst sei gegen Mittag nach Haus gegangen, um alles für seine Urlaubsreise vorzubereiten.

Schritt für Schritt ist während der Worte des Zeugen langsam und unaufhaltbar der schwarze Talar des Verteidigers vorgerückt. Der Rechtsanwalt hält den gelblichen Schädel gesenkt, die Hände liegen in den Falten der Robe.

Wäre dieser dunkle Schatten nicht, der gegen den Zeugen anrückt, alles wäre in Ordnung. Denn die leidenschaftslosen Worte von Gareis verbreiten Ruhe und Klarheit. Jetzt hebt der Verteidiger seine rechte Hand gegen den Vorsitzenden.

»Ich bitte, mir schon jetzt einige Fragen an den Zeugen zu gestatten, die vielleicht ein ganz anderes Licht auf seine Aussagen werfen werden.«

Der Vorsitzende macht eine gewährende Handbewegung.

Der Verteidiger sieht zur Erde. Er hebt den Blick auch nicht, als er langsam fragt: »Herr Bürgermeister. Hat nicht am Vortag der Demonstration eine Besprechung mit Regierungsvertretern stattgefunden?«

»Jawohl.«

»Hat an dieser Besprechung nicht auch Herr Polizeioberinspektor Frerksen teilgenommen?«

»Herr Frerksen war zugegen.«

Der Verteidiger spricht ganz langsam: »Ist in dieser Besprechung nicht von Regierungsseite gesagt worden, die Bauernschaftsbewegung sei gefährlicher als die KPD und man müsse daher besonders scharf gegen sie vorgehen?«

Gareis hat die Front geändert: er spricht nicht mehr zum Richtertisch, er steht dem Verteidiger grade gegenüber und sieht ihn an. Justizrat Streiter hält den Kopf etwas schräg zur Seite, er sieht empor zu dem Riesen vor ihm. Gareis antwortet ebenso langsam, aber völlig ruhig: »Die Verhandlungen mit den Regierungsvertretern haben längere Zeit gedauert, eine Stunde, vielleicht zwei Stunden. Einzelner Wortlaut ist mir also nicht mehr erinnerlich. Ich glaube aber nicht, daß Worte in der eben genannten Fassung gefallen sind.

Inhaltlich ist zu sagen, daß zwischen meiner Auffassung und der Auffassung der Regierung Meinungsverschiedenheit bestand. Diese Meinungsverschiedenheit besteht heute noch. Die Regierung wünschte völliges Verbot der Demonstration. Ich sah dazu weder rechtlich eine Handhabe noch innenpolitisch einen Grund. Ich habe das Verbot abgelehnt.«

Assessor Meier an seinem Tischchen stöhnt: »Ich wußte es doch! Nun ist der Topf entzwei. O mein Chef! O mein Chef!«

Der Verteidiger fragt: »Konnte ein Dritter aus den Worten der Regierungsvertreter entnehmen, daß die Regierung ein exzeptionell scharfes Vorgehen gegen die Bauernschaft wünschte?«

Gareis zögert einen Augenblick. Sein Auge irrt ab zu jenem Sitz im Zuschauerraum, auf dem der Oberinspektor Platz genommen hat.

Doch es ist nur ein Augenblick. Dann antwortet er ebenso ruhig: »Dieser Eindruck ist tatsächlich entstanden. Ich muß nachtragen, daß ich etwa eine Viertelstunde bei den Verhandlungen nicht zugegen war. Ich sprach in dieser Zeit mit dem Landwirt Benthin. Was Oberinspektor Frerksen in dieser Zeit mit den Herren von der Regierung gesprochen hat, weiß ich natürlich nicht. Als ich wiederkam, stand er aber entschieden unter dem Eindruck, daß die Regierung ein besonders scharfes Vorgehen wünschte. Ich habe ihn nicht im Zweifel darüber gelassen, daß meine Wünsche andere waren.«

»Hat ihn preisgegeben, den Frerksen!« frohlockt Stuff ganz laut an seinem Tisch.

»Ich stelle fest«, sagt der Verteidiger, »daß der Oberinspektor Frerksen unter dem Eindruck stand, die Regierung wünsche ein besonders scharfes Vorgehen gegen die Bauern. Ob Herr Frerksen später nach dem Wunsch seines direkten Vorgesetzten handelte oder nach dem der Regierung –« der Anwalt zögert – »das können wir allein aus seinem Verhalten während der Demonstration folgern.«

Pause.

»Ihre Fragen sind erledigt, Herr Justizrat?« fragt der Vorsitzende.

»Nein«, sagt der Verteidiger. »Nein, noch nicht.«

Wieder Pause.

Er ist kein schlechter Regisseur, dieser Verteidiger. Er weiß Pausen zu machen, Erwartungen zu steigern. Der ganze Saal wartet.

»Herr Bürgermeister«, fängt der Verteidiger wieder an, »ist Ihnen außer jener Besprechung noch eine Willensäußerung der Regierung zugegangen?«

Gareis schließt einen Augenblick die Augen. Dann zögernd: »Ich erinnere mich nicht. Es waren so viele Verhandlungen ...«

Der Verteidiger läßt sich Zeit. Er hat die Hände auf den Rücken gelegt und versucht, seine Schuhspitzen unter der Robe zu sehen.

»Nein, keine Verhandlungen«, sagt er. »Ich will Ihrem Gedächtnis nachhelfen. Ist Ihnen nicht ein Brief von der Regierung zugestellt, ein Geheimbefehl, den ein Schupo-Offizier überbrachte?«

Gareis sieht ganz geradeaus.

»Ja«, sagt er langsam. Und noch einmal: »Ja.«

»Und was enthielt dieser Geheimbefehl?«

Gareis sieht noch immer geradeaus. Er antwortet nicht.

»Ich will noch präziser fragen«, sagt der Verteidiger. »Enthielt dieser Geheimbefehl nicht die Weisung, mit aller erdenklichen Schärfe gegen die Bauern vorzugehen?«

Lange Stille.

Sehr lange Stille.

»Ja, Herr Bürgermeister, Sie werden schließlich doch antworten müssen.«

Gareis hat sich wieder. Er wendet sich zum Richtertisch: »Ist diese Frage zugelassen?«

Um die Augen des Vorsitzenden spielen tausend Fältchen. Wie bedauernd bewegt er die Hände: »An sich ja.« Und nach einer Pause: »Aber Sie müssen natürlich wissen, wie weit die Aussageerlaubnis der Regierung reicht.«

Gareis besinnt sich: »Ich bin der Ansicht, die Erlaubnis reicht nicht so weit. Es handelt sich um einen Geheimbefehl.«

Der Verteidiger widerspricht: »Ich bin der gegenteiligen Ansicht.«

Und der Vorsitzende: »Das wird sich rasch entscheiden lassen. Wir haben einen Vertreter der Regierung hier im Saal.« Zu dem Tischchen gewendet: »Herr Assessor ...«

Und der Assessor eifrig: »Ich frage sofort bei der Regierung an.«

Er ist schon auf dem Wege aus dem Saal.

»Wir machen jetzt eine halbe Stunde Pause«, verkündet der Vorsitzende.

7

Tredup stürzt nach der Setzerei. Es ist beinahe zwölf Uhr, aber diese dicke Sache muß in die Chronik, heute noch. Das darf ihm nicht aus der Nase gehen.

Den Text selbst hat er schon während der Verhandlung mitgeschrieben, nun entwirft er Überschriften. Sie stellen sich von selbst ein.

Als erste, quer über die ganze Seite:

»Sensationelle Wendung im Bauernprozeß.«

Als zweite:

»Bürgermeister Gareis verweigert die Aussage.«

Durch die Expedition stürmend, ruft Tredup dem Wenk zu: »Komm schnell in die Setzerei. Eine große Sache. Zweihundert Exemplare im Straßenverkauf. Es muß aber noch gesetzt werden.«

Er berichtet mit fliegenden Worten.

Der Metteur murrt, aber er gibt das Manuskript doch in eine Maschine.

Unterdes Wenk, sehr erstaunt: »Daß du so begeistert bist, Tredup! Ich denke, du kannst gut mit Gareis?«

Tredup stutzt einen Augenblick, dann: »Was hat das denn damit zu tun? Es ist doch so, wie ich schreibe. Und es kann ihn doch nicht ärgern, wenn ich schreibe, was ist?«

»Wenn du dich man nicht täuschst. Aber jedenfalls, für uns ist es gut. Die Nummer kauft jeder, der die Überschriften liest.«

»Ich muß gleich wieder zum Gericht. Tu mir den Gefallen, Wenk, und sieh rasch die Korrekturen durch, daß kein Mist stehenbleibt«

»Meinethalben. Wenn das Ganze nur kein Mist ist«

»I wo. Heute schlagen wir die Nachrichten. Heute mache ich mir eine Nummer bei Gebhardt.«

Als Assessor Meier den Saal verließ, hatte er vor, bei seinem Chef, dem Herrn Regierungspräsidenten Temborius, anzurufen. Aber von wo führt man ein solches Telefongespräch? Das ist doch ein Staatsgespräch, ein überaus wichtiges Gespräch. Er kennt ja seinen Herrn und Meister, bis ins Kleinste wird er berichten müssen, wie Gareis die Differenzen mit der Regierung aufgedeckt, sich bei den Bauern lieb Kind gemacht hat.

Kann man solch ein Gespräch am Telefon führen? Überall gibt es Mithörer. Nein, Assessor Meier entschließt sich, nach Stolpe zu fahren. Das geht aber nur, wenn er vorher mit dem Vorsitzenden gesprochen hat, sich seines Einverständnisses versichert, sich vergewissert hat, daß er heute nachmittag seinen Posten verlassen kann, daß keine wichtigen Zeugen vorkommen. Nun, mit dem Vorsitzenden geht alles glatt, der sieht keine Bedenken.

»Vernehmen wir den Bürgermeister eben morgen oder übermorgen. Falls Ihre Antwort positiv ausfällt. Nein, heute nachmittag nehme ich nur kleine Zeugen vor, unwichtiges Zeug. Sie können in Ruhe reisen, Herr Assessor.«

Aber Assessor Meier reist nicht in Ruhe. In seinem Abteil zweiter Klasse sitzt er und grübelt, wie er seinem Chef erklären soll, daß der Gareis in allem die Regierung bloßgestellt hat und bei diesem Geheimbefehl ist er abgeschnappt.

»Er war ja richtig verlegen. Nun, vielleicht ist der Befehl wirklich starker Tabak gewesen. Temborius hat ihn damals mit Oberst Senkpiel gebraut. Aber um so besser müßte das doch Gareis passen. Nein, ich verstehe es nicht. –«

»Ich gebe noch lange nichts verloren«, erklärt Gareis entschieden zu Assessor Stein. Sie gehen eilig dem Rathaus zu. »Wozu denn Geheim-Befehl? Temborius wird schon wissen, wieso geheim. Der gibt mir nie die Erlaubnis zur Aussage.«

»Ich weiß doch nicht ...« meint Assessor Stein.

»Im ersten Augenblick dachte ich wirklich: da bist du drin. Der Vorsitzende ist ein anständiger Kerl. Das mit der Aussageerlaubnis war die einzige Rettung.«

»Rettung?« zweifelt Stein. »Haben Sie eigentlich nicht das Gefühl, Herr Bürgermeister, daß diese ganze Sache mit dem Geheimbefehl reichlich mystisch ist?«

»Bestellte Sache, meinen Sie? Glaube ich auch. Verschwindet, keiner weiß davon, aber im rechten Augenblick weiß der Streiter doch davon. Glänzend übrigens, der Streiter, die Staatsanwaltschaft muß sehr einpacken.«

»Ich fand ihn nicht sehr glänzend. Mit solchen Pistolen kann jeder schießen.«

»Aber jeder hat nicht solche Pistolen. Nun kommt es nur darauf an, ob nicht das Englein, nämlich Temborius, auf die Zündpfann brunst.«

»Versteh ich nicht.«

»Das wissen Sie nicht, Steinlein? In irgendeiner Kirche hängt so eine schöne Darstellung von Isaaks Opfer. Mittelalter. Isaak ist auf den Holzstoß gebunden. Abraham steht mit einer Riesenreiterpistole vor ihm und will losdrücken. Aber oben auf einer Wolke steht das Englein und piet auf die Zündpfanne. Und ein Spruchband geht darum: ›O Abraham, o Abraham, dein Schießen ist umsunst, dieweil das Englein auf die Zündpfann brunst.‹«

Und der Bürgermeister summt vor sich hin: »O Streiterlein, o Streiterlein, dein Schießen ist umsunst, dieweil Temborius auf die Zündpfann brunst.«

»Ihre Laune möchte ich haben!« sagt neiderfüllt der Assessor.

Sekretär Piekbusch tritt ihnen entgegen: »Herr Bürgermeister, es ist eben vom Gericht angerufen: Sie brauchen heute nicht mehr zur Vernehmung zu kommen. Die Sache mit Stolpe dauert noch. Sie bekommen wieder Bescheid.«

»Was sage ich?« triumphiert der Bürgermeister, »Temborius brunst. Und es ist ganz gut, daß er erst einen oder zwei Tage Gras über die Geschichte wachsen läßt. Dann ist die heutige Szene so gut wie vergessen.«

Er starrt vor sich hin: »Aber wir wollen die Zeit nützen! Piekbusch, jetzt wird gesucht! Jetzt suchen wir drei Mann hoch.«

»Was suchen wir?«

»Den Geheimbefehl ...«

Piekbusch schaut zur Decke: »Wo sollen wir denn noch suchen, Herr Bürgermeister?«

»Überall. Überall. Überall. Und morgen liegt er auf meinem Schreibtisch.«

Wenk freut sich: die großen Überschriften haben ihre Wirkung getan. Zweihundertzehn Exemplare von der Chronik sind verkauft.

Das war noch nie da. Der Mann aus der Bahnhofsbuchhandlung hat viermal rübergeschickt, immer neue holen lassen.

»Max, eigentlich solltest du morgen früh vor der Verhandlung schnell noch auf ein paar Annoncen losgehen, jetzt kriegst du welche.«

Aber da kommt er bei Tredup schlecht an: »Du bist wohl nicht ganz, heh? Ich soll auf Annoncen losgehn? Jetzt, wo ich Redakteur bin?«

»Wer soll es denn? Ins Haus bringen sie uns die doch nicht.«

»Ist Stuff auf Annoncen losgegangen? Also! Da muß eben jemand neues engagiert werden.«

»Das sag du man dem Chef! Überhaupt hat Gebhardt mir gar nicht gesagt, daß du Redakteur bist.«

»Weil das selbstverständlich ist. Das kapiert jedes Kind, daß ein Redakteur nicht Anzeigen wirbt. Was sollen denn die Leute davon denken?«

»Die wissen doch, daß du immer geworben hast.«

»Und jetzt wissen sie, daß ich die Verhandlungsberichte schreibe. Außerdem habe ich keine Zeit.«

»Jetzt ist es sechs. Bis sieben könntest du gut und gerne noch drei, vier Anzeigen geholt haben.«

»Jetzt ist es sechs und jetzt mache ich Feierabend. Tjüs ok, Wenk. Platz man nur nicht vor Neid. Gebhardt hat mir auch hundertfünfzig zugelegt!«

Damit ist Tredup zur Tür hinaus und freut sich den ganzen Heimweg, daß er es dem Wenk gegeben hat. Wenn das mit den hundertfünfzig auch noch nicht wahr ist, bis zum Ersten ist es sicher wahr.

Er erzählt es auch Elise und den Kindern. Alle sitzen um den Tisch, er erzählt den ganzen Prozeß. Er malt auf, wo sie alle sitzen, die Richter und Schöffen, Staatsanwälte und Verteidigung. »Hier hat Gareis gestanden und dann hat er sich immer mehr gedreht, bis er dem Rechtsanwalt direkt ins Auge sah. Das ist ein Kerl, sage ich euch! Ganz ruhig, aber ein Fuchs: ›Was hat denn nun wohl im Geheimbefehl dringestanden, Herr Bürgermeister?‹ – Und Gareis hat richtig gestottert: ›Darauf verweigere ich die Aussage.‹ Ganz verlegen war er.«

»Papa«, ruft Hans. »Papa, in der Volkszeitung hat aber gestanden, daß der Bürgermeister nur von der Regierung die Genehmigung haben will zur Aussage.«

»Das ist doch dasselbe, Hans. Das habe ich doch auch geschrieben.«

Aber ein ungemütliches Gefühl überkommt Tredup. Doch gleich: »Und hier habe ich eine Karte für dich, Elise. Für morgen. Ich habe sie dem Gerichtsdiener abgeschnorrt.«

»Aber vormittags kann ich doch nicht, Max.«

»Gehst du eben nachmittags. Es ist nur schade, weil morgen vormittag wahrscheinlich Bürgermeister Gareis drankommt. Das wird sensationell.«

Aber Gareis weiß schon, daß er morgen noch nicht vernommen wird.

Man bäte aber, daß Herr Bürgermeister sich zur Verfügung des Gerichtes halte.

Und der Bürgermeister teilt mit, daß er stets auf dem Rathaus erreichbar sei, übrigens auch morgen gerne den Herrn Landgerichtsdirektor einmal gesprochen hätte.

Die Herren vereinbaren die Mittagsstunde.

Nun hätte Gareis neue Zeit zum Suchen, aber er sucht nicht mehr, er läßt auch Stein und Piekbusch nicht mehr suchen.

»Das mit dem Geheimbefehl ist Quatsch«, erklärt er, mißvergnügt in seinem Sessel hockend. »Man sieht doch jetzt schon, daß Temborius unter keinen Umständen will.«

»Wenn aber der Minister Ja sagt?«

»Wo sich Temborius so hat, wird der Minister schon nicht Ja sagen.«

»Ich weiß nicht ...«

»Ach, meckern Sie noch, Stein. Ich hab dies ewige Meckern satt. Ganz Altholm kann nichts wie meckern, als wenn sonst nichts zu tun wäre! Aber diesem Schwein, dem Tredup, schlage ich doch einen über die Schnauze für seinen unverschämten Bericht.«

Zum zehntenmal glotzt der Bürgermeister auf das Zeitungsblatt, in dem er schon mit Rot- und Blaustift gewütet hat.

»Warte, mein Junge«, sagt er. »Warte nur. Ich war wohl wahrhaftig der einzige Mensch in Altholm, den du noch nicht verraten hast. Aber warte, morgen sollst du erleben, was das heißt, Gareis verraten.«

»Tredup ist das größte Schwein von der Welt«, erklärt Stein sachlich. »Sie hätten sich nie mit ihm einlassen sollen.«

»Wenn ich«, erklärt der Bürgermeister, »nur mit Edelmenschen Umgang pflegen will, kann ich keine Politik treiben. Aber darum laß ich mich noch lange nicht von jedem Schwein annagen.«

Drittes Kapitel: Tredups Ende

1

Nach dem Mittagessen am nächsten Tag nimmt Tredup seine Frau beim Arm und sie gehen zur Verhandlung. Es ist noch viel Zeit. Tredup hat gedacht, daß Elise schon viel schwerfälliger im Gehen sei, aber sie geht unbehindert, rasch wie ein junges Mädchen.

So spazieren die beiden noch ein Weilchen im Park. Sie kommen so selten dazu, miteinander auszugehen, und heute ist der Tag schön. Der Himmel ist noch einmal tiefblau, die Oktobersonne meint es gut, die Bäume sehen herrlich aus in ihrem bunten Laub.

Sie gehen auf und ab, eine Weile reden sie von den Kindern. Dann macht Tredup Pläne, was sie alles anfangen wollen, wenn er erst dreihundertfünfzig Mark hat. Vielleicht gibt man Hans auf ein Gymnasium, er hat den Kopf dazu. Aber vor allem muß eine Rücklage geschaffen werden.

»Jeden Monat fünfzig Mark auf die Sparkasse. Dann brauchen wir nicht so ängstlich zu sein, wenn Gebhardt mal was in den Kopf bekommt. Und ein Radio wollen wir uns endlich auch anschaffen.«

Elise lacht: »Was du alles mit den dreihundertfünfzig beschicken willst, Max! Vor allem brauchst du einen Anzug und neue Schuhe.«

Tredup druckst. Es stößt ihm das Herz ab. Nun es gut geht, muß er auch gut sein.

»Elise«, stößt er hervor. »Elise!«

»Ja, Max?« fragt sie und sieht ihn an.

Es ist eine Weile still, sie sehen sich nur an.

»Elise ...« fängt er wieder an und kann nicht weiter.

Aber sie hat schon verstanden: »Ich habe es immer gewußt, Max. Du brauchst nichts zu sagen.«

Plötzlich ist er ganz eifrig: »Elise, ich wollte ja nicht schlecht sein. Es war ja nur, daß ich solche Angst hatte vor der Zukunft. Ich dachte immer, wir verbrauchen die tausend Mark so mit, und wenn es mal schlecht geht, haben wir nichts. Ach, nein, das war es auch nicht ... Ich weiß nicht mehr ... Ich konnte und konnte einfach nicht ...«

»Es ist ja gut, Max. Es ist ja gut. Reg dich doch nur nicht so auf.« Sie streichelt seine Hand immerzu. »Du hast es mir ja jetzt gesagt. Es ist schon gut.«

Und er ganz eifrig: »Sobald ich Zeit habe, sobald der Prozeß vorbei ist, fahre ich und hole es dir. Du bekommst alles. Neunhundertneunzig Mark sind es. Denke dir!«

»Wir geben es auf die Sparkasse. Und dann sehen wir, daß wir ein nettes Geschäft kriegen, am besten nicht hier in Altholm. In Stargard oder Gollnow oder in Neustettin.«

»Aber ich kann doch nicht weg, wenn ich hier Redakteur bin.«

»Vielleicht gibst du es dann auf, wenn wir ein gutes Geschäft haben? Ich glaube Max, es ist dir nicht gut. Bitte, sei nicht bös.«

»Wieso nicht gut? Ach, Elise, das war ja nur, als ich Annoncenwerber war. Jetzt ...«

»Der Bürgermeister, Max!« stößt sie hervor.

Plötzlich kommt Gareis mit Stein um ein Gebüsch grade auf die beiden zu.

Tredup kann eben noch den Hut herunterreißen. Aber auf einen halben Meter Entfernung geht Gareis an den beiden vorüber, mit Stein sprechend, sieht sie nicht.

»Gott, was hat denn der Bürgermeister?« sagt Elise. »Man konnte ja ordentlich Angst kriegen, so sah er durch dich hindurch, Max!«

»Was soll er haben?« sagt Tredup. »Mucksch ist er wegen meines Artikels. Das gibt sich wieder. Heute nachmittag streich ich ihn ein bißchen raus, dann scheint wieder die Sonne.«

Aber er ist sehr blaß. Ihn friert.

2

Tredup hat seiner Frau einen guten Sitzplatz verschafft, in der dritten Stuhlreihe von vorne, gleich am Gang, so daß sie sofort weg kann, wenn ihr etwa übel wird. Dann hat er sich an den Pressetisch gesetzt und hantiert mit seinen Papieren. Er macht sich ein bißchen wichtig, aber das kann man schon, wenn so viele Leute hersehen.

Allmählich kommt dann das übliche Getriebe in Gang: der Gerichtsdiener packt Akten auf, zwei Justizwachtmeister bringen die in Haft befindlichen Angeklagten, der Verteidiger taucht auf, verschwindet aber wieder.

Tredup und Elise sehen sich von Zeit zu Zeit an, er macht sie mit den Augen auf jede Veränderung aufmerksam. Dann lächeln sie.

Überraschend wie immer erscheint der Vorsitzende mit dem Beisitzer und den Schöffen. Die Verteidigung folgt auf dem Fuße. Alles steht auf. Dann kommen die beiden Staatsanwälte gestürzt. Und nun werden die Türen geschlossen.

Der Vorsitzende sagt hastig und mit unmutig verzogenem Gesicht: »Ehe wir mit der Zeugenvernehmung fortfahren, erteile ich Herrn Bürgermeister Gareis das Wort zu einer persönlichen Erklärung.«

Tredups Herz beginnt zu klopfen.

Von der Tür her kommt der Bürgermeister, dunkel und massig, er stellt sich vor den Richtertisch, aber halb schräg, mit dem Gesicht zum Pressetisch.

Tredup senkt den Kopf. Etwas Unaufhaltsames geht auf ihn zu.

»Ich habe ...« beginnt der Bürgermeister. Er hat ein Zeitungsblatt in der Hand, das halb entfaltet ist, auf das er böse starrt –: »Ich habe mir das Wort zu einer persönlichen Bemerkung erbeten. In einer hiesigen Tageszeitung, ich nenne sie beim Namen, in der Pommerschen Chronik für Altholm und Umgebung, ist über die gestrige Verhandlung, speziell über meine Aussage, ein Bericht erschienen, gegen den protestiert werden muß.

In seitenbreiten Überschriften heißt es da: ›Sensationelle Wendung im Bauernprozeß – Bürgermeister Gareis verweigert die Aussage –‹.

Ich stelle fest, ich habe die Aussage nicht verweigert. Es besteht Meinungsverschiedenheit darüber, wie weit meine Aussageerlaubnis von der Regierung reicht. Ist dieser Punkt geklärt, werde ich aussagen oder nicht aussagen, gemäß den Anordnungen meiner Regierung. Aussageverweigerung ist glatt erlogen.«

Tredup sieht das dicke weiße Gesicht mit den böse funkelnden Augen grade auf sich gerichtet. Er sieht daneben, wie bei den letzten Worten der Vorsitzende den gesenkten Kopf bewegt.

»Da keine Aussageverweigerung vorliegt, liegt auch keine sensationelle Wendung im Prozeß vor. Das ist die zweite Lüge.

Ich erhebe Protest gegen eine derart unwahrhafte, unsachliche Art der Berichterstattung. Es liegt mir natürlich vollkommen fern, den anderen Herren von der Presse einen Vorwurf zu machen, ich weiß ihre exakte vorzügliche Arbeit zu schätzen.

Mit um so mehr Nachdruck verlange ich Schutz gegen das unkontrollierte Geschmier eines Außenseiters. Ich bitte das Gericht, mich dagegen in Schutz zu nehmen.«

Gareis sieht den Vorsitzenden an, aber dieser hält den Blick gesenkt, schreibt irgendwas. So macht Gareis eine Verbeugung und verläßt den Saal.

»Au Backe! Gib ihm Saures. Das hat gesessen«, sagt Pinkus von der Volkszeitung.

Es kommt Bewegung in den Saal. Alle haben während der Worte von Gareis wie angeklebt reglos auf ihren Stühlen gesessen. Nun rücken sie hin und her.

Tredup fühlt förmlich, wie ihre Blicke von ihm abnehmen, jetzt sehen sie sich untereinander an, tauschen leise Worte: »Ja, der Blasse, Dünne ist es. Den hat er gemeint.«

Aber noch immer wagt Tredup nicht hochzusehen, er fühlt, es ist zu Ende mit ihm. Erst die Schande wegen der Bilder, dann die Verhaftung in der Bombensache, nun dies – er kommt nicht wieder hoch.

Er sieht doch auf ... er muß aufsehen. Der Blick seiner Frau trifft ihn: Elise lächelt. Sie lächelt ihm zu mit den Augen, Mut machend, ich verlaß dich nicht. Sie hat, wie er früher sagte, alle Lichter angesteckt in den Augen, der ganze Weihnachtsbaum strahlt.

Tredup senkt den Blick. Ihm ist elend. Er fühlt, zehnmal lieber als dieser Blick von Elise wäre es ihm, wenn Stuff über den Tisch fort sagte: »Na, olles Kamel, mach dir nichts draus. Heute dir, morgen mir. Grinse, Affe.«

Aber Stuff schmiert.

3

Ganz hinten im Zuschauerraum hat Herr Heinsius, der große Heinsius von den Nachrichten, gesessen. Herr Heinsius ist inkognito hier, inoffiziell, vorne am Pressetisch sitzt ja Blöcker, schreibt den Bericht.

Herr Heinsius will nicht gern erkannt werden, er hat den breitkrempigen Filz tief ins Gesicht gezogen, den Kragen hoch. So sitzt er geduckt zwischen Altholmer Bürgern, hört, was die miteinander reden, lauscht auf die Stimme des Volkes, und formt seine Meinung nach ihr.

Tredup gehört nun einmal zu den Menschen, die kein Glück haben. Heinsius, der in der zwölftägigen Verhandlung gegen die Bauern nur zweimal da ist, erwischt gerade die Attacke von Gareis gegen die Chronik.

Heinsius kann gar nicht schnell genug aus dem Saal kommen, diesmal wartet er nicht einmal die Stimme des Volkes ab.

Während er die Straßen entlang zu den Nachrichten eilt, wiederholt er sich immer wieder: »Unwahre, unsachliche Berichterstattung. Geschmier eines Außenseiters.«

Seine Wut steigert sich, natürlich haben die beiden das Engagement von Tredup ohne ihn gemacht. Er wird es ihnen zeigen, dem Trautmann und dem Gebhardt, wohin sie kommen ohne ihn. So ist es, er wird vor vollendete Tatsachen gestellt: Herr Tredup macht vorläufig die Arbeit von Stuff.

Und Heinsius hat einen Neffen, einen netten schreibgewandten jungen Menschen. Auf dem Gymnasium hat er immer die Eins gehabt im Aufsatz. Gewissenloses Geschmier eines Außenseiters. Die sollen sehen, wohin sie kommen ohne ihn.

Er klopft nicht an, der untertänige Heinsius stürmt in das Büro des Chefs: »Herr Gebhardt! Ach Gott, Sie sind noch nicht angerufen worden? Sie wissen noch nichts? Gut, daß Sie auch hier sind, Herr Trautmann! Ich bin ganz atemlos, so bin ich gelaufen!«

Die beiden starren.

»Was in aller Welt ist los, Heinsius?« knurrt Trautmann.

Und der Chef: »Was ist denn das nun wieder?«

»Ja, am besten ist wohl, wir machen die Chronik sofort zu. Ich weiß ja nicht, was Sie Herrn Schabbelt dafür gezahlt haben, mir wird so was nicht erzählt. Aber das Geld ist hin. Herr Gebhardt, das Geld ist hin.«

Gebhardt ist aufgestanden, legt den Zeitungskatalog von rechts nach links, von links nach rechts. »Ich ersuche Sie, Herr Heinsius, mir geordnet zu erzählen ...«

Heinsius ist tief überrascht: »Aber hat Herr Tredup denn noch keine Meldung gemacht –? Das kommt davon, wenn man Außenseiter in solche Stellungen setzt. Ich gehe sonst wirklich nicht einig mit Gareis, aber diesmal hat er recht, wenn er dem Tredup gewissenloses, sensationslüsternes Außenseitertum vorwirft. Vor den Schranken des Gerichts, Herr Gebhardt! Vor ganz Altholm! Vor Richter, Verteidigung und Staatsanwaltschaft! Vor der Presse Deutschlands! Lügenhaftes, unsachliches Geschmier!«

Trautmann sagt knurrig: »Lassen Sie ihn schwätzen, Herr Gebhardt. Wenn wir nicht hinhören, erzählt er uns in fünf Minuten alles von allein.«

Aber Gebhardt, sehr erregt: »Tredup scheint ja wieder Mist gemacht zu haben. Ihr Rat war es, den Mann anzustellen, Herr Trautmann!«

»Mein Rat? Kommen Sie mir nicht so, Herr Gebhardt! Sie nicht! Wer hatte den Vertrag mit Stuff gemacht? Wer hat dann den Stuff weg haben wollen, um jeden Preis? Wer A sagt, muß B sagen. Und wir haben's dem Tredup auch nur versprochen, daß er den Posten von Stuff kriegt. Ich hätt ihn ihm nicht gegeben, Herr Gebhardt, ich nicht!«

»Wo ist die Ausgabe von der Chronik, um die es sich handelt? Zeigen Sie her, Heinsius.«

»Wenn ich mir einen Rat erlauben dürfte«, sagt besonders samten Heinsius nach dem Geknurr von Trautmann. »Ich würde einen Boten schicken in den Gerichtssaal und ließe den Tredup hierher rufen, daß den Leuten erst mal die Schande aus dem Gesicht kommt!«

»Ich weiß ja noch gar nicht, was los ist«, tückscht der Chef.

»Aber ich sage Ihnen doch, Gareis hat im Gerichtssaal Protest eingelegt gegen das Geschmier von Tredup. Unwahrhaftig, gewissenlos, unsachlich ...«

»Das wissen wir nun. Und wer schreibt für die Chronik, wenn wir den Tredup abberufen?«

»Die können doch auch mal Blöckers Bericht nehmen!«

»Meinethalben. Also schicken Sie.«

Als der Heinsius draußen ist, sagt Trautmann: »Warum sollen wir eigentlich tun, was Heinsius will? Der Gareis hat schon oft auf einen geschimpft, das zählt doch nicht.«

»Es ist eine gute Art, Tredup loszuwerden«, sagt versöhnlich der Chef.

»Meinethalben. Aber das sage ich Ihnen, Herr Gebhardt, wenn der Heinsius Ihnen den Schwestersohn seiner Frau andrehen will, den jungen Marquardt, daraus wird nichts. Der Bengel ist zweiundzwanzig und säuft in allen Kneipen rum.« Flüsternd: »Und syphilitisch soll er auch sein ...«

Heinsius ist schon wieder da.

»Und nun zeigen Sie mir einmal, über was sich Herr Gareis beschwert hat. Gar so wichtig ist Herr Gareis schließlich auch nicht. – Also. Sensationelle Wendung. Aussageverweigerung. Ist das alles? Und was hat Blöcker geschrieben? Geben Sie mal die Nachrichten her. ›Bürgermeister Gareis verweigert mehrfach die Aussagen‹.« Gebhardt hebt den Blick: »Na, wissen Sie, Heinsius! –«

Heinsius ist selbst etwas betreten: »Aber wir haben es lange nicht so sensationell aufgemacht! Bei Tredup geht die Überschrift über die ganze Seite, bei uns ist es nur eine Schlagzeile in der Spalte. Und bei Tredup ist alles gesperrt gesetzt, bei uns kompreß. Und überhaupt ...« seine Stimme wird ärgerlich, »entscheidet der Erfolg. Uns hat Gareis ausdrücklich sachliche Berichterstattung bescheinigt und Tredup hat er angegriffen. Das bleibt hängen. Glauben Sie, die Leute halten so die Zeitungsblätter gegeneinander?«

Der Chef knurrt: »Nun habe ich auf Ihren Rat den Tredup rufen lassen, und wenn der sich nun auf die Hinterbeine setzt?«

»Ja, Herr Gebhardt, das kann er doch gar nicht! Sagen Sie ihm doch nur, was Gareis gesagt hat ...«

»Ach was«, sagt Trautmann. »Sie haben mal wieder Quatsch gemacht, Heinsius. Sie haben Nerven wie 'ne olle Jungfer. Sie reiten ewig den Chef rein, und ich bin dann der einzige Mann, der den Kram wieder in Ordnung kriegt.«

Zum Chef gewendet: »Lassen Sie mich man machen, Herr Gebhardt, ich setze ihn schon an die Luft ...«

»Aber ich möchte selbst ...«

»Nein, nicht, Herr Gebhardt. Sie sind für so was nicht der Mann. Sie sind zu weich. Sie sind ja das reine Kind. Bei Ihnen braucht nur einer Tränen in den Augen zu haben, gleich legen Sie ihm fünf Mark zu. Ich mache die Sache schon ...«

»Na also, meinetwegen ...«

4

Es hat leise geklopft.

Nun steht in der Tür Tredup und sieht auf die drei Herren. Er ist rasch gelaufen, er keucht. Nicht schnell genug kann die Entscheidung kommen. Doch hat er Angst.

»Na, guten Tag, Tredup«, antwortet als einziger auf seinen leisen Gruß Trautmann und mustert ihn scharf. »Sie wissen ja schon, was Sie hier sollen. Das schlechte Gewissen im Gesicht, was?«

Pause. Der Chef steht und sieht vor sich auf den Schreibtisch. Heinsius sucht auf einem Bild an der Wand den Namenszug des Künstlers zu entziffern. Einzig Trautmann sieht Tredup an. Er bringt es sogar fertig, dem Sünder väterlich die Hand auf die Schulter zu legen.

»Na, Tredup, die Redakteur–Herrlichkeit ist alle, das wissen Sie ja selbst. Trösten Sie sich, Kaiser Friedrich hat auch nur neunundneunzig Tage regiert, und der war nicht mal selbst schuld. Sie sind ja noch jung, ich rate Ihnen, ziehen Sie weg von hier. Hier haben Sie zuviel Geschichten gemacht.«

Stille. Tredup starrt. Tredup bewegt krampfhaft die Lippen.

Schließlich hört man: »Wenn ich als Annoncenwerber ... Herr Gebhardt, wenn ich wenigstens wieder als Annoncenwerber ...«

Aber Trautmann greift ein: »Sie wissen doch selbst, Tredup, daß das nicht geht. Erst das Gerede wegen der Bilder, und dann die Untersuchungshaft. Gut, Sie waren unschuldig, aber etwas bleibt immer hängen. Die Leute mögen so was nicht. Und nun dies. Tredup, ich hab Ihnen immer hier das Wort geredet, Sie wissen, ich bin's gewesen, der dem Chef gesagt hat, er soll es mit Ihnen versuchen statt mit Stuff. Sie sind dabeigewesen. Wenn ich Ihnen sage, es geht nicht, verschwinden Sie, dann verschwinden Sie wirklich am besten ...«

Tredup schluckt. Er bewegt etwas die Schultern. Dann bittet er leise:

»Mein Gehalt ...«

Aber nun wird Trautmann böse: »Ihr Gehalt? Heute ist der Dritte, das sind zweieinhalb Tage. 220 kriegen Sie. Bei 25 Arbeitstagen macht das 8 Mark auf den Tag. Sind netto 20 Mark. – Und wenn wir nun Schadenersatz fordern? Wo Sie der Chronik solchen Schaden getan haben?! Nein, Tredup, unverschämt dürfen Sie nun nicht werden. Seien Sie froh, daß Herr Gebhardt so milde mit Ihnen verfährt. Andere Chefs würden klagen und klagen. Sie sollen ja noch das Geld von den Bildern haben. Wenn wir nun pfänden bei Ihnen –?«

Tredup steht einen Augenblick mit gesenktem Gesicht, hängenden Armen. Dann sagt er ganz überraschend, leise: »Guten Abend«, dreht sich um und ist fort.

Die drei Herren bewegen sich.

Der Chef sagt rasch und gepreßt: »Trautmann, gehen Sie ihm nach. Geben Sie ihm hundert Mark.« Nach einer Pause: »Fünfzig Mark.«

Trautmann sagt gemächlich: »I wo! Geld wegschmeißen? Haben wir grade nötig. Aber so sind Sie, Herr Gebhardt, wenn jemand auf die Tränendrüsen drückt, werden Sie weich. Der Tredup frißt sich schon durch. Unkraut vergeht nicht.«

5

Als Tredup aus der Tür der Nachrichten tritt, steht Elise auf der Straße. Sie nimmt ihn am Arm, sie wirft nur einen raschen Blick auf sein Gesicht, sie sagt: »Komm man, Max.«

Sie biegen in den Burstah ein, schweigend gehen sie ihn entlang, folgen dann der Stolper Straße. Langsam gehen sie weiter, er sieht vor sich hin, sie spricht nichts.

Nur, sie hat seine Hand durch ihren Arm gezogen, hält sie in der ihren, streichelt sie rasch und aufmunternd. Sie gehen langsam, man sieht der Frau schon gut an, daß sie schwanger ist.

Dann stößt Elise mit dem Fuß das Gatter auf, sie gehen über den Hof, er läßt mechanisch ihren Arm los, nimmt die Schlüssel aus der Tasche, schließt auf. Er geht grade auf den Tisch zu, setzt sich daran, wie er ist, in Hut und Mantel, und starrt vor sich hin.

Sie sagt: »Hans ist noch zum Turnspielen. Und Grete wird bei ihrer Freundin sein, die fangen jetzt schon an für Weihnachten zu arbeiten.«

Er schweigt.

Sie sagt: »Am besten ist es, wir ziehen nach Stargard. Dort habe ich meine Schwester Anna. Und die Eltern sind auch bei der Hand. Die können auch mal helfen. Wo wir sie all die Jahre um nichts gebeten haben.«

»Die Bauern!« sagt er böse. »Die Bauern werden uns grade helfen.«

»Dann sehen wir, daß wir ein Geschäft kriegen. Ich bin gar nicht so für Zigarren, die Leute rauchen immer weniger, wo das Geld so knapp ist. Ich habe an Lebensmittel gedacht.«

»Mit unsern paar Kröten!« höhnt er.

»Wir fangen eben ganz klein an. Die Grossisten geben auch ein bißchen Kredit. Es wird schon gehen. Man muß nur erst anfangen.«

»Nein. Nein. Nein«, schreit er. »Ich fange nicht wieder an. Hundertmal habe ich angefangen und bin nur tiefer in den Dreck gekommen. Wievielmal habe ich gehofft und hab mir Mühe gegeben, und immer nichts. Aus uns wird nichts, Elise. Es hat keinen Zweck, sich abzustrampeln.«

Sie streichelt sein Haar: »Natürlich bist du jetzt traurig. Und es ist gemein von denen, von denen allen, daß sie dich so im Stiche lassen, wo du ihnen immer gefällig gewesen bist.

Aber du mußt jetzt nicht übertreiben, Max. Wir haben doch die Kinder schön groß gekriegt, und Grete hilft mir schon viel und Hans ist auch ganz vernünftig. Und 'ne gute Kindheit haben sie auch gehabt. Die hast du ihnen doch verschafft, Max.«

»Nein, Elise, du ...«

»Du, Max! Denk doch an andre Familien, wo der Vater säuft oder liederlich ist und die Kinder schlägt und ängstigt. Du bist doch immer nett zu ihnen gewesen und hilfst ihnen bei den Schularbeiten und machst ihnen Spielzeug. Was bist du vor drei Wochen rumgelaufen, als Hans Fische für sein Aquarium haben wollte, bis du die vier geschenkt kriegtest. Kein Vater hätte das getan. Keiner. Wo du abends so müde bist!«

Er hört ihr zu. Sein Auge belebt sich.

»Und es ist auch nicht wahr, daß wir nicht vorwärtskommen. Wir haben ganz hübsch geschafft mit Wäsche und Kleidern in den letzten Monaten. Soviel Strümpfe haben wir überhaupt noch nicht gehabt, seit wir verheiratet sind. Und dreihundert Mark hab ich auch noch im Haus und dann die neunhundertneunzig draußen.«

»Siehst du, wie gut, daß ich die noch nicht geholt hatte?«

»Und ich denke, heute holst du noch das Geld. Und morgen früh fährst du mit dem ersten Zug nach Stargard. Ich geb dir einen Brief mit an Anna, bei der kannst du wohnen. Und die beköstigt dich auch. Das kostet nichts, das machen wir später mal wieder gut.

Und dann siehst du dich um nach einem Zimmer für uns, unmöbliert, und wenn ein bißchen Garten dabei wäre, wäre es schön. Und morgen abend schreibst du mir eine Karte mit der neuen Adresse, und ich packe und in drei Tagen sitzen wir schon wieder zusammen in Stargard.«

»Ja«, sagt er. »Ja.«

»Und du sollst sehen, wie umgänglich die Leute in Stargard sind. Das sind ganz andere wie diese Altholmer Michel.« Sie lacht: »Den Gottverhütefranz sollst du erst kennenlernen. Du lachst dich kaputt. Na, ich erzähle dir noch ...«

»Du, Elise«, sagt er eifrig, »wenn ich heute abend nach Stolpermünde will, das Geld holen, dann muß ich aber mit dem Zuge um vier Uhr zehn fahren. Da muß ich Trab laufen zur Bahn.«

»Also lauf, Max.«

»Oh, Elise«, sagt er und bleibt stehen. »Raus aus all dem Dreck und der Lüge. Wieder ehrlich sein. Kein schlechtes Gewissen haben.«

»Ist ja gut, Max, lauf schon.«

»Ja, es wird Zeit.«

»Wann kommst du wieder?«

»Zehn Uhr fünfzehn. Um halb elf bin ich hier.«

»Also mach's gut, Junge.«

»Winke, winke, Mädchen.«

Sie sieht ihn eilfertig die lange Stolper Straße hinuntertraben. Sie sieht ihm nach, bis er um die Ecke ist.

6

An diesem Nachmittag sollen im Gerichtssaal eine Reihe Zeugen von der Polizei dAltholms vernommen werden.

Doch der Verteidiger bittet, einen von ihm benannten Zeugen, den Landmann Banz, aus Stolpermünde-Abbau, außer der Reihe zu vernehmen. Der Mann sei bei jener Demonstration schwer verletzt, heute noch sehr leidend, man könne ihm eine zweimalige Fahrt zur Gerichtsstätte nicht zumuten.

Der Staatsanwalt widerspricht erregt: »Dieser Zeuge Banz ist der Staatsanwaltschaft völlig unbekannt. In keinem Protokoll ist von einem schwerverletzten Landmann Banz die Rede. Soviel die Staatsanwaltschaft weiß, besteht auch kein Beschluß des Gerichtes, diesen aus dem Nichts aufgetauchten Zeugen zu laden. Ich beantrage, den Mann nicht zu hören.«

Die Verteidigung erklärt, daß eben darum von diesem Zeugen bisher nichts bekannt gewesen sei, weil er schwerverletzt in seinem verlorenen Abbau gelegen habe. Sie bittet um Anhörung dieses Zeugen, der wichtig sei.

Die Staatsanwaltschaft verlangt Gerichtsbeschluß.

Das Gericht zieht sich zurück und verkündet nach drei Minuten den Beschluß, daß der Zeuge gehört werden solle.

Die Tür tut sich auf und der Landmann Banz aus Stolpermünde-Abbau tritt ein.

Er ist ja ein großer trockener Mann, immer ein wenig hastig gewesen. Jetzt stürzt er so erregt auf den Richtertisch zu, daß er mehrmals stolpert. Einen Handstock schleift er nach, in der linken Hand hält er eine weiße Tüte. Kaum vor dem Richtertisch angekommen, beginnt er überstürzt zu reden:

»Herr Präsident, ich sage Ihnen ...«

Der bewegt die Hand: »Einen Augenblick. Einen Augenblick. Gleich dürfen Sie alles erzählen. Nur müssen wir erst einmal wissen, wer Sie sind. Sie heißen Banz?«

Knurrig: »Ja. Banz.«

»Vorname?«

»Albin.«

»Wie alt; Herr Banz?«

»Siebenundvierzig.«

»Und verheiratet?«

»Ja.«

»Kinder?«

»Neun.«

»Ihr Hof soll ganz abgelegen sein?«

»Bei mir, Herr Präsident, kommt das ganze Jahr kein Mensch. Bei mir gibt es nur Möwen und Karnickel.«

»Ich muß Sie nun vereidigen, Herr Banz. Sie müssen beschwören, was Sie sagen. Auf die Heiligkeit des Eides ... Herr Staatsanwalt, bitte.«

»Die Staatsanwaltschaft widerspricht der Vereidigung dieses Zeugen. Wie wir soeben von der Verteidigung gehört haben, behauptet der Zeuge, von der Polizei verletzt worden zu sein. Dies als wahr unterstellt, besteht der dringende Verdacht, daß der Zeuge sich einer strafbaren Handlung schuldig gemacht hat, bei deren Verrichtung er die behauptete Verletzung empfing. Wir beantragen daher, diesen Zeugen vorläufig nicht zu beeidigen.«

Der Verteidiger hat sich schon näher an den Richtertisch gepirscht. »Es besteht nicht der geringste Grund, den Zeugen nicht zu vereidigen. Seine Verletzung empfing er, als er sich ein Glas Bier kaufen wollte, was unseres Erachtens keine strafbare Handlung darstellt.«

Der Vorsitzende lächelt verbindlich: »Meines Erachtens können wir die Vereidigung des Zeugen bis nach seiner Vernehmung verschieben. Die Herren sind einverstanden?«

Sie haben sich an ihre Tische zurückgezogen. Zwischen ihnen stand Banz, sah von einem zum andern, suchte zu begreifen, um was es ging.

»Also, Herr Banz, nun erzählen Sie uns einmal, was Sie in Altholm an jenem Montag erlebt haben. Können Sie übrigens stehen oder wollen Sie einen Stuhl haben?«

»Ich stehe, Herr Präsident. Ich werde mich doch nicht in Altholm setzen! – Ich kam also vom Bahnhof ...«

»Einen Augenblick noch. Warum kamen Sie nach Altholm? Hatten Sie von der Demonstration gehört oder gelesen?«

»Das war mir erzählt worden.«

»Wer hatte Ihnen das erzählt?«

»Das weiß ich nicht mehr. Alle haben das gesagt.«

»Aber Sie haben uns erzählt, daß Ihr Hof einsam liegt, daß da nie ein Mensch kommt?«

Banz steht einen Augenblick still. Dann läuft er rot an. Er beugt sich vornüber, er stützt seine Hände auf den Richtertisch, er schreit: »Herr Präsident! Herr Präsident! Was machen Sie mit mir! Herr Präsident, machen Sie mich nicht wahnsinnig! Recht will ich! Mein Recht will ich! Mein Recht will ich!«

Er reißt die Tüte auf, ein formloses, schmieriges Etwas kommt hervor. Er wirft es auf den Richtertisch.

»Das ist mein Hut, Herr Präsident, der hat auf meinem Kopf gesessen! Den haben sie mir zerschlagen auf meinem Kopf, mein Blut sitzt da drin, daß ich ein kranker Mann bin, das sitzt da drin. Das ist Altholm, Herr Präsident. Das ist Gastfreundschaft in Altholm, Herr Präsident! Als ich die dicken Polizeibullen draußen sitzen sah, rot ist es mir vor den Augen geworden, Herr Präsident. Und Sie fragen mich, Herr Präsident, wer mir das gesagt hat, mit der Demonstration. Ist das Recht? Ist das mein Recht, Herr Präsident? Mein Recht will ich haben ...«

Er hat Schaum vor dem Munde. Zwei Gerichtsdiener sind herbeigestürzt, der Verteidiger, die Staatsanwaltschaft nahen. Der halbe Saal steht auf den Zehenspitzen.

Der Vorsitzende winkt allen ab. Die Robe raffend, geht er um den Richtertisch zu dem Tobenden, drückt ihn auf einen Stuhl. Zum Gerichtsdiener: »Ein Glas Wasser.«

»Nein, Herr Präsident, ich danke der Meinung. Aber in Altholm trinke ich nichts. Eher will ich krepieren, ehe ich hier was trinke.«

Der Vorsitzende betrachtet ihn aufmerksam: »Waren Sie immer schon so leicht erregbar, Herr Banz?«

»Vor der Demonstration, Herr Präsident, war ich der ruhigste Mensch von der Welt.«

»Sie wünschen bitte, Herr Oberstaatsanwalt?«

»Der Zeuge hat soeben von dicken Polizeibullen gesprochen. Ich bitte, dem Zeugen derartige Redewendungen zu verweisen.«

Zum erstenmal ist der Vorsitzende wirklich erregt:

»Ich verbitte mir jeden Eingriff in meine Verhandlungsführung, Herr Staatsanwalt! Ja, bitte?«

»Dann bleibt uns nichts übrig, als Strafanträge zu stellen. Wir behalten uns Strafantrag gegen den Zeugen wegen Beleidigung vor.«

»Bitte!« Und schon wieder versöhnlich: »Die Zeugen müssen reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. – Also, Herr Banz, wenn Sie nun soweit sind, dann erzählen Sie uns mal, was Ihnen passiert ist. Sie kamen also vom Bahnhof, wann war denn das?«

»Sie wollen wissen, Herr Präsident, wer es mir gesagt hat. Ich war doch in Stolpe zum Finanzamt. Da haben sie alle schon in der Bahn davon geredet. Und im Finanzamt und im Krug auch.«

»Und da wollten Sie auch mit? Wußten Sie denn, wer der Franz Reimers war?«

»Das weiß man doch, Herr Präsident, das weiß doch jedes Kind.«

»Also – Sie fuhren nach Altholm?«

»Ich habe ja sieben Kilometer zur Bahn, Herr Präsident, und morgens will das Vieh auch erst seinen Schick haben. Ich bin erst mit dem Ein-Uhr-Zuge gefahren. Kurz nach drei war ich auf dem Bahnhof in Altholm. Ich habe da jemanden gefragt, ob die Bauern schon durch wären, keinen Polizisten. Polizisten waren keine zu sehen. Nein, die Bauern wären noch nicht durch. Da bin ich den Burstah runtergegangen. Und wie ich dann zu dem Platz kam, wo der nackte Kerl steht ...«

»Heldendenkmal«, sagt halblaut der Vorsitzende.

Ungeduldig wiederholt Banz: »Das sage ich ja, der nackte Kerl. Da sah ich dann die Bescherung. Herr Präsident, es war mörderisch. Herr Präsident, das ist über jeder Beschreibung. Wie da die Polizisten auf die Bauern eingedroschen haben, da blieben einem die fünf Sinne weg.«

Banz redet jetzt ganz ruhig und manierlich, er redet langsam und vorsichtig. Der Landgerichtsdirektor sieht ihn aufmerksam an.

»Na, und weiter?«

»Und plötzlich stürzt da so ein Blauer auf mich zu und schreit: ›Ihr Hunde, geht ihr auseinander!‹ Und ich sage ganz ruhig: ›Wir sind zwar keine Hunde, Herr Wachtmeister, aber gehorchen muß man seiner Obrigkeit. Ich gehe mir ein Glas Bier kaufen.‹ Und dreh mich um und geh schon zum Krug, und bin schon auf der Treppe vom Krug, da krieg ich einen Schlag über den Schädel. Acht Wochen hab ich gelegen, Herr Präsident, und Sie sehen ja, was ich heute bin. Ich war ein starker Mann, Herr Präsident!«

Pause. Lange Pause.

Banz tritt unruhig hin und her: »Das ist alles, Herr Präsident. So haben sie's getrieben mit mir.«

Wieder Pause.

»Ja, Herr Banz, nun muß ich Sie doch noch einiges fragen. Sie sind doch jetzt ruhig?«

»Ich bin ruhig, Herr Präsident. Das kommt jetzt manchmal so über mich. Aber hinterher bin ich wie ein Lamm.«

»Also, Herr Banz, als Sie nun den Burstah runterkamen und zuerst den Kampf sahen, wie weit waren Sie da wohl ab?«

»Wie weit, Herr Präsident? Ja Gott, sind das hundert Meter gewesen oder zweihundert?«

»Jedenfalls haben Sie beim Heldendenkmal gestanden. Bei dem nackten Mann. Und dann sind Sie nähergegangen?«

»Bin ich, Herr Präsident.«

»Warum wohl? Wenn man einen Kampf sieht, geht man doch besser weg. Oder wollten Sie Ihren Leuten helfen?«

»Nicht doch, Herr Präsident. Nicht doch. Ich wollte sehen, was los war. Da standen ja immer Leute dazwischen.«

»Wie nahe sind Sie nun wohl herangegangen? Zehn Meter, fünf Meter, drei Meter?«

»So nah nicht, Herr Präsident. Zehn Meter waren es gut und gerne.«

»Wie kämpften denn nun die Polizeibeamten? Ich ...«

»Grausam, Herr Präsident, einfach grausam.«

»Ich meine: standen die Polizisten mit dem Rücken gegen Sie oder mit dem Gesicht?«

Banz zögert. Dann: »Welche standen so und welche so.«

»Aber der Demonstrationszug stand doch grade mit dem Gesicht gegen Sie. Der war doch von der andern Seite gekommen. Da müssen Ihnen doch eigentlich die Polizeibeamten den Rücken zugekehrt haben?«

»Die meisten taten es auch.«

»Aber nicht alle?«

»Alle nicht, Herr Präsident.«

Einen Augenblick Pause. Der Landgerichtsdirektor denkt nach.

»Standen Sie nun allein, Herr Banz, oder standen Sie mit andern zusammen?«

»Ich war doch allein, Herr Präsident.«

»Standen andere in nächster Nähe?«

»Das kann man nicht sagen, Herr Präsident. In nächster Nähe nicht.«

»Warum ist nun wohl ein Polizist auf Sie zugekommen, da doch die Demonstranten auf der andern Seite standen?«

»Ja, das weiß ich nicht, Herr Präsident, warum der Mann grade zu mir kam.«

»So, das wissen Sie nicht, – Sie haben uns vorhin erzählt, Herr Banz, daß der Polizist zu Ihnen gerufen hat: ›Ihr Hunde, geht ihr auseinander!‹ Warum hat er wohl ihr Hunde gesagt?«

»Das kann ich nicht sagen, Herr Präsident, warum uns der Mann für Hunde estimiert hat.«

»Nein, ich meine, Sie standen allein. Warum hat er da ihr Hunde gesagt. Er hätte doch du Hund sagen müssen.«

»Das weiß ich doch nicht, Herr Präsident, warum er das gesagt hat. Aber so hat er es gesagt.«

»Sie können mir also nicht erklären, warum er das gesagt hat?«

»Nein, erklären kann ich das nicht, Herr Präsident. Aber gesagt hat er das.«

Wieder denkt der Vorsitzende nach.

»Wie sah denn der Polizeibeamte aus, der Ihnen das zugerufen hat?« fragt er dann.

Banz überlegt sich: »So ein Kleiner war das. Ein Dürrer, Kleiner. So ... mickrig war er man.«

»Aber wiedererkennen würden Sie den Mann doch?«

»Das kann man nicht vorher wissen, Herr Präsident. Mein Gedächtnis ist schlecht seitdem.«

Der Vorsitzende denkt nach. Dann geht er hinter den Richtertisch, sagt dem Assessor Bierla ein paar Worte. Der Assessor geht aus dem Saal.

Banz sieht ihm unruhig nach.

Der Vorsitzende fragt: »Sie hatten doch einen Stock, Herr Banz?«

»Ja, einen Handstock hab ich gehabt.«

»Haben Sie vielleicht mit dem Handstock gedroht?«

»Herr Präsident, wie werd ich!«

»Oder haben Sie ihn vielleicht nur ein bißchen fester angefaßt? Sie waren doch sicher sehr erregt –«

Die Tür der Halle öffnet sich. Von Assessor Bierla geführt treten ungefähr zwanzig Polizeibeamte in den Saal. Sie nehmen in zwei Gliedern neben dem Richtertisch Aufstellung.

»Ich habe«, erklärt der Präsident, »den Wunsch, diesen Fall Banz, der mir reichlich ungeklärt und für die Beurteilung der Polizei wichtig scheint, rasch aufzuklären. Dies sind die Altholmer Polizeibeamten, die für heute nachmittag als Zeugen geladen waren. Findet Herr Banz seinen nicht darunter, so laden wir für morgen die übrigen. – Gerichtsdiener, machen Sie Licht.«

Plötzlich ist die Turnhalle strahlend hell. Mit weißem Gesicht, auf seinen Stock gestützt, steht Banz vor der Doppelreihe der Polizeibeamten. Einmal wirft er einen raschen Blick hinter sich, aber nicht zum Verteidiger, sondern in jene Ecke, wo vereinsamt an seinem Tisch Stadtrat Röstel sitzt, denn Assessor Meier ist noch nicht wieder zurück aus Stolpe.

Der Landgerichtsdirektor kommt hinter seinem Tisch hervor.

»So, Herr Banz, nun gehen wir mal die Reihe gemeinsam ab. Sehen Sie sich jeden der Herren in Ruhe an. Der, den Sie meinen, braucht nicht dabei zu sein. Es sind nicht alle Polizeibeamten hier. Ich werd mit den einzelnen Herren ein paar Worte sprechen, damit Sie auch die Stimme hören ...«

»Herr Präsident, ich hab schon gesehn, Sie können sie rausschicken, meiner ist nicht dabei.«

»Herr Landgerichtsdirektor!« schreit aus dem zweiten Glied der Riese Soldin. »Herr Landgerichtsdirektor! Das ist er! Das ist der Mann, der mich niedergeschlagen hat mit der Stockkrücke. Halten Sie ...!«

Der Vorsitzende hat von Banz einen Stoß bekommen, der ihn in die Reihe der Polizeibeamten warf. Banz ist zurückgesprungen, rast auf den Tisch mit Stadtrat Röstel zu. Der will ihm entgegentreten, bekommt einen Schlag mit dem Stock. Hinter dem Tisch ist eine Tür auf den Schulhof, Banz reißt sie auf. Über den Hof, ins Schulhaus (am Hoftor steht ja Schupo) ... Der ganze Saal tobt, alles drängt zu den Türen, Zeugen stürzen fort. Der Staatsanwalt schreit: »Die Angeklagten! Justizwachtmeister, passen Sie auf die Angeklagten auf!«

Alles ist Chaos.

7

Einen Augenblick bleibt Banz schweratmend im weiten Treppenhaus der Schule stehen. Einladend führen die breiten Stufen nach oben, aber Banz weiß, das ist Falle. In zehn, fünfzehn Sekunden schon suchen sie das ganze Haus nach ihm ab.

Eine kleine Treppe seitlich führt in den Keller, Banz läuft sie hinab, an ihrem Schluß ist eine Eisentür, offen sogar. Und noch besser: der Schlüssel steckt. Banz zieht ihn aus, geht durch die Tür in den dunklen Keller, und schließt von innen wieder zu. Den Schlüssel läßt er stecken.

Der dunkle Gang führt mit vielen Türen rechts und links gradaus. Banz folgt ihm, geht der Wärme zu, die ihm entgegenströmt. Dann steht er im Zentralheizungsraum. Unter beiden großen Kesseln ist Feuer. Das Wasser summt. Richtig, die heizen schon, damit es in der Turnhalle warm ist. Daneben ist der Kohlenkeller, und auf der andern Seite, vom Holzkeller mit Brettern abgeteilt, ist eine Bude, wo der Hackklotz steht und das Beil an der Wand hängt.

Nicht nur das: Hier stehen Waschbecken, Krug und Seife, ein Spiegelstück ist an der Wand, und an einem Haken hängt der blaue, von Kohlenschmutz verfärbte Anzug des Heizers.

Banz zieht Jacke und Weste aus, über die eigenen Hosen streift er die blauen weiten, zieht den Kittel an. Dann durchsucht er seine Taschen, legt alles, was drinnen ist, bis auf die Uhr, Taschenmesser und Geld zu den Kleidern und macht daraus ein Bündel.

Am liebsten würde er es verbrennen, aber die Joppe jammert ihn, sie ist noch fast neu.

So steckt er das Ganze hinter die Kohlen. Vielleicht kommt er einmal wieder hierher oder es findet doch jemand, der es brauchen kann. Im Kohlenkeller gibt es Schmutz genug. Banz reibt sich Gesicht und Hände gut ein, sieht noch einmal in den Spiegel, grinst, greift sich eine Kohlenkiepe und macht vorsichtig das Fenster auf.

Es liegt ganz unter dem Straßenpflaster, über der Schachtöffnung ist ein Gitter, das aber nicht angeschlossen ist.

Das Schwierigste ist, unbemerkt auf die Straße zu kommen. Ist er erst draußen, ist er auch schon dreiviertel gerettet.

Aber das scheint ganz unmöglich. Fast pausenlos laufen die Füße über ihm. Banz wird das Warten langweilig, er geht den Gang zurück – hört Arbeiten an der eisernen Tür –, sieht in die einzelnen Räume und kommt so schließlich in den Fahrradkeller.

Hier hat er, was er sucht: hier geht eine Tür nach außen, eine Treppe führt in den Vorgarten, und was das Beste ist: ein einsames Rad steht im Keller. Es ist wohl das Rad vom Hausmann.

Die Kiepe läßt Banz stehen, das Rad nimmt er, schließt rasch auf, führt es die schräge Bahn zur Straße, und noch auf dem Bürgersteig hockt er schon darauf.

Auf der Straße laufen Leute genug herum, und überall sieht Banz Schupo und Stadtsoldaten, aber die müssen ja wohl rein mit Blindheit geschlagen sein. Die haben eben das Bild von dem Banz, der vor dem Richtertisch stand, im Kopf, und sehen sich diesen blauen Kohlenmann überhaupt nicht erst an.

Kurz darauf ist Banz auf der Stolper Chaussee. Er weiß, daß er seine Verkleidung und sein Rad nicht mehr lange benutzen kann. Bald merken die, daß die Sachen fehlen, und dann wissen alle Landjäger in einer Viertelstunde Bescheid, und sie schicken Autos und Motorräder auf die Jagd. Lange kann er sowieso nicht mehr radeln, die Flucht aus dem Saal war ein Gewaltstreich, nun läßt der kranke Körper nach, manchmal ist ihm schon ganz taumelig zumute, so daß er kaum die Lenkstange halten kann. Fünf Minuten weiter legt er das Rad hinter einen Busch und setzt sich daneben. Er ist noch gar nicht weit fort aus Altholm, grade erst durch Grünhof, aber er kann nicht mehr. Mögen sie ihn doch kriegen, die Hunde! Er wird das Messer nehmen und dann Schluß, adieu, fort damit.

Hinter seinem Busch drusselt er ein.

Nicht lange, ist er wieder wach. Die Kälte vom Boden hat ihn geweckt. Aber jetzt ist er frisch, nicht gesonnen, sich denen in die Hände zu geben. Er überlegt, welchen Bauern er hier in der Nähe kennt, aber es fällt ihm niemand ein als Vadder Benthin. Und ob der hülfe, ist sehr fraglich, der ist ein Weib in Hosen. Außerdem müßte Banz dann nach Altholm zurück, und für Altholm hat er keine Meinung mehr.

Die Straße, die er durch das lockere Gebüsch sieht, ist wenig belebt. Es mag vier sein, auch eine Viertelstunde später. Anderthalb Stunden ist er also ungefähr weg. Die suchen ihn nicht mehr hier, die erwarten ihn jetzt auf der Station in Stolpermünde oder auf seinem Hof. Na, mögen sie warten!

Ein Lastauto fährt im Sechzig-Kilometer-Tempo vorbei. Bis oben ist es vollgepackt mit leeren Fischkästen. Das ist eines von den Autos, die von den Heringskommunen an der Küste nach Stettin fahren. Vielleicht kommt das Stolpermünder auch?

Es ist jetzt die Zeit, wo die Autos vom Fischmarkt zurückkommen.

Eine ganze Reihe läßt Banz vorbei, weil er den Chauffeur nicht kennt. Dann fällt ihm ein, daß er mal wieder ein Kamel ist, ein unbekannter Chauffeur ist besser als ein bekannter.

Banz sticht nachdenklich mit seinem Messer in den Hinterschlauch, die Luft pfeift, als er das Messer auszieht. Dann steht er neben seiner Karre auf der Chaussee.

Als das nächste Fischauto kommt, winkt er recht tüchtig, und als der Chauffeur nicht halten will – denn die wollen alle bis sechs zu Haus sein –, tritt er ihm mitten in die Fahrbahn. Der bremst so scharf, daß es das Auto halb rumreißt, gerät dabei auf den Sommerweg und der ganze Kistenaufbau kommt ins Wanken.

Der Chauffeur, ein Dreißiger, fängt zu fluchen an: »Du gottverfluchter Hund, du, mit dir spielen sie wohl! Wenn ich dich über den Haufen fahre, ist das nicht mehr, wie recht ist!«

»Bis Stolpe kannst du mich mitnehmen«, sagt Banz gleichmütig. »Du siehst doch, ich mache Plattfuß.«

»Was geht mich deine Karre an«, flucht der Mann. »Lauf doch, Idiot, dämlicher.«

»Fünf Mark sollst du kriegen!« sagt Banz und hält sich immer direkt vor den Rädern des Autos.

»Ich pfeife auf deine fünf Mark«, flucht der Mann. »Das kennt man. Wenn wir in Stolpe sind, hältst du mir deinen Hintern hin: tritt mal rein, Bruder, Geld habe ich nicht.«

»Hier«, sagt Banz und hält den Silberfünfer hoch. Und erklärend: »Es ist doch, daß mein Kleiner die Rose hat, und ich muß die Pusteweiber bestellen.«

Der Mann brummt vor sich hin: »Wo sollen wir denn deine Karre lassen? Du siehst doch, ich habe voll.«

»Schmeißen wir oben rauf.«

»Dann mach schon. Aber den Fünfer spuckst du gleich aus.«

»Wenn ich neben dir sitze.«

»Was bist du denn für einer?« fragt der Chauffeur, als das Auto wieder die Straße entlangfegt. »Glaubst du denn wirklich noch an solchen Mist mit dem Bepusten? Das tun doch nur die dummen Bauern.«

»Da braucht es keinen Glauben«, sagt Banz. »Was man mit Augen sieht, das gibt es.«

»Es ist komisch«, sagt der Chauffeur. »Ich hab noch nie so was zu sehen gekriegt. Vor mir muß das richtig fortlaufen.«

»Mir«, sagt Banz, »haben sie die Gürtelrose weggepustet. Sie sitzen an deinem Bett, drei müssen es sein, und von Zeit zu Zeit pusten sie dir umschichtig ins Gesicht.«

»Reinweg kriegen möcht ich mal die Rose, bloß um das zu erleben!«

»Wünsch dir das lieber nicht!«

»Und jetzt, jetzt holst du die?«

»Nein, die hole ich nicht. Das wird ja viel zu teuer. Denen gebe ich ein Bild von meinem Kleinen und das bepusten sie heute abend und morgen ist die Rose weg.«

»Das hättest du auch schicken können. Hättest dir fünf Mark gespart.«

»Daß die nur eine halbe Stunde pusten. Nee, ich setze mich dazu und passe auf. Zwei Stunden müssen sie pusten, sonst kommt die Rose wieder.«

»Sachen habt ihr hier auf dem Lande«, sagt der Chauffeur. »Ich bin aus Stettin. Da weiß man von solchem Schnack nichts.«

»Nee, ihr habt die Krankenkasse. Da wißt ihr wenigstens, wer euch zu Tode bringt.«

»Recht hast du«, sagt der Chauffeur anerkennend. »Mit den Kassenärzten ist es auch Mist. Da hatte ich mal eine dicke Hand ...«

Eine halbe Stunde später sind sie in Stolpe.

»Wo soll ich dich denn absetzen?« fragt der Chauffeur.

»Wo fährst du lang? Gegen Fiddichow zu? Dann nimm mich man bis Horst mit. Eigentlich wohnen die Weiber in Horst.«

»Na denn gut.«

In Horst klettert Banz schwerfällig vom Auto: »Wenn du noch einen trinken willst mit mir?«

»Nee, laß man. Du hast Unkosten genug.«

Und das Auto entschwindet.

Banz hat von Horst bis Stolpermünde-Abbau noch gute drei Stunden zu laufen. Aber er denkt nicht daran, direkt auf den Hof zu gehen, er will sich nur das Geld aus den Kiefern holen. Dann will er weiter, entweder nach Dänemark rüber oder ins Holsteinsche. Da soll die Bauernschaft auch recht im Schwunge sein. Kriegen läßt er sich jedenfalls nicht.

Er geht sachte in den Abend hinein. Eine ganze Weile schiebt er noch seine Karre, dann fällt ihm ein, daß sie ihm nichts mehr nützt, und wirft sie in einen Graben. Aber er wartet nur das nächste Buchengehölz ab, sucht sich einen passenden Stämmling, zwei oder zweieinhalb Zoll stark, und schneidet ihn ab. Nun hat er wieder einen Stock und es geht sich besser.

Er ist längst von der Straße ab, er hält sich an Feldwege und Raine, oft geht er auch eine Viertelstunde durch gepflügtes Land. Aber er hat die rechte Richtung, man spürt es selbst einem Nachthimmel an, wo das Meer ist. Als Banz zum erstenmal die Brandung hört, ist es schon ganz dunkel. Genau kann er nicht sagen, wo er ist, aber er muß sich links halten, fühlt er. Hier stößt Heide an den Kiefernstreifen, er geht immer am Rande der Schonung entlang. Während er so mühsam vorwärtskommt, über Steine und Wurzeln sich tastet, stolpert und oft fällt, überkommt ihn von neuem die Wut über die Altholmschen. Die haben es ihm eingebrockt, daß er hier draußen rumkriechen muß.

Ganz überraschend hinter einer Waldecke taucht plötzlich ein Licht auf, Licht aus seinem Haus. Seit einer Viertelstunde ist er über die eigenen Kartoffeldämme gefallen und hat es nicht gemerkt.

Das Licht dort, das sagt schon was. Entweder sind die Gendarmen da oder die Frau hat es angesteckt als Zeichen für ihn, daß sie parat ist. Wozu brennt sonst um diese Stunde Licht? Aber er wird sich hüten hinzugehen, vielleicht danach versucht er es einmal. Denn er hat Hunger.

Langsam schiebt er sich in die Kiefern. Er geht ganz vorsichtig, kein Zweig darf knacken. Die können sich ja denken, daß er nicht direkt ins Haus reintrudelt, die haben sicher Spione aufgestellt an jeder Waldecke.

Hundert Schritte geht er. Und noch mal hundert. Und wieder hundert.

Dann bleibt er stehen und lauscht.

Irgend etwas ist nicht im Lote, das spürt er. Etwas hat geknackt, etwas hat gewühlt, etwas schnauft.

Er hat noch zwanzig Schritt, vielleicht noch zweiundzwanzig Schritt zum Versteck.

Im Stehen bünzelt er den einen Schuh los, dann den andern. Die Senkel verknotet er und hängt die Schuhe über die Schultern.

Nun geht er leise weiter, Schritt vor Schritt, mit angehaltenem Atem. Es ist dunkel, ja, aber die Stämme sind dunkler als die Luft. Der mit Kiefernnadeln bedeckte Boden ist wiederum noch schwärzer, hat aber weißgraue Flecke, wo die Karnickel den gelben Sand aus ihren Gängen auswarfen.

Er steht an einem Stamm und sieht vor sich. Er kennt den Stamm, an dem seine Schulter lehnt.

Vier Schritte sind es bis zum Versteck.

Der Boden ist dunkel, aber dort, wo das Versteck liegt, ist ein großer heller Fleck von aufgewühltem Sand. Das weiß er.

Und dieser Fleck – wie er da steht, sieht er das – ist manchmal da und manchmal ist er weg. Etwas Schwarzes, Massiges, bewegt sich darüber. Das knackt, das wühlt, das schnauft, das gräbt.

Wie ein Blitz schießt es durch sein Hirn: die Gendarmen sind dagewesen auf dem Hof. Die wissen jetzt dort Bescheid, daß der Vater nicht wiederkommen kann, und da macht sich der Franz, dieser Hund, auf in der ersten freien Stunde, nicht einmal zum Füttern hat er abgewartet, und stiehlt ... und wühlt ...

Schwarz ist die Nacht nicht. Ein ganzes Feuerwerk prasselt vor seinen Augen los, das tanzt alles und dazwischen ist der Nachthimmel da und zerreißt blendend hell ...

Na ja, na ja ...

Einen Augenblick ist es besser. Er steht und der Schwindel zieht langsam ab aus seinem Hirn und der Stamm liegt ruhig an seiner Schulter.

Aber da bohren die Gedanken schon wieder, wie Ameisen wimmeln sie durch sein Hirn, und er sieht den Franz, diesen Hurenbock, wie er mit seinem Geld sich die Weiber kirrt, und sieht die dicken Betten und die dicken, fetten, weißen Glieder. Gut rammeln hat der und der Vater geht hops und kommt ins Zuchthaus, weil der Sohn geil ist, viechsgeil.

Da ist die Röte wieder, eine ganze Feuersbrunst steckt es an, es schneidet mit Messern und bohrt mit Pfriemen.

Der Banz lehnt sich ganz zurück. In seinen Händen hat er ja einen guten derben Stock, einen langen Buchenstock, kernig ... Na ja, na ja ...

Er macht zwei Schritte, drei. Lange, unverhohlene Schritte. Die Kriechkröte am Boden fährt auf. Aber da ist der Schlag schon, mit der Länge des ganzen Stocks aus dem federnden Hebelwerk des Arms geführt. Das hat gut schreien, gurgeln: »Uaaah!«

Und dann muß Banz wieder auf den Boden. Neben seinem Opfer hockt er und ist nicht mehr bei sich.

8

Es ist immer noch Nacht. Kühle Nacht, sternenlose, ohne Mond.

Nahebei ist ein leiser Wind in den Kiefern und zur linken Schulter das ewig auf und ab wallende Geräusch der Brandung. Am Himmel müssen tiefgehende Regenwolken sein, er drückt so.

Banz ist wieder da, er weiß auch wieder, was geschehen ist.

Aber dem Franz wird es eine Lehre sein, Vaters Geld klauen für die Kuhmädchen, der läßt die Finger davon.

Immerhin liegt er jetzt lange genug.

Der Bauer beschreibt mit der Hand einen Tastkreis, bis er auf Stoff stößt, so nahe bei dem Geschlagenen hat es ihn niedergezwungen.

An dem Stoff gehen die Finger lang, suchende kluge Tiere. Und nun kommen sie auf Fleisch, eine Hand.

Und springen fort: die Hand ist kalt, steif.

Der Bauer ist mit einem Ruck über dem Liegenden. Tot? Es war ja nur ein Schlag mit einem Stöckchen. Ein Schädel hält ganz andere Schläge aus!

Aber als er die Hand zwischen den seinen hält, weiß er zwei Dinge: der ist tot, endgültig tot. Und: der ist nicht der Franz.

Es ist unmöglich, aber es ist nicht der Franz. Es ist eine weiche, lange Hand, und der Franz hat kurze, hornige Pranken. Es ist – ihm wird es klar – der wirkliche Eigentümer des Geldes. Der Bauer wiegt den Kopf hin und her. Er sitzt da neben jemanden, von dem er nicht weiß, wie er aussieht, den hat er also totgeschlagen. Immer tiefer in die Malesche.

»Welche sind, die haben kein Glück«, sagt Banz und meint sich.

Eine halbe Stunde darauf trifft er die Frau, die in einem Bogen das Haus umkreist.

»Sind die noch da?« fragt er.

»Seit zwei Stunden sind sie weg.«

»Wirklich weg?«

»Franz ist ihnen eine Stunde nachgeschlichen.«

»Franz! – Wieviel waren es?«

»Vier.«

»Und alle vier sind weg?«

»Alle vier.«

»Die Kinder schlafen?«

»Schlafen.«

»Du bringst Essen, Trinken, Kleider und Wäsche, meinen Mantel, Mütze und –« er zögert – »einen Stock. Dann Spaten und Hacke. Eine Laterne.«

»Willst du nicht drin essen?«

»Nein. Ich gehe nicht wieder ins Haus.«

»Banz!«

»Mach, ehe es Morgen wird.«

Er steht und wartet. Die Pappeln, die er hört, hat der Vater gepflanzt. Der Wind steht vom Hof her, es riecht wieder nach Jauche. In diesem Winter wollte er ein Jauchenloch mauern, daß der Regen nicht immer den Stickstoff verwäscht. Das bleibt nun nach.

Der Zaun braucht auch ein paar Pfähle und in dem Obstgarten hätte er gerne noch ein paar Äpfel gepflanzt. Das bleibt nun nach.

Er belädt sich mit einem Teil von dem Zeug, und sie gehen gegen den Wald. Sie sprechen nichts.

Erst als sie unter den Bäumen sind, sagt er: »Du mußt nicht erschrecken, da liegt einer.«

»Liegt einer?«

»Ich habe ihn erschlagen. Ich wollte es nicht. Er war über dem Geld.«

»Wer ist es?«

»Ich weiß nicht. Ich will dann mit der Stallaterne sehen.«

»Warum hast du es getan?«

»Er war über dem Gelde. Ich dachte, es wäre der Franz. Ich hab's im jähen Zorn getan.«

»Ja«, sagt sie. »Ja. Immer der jähe Zorn. Seit dreißig Jahren. Vierzig Jahren.«

»Ja«, sagt er.

Sie gehen eine Weile schweigend. Dann fragt sie: »Wohin willst du?«

»Ich weiß nicht. Ich muß mal sehen.«

»Was wird mit dem Hof?«

»Der gehört dir!« sagt er wütend. »Dir allein! Jag die Brut weg, wenn sie aasig wird. Dir gehört er. Wir haben ihn bestellt.« Leiser: »Vielleicht lasse ich dich später einmal nachkommen.«

Er bleibt stehen, wirft seine Last hin.

»So«, sagt er. »Weiter gehst du nicht. Du suchst Äste und Steine. Er muß tief rein in den Boden wegen der Kaninchen. Dann packe ich die Steine und die Äste darauf.«

Er überzeugt sich, daß sie suchend fortgeht. Dann brennt er die Stallaterne an, nimmt Spaten und Hacke und geht an seine Arbeit.

Eine Stunde später ist alles getan. Er sitzt mit ihr am Waldrand und ißt.

Sie schweigen. Zwischen hinein fragt er: »Willst du von dem Geld?«

»Nein«, sagt sie. »Nicht.«

Eine Weile später: »Du mußt vor Winter noch die Rotbunte weggeben. Die gibt keine Milch bis zum Frühjahr.«

»Ja«, sagt sie. »Das tu ich dann.«

Wieder nach einer Weile fragt sie leise: »Wer war es denn?«

Und er, noch leiser: »Ich kenne ihn nicht. Ein junger Mensch.«

»Gott«, sagt sie.

»Du mußt Spaten und Hacke gut abkratzen, daß man nicht sieht, daß frisch damit gegraben ist. Und du gehst öfter raus und paßt auf, daß die Tiere nicht wühlen.«

»Ja«, sagt sie.

Er steht auf: »Dann gehe ich.«

Sie steht vor ihm.

Er wiederholt: »Ich gehe dann.«

Sie sagt nichts.

Er dreht sich langsam um und geht gegen die See.

Plötzlich schreit sie auf mit all ihrer Stimme: »Banz! O Banz!«

Er dreht sich um nach ihr. Fünf Schritte ab.

Sie sieht im Dunkeln, wie er langsam, bedachtsam mit dem Kopf nickt: »Ja«, sagt er trübe. »Ja.« Und nach einer Weile: »So ist das. Ja.«

Er geht gegen die See.

9

Um 11 Uhr 15 an diesem Abend klopft es an der Tür von Tredups.

Frau Tredup hat über dem Brief an ihre Schwester gesessen, nun wirft sie einen Blick auf die Uhr: »Er hat sich schön geeilt, der Max.«

Aber es ist Stuff, der draußen steht: »Ist Ihr Mann da, Frau Tredup?«

»Nein, Herr Stuff, aber er muß jeden Augenblick kommen.«

»Darf ich hier auf ihn warten?«

»Kommen Sie nur rein, wenn es Sie nicht geniert.«

Stuff setzt sich umständlich, betrachtet seine Zigarre, sieht auf die schlafenden Kinder und legt die Zigarre fort.

»Rauchen Sie ruhig, Herr Stuff. Die Kinder sind es gewohnt. Mein Mann raucht auch.«

»Nein, lieber nicht. – Wie ist denn Ihr Mann?«

»Erst war er ja ein bißchen niedergedrückt, aber seit wir wegziehen wollen, ist er wieder obenauf.«

»Sie ziehen weg?« Stuff fährt auf. »Doch nicht wegen diesem Gareis? Ich sage Ihnen, Frau Tredup, Ihr Mann wird glänzend rausgerissen. Morgen überreichen sämtliche Pressevertreter dem Vorsitzenden einen Protest gegen den gemeinen Angriff von Gareis. Sämtliche«, sagt Stuff und grinst. »Nur die Volkszeitung hat sich ausgeschlossen von wegen der allgemeinen Solidarität. Und dann natürlich die Nachrichten.«

»Es ist sehr nett von Ihnen, Herr Stuff, sehr nett Und es wird dem Max sicher guttun. Aber es ist zu spät. Herr Gebhardt hat Max sofort auf die Straße gesetzt.«

»Aber das geht nicht! Das ist ausgeschlossen. Das braucht sich Tredup nicht gefallen zu lassen. Auf die Straße gesetzt? Ohne Gehalt?«

»Ohne Gehalt.«

»Aber da müssen Sie klagen, Frau Tredup, so was muß an die große Glocke.«

»Nein, wir klagen nicht, Herr Stuff. Und eigentlich bin ich froh, daß es so gekommen ist ...«

»Auch noch! Ich danke.«

»Kommt der Max doch fort von hier. Es ist ihm nicht gut bekommen hier, Herr Stuff.«

»Jawohl, Frau Tredup, da haben Sie recht. Wer mit uns Schweinen umgeht, wird bald selbst ein Schwein.«

»Gott, Herr Stuff, bei Ihnen ist es ja ganz etwas anderes. Sie sind ein Mann. Sie können so was mal machen. Aber der Max ist ja so ein Junge, der schweinigelt sich gleich von oben bis unten ein, wenn er mal mit Dreck spielt.«

»Sie sind eine Frau«, sagt Stuff anerkennend. »Sie sind das richtige Muster.«

»Na, Herr Stuff, grade jetzt mal. Aber morgen auch?«

»Morgen auch«, erklärt Stuff.

»Es ist nach halb elf, jetzt muß er kommen.«

»Wo ist er denn eigentlich hin, jetzt in der Nacht?«

»Nach Stolpe zu.«

»Nach Stolpe? Jetzt in der Nacht?«

»Und weiter. Wissen Sie, Herr Stuff, Ihnen kann ich es ja sagen: Er holt das Geld.«

» Das Geld?«

»Ja, das Geld.«

»Wo hat er es denn?«

»Ja, ich weiß auch nicht. Er sagte was von Stolpermünde.«

»In den Dünen also. Das ist nicht schlecht.«

Nach einer Weile: »Ich weiß nicht, Frau Tredup, ich wär mitgefahren.«

»Wieso? Mitgefahren?«

»Wo er am Nachmittag den Puff gekriegt hat. Sie wissen doch, wie Tredup ist.«

»I wo, der war ganz fidel, als er losfuhr.«

»Und trifft irgendeinen, der ihn ankotzt, und traut sich nicht wieder her.«

»Oh, Herr Stuff!«

»Ich bin«, sagt Stuff langsam, »ein gottgeschlagenes Kamel. Ich bin ein Idiot. Natürlich ist alles Quatsch, was ich gesagt habe.«

»Jetzt müßte er aber hier sein. Es ist dreiviertel elf.«

»Vielleicht hat er den Zug verpaßt. Es ist stickeduster draußen. Vielleicht muß er suchen.«

Die Frau sagt bittend: »Warten Sie noch ein Weilchen.«

»Natürlich, Frau Tredup, ich versäume nichts.«

»Soll ich Ihnen Bier holen? Sie sind es doch gewöhnt, abends, Herr Stuff.«

»Nein, kein Bier. Keinesfalls. Ich werde viel zu dick.«

»Kurz vor eins kommt noch ein Zug, da können wir ja zur Bahn gehn.«

»Nein, seien Sie mir nicht bös. Ich gehe nicht aus dem Haus. Mir ist, als müßte ich hier auf ihn warten.«

»Selbstverständlich warten wir hier.«

Um halb zwei.

»Nein, mit dem Zug ist er auch nicht gekommen. Gehen Sie nach Haus, Herr Stuff.«

»Und Sie?«

»Ich warte noch.«

»Dann warte ich mit. Um 6 Uhr 10 kommt der Frühzug.«

»Aber Sie müssen schlafen, Herr Stuff.«

»Ich schlaf hier sehr gut in meiner Sofaecke, tun Sie das man auch.«

»Herr Stuff!«

Unbeugsam: »Ich warte mit.«

Um drei geht nach kurzem Flackern die Petroleumlampe aus. Die Frau stellt sie vor die Tür, sieht auf Stuff, der in seiner Sofaecke schnarcht.

Setzt sich wieder hin und wartet.

Um halb sieben reckt sich Stuff und gähnt.

Plötzlich erschrocken: »Was, schon halb sieben? Ist er denn nicht gekommen?«

Die Frau: »Nein, er ist nicht gekommen. Und ich weiß jetzt auch, er kommt nicht mehr. Er hat das Geld genommen und ist ausgerissen von uns. Er hat es schon immer gewollt.«

»Aber, Frau Tredup, er hat in Stolpe übernachtet. Kommt heute vormittag.«

»Nein«, sagt die Frau. »Er kommt nicht. Er hat uns verlassen.«

»Glauben Sie das nicht. Sofort, wenn heute die Verhandlung zu Ende ist, fahre ich nach Stolpe und Stolpermünde und erkundige mich nach ihm. – Aber bis dahin ist er längst hier.«

»Er kommt nicht wieder«, sagt die Frau.

Viertes Kapitel: Gareis in der Schlinge

1

Am 4. Oktober regnet es. Es ist ein richtiger Herbsttag. Der Wind zerrt an den Bäumen, durch alle Straßen jagt er abgegriffenes, feuchtes Laub, der Regen schlägt gegen die Scheiben. Gareis steht am Fenster, hat die Hände auf dem Rücken und sieht hinaus.

Er zieht die Unterlippe zwischen die Zähne und kaut darauf herum.

Sein Vorzimmer ist voller Leute, aber er mag keinen kommen lassen. Was wollen sie alle? Einen Auftrag, eine Zuwendung, einen Posten, eine Wohnung.

Dreihundertvierundsechzig Tage müht er sich, aus der Art, wie er auf unzählige Privatwünsche eingeht, einen Kurs zurecht zu steuern, der das Schiff vorwärts bringt, der Stadt zugute kommt.

Heute mag er nicht.

Er wartet auf ein Telefongespräch aus Berlin. Er wartet auf den Pinkus. Er wartet auf Stein.

Das Telefongespräch kommt nicht. Pinkus kommt nicht. Stein läßt warten.

Da verhandeln sie nun schon den vierten Tag in der Turnhalle und hämmern auf der Polizei herum. Das geht von morgens bis abends. Alles hat die Polizei verbockt. Die armen edlen Bauern, die armen edlen Städter, die alte böse Polizei ...

Was soll das? Hat es einen Sinn? Kommt etwas dabei heraus?

Es hätte einen Sinn, wenn sie die Polizei abschaffen wollten, wenn sie beweisen wollten, Polizei ist schädlich, überflüssig. Dann hätte es einen Sinn. Aber so?

Gareis steht vor seinem Schreibtisch. »Gesuch der Witwe Holm um zehn Zentner Briketts.«

Die froren also.

»Bitte des Invaliden Mengs an das Städtische Wohlfahrtsamt um Zuwendung von zwei Zentnern Kartoffeln.«

Die hungerten also.

Die wollten eine Gaslaterne. Das Anschlagwesen war zu verpachten. Geld für den Weiterbau des Krankenhauses zu beschaffen. Konzession für eine Autobuslinie nach Stolpe. Post- oder Bahnaufträge für die vor der Pleite stehende Fabrik von Meckerle (dreihundertfünfzig Arbeiter).

Es gab etwas zu tun, etwas zu beschaffen. Die Stadt wollte versorgt sein.

Und die saßen zusammen, dreihundert Menschen, täglich neun bis zehn Stunden in der Turnhalle, und droschen leeres Stroh. Die wälzten so lange die Zunge im Maul, bis etwas da war, das keine Arbeit in zehn Jahren aus der Welt schaffen konnte.

Der Bürgermeister drückt auf die Klingel, einmal, zweimal, dreimal.

Piekbusch erscheint.

»Sagen Sie einmal, Piekbusch, was haben Sie eigentlich die letzten Tage? Sie wirken so verquollen?«

»Verquollen, Herr Bürgermeister?«

»Wie ein Fenster, das man nicht aufkriegt. – Gibt es hier Flöhe?«

»Flöhe?«

»Die man Ihnen ins Ohr setzt.«

»Mir doch nicht, Herr Bürgermeister!«

Gareis sieht seinen Sekretär lange an.

Aber der hält den Blick aus.

»Also hier gibt es keine Flöhe«, sagt Gareis unmutig. »Wo ist Stein?«

»Der ist wohl noch im Gerichtssaal.«

»Rufen Sie an da. Er soll kommen. Sofort.«

»Jawohl, Herr Bürgermeister.«

»Halt! – Wo bleibt mein Telefongespräch mit Berlin?«

»Ich habe es schon zweimal angemahnt.«

»Wo es bleibt, frage ich?«

Der Sekretär bewegt die Schultern.

»Halt! Was laufen Sie denn ewig weg, Piekbusch? – Warum kommt Pinkus nicht?«

Der Sekretär zögert.

»Na? Reden Sie doch.«

»Pinkus ist im Gerichtssaal.«

»Warum kommt er nicht, wenn ich ihn bestelle?«

»Pinkus läßt sagen, er hat keine Zeit.«

Es kommt trotzig heraus und diesmal weicht der Sekretär dem Blick des Bürgermeisters aus.

Der pfeift. Langgezogen.

»Siehmalsieh! Hat keine Zeit, der Pinkeles.«

Ganz rasch: »Warten Sie, bleiben Sie da stehen, Piekbusch. Sie bleiben da stehen. Rühren sich nicht!«

Der Bürgermeister geht an den Apparat, immer die Augen auf seinen Sekretär geheftet.

Hebt ab: »Zentrale dort? – Hier Bürgermeister Gareis – geben Sie mir das Fernamt.«

Piekbusch sagt: »Herr Bürgermeister ...«

»Halten Sie die Schnauze! Sie bleiben stehen. Euch Brüder werde ich ...

Fernamt dort? Bitte, die Aufsicht! Ja, die Aufsicht. Hier ist Bürgermeister Gareis. Ach, entschuldigen Sie, Fräulein, mein Sekretär hat vor netto einer halben Stunde, es können auch vierzig Minuten gewesen sein, ein dringendes Gespräch nach Berlin angemeldet, Preußisches Ministerium des Innern. – Warum kommt das Gespräch nicht? Ja, ich warte, bitte sehen Sie nach ...«

Drohend in die Ecke: »Stille biste, Piekbusch. Ich werf Ihnen das Telefonbuch an den Schädel, wenn Sie mucksen!«

»Herr Bürgermeister, ich ...«

»Stille ...!«

»Ja, Fräulein? Kein Gespräch angemeldet? Das ist ausgeschlossen! Das muß ein Irrtum von Ihnen sein. – Kein Irrtum? Einen Augenblick, Piekbusch, ist es kein Irrtum?«

»Herr Bürgermeister, ich darf doch ...«

»Idiot! – Also, Fräulein, der Irrtum liegt auf unserer Seite. Mein Sekretär hat das verbockt, bitte, geben Sie es mir. Jawohl, Preußisches Ministerium des Innern. Und, Fräulein, Blitzgespräch. Jawohl, Blitzgespräch. Für mich, Bürgermeister Gareis, persönlich. Danke.«

Er legt den Hörer auf. Reckt sich.

Langsam und massig geht er gegen den Türwinkel, drohender Elefant, gegen den bleichen Piekbusch, der dort im Winkel steht.

»Herr Bürgermeister«, beginnt der, seltsam geläufig, vor Angst beredt: »Sie werden mich nicht schlagen, Sie werden mich nicht bedrohen, Herr Bürgermeister. Sie wissen selbst, was Parteidisziplin ist. Ich durfte nicht. Es war mir befohlen.«

»Ihnen befohlen! Wer hat es Ihnen befohlen?«

»Sie wissen, daß ich Ihnen schon mehr gesagt habe, als ich darf. Wenn Sie weg sind, ich kriege nicht so leicht eine Stellung wieder, ich will nicht abgebaut werden.«

»Wenn ich weg bin – ist es schon soweit? Sie irren sich. Piekbusch, ihr alle irrt euch. Aber sagen Sie mir eins, Piekbusch ...« Der Bürgermeister grübelt. »Der verschwundene Geheimbefehl, war das auch Anordnung der Partei?«

Er sieht scharf in das Gesicht seines Sekretärs.

»Nein, Herr Bürgermeister, so wahr ich lebe! Der ist weg. Davon weiß meine Seele nichts. Ich will auf der Stelle hinfallen, Herr Bürgermeister ...«

Das Telefon klingelt.

Der Bürgermeister sagt sanft: »Gehen Sie, Piekbusch, und besorgen Sie mir sofort den Stein her. Und diesmal tun Sie es wirklich. Oder ich schlage Ihnen alle Knochen im Leibe entzwei.«

Das Telefon läutet Sturm. Der Bürgermeister hebt den Hörer ab. Piekbusch verschwindet.

2

Durch die Nebentür von Gareis' Zimmer schiebt sich die schmächtige Gestalt von Assessor Stein.

Gareis kommt ihm lächelnd entgegen: »Nun, Steinlein? Doch hergetraut, trotz aller Verbote?«

»Verbote?«

»Tun Sie nicht so, Assessor. Ich weiß Bescheid. Ich weiß alles. Und Sie kuschen nicht vor der Partei?«

»Was heißt das?«

»Wissen Sie wirklich nichts? Hat man Sie draußen gelassen? Sind Sie ein aussichtsloser Fall? – Es scheint wirklich so. Die Partei hat nämlich so eine Art Verbot erlassen gegen mich, Zensur verhängt, wie Sie wollen. Man darf nicht mehr mit mir umgehen.«

»Nicht doch! Bürgermeister, das ist nicht möglich ...«

»Alles ist möglich, wenn man erfolglos ist. – Aber ich bin noch nicht erfolglos. – Sie waren – dort?«

»Ja.«

»Ist Assessor Meier wieder da?«

»Seit heute früh sitzt er wieder auf seinem Stühlchen.«

»Und –«

»Nichts. Er wollte nicht raus mit der Sprache. Er wüßte selber nichts. Der Entscheid der Regierung sei im verschlossenen Brief dem Vorsitzenden übergeben.«

»Das ist Stolpe! Das ist Temborius! Geheimniskrämerei bis zur letzten Minute. Nun, ich kann Ihnen sagen, was in dem verschlossenen Umschlag steht ...«

»Ja?«

»Aussagegenehmigung verweigert!«

»Wirklich, Bürgermeister? Ich wäre ja so glücklich!«

»Ich bin glücklich. Wenn es eine Falle war mit dem verschwundenen Geheimbefehl, so ist sie zugeschnappt, ehe ich drin war. Die haben jetzt lange Nasen.«

»Ist es auch sicher?«

»Ich habe eben mit Berlin gesprochen. Der Minister war noch nicht im Amt. Aber Regierungsrat Schuster sagte mir, es sei entschieden: bis hierher und nicht weiter. Man ist unzufrieden mit der Entwicklung des Prozesses. Man wünscht in Berlin kein Herumhacken auf der Polizei. Man wünscht Bereinigung des Bauernfalles. Der Geheimbefehl bleibt geheim.«

»Schuster ist doch ein Freund von Temborius?«

»Eben! Ich habe ja immer gesagt, daß Temborius nicht will. Es wird nicht ausgesagt!«

»Gott sei Dank! Was hätten Sie nur gemacht –?«

»Ach was«, sagt der Bürgermeister und strahlt, »irgendeinen Ausweg hätte ich ja immer gefunden, aber so ist es besser.«

»So ist es besser. Aber dann verstehe ich nicht, daß die Partei ...«

»Die tippen doch falsch. Die unterliegen alle der Atmosphäre im Gerichtssaal. Blutrausch der Polizei. Die Polizei hatte ihre Säbel geschliffen. Der Bluthund Frerksen. – Das erträgt kein Parteiherz.«

»Übrigens Frerksen, er ist heute wieder aufgetreten.«

»Frerksen interessiert mich nicht mehr.«

»Er erbat sich das Wort zu einer Erklärung. Er trat auf, mit etwa siebzehn Verordnungen in der Hand. Er rechtfertigte die Beschlagnahme der Fahne, den Angriff auf den Zug. Erstens: Polizeiverordnung von Anno X: Das Tragen unbewehrter Sensen durch die Stadt ist verboten. Zweitens: Bei Demonstrationszügen dürfen keine Stöcke getragen werden. Drittens: Die Führer haben die Demonstration nicht ordnungsgemäß angemeldet. Viertens: Der Zug benützte unerlaubterweise mehr als die Hälfte der Fahrbahn. Fünftens bis siebzehntens: derselbe Kohl.«

»War die Wirkung groß?«

»Ja, gewiß, für Streiter. Der fragte ihn: ›Waren Ihnen, Herr Oberinspektor, im Moment der Fahnenbeschlagnahme alle diese Verordnungen erinnerlich?‹

Und Frerksen: ›Nicht dem Wortlaut nach.‹

Und Streiter: ›Aber dem Sinne nach?‹

›Ja, die meisten. Ungefähr.‹

Und Streiter: ›Bei diesem phänomenalen Gedächtnis wundert es mich, daß Sie, Herr Polizeioberinspektor, die wichtige Bestimmung vergessen hatten, nach der Demonstrationszüge unter allen Umständen durch die Polizei zu schützen sind.‹

Frerksen war platt.«

»Das kann ich mir denken. Haben Sie eine Vermutung, wessen Puppe er eigentlich jetzt ist?«

Der Assessor sinnt. Er spitzt die Lippen, fängt an zu pfeifen. Bricht ab. Dann: »Das ist dumm. Dieses Lied hat zwei Verse, einen vom Unterland, einen vom Oberland.«

Er sieht seinen Chef abwartend an.

»Sie meinen?« sagt der überrascht.

»Nun ja, das Oberland muß sich auch einmal wieder rühren. Aber ...«

Das Telefon klingelt. Er nimmt ab, hört.

»Also, Assessor, ich werde zur Vernehmung entboten. Sie kommen doch mit?«

Und als sie auf der Straße sind: »Es wäre doch ein verdammt murksiges Gefühl, wenn ich jetzt nicht wüßte, warum und wieso. Werde ich fein meine Aussage zu Ende führen, einigen Leuten auf die Zehen treten, und dann pflanze ich mich in den Gerichtssaal ans Tischchen zwischen Meier und Röstel und höre mir die Sache mit an. Und wenn es noch einen Monat dauert, mein Hirn muß immer neue Beweise haben, daß die Menschen wirklich so doof sind.«

»Gott sei Dank, daß Sie mit Berlin telefoniert haben.«

»Hier kann ich wirklich sagen: Gott sei Dank!«

3

An der Tür des Gerichtssaals trennt sich Gareis von Stein. Stein schlüpft in den Zuhörerraum, während Gareis noch warten muß: es wird grade ein anderer Zeuge vernommen. Stein hört ein wenig gelangweilt zu. Es ist doch immer dieselbe Geschichte, daß die es nicht müde werden!

Dann erklärt der Vorsitzende:

»Wir werden nun erst die Vernehmung vom Herrn Bürgermeister Gareis abschließen«, und alles wendet aufmerksam den Kopf gegen die Tür.

Man hört den Gerichtsdiener draußen rufen, nun geht die Tür auf und Gareis tritt ein. Einen Augenblick bleibt er auf der Schwelle halten und überschaut den Saal.

Da steht er. Er ist der Bürgermeister Gareis, Polizeiherr von Altholm, Dezernent auch für Wohlfahrtswesen, Wohnungswesen, Verkehr und die Städtischen Anstalten. Ein großer Mann. Nun schreitet er langsam und würdevoll gegen den Richtertisch vor, er macht halt an ihm, direkt vor dem Vorsitzenden und neigt ein wenig den Kopf. Der Gruß eines Potentaten, verbindlich, höflich, doch schon der Gruß sagt: zufrieden bin ich nicht mit eurer Art, Prozeß zu führen.

Das Publikum (nebst Stein) sieht ihn von hinten. Einen ungeheuren schwarzen Rücken mit einem wohlgeformten massigen Schädel darüber. Sein linkes Profil gehört den Angeklagten, der Verteidigung und dem Regierungstisch, sein rechtes der Staatsanwaltschaft und der Presse.

Der Vorsitzende dankt höflich mit Haupt und Hand für den Gruß. Dann sagt er ein paar verbindliche Worte: »Wir haben bedauert, Herr Bürgermeister, Sie so lange von den Verhandlungen haben fernhalten zu müssen, denen Sie als Polizeiherr sicher gern beigewohnt hätten. Aber der Entscheid aus Stolpe über den Umfang Ihrer Aussageerlaubnis ist erst heute morgen eingetroffen. Heute morgen um zehn Uhr. Ich habe Sie sofort benachrichtigen lassen.«

Gareis neigt den Kopf und wartet in untadeliger Ruhe.

»Sie sind, Herr Bürgermeister, bereits bei Ihrer ersten Vernehmung vereidigt worden. Dieser Eid gilt auch für Ihre heutigen Aussagen.

Der Zweifel, wie weit Ihre Aussageerlaubnis durch die Regierung reichte, erhob sich anläßlich einiger Fragen, die Ihnen von der Verteidigung vorgelegt wurden. Ihnen war am Vormittag des Demonstrationstages ein Geheimbefehl des Regierungspräsidenten überbracht worden, der nur dann zu öffnen war, wenn Sie von der Schupo Gebrauch machten.

Sie haben die Schupo eingesetzt, den Geheimbefehl geöffnet –«

»– Öffnen lassen.«

»Haben ihn öffnen lassen.«

Pause, lächelnd: »Was enthielt nun dieser Geheimbefehl?«

Gareis sagt langsam: »Wie, bitte?!«

»Ja. Hier ist die Entscheidung der Regierung. Ihnen wird volle Aussageerlaubnis erteilt. Für jede an Sie gerichtete Frage. Einschließlich des Geheimbefehls. Ja.«

Zum erstenmal sieht Stein seinen Herrn und Meister die Fassung verlieren. Der Bürgermeister steht da, er sieht hierhin, dorthin, tritt von einem Bein aufs andere. Schließlich sagt er mit einer seltsam verwirrten, leisen Stimme: »Ich verstehe das nicht. Die Regierung hat ... Nein, hier muß ein Irrtum vorliegen ... Ich bitte doch ...«

Auf die Gesichter, die sich ihm alle entgegenheben, legt sich ein gespannter, verkniffener, ungeduldiger Zug. Der Verteidiger, der zurückgelehnt in seinem Stuhl dasaß, ist aufgestanden, kommt Schritt um Schritt lautlos näher. Die beiden Staatsanwälte neigen die Köpfe zueinander, flüstern. Im Zuhörerraum ist es vollkommen still.

»Ich bitte doch ...« sagt der Vorsitzende und reicht dem Bürgermeister ein Blatt.

»Wenn Sie selbst lesen wollen ... die Entscheidung der Regierung ...«

Gareis greift hastig danach, er liest das Blatt sehr langsam und sehr lange. Er läßt es sinken.

Mit etwas festerer Stimme sagt er: »Ich vermutete es. Hier muß ein Irrtum vorliegen. Ich habe erst heute früh den Bescheid des Ministers erhalten, daß ich nicht aussagen darf. Ich weiß wirklich nicht ...«

Der Vorsitzende: »Sie haben den klaren schriftlichen Bescheid erhalten, Herr Bürgermeister ...?«

Der Landgerichtsdirektor sieht gegen den Tisch der Regierung hin, an dem sich widerwillig und zögernd Assessor Meier erhebt, langsam naht ...

Unterdes sagt der Verteidiger direkt neben dem Zeugen: »Ich bitte doch den Gerichtshof, die Bedenken des Herrn Zeugen abzulehnen. Wir haben einen klaren unzweideutigen Entscheid der Regierung in Stolpe. Die Regierung in Stolpe ist die vorgesetzte Behörde des Zeugen. Der Entscheid ist verbindlich.«

Der Vorsitzende sagt: »Vielleicht kann uns Herr Assessor Meier, der die Aussageerlaubnis aus Stolpe mitbrachte, etwas über ihre Genesis sagen?«

Die Verteidigung widerspricht: »Die Erlaubnis genügt strafprozessual vollkommen ...«

»Aber wenn Herr Assessor uns orientieren kann ...«

Und der Assessor: »Ich weiß nicht, wer Herrn Bürgermeister Gareis den erwähnten Bescheid des Ministers mitgeteilt hat. Ich darf sagen, daß die Aussageerlaubnis nicht ohne ausführliche Rücksprache mit dem Herrn Minister erteilt wurde.

Der Herr Minister wünscht ungehinderte freie Aussage.«

Alles tritt etwas zurück, Gareis steht wieder allein.

Der Vorsitzende sagt: »Wer hat Ihnen denn den Entscheid mitgeteilt, Herr Bürgermeister? Können Sie uns das vielleicht sagen?«

Der Bürgermeister murmelt: »Es war ein telefonischer Bescheid.«

»Im Auftrage des Ministers?«

»Nein, nicht direkt.«

Der Vorsitzende: »Ja, Herr Bürgermeister, ich sehe da keinen Weg. Der Entscheid der Regierung ist so unzweideutig, daß ich Sie bitten muß, Ihre Bedenken zurückzustellen und auszusagen.«

Der Bürgermeister steht in qualvoller Unruhe da. Ein paarmal sieht er zur Tür. Der Verteidiger sagt ironisch: »Herr Bürgermeister Gareis macht uns außerordentlich gespannt auf diesen Geheimbefehl. Ein so ungewöhnliches Zögern ...«

Und Gareis, plötzlich wütend: »Wenn einer, so weiß vielleicht Herr Justizrat Streiter die Gründe meines ungewöhnlichen Zögerns.«

Und der Verteidiger: »Sollen diese Worte mir unterstellen, daß ich den Geheimbefehl kannte, so weise ich sie in aller Schärfe zurück.«

Der Vorsitzende sagt: »Ich bitte Sie, meine Herren! – Herr Bürgermeister, wollen Sie jetzt so freundlich sein, in Ihrer Aussage fortzufahren. Sie ließen den Geheimbefehl öffnen –?«

»Ja«, sagt der Bürgermeister gedankenverloren. »Ja.«

Er steht allein. Die andern sind von ihm zurückgetreten. Das Licht, das durch die Fenster sickert, ist grau; grau verliert sich die Zuhörerschar in der Tiefe der Halle.

Die große Gestalt des Zeugen, eben noch unruhig, strafft sich. »Ja«, sagt Gareis noch einmal.

Er dreht sich um gegen die Zuhörer, er sucht ein Gesicht. Sein Blick begegnet dem Steins, die beiden sehen sich an. Der Bürgermeister hebt die Hand.

Dann wendet er sich zu dem Vorsitzenden. Seine Stimme ist klar, seine Sprache ungehemmt, als er sagt: »Ich war in meiner Wohnung, mit Vorbereitungen für meine Urlaubsreise beschäftigt. Da wurde ich angerufen. Ein Mann, der mich als Genosse anredete, sagte mir, daß es zu blutigen Zusammenstößen zwischen Bauern und Polizei gekommen sei. Die Bauern gingen mit Pistolen vor. Ich rief zuerst die Rathauswache an ...«

»Einen Augenblick, bitte«, sagt der Vorsitzende. »Wer rief Sie an?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe sofort versucht zu ermitteln, wer der Anrufende gewesen ist. Von der Post wurde mir gesagt, ein Arbeiter in blauer Bluse habe angerufen. Dieser Arbeiter hat sich nicht ermitteln lassen.«

»Auf diesem Weg erhielten Sie die erste Nachricht von den Zusammenstößen?«

»Jawohl.«

»Übertriebene Nachrichten, wie es scheint?«

»Stark übertriebene.«

»Sie faßten daraufhin Ihre Entschlüsse?«

»Nicht nur daraufhin. Die Rathauswache bestätigte mir, daß Zusammenstöße stattgefunden hatten.«

»Und Sie haben keine Vermutung, wer der Anrufer war?«

»Nein.«

»Was taten Sie nun?«

»Nachdem mir ein Beamter der Wache bestätigt hatte, daß es zu blutigen Zusammenstößen gekommen war, rief ich auf meinem Amtszimmer an und sagte meinem Sekretär, er solle das Auto zu meiner Wohnung senden. Vorher schon hatte ich dem Amt gesagt, es solle mich sofort nach diesem Telefongespräch mit dem Offizier der Schupo in Grünhof verbinden. Als mein Sekretär die Autobestellung erledigt hatte, gab ich ihm die Anweisung, den Geheimbefehl der Regierung, der in meinem Schreibtisch lag, zu öffnen und mir vorzulesen. Der Sekretär öffnete den Brief. Doch wurde das Gespräch, noch ehe er ein Wort vorgelesen hatte, versehentlich unterbrochen, und ich mit der Schupo in Grünhof verbunden. Ich gab dem Offizier, Herrn Oberleutnant Wrede, den Befehl, seine Leute sofort in die Nähe der Auktionshalle zu bringen, mit dem Einsatz aber zu warten, bis ich selbst käme.«

»Sie haben also, wenn ich Sie recht verstanden habe, die Schupo eingesetzt, bevor Sie den Geheimbefehl kannten?«

»Jawohl.«

»Und was taten Sie nun? Riefen Sie wieder Ihren Sekretär an?«

»Nein. Das Auto wartete unten, ich glaubte an große Kämpfe, ich fuhr direkt zur Bahnhofswache, um Polizeioberinspektor Frerksen zu befragen.«

»Wann haben Sie also in den Geheimbefehl Einsicht genommen?«

Der Bürgermeister sagt: » Ich habe ihn nie zu sehen bekommen

»Wie?!«

Durch den ganzen Saal läuft ein Geräusch der Überraschung.

»Ich habe niemals den Geheimbefehl zu Gesicht bekommen.«

»Herr Bürgermeister!«

»Nie. Keine Zeile. Kein Wort.«

»Herr Bürgermeister, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie hier unter Ihrem Eid aussagen.«

Der Bürgermeister sagt kurz: »Kein Mensch weiß das besser als ich.«

Der Vorsitzende sammelt sich, er schwingt seine Glocke, dämpft die tausend Geräusche, die immer vordringlicher laut werden.

»Aber Sie haben den Geheimbefehl inhaltlich kennengelernt?«

Gareis sagte: »Ich habe heute noch nicht die geringste Ahnung, was in ihm steht.«

Der Lärm läßt sich nicht mehr dämpfen. Fast alle stehen. Die Pressevertreter haben das Schreiben vergessen, Staatsanwälte und Verteidiger stehen neben dem Zeugen. Assessor Meier am Regierungstisch nimmt ununterbrochen sein Glas ab, reibt es, setzt es wieder auf. Seine Hände zittern.

Der Vorsitzende ruft: »Ich ersuche um vollkommene Ruhe. Oder ich lasse den Saal auf der Stelle räumen. Gerichtsdiener, Schupo, das Publikum hat zu sitzen. Meine Herren von der Presse, dort steht Ihr Tisch ...«

Es wird einigermaßen Ruhe.

Der Vorsitzende: »Herr Bürgermeister, ich ersuche Sie, uns Ihre Angaben zu erläutern. Sie sind so überraschend ...« Die höfliche Stimme klingt übellaunig, streitsüchtig. »Vielleicht nennen Sie uns auch gleich Zeugen ...«

Der Bürgermeister ist vollkommen ruhig geworden: »Ich fuhr zur Bahnhofswache, hörte die Berichte des Polizeimeisters, des Oberinspektors. Dann zur Viehhalle. Es war ein ziemliches Durcheinander. An den Geheimbefehl dachte ich überhaupt nicht mehr. Auch Oberleutnant Wrede erinnerte mich nicht wieder an ihn.

An diesem Tage kam ich nicht mehr auf mein Amtszimmer. Auch in den nächsten Tagen war so unendlich viel zu tun, daß ich nicht wieder an ihn dachte. Als er mir einfiel, war er verschwunden. Ich habe wochenlang nach ihm suchen lassen, er blieb verschwunden. Mein Sekretär Piekbusch versichert, daß er ihn in das Fach zurückgelegt hat. Aus diesem Fach ist er verschwunden. Er kann in andere Akten geraten sein, er kann auch so – verschwunden sein. Ich habe meinen Sekretär mehrmals befragt, er hat zwar den Befehl gelesen, kann sich aber mit keinem Gedanken an seinen Inhalt erinnern. – Das ist alles.«

Stille. Langes unbefriedigtes Schweigen.

»Herr Bürgermeister«, beginnt der Landgerichtsdirektor langsam und vorsichtig. »Sie werden verstehen, wenn Ihre heutigen Aussagen auf ein tiefes – nun, sagen wir, auf eine tiefe Überraschung stoßen. Ich muß an Sie die Frage richten, warum Sie das, was Sie uns heute erzählt haben, nicht vor zwei Tagen sagten. Warum das Verstecken hinter der Aussageerlaubnis?«

»Kein Mensch«, sagt der Bürgermeister langsam, »gesteht gerne Fehler, Versäumnisse. Ich glaubte ehrlich, daß die Regierung die Veröffentlichung des Geheimbefehls nicht wünschte. Dieser Glaube konnte mich vor dem öffentlichen Geständnis eines Fehlers bewahren.«

»Sie haben«, sagt der Vorsitzende, »auf Kosten des Gerichts, auf Kosten unserer aller Zeit va banque gespielt.«

Der Bürgermeister schweigt.

»Sie haben«, sagt der Vorsitzende, »noch vorgestern morgen einen Pressevertreter, der von Aussageverweigerung geschrieben hatte, heftig angegriffen. Sie hatten die Aussage verweigert. Ja, mehr als das.«

Der Bürgermeister schweigt.

»Sie haben«, fährt der Vorsitzende fort, »fälschlich den Eindruck erweckt, als sei der Geheimbefehl besonders wichtig, enthalte besondere Anordnungen gegen die Bauern.«

»Diese Möglichkeit besteht auch heute noch.«

Der Vorsitzende sagt scharf: »Das ist eine Vermutung von Ihnen, Herr Bürgermeister. Wir wünschen keine Vermutungen von Ihnen zu hören, sondern Tatsachen. Zu den von Ihnen beschworenen Eidespflichten gehört die, nichts zu verschweigen, nichts hinzuzusetzen. Der Gerichtshof wird prüfen müssen, ob diese Eidespflicht nicht von Ihnen verletzt wurde.«

Der Bürgermeister bewegt leise den Kopf.

»Ich möchte im Augenblick von einer weiteren Vernehmung absehen. Ich bitte Sie, sich zur Verfügung des Gerichtes zu halten.«

»Ich bin jederzeit in meinem Amtszimmer erreichbar.«

»Das genügt.«

Der Bürgermeister will gehen, als Justizrat Streiter sagt: »Ich bitte noch um ein Wort, Herr Landgerichtsdirektor. – Der Zeuge hat vorhin angedeutet, ich kennte vielleicht die Gründe seines ungewöhnlichen Zögerns, die ihn abhielten, über den Geheimbefehl auszusagen. Ich bitte, den Zeugen zu befragen, was er mit diesen Worten gemeint hat.«

Der Vorsitzende: »Bitte, äußern Sie sich, Herr Bürgermeister ...«

Und Gareis: »Wenn ich Derartiges gesagt habe, was mir nicht erinnerlich ist, so bitte ich es mit meiner Erregung zu entschuldigen. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Es war reine Abwehr.«

Und der Verteidiger mit aller Schärfe: »Ich bitte, doch den Zeugen auf das völlig Unzulässige solcher Insinuationen hinzuweisen. Ich muß mir Strafantrag gegen den Zeugen vorbehalten.«

Gareis senkt den Kopf.

Der Oberstaatsanwalt erhebt sich: »Auch wir behalten uns Strafanträge gegen den Zeugen vor.«

Stille. Der Blick von Gareis sucht Stein, aber, da er ihn findet, hat der Freund das Auge gesenkt, sieht ihn nicht an.

»Sie sind vorläufig entlassen, Zeuge«, sagt der Vorsitzende.

4

Bürgermeister Gareis tritt hinaus in den Vorraum der Turnhalle.

Hier stehen Zeugen herum, zwei Schupos, der Garderobier. Alle starren ihn an. Dann hilft ihm der Garderobier mit einer ängstlichen Beflissenheit in den Mantel.

»So werden mich die nun ewig anglotzen hier in Altholm. Verlegen beflissen.«

Aber schon auf der Straße korrigiert er sich: »Nur in den ersten Tagen. Dann werden sie frech. Wo ein Aas ist, sammeln sich die Raben.«

Er geht gegen den Burstah zu.

»Dem Tredup muß ähnlich zumute gewesen sein, als ich ihn ankotzte. Armes Luder. Man vergißt in der Macht, wie einem Machtlosen zumute ist, wenn auf ihm herumgetreten wird. Armes Luder.«

Der Bürgermeister beschleunigt seinen Schritt. Der Wind jagt Regen in sein Gesicht. Er drückt den Hut fester in die Stirn, aber als er in den Burstah einbiegt, geht er nicht dem Rathaus zu, sondern fort von seinem Amtszimmer, nach der andern Seite, gegen den Bahnhof hinauf.

Er kommt an einem Zigarrenladen vorbei, dreht um, und tritt rasch ein: »Fünf Brasil zu zwanzig. Ja, die da. Ein richtiger Kotzbalken.«

»Kotzbalken, vorzüglich, Herr Bürgermeister.« Der Kaufmann dienert und lacht.

»Wirst morgen nicht mehr dienern, Freundchen«, denkt der Bürgermeister. Und laut: »Ein Adreßbuch, bitte!«

Er schlägt eine Adresse nach und geht weiter. Bei der Stolper Straße biegt er ein, folgt ihr. Vor Nummer 72 macht er halt. Mustert das Haus. Der Gemüsehändler in seinem Laden gibt mürrisch Bescheid, daß Tredups hinten auf den Hof raus wohnen. Er sucht sich den Weg, klopft an die Tür.

Eine Stimme ruft: »Herein.«

Es ist ein Armeleutezimmer, in das er tritt, das einzige Zimmer, das diese Leute haben. Gareis übersieht es mit einem Blick. Hier steht alles: das Spielzeug der Kinder, das Geschirr, die Waschwanne, die Nähmaschine, vierzehn Bücher, ein Fahrrad, ein Sack mit Kartoffeln, Betten.

Auf einem Bett hat die Frau halb gelegen, die jetzt aufgestanden ist und schweigend den Besucher von der andern Zimmertür her mustert.

Selbst dem Bürgermeister fällt es auf, wie sehr sich diese Frau, die er vor ein paar Monaten einmal sah, veränderte: strähnig fällt das Haar in ein bleiches, faltiges Gesicht. Die Mundpartie ist so stark geworden, die Zähne scheinen unter den dünnen blutleeren Lippen angeschwollen zu sein.

»Sie sehen blaß aus, Frau Tredup«, ruft er. »Was fehlt Ihnen?«

Die Frau sieht ihn an.

»Ja«, sagt der Bürgermeister, »ich hätte gerne einmal Ihren Mann gesprochen.

Ich hätte ihm etwas zu sagen.«

Die Frau antwortet nicht.

Der Bürgermeister wartet geduldig. Dann fragt er: »Ihr Mann ist nicht da?«

Aber die Frau antwortet noch immer nicht. Sie starrt ihn bloß an, unverwandt, ohne Blinzeln.

»Sie sind«, sagt der Bürgermeister, »natürlich böse auf mich, Frau Tredup. Ihr Mann wird Ihnen erzählt haben – darum bin ich hier. Wir sind nicht immer Herr unserer Nerven. Ich war ungerecht, ich komme, es Ihnen zu sagen.«

Die Frau sieht ihn wartend an.

»Was ich etwa tun kann, ihm zu helfen, soll geschehen. Ich habe gehört, er hat seinen Posten verloren. Das tut mir leid. Ich will gerne ...«

Aber die Frau sagt nichts.

Der Bürgermeister ist halb entmutigt. »Sie sollten mir eine Möglichkeit geben, mit Ihrem Mann zu sprechen. Wenn Sie mir nicht verzeihen wollen, ist es Ihre Sache. Aber vielleicht will Ihr Mann ...«

Die Frau kommt langsam durch die ganze Breite des Zimmers auf ihn zu. Sie geht leise, auf Zehen, als dürfe sie etwas, das schläft, nicht stören. Vor dem Bürgermeister, der sie aufmerksam ansieht, bleibt sie stehen und flüstert: »Ich warte ...«

Der Bürgermeister fürchtet sich nicht, aber er fühlt sich ungemütlich. Er fragt: »Ja?«

»Er ist noch immer nicht gekommen«, sagt die Frau.

»Er ist fort?« fragt, wie angesteckt, ebenso leise der Bürgermeister.

»Ich warte seit dem Abend.«

»Und er ist nicht wiedergekommen?«

»Nein. Und er kommt nicht wieder.«

Der Bürgermeister sieht die Frau prüfend an: »Wie lange haben Sie nicht geschlafen, Frau Tredup?« fragt er. Und als sie nicht antwortet, nimmt er sie beim Arm und führt sie gegen das Bett.

Sie folgt ihm willenlos, ihr Gesicht verzieht sich wie das eines Kindes, das weinen will. Er hebt sie hoch und legt sie auf das Bett. Er legt eine Decke über sie.

»Schlafen Sie jetzt, Frau Tredup«, sagt Gareis. »Er kommt wieder.«

Sie bewegt noch die Lippen, will widersprechen, und schon schläft sie.

Der Bürgermeister sieht eine Weile auf sie nieder, dann geht er auf Zehenspitzen aus dem Zimmer.

5

Gareis tritt wieder auf die Straße. Der Besuch hat ihn nicht fröhlicher gemacht: »Tredup verschwunden – nun ja, also wegen solcher Sachen verschwinden Leute.

Er wird ja wiederkommen«, sagt er sich.

»Er kommt nicht wieder«, sagt die tonlose Stimme der Frau.

Der Bürgermeister ist in Gedanken verloren die Stolper Straße weitergegangen, aus der Stadt hinaus. Er kommt über die Bahn fort. Zur Rechten liegen nun die großen häßlichen verqualmten Hallen des Eisenbahnausbesserungswerkes, zur Linken die ebenso häßlichen Arbeiterhäuser der Reichsbahn. Dann kommen Felder, verwahrloste, regentriefende Felder.

Und nun scheint die Stadt wieder anzufangen, es ist aber nicht mehr Altholm, sondern Grünhof.

»Mendels Gasthof zur Schießstätte. Zwei Salonkegelbahnen. Großer Schießstand.«

»Hier wartete die Schupo. Na ja. Na also. Ich könnte auch einmal an etwas anderes denken.«

Vor ihm liegt eine Autobushaltestelle. Grade ist ein Autobus angekommen, der nach der Stadt zu fährt. Sechs, sieben Leute haben ihn erwartet, darunter eine Uniform. Aber sie steigen nicht ein, im Gegenteil, ein paar Leute steigen aus.

Geschimpfe beginnt.

Gareis geht schneller.

Die Leute sind in einem hitzigen Wortwechsel, die Uniform, jetzt im Wagen antwortet barsch und grob. Der Bürgermeister erkennt seinen Polizeimeister Kallene.

Grade will der Wagen losfahren, beladen mit den Flüchen der Zurückbleibenden, als Gareis auftaucht und dem Chauffeur Halt winkt.

»Was ist hier los?«

Einen Augenblick Stille.

Dann schreien zehn Stimmen auf einmal: »Das ist eine Gemeinheit, Herr Bürgermeister!«

»Ich lasse mich nicht raussetzen.«

»Ich habe mein Fahrgeld bezahlt.«

»Sich selber reinsetzen, das könnte ihm so passen.«

»Das sind die Herren von der Polizei. Wir haben natürlich keine Rechte.«

»Ruhe«, sagt der Bürgermeister. »Was ist los, Polizeimeister?«

»Der Wagen ist für zwanzig Fahrgäste zugelassen. Ich revidierte und stellte dreiundzwanzig fest. Da habe ich pflichtgemäß drei entfernt und den Chauffeur aufgeschrieben.«

»Und setzt sich selber rein!«

»Der wiegt ja nichts. Die von der Polizei verhungern ja alle.«

»Redet keinen Quatsch. Polizeimeister, raus mit Ihnen aus dem Wagen! Wir sprechen uns noch. Euch andern kann ich nicht helfen. Zwanzig ist Vorschrift und Vorschriften sind dazu da, daß sie nicht vor meinen Augen übertreten werden.«

»Ist schon recht, Bürgermeister«, sagt ein Arbeiter. »Mich hat nur der Blaue gewütet, daß er sich da dick reingesetzt hat und uns schmeißt er raus.«

»Los, Chauffeur«, sagt Gareis und geht weiter.

Der Zwischenfall hat ihm gut getan. »Es gibt immer zu tun auf der Welt«, denkt er. »Ganz erledigt bin ich noch nicht. Verschwinden? Ah bah, wo es soviel Arbeit gibt! Ich denke ja gar nicht daran. Ich habe eines auf den Deckel gekriegt. Kräftig. Das bleibt nicht aus.

Aber ich war auch leichtsinnig. Habe es verdient. Das nächste Mal passe ich mehr auf.

Armer Tredup, es war nie viel los mit dir. Immer die Hinterwege, die Gassen vor den Straßen. Du wärst auch über jedes andere Bein gefallen statt über meins. Arme Frau.«

Es regnet ganz hübsch, auch der Wind wird außerhalb Grünhofs nicht schwächer. Aber jetzt sind ganz manierliche Felder rechts und links, schon hübsch zurechtgemacht mit oder für Wintersaat. Manche Bauern pflügen trotz des Regens. Gareis schreitet kräftig aus.

6

Im Gerichtssaal hat die Verteidigung unterdes den Antrag gestellt, vor allen Dingen einmal den Inhalt des Geheimbefehls klarzustellen.

»Wir legen Wert darauf, weil wir diesen Geheimbefehl für ein Glied in der Kette der Sondermaßnahmen von Regierung gegen Bauernschaft ansehen. Wir wissen bereits, daß nach Ansicht der Regierung die Bauernschaft besonders gefährlich war, und daß der Oberinspektor Frerksen zum mindesten besonders scharfes Vorgehen für einen Wunsch der Regierung hielt. Die Ladung von Herrn Regierungspräsidenten Temborius behalten wir uns vor.«

Assessor Meier starrt entsetzt.

»Vorläufig beantragen wir, den hier anwesenden Vertreter der Regierung zu dem Geheimbefehl zu hören.«

Aber Meier geht gar nicht erst bis an den Richtertisch. Meier wehrt aus der Ferne ab: »Ich bin nicht befugt auszusagen. Ich besitze keine Aussageerlaubnis meiner Regierung. Außerdem habe ich nicht die geringste Ahnung von dem, was in dem Geheimbefehl gestanden hat.«

Der Vorsitzende meint: »Legen Sie wirklich Wert darauf, Herr Justizrat? Da der Geheimbefehl doch anscheinend gar nicht gelesen worden ist.«

»Wir legen den größten Wert darauf. Er ist wichtig für die Einstellung der Regierung. Außerdem kann er der Schupo bekannt gewesen sein und würde dann eventuell das rücksichtslose Vorgehen in der Viehhalle erklären. Wir beantragen die Ladung von Herrn Oberleutnant Wrede.«

Die Ladung wird beschlossen. Ein anwesender Schupooffizier macht darauf aufmerksam, daß Herr Wrede sich in Altholm befindet, vielleicht im Zuhörerraum.

Im Zuhörerraum erhebt sich Polizeioberleutnant Wrede.

Er tritt an den Richtertisch.

Der Vorsitzende sagt lächelnd: »Herr Oberleutnant, Sie sind der heutigen Verhandlung gefolgt?«

Der Oberleutnant verbeugt sich.

»Sie wissen also, daß der Inhalt dieses Geheimbefehls sich uns zu entziehen scheint, sobald wir ihn zu halten meinen. Darf ich Sie vor der Vereidigung fragen, ob Ihnen der Inhalt des Geheimbefehls bekannt ist?«

»Jawohl, Herr Landgerichtsdirektor.«

»Ich vereidige Sie dann. – Bitte sehr, Herr Oberstaatsanwalt –«

»Ich möchte an den Zeugen doch die Frage richten, ob er ohne Aussageerlaubnis seiner Vorgesetzten aussagen zu dürfen glaubt.«

Eine Welle von Ungeduld geht durch den Saal. Der Vorsitzende faltet ergebungsvoll die Hände.

Der Oberleutnant schnarrt: »Habe keinerlei Bedenken.«

Der Oberstaatsanwalt beharrt: »Ihre Verantwortung, Herr Oberleutnant ...«

Der Oberleutnant unterbricht mit Entschiedenheit: »Keinerlei Bedenken!«

Der Vorsitzende atmet auf: »Die religiöse Formel oder ...?«

»Religiös, bitte.«

Der Eid wird geschworen.

»Also bitte, Herr Oberleutnant, nun erzählen Sie uns, was Sie von diesem Geheimbefehl wissen.«

»Geheimbefehl – ist ein Wort. Militärische Ausdrucksweise. Besagt nur, daß der Befehl allein für den internen Verkehr innerhalb der Polizei bestimmt ist.

Der Wortlaut ist mir natürlich nicht mehr erinnerlich. Der Sinn ging dahin, daß die zwei Hundertschaften dem Kommando von Herrn Gareis unterstellt wurden, daß angegeben war, wie und wo weitere Hilfskräfte für ihn erreichbar waren, und daß der Verwendungszweck gewissermaßen abgegrenzt war.«

»Das interessiert uns am meisten.«

»Ja, es hieß wohl so, daß die Schupo nur eingesetzt werden durfte, falls die städtische Polizei nicht ausreichte. Daß sie bei ernstlichen Kämpfen, vor allem vor dem Gebrauch der Schußwaffe, unbedingt vorher das Kommando zu verständigen habe.«

»Und weiter?«

»Weiter? Sonst nichts. Glaube, weiter war nichts.«

Der Verteidiger erhebt sich. »Eine Frage sei an den Zeugen gestattet. – Herr Oberleutnant, ist Ihnen vielleicht erinnerlich, daß in dem Befehl der Wunsch ausgedrückt war, wörtlich oder dem Sinne nach, daß die Schupo besonders scharf gegen die Bauern vorgehen sollte?«

Der Oberleutnant ist ganz Verachtung: »I wo! Kein Bein!«

»Ich bitte den Zeugen doch, mir präzis zu antworten.«

»Nee, stand nicht drin.«

»Sie erinnern sich bestimmt?«

»Irrtum ausgeschlossen.«

»Von wem mag wohl der Befehl ausgestellt sein?«

»Kann ich nicht bestimmt sagen. Nehme aber an: Oberst Senkpiel.«

»In Stolpe?«

»Natürlich in Stolpe.«

»Der Zeuge wird entschuldigen, daß ich das nicht wußte. – Jedenfalls behält sich die Verteidigung die Ladung von Herrn Oberst Senkpiel vor.«

»Und jetzt«, sagte der Vorsitzende mit freundlicher Bestimmtheit, »wollen wir diesen Geheimbefehl erst einmal ruhen lassen. – Ich danke Ihnen, Herr Oberleutnant.«

7

Es ist schon dunkel, es ist nach acht Uhr abends, als Gareis noch einmal auf sein Amtszimmer vorgeht.

Wohl hat er daran gedacht, daß er sich zur Verfügung des Gerichts zu halten hatte, aber er hat denen eins geschissen. Ein auf dem Land, in Regen und Wind durchlaufener Tag hat seine Kampflust von neuem wieder angefacht, seine Wurstigkeit ist wieder da.

»Ich habe Pech gehabt, nun, es wird auch wieder Massel geben.«

Als er am Nachmittag in einen Dorfgasthof kam (bei Dülmen), sich dort etwas zu essen bestellte, als er sah, wie sie ihn beglotzten, wie sie mit blöden Ausreden kamen, es sei nichts da, keine Eier, kein Schinken, keine Kartoffeln, da hat er mit dem Gebrüll eines Stiers auf den Tisch geschlagen, den Wirt in einen Winkel hinter der Theke geschreckt, die Alte in die Küche gejagt.

Er bekam ein Bauernfrühstück von sagenhaften Ausmaßen.

Geld nahmen sie nicht, aber es war eine Büchse da, für die Rettungsgesellschaft Schiffbrüchiger, in die warf er seinen Obolus – er taxierte sich einschließlich Bier auf zwei Mark ein –, und der Wirt sah eigentlich so aus, als ob er den Schiffbrüchigen das Bauernfrühstück nicht gönnen würde.

Als er dann aus dem Gasthof kam, war er gut annonciert, für ein Bauerndorf an einem Regentag im Oktober war die Dorfstraße merkwürdig belebt. Er hielt kräftig Ausschau nach einem bekannten Bauernkopf, aber in Dülmen glückte das noch nicht. So ging er durch sie durch, wo die Gruppen am dicksten standen, er sagte vernehmlich »Dag ok«, er sah sie kräftig an, er hustete oder räusperte sich schallend.

Drei Dörfer weiter – oder war es das vierte? – sah er dann einen Bauern, den er kannte. Den Namen wußte er nicht, aber er erinnerte sich noch gut des Falles, durch den er den Mann kennengelernt hatte.

Eine Sau mit einem Wurf Ferkeln war auf der Ausstellung in Altholm prämiiert, und der Preis waren zweihundert Zentner Kalkmergel gewesen, von einer Fabrik gestiftet. Dann hatte aber die Fabrik mit der Lieferung Schwierigkeiten gemacht und Gareis hatte geklagt. Es war auch Termin gewesen, zu dem wohl Stein gegangen war, jedenfalls wußte der Bürgermeister nichts Rechtes über den Ausgang.

Nun schaukelt er auf den Bauern zu, der da mit drei andern steht.

»Na, Vadder, der Kalkmergel glücklich eingetrudelt?«

»Andere Woche«, sagt der Bauer. »Eine Schande ist es, wie lange das gedauert hat.«

»So machen es die Fabrikanten mit uns«, sagt der Bürgermeister. »Aber wir sind doch klüger gewesen, wir haben sie doch reingelegt.«

»Das soll wohl sein, daß Sie klüger sind. Wir Bauern sind allemal die Dummen.«

»Wieso? Taugt der Mergel nichts?«

»Dem Mergel fehlt nichts, aber ihr Altholmschen ...«

»Mein Lieber«, sagt der Bürgermeister, »ihr lest doch Zeitungen –?«

»Wenn mal Zeit ist ...«

»Jetzt ist Zeit. Also ihr lest die Bauernschaft. Ihr lest den Prozeß jetzt. Was deucht euch das denn so?«

»Ja, Herr Bürgermeister, auf uns geht es runter, wir müssen ja wieder brummen. Und Ihr Frerksen, der den Mist gemacht hat, geht frei aus.«

»Christan! Mensch, oder wie du heißt ...«

»Bruhn«, sagt der Bauer.

»Also, Bruhn, du hast doch schon mal Mist gemacht auf deinem Acker. Zu naß gepflügt oder zu früh gemäht?«

»Hab ich, Bürgermeister.«

»Und hast deine Ohrfeige weggekriegt. Alles in Klüten oder der Roggen ausgewachsen. Was?«

»Mehr als oft, Bürgermeister.«

»Und dein Nachbar da, wie heißt er? Harms? Also Harms hat auch schon mal Mist gemacht ...«

»Das soll wohl angehen.«

»Und der hat trotzdem seinen feinen garen Acker gekriegt und den Roggen trockener rein als du?«

Harms protestiert: »Nee, Bürgermeister, das ist nun ...«

Aber die andern: »Recht hat er. Du kannst Ostern zu Pfingsten feiern: wenn wir Weihnachten haben, bist du auch soweit.«

»Seht ihr«, sagt der Bürgermeister. »Manchmal hat man Glück und manchmal hat man keins. Der Frerksen, der hat diesmal naß gepflügt und es geht ihm doch glänzend, und ihr habt alles getan, wie es sich gehört, und sitzt im Schiet.«

Die Bauern betrachten ihn geruhsam, ihren Elefanten.

»Und weil ihr nun mal an den lieben Gott glaubt – ihr sagt's wenigstens euerm Pastor, wenn ich euch auch für olle Heiden halte –, weil ihr aber nun mal den lieben Gott habt, so müßt ihr euch damit trösten, daß der es dem Frerksen und dem ganzen Altholmschen Babylon schon besorgen wird, wenn nicht anders, dann beim Jüngsten Gericht. Aber das versteh ich nicht, daß ihr zur Strafe für die Sünden von uns Bonzen auch noch die Eier und die Butter billiger verkaufen sollt.«

»Bürgermeister«, sagt ein großer, finster aussehender Bauer. »Ich glaub keinen Augenblick, daß Sie für uns sind. Sie sind ein Schweinehund wie alle Roten. Aber Sie sind ein Schweinehund, mit dem man eine Sache bereden kann. Wenn es Ihnen wert ist, dann kommen Sie mal einen Abend zum Grog und wir bereden den Kram.«

»Tu ich. Mach ich«, sagt der Bürgermeister.

»Aber bringen Sie keine andern mit. Kommen Sie allein. Wenn«, sagt der Bauer und grinst, »Sie keine Angst vor uns haben.«

»Schrecklich«, sagt der Bürgermeister und schüttelt all sein Fett.

»Ich sage weiter in den Dörfern Bescheid. Sie können ja 'ne Tour machen und wir können bereden, was wir in der Sache verlieren und was Sie in der Sache verlieren.«

»Junge, Junge«, sagt der Bürgermeister, »Sie haben aber Mut. Erlaubt denn das Ihr Reimers?«

»Ich bin der Gemeindevorsteher Menken«, sagt der Bauer, »und ich weiß schon, wieviel Zentner ich auf den Boden tragen kann und was mir zu schwer ist. Der Reimers ist viel zu lange drin, der weiß nicht mehr, was hier draußen gespielt wird, wie die Herren auf der Bauernschaft üppig geworden sind. Wir reden mit Ihnen, Bürgermeister, und wenn wir zu was Ja sagen, dann ist es Ja.«

»Jungens«, sagt der Bürgermeister und schaukelt vor Wonne den Bauch in der Hose, »nun kommt mit und trinkt im Krug einen Grog mit mir. Das ist hier ein betrübtes Stehen im Regen und ich bin zufrieden, daß ich endlich wieder nach all dem Zank ein vernünftiges Bauernwort gehört habe.«

»Also trinken wir einen.«

Es wurden aber mehrere. Und als er dann durch die Dunkelheit nach Haus zurückstampfte, dachte der Bürgermeister: »Ich zurücktreten? Ich meinen Posten aufgeben? Mit Zähnen und Krallen halte ich mich dran.

Andere haben viel mehr Mist gemacht. Manzow, Niederdahl, Frerksen, alle. Ich werd's aushalten, drei Wochen werden sie sich die Mäuler zerreißen und dann haben sie's über, dann wird losgearbeitet, und zu Weihnachten haben wir keinen Boykott mehr.«

8

Der Bürgermeister macht also nach acht die Tür zu seinem Arbeitszimmer auf.

Natürlich ist alles dunkel, um diese Stunde ist kein Mensch im Rathaus.

Aber er will sehen, was die Post gebracht hat. Vielleicht liegt auch ein Zettel von Piekbusch auf dem Schreibtisch, daß ihn das Gericht gewünscht hat. Dann wird er zum Vorsitzenden gehen, heute abend noch, in die Wohnung von Fabrikbesitzer Thilse, und wird sich entschuldigen.

Auf der großen Eichenplatte des Schreibtisches liegt einsam und verlassen ein Brief. Ein Brief.

Während Gareis den Brief auffetzt, beginnen seine Nerven zu kribbeln. Er hat gestanden, nun setzt er sich.

Ein amtliches Schreiben:

"Stolpe, den 15. Juli. An den Herrn Polizeiverwalter der Stadt Altholm, Herrn Bürgermeister Gareis. Persönlich. Geheimbefehl. Mit dem morgigen Tage, morgens 9 Uhr, werden Ihnen zwei Hundertschaften der hiesigen staatlichen Polizei unter dem Kommando von Herrn Oberleutnant Wrede unterstellt mit der Maßgabe ...«

Der Geheimbefehl! Der verschwundene Geheimbefehl.

Bürgermeister Gareis liest nicht weiter. Er schmettert den Brief auf den Tisch, stürzt an die Tür, brüllt wie ein Wilder in das Dunkel des Vorzimmers, auf den Gang: »Piekbusch! Piekbusch!«

Dann besinnt er sich.

Er stampft schwer gegen den Schreibtisch zurück, fällt keuchend in seinen Sessel.

»Der Geheimbefehl ...«

Heute ausgesagt, in die Tinte gerast bis über die Ohren. Da liegt es nun, das wichtige Dokument.

Gareis versucht eine Zigarre in Brand zu stecken, aber seine Hände zittern, die Streichhölzer knicken, das Dings kohlt.

Mit mahlenden Kiefern kaut er auf der Zigarre herum, greift mit der bebenden Hand von neuem nach dem Befehl, liest ihn.

Geheimbefehl – es ist zum Lachen. Was für ein phantasievoller Idiot ist er gewesen, nicht gleich zu erraten, daß dies nichts war wie Verwaltungskram, Wichtigtuerei eines blöden Militärbürokratismus.

»... und werden Sie mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß nach Möglichkeit vor etwaigem Gebrauch der Schußwaffen das hiesige Kommando unbedingt in Kenntnis zu setzen ist ...«

»So siehst du aus! Nach Möglichkeit unbedingt in Kenntnis zu setzen ist ... Und ich habe an hohe Politik geglaubt! Ich habe an Sondermaßnahmen geglaubt!! Ich habe nicht daran gedacht, daß die schon Sondermaßnahmen treffen, aber sie sicher mir nicht schriftlich geben.«

Nach einer Pause, wutknirschend:

»Und wie ein Affe habe ich vor denen gestanden und habe ihnen meine Doofheit vorgeplärrt! Klein gemacht habe ich mich. Weinerlich haben sie mich gesehen. Verlegen bin ich gewesen wie 'ne Jungfer, der einer in den Busen glotzt – o Gareis, Gareis, Gareis, ich bin zum Speien!«

Er steht wieder auf, er rennt im Zimmer hin und her, er beglotzt wütend die Wände. Dann jagt ihn der Hunger nach einem Menschen, dem er alles über sich sagen kann, wieder auf den Gang, er reißt die Tür zu Assessor Steins Zimmer auf, brüllt: »Stein! Assessor! Mensch!«

Ruhe. Stille.

Er wendet sich zurück. Und sieht auf den Gang stehend, wie es im Treppenhaus hell wird, Stimmen werden laut.

Mit einem Satz ist er in seinem Zimmer, durch einen Türspalt späht er.

Drei Gestalten nahen.

Er schließt die Tür vorsichtig. Ist mit ein paar Schritten in seinem Schreibtischsessel. Stopft den Geheimbefehl mit Umschlag in die Tasche. Hat den Riesenbleistift in der Hand, weißes Papier vor sich. Drei, vier Bücher aufgeschlagen um sich gruppiert.

Als die klopfen, sagt er ruhig: »Herein.«

Sogar die Zigarre brennt jetzt.

9

Die drei, die eintreten, sind alte liebe Genossen von ihm: Der Stadtverordnete Geier, der Parteisekretär Nothmann und am Ende das große Tier der Provinz aus Stettin, der Reichstagsabgeordnete Koffka.

Sie treten sehr sachte herein und die Blicke, die sie auf ihn werfen, sind nicht so siegesbewußt, wie sie sein müßten.

»Nett, daß ihr kommt«, sagt anerkennend Gareis. »Wollt ein altes Arbeitstier vom Schreibtisch lotsen. Mir ist's recht. Also trinken wir ein Bier im Tucher.«

Er sieht, wie sie schaudern bei dem Gedanken, öffentlich mit ihm heute im Lokal sitzen zu müssen, und grinst.

»Nee, Genosse Gareis«, sagt der Abgeordnete Koffka, »nach Bier ist uns nicht zumute und nach Sitzen mit dir im Lokal ist uns auch nicht zumute. Aber eine Zigarre darfst du uns immerhin anbieten.«

Der Bürgermeister tut es und sagt beiläufig: »Blühend siehst du aus, Koffka. Die Schwatzbude in Berlin bekommt dir.«

»Du, Genosse Gareis«, sagt der Abgeordnete grämlich, »sorgst schon dafür, daß das bißchen Gesundheit wieder vor die Hunde geht. Ich habe heute früh in eurer hübschen Turnhalle gesessen, ich habe dich da gesehen vor den Richtern, eine nette Figur hast du gemacht, Gareis!«

»Findest du?« sagt der Bürgermeister gleichmütig. »Du hast natürlich nie einen Brief verschusselt, Koffka, und dich dann hingestellt und getan, als wär er längst beantwortet.«

»Es handelt sich nicht um mich, und was ich getan und was ich nicht getan habe«, sagt verärgert der Koffka. »Es handelt sich darum, was du gemacht hast. Und einen schönen Mist hast du gemacht, Gareis, das kann man wohl sagen, und eine nette Schmach bist du für die Partei.«

»Ich«, sagt der Bürgermeister und betrachtet nachdenklich den Brand der Zigarre, »bin der Ansicht, daß dies mein Amtszimmer ist. Und daß ich jeden, der mir hier dämlich kommt, eigenhändig achtkantig aus der Tür schmeiße.«

»Das kannst du, Gareis«, sagt der andere nicht weniger ruhig.

»Dazu bist du körperlich und seelisch völlig in der Lage. Es fragt sich nur, ob damit die Sache weitergedeiht. Immerhin bist du heute ziemlich dicht an einem fahrlässigen Falscheid vorbeigeschlittert – oder wie man das juristisch nennt –, und es kommt schließlich auf uns drei hier an, ob aus dem Vorbeischlittern nicht eine Anzeige wegen Meineides wird, wenn wir da den Zipfel vom Geheimbefehl aus deiner Tasche kommen sehen.«

Gareis hat sich sehr in der Gewalt, aber doch nicht so sehr, daß er jetzt wütend nach der Jackettasche greift. Er stopft den Zipfel zurück, besinnt sich, reißt den Brief vor und legt ihn auf den Tisch. Er sieht die drei herausfordernd an.

»Du kannst«, sagt Koffka, »natürlich auf den Tisch hauen, du kannst uns mit den Köpfen aneinanderschlagen, aber du kannst uns nicht alle drei totschlagen. Ich will nicht einmal behaupten, daß dann morgen eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft einpassieren würde. Aber du müßtest dem Gericht doch eine verdammt komische und unglaubhafte Geschichte erzählen, wenn du morgen wieder über den Geheimbefehl vernommen würdest, und jetzt plötzlich kennst du ihn.

Ich denke mir so, die Geduld würde dann bei allen reißen. Staatsanwälte glauben nicht gerne an Märchen und deine Geschichte klänge doch wie ein richtiges Märchen.«

»Was wollt ihr also?« fragt der Bürgermeister finster.

»Daß du abtrittst, Genosse Gareis, daß du völlig und lautlos abtrittst, daß du heute noch in unserer Gegenwart dein Abschiedsgesuch an den Magistrat unterschreibst. Das wollen wir, Genosse Gareis.«

»Ich trete nicht ab, ihr könnt mich anzeigen, meinethalben, aber ich trete nicht ab. Ich gehe nicht weg aus Altholm! So nicht.«

»Wie denn? Mit Handschellen?«

Der Bürgermeister lacht wütend: »Ihr denkt, ihr seid Schlauköpfe. Ihr denkt, ihr habt mich. Aber ich habe Zeugen für das, was ich gesagt habe. Piekbusch kann gehört werden, Stein kann gehört werden. Mir kann keiner was.«

»Ich glaube nicht, daß Piekbusch grade ein guter Zeuge für dich sein wird.«

Der Bürgermeister braust auf: »Ich kenne Piekbusch seit Jahren. Piekbusch ist treu.«

Die drei lachen, sie lachen jeder für sich, jeder auf seine Art, es klingt nicht sehr gut.

»Wir wollen weiter nicht darüber reden«, sagt Koffka. »Wir wollen uns überhaupt nicht streiten. Sei vernünftig, Gareis, überlege dir fünf Minuten deine Lage ruhig, und sage dann, daß wir recht haben. Wir lassen dann auch mit uns reden.«

Der Bürgermeister sieht die drei an. Es liegt etwas Hoffnungsloses in seinem Blick. Dann steht er auf und beginnt hin und her zu wandern.

Die sitzen und rauchen.

Plötzlich bleibt der Bürgermeister stehen: »Koffka«, sagt er, »oller Genosse, hör zu. Ich habe Mist gemacht. Ich habe immer gedacht, es ginge gut aus. Es ist schiefgegangen. Aber tausend Sachen gehen schief aus, darum kann man nicht jeden in die Wüste schicken.

Ihr kriegt keinen wieder her wie mich. Denke nach, was ich in den sechs Jahren für die Stadt und für die Partei geleistet habe. Was war Altholm, als ich kam? Ein Saustall. Heute, frage in der ganzen Provinz, laß dir sagen, wieviel Leute aus dem Reich gereist kommen, weil Altholm sozial mustergültig ist.

Denk an unser Altersheim mit dem großen Gutsbetrieb und der Schule zur Umstellung erwerbsloser Industriearbeiter auf die Landwirtschaft. Denk an unser Säuglingsheim. An das Kinderheim. An das Ledigenheim. An das Lehrlingsheim. Denke daran, daß es in der Stadt Altholm keine Fürsorgeerziehung mehr gibt, daß wir jetzt die Kinder behalten und Menschen aus ihnen machen.

Denk an die Badeanstalt, an das Stadion, an die neue Feuerwache. Und denke daran, daß wegen all dieser Dinge die Schulden der Stadt nicht so sehr viel größer geworden sind, daß ich das Geld, Mark für Mark, Hunderttausende, zusammengeschnorrt habe.

Wer kann das noch? Das fällt alles zusammen, wenn ihr mich absägt. Dann kosten plötzlich all die Anstalten wieder Geld, dann werden sie zugemacht, verkleinert, ich weiß das doch. Dann kommen die Kinder wieder in die Anstalten der Provinz oder zu versoffenen Vätern, schludrigen Müttern, in Pflegestellen, die nur den eigenen Beutel pflegen. Kannst du das verantworten, Koffka?«

»Wenn man dich so reden hört, Genosse Gareis, weiß man wieder, warum man dich so lange gehalten hat und deine Wippchen mit angesehen. Aber es hilft nichts, Gareis, es ist alle. Es geht nicht mehr.

Die kommunalen Wahlen stehen vor der Tür. Bleibst du hier, verliert die Partei mindestens fünfzig Prozent ihrer Stimmen.«

»Mehr. Siebzig«, grunzt Geier.

»Auch möglich. Du hast ja keine Ahnung, Gareis, wie unbeliebt du bei den Genossen bist. Du bist groß und stark, du knöpfst dir einen einzelnen vor und redest ihm ein Loch in den Bauch. Und weil der Ja zu dir sagt, denkst du, er meint wirklich Ja.

Dann gehen sie von dir weg und hinter deinem Rücken schreien sie dreimal Nein, zehnmal Nein und nennen dich Mussolini.

Das geht, solange du erfolgreich bist. Aber es versagt in der Sekunde, wo sie dich mal schwach sehen. Hast du die Zeitungen von heute gelesen?«

»Nein. Noch nicht. Interessiert mich auch nicht.«

»Es ist ja eigentlich ganz überflüssig, daß wir heute gekommen sind. Du bist tot. Du hast dich selber abgekehlt. Wir wollen nur, daß du ohne Krach gehst. Also sei vernünftig, schreib um deine Entlassung.«

»Ich will dir was sagen, Koffka«, sagt der Bürgermeister, »du siehst jetzt schwarz. Dir ist mies. Kann ich verstehen, mir war auch mies heute früh. Dann bin ich über Land gegangen, spazieren, mich auslaufen. Und da bin ich mit den Bauern ins Gespräch gekommen.

Die reden mit mir, Koffka. Ich bin heute der einzige Mann, der die Stadt aus dem Boykott retten kann. Die haben mir Verhandlungen direkt angeboten. Was soll aus Altholm werden, wenn der Boykott über den Winter geht?

Gib mir noch ein halbes Jahr. Dann will ich dir zeigen, was ich geschafft habe. Dann setzen wir uns wieder zusammen, und wenn du dann noch willst, daß ich gehe, dann hau ich ab ohne ein Wort.«

»Seht ihr«, sagt der Abgeordnete und nickt den andern zu, »da habt ihr den ganzen Gareis. Eben im Gerichtssaal hat ihm der Vertreter der Bauern eins aufs Dach gegeben, hat ihn reingeritten, und da geht er fröhlich hin und knüpft Verhandlungen an mit denselben Bauern.

So solo. Ganz für sich. Die Partei fragen, das hat der Gareis doch nicht nötig.

Ich sage dir aber, die Bauern gehen uns einen Dreck an. Das ist uns piepe, ob die einen Boykott haben. Was geht das die Arbeiter an! Haben Arbeiter Läden, in denen die Bauern nichts mehr kaufen? Du besorgst die Geschäfte von den Bürgerlichen, von den Bauern, nächstens wirst du Nachtmärsche für den Stahlhelm organisieren und Hakenkreuzumzüge für Hitler, und dann wunderst du dich, wenn die Partei unzufrieden mit dir ist!«

»Du bist ein Arschloch«, sagt Gareis grob, aber nicht unzufrieden.

»Selbst in deinem Parteischädel hat es wohl schon gedämmert, daß, wenn es den Bürgern dreckig geht, auch die Arbeiter nichts zu lachen haben.«

»Wie wäre es, Gareis, wenn wir jetzt Schluß machten? Es hat alles keinen Sinn. Du schreibst dein Abschiedsgesuch. Entlassung aus den städtischen Diensten. Sofort.«

»Nein«, sagt Gareis fest.

Koffka strafft sich: »Dann veröffentlichen morgen früh sämtliche Parteiblätter deinen Ausschluß aus der Partei.

Dann sorgen wir dafür, daß die Sache mit dem Geheimbefehl weiterverfolgt wird.

Dann wird die Fraktion der SPD im Stadtparlament deine Entlassung aus städtischen Diensten beantragen.

Dann wird von der Regierung ein Disziplinarverfahren gegen dich eingeleitet.

Dann bist du völlig erledigt.

Dann kriegst du überhaupt keine Arbeit im Leben wieder, die sich lohnt.«

Die vielen harten Dann klingen wie ebensoviel harte Hammerschläge, die sein Werk zerschlagen, in Gareis' Ohren.

Er steht auf und ruft verzweifelt: »Aber so bleibt mir auch keine Arbeit! Ich bin ja nutzlos! Was soll ich dann noch?«

»Ich habe den Auftrag«, sagt der Reichstagsabgeordnete Koffka, »dir sofort nach der Unterzeichnung deines Abschiedsgesuches deine Berufung zum Bürgermeister von Breda zu überreichen.«

»Was ist denn das?« sagt der Bürgermeister mißtrauisch. »Breda? Nie gehört.«

»Breda ist eine Stadt an der Ruhr. Einundzwanzigtausend Einwohner. Nur Hütten- und Zechenarbeiter. Arbeit. Arbeit. Arbeit. Nichts ist bisher geschehen.«

»Und wer ist der erste Bürgermeister?« fragt Gareis.

»Du fällst die Treppe hinauf. Du bist der erste und der zweite und der dritte. Alles. Das Stadtparlament ist SPD und KPD und ein paar Zentrum, die keine Rolle spielen. Arbeiten kannst du da.«

Der Bürgermeister sieht beunruhigt aus: »Zeig den Wisch mal her.«

»Wenn du unterschrieben hast.«

Gareis geht auf und ab. Dann seufzt er schwer, setzt sich an den Schreibtisch und schreibt los. Er löscht sorgfältig ab und reicht den Brief an Koffka weiter.

»Schreib noch einen Umschlag, Gareis. Ich besorg dann morgen den Brief selbst, damit du es nicht vergißt.«

»So. Und nun gib die Berufung.«

»Hier. Morgen oder übermorgen bringen es die Parteiblätter. Wir stehen natürlich alle hinter dir. In den nächsten Tagen bekommst du auch einen Fackelzug von der Partei. Zum Abschied. Es wird alles seine Ordnung haben.«

»Na ja schön«, sagt der Bürgermeister. »Aber jetzt wär ich euch doch sehr verbunden, wenn ihr euch drücken wolltet. Für heute abend hab ich euch lange genug gesehen.«

»Guten Abend, Genosse«, sagen sie.

»Ach scheiß«, sagt er.

10

Als sie gegangen sind, bleibt Gareis reglos in seinem Stuhl sitzen. Er denkt nach, er sieht die Stadt vor sich, in die er sechs Jahre Arbeit steckte. Die Häuser kommen, die er hat erbauen lassen. Er sieht den Schlafsaal vor sich im Säuglingsheim mit den sechzig Kindern, die dort liegen in ihren Strampelsäcken, mit den Gesichtern, die so merkwürdig menschenähnlich sind und so erschütternd fremd.

Er erinnert sich, wie einmal ein Arzt zu ihm sagte: »Eigentlich alles unproduktive Arbeit, Bürgermeister. Das minderwertigste vom minderwertigen Material. Kinder von Trinkern, luetische Kinder, Krüppel, schwachsinnige Kinder. In Sparta hätte man sie alle totgeschlagen.«

Es fällt ihm ein, wie er monatelang nicht über die Worte hat fortkommen können: »Eigentlich alles unproduktive Arbeit, Bürgermeister.«

Er denkt an die fünfhundert Gesichter in dieser Stadt, die er angetrieben hat zu dieser und zu anderer Arbeit, die er aufgejagt hat aus ihren Sofawinkeln, von ihren Schlummerkissen.

Er weiß, wenn er hier fortgeht, er wird nie wieder so arbeiten können. Wo er auch anfängt, sein Jugendwerk hat er hinter sich, seine Illusionen hat er hinter sich, der Elan ist vorbei. Er ist kein junger Mann mehr, er ist ein Mann dann wie alle.

Die Tür hat geknarrt, er hebt den Kopf und blinzelt müde.

Der Jünger steht dort, Assessor Stein. Schwarz, mager, nervös.

»Ich wollte Ihnen noch gute Nacht sagen, Bürgermeister.«

Gareis grübelt trübe. Was will der? Gute Nacht sagen? Warum will er gute Nacht sagen?

Und er erinnert sich, daß dieser Stein im Gerichtssaal den Blick gesenkt hielt, seinem Blick auswich.

Zugleich fällt ihm ein, daß der Genosse Koffka nicht diesen Namen genannt hat, als er von unzuverlässigen Zeugen sprach.

Er sieht rasch auf die Schuhe des andern: sie sind vom Lehm beschmutzt.

»Waren Sie auch über Land, Assessor?« fragt er langsam.

»Ja. Ich bin Ihnen nachgelaufen. Aber Sie waren schon weg.«

Der Bürgermeister tritt nah an seinen späten Besuch. Mit der Hand biegt er den Kopf des andern zurück, daß die Augen in vollem Licht liegen.

»Gehen Sie mit mir, Stein, wenn ich hier fortgehe?«

»Sie gehen nicht fort!«

»Gehen Sie mit?«

»Immer.«

»Gute Nacht, Stein«, sagt der Bürgermeister. »Gute Nacht, Assessor.«

Fünftes Kapitel: Zeugen und Sachverständiger

1

Neben der Turnhalle liegt ein kleines enges Zimmer: sonst die Garderobe, das Arbeitszimmer, der Zensurraum des Lehrers. Jetzt ist es Wartezimmer für die Zeugen geworden. Ein Dutzend Stühle hat man hineingesetzt, und da sitzen sie, Städter und Landleute, Polizisten und Bauern, und warten stundenlang.

Denn jetzt, am achten Verhandlungstage, ist die reinliche Disposition längst über den Haufen geworfen. Die Verteidigung stellt immer neue Anträge, der Staatsanwalt ist bösartig geworden und kämpft mit Ironie und Schärfe gegen die Stimmung im Saale an, die bauernfreundliche Stimmung.

Keine Verhandlung fängt mehr pünktlich an, das Gericht sitzt oft stundenlang vorher zusammen und berät über Anträge. Am ersten Tage waren die Pressevertreter um neun Uhr gekommen, am zweiten um neun Uhr fünfzehn, jetzt fahren sie abends nach Stettin und kommen erst mit dem Zehn-Uhr-Zuge, kommen oft auch dann noch zu früh.

Stuff freilich kommt nicht aus Stettin, er kommt aus Stolpe. Und nun bummelt er gemütlich dem Gericht zu. Er weiß, er braucht sich nicht zu beeilen, drüben auf der andern Straßenseite geht Assessor Meier, im eifrigen Gespräch mit dem Oberstaatsanwalt. Und kurz vor ihm marschiert der Justizrat mit Henning.

Manchmal bleiben die Leute stehen und sehen denen nach. Die halbe Stadt ist im Gerichtssaal gewesen und weiß, wie sie ausschauen, muß ihnen darum noch einmal nachsehen.

»Kiek, dat is de Henning.«

»Weet ick. Weet ick. Bün all den irsten Dag dor wesen.«

Kurz vor der Schule trifft Stuff den Polizeihauptwachtmeister Hart, und wenn er auch kein Interesse mehr für Lokales aus Altholm hat, schwatzt er doch immer noch gerne mit der Polizei.

»Na, Hart, was macht ihr denn noch? Seid ihr noch nicht alle pensioniert?«

Hart ist gekränkt: »Wenn es auf dich ankäme, Männe, müßten wir ja wohl morgen schon alle wegen Blutrausch vor Gericht.«

Aber Stuff weiß Bescheid: »Habe ich ein Wort gegen dich geschrieben? Aber daß manche von deinen Kollegen nicht grade Engel sind, darüber brauchen wir doch wirklich nicht zu reden.«

Hart seufzt: »Weiß Gott. Und ich sage dir, jetzt wo es raus ist, daß Gareis wegmacht, wird der Frerksen immer frecher. Der setzt Dienst an, daß es knackt. Wieviel Stunden wir auf den Beinen sind, das ist ihm egal.«

»Was der Mann für eine Stirn hat, kann einen bloß wundern.«

Und Hart eifrig: »Meine Worte, Männe, ganz meine Worte. Wo er sich so lächerlich gemacht hat. Aber das sind die rechten, nach oben lecken und nach unten treten.«

»Wohin gehst du eigentlich, Hart?«

»Zu ihm natürlich. Er ist doch von morgens bis abends bei euch, daß er auch kein Wort verliert, was die über ihn sagen.«

»Nee, weißt du, der ist da als der Berichterstatter für den Staatsanwalt. Gestern sagt der Justizrat: ›Ich stelle fest, daß der Oberinspektor dem Staatsanwalt ständig Zettel schickt.‹«

»Und er?«

»Lief wie immer rot an, riß aus und war nach einer halben Stunde wieder da und schrieb wieder Zettelchen.«

Sie sind in dem Vorraum der Turnhalle angelangt, und Hart sieht sich in dem Gedränge der Ankommenden nach Frerksen um. Stuff schaut schließlich in den Zeugenraum, aber der ist heute noch fast leer: ein kleiner Mann mit dicken Händen sitzt dort und einem bissigen weißen Gesicht und eine ältere Dame.

»Ach, mein Herr«, sagt die Dame, »ich bin zu neun bestellt. Ob es denn noch nicht anfängt?«

»Das ist hier nicht so genau«, erklärt Stuff tröstlich, »das kann zwölf werden, das kann auch vier werden, Fräulein Herbert.«

»Sie kennen mich?«

»Natürlich kenne ich Sie. Ihr Vater hat mir noch in der Schule die Hosen stramm gezogen. Ich werd mal mit dem Gerichtsdiener sprechen.«

Stuff entweicht überstürzt.

Auf seiner Schulter hat er einen ständig sich verstärkenden Druck verspürt, Hart hat sich eingekrallt in ihn und ihm schließlich Püffe ins Kreuz versetzt.

»Bist du verrückt geworden?« fragt Stuff empört. »Mit dir spielen sie wohl?«

»Wer war das? Mensch, Männe, wer war das?«

»Das war Fräulein Herbert, Tochter vom Lehrer Herbert aus der zweiten Volksschule. Starb vor fünf oder sechs Jahren. Nein, warte, das war grade das Jahr ...«

»Quatsch. Den Kerl meine ich ...«

»Welchen Kerl?«

»Der da bei der Herbert saß.«

Stuff glotzt den Hart nachdenklich an: »Den kenne ich nicht. Kennst du ihn denn?«

»Und ob ich den kenne. Das heißt, mit Namen kenn ich ihn nicht.

Aber sonst – als ich damals Verkehrsposten machte auf der Insel, fünf Minuten, ehe die Attacke losging, kommt der Kerl an, fragt mich nach der Viehhalle, grölt mich an, wir hätten von den Bauern Kloppe gekriegt, die Fresse gehörte uns lackiert.«

»Und warum hast du ihn dir nicht gelangt?«

»Erst können. Ich war doch Verkehrsposten. Aber nachher hatte ich dir eine Wut, sage ich dir, ich hab den Bauern nichts geschenkt von wegen Fresse lackieren.«

»Du«, sagt Stuff langsam. »Dem ließe ich das nicht durch. Den legte ich rein.«

»Wenn ich nur seinen Namen wüßte, oder was er ist.«

»Ein Bauer«, schlägt Stuff vor.

»Ausgeschlossen. Viel zu weiß ums Maul.«

»Dann ein Handwerker.«

»Möglich. Weißt du was, Stuff, wenn ich jetzt dem Frerksen meinen Brief gebe, sage ich ihm, er soll mich noch mal als Zeugen melden.«

»Nee«, sagt Stuff langsam. »Nee. Tät ich nicht an deiner Stelle. Wenn du den Kerl reinlegst, hat er wieder den Ruhm davon. Weißt du, Hart, ich mach dir das.«

»Du?« fragt Hart mißtrauisch.

»Ich. Jawohl. Ich sorge dafür, daß du heute noch drankommst.

Ach, du meinst, weil ich für die Bauern bin? Aber doch nicht für solchen Kerl! Das ist doch auch gar kein Bauer. Der schadet unserer Sache doch nur. Das ist ein Schwein, das ist mir direkt ein Vergnügen, dem die Schwarte zu brühen.«

»Und du legst mich nicht rein?«

»Wie werd ich dich reinlegen, Hart, oller Junge. Alles in Butter, sag ich dir.« Und er klopft dem Polizisten gerührt auf die Schulter.

»Na ja. Bei dir, Stuff, weiß man nie ...«

»Bei mir weiß man immer. Nämlich, daß ich für ein durstiges Gemüt einen Schnaps und ein Bier spendiere. – Kannst du es machen, daß du um zwölf hier auf mich wartest?«

»Um zwölf? Nein. Vielleicht um halb eins.«

»Gut. Also um halb eins bestimmt. Dann weiß ich, wer das ist, und du kannst noch immer machen, was du willst.«

»Schön. Also um halb eins warte ich hier draußen auf dich.« Und Hart entfernt sich auf der Suche nach Frerksen.

Stuff sieht ihm nachdenklich aus trübem blauem Auge nach: »Junge, Junge, heute abend lackierst du mir auch am liebsten die Fresse.«

Und er stürzt fort, Justizrat Streiter zu finden.

2

Der Vorsitzende sagt: »Der Zeuge, Kriminalkommissar Tunk ist aufzurufen.«

Ein kleiner, dicker, weißlicher Mann tritt in den Saal, und stellt sich vor den Richtertisch.

Stuff sagt zu seinem Kollegen: »Jetzt schreib ich mit. Das wird interessant.«

»Wieso?« fragt der.

»Werden Sie erleben.«

Der Vorsitzende sagt eilig (es ist der einhundertdreiundzwanzigste Zeuge): »Sie heißen Josef Tunk? Sind dreiundvierzig Jahr alt? Sind Kriminalkommissar bei der Politischen Abteilung in Stolpe? Mit den Angeklagten nicht verwandt und nicht verschwägert?«

Als dies klargestellt ist, nicht weniger eilig: »Sie haben den Vorgängen am 26. Juli beigewohnt? Sie haben sofort am Abend dieses Tages einen ausführlichen Bericht erstattet? Wollen Sie uns erzählen, wann Sie nach Stolpe gekommen sind und welche Beobachtungen Sie hier gemacht haben.«

Der Zeuge räuspert sich. Er stellt sich in Positur. Er beginnt mit einer bei einem so runden Mann überraschend knarrenden Stimme zu reden:

»Ich fuhr mit dem Neun-Uhr-Zug von Stolpe nach Altholm. Ich hatte den strikten Auftrag der Regierung, mich auf Beobachtungen zu beschränken. Ich nahm deswegen keine Verbindung mit der hiesigen Polizei auf, sondern ging gleich vom Bahnhof aus in verschiedene Lokale.

Die Lokale waren alle voll von Bauern. Es fiel mir auf, daß die Stimmung sehr erregt war.«

»Einen Augenblick bitte. Wieso erregt? Wollen Sie uns das erklären?«

»Nun, ich hatte den Eindruck, daß die Leute erregt waren. Das ist ein Eindruck, den man als erfahrener Kriminalbeamter nach fünf Minuten hat oder nicht hat.«

»An bestimmte Äußerungen erinnern Sie sich nicht?«

»Nein, es wurde geschimpft.«

»Worüber wurde geschimpft? Über die Polizei? Über den Bürgermeister Gareis?«

»Es wurde allgemein geschimpft. Die Leute waren eben erregt.«

Der Zeuge sagt langsam und knarrend aus. Jedes Wort entläßt er mit Nachdruck seinem Munde. Er steht da, eine vollgewichtige Persönlichkeit, etwa einen Zentner sechzig Lebendgewicht, ein Fachmann, der das Gericht aufklären wird, seines Wertes sich voll bewußt.

»Am Nachmittag kam ich dann in das größte Lokal, ins Tucher. Der Saal war zum Erdrücken voll. Die Stimmung schien mir außerordentlich bedrohlich. Ich sah dann den Angeklagten Henning, der mit dem Angeklagten Padberg zusammen an der Fahne herumbastelte.

Ich dachte gleich, daß ich mit diesem Manne noch zu tun bekommen würde. Ich stellte mich ihm vor, um seinen Namen zu erfahren.«

Justizrat Streiter bemerkt: »Ich möchte eine Frage an den Zeugen richten. – Woran sahen Sie, daß Sie mit diesem Mann, wie Sie sich ausdrücken, noch zu tun bekommen würden?«

Der Zeuge ändert seine Haltung. Er macht eine Wendung, sieht den Verteidiger von oben bis unten an, wartet, wendet sich dann an den Gerichtshof und fragt: »Ist diese Frage zugelassen?«

Der Vorsitzende macht eine Handbewegung: »Jawohl.«

»Ich sah es daran«, sagt der Zeuge mit Nachdruck, »weil es mir meine kriminalistische Erfahrung sagte.«

»Das ist keine Erklärung«, sagt der Verteidiger. »Ich bitte mir präzis zu antworten: woran sahen Sie, daß Sie mit Herrn Henning noch zu tun bekommen würden?«

Der Kommissar sagt mitleidig: »Ein alter Kriminalbeamter bildet sozusagen einen sechsten Sinn aus. Wenn er einen Menschen auf der Straße sieht, sagt ihm plötzlich dieser Sinn: das ist ein Verbrecher. So war es auch mit dem Angeklagten Henning.«

Henning springt empört auf: »Herr Vorsitzender, ich bitte, mich gegen die Unverschämtheiten des Zeugen in Schutz zu nehmen. Der Zeuge hat mich einen Verbrecher genannt.«

Der Staatsanwalt springt auf: »Ich stelle fest, daß das nicht der Fall ist. Der Zeuge hat von einem konstruierten Fall gesprochen. Ich bitte aber, den Angeklagten darauf hinzuweisen, daß er wegen Ausdrücken wie Unverschämtheiten in Strafe genommen werden kann.«

Nach fünf Minuten hat der Vorsitzende den Sturm beruhigt.

Kommissar Tunk knarrt weiter: »Der Angeklagte nannte mir aber seinen Namen nicht. Wie ich feststellen konnte, warnte ihn der Angeklagte Padberg. Statt dessen entfaltete Henning die Fahne, die mit einem wilden Schrei begrüßt wurde. Ich sah, daß die Fahne im höchsten Grade provozierend und aufreizend war, sie brachte die Stimmung der Bauern zum Sieden.«

Der Verteidiger fragt: »Sie haben also die Fahne bereits im Tucher als provozierend und gefährlich empfunden?«

Der Kommissar erklärt mit viel Nachsicht: »Das habe ich eben gesagt.«

»Darf ich Sie fragen, Herr Kommissar, warum Sie dann der Polizei keine Mitteilung machten? Solange die Fahne noch nicht auf der Straße war, mußte es doch verhältnismäßig leicht scheinen, ihre Zurückziehung zu erreichen.«

»Ich habe bereits erklärt, daß ich Spezialberichterstatter der Regierung war. Es war mir untersagt, Verbindung mit der Polizei aufzunehmen.«

»Sie ließen also lieber ein Unglück geschehen? Sie duldeten lieber etwas Ihrer Ansicht nach Gesetzwidriges?«

»Ich hatte meine Befehle zu befolgen.«

»Ich danke, Herr Kommissar. Das genügt mir.«

Der Beamte nimmt seinen Bericht wieder auf: »Als der Fahnenträger mit der Fahne auf die Straße trat, wurde ein Sturm des Unwillens laut. Das Publikum auf den Gehsteigen, gute, ehrliche Bürger, wie ich sah, konnte sich gar nicht beruhigen. Ich sah daraus, daß meine Ansicht, die Fahne wirke provozierend, richtig war.

Der Fahnenträger hatte sich zuerst an die Spitze des Zuges gestellt, aber als er diesen Sturm des Unwillens hörte, bekam er es mit der Angst und lief ins Lokal zurück.«

Der Vorsitzende bemerkt milde: »Es ist eine Annahme von Ihnen, daß er es mit der Angst bekam.«

»Keine Annahme, Herr Landgerichtsdirektor. Ich sah an der Verfärbung seines Gesichtes, daß er es mit der Angst bekam.«

Der Vorsitzende sagt: »Es ist durch Zeugen festgestellt, daß Herr Padberg zu Herrn Henning gesagt hat: ›Du, die Sense wackelt aber‹, und daß die beiden ins Lokal zurückgegangen sind, um die Sense fester zu machen.«

»Das stimmt nicht, Herr Landgerichtsdirektor. Er hat Angst gekriegt, ich sah es an seinem Gesicht.«

»Ich sagte bereits, es ist durch Zeugen festgestellt. Der Wirt des Lokals hat bezeugt, daß die beiden einen Schraubenschlüssel verlangt haben, um die Muttern fester zu drehen.«

»Das haben sie doch nur gemacht, um ihren Rückzug zu bemänteln. Angst haben die gekriegt, Herr Landgerichtsdirektor.«

»Und warum haben sie, Ihrer Ansicht, die Fahne dann doch wieder vorgebracht?«

»Weil sich unterdes viel mehr Bauern angesammelt hatten. Nun hatten sie wieder Mut. Der Angeklagte Henning stellte sich an die Spitze des Zuges. Von der andern Straßenseite sah ich Herrn Oberinspektor Frerksen kommen.«

Der Vorsitzende hat den Kopf in die Hand gestützt. Die Beisitzer starren in den Saal und suchen nach Gesichtern von Bekannten. Der Verteidiger hört mit einem skeptischen Lächeln zu. Die Staatsanwaltschaft macht ernst und eifrig Notizen.

Stuff stöhnt: »Das ist ja ein bildschönes Schwein.«

Und Pinkus zischt: »Paßt Ihnen nicht in Ihren Kram, was?«

Stuff wirft einen Blick durch seine Klemmergläser und Pinkus duckt sich.

»Herr Frerksen ging ruhig und gehalten auf den Angeklagten zu und sagte zu ihm etwas, was ich nicht verstehen konnte, in höflichem Tone. Da sprang der Angeklagte Padberg wie eine Furie auf Herrn Frerksen los, packte ihn mit beiden Händen vor der Brust, schüttelte ihn, stieß ihn beiseite und der Zug setzte sich in Bewegung.«

»Das ist vollkommen neu«, sagt der Vorsitzende, »keiner der Zeugen hat bisher bekundet, daß Herr Frerksen hier schon geschlagen worden ist. Er selbst hat ausgesagt, daß er durch die losmarschierenden Bauern abgedrängt worden sei.«

Ungerührt sagt der Kommissar: »Herr Frerksen irrt sich. Seine Erinnerung täuscht ihn. Ich bin es gewohnt, exakte Beobachtungen anzustellen. Meine Beobachtungen stimmen. – Herr Frerksen sprach dann mit zwei Polizeibeamten und lief dem Zuge nach, der unterdes ungefähr sechzig Meter weiter gekommen war. Als Herr Frerksen dann neben dem Fahnenträger auftauchte, legte er die Hand auf die Fahne.

Ich erkannte, daß er sie beschlagnahmte. Sofort erhoben die Bauern die Stöcke, drehten sich um und schlugen auf Herrn Frerksen ein. Dieser zog den Säbel, doch der Angeklagte Henning entriß ihm den Säbel, setzte die Spitze auf die Erde und bog ihn krumm. Dann schlug der Angeklagte mit geballten Fäusten auf den Polizeioberinspektor los.«

Justizrat Streiter tritt dicht vor den Zeugen: »Ihre Darstellung stimmt auf keinen Fall. Von den zahlreichen Zeugen hat nicht einer bekundet, daß Henning die Fahne auch nur eine Minute losgelassen hat. Deswegen kann er auch nichts von dem getan haben, was Sie hier vor Gericht behaupten.«

Der Zeuge erklärt mit viel Ruhe: »Laienbeobachtungen sagen gar nichts. Laien können bei ihren Beobachtungen gar nicht unterscheiden, was an einer Handlung strafrechtlich wichtig und was unwichtig ist.

Ich habe genau gesehen, daß Henning die Fahne an einen Bauern abgegeben hat. Die Fahne ist dann noch durch drei oder vier Hände gegangen. Es ist hochinteressant, daß keiner der Zeugen beobachtet hat, was doch so klar zu sehen war.«

Der Vorsitzende bemerkt milde: »Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, Herr Kommissar, daß Herr Henning bisher nichts beschönigt hat. Er hat ohne weiteres alles zugegeben, was ihm vorgehalten wurde. Herr Henning, haben Sie die Fahne etwa weitergegeben?«

»Ich habe die Fahne nie aus der Hand gegeben.«

Justizrat Streiter sagt nicht ohne Schärfe: »Es ist hochinteressant die Aussagen des Herrn Kommissars zu verfolgen. Ich möchte folgendes erklären: Ich kenne denjenigen, der dem Oberinspektor den Säbel entrissen hat. Man hat es mir unter dem Siegel meiner Amtsverschwiegenheit mitgeteilt. Henning war es bestimmt nicht.«

Der Kommissar steht unerschüttert: »Es gibt bewußte Täuschungen und es gibt unbewußte Täuschungen. Ich habe deutlich gesehen, wie der Angeklagte Henning die Fahne weitergegeben hat, den Säbel krumm bog, den Inspektor schlug.«

Die Staatsanwaltschaft regt an: »Herr Frerksen ist im Saal. Vielleicht kann er hierzu aussagen.«

Der Oberinspektor nähert sich sachte dem Richtertisch. Der Vorsitzende sagt: »Sie haben ja bereits ausgesagt, Herr Oberinspektor, daß Sie sich an bestimmte Personen in dem Getümmel nicht erinnern können. Aber vielleicht können Sie sich daran erinnern, ob Herr Henning die Fahne weitergegeben hat oder nicht?«

Der Oberinspektor sieht sich zögernd um. Er blickt von einem Gesicht zum andern. Schließlich sagt er zögernd: »Ich kann nichts Bestimmtes sagen. Möglich ist es ja schließlich.«

»Sie sehen«, sagt triumphierend der Kommissar, »auch Herr Oberinspektor leugnet die Möglichkeit nicht. Wenn Sie scharf nachdenken, Herr Oberinspektor, müssen Sie sich daran erinnern, daß Henning Sie an der Brust gepackt hat und schüttelte.«

»Wir erheben Einspruch gegen derartige suggestive Fragen«, erklärt die Verteidigung.

Und Frerksen sagt erschreckt: »Nein, das möchte ich nicht sagen. Ich weiß es nicht. Möglich ist es ja. Aber ich möchte es nicht sagen.«

Padberg hat sich auch bis an die Gruppe herangepirscht. Mit atemloser Spannung hat er von einem Gesicht zum andern gesehen. Nun sagt er erregt: »Herr Vorsitzender, es ist eine Riesendummheit von mir, aber das kann ich nicht anhören. Das ist ja unglaublich, was dieser Zeuge phantasiert.

Ich, Herr Kommissar, ich, kein anderer als ich habe dem Oberinspektor den Säbel entrissen. Und zwar habe ich das von hinten getan, von hinten habe ich ihm ums Handgelenk gegriffen, ihm das Handgelenk umgedreht, bis der Säbel aufs Pflaster fiel. Säbel entreißen! – wer ist denn so dämlich und faßt in eine offene Säbelklinge?«

Allgemeine Erregung. Der Verteidiger hat sich auf Padberg gestürzt und redet tadelnd auf ihn ein. Unbewegt steht der Kommissar.

Der Vorsitzende sagt: »Es macht Ihnen alle Ehre, Herr Padberg, daß Sie sich nicht geschont haben. – Sie, Herr Kommissar, möchte ich doch bitten, bei Ihren Aussagen mit größter Vorsicht zu verfahren, und dort, wo Ihre Erinnerung nicht ganz klar ist, lieber zu sagen: ich weiß das nicht.«

Der Kommissar sagt ruhig: »Es sieht jetzt natürlich so aus, als wenn ich mich geirrt hätte. Aber ich habe mich natürlich nicht geirrt. Meine Darstellung des Sachverhaltes stimmt. Die Selbstbezichtigung des Angeklagten Padberg beweist gar nichts. Er hat sich dadurch eine milde Beurteilung gesichert, während sein Freund durch meine Aussage äußerst schwer belastet gewesen wäre.«

Der Vorsitzende erklärt etwas erregt: »Ich bitte Sie doch, Herr Kommissar, die Bewertung der einzelnen Aussagen dem Gericht zu überlassen. – Wollen Sie in Ihrer Darstellung fortfahren. Die Angeklagten bitte ich, ihre Plätze wieder einzunehmen.«

Stuff grinst über den Tisch zu Pinkus: »Feiner Vertreter, was? Sind Sie stolz drauf, wie?«

Und der ganz erstaunt: »Auf den blöden Bluff von Padberg fallen Sie rein? Sie können einem ja leid tun.«

Der Kommissar sagt weiter aus. Jetzt erfährt man, daß er derjenige Zeuge ist, der den Dentisten Czibulla mit einem Schirm oder Stock gesehen hat, mit was von beiden, das kann er nicht genau sagen. Irrtum ausgeschlossen.

Czibulla fährt hoch: »Herr Präsident, ich habe nun beinahe das biblische Alter. Sehe ich aus, als wenn ich große Polizeibeamte mit Stöcken stieße?«

Der Vorsitzende wiegt lächelnd den Kopf hin und her. Dann verweist er dem Czibulla den Eingriff in die Verhandlung.

Der Kommissar ist weiter voll von Sonderbeobachtungen. Gewichtig sagt er aus, gegen Henning, gegen Padberg, gegen Czibulla, gegen Feinbube, gegen Benthin, gegen Banz, er sagt aus. Er sagt aus.

Schließlich atmet alles auf, als er den Mund zumacht. Selbst Pinkus hat die letzte halbe Stunde nicht mehr mitgeschrieben.

Der Kommissar steht da, der Zeuge par excellence, der Sachverständige, den nichts erschüttert.

Der Vorsitzende fragt gelangweilt, ob an den Zeugen noch Fragen zu stellen sind oder ob er entlassen werden könne.

Da erhebt sich – und alles ist überrascht – der Verteidiger und bittet, den Zeugen noch nicht zu entlassen, da eine wichtige Zeugenaussage bevorstehe, zu deren Bestätigung er notwendig sei. Der Zeuge wird nicht entlassen, darf aber im Zuhörerraum Platz nehmen. In der ersten Reihe. Da sitzt er nun, er sieht wichtig und zufrieden aus, und hört zu.

3

Als nächste Zeugin betritt Fräulein Herbert den Saal, Tochter des verstorbenen Volksschullehrers Paul Herbert. Sie ist siebenundfünfzig Jahre alt, eine energische Dame, die sich nicht geniert. Sie leistet den Eid in der religiösen Form.

»Zeugin«, sagt der Vorsitzende, »Sie haben sich sowohl an den Herrn Verteidiger wie an mich schriftlich gewandt, Sie hätten wichtige Bekundungen zu machen. Wollen Sie uns mal erzählen, was Sie beobachtet haben? Sie wohnen ja wohl in dem Eckhaus Stolper Torplatz und Burstah?«

Die Zeugin ist ungeduldig hin und her getreten, jetzt ruft sie: »Herr Präsident, ich bin ja so empört! Ich bin ja so empört! Ich habe die Zeitungen gelesen über Ihre Verhandlungen hier. Das ist ja alles nichts, Herr Präsident. Das ist ja nicht das.«

Sie holt Atem. Der Vorsitzende betrachtet sie mit schief gelegtem Kopf, unentschlossen, von unten, der Herr Staatsanwalt beginnt sich wieder zu entrüsten, das Publikum stößt sich gegenseitig an und macht sich nachdrucksvoll auf das aufmerksam, was jeder vor Augen hat.

»Olle Schreckschraube«, murrt Stuff.

Aber die olle Schreckschraube läßt sich nicht im geringsten verwirren, sie weiß, was sie will.

»Herr Präsident, ich habe auf meinem Balkon gesessen, ich habe meine Handarbeit gemacht. An nichts Böses habe ich gedacht. Und plötzlich war es doch ... nein, Herr Präsident, und wenn ich in fünfzig Jahren sterbe, ich werde es noch vor Augen sehen ...

Ich habe gelesen, hier wird verhandelt, wie die Polizei vorgegangen ist, und ob sie erst eine Aufforderung an den Fahnenträger gerichtet haben oder gleich zuschlugen und ob sie die Gummiknüppel oder Säbel benutzt haben. Ich habe gelesen, daß der Herr Frerksen hier gestanden und gesagt hat, er hat es richtig gemacht und er kennt die Gesetze und die Verordnungen. Ich kenne den Herrn Frerksen, seit er ein Junge ist.«

Sie dreht sich um, sie sieht suchend in den Zuschauerraum. In der ersten Reihe entdeckt sie Frerksen und sie spricht ihn an.

»Herr Frerksen, ich kenne Sie ja als einen ruhigen Mann, ich kenne Sie als einen höflichen Mann. Aber was Sie den Nachmittag gemacht haben, das ist eine Schande, da hilft kein Drumreden, da müssen Sie sich schämen. Ewig müssen Sie sich schämen ...«

Frerksen hat sich erhoben, er sagt, rot begossen, flehend zu dem Vorsitzenden: »Herr Landgerichtsdirektor ...«

Und dieser: »Fräulein Herbert, Sie müssen zum Gerichtshof reden. Sie dürfen nicht zu Zeugen und Zuschauern sprechen. Können Sie uns jetzt vielleicht ruhig erzählen, was Sie beobachtet haben?«

»Ja, natürlich. Ich fange sofort an. Ich mußte es ihm nur einmal sagen, grade weil er sonst ein netter Mensch ist, wie schlecht er den Nachmittag gewesen ist. Ins Gesicht muß man ihm das sagen, Herr Vorsitzender, nicht immer hinter dem Rücken ...«

»Es ist ja gut. Es ist ja gut«, beruhigt der.

»Famoses Frauenzimmer«, erklärt Stuff. »Zehn solche und nicht die Bauern, die Polizei säße auf der Anklagebank.«

»Was das für ein Vorsitzender ist«, meint Pinkus, »möchte ich auch wissen. Bei dem tut jeder, was er will.«

Die Herbert beginnt neu: »Ich saß auf dem Balkon und da sah ich den Frerksen angelaufen kommen. Ich sah gleich, da war was nicht in Ordnung. Er ist doch sonst so geschniegelt und wie sah der Mann aus. Und er lief so rücksichtslos, wer ihm nicht auf zehn Schritte aus dem Wege ging, den rannte er einfach um, da gab es gar nichts.

Dann stellte er sich auf die Verkehrsinsel und schickte den Schutzmann weg. Unterdes sah ich die Bauern kommen. Und von der andern Seite kam plötzlich Polizei, ein Riesentrupp, mindestens vierzig Mann.«

»Etwa zwanzig, ist festgestellt.«

»Ausgeschlossen. Ganz ausgeschlossen. Mindestens vierzig, vielleicht fünfzig. Und auf die beginnt er einzureden, mit den Händen fuchtelt er in der Luft herum und plötzlich fangen sie alle an, gegen die Bauern vorzulaufen, Herr Frerksen an der Spitze. Und manche hatten die Gummiknüppel in der Hand, und manche Säbel, und manche zogen erst während des Laufens den Säbel aus der Scheide.«

»Hat Herr Frerksen auch einen Säbel in der Hand gehabt?«

»I wo, Herr Präsident, das müßten Sie doch wissen. Das stand doch schon x-mal in jeder Zeitung, daß der hinter dem Denkmal steckte. Herr Frerksen hat nur mit den Händen gefuchtelt.

Und nun passen Sie auf, Herr Präsident. Ich habe doch alles gelesen in den Zeitungen von der Verhandlung, aber davon habe ich nichts gelesen. Wo ist der Herr Frerksen geblieben, als der Angriff losging? Seine Leute sind immer schneller gelaufen, je näher es an die Bauern heranging, und Herr Frerksen ist immer langsamer gelaufen. Und als die Mannschaften anfingen und hieben mit dem Säbel auf die Bauern ein, da war Herr Frerksen zehn Schritte hinter seinen Leuten. Und näher ist er die ganze Zeit nicht an den Kampf herangegangen.«

»Sie haben selbst gesagt, Zeugin, daß er keine Waffe hatte.«

»Dann hätt er sich von seinen Leuten einen Säbel geben lassen sollen«, erklärt energisch Fräulein Herbert. »Wenn man so was anrichtet, dann darf man doch nicht zehn Schritte davon ab stehen bleiben, dann muß man mindestens mitmachen. Ich hätte es wenigstens so gemacht, Herr Präsident, ich bestimmt.«

Der Vorsitzende betrachtet sie, sein Gesicht strahlt von einer sanften Ironie. »Und was geschah dann, Fräulein Herbert?«

»Dann? Dann ging die Schlägerei los. Das haben Sie ja mindestens schon zwanzigmal gehört. Aber das sage ich Ihnen, Herr Präsident, wie die mit dem jungen Mann da«, sie dreht sich um, sucht auf der Bank der Angeklagten, entdeckt Henning und sagt erfreut: »Da ist er ja. Das ist der Herr Henning ... Wie die mit dem umgesprungen sind, das war einfach grausam. Der lag doch auf der Erde und hatte seine Fahne festgehalten und die haben auf ihn eingeschlagen. Ich habe gedacht: Altholmsche sind das? Das sind ja Wilde. Das sind ja Seeräuber.«

Sie holt Atem. Dann, auf den zusammengesunkenen Czibulla weisend: »Mit dem war es das Schlimmste. Ich habe ihn ganz gut gesehen, er lief ewig rum, genauso wie ein Huhn vorm Auto. Der war doch ganz kopflos von dem Gedräng.

Und daß er einen Stock gehabt haben soll oder einen Schirm, wie Sie ihn am ersten Tag gefragt haben, das ist einfach nicht wahr. Der hatte genug mit seiner Reisetasche zu tun. Sehen Sie sich den doch an, Herr Präsident, der würde doch jeden Schirm überall stehenlassen. Da kann doch seine Frau froh sein, wenn er sich und seine Tasche dahin bringt, wo sie hinsollen.«

Der Vorsitzende sagt mühsam: »Sie sind also der Ansicht, daß Herr Czibulla den Wachtmeister nicht geschlagen hat?«

Die Zeugin ist ganz Verachtung: »Der Ansicht? Herr Präsident, der und schlagen? Der ist ja froh, wenn ihn keiner schlägt. Ich hab's doch in den Nachrichten gelesen, daß er gesagt hat, wie ein Mäuschen hat er gezupft. Grade so ist es.

Und dann kriegte er den fürchterlichen Schlag. Das war das Grausamste von allem. Wie ich da das Gesicht sah und das Blut auf dem Gesicht, da habe ich mich umgedreht, da konnte ich nicht mehr. Da bin ich in mein Zimmer gegangen und so schlecht war mir, entschuldigen Sie, daß ich mich erbrochen habe.«

Stille.

Stuff schmiert begeistert. »Die Stimme der Menschlichkeit und der Vernunft«, schreibt er.

Der Vorsitzende sagt hastig: »Hat jemand noch Fragen an diese Zeugin. Wenn nicht ...«

Und verzweiflungsvoll, aber ergeben in sein Schicksal: »Bitte, Herr Justizrat ...«

»Fräulein Herbert, ich bitte uns doch zu sagen, hatten Sie bei diesem Zusammenstoß den Eindruck, daß die Polizei angriff oder daß die Bauern angriffen?«

Die Zeugin ist voll Verachtung: »Und das fragen Sie nach all dem, was ich erzählt habe? Die Polizei hat natürlich angegriffen. Wie die Wilden haben sie angegriffen.«

Justizrat Streiter sagt lächelnd:

» Ich weiß das wohl. Aber es gibt noch immer einige im Saal, die es bezweifeln.«

Der Vorsitzende: »Bitte, Herr Oberstaatsanwalt.«

Der Oberstaatsanwalt fragt still und harmlos: »Ich bitte, die Zeugin zu fragen, ob es ihrem Eindruck nach zu dem ganzen blutigen Zusammenstoß gekommen wäre, wenn die Bauern die Fahne freiwillig herausgegeben hätten?«

Justizrat Streiter sagt rasch: »Ich beanstande diese Frage. Es handelt sich dabei um eine reine Hypothese, während meine Frage nach dem Gesamteindruck zielte, den die Zeugin auf Grund ihrer eigenen Beobachtungen gewonnen hatte.«

Der Vorsitzende: »Ich habe keine Bedenken gegen diese Frage.«

Und der Oberstaatsanwalt: »Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, die Frage aufzunehmen.«

Der Vorsitzende: »Also, Zeugin, glauben Sie, daß es auch zu dem blutigen Zusammenstoß gekommen wäre, wenn die Bauern die Fahne freiwillig herausgegeben hätten?«

Ehe noch die Zeugin antworten kann, sagt der Verteidiger rasch:

»Ich beanstande diese Frage wiederum und bitte um Gerichtsbeschluß.«

Der Vorsitzende erhebt sich ergebungsvoll und verläßt, gefolgt von seinen Mannen, den Gerichtssaal. Allgemeine Unterhaltung setzt ein.

Fräulein Herbert wendet sich zu den Angeklagten und schüttelt erst Henning, dann Czibulla die Hand. Der Gerichtsdiener protestiert.

»Ein Staatsweib«, erklärt Stuff.

»Ist ja gar keine Zeugin«, erklärt Pinkus. »Die hat ja gar nichts beobachtet. Die spricht ja nur von Blut. Die ist ja hysterisch.«

»Junge, Junge«, sagt Stuff. »Ich werde ihr mal erzählen, was Sie eben gesagt haben. Die wird Ihnen was beibringen von wegen hysterisch.«

»Um Gottes willen«, sagt Pinkus und geht weiter nach hinten.

Der Gerichtshof erscheint wieder und der Vorsitzende verkündet: »Die Frage des Herrn Oberstaatsanwalts wird in folgender Form vom Gericht zugelassen: hat die Zeugin nach ihrer Beobachtung die Polizei für so erregt gehalten, daß sie selbst bei Herausgabe der Fahne zugeschlagen hätte?«

Fräulein Herbert will schon antworten, als der Oberstaatsanwalt sich erhebt und mühsam lächelnd erklärt: »Wir verzichten auf die Beantwortung der so formulierten Frage durch die Zeugin.«

»Wenn dann also keine weiteren Fragen an die Zeugin zu richten sind? Fräulein Herbert, Sie sind entlassen. Sie können aber, wenn Sie wollen, im Zuhörerraum Platz nehmen.«

Fräulein Herbert erklärt vernehmlich: »Nein, danke, habe genug davon«, und verläßt den Saal.

Der Vorsitzende: »Gerichtsdiener, rufen Sie jetzt den Zeugen Polizeihauptwachtmeister Hart.«

Alles setzt sich ergeben zurecht, Polizeiaussagen sind weder interessant noch beliebt.

4

Der Vorsitzende sagt: »Wie uns die Verteidigung mitteilt, wünschen Sie Ihre Aussagen noch in einem Punkt zu vervollständigen.«

Doch der Hauptwachtmeister entgegnet: »Die Verteidigung? Nein.«

Er sieht sich argwöhnisch nach Stuff um, doch Stuff nickt ihm freundlich zu und zwinkert mit den Augen. Dem Polizeimann geht ein Licht auf, Stuff hat den Verteidiger irgendwie reingelegt, und er gibt zu: »Auch die Verteidigung. Meinethalben.«

Der Vorsitzende sieht den Mann prüfend an, er merkt, hier stimmt etwas nicht, hier spielt mal wieder einer, wie ewig in diesem Prozeß, mit verdeckten Karten, und so fragt er nur: »Um was handelt es sich?«

»Ich hab vor ein paar Tagen bei meiner Vernehmung erzählt, wie ich auf dem Stolper Tormarkt als Verkehrsposten gestanden habe. Wie da ein Bauer gekommen ist und mich gereizt und getriezt hat, daß ich am liebsten alle Bauern verhauen hätte. Den Bauern habe ich heute früh im Zeugenraum sitzen sehen.«

»Einen Bauern?« fragt der Vorsitzende. »Da müssen Sie sich irren. Für heute ist nicht ein Bauer vorgeladen.«

»Aber ich habe ihn doch sitzen sehen, einen dicken, dunklen Mann mit weißem Gesicht.«

Der Vorsitzende denkt einen Augenblick nach. Er sieht den Verteidiger auf dem Sprunge zu reden, aber er weiß schon selber Bescheid. Ganz hübsch gemacht das, denkt er, der Streiter ist zehnmal so tüchtig wie die Suse von Staatsanwalt. Der Wachtmeister weiß gar nichts. Der ist ganz dumm und ahnungslos. Wie der Streiter das wohl hingekriegt hat?

Laut aber sagt er: »Nein, Bauern sind heute nicht vernommen. Aber vielleicht drehen Sie sich einmal um und sehen sich die Zuhörer an. Vielleicht sitzt dort Ihr Mann.«

Während Polizeihauptwachtmeister Hart seine Musterung beginnt, faßt der Vorsitzende einen Mann scharf ins Auge. Der Mann wendet erst den Kopf fort, dann greift er in die Tasche, holt ein Taschentuch hervor und beginnt ein ausdauerndes leises Nasereinigen.

Was ihm aber nichts hilft, denn schnurstracks geht Hart auf ihn zu und erklärt laut (das Publikum ist aufs höchste gespannt): »Das ist der Mann.«

»Sind Sie sicher«, fragt der Vorsitzende, »ist das der Mann, der Sie geneckt, verhöhnt und provoziert hat?«

»Jeder Irrtum ist ausgeschlossen, Herr Landgerichtsdirektor«, sagt der Wachtmeister. »Das ist der Mann. Damals hatte er Stulpenstiefel an, einen grünen Lodenanzug mit Joppe, und einen grünen Hut mit Gamsbart. Der beste Beweis, daß er es ist: er hat eben versucht, sein Gesicht vor mir zu verstecken.«

»Ich habe gar nicht mein Gesicht versteckt«, sagt der Mann grob. »Ich habe einen Schnupfen, wenn ich einen Schnupfen habe, schnaube ich meine Nase. Ich bin Ihnen im Gegenteil dankbar, daß Sie mir Gelegenheit geben, meine Aussage zu ergänzen.«

»Na, na«, sagt Hart, »daß Sie reden können, das habe ich ...«

Der Vorsitzende greift ein: »Die Zeugen haben nur zu sprechen, wenn ich sie frage. Herr Hart, dieser Herr ist aber kein Bauer, das ist Herr Kriminalkommissar Tunk aus Stolpe.«

»Der Teufel ...« Der Polizist spricht nicht weiter, er dreht sich um zum Pressetisch, er sieht auf Stuff.

Aber Stuff schreibt.

Hart dreht sich wieder zum Vorsitzenden: »Es ist so, wie ich gesagt habe. Und wenn der Herr Kriminalkommissar ist, dann verstehe ich gar nichts. Er hat mir gesagt: › Wir Bauern haben euch Polizisten niedergeschlagen – mach, daß du ausreißt, sonst lackieren wir euch die Fresse‹ ... Das verstehe ich nicht, nein, Herr Landgerichtsdirektor –«

Der Kommissar ist wieder vollkommen ruhig. Ihn erschüttert nichts.

Der Vorsitzende fragt: »Ist die Schilderung, die Herr Hart uns von Ihrem Vorgehen gegeben hat, auch Ihrer Ansicht nach richtig?«

»Vollkommen, Herr Landgerichtsdirektor, vollkommen. Ich möchte sagen, ich habe ihn noch mehr zu reizen versucht, als aus seinen Worten hervorgeht.«

»Und warum das? Schien Ihnen das nicht bedenklich?«

»Es schien mir richtig, Herr Landgerichtsdirektor. Ich handelte nach reiflicher Überlegung. Ich hatte gesehen, daß die Polizeimacht klein, die Bauern sehr zahlreich waren. Die Bauern waren erregt und kampflustig. Die Polizei ruhig und scharfem Vorgehen abgeneigt.

Zudem hatte ich die etwas laxe Haltung des Polizeioberinspektors gesehen, da hielt ich eine Prise Pfeffer für angebracht.

Direkt durfte ich mich mit der Polizei nicht in Verbindung setzen. Da habe ich diesen Weg gewählt. Ich wollte die Polizei aufrütteln, kampflustiger machen, vor allem wollte ich erreichen, daß sie nicht von den Bauern vollkommen überrascht wurde.

Wie Herr Hart uns eben mitteilt, habe ich dieses Ziel erreicht.«

Im Zuschauerraum hat sich Oberinspektor Frerksen erhoben. Schritt für Schritt zog er dem Richtertisch näher, nun sagt er mehrmals rasch hintereinander: »Herr Landgerichtsdirektor! Herr Landgerichtsdirektor!«

»Ja bitte, Herr Oberinspektor? Haben Sie noch etwas zur Sache mitzuteilen?«

Mit vor Erregung zitternder Stimme erklärt Frerksen: »Der Herr Kommissar hat eben von meiner laxen Haltung gesprochen. Demgegenüber möchte ich feststellen, daß der Herr Kommissar in der Viehhalle mich zu meinem Vorgehen beglückwünscht hat. Er hat mir, ich weiß seine Worte noch genau, gesagt: ›Sie haben den Laden geschmissen.‹«

»Das habe ich gesagt, Herr Landgerichtsdirektor«, sagt der unerschütterliche Kommissar. »Das ist richtig. Aber Sie hätten diesen Mann sehen sollen, als er sich auf mich stürzte – er kannte mich ja –, als er mich fragte, wie man in Stolpe das alles aufnehmen würde, ob er richtig gehandelt hätte und so weiter. Rein, um den Mann zu beruhigen, habe ich das gesagt, ganz privat natürlich, aus Freundlichkeit.«

»Herr Kommissar ...« beginnt Frerksen.

Aber der Vorsitzende greift ein: »Das ist ohne jedes Interesse für uns. – Hat noch jemand Fragen an den Zeugen Tunk? Sie, Herr Justizrat?«

»Danke nein. Der Zeuge ist für mich erledigt.«

5

Am Schluß der Beweisaufnahme betrat der Sachverständige, Polizeimajor a. D. Schadewald den Gerichtssaal.

Er ist ein dicker, kugeliger Herr mit blankpoliertem Rundschädel, auf dessen Wölbung drei Beulen, taubeneigroß, auffallen.

Der Vorsitzende sagt: »Der Sachverständige soll keinerlei Werturteil fällen. Er soll nur zur Instruktion des Gerichtes ausführen, wie er die Aufgabe, eine Fahne aus einem Demonstrationszug zu entfernen, gelöst haben würde. Dafür sind drei Fragen formuliert ...«

Aber zuerst schildert der Vorsitzende kurz die Lage. Er tritt an die Schiefertafel:

»Hier ist das Lokal: das Tucher. Hier über Marktplatz, Burstah, am Stolper Torplatz vorbei, unter der Bahn fort, durch Villenstraßen dann, geht der Weg des Demonstrationszuges, der etwa dreitausend Mann stark ist. Ihnen, Herr Polizeimajor, stehen etwa zwanzig Beamte kommunaler Polizei, die mit Polizeiknüttel, Säbel und Revolver ausgerüstet sind, zur Verfügung. Die Lage ist klar?«

Der Polizeimajor Schadewald sagt vernehmlich: »Jawohl.«

Der Vorsitzende: »Ich stelle nun Frage Nummer Eins: scheint es notwendig und üblich, die Aufgabe der Wegnahme einer Fahne nach einem bestimmten Plane vorzunehmen?«

Der Polizeimajor Schadewald sagt vernehmlich: »Jawohl.«

Alles wartet mit Spannung, aber es erfolgt nichts weiter. Der Sachverständige hat Frage Nummer Eins bereits seiner Ansicht nach erschöpfend beantwortet.

Der Vorsitzende: »Ich stelle Frage Nummer Zwei: Wird der Führer zur Durchführung dieser Aufgabe seinen Beamten bestimmte Anweisungen erteilen?«

Der Polizeimajor Schadewald sagt vernehmlich: »Jawohl.«

Und wieder ist Stille. Alles ist verzweifelt. Gott, ein Sachverständiger, der sich nicht selbst gern reden hört, gibt es denn so etwas?

Der Vorsitzende stellt die dritte Frage: »Wie wirkt das Verhalten des Führers, seine Ruhe und seine Erregung, seine klare oder unbestimmte Befehlsausgabe auf die Truppe?«

Gutachter Polizeimajor Schadewald erklärt: »Je ruhiger der Führer, um so ruhiger die Truppe.«

Und verstummt wieder.

Die drei Fragen sind vorbei.

Der Vorsitzende lächelt, etwas verlegen, etwas hilflos.

Dann: »Herr Major, ich muß zu der Frage Zwei nun doch noch eine Zusatzfrage stellen. In welchem Umfange würden Sie als Führer Ihrer Truppe Befehle erteilen? Welche Befehle würden Sie erteilen?«

Der Sachverständige tut seinen Mund auf und spricht: »Zuerst muß ich wissen, wo ich die Fahne wegnehmen will.

Natürlich an der schmalsten Straßenstelle, denn dort kann ich den Zug am leichtesten zum Halten bringen. Also niemals Stolper Tormarkt, sondern –« er zeigt auf die Tafel – »unterer oder oberer Burstah.

Dann teile ich meine Leute ein.

Acht Mann müssen eine Sperrkette über die Straße bilden. Sie haben den Zug aufzuhalten, aber möglichst den Fahnenträger, eventuell auch einige seiner Freunde, passieren zu lassen, damit er vom Zug isoliert wird.

Fünf weitere Beamte sind der Stoßtrupp. Zwei bekommen den Befehl, den Fahnenträger, wenn er auf meine Aufforderung hin die Fahne nicht herausgeben will, am rechten und am linken Arm zu fassen. Widersetzt sich der Fahnenträger, so haben sie von ihrem Polizeiknüttel Gebrauch zu machen. Sonst kommt Waffengebrauch nicht in Frage.

Die drei andern haben nur einzugreifen, wenn die mitpassierten Freunde des Fahnenträgers tätlich werden wollen.

Der Rest der Mannschaft ist meine Reserve.

Vorher habe ich mir ein Auto besorgt, mit dem die fortgenommene Fahne sofort den Demonstranten aus dem Auge geschafft wird.

Sobald ich die Fahne habe, kommandiere ich: Sammeln. Die Sperrkette rollt sich auf und der Zug kann weitermarschieren.«

Schluß. Ende. Alles rückt zurecht.

Gewiß, das ist klar, jeder versteht es, so wäre nichts geschehen.

Der Vorsitzende fragt nachdenklich: »Ist denn immer Zeit, so detaillierte Anweisungen zu erteilen?«

Und der Sachverständige: »Der Weg ist doch lang, die Leute marschieren fast eine Stunde, ich kann mir ja die Stelle aussuchen.«

»Noch eine Frage: würden Sie mit Ihren Mannschaften dem Zuge entgegengehen oder sein Herannahen abwarten?«

Und der Sachverständige: »Abwarten. Unbedingt abwarten. Lieber später eingreifen, aber genau instruieren.«

Der Vorsitzende sagt: »Ich habe keine Frage mehr an den Herrn Sachverständigen.«

Weder Verteidigung noch die Staatsanwaltschaft rühren sich.

Der Polizeimajor a.D. Schadewald verläßt, ehrfürchtig angestarrt, den Saal.

Sechstes Kapitel: Das Urteil

1

Der große Tag der Plädoyers, des Urteilspruchs wahrscheinlich auch, ist gekommen. Die Turnhalle ist gesteckt voll, sogar auf den Gängen stehen die Leute.

Und noch immer schieben sich neue Massen herein.

»Hübsche Fülle habt ihr hier«, sagt der Setzer Linke von der Bauernschaft zum Parteisekretär Nothmann, die sich in der dritten Reihe einen Platz erobert haben.

»Viel zuviel Karten ausgegeben.«

»Und an wen? Alles vollgefressene dicke Bourgeois.«

»Und da wundern die sich noch, wenn man nicht an unparteiische Richter glaubt. Nicht einmal Eintrittskarten können die unparteiisch verteilen.«

»Recht hast du, Genosse«, sagt Linke.

»Sind sie denn anständig zu dir, wenn du vernommen wirst?«

»Ich laß mir schon nichts bieten. Der Untersuchungsrichter ist ja auch so einer. Ich habe ihm gesagt, der Padberg hat mich geschickt, die Papiere holen, hab ich gesagt, und wenn er jetzt sagt, er hat mir nichts gesagt, so lügt er eben, hab ich gesagt.«

»Recht hast du. – Jetzt geht's los. Der Oberstaatsanwalt fängt an.«

»Der beißt die Bauern auch nicht. Wir hätten so was tun sollen ...«

Der Oberstaatsanwalt steht da, Papiere in der Hand. Er ist ein kleines, weißliches Männchen, mit einem nach unten hängenden, zerfaserten Bart. Auch die Klemmgläser hängen nach unten.

»Nichts Forsches«, erklärt Medizinalrat Dr. Lienau. »Früher gab's noch zackige Staatsanwälte. Aber so was. Nee.«

»Recht haben Sie«, sagt der Lokomotivführer Thienelt, der auch mit dem Stahlhelm auf der Rockklappe prunkt. »Sieht aus, entschuldigen Sie, ich denke an meinen Karnickelstall, wie ein schwangeres Kaninchen. So betrübt ...«

»Schwangeres Kaninchen ist glänzend, das muß ich heute abend ...«

Der Oberstaatsanwalt spricht schon. Über die wirtschaftlichen Folgen, über die Parteikämpfe hin kommt er zu dem mit Emphase hervorgestoßenen Satz: »Aber von dieser Schwelle bleibt die Politik fern.«

»Jetzt sagt er das«, grunzt Graf Bandekow, »aber jeden Zeugen, der bauernfreundlich war, hat er gefragt, welcher Partei er angehört.«

»Ist ja sein Brot«, erklärt Bauer Henke-Karolinenhorst, »er kann sich doch nicht hinstellen und rupps-stupps jeden auf fünf Jahre ins Zuchthaus schicken.«

»Das soll er wohl mögen«, stimmt Bauer Büttner bei.

Aber der Oberstaatsanwalt ist schon bei der Auswertung der Beweisaufnahme: »Der Zeuge, Kriminalkommissar Tunk, ist in der Presse heftig angegriffen worden, weil er anderes beobachtet haben soll wie andere Zeugen. Der Zeuge hat nicht anders beobachtet, der Zeuge hat als geschulter Kriminalist genauer beobachtet. Die Staatsanwaltschaft macht sich seine Beobachtungen zu eigen.«

»Das ist doch eine Schande«, erklärt Polizeihauptwachtmeister Hart, »dies Schwein, das mich einfach provoziert hat ...«

»Stille biste«, sagt der ewige Kriminalassistent Emil Perduzke, »was wir von der Kriminalpolizei sagen, das geht den Herren Staatsanwälten doch noch über den lieben Gott.«

»Der Zeuge Tunk hat genau beobachtet, wie der Angeklagte Henning dem Oberinspektor den Säbel entrissen hat, ihn durch Darauftreten unbrauchbar machte. Dann auf den Oberinspektor einschlug ...«

»Ist denn das wirklich Henning gewesen?« fragt erstaunt Frau Frerksen ihren Mann. »Du hast doch mir immer erzählt, Fritz, es war Padberg. Er hat dich doch noch so wütend angefunkelt ...«

»Keine Namen, Änne! Um Gottes willen!« flüstert Frerksen. »Ich bin auf der Stelle ruiniert ...«

»Kein Zusammenstoß mit der Staatsautorität hat die Bauernschaft bisher von ihrer feindlichen Haltung gegen den Verwaltungsapparat abbringen können. Eine außerordentlich scharfe Sühne ist daher angebracht!« verkündet der Oberstaatsanwalt.

»Nee so was«, wundert sich Landwirtschaftsrat Feinbube. »Jetzt soll die Liebe zur roten Republik durch Zuchthaussitzen gepflegt werden.«

»Freilich konnte den Angeklagten nicht widerlegt werden, daß sie auf dem Marktplatz noch das Vorgehen der Polizei für nicht rechtmäßig hielten. Das muß ihnen als Milderungsgrund angerechnet werden ...«

»Er ist nicht so schlimm«, sagt Vadder Benthin. »Paßt auf, der beantragt nur eine Geldstrafe.«

»Du bist wohl mall«, sagt Bauer Kehding-Karolinenhorst, »wo sie mir schon für meinen Offenen Brief in der verfluchten Chronik eine Woche aufgebrummt haben!«

»... die Art und Weise aber, wie sich die Angeklagten widersetzten, ist unbedingt strafverschärfend ...«

»Der Henning hätte sich Gummiabsätze unter die Hacken machen lassen sollen. Dann hätten den Stadtsoldaten seine Fußtritte nicht weh getan«, sagt der Syndikus Plosch.

»Diese Juristen! Diese Juristen! Die haben Unterscheidungen!« erklärt Pastor Thomas und schüttelt mit dem Kopf. »Ich weiß da einen Fall, Herr Plosch ...«

»... der Staatsanwaltschaft liegt nichts an einer hohen Bestrafung der Angeklagten, aber ...«

»Das wird teuer«, sagt Prokurist Trautmann von den Nachrichten.

»Wieso?« fragt ihn Heinsius, der sich wieder in seinen Winkel geklemmt hat.

»Ich kenne das als Geschäftsmann«, versichert der Erzieher des Zeitungskönigs Gebhardt. »Wenn ich sage, mir liegt an einem Geschäft gar nichts, dann will ich besonders viel verdienen.«

»Der maßlose Haß gegen den Polizeioberinspektor Frerksen, einen fähigen und pflichttreuen Beamten, zeugt nicht von Erkenntnis der Schuld und Reue bei den Angeklagten.«

»Ich hab den Henning zuerst verbunden«, sagt Dr. Zenker. »Ich habe seinen Arm gesehen. Wenn da einer zu bereuen hat ...«

»Man ist ein schlechter Staatsanwalt«, meint trübe lächelnd Gefängnisdirektor Greve, »wenn man beide Seiten einer Sache sehen kann. Ich weiß das, ich habe selber einmal da gestanden, wo jetzt der Kollege Oberstaatsanwalt steht.«

»Es ist ganz unwichtig, ob die Polizei zuerst geschlagen hat. Denn die Polizei hat ein Recht zu schlagen.«

»Siehmalsieh, pampig kann er also auch sein«, sagt der gewichtige Manzow.

»Warum in aller Welt haben denn die Angeklagten die Fahne nicht gutwillig herausgegeben? Das war eine Kleinigkeit.«

»Nun muß ich sagen«, erklärt Bahnhofsfriseur Punte, »wenn ich unser Banner von Eintracht achtundsiebzig, und sollte es dem Laffen Frerksen bei angetretenem Verein übergeben, vor den Schädel schlüg ich es ihm.«

»Es kann erst wieder Ruhe werden, wenn das Urteil gefällt ist. Dann werden die Bauern einsehen, daß sie der Stadt Altholm mit ihrem Boykott unrecht getan haben. Wo die Schuld liegt, wo schwere Schuld liegt, darüber hat heute kein Mensch hier und im Lande mehr einen Zweifel. Und es ist bezeichnend, was die letzte Ursache dieser Schuld gewesen ist. Warum ist all dies namenlose Unglück geschehen? Weil man einem Manne Ehre erweisen wollte, der das Gesetz verletzt hatte, der im Gefängnis saß! War so etwas früher Sitte?«

Der Angeklagte Henning ruft laut: »Jawohl!«

Der Oberstaatsanwalt betrachtet ihn trübe und ungehalten durch seine Klemmergläser. »Nein, das war früher nicht Sitte.«

Henning protestiert durch Kopfnicken.

Der Oberstaatsanwalt gibt es auf. Er kommt zu den Strafanträgen:

»Gegen den Angeklagten Henning wegen qualifizierten Aufruhrs und Landfriedensbruchs, wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeugs ...«

»Die Schuhabsätze«, erklärt Plosch.

»... ein Jahr drei Monate Gefängnis.

Gegen den Angeklagten Padberg wegen qualifizierten Aufruhrs und Landfriedensbruchs ein Jahr zwei Wochen Gefängnis ...

Gegen den Angeklagten Rohwer wegen der gleichen Straftaten und wegen öffentlicher tätlicher Beleidigung und Sachbeschädigung ...«

»Hat dem Wachtmeister einen Handschuh zerrissen ...« stöhnt Stuff.

» ... ein Jahr Gefängnis.

Gegen den Angeklagten Czibulla wegen qualifizierten Aufruhrs und Landfriedensbruchs und öffentlicher tätlicher Beleidigung

... ein Jahr Gefängnis.«

»Wenn Sie den Czibulla nur verknacken«, sagt Stadtrat Röstel zu Assessor Meier, »sonst muß die Stadt dem Schmerzensgeld, Arztkosten und eine lebenslängliche Rente zahlen.«

»Ach, die werden schon«, tröstet Assessor Meier, »die Strafanträge sind ja so mäßig, daß ich denke, sie werden glatt bewilligt.«

»Genosse, das hätten wir sein sollen«, sagt der Funktionär der KPD Matthies. »Wir hätten Zuchthaus besehen. Und gleich die Höchststrafe.«

»Sicher«, sagt der neugebackene städtische Gartenarbeiter Matz von Manzows Gnaden. »Da wagen sie nicht zuzufassen. Wenn es aber um erwerbslose Arbeiter geht ...«

»Diese Strafanträge sind phantastisch«, erklärt Finanzrat Berg. »Ehrlich muß man doch sagen, die Bauern, wenn die gewollt hätten, die hätten die Polizei nach Noten vertobackt.«

»Der Henning ist nun ein Krüppel. Und darf auch noch ins Kittchen. Ein schlechtes Geschäft für den Jungen.«

2

Zwei Stunden später geht Justizrat Streiter mit Stuff heim in das Hotel Cap Arcona. Hinter den beiden marschiert Henning, auf Tod und Leben flirtend mit der Sekretärin seines Verteidigers.

Der große Berliner Rechtsanwalt ist noch durchglüht vom Feuer, von der Erregung seiner Rede: »Und Sie fanden mein Plädoyer wirklich gut, Herr Stuff? War es wirklich sehr gut?«

»Unübertrefflich, Herr Justizrat! Einfach glänzend! Wie Sie nachgewiesen haben, daß die Polizei selbst dann, wenn das Publikum an der Fahne Anstoß nahm, nicht die Fahne beschlagnahmen durfte, sondern den Fahnenträger schützen mußte, nein, ich muß schon sagen ...«

»Ja«, sagt der Justizrat zufrieden, »der arme Oberstaatsanwalt: wenn er mir mit Reichsgerichtsentscheidungen kommen will oder mit Urteilen des Oberverwaltungsgerichtes, da muß er früher aufstehen. Da gibt es nicht viel Leute in Deutschland, die so beschlagen sind wie ich.«

»Da gehört doch ein enormes Gedächtnis dazu«, sagt Stuff bewundernd.

»Gott ja. Natürlich. Fleiß, vor allem Fleiß. – Und wie ich es ihnen gegeben habe, mit der nicht umwickelten Sense? Da hat natürlich keiner daran gedacht, daß der Henning mit einer Blechschere die Schneide abgeschnitten hatte. Es war also gar keine Sense mehr!«

»Nein, Herr Justizrat, Sie haben das ja nicht so gesehen wie ich, aber das Gesicht vom Oberstaatsanwalt ...«

»Armer Kerl! Na ja, sonst hat er hier seine Provinzanwälte, da braucht er sich nicht viel Mühe zu geben ...«

»Nur eins ist Mist, Herr Justizrat, wenn heute abend noch das Urteil gesprochen wird, ist Ihr ganzes schöne Plädoyer für die Katz.«

»Wieso? Warum meinen Sie das, Herr Stuff?«

»Weil dann die Zeitungen nur das Urteil bringen und nicht Ihr Plädoyer!«

»Da haben Sie recht. Da müßte man was machen, daß das Urteil heute nicht mehr kommt.«

»Wenn Sie krank würden?«

»Nee, sieht schlecht aus. Henning, mein Junge, hör mal ...«

Aber er muß zweimal rufen, ehe sich Henning von seiner Dame losreißt.

Stuff fragt: »Wie ist das, Henning, können Sie heute abend nicht einen Nervenzusammenbruch bekommen? So einen richtigen, den ein Arzt bescheinigt und den ich in die Zeitung bringen kann?«

»Heute abend noch? Vor dem Urteil? Nee, danke. Außerdem wollen wir uns heute abend noch einmal gründlich die Nase begießen. Wer weiß, was morgen ist.«

»Du kannst ja auf deinem Zimmer saufen.«

»Ausgeschlossen! Ich sage euch: ausgeschlossen! Heute zeige ich mich noch dem Volk, daß die nicht denken, ich habe Angst.«

Ein dunkler Schatten ist neben ihnen aufgetaucht und bleibt stehen: »Entschuldigen die Herren, mein Name ist Manzow, demokratischer Stadtverordneter. Stadtverordnetenvorsteher. Herr Stuff kennt mich.«

»Tu ich. Kenne Sie. Jawohl.«

»Meine Herren, ich überfalle Sie hier auf der Straße. – Aber ich möchte noch vor dem Urteil ... Die Sache ist die: schon einmal habe ich versucht, wegen des Boykotts mit der Bauernschaft Verhandlungen anzuknüpfen. Damals wollten die Herren nicht, haben uns böse durch den Koks geholt.

Nun komme ich noch mal. Vor dem Urteil, damit Sie sehen, unser Versöhnungswille ist ehrlich. Können wir uns heute nicht irgendwo zusammensetzen und die Geschichte aus der Welt schaffen?«

»Jawoll«, knurrt Henning. »Ihr Versöhnungswille ist Angst, daß wir nach der glänzenden Rede von Herrn Justizrat freigesprochen werden. Dann muß die Stadt blechen, blechen, blechen!«

»Entschuldigen Sie, Herr Justizrat, daß ich Sie noch nicht beglückwünscht habe. Noch nie habe ich so etwas gehört wie Ihre Rede. Ich rede auch, ich muß sogar viel reden, ich bin hier so etwas wie ein Führer ...« Verlegen grunzend: »Unter Blinden ist der Einäugige König. Aber so etwas wie Ihr Plädoyer, nein, Herr Justizrat ...«

Manzow wird vor Begeisterung immer fassungsloser.

»Sagen Sie mal, meine Herren«, meint der Justizrat, »warum wollen wir uns eigentlich die Vorschläge von Herrn Manzow nicht mal anhören? Das kann doch nichts schaden.«

»Nein. Nein. Auf keinen Fall«, sagt Henning.

»Also, Herr Manzow«, erklärt der Justizrat ungerührt, »wir erwarten Sie in etwa einer Stunde im Arcona. Wir werden wohl im Hinterzimmer sitzen. Ob freilich etwas Greifbares dabei herausschaut ...«

Manzow bedankt sich überströmend und verschwindet.

»Ob das richtig war?« zweifelt Stuff. »Sobald der Entgegenkommen sieht, wird er frech.«

»Ich setz mich mit dem Bruder nie an einen Tisch«, erklärt Henning trotzig.

»Dann tu ich es«, sagt der Justizrat ungerührt. »Wie denkt ihr euch das eigentlich? Ich will auch einmal mein Honorar haben. Laßt das doch die Altholmschen zahlen. Das ist zehnmal besser, als wenn ihr bei den Bauern sammeln müßt.«

»Na ja, von der Seite gesehen«, erklärt Stuff.

»Und jetzt werde ich sofort das Gericht anrufen und bitten, daß das Urteil heute nicht mehr verkündet wird. Habe eine Konferenz. Die sind schließlich auch froh, wenn sie Feierabend machen können. Es würde doch mit der Urteilsverkündung Mitternacht werden.«

3

Es ist vormittags elf Uhr. In die Turnhalle fällt das fahle, trübe Licht eines regnerischen Oktobertages.

Trotzdem es jetzt endlich zur Urteilsverkündung kommen wird, ist der Saal zum ersten Male fast leer. In der Stadt weiß man noch nicht, daß es soweit ist, die Altholmer Blätter kommen ja erst am Nachmittag heraus.

Stuff sitzt trübe an seinem Pressetisch. Sein Schädel ist wolkig von Alkohol.

Es wurde gestern noch eine solenne Sauferei, und dies Schwein, der Manzow, hat endlose Pullen Sekt geschmissen, diese Weiberlimonade, die man saufen kann wie Wasser und die über Kreuz mit Schnaps und Bier genossen einen wütenden Kopfschmerz macht.

»Ich fühle jedes einzelne Haar«, stöhnt er zu Blöcker.

»Gespannt bin ich doch, was kommt«, sagt der. »Henning ist mächtig blaß. Hat wohl Angst.«

»Angst?« fragt Stuff verächtlich. »Gekotzt hat er seit drei Uhr morgens, der war voll, sage ich dir.«

Der Gerichtshof erscheint.

Dieses Mal setzen sich die Angeklagten nicht, stehend erwarten sie ihr Urteil.

Der Vorsitzende bedeckt sein Haupt mit dem Barett und verkündet: »Im Namen des Volkes. Es wird für Recht erkannt: Es werden verurteilt:

Der Angeklagte Georg Henning wegen Widerstandes in zwei Fällen zu drei Wochen Gefängnis.

Der Angeklagte Heino Padberg wegen einmaligen Widerstandes zu zwei Wochen Gefängnis.

Der Angeklagte Herbert Rohwer wegen Widerstandes und Körperverletzung zu zwei Wochen Gefängnis.

Der Angeklagte Josef Czibulla wird freigesprochen.

Die Kosten fallen, soweit Verurteilung erfolgte, den Angeklagten, im übrigen der Staatskasse zur Last.«

Der Vorsitzende holt Atem, durch den Saal geht ein leises Rauschen. Viele sehen einander an. Die Angeklagten, die Verurteilten, stehen unbewegt und sehen auf den Vorsitzenden.

Der beginnt mit der Urteilsbegründung. In dem väterlich freundlichen Ton, den er durch die ganze Verhandlung beibehalten hat, sagt er:

»Es ist erfahrungsgemäß schwer, solche Vorgänge wie die am sechsundzwanzigsten Juli zu rekonstruieren ...

Die wesentliche Frage ist die, befand sich die Polizeiverwaltung Altholm bei der Beschlagnahme und Wegnahme der Fahne in rechtmäßiger Ausübung ihres Amtes?

Das Gericht ist der Überzeugung, daß ihr Vorgehen objektiv nicht berechtigt war. Die Sense war keine Sense, auch keine Waffe, sondern ein Symbol. Die Demonstrationsteilnehmer hatten ein Recht, diese Fahne zu tragen, ein Recht, sie wegzunehmen, hatte die Polizei nicht.

Andererseits ist das Gericht der Überzeugung, daß Frerksen sich subjektiv in rechtmäßiger Ausübung seines Amtes glaubte, als er die Fahne beschlagnahmte. Er hat die Fahne für provozierend gehalten, er hat geglaubt, etwaige Zusammenstöße nicht verhindern zu können. Er ist durch die Fahne überrascht worden.

Aktiven Widerstand haben Henning und Padberg beim Tucher durch Festhalten der Fahne geleistet.

Die Frage, ob eine Zusammenrottung vorlag, muß verneint werden. Im Gegenteil haben sowohl Padberg wie Henning für Beruhigung des Zuges und Weitermarsch gesorgt.

Rohwer hat einen gewissen Widerstand geleistet, und zwar über die Grenze der reinen Abwehr hinaus.

Wohl ist erwiesen, daß eine Anzahl von Landleuten beim Heldenmal sich am Kampf beteiligt haben, aber das wäre nur entscheidend, wenn die Bauern die Angreifer gewesen wären. Dagegen spricht das Verhalten der Polizei. Es besteht zum mindesten der Verdacht, daß Frerksen der Situation nicht gewachsen war, daß er den Kopf verloren hat und unplanmäßig handelte. Er hat den ungünstigsten Platz zum Aufhalten des Zuges gewählt. Er ist auch mit seinen Beamten vorgegangen, ohne ihnen irgendwelche genauen Instruktionen zu geben. Die Erregung der Beamten ist zu verstehen. Ohne Führung sind sie an den Zug gekommen. Sie haben gleich dreingehauen.

Erwiesen ist, daß Henning, als er auf der Erde lag, mit den Füßen stieß. Aber da befand sich die Polizei nicht mehr in rechtmäßiger Ausübung ihres Amtes. Sie hatte jede Selbstzucht verloren und schlug blindlings drauflos.«

(Starke Bewegung.)

»Der Angeklagte Czibulla mußte freigesprochen werden, denn es hat sich nicht erweisen lassen, daß er in anderer Absicht, als um sich eine Auskunft zu holen, an die Beamten herangegangen ist. Der Aussage eines Zeugen, er habe den Beamten mit einem Stock oder Schirm gestoßen, stehen die Aussagen von mehreren anderen Zeugen gegenüber, daß er nur schüchtern mit der Hand am Rock des Beamten gezupft habe. Der fürchterliche Schlag, der gegen ihn geführt worden ist, erklärt sich nur durch die ganz kopflose Erregung der Polizei.«

(Erneute starke Bewegung.)

»Die Angeklagten haben Anspruch auf weitgehende Milde. Trotzdem war auf Gefängnis zu erkennen, weil ihr Verhalten außerordentlich gefährliche Folgen haben konnte. Im übrigen sprach zu ihren Gunsten, daß sie sich in ihrem Rechte glaubten. Die Fahne war ihr Symbol. Und Henning hat sich für dieses Symbol zusammenhauen lassen, es war ihm ernst damit.

Die Bauern sind ruhig gewesen. Weder Polizei noch Bauernschaft haben provozieren wollen. Beide sind in diese Situation ohne Willen hineingeraten, beide waren ihr nicht gewachsen.

Auf Einziehung der Fahne ist aus den erwähnten Gründen nicht erkannt worden.

Den Verurteilten wird Bewährungsfrist auf zwei Jahre zugebilligt.«

4

»Gratuliere«, flüstert Henning zu Padberg.

»Du hast lachen«, sagt der. »Ich hänge wegen der Bomben. Türme nun man bald.«

»Heute noch«, sagt Henning. »Ich bewähre mich lieber im Ausland.«

»Heil Bauernschaft, Kamerad.«

»Heil Bauernschaft.«

»Na, nun bist du doch zufrieden?« fragt Blöcker seinen Stuff.

»Zufrieden. Zufrieden«, murrt der. »Das ist auch so ein Kompromißurteil, Schusterurteil, Einerseits-Andererseits-Urteil. Objektiv ist die Polizei im Unrecht, aber subjektiv ist sie im Recht. Was fang ich mit so einem Urteil bei meinen Bauern an?«

»Dir wär's wohl lieber, die wären ordentlich verknackt?«

»Aber selbstverständlich, Jahre und Jahre mußten die brummen! Das wäre doch noch was für die Propaganda. Aber so was Pflaumenweiches ...«

»Na, ich danke«, sagt Stadtrat Röstel. »Nun kann ich mir nur gleich den Zahnschlosser, den Czibulla, ranholen und hören, welche Pension die Stadt ihm zahlen darf.«

»Geld ist noch nicht das Schlimmste«, sagt Assessor Meier. »Aber mein Chef, Herr Regierungspräsident Temborius! Drei Wochen Gefängnis und eine Polizei ohne Selbstzucht. Das gibt noch was.«

»Die Staatsanwaltschaft legt doch unbedingt Berufung ein.«

»Und in einem halben Jahr käuen wir den ganzen Dreck noch mal. Ist das etwa schön?«

»Komm, Änne«, sagt Oberinspektor Frerksen. »Die Leute glotzen so.«

»Mach dir nichts draus, Fritz, der Vorsitzende hat gesagt, du bist in deinem Recht gewesen. Du hast die Fahne zu Recht beschlagnahmt.«

»Na ja, na ja.«

»Und daß du den Kopf verloren haben sollst ... der Herr sollte sich nur mal vor dreitausend Bauern hinstellen. Das ist keine Kunst, hinterher klug zu tun. Gut hast du es gemacht.«

»Na ja. Na ja. Wissen möchte ich nur, wer jetzt mein Vorgesetzter wird?«

»So was liebe ich«, sagt Polizeioberst Senkpiel zu seinem Oberleutnant Wrede. »Daß so ein Jurist kein Gefühl dafür hat, was er für Schaden anrichtet, wenn er auf die Polizei schimpft. Ist ja nur städtische Polizei und der Frerksen eine Nulpe – kolossalen Mist hat er gemacht –, aber das vor den Leuten sagen, wo bleibt da die Autorität?«

»Drei und zwei Wochen, so was möchten wir auch, was, Genosse?« fragt der Funktionär Matthies. »Paß auf, ich kriege, weil ich dem Frerksen seinen Säbel geklaut habe, mindestens ein Jahr.«

»Kriegst du. Kriegst du.«

Der Oberstaatsanwaltschaftsrat: »Das sieht ihm wieder einmal ähnlich.«

Der Rat tröstet: »Es ist ja nichts Endgültiges, dieses Urteil.«

»Nein, natürlich nicht. Aber vorläufig sind wir die Geschlagenen.«

»Man müßte sofort etwas tun, um die Haltung der Staatsanwaltschaft zu fixieren.«

»Und das wäre?«

»Wir marschieren schnurstracks zur Polizei und beschlagnahmen die Bauernschaftsfahne von neuem.«

»Gut. Sehr gut. – Herr Assessor Meier, einen Augenblick bitte! Wir haben vor, um unsere Stellung zu diesem Urteil darzulegen, das heißt, um erneute Zusammenstöße zu verhüten, sofort wieder die Bauernschaftsfahne zu beschlagnahmen.«

»Ein Lichtblick«, strahlt Meier. »Das wird den Herrn Präsidenten freuen. Es gibt doch noch Männer.«


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