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Eine Woche nach dem Urteilsspruch erschien in den Nachrichten und in der Chronik, doch nicht in der Volkszeitung, dieses ganzseitige Inserat: Nachdem das Urteil im Prozeß gegen die Bauernschaftsmitglieder gesprochen worden ist, auch im Prinzip eine Einigung besteht, sind wir dem Ziele, das allen Altholmern so sehr am Herzen liegt, der Herbeiführung des Wirtschaftsfriedens, um einen bedeutenden Schritt nähergekommen. Noch aber ist ein Hindernis aus dem Weg zu räumen, und dieses Hindernis besteht in der Notwendigkeit der Beschaffung von Mitteln zur Begleichung entstandener Schädigungen. Die Unterzeichneten wenden sich deshalb an die ganze Altholmer Bürgerschaft mit der Bitte, das Ihrige zur Erlangung dieser Mittel beizutragen. Erst wenn auf Grund der beim ersten Unterzeichneten eingezeichneten Summe der Abschluß des Wirtschaftsfriedens mit den Vertretern der Bauernschaft gesichert ist, wird der Boykott aufgehoben. Der Ausschuß bittet, daß sich jeder nach Kräften beteiligen möge. Altholmer, laßt eure Vaterstadt nicht im Stich! Der Ausschuß zur Herbeiführung des Wirtschaftsfriedens. Stadtverordnetenvorsteher Manzow. Medizinalrat Dr. Lienau. Braun, Kaufmann, Dr. Hüppchen, Diplomvolkswirt. Stadtverordneter Meisel.« 2So bereitwillig der Kinderfreund Manzow in jener Nacht vor dem Urteilsspruch die Vertreter der Bauernschaft gefunden hatte, seinen Sekt zu trinken, so unnachgiebig waren die Herren in ihren Forderungen gewesen. Aber was damals in der Auktionshalle nachts beim Kerzenstummelscheine noch ganz unmöglich erschienen war, heute war es schon irgendwie diskutabel geworden. »Aber zehntausend Mark, meine Herren, das ist ja Wahnsinn.« »Warten wir also noch ein bißchen«, sagt Henning, »es muß ja nicht heute sein.« »Und wenn Sie morgen verknackt werden?« »Dann ist es auch noch so. Glauben Sie, die Bauern heben den Boykott auf, wenn wir ins Kittchen müssen?« »Ich gebe auch zu bedenken«, äußert sich der Justizrat, »daß außer der eigentlichen Zahlung von zehntausend Mark, mit der die Prozeßkosten auch nicht annähernd abgegolten sind, eine ganze Anzahl verletzter Bauern entschädigt werden muß. Da ist Herr Henning, für sein Leben verkrüppelt, da sind Bauern, die Stockschläge erhielten, da ist Banz ...« »Der hat ja einen Polizisten niedergeschlagen!« »Und? War er nicht in Notwehr?« »Also sagen Sie Ihr letztes Wort.« »Fünfunddreißigtausend. Alles in allem.« »Das ist ja Wahnsinn.« Henning trinkt und erklärt: »Warten wir doch noch. Es muß ja nicht heute sein.« »Meine Herren, nennen Sie mir irgendeine Zahl ...« »Hundertdreiundzwanzigtausend«, schlägt Stuff vor. »Aber wollen Sie denn gar nicht nachgeben?« Mit der Zahl der geleerten Flaschen steigen die Aussichten auf Einigung. Gegen vier Uhr morgens wird auf einem Hotelbriefbogen ein vorläufiges Abkommen unterzeichnet: Erstens: Ehrenvolle Rückgabe der Fahne durch einen prominenten Bürger der Stadt. »Bist du nicht! Bist du nicht!« lallt hartnäckig Stuff zu Manzow. Zweitens: Zahlung von fünfundzwanzigtausend Mark innerhalb zwei Wochen. »Teuer seid ihr Brüder. Die reinen Räuber. Aber ich schmeiße die Sache schon.« 3Sie ließ sich so leicht nicht schmeißen, die Sache. Wo Manzow auch anfragte: »Ja, wir würden gerne etwas tun. Aber grade uns hat der Boykott so getroffen, daß wir wirklich kein Geld haben ...« »Vielleicht die Bäckerinnung...« »Vielleicht die Detailisten ...« »Oder die Lehrerschaft? Die sind doch immer so fürs Ideale.« Nach sechs Tagen hat Manzow 465 Mark zusammen. In weiteren acht Tagen müssen sie auf 25 000 angeschwollen sein oder sein Name als der große Versöhnungspolitiker ist kompromittiert. Und in zwei Wochen sind Kommunalwahlen. Es ist dunkel, es ist finster, es steht kein Mond im Kalender und auch keiner am Himmel, als Manzow zum Bürgermeister Gareis in die Wohnung schleicht. Gareis scheint gar nicht böse, Gareis ist ganz freundschaftlich, Gareis spendiert sogar Wein. Dann, als Manzow sein Herz ausgeschüttet hat –: »Du fängst es am falschen Ende an. Du kannst die Versöhnung haben ohne einen Pfennig. Fahr selber aufs Land und sprich mit den Bauern. Ich geb dir die Namen von den Vernünftigen, mit denen sich reden läßt.« »Ich danke. Daß die mich rausschmeißen und verhauen! Da sind mir der Justizrat und Henning lieber.« »Und du zahlst fünfundzwanzigtausend Mark.« »Ich keinen Pfennig. Dafür mach ich doch all die Arbeit.« »Und es ist sehr die Frage, ob die Bauern ihren Führern parieren werden, wenn die befehlen: der Boykott ist alle.« »Warum denn nicht? Wenn die Geld kriegen? Sage mir nur, wie ich das Geld zusammenkriege ...« Aber wenn Gareis das weiß, so sagt er es nicht. Er spendiert mehr Wein, mehr Schnaps. Er ist in glänzender Stimmung. Er erzählt von der Stadt Breda, in die er berufen ist, von seinen Plänen ... »Du bist wieder mal der Schlauste«, stellt Manzow fest, »Du haust ab und läßt uns hier im Dreck sitzen.« Gareis sagt: »Ja, ich hau ab. Ich laß euch sitzen. Wie oft ihr das nun noch sagen werdet in den nächsten Monaten und Jahren. Gareis, der ist schlau gewesen, den Mist hat er gemacht, und dann haut er ab.« »Ist doch auch so«, stellt Manzow fest. »Wenn ihr nicht solche Idioten wärt«, sagt Gareis, »könnte man wirklich weinen.« 4Aber ganz umsonst ist der Nachtbesuch bei Gareis doch nicht gewesen. Auf dem Heimweg durch die Nacht, durch die Dunkelheit, kommt Manzow die Erleuchtung. »So geht es.« Er telefoniert mit der Bauernschaft: »Kann nicht einer von Ihnen mal rüberkommen, daß wir alles wegen der Übergabe besprechen? – Ja, wir müssen doch ein bißchen Tamtam machen. – Herr Stuff kommt? Dann ist ja alles in Ordnung. – Das Geld, ja, das Geld ist auch da. – Glauben Sie doch nicht, was die Roten schreiben! Der Opfermut unserer Bürgerschaft hat sich wieder glänzend bewährt. – Nein, ganz leicht war es nicht, aber ich hab's geschafft. – Ich denke doch bald. Nächste Woche noch, das wäre drei oder vier Tage vor den Wahlen. – Sagen wir Sonnabend, den 17. Oktober? – Gut. Einverstanden. Ich erwarte Herrn Stuff.« 5»Warum sind Sie eigentlich so mißtrauisch, Herr Stuff?« sagt Manzow. »Wenn es jetzt nicht Abend wäre, ginge ich mit Ihnen zur Sparkasse und zeigte Ihnen die fünfundzwanzigtausend.« »Ich glaube im Leben nicht, daß die hier das Geld aufgebracht haben. Ich kenne doch die Altholmschen! Sie wollen uns reinlegen. Wissen Sie was, lassen Sie mich mit dem Direktor sprechen oder mit dem Sparkassenrendanten.« »Können Sie gerne. Wir rufen gleich mal an. Aber ich will Ihnen vorher was beichten ...« »Na, denn los. Ich wußte doch, daß dieser Käse stinkt.« »Ich habe den Gebhardt belämmert. Von den fünfundzwanzigtausend hat er allein zehntausend gegeben.« »Glaube ich nie.« »Wenn er protzen kann! Ich hab ihm stecken lassen durch den Meisel, Oberbürgermeister Niederdahl hätte gesagt: Der Gebhardt, der gibt doch nichts, der gibt doch höchstens fünfzig Mark. Da zeichnet er tausend. – Und da habe ich die Zahl schief angeguckt und hab gesagt: ›Ich würde noch eine Null hinten dran machen, Herr Gebhardt, Sie haben doch einen Rolls-Royce. Da paßt tausend doch nicht dazu. Tausend wird wohl auch Niederdahl zeichnen.‹ Er hat mich angestöhnt, aber die Null hat er dazugemacht.« Stuff grinst: »Wenn Sie es so gemacht haben, Manzow, glaub ich's. Was mich nur giftet, ist, der Kerl fährt deswegen doch an die Riviera, nur druckst er jetzt schon, wie er's wieder einsparen kann. Weihnachtsgratifikationen werden seine Leute nicht kriegen.« »Also wir machen es so: morgens zehn Uhr Sammeln vor dem Tucher. Zug durch die Stadt zur Viehhalle. Übergabe der Fahne durch Medizinalrat Dr. Lienau. Sämtliche Kriegervereine sind aufmarschiert. Rückmarsch mit Fahne und Musik durch die Stadt. Gemeinsames Festessen in sämtlichen Lokalen.« »Und das Geld?« »Bekommen Sie auch in der Viehhalle.« »Warum eigentlich nicht heute oder morgen?« »Weil wir Ihnen auch nicht ganz trauen, Stuff. Wenn die Bauern nun nicht kommen, wenn die nicht Order parieren ...« »Die kommen schon.« »... dann bin ich blamiert. Drei Tage vor den Wahlen. Und dann darf ich das Geld ersetzen.« »Die Bauern kommen.« »Seien Sie doch nicht so mißtrauisch. Wenn ich das Geld nicht zahlen kann, bin ich doch der Blamierte. Dann habe ich doch in Altholm ausgespielt. Dann bin ich doch meines Lebens nicht mehr sicher.« »Recht haben Sie«, sagt entschlossen Stuff. »So dumm sind Sie schließlich auch nicht, Herr Manzow.« »Und jetzt denke ich, setzen wir uns irgendwo zusammen hin und feiern die Versöhnung im voraus. Im Arcona sind die Rebhühner glänzend. Er macht sie mit Wacholderbeeren und irgendwelchen fabelhaften Kräutersträußchen, eine Wonne, sage ich Ihnen, mit einem schönen schweren Bordeaux ...« »Nee, danke«, sagt Stuff. »Ich muß erst noch einen Weg machen. Aber so in zwei Stunden schau ich mal rein ...« 6Stuff geht langsam durch die dunkle Stadt. »Eigentlich auch nicht besser«, denkt er. »Eigentlich schlimmer. Der Gareis war ein Schwein, aber er tat was. Der Manzow ist ein Schwein und tut nichts. Schlechter Tausch für Altholm.« In der trübe beleuchteten Stolper Straße sieht Stuff zwei kommen, er denkt: wenn man den Esel nennt, kommt er schon gerennt. Und laut: »Guten Abend, Herr Bürgermeister.« Gareis bleibt stehen: »Guten Abend, Herr Stuff. Auch mal wieder in Altholm?« »Man muß ja. Die Bauern ...« »Wird es nun mit dem Frieden was?« »Ja, nächste Woche schon.« »Das Geld ist da?« »Welches Geld?« »Ich weiß Bescheid, Herr Stuff. Noch immer. Fünfundzwanzigtausend.« »Sind da.« »Macht Ihnen das eigentlich alles nun Spaß, Herr Stuff?« Stuff hebt langsam seine rotgeäderten Augen zum Bürgermeister: »Spaß? Gott nee, Herr Bürgermeister. Aber man muß doch irgendwas tun. Nur saufen und huren kann man doch nicht.« »Und die Bauern gefallen Ihnen?« »Die Bauern? Was weiß ich von Bauern? Im Grunde ist es genau derselbe Brezelladen wie hier. Nur daß mir noch mehr in meinen Kram reinreden.« »Sie sollten doch mit mir mitkommen, Herr Stuff«, sagt der Bürgermeister. »Ein kleines Industrienest, in dem noch nichts, nichts geschehen ist.« »Ich bin zu alt und verbraucht«, sagt Stuff. »Ich kapiere nicht mehr, daß es irgendeinen Sinn hat, alles. Ich bin nun mal gegen euch Rote. Das ist so mein Gefühl, ich lerne nicht mehr um. – Wann fahren Sie, Bürgermeister?« »Nächsten Sonnabend.« »Dann will ich Ihnen Lebewohl sagen.« Stuff streckt sachte seine fette Hand aus. – »Lassen Sie es sich gut gehen, Bürgermeister.« »Danke. Danke auch für damals, Herr Stuff. – Also auf Wiedersehen.« »Kaum, kaum. Guten Abend, die Herren.« »Guten Abend, Herr Stuff.« 7Stuff macht die Gattertür auf. Stolper Straße 72. Als er über den Hof geht, sieht er, daß die Fenster dunkel sind, und es ist noch nicht neun. In der Tasche sucht er nach Streichhölzern. Die Tür ist unverschlossen, er tritt ein. Eine Stimme fragt: »Wer ist denn da? Bleiben Sie doch draußen. Ich will niemanden sehen.« »Mich doch«, sagt Stuff und brennt ein Streichholz an. Dann entzündet er die Lampe. Das Zimmer sieht wüst aus. Seit vielen Tagen ist hier nichts gemacht. Wirr, mit verzottelten Haaren, hockt die Frau am Fenster. Die Kinder schlafen, halb nur ausgezogen. Die Bettwäsche ist schwarz. »Eigentlich schade um die Kinder«, sagt Stuff und schmeißt einen Haufen Gelumpe aus einer Sofaecke, um sich Platz zu machen. »Daß sie auch solche werden wie ihr Vater«, sagt die Frau. Stuff ist geduldig. Nach einer Weile fragt er: »Haben Sie eigentlich noch Geld?« »Weiß nicht. Doch ja. Geld ist noch da. Über hundert Mark.« »Und was soll werden, wenn die alle sind?« »Weiß ich's. Es wird sich schon was finden.« Wieder Pause. Dann: »Geschrieben hat er also nicht?« Und sie: »Der schreibt nicht.« »Er will vielleicht erst was haben, daß er Geld schicken kann.« »Der schickt kein Geld. Der holt sich lieber was.« Lange Stille. Dann sagt Stuff energisch: »Also hören Sie zu, Frau Tredup. Ich habe mir in Stolpe eine Dreizimmerwohnung gemietet mit Gas, Elektrisch, Bad und allem. Zwei Zimmer sind schon eingerichtet. Ihre Sachen holt morgen der Möbelmensch.« »Ich geh nicht fort von hier.« Stuff fährt ungerührt fort: »Die Kinder nehm ich jetzt gleich mit. In der Schule hab ich sie heute nachmittag schon abgemeldet. Wenn Sie wollen, führen Sie mir den Haushalt, wenn Sie nicht wollen, bleiben Sie hier. Aber die Sachen kommen weg.« »Ich bleib hier.« »Aufstehen, Hans, Grete!« sagt Stuff. »Wir fahren nach Stolpe. Wir gehen fort von hier.« Die Kinder sind gleich wach und begeistert. Ungeschickt hilft ihnen Stuff beim Anziehen und Sachenpacken. Die Frau sitzt am Fenster. Plötzlich schlägt Stuff wütend auf den Tisch: »So ein gottverfluchtes Schwein! Meinen Sie denn, daß er das wert ist?« Die Frau rührt sich nicht. Stuff seufzt schwer: »Na, denn kommt man, Kinder. Sagt der Mutter Adieu.« Und plötzlich ist er ganz Energie: »Also los, Frau Tredup. Mantel an und Hut auf. Ich denke gar nicht daran, Sie hier zu lassen. Das bißchen Zeug packen die Möbelleute auch allein. Abmarsch!« Unterdessen sitzt Manzow im Hotel Arcona. »Der Schuft, der Stuff, kommt doch nicht! Ob er noch zum Sparkassenrendanten gegangen ist? Dann bin ich geplatzt.« 8Am nächsten Morgen weiß er, daß er noch nicht geplatzt ist. Hoffnungsvoll sieht er auf die kommenden Wahlen. Er braucht keine Rede zu halten, er wird die beste Propaganda von der Welt haben: Die Versöhnung mit den Bauern hat er gemacht. Am 17. soll der große Versöhnungstag sein. Am 16. morgens übergibt Manzow der Presse das Material: Programm und Schmus, alles ist fertig. Und er gar nicht mal übermäßig rausgestrichen. Am 16. mittags geht Manzow zum Stadtrat Röstel. Röstel hat das Polizeidezernat vom Bürgermeister Gareis übernommen. Manzow begrüßt ihn freundschaftlichst. »Na, Sie wissen ja schon, warum ich komme?« »Nee, keinen Schimmer.« »Nun, morgen die Bauerndemonstration. Der Umzug durch die Straßen. Ich will's doch wenigstens offiziell anmelden.« »Keine Ahnung. Was ist das?!« »Sie haben doch unsern Aufruf in den Zeitungen gelesen ...« Manzow berichtet. Stadtrat Röstels Stirn verfinstert sich: »Jetzt? Direkt vor den Wahlen? Ich bitte Sie, Herr Manzow! Das ist doch gänzlich ausgeschlossen!« »Wieso ausgeschlossen?« Manzow strahlt. »Daß es wieder zu Zusammenstößen kommt! Wie denken Sie sich das? Die Bauern mit der Fahne durch die Stadt? Ganz unmöglich.« »Das Gericht hat festgestellt, daß die Fahne zulässig und von der Polizei zu schützen ist.« »Wenn schon. – Außerdem hat die Staatsanwaltschaft die Fahne wieder beschlagnahmt.« »Das macht nichts. Ich habe ein Duplikat machen lassen. Sie haben nicht die geringste gesetzliche Handhabe zum Verbot.« Röstel wird immer aufgeregter: »Sie wollen ein Politiker sein? Das ist Wahnsinn, was Sie sich da ausgedacht haben!« »Wieso Wahnsinn? Morgen ziehen die Kommunisten durch die Straße und das Reichsbanner und wir Demokraten. Und die Partei der Gastwirte, die Reichswirtschaftspartei macht auch einen Umzug. Und die Nazis. Und ausgerechnet die Bauern dürfen nicht? Das gibt es doch gar nicht!« »Sie wissen ganz genau, was da für ein Unterschied ist. Was sollen wir darüber noch groß reden.« »Ich habe die Bauern bestellt. Die Bauern kommen um zehn. Und die Bauern demonstrieren, das sage ich Ihnen, Herr Stadtrat.« »Und die Bauern demonstrieren nicht, das sage ich Ihnen, Herr Stadtverordnetenvorsteher.« Manzow kommt noch grade rechtzeitig auf die Redaktion, um eine zündende Notiz zu inspirieren, daß die Stadtverwaltung Altholm nach so viel Opfern der Bürger den Wirtschaftsfrieden nicht zu wollen scheine. Der stellvertretende Polizeiverwalter Röstel usw. usw. Der verdienstvolle Stadtverordnetenvorsteher Manzow ... 9Am 16. abends erhält Manzow den Bescheid, daß der Regierungspräsident die Bauerndemonstration verboten hat. Es geht alles glänzend. Manzow rafft seine Leute zusammen und fährt am nächsten Morgen um 6 Uhr mit dem gesamten Versöhnungsausschuß nach Stolpe. Die Herren sind wild: »Wenn die Demonstration nicht erlaubt wird, dann läuft der Boykott bis in die Ewigkeit, noch mal kommen die Bauern uns nicht.« »Und wenn sie nicht erlaubt wird, was machen wir da mit dem Geld?« »Dann kriegt jeder das zurück, was er gezahlt hat«, erklärt Manzow. »Natürlich nach Abzug unserer Unkosten.« Um 7 hält das Auto vor der Villa des Präsidenten. Die Wirtschafterin Klara Gehl erklärt es für unmöglich, den Herrn Präsidenten jetzt zu stören. Aber die Herren haben es eilig. Um 10 Uhr sind die Bauern schon in Altholm. Immerhin müssen sie eine halbe Stunde auf dem Vorplatz warten. Dann erscheint schwitzend, noch unrasiert, Herr Assessor Meier. Aus dem Bett herbeitelefoniert, damit Herr Temborius einen Zeugen hat. Die Unterhaltung zwischen den Herren ist kurz: Manzow: »Zu unserer grenzenlosen Überraschung haben wir, Herr Präsident, gehört, daß Sie die geplante Versöhnung mit den Bauern verboten haben.« Temborius scharf: »Ja. Ich habe sie verboten. Ich denke nicht daran, solchen Wahnsinn zuzugeben. Staatsverbrecher.« Manzow: »Aber sämtliche anderen Demonstrationen sind für heute erlaubt. Stehen die Bauern unter Ausnahmerecht?« Temborius: »Die öffentliche Ruhe und Sicherheit ist durch diese Demonstration gefährdet.« Manzow: »Ich übernehme als Vertreter der Stadt Altholm die Gewähr, daß kein Altholmer Bürger oder Arbeiter daran denkt, die Demonstration zu stören.« Temborius: »Und wenn auswärtiger Zuzug Unbesonnenheiten begeht? Nein. Nein. Nichts. Gar nichts.« Manzow: »Auswärtiger Zuzug? Die Polizei hat es ja in der Hand, die Zuzugsstraßen abzusperren.« Temborius: »Ich kann doch keine öffentlichen Straßen sperren.« Manzow: »Dann ist der Wirtschaftsfriede wieder in die Brüche gegangen und Altholm vor dem Ruin.« Temborius: »Staatsbelange gehen vor.« Manzow: »Aber die Bauern sind bereits unterwegs.« Temborius: »Schupo empfängt sie auf dem Bahnhof und sorgt für sofortigen Rücktransport.« Manzow: »Die Haltung der Regierung ist gesetzwidrig.« Temborius, giftig: »Das überlassen Sie bitte mir.« Manzow: »Guten Morgen.« Temborius schweigt. Draußen sagt Dr. Hüppchen erstaunt: »Sie waren ja mächtig scharf, Herr Manzow. Der Präsident hätte vielleicht mit sich reden lassen.« »Der? I wo! Nur keine Schwäche. Nun kommt alles darauf an, daß wir sofort einen glänzenden Bericht an die Zeitungen geben, der unsere Arbeit rausstreicht. Noch eine Niederlage kann die Versöhnungskommission nicht ertragen.« »Das macht sich leicht.« »Ja, darin werden wir morgen alle gut abschneiden.« »Wieso grade morgen?« »Nun, soweit wir auf den Wahllisten stehen. Ich, Lienau und Meisel.« »Ach so, selbstverständlich. Gehen Sie nun eigentlich noch zum Bauernempfang auf den Bahnhof?« »Hat es Zweck? Vielleicht verlangen die dann nur das Geld? Und das kriegen sie jetzt nicht.« Dr. Hüppchen fragt: »Und wird der Boykott weiterlaufen?« »Glaube ich nicht. Wo die Bauern uns nun einmal gekommen sind. Ich habe mein Ziel erreicht« 10Es ist halb zehn Uhr morgens. Gareis wird von Assessor Stein zur Bahn gebracht. Die Frau ist schon voraus, die Sachen sind voraus. Nun bringt ihn der letzte, der einzige Getreue, der Freund an die Bahn. Wie sie so den sehr belebten Burstah entlanggehen, grüßen den Bürgermeister einige, viele sehen ihn und kennen ihn nicht, viele kennen ihn und sehen ihn nicht. »Immer sagen die Leute«, meint Gareis, »daß wir Politiker treulos sind. Die Menschlein machen uns das ganz hübsch vor – na, in Breda wird es besser.« »Wird es besser?« »Natürlich wird es besser. Ich habe hier eine Masse gelernt. Das nächste Mal mache ich es anders.« »Wie anders?« »Überhaupt anders. Ich denke anders. Ich sehe alles anders. – Sie werden es erleben. Sobald ich klarsehe, hole ich Sie nach.« »Es wäre schön«, sagt der Assessor. Und nach einer Weile: »Was ich Sie immer schon fragen wollte, Herr Bürgermeister. Erinnern Sie sich noch an den Abend vom Demonstrationstag?« »Leider«, brummt Gareis. »Eigentlich meine ich nicht den Abend, eigentlich meine ich die Nacht. Wir gingen spazieren. Eine Sternschnuppe fiel?« »Möglich. Juli und August fallen eine Masse Sternschnuppen.« »Und Sie haben sich was gewünscht. Sie wollten mir erzählen, was Sie sich gewünscht haben.« »Ich mir was gewünscht, Steinlein? Unsinn! Ich habe mir im Leben nie was gewünscht wie Arbeit. Auch ohne Sternschnuppen. Höchstens, in ganz wahnsinnigen Stunden, reibungslose Arbeit. Aber das ist genauso, als wünschte man sich das Perpetuum mobile.« »Sie haben sich was gewünscht«, sagt der Assessor hartnäckig. »Seien Sie nicht komisch. Wenn ich mir was gewünscht habe, habe ich es vergessen. Aber ich habe mir natürlich nichts gewünscht. Sie werden sich was gewünscht haben.« »Das ist doch seltsam«, sagt der Assessor, »Sie haben sich was gewünscht. Sie haben sich damals sehr was gewünscht. Und Sie werden nie wissen, ob Ihr Wunsch in Erfüllung gegangen ist oder nicht.« »Ich werd 'ne Masse Sachen in meinem Leben nicht erfahren, Steinlein«, sagt der Bürgermeister. »Das macht mir wenig Kummer. Viel mehr Kummer machen mir die Sachen, die ich erfahre.« Sie kommen auf den Bahnhofsplatz. Einen aufgeräumten, geordneten Bahnhofsplatz. Alle Zugangsstraßen sind durch Schupo besetzt. Kordons vor den Bahnhofstüren. Wichtig auf und ab eilende Ordonnanzen. Auf einer Verkehrsinsel thront Polizeioberst Senkpiel im Stabe seiner Offiziere. Ihm zur Seite in untadeliger Haltung Polizeioberinspektor Frerksen. »Was ist denn das?!« sagt der Bürgermeister elektrisiert. »Da muß ich doch mal hören ...« Und er marschiert auf den Obersten zu. »Sie versäumen Ihren Zug«, ruft der Assessor. »Guten Morgen, Herr Oberst. Ich bin hier zwar nicht mehr Bürgermeister, aber der Rummel interessiert mich doch noch. Was ist nun wieder los?« »Guten Morgen, Herr Bürgermeister. Seien Sie froh, daß Sie fortgehen. Die Bauern wollen hier wieder demonstrieren.« »Die Versöhnung, ja«, sagt der Bürgermeister. »Und –?« »Die Regierung hat die Demonstration verboten. Wir sorgen für Empfang und Abtransport der Bauern.« Der Bürgermeister steht nachdenklich da. »Ja. Ja«, sagt er schließlich. »Ja. Na, entschuldigen die Herren. Guten Morgen.« »Glückliche Reise«, ruft ihm der Oberst nach. Der unbeachtete Frerksen legt einen Finger an den Mützenrand. Wortlos geht der Bürgermeister in den Bahnhof, löst sich seine Karte, geht durch die Schranken. Den Assessor hat er wohl vergessen. Der geht stumm nebenher. Auch auf den Treppen, auf den Bahnsteigen steht Schupo. »Wann kommt eigentlich der nächste Stolper Zug?« fragt Gareis zerstreut. »Neun Uhr sechsundfünfzig.« »Und ich fahre neun Uhr neunundfünfzig. Ich steige in deren Stolper Zug ein.« Auf dem Bahnsteig steht Manzow mit ein paar Herren. Doktor Hüppchen grüßt verstohlen herüber. Die andern sehen ihren ehemaligen Bürgermeister nicht. Der Zug läuft ein. Er ist vollkommen überfüllt. Kaum sind die Bauern, ein paar hundert, raus aus ihren Abteilen, so setzt die Schupo mit ihrem Sprechchor ein: »Weitergehen! Den Bahnsteig räumen! Weitergehen!« Zwischen zwei Reihen Schupo schieben sich wie eine Herde die völlig verblüfften, die fassungslosen Bauern gegen die Treppen. In ihrem Strudel sieht der Bürgermeister Stuff, Manzow, Dr. Hüppchen. Meisel, den fluchenden Medizinalrat. »Sie müssen einsteigen, Herr Bürgermeister«, mahnt der Assessor. Sie entschwinden. »Ach ja.« Der Bürgermeister seufzt. Dann, aus dem Abteilfenster: »Natürlich ist es richtig, daß die Bauern hier nicht grade heute demonstrieren. Aber sie machen's wieder mit den falschen Gründen. Alle. Alle. Der Manzow. Der Temborius. Die Bauern selbst. Nichts um der Sache willen. Immer aus irgendwelchen mickrigen Interessen.« »Ich habe«, sagt der Assessor, »eben den Stuff gesehen. Wissen Sie, vor einem halben Jahr waren alle so wütend auf ihn, weil er einen kleinen Zirkus verrissen hatte. Die Vorstellung war Mist gewesen, aber nicht darum hatte Stuff sie verrissen, sondern weil der Zirkusdirektor nicht inseriert hatte. Daran habe ich eben denken müssen.« »Richtig«, sagt der Bürgermeister. »Das ist es. Das ist genau die Sache. Und ich habe auch mitgemacht im Zirkus Monte und bin genauso gewesen wie die andern.« »Nicht genauso, Bürgermeister. Nicht genauso.« Der Zug fährt langsam an. »Doch. Doch. Genauso.« »Aber in Breda wird alles anders?« »Hoffen wir«, schreit Bürgermeister Gareis und ist schon zehn Meter weiter. »Ich hoffe stark.« Nachbemerkung Dikigoros: Anno 1977 wurde "Bauern, Bonzen und Bomben" auch verfilmt, allerdings nur fürs Fernsehen, genauer gesagt für den NDR. Eine recht mittelmäßige Produktion, die im hart umkämpften Kinomarkt wohl nicht hätte bestehen können, zumal das Thema "Bauernlegen" damals nicht mehr bzw. noch nicht wieder besonders akut war. zurück zu Drittes Buch: Der Gerichtstag |