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Es wird langsam hell, der Morgen naht. Hinter den Gardinen, die ab und zu ein leichter Luftzug bewegt, hat Max Tredup die ganze Nacht die dunkleren Schatten der Fensterkreuze unterscheiden können. Doch jetzt wird das Dunkel fahl, die Umrisse gehen ineinander über. Schon rührt sich dort draußen manchmal ein verfrühter Vogel, stößt ein paar Zwitscherlaute aus und verstummt wieder in der großen Morgenstille. Tredup liegt reglos. Mit offenen Augen sieht er gegen das Fenster und versucht, Mut zu fassen für den Tag, der naht. Wie soll er allen begegnen, mit welchen Mienen werden sie ihn anschauen, den entlassenen Untersuchungsgefangenen? Wird Stuff ihm die Hand geben? Wird Schabbelt ihn rausschmeißen? Er bemüht sich, regelmäßig zu atmen, damit Elise sein Wachsein nicht bemerkt. Aber sie schläft wohl. Seine Schulter berührt ihre Schulter, er liegt auf der Seite, Rücken an Rücken, er fühlt, wie schwer sie ist, zu warm. Wenn es nicht anders geht, wird er die tausend Mark nehmen und verschwinden. Irgendwo anders eine Stellung finden, in einer Zeitungswerbekolonne oder als Annoncensammler. Er wird Elise Geld schicken. Hier in Altholm kann er nicht bleiben. »Was ist mit den tausend Mark?« fragt Elise. »Mit welchen tausend Mark?« fragt er überrumpelt. Also ist Elise doch wach gewesen. »Hast du so viele? Gareis hat mir wohl Bescheid gesagt.« »Gareis weiß nichts«, stottert er. »Ich soll Geld bekommen. Aber ob es tausend Mark sein werden und wann, das weiß ich nicht.« »Dreh dich um, Max. Sieh mich an. Nein, du brauchst mich nicht anzusehen, ich weiß so, daß du lügst.« »Wo sollte ich denn die tausend Mark haben? Du hast doch sicher all meine Sachen durchgesehen, als ich im Kittchen war.« »Das habe ich auch. Aber du hast sie schon irgendwo. Du bist auch ganz anders.« »Ich bin gar nicht anders.« »Was soll ich heute den Kindern kochen? Die Krämersch zieht schon ein Gesicht, wenn ich immer zuschreiben lasse im Buch.« »Vielleicht gibt Wenk Vorschuß.« »Zehn Mark. Und zweiunddreißig schulde ich schon wieder. Wo hast du die tausend Mark? Warum gibst du sie nicht her? Du gibst doch sonst alles Geld her!« »Ich habe nichts, das ist es.« »Doch hast du. Was willst du tun? Willst du weg von uns? Was soll werden, wenn das neue Kind kommt?« »Das neue Kind?« fragt er böse. »Ich weiß von keinem.« »Du weißt ebensogut wie ich, daß es heute nacht geschnappt hat.« »Nichts hat es. Du bildest dir das ein, weil du Geld willst.« »Doch hat es. Was nützt es denn, wenn du ein Jahr aufpaßt, und eine Woche bist du von mir fort und verlierst sofort den Verstand.« »Hätte ich in dem Jahr auch nicht aufpassen sollen?« »Rede keinen Unsinn. Immer sollst du aufpassen oder gar nicht.« »Und wenn es wirklich geschnappt hat«, sagt er langsam vorfühlend, »in Stettin auf der Kleinen Lastadie ist eine Frau, die bringt es weg.« »Woher weißt du das denn?« fragt sie. »Daß ich auch ins Kittchen komme, was?« »Die Frau ist gut, sie macht es mit Wasser und einer Spritze.« »Wer hat dir das gesagt? Haben sie dir so was im Gefängnis beigebracht?« »Nein, nicht im Gefängnis.« »Also hast du es schon vorher gewußt? Darum hast du wohl heute nacht nicht aufgepaßt?« »Ich stehe jetzt auf«, sagt Tredup. »Du bleibst liegen. Daß die Kinder wach werden und ich habe das Geschrei von fünf an in der Stube.« »Du bist ganz anders, Elise.« »Natürlich bin ich anders, weil du anders bist. Wo hast du das Geld?« »Ich habe keins.« »Womit willst du denn die Frau bezahlen? Die verlangt sicher fünfzig oder hundert Mark.« »Fünfundzwanzig.« »Und woher willst du die nehmen?« »Die pumpe ich mir.« »Wer dir schon fünfundzwanzig Mark pumpt! Keiner!« »Doch. Die bekomme ich gepumpt.« »Von wem denn? Ich möchte bloß mal wissen, von wem denn?« »Na, zum Beispiel, Stuff würde sie mir sicher pumpen.« »So, Stuff. Ausgerechnet der dicke Stuff!« »Jawohl, Stuff. Ausgerechnet Stuff.« »Dann hat Stuff dir wohl auch von der Frau erzählt?« »Gar nicht hat er! Ganz jemand anders hat es mir gesagt.« »Wer denn?« »Stuff nicht.« »Ich habe es doch immer gedacht«, sagt Frau Tredup, »daß die Henni, mit der Stuff ging, dick war. Und mit einemmal war sie schlank wie 'ne Tanne.« »Ihr Weiber bildet euch immer so 'ne Sachen ein.« »Dann muß Stuff dir aber mindestens hundert Mark geben, sonst kann er böse reinfallen.« »Ich sage dir doch«, schreit Tredup, »Stuff war es nicht. Verrückt bist du, verrückt, verrückt! Immer willst du Geld haben. Erst tausend Mark, nun hundert Mark. Das geht in einer Tour: Geld! Geld!« »Ja, du hast gut schreien, daß die Kinder wach werden. Dir hängen sie nicht an der Schürze und plärren Hunger. Und Fräulein Lange hat mir auch sagen lassen, ich darf die Grete nicht mehr ohne Schlüpfer in die Schule schicken. Die Jungen gucken danach. Gib mir Geld für Schlüpfer.« »Ja, ja, Geld, Geld, Geld. Ein Schwein werde ich noch. Ich werde Geld aus dem Geldschrank nehmen. Ich werde einem sein Geld klauen, wenn er besoffen ist. Ich werde die Grete zum Manzow in der Calvinstraße schicken, der regt sich an kleinen Kindern auf. Ich ...« Es war kein harter Schlag, der ihn traf. »Geh! Geh!« schreit sie wild. »Geh ins Geschäft, geh auf die Straße, geh hier weg! Hat tausend Mark und redet Schweinereien über seine Tochter, bloß daß er das Geld für sich behält. Geh!« Tredup steht in der Ecke. Er starrt zu der Frau hinüber, die im Bett aufrecht sitzt, und ihn rasch atmend ansieht. Er steht da in seinem kurzen Hemd, unter dem die behaarten, dürren Beine hervorstarren, und wischt sich gedankenverloren die Stelle im Gesicht, die die Hand der Frau traf. Plötzlich lächelt er. »Das war«, sagt er, »wie da, als sie mich im Kittchen die Treppe hinunterschmissen. Auch bei dir bin ich die Treppe runtergefallen.« »Wovon redest du?« fragt sie. »Nichts. Und jetzt koch Kaffee. Oder Tee. Oder Mehlsuppe. Was du eben hast. Ich will um sechs in der Chronik sein.« »Ja«, sagt sie gehorsam. »Die Wandler wird auf sein, die pumpt mir schon ein Lot Kaffee.« 2In seinem Arbeitszimmer sitzt früh um halb sieben der Chefredakteur der Nachrichten, Heinsius, der vaterstädtische Mann, Verfasser einiger Romane über das bodenständig hinterpommersche Bauerngeschlecht. Er sitzt da und schreibt. Er schreibt wirklich. Er hat die ganze Nacht nicht geschlafen, seit ihm klar geworden ist, daß er etwas wird schreiben müssen, daß die Nachrichten Stellung zu nehmen haben. Gestern abend, als der Blöcker aufgeregt faselte, vom Bauernkampf, wildem Dreinschlagen der Polizei, tollen Vorgängen in der Viehhalle, von Polizeiknüppel schwingenden Schupos, unwürdig behandelten Bauern, einem größenwahnsinnig gewordenen Polizeityrannen – gestern abend hat er gelächelt und gesprochen: »Sie überschätzen das, Blöcker. Zusammenstöße bei Umzügen – jeden Tag zehn. Das geschieht heute und ist morgen vergessen. Eine lokale Notiz, der amtliche Bericht, meinethalben ein Stimmungsbild von, sagen wir, dreißig Zeilen, das ist alles.« »Aber die Leute sind wild.« »Welche Leute? Die Bauern? Was gehen uns die Bauern an! Die Bürger? Die doch nicht! Die doch ganz sicher nicht! Die freuen sich höchstens, daß sie mal was zu sehen gekriegt haben.« »Die Bürger sind bös.« »Gehen Sie, Blöcker, gehen Sie. Ich bringe heute die Erinnerungen einer Tänzerin, wie sie vor dem Prinzen von Wales getanzt hat. Das interessiert die Leute. Aber was hier in Altholm vorgeht? Ist hier schon je was für die erste Seite passiert? Sie überschätzen es, Blöcker.« Das war gestern abend gewesen, dann kamen Telefongespräche. Der Scherenredakteur Heinsius geht kaum aus dem Haus. Immer läßt er sich vertreten. Er ist der Stille in der Zelle, der geheimnisvoll Verborgene, den man nicht erraten kann. Ein Lokalreporter muß publik sein, ein Chefredakteur ist der Schrein im Allerheiligsten. Die Leute haben sich daran gewöhnt, den Schrein anzurufen. Er ist dann da, eine Stimme, die karg antwortet, nichts verspricht, ausweicht. »Unsere Entschließungen sind noch nicht spruchreif. Das Interesse unserer Vaterstadt gebietet ...« Die Leute riefen an. Die erste ... Es war eine erste, ein Fräulein, eine gehaltene Person in Silberhaar, er kannte sie. Nun, selten hatte Heinsius eine so empörte Stimme am Telefon gehört. »Sie haben gewütet, sage ich Ihnen! Sie haben losgeschlagen wie die Wilden mit ihren blanken Säbeln auf flehend erhobene Hände.« »Waren die Hände nicht vielleicht zum Schlagen erhoben? Entschuldigen Sie, Fräulein Herbert, die ungeheure Verantwortung, die auf uns lastet, gebietet uns, erst zu wägen. Sorgfältig.« »Unsinn! Ich sage Ihnen, ich bin vom Balkon in mein Zimmer gelaufen. Ich mußte mich erbrechen.« »Gewiß. Gewiß. Die labilere weibliche Psyche. Es macht Ihnen Ehre. Übrigens sind wir auch schon orientiert. Einige unserer Herren haben Ähnliches beobachtet.« Mehr Anrufe folgten. Aber: »Soll ich mich mit der Polizei anlegen? Wenn man wüßte, was Stolpe denkt. Ach was, es bleibt bei dem amtlichen Bericht und einer lokalen Notiz.« Dann kam – Heinsius war schon nach Hause gegangen – in seiner Wohnung der telefonische Anruf des Chefs, Gebhardts: »Was machen wir?« »Ausgleichen. Hinhalten. Bis die Machtverhältnisse klar sind.« »Ich habe ein Dutzend Leute gesprochen ...« »Die Leute wissen erst, was geschehen ist, wenn sie es bei uns lesen. Bis dahin ist nichts geschehen.« »Und was ist morgen bei uns geschehen? Wir dürfen es nicht mit Gareis verderben.« »Nein? Nun gut. Ich werde etwas schreiben. Ich lege es Ihnen vor. Um acht.« Er hat es gesagt, er hat die Schwierigkeiten gelöst, der Chef ist beruhigt. Öl auf den Wellen. Nun lag er die Nacht schlaflos. Schrieb. Schrieb ... »Krieg und Friede. Friede ist besser als Krieg. Das Symbol die Sense, dräuendes Zeichen, wenn sie grade geschmiedet gen Himmel weist. Man biege ihr Gelenk, wieder weist sie zur Erde, friedlicher Arbeit Symbol. Die schwarze Fahne. Seeräuberzeichen. Kampf und Sieg der Gewalt. Und doch wieder aus der Nacht, dem Dunkel wird alles geboren. Der weiße Pflug pflügt die schwarze Erde – friedlicher Arbeit Symbol. Das rote Schwert lasse ich besser fort. Noch etwas über die erregte Zeit, die Not des Landes, die politische Zerrissenheit – wen trifft es? Keinen. So geht es. Anderthalb Spalten mache ich daraus, einen Leitartikel, und ich zeichne ihn selbst.« Drei Stunden später, immer noch in der Nacht, immer neue pathetische Sätze formulierend: »Oder zeichne ich ihn nicht selbst? Kompromittiert er mich vielleicht doch? Am besten warte ich die Stettiner Morgenblätter ab. Dann weiß ich eher Bescheid.« Nun sitzt er und schreibt. Zwischendurch horcht er auf den Flur. Er kennt den leichtfüßigen raschen Gang des Chefs. Unbedingt muß er heute zuerst hin, ehe ihm dieser Fuchs, der Prokurist Trautmann, die Ohren vollbläst. Die Morgenzeitungen haben auch keine Erlösung gebracht. Die Regierung schweigt. Die Rechtsblätter sprechen von Polizeiterror. Die Demokraten warten ab. Die SPD lobt die Polizei. Abwarten. Die Symbole friedlicher Arbeit ... Der Chef kommt. »Guten Morgen, Herr Gebhardt! Guten Morgen! Ein strahlender Tag. Zu strahlend vielleicht für die Landwirtschaft, die notwendig Regen braucht. Andererseits unsere Städter: zwei Schulen machen heute ihren Ausflug. Sie sehen herrlich ausgeruht aus, Herr Gebhardt. Ich selbst habe die ganze Nacht ... Nun, das ist mein Beruf, ein schwerer, aufreibender, zermürbender Beruf. Ich habe da etwas geschrieben. Eine Spalte. Wenn Sie Zeit hätten ...« »Lesen Sie schon vor ...« »Ich habe es betitelt: Schwarze Fahne – Schwarzer Tag.« »Könnte das nicht als Angriff gegen die Bauern aufgefaßt werden?« »Verstehen Sie es so? Das hatte ich nicht beabsichtigt! Ich werde ... Also sagen wir: Schwarzer Tag, das trifft immer die andere Partei.« »Recht so«, lobt der Chef. »Und nun weiter!« Heinsius liest vor, ballt die Fäuste, hebt den Blick gen Himmel, schüttelt das Papier. Plötzlich unterbricht ihn der Chef: »Wir haben da eine kleine Anzeige vom Huthaus Mingel, die ich möglichst auf die erste Seite bringen möchte. Ein entzückendes Klischee. Sehen Sie, ein junges Mädchen vor dem Spiegel, das einen neuen Hut aufprobiert. Ganz dezent. Es stört doch nicht, wenn wir es zwischen Ihren Artikel setzen?« Heinsius verzieht das Gesicht: »Auf die erste Seite? In diesen Artikel?« »Wir bekommen fünfzig Prozent Aufschlag.« »Dann freilich ...« Und er liest weiter. Schließlich äußert der Chef: »Also gut, ich sehe, keiner kann sich getroffen fühlen. Dazu noch der amtliche Bericht. Wir werden jedem gerecht.« »Gerechtigkeit ist immer mein Bestreben gewesen.« »Ich weiß. Ich weiß. Und dem Stuff habe ich erlaubt, die Polizei ein wenig anzumisten, das ist für seine Richtung das Gegebene.« »Stuff gegen die Polizei? Unmöglich! Da mache ich nicht mit. Da zerreiße ich diesen Artikel.« Heinsius gerät in Feuer. »Soll er mir den Wind aus den Segeln nehmen? Natürlich lesen die Leute lieber Geschimpfe als meine von Verantwortungsgefühl getragenen Betrachtungen. Vielleicht hundert Exemplare im Straßenverkauf bei der Chronik? Nein, daraus wird nichts.« »Aber ich habe es ihm erlaubt.« »So rufe ich ihn an und mache es in Ihrem Namen rückgängig. Wozu haben wir denn sonst die Chronik gekauft, wenn sie uns weiter Leser wegnehmen darf?« »Vielleicht haben Sie recht.« »Sicher habe ich das. Stuff darf nächstens mal den Oberbürgermeister anmisten, das freut ihn auch.« »Also meinethalben. Rufen Sie Stuff an. Daß ich aber nichts mehr von der Geschichte höre!« »Ich erledige alles, Herr Gebhardt!« 3Einer zieht ganz sachte und vorsichtig die Tür zur Chronik auf, späht durch die Milchglasscheibe in die Expedition. Gottlob, das Fräulein ist noch nicht da und auch der Wenk fehlt, der hätte ihn doch gleich losgeschickt auf Annoncen. Tredup tritt mit klopfendem Herzen ein, sieht sich einmal um in dem bekannten Raum – das Adreßbuch liegt nicht auf dem richtigen Platz –, und dann macht er leise die Tür auf zum Redaktionszimmer. Da sitzt Stuff, fett und zerfließend, in Hemdsärmeln, und schreibt. Schreibt mit Eifer, durch die verrutschte Brille glupschend, richtig mit roten Backen. Als die Tür zugeht, sieht er hoch. »Schau da! Schau da! Der Tredup ist wieder da. Mensch, daß man dich Bombenschmeißer wieder frei rumlaufen läßt! Na, ich freu mich, daß du wieder hier bist, freu mich wirklich. Der Wenk ist zu öde.« Sie schütteln sich die Hände. »Na, wie war es denn im Kittchen? Hinter den sogenannten schwedischen Gardinen? Ich kann es mir lebhaft ausmalen! Das soll ja jetzt so ein Sanatorium sein mit Fußball, Vorträgen, Gesang und seelischer Therapie. Nein, nicht? Du wirst mir erzählen! Augenblicklich sitze ich hier in Hochdruck. Einen Mist hat die Polizei gemacht. Na, mit dir war es ja auch schon ein bildschöner Mist. Du siehst: Dank vom Hause Österreich. Du wirst denen nicht wieder Bilder verkaufen, was?« »Ich werde mich hüten«, sagt Tredup herrlich erleichtert. »Und nun der Bauernrummel gestern. Unser Herr Polizeioberinspektor Frerksen ... Was? Du weißt noch nichts! Da, lies! Mensch, lies! So was lebt nicht, weiß noch nichts! Du kannst gleich die Tippfehler von der Kuh korrigieren. Ich pfeffere diesen Schweinen eins. Ich soll es nicht. Gebhardt sagt, sachte, sachte, aber ...« »Gebhardt –?« »Natürlich Gebhardt! Ach, Mensch, das weißt du auch noch nicht, daß die olle ehrliche Chronik dem Gebhardt seit gestern gehört? Schabbelt abgesackt? Ach, der Siebenschläfer! Der Mann aus dem Zauberberg! Mensch, Tredup, wie wirst du das überstehen? Lies! Nein, hör erst!« Stuff hält inne, schnaufend, schwitzend. Dann trocknet er sich die Stirn: »Was für ein Morgen! Das Leben freut einen wieder. Alle werde ich anmisten.« Das Telefon klingelt. »Ja, Herr Bürgermeister? – Na ja, in einer halben Stunde spätestens muß ich den amtlichen Bericht haben. Die Stimmung? Ja, das ist schon so eine Stimmung. Eines ist sicher: Frerksen ist erledigt. – Wieso? Na, daß der einen ungeheuren Bockmist gemacht hat, das können selbst Sie nicht bestreiten, Herr Bürgermeister. – Recht hat er gehandelt? Sagen Sie das nicht so laut, sagen Sie das niemanden, in vierundzwanzig Stunden können selbst Sie Ihren Frerksen nicht mehr halten. – Die Regierung steht hinter ihm? Na ja ja, na nein nein. In der Blosse fließt auch jeden Tag ander Wasser, warum soll die Regierung in vierundzwanzig Stunden nicht anders denken? – Natürlich greife ich ihn an, feste greife ich ihn an, tüchtig gebe ich es ihm. – Warum? Ja, Herr Bürgermeister, da müssen Sie eben heute mittag mal statt der Volkszeitung die Chronik lesen. – Nein, das ist nicht gegen die Abmachung. Weil Sie uns die Bekanntmachungen geben, ist die ganze Stadtverwaltung bis zur letzten Scheuerfrau noch lange nicht sakrosankt. – Nein, ich komme nicht zur Pressebesprechung. Ich habe keine Zeit, Herr Bürgermeister, ich muß meine Zeitung fertigmachen, die Setzer warten. – Guten Morgen, Herr Bürgermeister. Ja, gerne in drei Stunden. Nein, jetzt geht es nicht. Guten Morgen.« Prustend steht Stuff auf. Schnaufend breitet er die Arme. »O Gott, dies dicke tranige Öl, dies Schmalz, das mich sanft machen will. Aber ich habe es ihm gegeben, was? Tredup? So hat die Chronik noch nicht mit dem Bürgermeister Gareis gesprochen. Ich sage dir, in der Halle hat er gestern gestanden wie Luther in Worms und hat die blauen Affen von der Schupo auf die Bauern dreschen lassen!« Schüchtern bemerkt Tredup: »Aber Gareis ist doch nicht schlecht. Wenn Frerksen Mist gemacht hat und er deckt ihn, ist das doch nur anständig.« Stuff explodiert: »Gareis und anständig! Politik ist das, weil die Roten zusammenhalten, wenn es gegen die Bauern geht. Der, dich hat er auch eingewickelt, du sollst einmal sehen, wenn du was von ihm erreichen willst, wie fein er dich im Stich läßt.« »Hat er schon.« Stuff triumphiert: »Siehst du! Siehst du! ... Nein, wer da ... Halt, was ist das –?« 4An den Fenstern tobten zweie vorbei, irgendwelche wildbewegte Gestalten, und waren doch schon weg, als Stuff und Tredup die Fenster aufhatten. »Wer war denn das?« murmelt Stuff. Im Vorraum entsteht Bewegung, Lärm. Holz schlägt gegen Holz, Stühle fallen um, die Heinze hört man sanft kreischen, ein Gebrüll ertönt – und durch die geöffnete Tür reiten auf zwei Stühlen zwei Herren. Voran Landwirtschaftsrat Feinbube. Auf den Stock gespießt trägt er einen Jägerhut mit Gamsbart, hoch erhoben als Panier. Hinter ihm huppelt auf dem Kinderroß der Syndikus Plosch aus dem Kreishandwerkerbund, die Schmisse alkoholisch rot glühend. Feinbube gibt seinem Roß einen Tritt, daß es krachend umstürzt. Mit ausgebreiteten Armen stolpert er auf Stuff zu. »Komm her, Stuff, du dickes Schwein, komm in meine Arme. Nun ist die Stunde gekommen, da du alle deine Sünden wiedergutmachen kannst. Tritt ein in die grüne Front. Gib es den Roten ... Komm!« »Man muß«, sagt der mindestens ebenso besoffene Plosch, »unterscheiden zwischen dem Menschen Stuff, den wir lieben, und dem Journalisten, der ein Schwein ist. – Du bist eines, widersprich nicht, ein Riesenschwein bist du. Ich war selber mal Journalist.« »Wir sind geschlagen«, triumphiert Feinbube. »Die Roten haben uns tomatscht. Aber wir feiern es als Sieg. Der Frerksen ...« »Auch Frerksen ist ein Schwein«, erklärt Plosch. »Ein Riesenschwein.« »Frerksen hat alles angerührt«, bestätigt Stuff. »Aber wißt ihr schon die Sache mit seinem Säbel?« »Der Säbel«, doziert Feinbube mit schwerer Zunge, »steht dem Frerksen wie dem Juden das Schwert.« »Ach Kinder«, jauchzt Stuff, »ihr wißt ja noch gar nichts. Seinen Säbel haben ihm die Bauern geklaut vorm Tucher. Und dann hat er die leere Scheide in den Laden von Bimm geschmissen. Und dann hat ihm plötzlich der Matthies von der KPD den Säbel nachgebracht. Da stand er nun mit der blanken Waffe ...« »Es war«, erklärt Plosch mit schwerer Zunge, »überhaupt Wahnsinn, mit dem Säbel auf die Leute loszugehen. Wo nimmt die Polizei denn Säbel? Wozu hat sie denn Gummiknüppel? Schreib das auf, Stuff.« »Hab ich schon. Wartet, ich werde euch vorlesen.« »Nicht vorlesen, so trocken. Hast du keinen Cognac hier? Wir haben die ganze Nacht mit Padberg gesüffelt, du hast gefehlt, Stuff, du weißt immer noch die dreckigsten Witze. Wie war der mit der Hose und der Köchin?« »Nein, wartet. Ich lese euch vor. Ihr sollt sehen, wie ich es dem Gareis gebe.« »Ach scheiß Gareis, gib's dem Frerksen!« »Dem auch. Hört doch endlich mal!« »Weißt du schon, daß wir unser Reiterturnier in Altholm absagen wollen? Die Bauern werden sich hüten, wieder in euern Brezelladen zu kommen.« »Bis dahin ist noch lang. Hört lieber, was ich geschrieben habe.« »Was du schon schreibst! Du verrätst uns ja doch wieder. Als Schwein bist du geboren, Stuff, als Schwein lebst du, als Schwein wirst du krepieren. Wo ist der amtliche Bericht?« »Noch nicht da. Aber in der Viehhalle ...« »War ich selber. Davon kann ich dir erzählen. Da war ein Bruder von der Schmiere ...« Das Telefon klingelt. »Stell doch das Telefon ab, Stuff, du Affe. Das ist ja bloß Tuerei, wenn ihr hier Telefon habt. Du schreibst ja doch alles ab.« »Tu ich auch, Feinbube. – Ja, jetzt gleich? Wird schlecht gehen. Nun ja, dann komme ich sofort. – Nein, noch nicht. – Bitte – ja bitte spielen Sie sich nicht auf. Sie sind nicht mein Vorgesetzter, Herr ... Ja, ich komme bestimmt. Gleich komme ich. Das will ich doch sehen.« Und plötzlich wütend: »Werter Herr Kollege, Sie können mir ...« Stuff hängt ab. Er sieht sich etwas verstört um. »Wer war denn das?« erkundigt sich Plosch. »Was für einen Kollegen hast du denn hier?« »Ach, das sage ich nur so zum Unsinn. Das war die Feuerwehr, der Brandingenieur. Da muß ich gleich hin.« »Nichts da. Vorlesen sollst du, das hast du versprochen.« »Wo bleibt der Cognac?« »Vorlesen kann auch Tredup. Nicht wahr, Tredup, du liest ihnen vor.« »Ja.« »Also, meine Herren, in zehn Minuten, einer Viertelstunde bin ich wieder hier.« »Stuff!« Stuff ist schon fort. 5In dem Zimmer ist es sehr still, als Stuff fort ist. Am Ofen stehen die beiden Besoffenen und starren stumm auf Tredup, der verlegen in seinen Papieren blättert. »Soll ich jetzt vorlesen?« fragt er schließlich. Landwirtschaftsrat Feinbube rülpst gewaltig: »Sagen Sie mal, mit welchem Namen nannte Sie eben doch Herr Stuff? Wie war doch Ihr Name?« »Tredup«, flüstert Tredup. »Max Tredup.« Feinbube macht einen Schritt vorwärts. Schwankend. Er bohrt die Spitze seines Stockes in das Linoleum, stützt sich mit beiden Händen auf die Krücke und starrt vorgelehnt auf den Mann hinter dem Schreibtisch. »Also Tredup«, sagt er langsam und man fühlt, wie er sich bemüht, gegen die Trunkenheit anzukämpfen. »Tredup. Ein gängiger Name bei uns in Pommern.« Er starrt. »Darf ich vorlesen?« fragt Tredup leise. »Sind Sie vielleicht«, fragt Feinbube ebenso leise, »das Schwein, das die Bilder aus Gramzow an die Staatsanwaltschaft verscheuert hat? Das Schwein hieß auch Tredup.« »Bilder? Nein, ich habe keine Bilder verkauft.« Feinbube dreht sich um: »Sieh ihn dir an, Plosch. Sieh dir dies schlechte Gewissen an. Diesen Lügner! Diesen Feigling!« Plötzlich sich umwendend, in rasender Wut: »Du Schwein, du! Du Judas, wo hast du deine Silberlinge, für die du unsern Reimers ans Messer geliefert hast? Gib sie her, Verräterseele!« Er torkelt näher. Und vor ihm, mit bleichem Gesicht, weichen Knien schiebt sich Tredup immer tiefer in die Ecke. »Wo hast du sie?« fragt der Betrunkene, hartnäckig nachrückend, den Stock mit der Krücke halb erhoben. »Wo sind sie? Hast du sie verhurt? Versoffen? Wo ist der Strick, an dem du dich aufhängen wirst?« »Ich weiß nichts von Bildern«, sagt mit zitternder Lippe Tredup. »Ich habe kein Geld. Nichts.« »Weißt du, was du getan hast, du Schwein! Wenn ich dir jetzt den Schädel einschlage, Wanze? Glatt mit der Krücke über deinen Verräterschädel? Sag, wo ist das Geld?« »Bitte, gehen Sie weg«, fleht Tredup. »Sie können doch nicht ... Das geht doch nicht ... Wollen Sie mich denn so totschlagen?« Aus dem Hintergrund ruft Plosch: »Laß ihn doch. Mach dir doch die Hände nicht dreckig, Feinbube.« »Grade totschlagen will ich dich. Grade das.« Und die lange sehnige Hand tastet nach dem eingezogenen Hals von Tredup, legt sich darum, drückt den Kragen zusammen, legt sich wie ein immer enger werdender Ring um den Hals. »Du hast unsern Reimers ins Gefängnis gebracht ...« Tredup gurgelt: »Ich auch Gefängnis ... Bomben ...« Der Griff lockert sich: »Was ist mit Bomben? Sag rasch, Lügner!« Und Tredup hastig: »Es hat doch in den Zeitungen gestanden, daß sie mich verhaftet haben, weil ich die Bombe geworfen haben soll auf den Temborius. Tredup, erinnern Sie sich doch.« »Das stimmt, Feinbube«, sagt Plosch. »Einen Tredup haben sie verhaftet wegen der Bombe.« »Und weshalb läufst du dann frei herum?« »Weil sie mich gestern abend entlassen haben, um halb zehn.« »Und weshalb haben sie dich entlassen?« »Weil sie mir nichts beweisen konnten.« »Hast du denn die Bombe gelegt? Wie hast du sie denn gemacht?« »Sie haben mir doch nichts beweisen können.« »Mit wem hast du die Bombe gelegt? Wie heißt denn der andere?« »Dem können sie auch nichts beweisen. Der wird auch noch frei.« Feinbube dreht sich weg von Tredup. Langsam und stakig geht er gegen die Tür. »Komm man, Plosch, komm raus aus diesem Saustall. Hier stinkt alles.« Er wendet sich voll gegen Tredup. »Du lügst, Bursche. Aber wir kommen dir drauf. Und dann platzt das Schädelchen. Verrottet alles. Verkommen. Mist, Scheiße, Gonokokken ihr!« Plötzlich brüllt er wieder: »Gonokokken seid ihr. Gemeine hinterlistige Gonokokken! Aber wir spritzen euch weg, Gift, weg kommt ihr, du und dein Stuff. Mit der Tripperspritze holen wir euch weg.« Er torkelt ab, gefolgt von Plosch. Tredup, am Schreibtisch, legt den Kopf auf die Platte und schließt die Augen. 6Eine ganze Weile ist es still im Redaktionszimmer, es ist, als schliefe Tredup. Dann geht eine Tür und noch eine. Die Barre in der Expedition knarrt. Tredup hebt ein wenig den Kopf, blinzelt nach der Tür: »Wer kommt schon wieder mich quälen?« Wer kommt, ist Stuff, ein veränderter grauer Stuff, fahl, mit dicken, körnigen Tränensäcken unter den Augen. Er setzt sich schwer in seinen Sessel, starrt vor sich hin. »Erschossen«, sagt er dann. »Weg. Tot. Ausgelöscht.« Er schnüffelt kummervoll durch die Nase. »Wo ist das Manuskript, Tredup? Haben die es gelesen? Fanden die es gut?« »Nein, nicht gelesen. Totschlagen wollten sie mich.« »Was du immer für Schwein hast, Tredup. Ich wollte, mich schlüge einer tot.« Er nimmt die Manuskriptblätter und starrt darauf. Er ist ein alter Mann, grau, schmierig, verkommen. Er nimmt die Blätter in beide Hände und reißt sie quer durch. Glotzt drauf, wirft sie in den Papierkorb. »Da! Das ist mein Angriff. Dynastie Gebhardt beginnt ihre Herrschaft. Leise, sachte, nur dem Gegner nicht wehe tun. Ich darf nicht, Tredup! Ich darf die Roten nicht anmisten.« »Wenn schon«, sagt Tredup. »Was hättest du davon? Ärger.« »Dynastie Gebhardt mit dem Krollhaar und dem Tanzstundendiener. Furzen darfst du, aber nur leise. Außerdem stinkt es mehr.« »Ich hab nur den einen Wunsch: ›Ruhe‹«, sagt Tredup. »Wenn mich der Wenk nur nicht auf Inserate losschickt.« »Der amtliche Bericht!« stöhnt Stuff. »Ich darf nichts bringen wie ihn. O Tredup, so was Verlogenes! Höre: die Fahne wurde beschlagnahmt, da Sensen nicht ungeschützt im Stadtgebiet getragen werden dürfen. Wie findest du das?« Tredup findet es gar nicht. Aber Stuff fährt fort: »Die Bauern griffen die Polizei mit Knotenstöcken an. So ein Blech! Wenn dreitausend Bauern zwanzig Polizisten angreifen, bleibt nicht ein Polizist am Leben. Und ich darf nichts sagen.« Tredup sagt auch nichts. »Die Versammlung in der Viehhalle mußte aufgelöst werden, weil der Polizei bekanntgeworden war, daß ein Teil der Bauern sich mit Pistolen bewaffnet hatte. – Warum es dann nicht einmal geknallt hat?« »Ich weiß es wirklich nicht«, sagt Tredup. »Und so was muß ich drucken lassen, ohne Kommentar! Und so was liest das liebe Vieh, das Publikum, und denkt sich noch nicht mal was dabei, wenn's ihm nicht vorgekaut wird. Hätt ich das gewußt, nie hätt ich mit Gebhardt Vertrag gemacht. Der Feinbube und der Plosch haben ja recht, wenn sie einen anspucken.« »Muß ich auch mit Gebhardt Vertrag machen? Legst du ein gutes Wort für mich ein, Stuff?« »Der sieht mich drei Jahre nicht! Ich schwöre, drei Jahre gehe ich nicht zu dem! – Und ich darf nichts schreiben, gar nichts!« Er starrt verzweifelt vor sich hin. »Wenn du«, beginnt Tredup langsam, »mir helfen willst, daß ich angestellt werde mit festem Gehalt, will ich dir einen Ausweg sagen, daß du doch stänkern kannst.« »Es gibt keinen Ausweg. Er hat klipp und klar verboten: ich darf nichts schreiben.« »Du nicht.« Stuff glotzt. Dann rasch: »Gut. Ich helfe dir, Tredup. Du wirst engagiert. Wieviel brauchst du?« »Doch mindestens hundertfünfzig.« »Quatsch! Wie willst du leben mit Frau und Kindern von hundertfünfzig? Dann machst du doch bloß wieder solche Zicken wie mit den Bildern. Zweihundert mindestens.« »Gibt er zweihundert?« »Ich weiß einen Weg. Ich geh nicht selber, ich mach es durch einen andern. Ich verspreche dir, du wirst engagiert mit zweihundert.« »Ehrenwort?« »Ehrenwort!« »Gut. – Also, du darfst nichts schreiben. Aber wenn du ein ›Eingesandt‹ bekommst von einem Abonnenten, mußt du es doch bringen? Du kannst doch deine Abonnenten nicht vor den Kopf stoßen, besonders wenn sie gut inserieren?« Stuff starrt, starrt durch Tredup hindurch, durch die Wand dahinter. Plötzlich springt er auf. Seine Wangen haben sich gerötet, seine Augen leuchten. »Wer ist der Abonnent?« »Ich kann gut mit Textil-Braun. Ich schreib eins in seinem Namen, ich sag's ihm nachher.« »Und was?« »Warte«, sagt Tredup. »Stänkern muß man, sie unruhig machen, die Leute. Der Feinbube und der Plosch quasselten vorhin. Gib Papier und Feder, ich schreibe gleich ...« Stuff springt. Mit leuchtenden Augen sieht er auf den erwachten Tredup, er sagt halblaut: »Mensch, Max, wo es eine Schweinerei zu machen gibt, bist du unübertrefflich.« Tredup schreibt und schreibt. Dann nimmt er das Blatt und reicht es Stuff. Aber der: »Lies nur vor. Wer soll denn deine Klaue lesen?« Und Tredup liest vor: »Das klingt echt«, stellt Stuff fest: »In der ganzen Stadt in unserer Vaterstadt. Sehr gut.« »Wahrlich ein schwerer Tag in der Geschichte Altholms. Aber viel wichtiger als dies Gerede ist die klare Antwort auf die Frage: wie stellt sich die Einwohnerschaft Altholms zu den Ereignissen des blutigen Montags? Ist sie einverstanden damit, daß die Bauern, die Gäste unserer Stadt waren (denn die Demonstration war erlaubt), niedergeschlagen wurden, oder ist sie nicht damit einverstanden? Ich bin ganz entsetzt: überall höre ich, daß die Bauern ihr großes Reitturnier, das in drei Wochen stattfinden sollte, nunmehr nicht in Altholm abhalten werden. Das brachte immer sechs- bis achttausend Bauern in die Mauern unserer Stadt. Gott bewahre Altholm vor einem Boykott durch die Landwirtschaft! Darum, Geschäftsleute, Handwerker, Gewerbetreibende, erklärt kurz und bündig: seid ihr mit dem Blutmontag einverstanden oder nicht? Ein Geschäftsmann für viele.» Stuff nimmt das Blatt zwischen seine Hände. »Du hast alle deine Sünden wiedergutgemacht, mein Sohn Tredup. Das trifft ins Schwarze.« Er stürmt in die Setzerei. Zweites Kapitel: Der Boykott wird WirklichkeitVon Zeit zu Zeit, nicht zu häufig, damit die Wirkung nicht nachläßt, erscheint in der Bauernschaft, der Zeitung Padbergs, ein Aufruf: eine Ladung zum Landesthing. In fast immer den gleichen Wendungen werden die Bauern aufgefordert, »Sendboten über Land zu schicken, die aufbieten, wer das Land bebaut, zum Landesthing«, in der Sache oder der. Doch Ort und Zeit nennt nur der Bote vom Mund ins bekannte Ohr, »geheimzuhalten vor Weib und Kind, Städter und Kaufmann, Krüger und Knecht«. Wer die altertümlichen Wendungen einführte, weiß schon keiner mehr, so jung die Bewegung auch ist. Aber sie bürgerten sich ein, weil sie dem Bauern aus dem Kirchenbesuch lagen, man las noch in der Bibel. Und die jungen Burschen freute es, wenn sie am Sonntagmorgen den blankgeputzten Ackergaul aus dem Stall ziehen durften. Auf nacktem Pferd, auf der Decke, mit dem Sattel aus hängengebliebenem Heeresgut ritten sie über Land, hielten auf jedem Hof. Ein Hornruf oder ein Knallen mit dem Peitschenschmitz. Und ernst forderten sie den aus dem Hause tretenden »ehrlichen Bauersmann, den Kätner oder Hintersassen, auch, wer den Acker pflegt mit seinen Händen, auf, zu kommen am Mittwoch dieser Woche an den Ginsterort, nahe Lohstedt, dort, wo die Hünensteine liegen, Gericht zu halten über jeden, sei er hoch oder niedrig, der Schuld trägt am Blutmontag in Altholm«. Padberg hat den Ort gefunden für den Thing. Hinaus aus den Tanzsälen der Wirtschaften mit den verblaßten Papiergirlanden, dem Geruch von Bier und Tabak, dem grünen Bretterwerk der Emporen, den Erinnerungen an Weiber und Musike! Dort, wo die spärlichen hohen Schirmkiefern stehen, der Ginster gelb wuchert, zwischen den dunklen Massen des Wacholders die verstreuten Blöcke eines auseinandergeworfenen Hünengrabes liegen – dort, wenn es Nacht wird (und der Mond steht im Kalender), und es ist etwas Wind und fünftausend Bauern und ein Gerichtsthing ... Padberg, der verärgert geschiedene, hat die Morgenzeitung gelesen und war bekehrt. Weit über die Provinz hinaus klangen Hall und Widerhall, die Rechtspresse stand einmütig hinter den Bauern, verwarf das Vorgehen der Polizei. Und Padberg beginnt zu arbeiten. Er sieht Aussichten für eine verlorene Sache, vielleicht ist eine schmähliche, demütigende Niederknüppelung ein strahlender Sieg. Während die Sendboten das Land durchreiten, sitzt er mit sechs Bauern in Bandekow-Ausbau. Er spricht ihnen vom kommenden Kampf. Den Zweiflerischen, Verzweifelten zeigt er den nahen Sieg. »Jetzt gärt es in der Bauernschaft. Wartet ihr drei Wochen, wartet ihr nur vierzehn Tage, so bleibt nichts wie die Niederlage. Jetzt spüren sie noch den Schlag des Gummiknüppels. Sie tun alles, um sich zu rächen.« Der Graf fragt: »Rächen? Wir werden eine Protestresolution fassen. Der Magistrat, die Regierung, der Minister, sie stecken es in den Papierkorb und alles ist, wie es war.« »Wir werden nicht protestieren, wir werden handeln. Jeder Bauer wird eine Aufgabe bekommen. Aber davon erst auf dem Thing. Das darf niemand wissen vorher. Und den Thing machen wir so: Auf dem größten Stein stellt sich der Gerichtshof auf: ein Richter und sechs ehrliche Schöffen. Einer klagt Altholm an, einer verteidigt es –« »Wer soll Altholm verteidigen?« »Wer sonst als Benthin?« »Nein, das tue ich nicht. Wo sie mir so mitgespielt haben.« »Du tust es, Vadder, Befehl der Bauernschaft. Und du sollst es ja nicht wirklich verteidigen, du tust nur so.« »Das will ich auch nicht, nur so tun. Dann lieber richtig.« »Also! Dann wird das Urteil gefällt und ihr werdet sehen, wie das Land wach wird, wie die Altholmer schreien werden, wie die Regierung verzweifelt, wie die Finanzämter kuschen – und alles ohne Gewalt!« »Sie sind sehr optimistisch«, sagt der Graf. »Ich habe Sie gesehen vor Altholm. Da sah unsere Sache gut aus: Sie warnten. Heute steht es verzweifelt um uns, und Sie singen Lob.« »Wer erniedrigt wird, der wird erhöht«, spricht Padberg. »So heißt das nicht«, fängt Vadder Benthin eifrig an. »So heißt das bei uns«, sagt Padberg. »Jetzt!« 2Oberlandjäger Zeddies-Haselhorst hat eine geborene Rohwer zur Frau, eine Bauerntochter. Und so kommt es, daß er auf dem Schwafelweg der Weiberzungen Witterung erhält von der Zeit, vom Ort des kommenden Landesthings. Das Dienstliche wäre gewesen, Meldung zu machen dem Landjägermeister in Stolpe, aber das Dienstliche ist für einen Mann, der auf dem Lande lebt, unter Bauern, nicht immer das Richtige. Kommt es heraus, wer gesprochen, so kann er nicht mehr leben, wo er lebt, seine Frau zerfällt mit ihren Verwandten. Und dann: die Regierung schickt Schupo, ein paar Hundertschaften zersprengen die Bauern, und Zeddies ist selbst ein Bauernsohn, der einmal als armer Jüngster bei den Stettiner Fußfanteristen kapitulierte. So hält er das Versprechen, das er seiner Frau gab, und schweigt. Aber es leidet ihn, je näher die Nacht rückt, nicht im Garten, nicht im Haus, nicht im Holzstall. Die Stubben, die er klöben will, waren noch nie so zäh, die Nachrichten sind ohne Nachrichten, und der Schneckenfraß in den Erdbeerbeeten ist alles andere wie vergnüglich anzusehen für einen Mann, der am Tag eine entlaufene Magd ihrer Dienstherrschaft hat zuführen, zwei Haussuchungen bei diebischen Stallschweizern hat abhalten und einen Vollstreckungsbeamten bei einer Pfändung hat schützen müssen. Er möchte seine kleine Freude haben. Es wird stiller und still. In den Kuhställen der Nachbarn wurde es längst ruhig, die Pferde gehen auf den Koppeln, die spielenden Kinder sind in Häuser und Betten gegangen, und die Vögel schlafen auch. Aus den Wiesen, die er vom Schlafstubenfenster sieht, steigt ein feiner Dunst, der helle Streifen am Horizont wird immer blasser, die Himmelskuppel höher. Die Sterne funkeln, drei Sternschnuppen zählt er in fünf Minuten, und da die erste »Ja« bedeutet, muß auch die dritte »Ja« heißen. Er zieht sich ein bißchen um, ohne Eile, und lauscht dazwischen, was die Frau wohl tut. Er stellt fest, daß sie im Waschhaus einweicht, geht in seiner Hausjoppe die Treppe hinunter, außen um den Garten herum in den Holzstall und zieht sein Rad heraus. Am Gartenzaun ist das helle Gesicht der Frau. »Du willst noch fort, Hein?« »Eine halbe Stunde in den Krug.« »Du mußt das Rad in Lohstedt lassen und dann über die Koppel von Baumgarten gehen. Die weißt du doch?« »Ja.« »Dahinter fangen die Wiesen an. Du gehst querüber zu auf den Wald.« »Ja.« »Da läuft ein Bach. Du findest ihn auch in der Nacht an den Weiden. Und im Bach gehst du aufwärts, der ist jetzt nicht tief.« »Dann komme ich aber in den Sumpf.« »Sie sagen alle, der Sumpf ist tief, aber wir haben als Kinder überall dort gespielt. Du trittst höchstens hinein bis zu den Knien, und der Mudd läßt dich überall los.« »Die Leute sagen ...« »Daß da Irrlichter sind und Erstickte. Der Vater vom Barenthin ist dort erstickt. Aber nicht weil der Sumpf tief ist, sondern weil er duhn war. Er hat auf dem Bauch gelegen, mit dem Gesicht im Schlamm. Wäre er nicht so besoffen gewesen, er hätte bloß den Kopf hochzuheben brauchen.« »Und komme ich bis zu den Steinen?« »Auf zehn oder zwanzig Meter. Und da sind Binsen genug. Du darfst bloß nicht rascheln.« »Also dann geh ich so wie du sagst.« »Das tu nur.« Er schwingt sich aufs Rad und ist fort im Dämmern. Das Rad läßt er in Lohstedt hinter der Schule. Heute abend ist es besser, daß ihn keiner erkennt, er darf in keinen Krug, niemand soll wissen, daß er hier ist. Übrigens ist Lohstedt totenstill. Dann geht er über die Koppel zu den Wiesen hinunter, durch das taunasse Gras. Am Bach sucht er sich eine Weide, die der Frost ganz auseinandergerissen hat, ein tolles Ungetüm, auf hundert Meter von jedem andern Baum zu unterscheiden, selbst im Mondschein, und packt dort seine Schuhe und Strümpfe hin. Dann krempelt er die Hosen auf und steigt ins Bachbett. Der Boden ist reiner Sand, so kommt er rasch vorwärts. Dann wird das Wasser seichter, das Ufer flacher, der Grund moorig. Die Kiefern verlassen ihn, überall Weidengestrüpp, Schilf, dicke Moosbülten. Er kommt nur langsam voran, der Schlamm hält seine Füße fest. Von Zeit zu Zeit bleibt er stehen und wischt sich die Stirne. Dabei schaut er auf zu den Sternen, er vergewissert sich, daß er die rechte Richtung hat. Plötzlich hält er inne. Er riecht Rauch. Es kann nicht sein, daß der Rauch schon von den Steinen kommt. Außerdem steht der Wind mehr schräg seitlich. »Wer brennt hier im Sumpf Feuer?« So sehr es ihn nach der Versammlung drängt, sein Jägerinstinkt wird wach, und leise tastet er schräg weiter nach links. Hier wird der Sumpf flacher, weniger Moosbülten, mehr Weidengestrüpp. Der Rauchgeruch wird stärker, der Boden trockener. Ein dichtes Gebüsch und darüber ein schwacher Lichtschein, rötlich, von einem Holzfeuer. Oberlandjäger Zeddies steht da und starrt. Er kann nicht weiter. Ist dort einer, der sich verborgen halten will, so warnt ihn jeder Schritt des Nahenden, der jetzt nicht mehr zu überhören ist. Und es ist jemand dort, bei dem Feuer, einem kleinen, spärlichen Holzfeuer. Dem Oberlandjäger kommt eine Erinnerung an seine Jungenszeit, als er noch Indianerschmöker las: Karl May und Sitting Bull und den letzten Mohikaner. Er sucht in seinen Taschen, aber er findet nur ein halb Dutzend Pistolenpatronen, und um die ist es schade. Sie werden ihm zugezählt, und über jede muß er Nachweis führen. Aber womit kann er werfen in einem Sumpf, der ohne etwas Festeres ist als weicher Schlamm? Er nimmt eine Patrone und wirft sie schräg seitlich gegen das Feuer zu, es klingt, als raschle jemand zwanzig Meter von ihm im Gebüsch. Er lauscht, aber nichts rührt sich. Er wirft eine zweite Patrone, noch zwei Meter näher ans Feuer. Alles bleibt still. Es ist schade um eine dritte. Zwar kann der Feuermann schlafen – nun, dann weckt er ihn und riskiert eine Hucke voll, wenn es ein rechter Ganove ist. Aber warten? Viel Zeit hat er auch nicht, er will weiter zum Thing. So bemüht er sich denn, möglichst leise durch die Zweige zu kommen, aber es klingt doch, als raschelten zwanzig Mann durchs Gebüsch, und jeden Schläfer weckte das. Aber es ist kein Schläfer da, als er in das kleine buschlose trockene Rund tritt. Das Feuer ist fast niedergebrannt. Der es anlegte, muß schon mindestens eine halbe Stunde fort sein. Doch nicht für ganz. »Der kommt wieder. Schau, was er sich für eine Höhle gebaut hat.« Weidenzweige sind ineinander verflochten, zwei Decken darüber gespannt, trockenes Moos darunter gepackt, ein gutes Lager für einen Mann in regenlosen Sommernächten. Auch kein hungriges. Auf einem flachen Stein beim Feuer liegt ein halb erledigter Schinken. Eine Kiste mit Büchsenmilch steht da. Kleider liegen aufgehäuft. Ein Fahrrad. Noch mehr Lebensmittel, und siehe da, über Zweige gehängt, an einem Gurt, ein Jagdgewehr. Zeddies denkt scharf nach: von welchen Einbrüchen hat er in den letzten Wochen gehört oder gelesen? Woher stammt dies Diebsgut? Eigentlich müßte er sofort kehrtmachen, den Kollegen in Lohstedt wecken und den Dieb zu fassen versuchen. Aber das geht auch nicht. Wie soll Zeddies dem Kollegen erklären, daß er zur Nachtzeit in dessen Bezirk strömt, in Zivil – ohne vom Thing zu sprechen? »Der Bruder ist morgen auch noch da«, entscheidet er. »Und wenn ich erst auf dem Thing gewesen bin, weiß ich auch, was ich zu erzählen habe.« Er nimmt das Jagdgewehr von den Zweigen, spannt den Hahn und schlägt ihn ein paarmal heftig gegen die flachen Steine. Dann probiert er ihn und grinst befriedigt: »Damit schießt du mich morgen nicht über den Haufen.« Er hängt das Gewehr wieder auf und macht sich weiter auf den Weg. 3Die Uhr geht stark auf elf, als sich Zeddies endlich seinem Ziele nähert. Der Mond steht hoch, aber das Gehen wird immer beschwerlicher: hier am Rand der ansteigenden Heide sind die Quellen von Sumpfwasser und Bach. Zeddies hat es schon eine Weile sprechen hören aus der Ferne. Erst flogen abgerissene Worte unverständlich durch Busch und Baum an ihm vorbei, dann war es wie ein eintöniges Gemurmel, nicht aufhörend, ineinander übergehend und nun ... Er hat zwanzig Meter vor sich einen breiten Weidenbusch aus hundert Ruten entdeckt, den will er als Versteck benützen. Er erreicht ihn, schiebt sich weit hinein und wäre fast zurückgesprungen. Die Hand des andern legt sich fest auf seine Schulter. »Sachte, Kamerad!« Es ist ein blutjunger Mensch, unrasiert, nicht nur bleich vom vollen Mondstrahl, nur in Hose und Hemd. »Sachte, Kamerad«, sagt er. »Jetzt spricht der Verteidiger ...« Der Platz ist gut genug für Sicht, dreißig Meter von einem großen Findling, der am Rande des Sumpfes liegt, stehen die beiden. Jenseits des großen Steins steigt das Land an, mit ein paar Schirmföhren, den verschrobenen Malen des Wacholders, und einem Heer von Menschen, deren Gesichter man nur sieht wie einen ungeheuren weißen verwischten Fleck. Aber voran auf dem Stein stehen nur ein paar: im Hintergrund mit dem Rücken zu den Lauschern eng nebeneinander ein paar Bauern, er zählt sechs, von ihnen einer mit Vollbart. »Wer ist das?« fragt er den Mann aus dem Sumpflager. Und er antwortet: »Der Graf Bandekow.« »Der aus dem Versteck ist es«, denkt Zeddies wieder. »Aber ein gewöhnlicher Ganove oder einer von der Walze ist es wieder nicht. Nun, auch er scheint seine Ursache zu haben, sich vor den Bauern nicht sehen zu lassen. Vorläufig stehen wir beide hier ja sicher, feucht und gut, und was nachher wird, findet sich.« Zeddies kann den Verteidiger nicht sehen, die Schöffen decken ihn zu. Er hört nur eine alte, helle, quäksende Stimme, gesteigert, denn es scheint zum Schluß zu gehen: »Ja, Landmannen, was der Ankläger gesagt hat gegen Altholm, wahr ist das schon. Aber was ist Altholm? Ich bin auch Altholm. Und Altholm sind Handwerker und Kaufleute. Altholm sind Frauen und Kinder. Altholm sind Ärzte und unsere Herren Pastoren. Ich weiß nicht, was der Richter und die Schöffen beschließen werden über Altholm, aber denket daran, Bauersleut, daß der Schuldigen wenige sind und in Altholm leben viele. Die schuld haben in Altholm, das sind ein paar. Auf dem Marktplatz hat er gestanden und mir die Hand geschüttelt: ›Wir sind beide Altholmsche und wollen sehen, daß nichts Unrechtes geschieht.‹ Aber die kleinen Leute: wer die Felgen schneidet zum Wagenrad, wer den Ofen setzt für die Stube, wer das Eisen schmiedet für das Pferd, wer das Kummet näht fürs Geschirr, wer uns den Roggen schrotet und die Farbe verkauft, wer uns versippt ist und verschwägert, die schont! Bauersleute, die schont! Sie haben uns schmählich geschlagen, sie haben uns unter die Füße getreten, aber wir schlagen nur, die uns schlugen. Die andern gehen frei aus!« Es ist stille. Die Schöffen stehen still auf dem Stein, oben geht der Mond und steht so steil, daß die Schatten fast unter die Füße der Leute gehen, ein leiser Wind raschelt einen Augenblick mit Zweig und Blatt – und es ist wieder still. Der Richter spricht: »Ankläger, dein ist die Rede.« Und Padberg tritt vor, tritt ganz gegen den Rand des Steines und sieht über das Volk hin. »Bauern von Pommern«, spricht er, »die ihr gekommen seid zur Nachtzeit, berufen zum ordentlichen Gerichtsthing über die Stadt Altholm! Dreitausend von euch waren in der Stadt. Wir waren als Gäste dort, wir hatten mit dem Bürgermeister gesprochen und mit der Polizei: unser waren Straße, Markt und Halle. Gäste waren wir Altholms.« Padberg beugt sich über den Stein, starrt in das Volk, als suche er einen, wolle erkennen dies oder jenes Gesicht in der Masse der Gesichter. Plötzlich ruft er laut: »He! Du! Alter! Fühlst du noch den Gummiknüppelschlag von dem Grasaffen von Schupo? Das war der erste Schlag, seit du Junge warst, die Stadt Altholm hat dir den blauen Orden ihrer Gastfreundschaft verliehen. Und du junger Bengel von der Landwirtschaftsschule! Das war fein – was? - als dich die Stadtsoldaten aus der Halle zum Bahnhof jagten, und vom Bahnhof forttrieben in andere Straßen. Da haben sie ein bißchen Hasenjagd gemacht mit dir, damit du später auf Vaters Grund weißt, wie man Hasen jagt. Das ist der Unterricht, den sie dir geben in Altholm. Und du dort Bauer über sechs Pferde! Haben sie dir nicht die Plempe über die Schulter geschlagen, daß deine Frau die ganze Nacht die zerrissene Haut hat kühlen müssen? Zwei Verletzte hat's gegeben, schrieb der amtliche Bericht. Altholm! Dreitausend Verletzte hat's gegeben, dreitausend unheilbar Verletzte! Der Verteidiger hat gesagt: ja, übel sind sie mit euch umgegangen an jenem Tage, aber wer ist's gewesen? Einer. Ein Streber, der über die Bauern in die Höhe will, das Volk ist unschuldig. So hat er gesagt. Ich sage euch, Bauern, das Volk ist genauso schuldig. Wer stand denn auf der Straße und hat zugeschaut? Habt ihr zu den Fenstern hinaufgesehen, waren sie nicht alle voll? Gut, gut, sie konnten euch nicht helfen, aber konnten sie nicht fortgehen? Mußten sie dabeistehen und stumm zuschauen? Habt ihr gehört, daß einer Pfui geschrien hat? Es gibt einen Satz: wer schweigt, stimmt zu. Altholm hat zugestimmt!« Der Redner macht eine Pause. Die Bauern sind noch immer stumm, Zeddies ahnt sie nur dahinten, aber doch ging es eben aus von ihnen wie der erste Windstoß vor dem Gewitter. Der Mond scheint so hell, und es ist so dunkel, und besser wäre es, er wäre zu Haus geblieben und hätte hiervon nichts gewußt. Der junge Bengel neben ihm hält das Gesicht in den Händen, liegt halb auf den Ruten, vielleicht heult er, vielleicht schläft er aber auch. Und Padberg beginnt neu: »Der Verteidiger hat gesagt: da sind Handwerkerleute, da sind Verwandte, da sind Menschen in den Stadthäusern, die sind doch nicht schuld daran: schont die. Bauersleute! Grade die sind schuld! Grade die müßt ihr strafen! Nicht der Polizeilaffe, nicht der fette Bürgermeister sind die Schuldigen, eure Verwandten sind es, eure Gesippten! Der Schmied, der deinem Gaul das Eisen aufschlägt, der Zimmermann, der deinen Dachstuhl richtet, das sind die Schuldigen! Der Gareis ist rot und der Frerksen ist rot, das haben wir gewußt seit Jahr und Tag. Und seit Jahr und Tag, seit der Revolution, vor der Revolution, vor dem Krieg haben wir gewußt, was uns die Roten bringen: Enteignung! Raub! Diebstahl! Fron! Unzucht! Gottlosigkeit! Wer aber hat die Bonzen zu Bonzen gemacht? Sind sie gekommen und haben den Bürgermeisterstuhl an sich gerissen mit kämpfender Hand? Gewählt sind sie worden! Gewählt von euern Gevattern, euern Handwerkern, euern Kaufleuten! Darum sind sie alle schuldig! Haben sie nicht gewußt, was sie taten, die armen Städter? Sie haben es gewußt. Aber der Städter ist so: mit jedem paktiert er, mit jedem möchte er sein Geschäftchen machen und es mit keinem verderben. Darum, Bauern, keine Gnade! Straft sie hart, die Altholmschen, daß sie zur Vernunft kommen und die Bonzen fortjagen. Dann nehmt die Strafe von ihnen. Und so beantrage ich: Bauern Pommerns, erklärt schuldig die ganze Stadt Altholm mit allem, was darin lebt, sein Gewerbe treibt mit Beamten und Arbeitern, Polizisten und Frauen. Alle sind sie schuldig.« Die Menge ist stumm. Und der Richter tritt vor. Graf Bandekow steht vorn, mit seinen hohen Röhrenstiefeln, dem verschwitzten Flausch, dem Fußsack. Er streicht quer durch die Luft. Dann spricht er: »Bauern Pommerns, alle, die ihr von der Erde lebt, wenn ihr alle gut gehört habt, so sprecht: wir haben gehört.« Dumpf murmelt es, endlos lange: »Wir haben gehört.« »Bauern Pommerns, habt ihr schuldig gefunden die Polizei Altholms der Verbrechen am Blutmontag, so sprecht: sie ist schuldig.« Dumpf murmelt es: »Schuldig.« »Bauern Pommerns, habt ihr darüber hinaus schuldig gefunden die ganze Stadt Altholm mit allem, was darin lebt, so sprecht: sie ist schuldig!« Und wieder: »Schuldig!« Die Stimmen sind lauter geworden und lauter, sie brüllen, die Bauern. Der Richter streicht wieder durch die Luft und langsam wird es still. »Ankläger, welche Strafe beantragst du gegen die Stadt Altholm?« Der Richter tritt zurück, der Ankläger tritt vor. Aus der Tasche nimmt Padberg ein Blatt Papier und entfaltet es. Alle erkennen an der Größe des Blattes: es ist eine Zeitung. »Jeder von euch hat schon gehört: wer einen Mord begangen hat, den läßt es nicht ruhen, er muß zurück an den Ort der Tat, heute oder morgen, sein Gewissen läßt keine Ruhe. Und hättet ihr sie nicht schuldig gesprochen, die Stadt Altholm, in ihrer eigenen Zeitung könntet ihr das Geständnis ihrer Schuld lesen. Das böse Gewissen plagt sie. Hier steht es in der Chronik von Altholm, ich lese euch nur zwei Sätze vor: Ich bin ganz entsetzt, überall höre ich, daß die Bauern ihr großes Reitturnier nicht in Altholm abhalten wollen. Und weiter: Gott bewahre Altholm vor einem Boykott durch die Landwirtschaft! Da hat das böse Gewissen sich selbst die Strafe erdacht. Kein Gott wird sie davor bewahren. Bauern Pommerns, ich beantrage, daß die gesamte Landwirtschaft den Boykott gegen die Stadt Altholm beschließt, bis sie Sühne gegeben hat für alles Unheil, bis sie die Bonzen weggejagt, bis sie eins geworden ist mit uns. Das sei ihre Strafe!« Padberg tritt zurück und ein ungeheurer Lärm brandet auf. Alles spricht, schreit, murmelt, droht, schüttelt Fäuste, streitet, widerredet, brüllt »Hoch«, schreit »Nieder«. Der Richter winkt umsonst, sie hören nicht auf ihn. Der junge Mann in den Büschen spricht: »Es sind zuviel Bauern hier, die von Altholm leben.« Und der Oberlandjäger: »Sie werden ohne Ergebnis auseinanderlaufen, ich kenne die Bauern.« Eine Stimme spricht: »Aber die Bauern kennen euch nicht, Freundchen!« Und zwei eisenfeste Hände packen nach den beiden. Fünf Sekunden braucht Oberlandjäger Zeddies-Haselhorst zur Überlegung. Wenn der lange Bauer mit den schmalen Lippen und den kalten Augen, der ihn beim Gripps hat, seinen Gefangenen zum Stein schleppt, erkennen ihn dreihundert, erkennen ihn tausend Bauern und er ist verloren. Und lassen sie selbst den Lauscher mit heilen Gliedern wieder laufen, verloren ist er auch dann. Was soll er seiner Behörde sagen, dem Kollegen vom Bezirk, den Bauernverwandten? Fünf Sekunden – die Hand an seinem Halse liegt eisenfest. Aber frei muß er sein, und er schnellt das Knie hoch, trifft mit voller Wucht mitten in das Gemächte des Mannes. Der stößt einen Schrei aus, dem doch schon die Luft fehlt, stürzt hintenüber. Und hält doch noch fest mit der Hand um den Hals, die Zeddies kaum mit beiden Händen aufbrechen kann. Zeddies starrt auf den im Sumpfwasser Liegenden, halb schon auf dem Sprunge zur Flucht, als der andere, Junge, in Hemd und Hose, gellende Rufe auszustoßen beginnt: »Bauern, hierher! Verräter! Bauern helft!« Zeddies wartet nicht mehr, er springt in das Sumpfwasser, das fett in sein Gesicht klatscht, hastet mit schweren, klumpigen Füßen. Knüppel hört er fallen, rechts und links von sich, Steine schlagen breit ins Wasser. Zeddies läuft, kommt doch kaum von der Stelle. Da ist das Weidengebüsch, in dem er das Diebesgut entdeckte: »Ich Idiot, ich, daß ich den Flintenhahn verbog! Was für eine schöne Waffe wäre das jetzt!« Und denkt dabei an den jungen unrasierten Einbrecher. Plötzlich weiß er es: »Und ich möchte mich ohrfeigen, daß ich es nicht schon vor einer halben Stunde wußte: das ist der Bombenschmeißer, der Thiel, den kenn ich doch aus dem Fahndungsblatt. Der ist ausgebrochen aus dem Gerichtsgefängnis in Stolpe. Nun muß ich Meldung machen.« Zwanzig Schritte weiter: »Sehr lebhaft sind die nicht in der Verfolgung. Oder mache ich keine Meldung? Flöten ist der doch im Augenblick, jetzt, wo ihn die Bauern wiederhaben.« Er erreicht den Bach mit seinem festeren Bett. 4Sie haben den Verletzten auf den Stein gehoben. Da sitzt er, das Gesicht in den Händen, von Zeit zu Zeit noch sich krümmend vor Schmerzen. Weit hinten bei Padberg steht Thiel, gut, daß gleich einer, der ihn kannte, zu ihm stieß, die Bauern hätten den Jungen in Hemd und Hose nicht heil gelassen. Benthin bückt sich zum Stöhnenden und spricht mit ihm. Dann auch der Graf Bandekow, einer der Schöffen, ein zweiter, noch mehr. Durch die dunkle Schar der wartenden Bauern laufen verwirrte Gerüchte. Man hat ihren Führer freigelassen, nur um ihn hier im Sumpf zu ermorden. Der Bengel dort im verdreckten Hemd ist der Polizeispitzel, der es tun sollte. Nein, der Retter. Ein Bauernsohn aus dem Stolpischen. Der Fahnenträger Henning, der aus dem Gefängnis entflohen ist. Zwei Schöffen helfen dem Hockenden hoch, er legt seine Arme um ihre Schultern, sie halten ihn um die Hüften, so steht er, der Freigewordene, mit dem Gesicht zu seinen Bauern. »Sie haben mich«, spricht Franz Reimers langsam, »freigelassen aus den Gefängnissen der Republik. Warum weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß sie mich wieder holen werden, heute, morgen, irgendwann. Und manche von euch dazu. Aber sie haben mich zu einer guten Stunde freigelassen. Meine Frau, die mich hierher geschickt, hat's mir mit ein paar Worten gesagt, um was es hier geht. Was braucht es da Abwarten, Reden, Überlegung? Überlegst du, wenn du ins Wasser fällst, ob du auch schwimmen willst?« Bauer Reimers macht eine Pause. »Sie spielen das Katze-Maus-Spiel mit uns, die Berliner Herren. Und die Stolper und die Altholmischen haben zu tun, was der Herr Minister mit dem polnischen Namen über deutsche Bauern befiehlt. Aber Katzmaus spielt man im Dunkeln und manche Katze hat schon gefunden, daß in der dunklen Stube ein Bulldogg saß. Ihr überlegt, ob ihr die Acht verhängen sollt über Altholm?« Es ist still. Dumpf wartet die Masse. Plötzlich ganz laut: »Heißt es nicht in der Bibel: Auge um Auge, Zahn um Zahn? Werden die Kinder nicht gestraft bis ins vierte und fünfte Glied für die Sünden ihrer Väter? Wollt ihr feige sein, Gottes Gebote zu tun?« Er stößt die Arme zurück, die ihn halten. Allein steht er da, eine dunkle schmale Gestalt, die Arme eng am Leib. Er spricht laut: »Wir Bauern Pommerns verhängen über die verräterische Stadt Altholm die Acht. Keiner soll bei einem Altholmer einkehren, von ihm etwas kaufen, etwas geschenkt nehmen, etwas leihen. Ihr sollt ihnen nicht die Tageszeit bieten, ihr sollt kein unnötig Wort mit ihnen reden. Wer Verwandte hat in Altholm, der sage ihnen, daß sie fortbleiben sollen von Hof und Land, bis die Acht außer Kraft ist. Wer gewohnt war, zum Wochenmarkt zu fahren nach Altholm, der fahre weiter zum Markt. Er darf verkaufen, aber kaufen darf er nicht. Wer gewohnt war, ins Haus zu liefern in Altholm, Eier, Butter, Kartoffeln, Geflügel oder Holz oder was es sei, der bleibe fort aus Altholm, denn ihr sollt kein Haus betreten in dieser Stadt. Achtet auch auf eure Frauen, daß sie tun wie verordnet ist von der Bauernschaft, daß sie nicht laufen in die Läden in Altholm und nicht kaufen in den Kaufhäusern der Juden. Und wer übertritt diese Acht, im großen oder kleinen, willentlich oder unwillentlich, der sei wie aus Altholm, ein Teil der Geächteten sei er, keiner spreche mit ihm, keiner kenne ihn.« Der Bauer schweigt. Padberg beugt sich zu ihm und flüstert etwas. Reimers sagt: »Es ist ein Spion unter uns gewesen, wir wissen noch nicht, wer, aber wir werden es erfahren. Was der Mann gehört hat, das kümmert uns nicht, morgen weiß doch das ganze Land, daß wir die Acht beschlossen haben über Altholm. Wenn wir uns im Dunkeln treffen und heimlich, doch nur darum, damit uns nicht die Büttel der Republik auseinanderjagen.« Mit erhobener Stimme: »Geht nach Haus, Bauern!« Drittes Kapitel: Die Versöhnungskommission arbeitetEcke Calvin- und Propstenstraße stoßen die Gärten vom Engros-Kaufmann Manzow und dem Produktenhändler Meisel zusammen. Beide sind demokratische Stadtverordnete, Manzow sogar – infolge eines Abkommens mit der SPD – Stadtverordnetenvorsteher, während Meisel der Hans Dampf in allen Gassen ist, das kommunale Nachrichtenbüro von Altholm. Es ist ein schöner Julivormittag, nicht zu warm, ein kühler Wind geht von der See und frischt die Sonne auf, bewegt die Blätter des Gartens, in dem Manzow sich ergeht. Er ist eben aus dem Bett gekrochen, hat eine Kanne schwarzen Kaffee getrunken und versucht jetzt mit viel Priem den Geschmack von der gestrigen Sauferei aus dem Munde zu kriegen. Manzow hat in Altholm zwei Spitznamen: »der weiße Neger« und »der Kinderfreund«. Weißer Neger wegen seines Gesichtes, das mit den aufgeworfenen Lippen, der fliehenden Stirn, dem krausen schwarzen Haar viel Negerhaftes hat, Kinderfreund darum, weil ... Gewohnheitsmäßig späht er über die Zäune in die Nachbargärten, trotzdem er weiß, daß die Mütter ihren Kindern streng verboten haben, im Garten ihr Geschäftchen zu verrichten, überhaupt in die Nähe des Manzowschen Zaunes zu kommen. Es könnte doch mal sein, daß so eine süße kleine Krabbe von acht oder zehn Jahren ... Es ist aber nur der Fraktionskollege Meisel, Herr über ein vierstöckiges Lagerhaus und siebzig Lumpensammler, den er erblickt. »Morgen, Franz.« »Morgen, Emil.« »Gestern noch lange geblieben?« »Bis fünf. Irgend so ein dämlicher Stadtpoliziste wollte um drei Polizeistunde bieten. Ich hab ihm was gepfiffen.« »Ja?« horcht Meisel neugierig. »Ich hab ihm einen Zettel ausgeschrieben, daß ich als Stadtverordnetenvorsteher die Polizeistunde bis sechs verlängere.« »Und was wird Gareis dazu sagen?« »Gareis? Gar nichts! Glaubst du, der verdirbt es jetzt mit mir, wo der Boykott Wirklichkeit geworden ist und das Turnier auffliegen soll?« »Ich war heute«, sagt Meisel, »zum Rasieren auf dem Bahnhof. Der Punte sagt, er muß mindestens drei Gehilfen entlassen. Kein Bauer läßt sich mehr rasieren und Haar schneiden.« »Der Gareis soll sie man rasieren, der muß es ja noch können vom Vater her.« »Ich glaub, der Gareis hat die Bauern schon zuviel eingeseift.« Die beiden Männer lachen, so schallend, daß ein paar Vögel aufflattern. »Der Krüger am Bahnhof sagt auch, er schenkt an Markttagen zwei Hektoliter weniger aus.« »Alle Kaufleute klagen.« »Ich will dir was sagen«, erklärt Manzow gewichtig, »du kennst mein Geschäft. Hier in der Stadt war es nie nichts. Aber alle Hausierer haben bei mir gekauft: Kurzwaren, Parfüm, Seife, Hosenträger, Stoffe, eben alles. Nun, jetzt sagen sie, sie könnten nicht mehr bei mir kaufen. Die Bauern fragen: woher kommst du? Aus Altholm. Dann geh man wieder nach Altholm. – Kein Schwanz kauft was.« »Wer aus Altholm ist, ist erledigt. Die Reisenden im Auto, für Öle und Fette, für Maschinenteile, alle werden vom Hofe gejagt Die haben sich eine Liste von den Kontrollnummern der Altholmischen Autos gemacht.« »Toll ist das«, stöhnt Manzow. »Gehen wir übrigens vor der Sitzung einen Schnaps trinken?« »Meinetwegen. – Und dem Autofahrlehrer Meckel sind siebzehn Schüler vom Lande abgesprungen.« »Die landwirtschaftliche Winterschule hat keine Anmeldungen zum Herbst.« »Ja, aber der Frerksen, der Affe, läuft in der Stadt herum in seiner Uniform und ist hochmütiger als je.« »Sag das nicht. Weißt du nicht, daß er in Stolpermünde in der Sommerfrische war? Da haben sie ihn in einer Woche rausgeekelt, aber wie? Jeden Morgen war seine Burg am Strande vollgeschissen und die Zimmer haben von Ungeziefer gewimmelt.« »Hast du nicht gehört, sein Junge hat gesagt, sein Vater hätte in der Nacht nach der Demonstration gesagt, alle Bauern wären Verbrecher und gehörten totgeschlagen –?« »Die eigenen Eltern vom Frerksen haben aber gesagt: das hätte der Fritz nicht tun müssen, mit dem Säbel auf die Bauern losgehen.« »Die verkehren nicht mehr miteinander.« »Gareis kann ihn unmöglich halten.« »Na, das werden wir ja heute hören. Du kommst doch auch?« »Natürlich.« »Also dann trinken wir rasch vorher noch einen, dann ist es nicht so trocken.« »Gehen wir ins Tucher?« »Nein, lieber zu Tante Lieschen. Da können wir eher ein bißchen schweinigeln.« »Wieder scharf auf die kleinen Mädchen?« »Immer. Immer. Pflücke die Rose, eh sie erblüht.« »Glänzend. Das muß ich meiner Frau erzählen.« Die Männer lachen schallend, die Vögel erschrecken schon wieder. 2In dem großen Arbeitszimmer von Bürgermeister Gareis sind um zwölf Uhr etwa dreißig Herren versammelt: die Obermeister der Innungen, die Vertreter der verschiedenen Einzelhandelsverbände, die Fabrikanten, der Leiter des Finanzamtes: Finanzrat Berg, von der Presse die Herren Heinsius und Pinkus, ein Geistlicher: der Superintendent Schwarz, ein Kinobesitzer, der ganze Magistrat und zahlreiche Stadtverordnete. Die Herren reden eifrig miteinander, jeder weiß alarmierendere Nachrichten. Die Presse notiert eifrig. Gareis fehlt noch. »Wo bleibt er denn?« »Der verhandelt noch wegen des Turniers.« »Gott, wenn uns das auch noch aus der Nase geht! Sechstausend Bauern drei Tage lang in Altholm!« »Sechstausend? Zehn! Der Gareis hat uns was Nettes eingebrockt.« »Gareis? Frerksen!« Mit dem Stahlhelm auf dem Rockaufschlag erklärt Medizinalrat Dr. Lienau messerscharf: »Gareis? Frerksen? Eine Wichse! Die rote Rotte ist einander wert. Wo aber ist Stuff, der einzige nationale Berichterstatter?« Heinsius von den Nachrichten weiß Bescheid: »Stuff ist nicht geladen.« »Ich bitte Sie! Nicht geladen! Und das läßt sich die Presse bieten? Sind Sie nicht solidarisch?« »Er hat von Polizeiterror geschrieben.« »Und? War es das nicht? Übrigens sollen Sie jetzt ein Betrieb sein?« »Ein Betrieb? Nein, nein. Mir ist Herr Stuff völlig fremd.« »Unerhört, unser Pressevertreter ...« »Pssst! Gareis!« »Gareis!!« »Gareis!!!« Er kommt, größer als alle, massiger als alle. Grüßt flüchtig hierhin, dorthin. Beinahe noch im Gehen, hinter seinem Stuhl, die Lehne in der Hand, fängt er an zu sprechen: »Ich bitte Sie, meine Herren, Platz zu nehmen.« Gescharre, Gewispere, Hin- und Herlaufen. Schon beginnt Gareis im Eiltempo: »Meine sehr verehrten Herren. Ich danke Ihnen, daß Sie meiner Einladung gefolgt sind. Ich begrüße in Ihnen die prominenten Vertreter von Wirtschaft, Handel und Handwerk der Stadt, die Behörden, die Kirche und insbesondere auch die Herren der Presse.« Eine Stimme schnarrt: »Stuff fehlt!« »Richtig! Stuff fehlt. Muß fehlen, da Herr Stuff nicht geladen wurde. – Unser heutiger Verhandlungsgegenstand ist bekannt: der Boykott der Bauern und unsere Maßnahmen dagegen. Ich schicke eins voraus: der Demonstrationszug, der Blutmontag, wie ihn der abwesende Herr Pressevertreter so wirkungsvoll für die Interessen unserer Stadt getauft hat, bleibt aus der Debatte. Wir hier, meine Herren, können nicht entscheiden, ob Fehler gemacht worden sind. Jeder von uns ist irgendwie Partei. Im übrigen hat der Herr Minister Bericht eingefordert. Dort fällt die Entscheidung. Ich bitte, sich also strikt daran zu halten, daß der Montag aus der Debatte bleibt.« Pause. Gareis beginnt neu, wirklich: »Meine Herren, wir alle wissen, daß jene Bewegung, die sich Bauernschaft nennt, als Protest gegen das Vorgehen der Altholmschen Polizei den Boykott über unsere Stadt verhängt hat. Ich will nicht davon reden, daß dieser Boykott sehr voreilig und sehr ungerecht verhängt worden ist, ohne jede Prüfung der Schuldfrage. Die Bauern können jetzt vielleicht nicht geduldig und gerecht sein. Ich will auch nur kurz erwähnen, daß dieser Boykott ja nur Unschuldige trifft. Wenn wirklich die Polizei schuldig ist: ich, meine Herren, und meine Unterstellten, wir kriegen unsere Gehälter weiter. Sie sind die Leidtragenden.« »Sehr richtig!« »Die Führer der Bauernschaft können das nicht übersehen haben. Wenn man trotzdem den Boykott verhängt hat, so scheint mir das dafür zu sprechen, daß man ihn mehr aus Propagandarücksichten beschlossen hat als aus Empörung über den 26. Juli. Und ich kann Ihnen verraten, dieser Boykott ist nicht etwa der Wille der gesamten Bauernschaft. Vertraulich sage ich Ihnen, daß es in der nächtlichen Versammlung auf der Lohstedter Heide sehr erregte Szenen gegeben hat. Mein Gewährsmann versichert mir, daß nur das Eingreifen des Führers Reimers den Boykott erzwungen hat. Beschlossen ist er nicht von der Bauernschaft. Mein Gewährsmann ...« »Namen nennen!« »Das möchten Sie, Herr Medizinalrat, was? Ich liefere aber meine Gewährsleute nicht ans Messer.« »Ich verbitte mir ...« »Gar nichts, Herr Medizinalrat. Hier bin ich Hausherr. Sie können jederzeit gehen, wenn Ihnen meine Rede nicht paßt. – Das mag aber sein, wie es will, der Boykott ist jedenfalls da. Nun laufen in der Stadt ganz irrsinnige Gerüchte über die Wirkungen des Boykotts herum. Meine Herren, lassen Sie sich doch nicht irre machen. Die Wirkungen des Boykotts sind minimal.« »Oho!« »Unsinn!« »Verheerend!« »Sehr richtig!« »– Altholm ist eine Industriestadt. Die Kaufkraft steckt in der Arbeiterschaft. Glauben Sie doch nicht, meine Herren, daß die Bauern hier viel in Altholm gekauft haben. Wenn sie vom Markt kamen, hat die Frau ein bißchen Nähgarn geholt und der Mann ein Glas Bier getrunken. Es fällt wirklich nicht ins Gewicht. Gewiß, da und dort ist ein Reisender zurückgeschickt worden. Aber seien Sie sicher, die Bauern hätten ihm auch so nichts abgekauft, jetzt vor der Ernte hat der Bauer doch kein Geld. Da ist es eine wunderschöne Ausrede, zu sagen: ich kauf dir nichts ab, weil du aus Altholm bist. Aber meine Herren, wenn das auch alles nicht wäre, wenn der Boykott wirklich schlimm wäre, wir könnten nichts Verhängnisvolleres tun, als das auszusprechen. Wenn wir immer wiederholen: wir merken gar nichts vom Boykott, der Boykott ist ein Papiergefasel von der Zeitung Bauernschaft – dann, meine Herren, ja, dann ist der ganze Boykott in vier Wochen erledigt. Wir müssen ankämpfen gegen den Unverstand in der eigenen Stadt. Das geht natürlich nicht, daß Kaufmann Schulze, dem seit drei Jahren dreißig unverkäufliche Hosen auf der Stange hängen, zum Kaufmann Schmidt sagt: dreißig Hosen hab ich nicht verkauft wegen des Bauernboykotts. Und es geht nicht an, daß immer von neuem das Feuer geschürt wird, daß die Presse nicht aufhört, kleine aufreizende Nachrichten zu bringen oder gar von Polizeiterror zu reden. In der Not muß man zusammenstehen. Wir haben hier unter uns Herrn Hauptschriftleiter Heinsius, einen treuen Sohn unserer Stadt Altholm und eifrigen Verfechter vaterländischer Interessen. Ich glaube, er wird mit uns heute einig werden, daß die Heimatpresse erst einmal einen Gürtel des Schweigens um die Ereignisse des 26. Juli legt. Sie zucken die Schultern, Herr Heinsius. Ich denke, Sie werden noch mit dem Kopf nicken.« Rehfelder ruft: »Stuff! Redakteur Stuff!« »Meine Herren, um Redakteur Stuff wollen wir uns doch nicht sorgen. Ich glaube, Sie unterschätzen da die Macht und Einflußsphäre unseres Herrn Heinsius. Wenn Herr Heinsius erklärt: die bürgerliche Presse schweigt, dann schweigt auch Herr Stuff. – Nun ja, ich schweige ja auch schon, Herr Heinsius. Das wären zwei Sachen, die ich vorzuschlagen hatte: Leugnen der Wirkung des Boykotts. Schweigen über den 26. Juli. Das dritte – nun, meine Herren, wir wollen keinen Boykott gegen die Bauern beschließen. Mögen sie ruhig weiter zu uns auf den Markt kommen. Aber, wenn die Herren Gatten ihren Frau Gemahlinnen vielleicht nahelegen möchten, unsere heimischen Geschäftsleute besonders bei ihren Einkäufen zu berücksichtigen, namentlich auch im Hinblick auf die etwa ausfallenden Bauerneinnahmen ... nun, ich bin überzeugt, so ein Hinweis wird schon seine Wirkung tun. Unter uns sind ja natürlich keine Pantoffelhelden, die einen solchen Hinweis vergeblich aussprechen würden ...« Beifälliges, dankbares Gelächter. »Meine Herren, ich sehe fast überall aufgeklärte, heitere Gesichter. Manch Ding ist von weitem schwarz, aber in der Nähe weiß. Einer Sache dürfen Sie sicher sein, der Nachteil, den uns die im Augenblick ausbleibenden Bauern bringen, wird verschwindend sein gegen die Vorteile, die wir auf der andern Seite haben.« »Redensarten!« »Ich habe schon Verhandlungen angeknüpft mit einer ganzen Reihe von Arbeiterorganisationen. Dort ist man allgemein der Ansicht, daß Altholm für den Boykott durch die Bauern gewissermaßen entschädigt werden muß. Die Arbeiter werden ihre Veranstaltungen bevorzugt in Altholm abhalten. Das alles bringt Geld und Leute in Massen hierher. Und demgegenüber spielt es nur eine geringe Rolle, daß das Reitturnier nun wirklich abgesagt ist. Ich bitte um Wortmeldungen.« Bürgermeister Gareis setzt sich rasch und erwartet mit gesenkten Lidern den Sturm, der nach seiner letzten Mitteilung losbrechen wird. 3Assessor Stein, das dunkle, bebrillte Männchen, erhebt sich und liest nervös von seinem Zettel ab: »Zuerst hat sich Herr Obermeister Besen zum Wort gemeldet. Ich bitte Herrn Obermeister Besen, das Wort zu ergreifen.« Assessor Stein taucht unter in das Durcheinander hin und her fahrender Köpfe. Der Obermeister der Gastwirteinnung erhebt sich im Schmuck seiner weißen Haare: »Ja, meine Herren, was soll ich sagen –?« »Wenn du's nicht weißt, halt's Maul!« »Was soll ich sagen, meine Herren? Da hat uns Herr Bürgermeister Gareis eine schöne Rede gehalten, und ich denke, er hat uns fast alle überzeugt. Ich bin pessimistisch hierher gegangen, es geht der Stadt Altholm schon so schlecht und nun der Bauernboykott, unter dem besonders das Gastwirtsgewerbe zu leiden hat ... Aber wie ich die Vorschläge des Herrn Bürgermeisters gehört habe, da habe ich gedacht: ja, so geht es ... Ja, meine Herren, aber dann hören wir so ganz nebenbei, daß das Reitturnier abgesagt worden ist. Und da werden uns Aussichten gemacht auf irgendwelche Arbeiterveranstaltungen, sehr ungewisse Aussichten, scheint es auch noch. Ich will Herrn Bürgermeister und seiner Partei gewiß nicht zu nahe treten. Aber das wissen wir Gastwirte doch, was Arbeiter auf solchen Veranstaltungen verzehren und was Bauern verzehren. Nein, Herr Bürgermeister, bringen Sie alle Arbeiterorganisationen nach Altholm, das macht dies eine Fahrturnier nicht wett. Und ich möchte doch hervorheben, daß die heute von Herrn Bürgermeister Gareis so getadelte Chronik als erste schon vor Tagen auf den Boykott und das ausfallende Fahrturnier aufmerksam gemacht hat. Ich bin damals bei Ihnen gewesen, Herr Bürgermeister, und Sie haben mir gesagt: das ist Schwindel, das Reitturnier bleibt in Altholm. Nun hat die Chronik nicht geschwindelt, sondern ... Also, meine Herren, wir haben schon damals bei den Gastwirten Rundfrage gehalten nach dem Schaden, der durch den Ausfall des Turniers entsteht. Wir haben die uns mitgeteilten Zahlen sorgfältig geprüft, wir haben Abstriche gemacht und wir sind doch auf die horrende Zahl von 21 000 Mark gekommen. Die hier anwesenden Vertreter der andern Gewerbezweige werden sich sicher auch noch zu diesem Punkte äußern ... Ja, aber angesichts dieser Tatsachen bin ich nun doch der Ansicht, daß wir uns auf keinen Kampf mit der Bauernschaft einlassen, denn was Herr Bürgermeister vorschlägt, ist doch Kampf. Wir haben fast alle Verbindungen mit dem Lande, ich schlage vor, daß wir diese Verbindungen nutzen. Ich schlage vor, daß wir eine Kommission wählen, die die Versöhnung mit der Bauernschaft betreiben soll, und daß diese Kommission sich sofort mit den Bauern an den Verhandlungstisch setzt.« Obermeister Besen hat ausgeredet, und Assessor Stein erteilt Herrn Medizinalrat Dr. Lienau das Wort. »Meine Herren, da haben Sie den Salat! Wir drei Vertreter des nationalen Gedankens haben gewarnt und gewarnt, aber auf uns hat man natürlich nicht gehört. Da hieß es immer Kompromisse schustern mit den Roten, nun sitzen Sie drin! Und nun erleben wir die, gelinde gesagt, starke Zumutung von Herrn Bürgermeister Gareis, daß er uns hier einlädt und unverblümt erklärt: ja, meine Herren, wir von der Polizei haben den Karren verfahren, nun machen Sie mir Vorschläge, wie er aus dem Dreck zu ziehen ist. Ich stelle den Antrag, daß die Versammelten den unerhörten Polizeiterror mißbilligen und der Bauernschaft ihr tiefstes Bedauern aussprechen.« »Herr Kaufmann Braun hat das Wort.« »Ja, meine Herren, mir ist es ähnlich gegangen wie Herrn Besen. Auch ich war pessimistisch, wurde optimistisch und sehe jetzt alles schwarz. Aber ich möchte mir doch den Vorschlag erlauben, ob man nicht den Antrag von Herrn Bürgermeister mit dem von Herrn Besen verbinden kann, das heißt: Wirkung gegen den Boykott und sofort aufzunehmende Verhandlungen.« »Herr Superintendent Schwarz.« »Meine sehr verehrten Herren! Ich vertrete hier keine materiellen Interessen. Ich nehme auch an, daß ich nur zu Informationszwecken geladen bin. Aber als Vertreter der Kirche möchte ich doch warnen, den Weg zu betreten, den Herr Bürgermeister Gareis empfiehlt. Wir sollen sagen, der Boykott ist wirkungslos, trotzdem wir hier allerseits hören, daß er sehr wirkungsvoll ist. Wir sollen also, zu deutsch gesagt, lügen. Und, meine Herren, es ist doch noch immer so auf der Welt, daß man mit Lügen nur kurze Zeit durchkommt. Als Vertreter der Kirche kann ich nur zum Frieden raten. Machen Sie Ihren Frieden mit den Bauern. Meine Herren, der Vorschlag von Herrn Obermeister Besen ist der richtige: wählen Sie einen Ausschuß, verhandeln Sie mit den Bauern. Und tun Sie auch das, was Herr Medizinalrat Lienau gesagt hat: sprechen Sie den Bauern Ihr Bedauern aus. Man kann das, ohne Stellung zu nehmen. Die Sache mag liegen, wie sie will, aber menschlich ist sie jedenfalls tief beklagenswert. Sprechen Sie das unverhohlen aus. Das ist keine Schande, da braucht man sich nicht zu schämen. Und wenn Sie diesen Weg gehen, dann werden Sie immer der Unterstützung der Kirche sicher sein.« »Herr Chefredakteur Heinsius.« »Meine hochverehrten Anwesenden! Sehr geehrte Herren! Sie wissen alle, daß ich selten mein Redaktionszimmer verlasse. Der elektrische Funke trägt in die Wände meines Arbeitszimmers Kunde von dem, was in der Welt geschieht, und nur, wenn man stille ist, abseits vom Getümmel und Getriebe der Meinungen, ist das Ohr scharf genug, den Pulsschlag der Zeit abzuhorchen. Wenn ich dieses Mal von meiner Gewohnheit abgegangen bin, wenn ich als Vertreter der größten Zeitung Ihrer Vaterstadt in die Arena des Streites hinabsteige und nun selbst zu Ihnen rede, so darum, weil wir vom ersten Tage an die Entwicklung der Dinge mit größter Besorgnis verfolgt haben. Schon, als die Demonstration erst als ein Projekt erwähnt wurde, haben wir aufgehorcht und gefragt: was will das werden? Und als dann die Demonstration erfolgte, als es dann zu den beklagenswerten Zusammenstößen kam, als wie ein drohender Schatten das Gespenst des Boykotts an der Wand erschien, als er Wirklichkeit wurde, ja, da, meine sehr verehrten Herren, haben wir immer wieder mit leidenschaftlicher Besorgnis gefragt, was will das werden –? Wenn Herr Bürgermeister davon gesprochen hat, daß die Presse das Feuer geschürt hätte, so kann er damit nie die Nachrichten gemeint haben. Die Nachrichten lassen sich nur von den Interessen der Vaterstadt leiten. Und da, meine Herren, wenn wir diese Interessen ins Auge fassen, wenn wir leidenschaftslos prüfen, was getan werden muß, da erhebt sich denn doch die Frage ... Ich sehe hier Herren vom Handwerk, von der Wirtschaft, von der Finanz. Die Geistlichkeit ist vertreten. Viele Herren aus dem Stadtverordnetenkollegium. Der Magistrat. Aber, meine Herren, da erhebt sich denn doch die Frage: wo ist Herr Oberbürgermeister Niederdahl?!? Wo ist der Leiter unseres Gemeinwesens in der Stunde der Gefahr? Herr Stadtrat Röstel vertritt ihn, gut. Aber, meine Herren, es gibt Lagen, in denen man sich nicht vertreten lassen kann, wo allein die Hand des Führers das Steuer herumwerfen darf. Ich frage Sie, meine Herren, wo ist der Führer?« »Meine Herren, ich spreche zu Ihnen als Vertreter des privaten Hausbesitzes und zugleich als Vertreter der Reichswirtschaftspartei. Meine Herren, wir haben unsere warnende Stimme erhoben, als die Kollegien dem Bau von fünf neuen Bedürfnisanstalten zustimmten. Meine Herren, wir haben gewarnt, als die Zuschläge zu den städtischen Steuern um fünfundsechzig Prozent erhöht wurden. Meine Herren: wir haben immer gesagt: Ausgabensenkung, Steuersenkung. Meine Herren, auch in dieser verantwortungsvollen Stunde sehen Sie uns auf dem Plan: wir warnen Sie. Nicht weiter auf diesem Wege! Meine Herren! Namens des privaten Haus- und Grundbesitzes und namens der Reichswirtschaftspartei erklären wir als verantwortungsbewußte Vertreter der Stadt: wir werden gegen jede Maßnahme stimmen, die neue Ausgaben verursacht. Meine Herren! Sie sind gewarnt!« »Herr Parteifunktionär Matthies!« Sofort setzt lebhafte Unterhaltung ein. »Genossen! Das klassenbewußte Proletariat sieht mit höhnischem Grinsen, wie sich die Herren Sozialdemokraten wieder einmal festgefahren haben. Diese Verräter am Proletariat ...« »Sprechen Sie zur Sache.« »Der ›Genosse‹ Gareis wünscht, daß ich zur Sache spreche. Dabei hat er aber gleich zu Anfang verboten, daß zur Sache gesprochen wird. Genossen, über den Blutdurst der hiesigen Polizei soll ein schämischer Schleier gebunden werden ...« »Zur Sache! Oder ich entziehe Ihnen das Wort.« »Genossen! Was geschehen ist, das hat das Proletariat nicht überrascht. In Zehntausenden Gefängnissen der Bourgeoisie schmachten Hunderttausende von Arbeitern, hereingebracht durch die Sozialdemokratie!« »Ich entziehe Ihnen das Wort.« »Wenn hundert Arbeiter niedergeschlagen werden, dann sagt der Genosse Severing kein Wort.« »Sie dürfen nicht weiterreden. Das Wort ist Ihnen entzogen.« »Aber wenn zwei Bauern etwas über ihre Dickköppe kriegen, dann schreit alles Zeter und Mordio.« »Soll ich Sie aus dem Saal führen lassen, Matthies?« »Wir von der KPD stehen unter Sonderrecht. Wir dürfen nicht einmal hier reden, während die andern reden dürfen, soviel wie sie wollen.« »Wenn Sie zur Sache reden, dürfen Sie sprechen.« »Ich will zur Sache reden. Genossen! Das klassenbewußte Proletariat lehnt den Novembersozialismus ab. Er ist der wahre Handlanger der Bourgeoisie, der rote Henkersknecht am entrechteten Arbeiter.« »Hu! Huh!« »Hurra die Sowjetrepublik!« »Ruhe!« »Botenmeister, führen Sie den Herrn hinaus.« Pfeifen. Gelächter, Geschrei. Zurufe. Matthies noch im Türrahmen: »Hoch die Sowjetrepublik! Hoch die Weltrevolution!« Ab. Bürgermeister Gareis erhebt sich. »Meine Herren, ich will kurz einige an mich gerichtete Fragen beantworten. Was das Reitturnier angeht, so ist es richtig, daß ich Ihnen, Herr Besen, gesagt habe: das Turnier findet unter allen Umständen in Altholm statt. Nun gut, ich bin getäuscht worden. Ich habe mich auf das Wort eines Edelmannes verlassen, ich scheue mich nicht, hier öffentlich seinen Namen zu nennen: des Grafen Pernath auf Stroheim. Als wir im vorigen Jahre die Turnierbahn anlegten, als wir mit großen Kosten die Tribüne bauten, hat mir der Graf in die Hand versprochen, das Turnier werde mindestens fünf Jahre hindurch in Altholm stattfinden. Gestern habe ich einen Brief von ihm bekommen, daß angesichts der veränderten Lage das Turnier nicht in Altholm abgehalten werde. Ich überlasse diese Handlungsweise eines Edelmannes den Herren zur Beurteilung.« »Pfui!« »Jawohl, pfui, Herr Sanitätsrat, und zwar für Herrn Grafen Pernath. – Was nun jene Warnung in der Chronik angeht, die Herr Obermeister Besen erwähnt, so habe ich diese ›Warnung‹ vor mir. Es ist nicht etwa eine redaktionelle Notiz, es ist, meine Herren, ein anonymes Eingesandt. Und zwar erschien dieses ›Eingesandt‹ zu einer Zeit, als die Bauern noch gar nicht an einen Boykott dachten. Das ist das, meine Herren, was ich das Feuer schüren nenne. Selbstverständlich hat es mir vollkommen ferngelegen, den so verdienstvollen und maßhaltenden Nachrichten einen derartigen Vorwurf zu machen. Herr Heinsius hat gefragt, warum Herr Oberbürgermeister Niederdahl nicht hier ist. Nun, ich kann darauf nur sagen, daß Herr Oberbürgermeister in Urlaub ist. Er wird von mir ständig auf dem laufenden gehalten. Er ist jederzeit bereit, seinen Urlaub abzubrechen, er hat das auch angeregt. Ich habe es nicht für nötig gehalten. Meine Herren, wir sind, wie der Turnierfall beweist, in der Lage einer Stadt, die vom Feinde eingeschlossen ist. Wir dürfen Hilfe von der Regierung erwarten, aber wann diese Hilfe kommt, das steht dahin. Mittlerweile ist nichts so nötig wie zusammenzustehen und einig zu sein, einig zu kämpfen. Es ist der Vorschlag gemacht worden, sich mit den Bauern an einen Verhandlungstisch zu setzen. Meine Herren, Sie setzen sich ja aber nicht mit den Bauern an einen Tisch, im besten Falle kommen Sie mit irgendwelchen sogenannten Führern zusammen, die sich aus der Not der andern ihre Riemen schneiden wollen.« »Unerhört!« »Das ist unerhört, jawohl. Aber das ist so. – Zeigen Sie keine Schwäche, meine Herren, verhandeln Sie nicht. Setzen Sie dem pommerschen Bauerndickkopp entgegen. Seien Sie einig, meine Herren. Ich erteile noch Herrn Assessor Stein zu einer sachlichen Aufklärung das Wort.« Das schlanke, schwarze, nervöse Männchen erhebt sich. »Hochverehrte Herren, wie einigen von Ihnen bekannt ist, bin ich der Sachbearbeiter des Wohlfahrtsamtes. Meine Herren, uns liegt unter anderem ob die Pflege, Betreuung, Vormundschaft über die unehelichen Kinder der Stadt. Es ist Klage darüber geführt worden, ein wie großer Schaden dem städtischen Handwerk und Gewerbe aus dem Fortfall des Fahrturniers entsteht. Herr Obermeister Besen hat für das Gastwirtsgewerbe eine Zahl genannt, eine erschreckende Zahl: 21 000 Mark. Nun, meine Herren, das verliert die Stadt und mehr, denn auch die andern Gewerbe werden Zahlen nennen können. Was aber, frage ich, gewinnt die Stadt durch den Fortfall des Turniers? Lassen Sie mich eine ganz kleine Gegenrechnung aufmachen, hören Sie mich einige Minuten in Geduld an.« Assessor Stein, sicher geworden, blickt lächelnd auf die erwartungsvollen Gesichter. »Ja, ich frage Sie, hat die Stadt nicht auch Nutzen davon, wenn das Turnier nicht stattfindet? Ich rede gar nicht von den direkten Kosten, die der Stadt aus dem Turnier erwachsen und die im Vorjahre 9000 Mark betrugen. Ich gebe Ihnen etwas anderes zu bedenken. Meine Herren, überlegen Sie mal, bei dem Turnier sind schlecht gerechnet die Bauernjungen eine Woche in der Stadt. Da haben sie ein bißchen Geld in der Tasche, da wird getrunken, gefeiert, geliebelt. Na, Sie werden mir zugeben, in der Stadt sind die Mädchen hübscher als auf dem Lande. Sie machen sich netter zurecht, sie sind sauberer, das sieht auch ein Bauernjunge. Und wenn nun der Assessor Stein neun Monate nach dem Turnier seine Eingänge durchsieht, da findet er plötzlich den Beweis, daß die Bauernjungen die Stadtmädel hübsch gefunden haben. In diesem Jahre sind vierzehn uneheliche Kinder angemeldet als Ergebnis des vorjährigen Landesturniers. Ja, meine Herren, werden Sie mir sagen, das ist alles nicht so schlimm, das sind Bauernjungen, die werden schon zahlen. Und da kommt man denn zu den Vätern – der Bauernjungen wohlgemerkt –, und die stöhnen Ach und Weh, wieviel der Junge kostet, und daß er nichts verdient. Und jetzt muß er erst auf die Winterschule und dann geht er noch ein paar Jahre auf die landwirtschaftliche Hochschule, und was er auf dem Hofe hilft, das ist nicht der Rede wert, kein Taschengeld wert. Und am Ende muß die Stadt für die Kinder aufkommen. Nun rechnen Sie einmal: vierzehn Kinder erst ins Säuglingsheim, dann ins Kinderheim, dann ins Lehrlingsheim. Unter fünftausend Mark kann die Stadt kein Kind aufziehen. Das macht siebzigtausend Mark. Dazu die direkten Turnierkosten mit neuntausend Mark, macht neunundsiebzigtausend Mark. Da kann schon viel Schaden entstehen, ehe das wettgemacht ist.« Assessor Stein setzt sich und seine blassen Bäckchen sind rot. Großes Gelächter. Superintendent Schwarz erhebt sich und sagt erregt: »Ich erhebe Einspruch gegen die ganz unglaublich leichtfertige Art, mit der dieses traurige Thema von einem Vertreter der Stadt abgehandelt wurde. Wenn so über moralische Fragen an den Stellen, die ein Beispiel geben sollten, geurteilt wird ...« »Ist ja gar nicht geurteilt!« »Wie? Nicht geurteilt? Aber es ist leichtfertig darüber gesprochen, das ist dasselbe. Die Kirchengemeinde freilich findet selten Unterstützung bei dem Stadtparlament in sittlichen Dingen. Die Beseitigung der Büsche und Bänke auf dem alten Friedhof, die nur nächtlicher Unzucht Vorschub leisteten, hat die Kirchengemeinde auch auf ihre Kosten vornehmen lassen müssen. Meine Herren, bedenken Sie, auf den Gräbern der Entschlafenen!« Gareis erhebt sich. »Was Herr Assessor Stein eben mitteilte, war eine volkswirtschaftliche Tatsache und hat mit Moral gar nichts zu tun. Im übrigen verspreche ich mir von einer weiteren Debatte nichts. Ich schließe also die Debatte. Ich bitte Sie, meine Herren, über meine Vorschläge abzustimmen. Wer meine drei Vorschläge annimmt, hebe die Hand.« – – – »Das ist die Minderheit. Meine Vorschläge sind also abgelehnt. Ich bedauere, in dieser Sache im Augenblick nichts weiter tun zu können. – Sie wünschen, Herr Besen?« »Einen Augenblick, Herr Bürgermeister. Es steht noch ein weiterer Vorschlag zur Abstimmung, sofort mit der Bauernschaft Verhandlungen anzuknüpfen. Ich bitte, darüber abstimmen zu lassen.« »Tun Sie das. Ich kann nur noch einmal warnen.« »Wer für Verhandlungen ist, hebe die Hand. – Das ist weitaus die Mehrheit. Ich danke Ihnen, meine Herren. Es bleibt uns nun nur noch, die Mitglieder der Kommission, für die ich den Namen ›Versöhnungskommission‹ vorschlagen möchte, zu wählen. Ich möchte an erster Stelle Herrn Bürgermeister Gareis vorschlagen.« »Lehnt ab. Und die weiteren Wahlen, meine Herren, bitte ich doch vielleicht an einem andern Orte, etwa im Ratskeller, vorzunehmen. Ich möchte nicht, daß eine Sache, die ich von Grund auf mißbillige, in meinen Amtsräumen durchgeführt wird.« Sanitätsrat Lienau erklärt vernehmlich: »Zu Deutsch: wenn es nicht nach dem Kopf von Herrn Gareis geht, wird man hinausgeworfen.« »Ganz richtig, Herr Sanitätsrat, ich werfe hinaus. Guten Morgen, meine Herren.« 4Ein Bauer kommt aus dem Bahnhof Altholm und geht quer über den Platz nach dem Eingang der Chronik hinüber. Der Bauer, ein schwerer, großer Mann, geht mühsam am Stock. Aber er läßt sich nicht von den Autos irritieren, er geht direkt auf den Polizisten zu, der dort den Verkehr regelt. Vor dem Beamten bleibt der Bauer stehen und sieht ihn stur an: »Wachtmeister«, sagt er. Der Beamte glaubt, daß eine Auskunft von ihm verlangt wird, und fragt: »Ja?« Der Bauer fragt: »Wo soll ich den abgeben? Nehmen Sie ihn?« »Wen? Wen meinen Sie?« »Wen ich meine? Den Stock! Den dicken Stock! Ich habe gehört, wir Bauern sollen in Altholm unsere Stöcke abgeben.« »Gehen Sie weiter! Ich lasse mich nicht von Ihnen durch den Kakao holen.« »Wo ist mein anderer Stock?« fragt der Bauer plötzlich wütend. »Den Sie mir am Blutmontag abgenommen haben?« Er blickt zornig aus kalten hellen Augen auf den verärgerten Polizisten. »Sie sollen weitergehen, habe ich Ihnen gesagt.« »Ihr nehmt Invaliden die Stöcke weg, was? Daß sie auf der Straße hinfallen? Helden sind das!« Der Bauer stampft weiter, auf die Chronik zu. Der Wachtmeister sieht ihm böse nach. Drinnen in der Chronik streiten sich wieder einmal Stuff und Tredup. »Du bist verrückt, Max, mit deinem Schwarm für Gareis. Der ist der Allerschlimmste von allen.« »Na, daß er grade keine Liebe für dich hat, wenn du ihn so angreifst! Übrigens ist es noch gar nicht ausgemacht, daß der Artikel in der Volkszeitung von ihm ist.« »Natürlich ist er das. Mir vorzuwerfen, daß ich meine ›Eingesandt‹ selber fabriziere! ›Freilich gehört der Redakteur der Chronik auch zu ihren Lesern.‹« »Na, Stuff, ein richtiges Eingesandt war es ja schließlich auch nicht. Oder –?« »Was geht den Scheißer das an! Außerdem haben wir recht gehabt. Jetzt ist der Boykott da und das Turnier ist abgesagt – Herein!« Die Tür steht auf zur Expedition, wo mal wieder kein Mensch ist. Dort steht an der Barre ein großer Mann, ein Bauer, Stuff geht zu ihm. »Guten Tag. Was wünschen Sie?« »Ich bin der Bauer Kehding aus Karolinenhorst. Sind Sie der Mann, der die Zeitung schreibt?« »Der bin ich.« »Wie heißen Sie denn?« »Ich bin Stuff. Hermann Stuff.« »Dann sind Sie der Richtige. Ich dachte schon, ich wäre auf die Nachrichten gekommen.« »Nein, hier sind Sie auf der Chronik.« »Ja, dann bin ich hier recht.« Pause. Der Bauer hebt seinen Stock und legt ihn auf die Barriere. »Das ist der Stock aus dem amtlichen Bericht.« »Ja?« fragt Stuff. »Sie haben es doch gedruckt, Mann! Das ist der Stock aus dem Bericht, von dem geschrieben steht, er wäre sieben Zentimeter stark und eine gefährliche Waffe.« »Und Sie haben ihn wiederbekommen?« »Unsinn. Das ist der Bruder von dem Stock. – Wie schwer bin ich?« Stuff taxiert: »Zweieinhalb Zentner.« »Zwei Zentner sechzig. Und leide an Ischias. Kann ich da mit einem Ladenschwengelstöckchen gehen? Gefährliche Waffe – lächerlich ist so was!« »Das ist es.« »Sie haben es aber gedruckt.« »Ich habe den amtlichen Bericht gebracht. Ich habe aber auch anderes gebracht.« »Richtig. Und jetzt sollen Sie wieder etwas bringen. Einen Brief. Ein ›Eingesandt‹ mit meinem vollen Namen. Ich habe es hier aufgeschrieben.« Es ist ein offener Brief an die Stadtverwaltung Altholm mit der achttägig befristeten Forderung, den schuldbeladenen Polizeioberinspektor und den schuldbeladenen Bürgermeister Gareis sofort zu entlassen, widrigenfalls die Landwirtschaft zur Selbsthilfe schreiten würde. »Im Namen vieler Landwirte Bauer Kehding-Karolinenhorst.« Stuff steht unschlüssig: »Es ist ein bißchen scharf, was?« »Verdammt! War es nicht ein bißchen scharf, als die Schupo mir Krüppel den Stock wegriß, daß ich längelang hinschlug?« An Stuffs Schulter taucht flüsternd Tredup auf: »Das paßt doch fein. Da kannst du doch dem Gareis und der Volkszeitung beweisen, daß deine ›Eingesandt‹ echt sind.« »Was ist das für ein Mensch?« fragt Bauer Kehding. »Das ist gewissermaßen mein Schreibknecht«, sagt Stuff. Der Bauer sieht unter den buschigen Brauen prüfend von einem zum andern. Plötzlich brüllt er: »Gebt mir meinen Wisch wieder, ihr Tintenschmierer. Ihr seid genau solche Arschlöcher wie die andern auch.« Stampfend, mit gedonnerten Türen, verläßt er die Expedition. Stuff schielt verblüfft durch die Brille. »Dem ist der Schreibknecht in die falsche Kehle gekommen«, meint Tredup. »I wo, der Mann ist gut. Der hat deine Bilder gerochen, Max.« »Quatsch, meine Bilder ...« Durch die Tür kommt Textil-Braun. »Was war denn das eben für ein wütender Kerl?« Stuff ist vorsichtig: »Der? Das war so ein Bauer. Hier kommen jetzt mehr Bauern.« »Sie haben doch fünf Minuten Zeit für mich, Herr Stuff? Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen.« »Eigentlich habe ich keine Zeit. Aber für Sie. Kommen Sie rein in die gute Stube. Komm man mit, Tredup, vielleicht fällt ein Inserat ab.« Textil-Braun setzt sich würdig und sieht sehr wichtig aus. Er ist ein kleines wieselhaftes Männchen, augenblicklich von der Wichtigkeit seiner Sendung viel zu durchdrungen, um seinem Freunde Tredup einen Blick zu gönnen. »Ich habe Ihnen mitzuteilen, Herr Stuff, daß beschlossen ist, die Presse stellt alle Veröffentlichungen in der Bauernsache vorläufig ein.« Stuff ist so verblüfft, daß er nur »So« sagt. »Ja, die Leute sind so unruhig. Und die Leute müssen erst mal wieder ruhig werden.« »Darf ich auch fragen, Herr Braun, wer da eigentlich über meine Zeitung Beschluß gefaßt hat?« »Lieber Herr Stuff, wir kennen uns doch nun so lange. Ich bin so ein fleißiger Inserent bei Ihnen. Sie werden doch nun nicht beleidigt sein?« »Wissen möchte ich gerne, wer über meine Zeitung beschlossen hat. Der Gareis etwa?« »Nein, eben nicht der Gareis. Wir waren bei ihm und er wollte einen Kampf gegen die Bauern. Den wollten wir aber nicht.« »Nein, natürlich nicht.« »Und da haben wir eine Versöhnungskommission gebildet, die die Stadt mit den Bauern versöhnen soll, und haben beschlossen, daß vorläufig nichts mehr gegen die Bauern geschrieben werden soll. Es muß jetzt erst einmal Ruhe sein.« Stuff nimmt seinen Klemmer ab und putzt ihn sorgfältig mit seinem Taschentuch. Dann setzt er ihn wieder auf und sieht sein Gegenüber, den kleinen geschäftigen Kaufmann, trübe und versonnen an. »Herr Braun, Sie hören doch gut?« »Ich denke«, sagt der Textilherr vorsichtig. »Und Sie halten mich für keinen ausgemachten Idioten?« »Bitte, Herr Stuff ...« »Ja oder nein!!« »Nein. Natürlich nein. Lieber Herr Stuff ...« »Haben Sie gehört, was ich Sie vorhin gefragt habe? Haben Sie es verstanden –? Ich will wissen, wer ›wir‹ ist. Nicht, ›wir‹ haben eine Kommission gebildet, ›wir‹ haben beschlossen ... Daß der eine ›Wir‹ das Textilwarenhaus für Gelegenheitskäufe und Partiewaren Franz Braun ist, das haben ›wir‹ nun gelöffelt, aber die Kommission besteht doch nicht allein aus Ihnen –?« »Lieber Herr Stuff, wollen wir nicht ruhig verhandeln? Sie machen es mir schwer. Und die Sache ist doch schließlich so, daß Sie nicht geladen waren und die Verhandlungen waren vertraulich. Ich weiß wirklich nicht, ob ich Namen nennen darf.« »Wirklich nicht? Und Sie sind so töricht, zu glauben, daß ich auf so eine Mitteilung von Ihnen den Nachrichtenteil meiner Zeitung ändere?« »Ja, offengestanden, ich bin so töricht. Wenn Sie so reden, bitte schön! Sie werden Ihren Nachrichtenteil ändern.« Stuff wird immer freundlicher. Etwas Besorgtes klingt in seiner Stimme: »Wirklich? Können Sie sich auch noch genau erinnern, wo die Tür ist, durch die Sie reinkamen?« »Sie werden ihn ändern, weil man sich für Sie verbürgt hat. Ja, ich sage es grade heraus, Ihr Kollege, Herr Heinsius, hat uns Ihr Schweigen zugesagt.« Stille. Lange Stille. »So.« Stuff steht mit einem Ruck auf und geht ans Fenster. Dreht Tredup und dem Braun den Rücken. »So.« Und Braun eifrig-milde: »Lieber Herr Stuff, es tut mir ja leid ... Wir wissen doch Bescheid, nun ... Der Heinsius hat es uns vertraulich erzählt. Ich trage es Ihnen auch bestimmt nicht nach, was Sie vorhin gesagt haben ... Ich inseriere bestimmt weiter ...« »Ich glaube, Sie gehen lieber, Herr Braun«, sagt Tredup. Braun zögert: »Ich hätte gerne eine Zusage, eine bindende Zusage.« »Wozu brauchen Sie die eigentlich, da der Heinsius gebürgt hat?« Stuff dreht sich um, hochrot: »Schmeiß ihn raus, Max! Schmeiß das Schleimvieh raus. Sonst tue ich ihm noch was.« Und Braun gemessen, den Hut schon auf dem Kopf: »Danke, ich gehe allein, Herr Stuff. Und warum grade Sie so sind? Ich könnte doch auch reden von einem Eingesandt, das in meinem Namen geschrieben ist ...« Er hat sich rausgeredet. Stuff glotzt. Dann: »Es ist das Komischste im Leben, daß manchem manche Schweinereien schließlich doch sauer aufstoßen, zum Beispiel mir. – Dreh's Radio an, Mensch! Berlin spielt auf Schallplatten. Nein, laß, ich will telefonieren. Geh raus du, ich brauche auch keine Zuhörer, wenn mir der Schwanz abgehackt wird.« In der Expedition erschaut Tredup das Fräulein Heinze. »Sagen Sie mal, Heinzelmann, wo ist eigentlich der Wenk?« Die Dame lehnt ab: »Das fragen Sie ihn am besten selbst.« Tredup macht die bekannte Flaschenbewegung: »Ja?« »Gott, möglich.« »Aber auch Sie, Kind, sehen umdüstert aus.« Und Fräulein Klara Heinze, plötzlich empört: »Etwa nicht? Wo ihr solche Schweinereien macht!« »Wir? Was denn für Schweinereien?« »Mit den Bauern, was denn sonst?« »Aber, Klärchen, was gehen Sie die Bauern an?« »Etwa nicht? Wo mein Herr auf die Landwirtschaftsschule ging, und nun plötzlich nach Hause gemußt hat!« »Arme! Nein, wirklich, ernstlich, Arme! Aber trösten Sie sich, es gibt so viel Nette und die Städter geben auch leichter Geld aus.« »Geld! Was ich danach frage!« »Gott, die Liebe, die wirkliche ernste Liebe hat Ihr Herz berührt! Trösten Sie sich, so ein Bauer, er hätte Ihnen sicher ein Kind gemacht.« »Darum sorgen Sie sich man nicht, da passe ich schon für auf. Überhaupt sind Sie ein ekelhaftes Schwein geworden, Herr Tredup, seit Sie aus dem Gefängnis zurück sind.« Plötzlich ist er ganz verwirrt. Seine Großschnauzigkeit ist fort. »Ja?« fragt er ängstlich. »Früher haben Sie auch geschweinigelt. Aber früher haben Sie gewußt, daß es einem dreckig gehen kann und daß man eine Masse dreckiger Sachen tun kann und doch ein anständiger Mensch sein.« »Und jetzt?« fragt er. »Sie wissen ja selber, wie Sie sind. Sie haben mich ganz gut gesehen, neulich nacht, wo Sie so besoffen waren. Und mit solchem Weib. Pfui, Herr Tredup, wo Sie so 'ne nette Frau haben!« »Mein liebes Kind ...« »Ich bin nicht Ihr liebes Kind. Sagen Sie das Ihren Weibern. Zu der schiefen Elli, dem Schwein, dem!« »Ich weiß ganz genau, daß auch Sie ...« »Jawohl, daß auch ich! Wenn ich mich von fünfzig Mark im Monat kleiden und nähren und bewohnen soll, dann such ich mir eben nach dem Zwanzigsten ein paar Herren. Traurig genug, daß keiner von Ihnen die Courage hat und sagt es dem Gebhardt, daß es so nicht geht mit mir. Und das vergleichen Sie mit so einem Schwein wie der schiefen Elli, die mit jedem losläuft und sich liederlich macht und alle acht Wochen im Krankenhaus liegt ...« Stuff ruft: »Tredup, komm mal her!« Tredup wirft einen schiefen Blick auf die Heinze: »Wir sprechen noch ...« »Gehen Sie bloß. Ich habe genug.« Stuff hat rote Bäckchen: »Also, ich habe es rausgekriegt, Tredup, aus dem Gebhardt: sie haben wirklich eine Kommission gebildet. Die wollen uns versöhnen mit den Bauern. Ich sage dir, wir werden was erleben!« »Und wir?« »Ja, wir müssen wirklich die Schnauze halten. Der Chef hat mir selbst gesagt, ich darf bis auf Gegenorder gar nichts bringen.« Tredup: »Und wenn nun eine Bombe bei Gareis platzt –?« Stuff sieht ihn starr an: »Hast du das auch schon gedacht? Ja, wenn, wenn. Ich gönnte es ihm, dem Dicken!« Er fährt sich über die Stirn. »Das ist Unsinn. Die Bomben sind alle. Es gibt keine Bombenschmeißer mehr. Aber was anderes: wenn wir jetzt den Brief von dem Bauern, dem Kehding, hätten ...« »Ja?« »Fünfzig Mark gäbe ich dafür.« »Warum? Du darfst ja doch nichts bringen.« »Und ich spucke ihnen doch in ihr Bier. Denkst du, ich lasse der Wanze, dem Textil-Braun, die Freude? Wenn es der Kehding als Inserat aufgäbe? Die Eingesandt hat er mir verboten, aber Inserate dürfen wir doch nicht zurückweisen.« »Nein.« Pause. Tredup sagt lauter: »Ja.« Wieder Pause. »Was sagtest du? Hundert Mark?« »Meinethalben auch.« »Gib mir zwanzig Mark Vorschuß.« »Na ja. Na ja.« Stuff zieht den Schein aus seiner Brieftasche und beglotzt ihn. Dann malt er mit Tinte ein Kreuzchen in die Ecke. »Da. Zwanzig a conto.« Tredup grinst frech: »Du brauchst gar kein Zeichen darauf zu malen. Du weißt ja doch, daß du ihn wiederkriegst.« Stuff hört nicht: »Wenn die Bauern saufen, dann meistens bei Tante Lieschen in der Hinterstube.« Tredup sagt mürrisch: »Ich möchte wirklich mal wissen, warum ich immer deine Scheiße ausräumen muß.« »Weil du geldgierig bist, mein Junge. Bist du erst reich, räumen die andern deine Scheiße weg. – Paß ein bißchen auf, die Bauern sind dir nicht grün.« »Tjüs, Kamerad.« Stuff starrt ihm nach. »Ich muß das lassen. Es soll das letzte Mal sein. Bestimmt das letzte Mal.« Er dreht an den Knöpfen des Radios. – – – Eine Hand rührt an seine Schulter. »Da.« Auf den Tisch legt Tredup den Offenen Brief vom Bauer Kehding. Und zwanzig Mark. In zwei Zehnmarkscheinen. »Es soll ein Inserat sein. Mit dickem schwarzem Rand. Eine Viertelseite. Mehr wollte er nicht ausgeben.« Stuff starrt auf Geld und Papier. Dann auf Tredup, der bleich ist. Der murmelt: »Du kannst immer beschwören, es war mit dem Inserat in Ordnung.« Stuff sagt langsam: »Die Feiglinge sind immer die mutigsten Menschen. – Ging es sehr schwer?« »Ich hab auf dem Hof gestanden, ein paar Stunden, man kann durchs Fenster in den Lokus sehen. Hab gewartet, bis er besoffen genug war. Dann hab ich ihm seinen Kopf gehalten beim Kotzen. Der Wisch steckte noch in der Außentasche.« »Hat er dich erkannt?« »Ich denke nicht. Ich hoffe nicht.« Stuff zählt Geld auf: »Achtzig. Stimmt? Brav gemacht, mein Junge. Ich würde gern heute abend mit dir saufen gehen. Du siehst mir so aus, als wenn du heute nacht ein bißchen Aufsicht brauchtest. Aber ich gehe lieber gleich zu Tante Lieschen und saufe mit dem weiter. Er darf morgen nicht wissen, was heute war.« »Nimmst du den Wisch mit?« »Tipp ihn schnell ab und leg ihn in die Setzerei. Laß den Ortsnamen weg, es gibt viele Kehdings im Bezirk und allzuviel Ungelegenheiten braucht er aus der Sache nicht zu haben. Strafrechtlich ist es schließlich eine Nötigung.« »Erpressung?« »Nein, Nötigung. Nicht so schlimm.« »Am Ende, was geht uns der Bauer an? Mag er doch Knast schieben!« Stuff betrachtet Tredup: »Du solltest dich mal mit deiner Frau aussprechen, Max. Das alles taugt nichts. Und ich schwöre dir, es war die letzte Dreckarbeit, die du für mich gemacht hast.« Tredup geht ganz nahe an Stuff. Er flüstert: »Männe, ich will dir was verraten. Ich glaube, ich tauge nur noch für Dreckarbeit.« Er geht rasch, und Stuff muß seinen »Offenen Brief« selber abtippen. 5Manzow hat erklärt: »Selbstverständlich nehmen wir uns ein Auto. Wenn die Verhandlungen klappen, zahlt die Stadt doch den ganzen Bimms.« Dr. Hüppchen hat ängstlich gefragt: »Und wenn sie nicht klappen?« »Nicht klappen! Mein lieber Herr Doktor! Wenn ein Doktor Hüppchen mitfährt!« Und Dr. Hüppchen, mager, asketisch, hat verlegen, aber geschmeichelt gekichert. So waren sie ihrer sechs, die im großen Tourenwagen nachmittags um vier nach Stolpe losfuhren: Textil-Braun, Medizinalrat Dr. Lienau mit Stahlhelm und Schmissen, Lumpen-Meisel, Dr. Hüppchen, und schließlich der Chauffeur und Autoverleiher Toleis. »Ich hab den Toleis genommen«, hatte Manzow erklärt, »wenn er auch für den Kilometer fünf Pfennig mehr berechnet. Wollen uns die Bauern verkloppen, haben wir wenigstens einen erprobten Schläger unter uns.« Denn der Toleis hat schon sechs-, achtmal wegen Körperverletzung gesessen. Und Dr. Hüppchen hatte den Toleis bewundernd angestarrt und mit seiner hellen Vogelstimme geflüstert: »Ach, Herr Toleis, nicht wahr, Sie zeigen mir heute mal Ihren Bizeps?« Worauf Toleis gesagt hatte: »Sie sind eine olle Sau, Herr Doktor, nichts für ungut.« Die Herren hatten gebrüllt vor Lachen, Dr. Hüppchen gejuchzt und die Stimmung war glänzend. Dr. Lienau sang in den brausenden Wind Wirtinnenverse, Manzow hinten schweinigelte mit Textil-Braun, den er selten traf und der also noch neue Witze wußte. Dr. Hüppchen starrte auf den Stiernacken von Toleis und der Lumpen-Meisel hörte allen zu und notierte innerlich eifrig für spätere Erzählungen. Unterwegs wurde eingekehrt und einer gehoben. Es wurden aber drei und nur Dr. Hüppchen saß ein wenig abseits und trank seine Limetta, wozu er eine Banane aus der Tasche verzehrte. Dr. Hüppchen war abstinent und Rohkostler. Wem man es erzählte, der sagte nur: »Das sieht man.« Kurz vor sechs war das Auto in Stolpe, hielt auf dem Marktplatz. Es war nicht leicht gewesen, eine Verbindung mit den Bauern zu bekommen, Manzow hatte sich vergeblich bemüht. Schließlich hatte Lienau seine Stahlhelmbeziehungen genutzt, irgendwelche Nazis waren auch noch dazwischen gewesen, und so war denn ein Bescheid – niemand wußte von wem und durch wen – gekommen, daß die Herren um sechs mit dem Auto auf dem Marktplatz in Stolpe zu halten hätten. Sie hielten und warteten. Es dauerte. »Ob wir schnell noch einen verlöten?« fragte Manzow. »Nee, lieber nicht. Die Bauern setzen uns doch sicher was vor.« »Wenn Sie sich nicht täuschen!« »Das wird doch wohl in irgendeiner Kneipe sein?« Und Manzow erschrocken: »Ihr meint, es könnte trocken abgehen? Bloß das nicht. Mit Trockenen mag ich nichts zu tun haben. Verzeihen Sie, Herr Doktor.« »Bitte. Bitte. Ich befinde mich gut bei Brause.« »Sie sehen aber gar nicht gut aus.« Über den Marktplatz kommt einer geschlendert, ein Mann oder Bengel, das ist noch nicht raus, mit dreckigen Stulpenstiefeln, dreckiger grauer Joppe, Sommersprossen und einem Flausch gelber Haare in der Stirn. Er hält grade auf das Auto zu. »Der wird das doch nicht sein?« »I wo, der Padberg kommt mindestens.« Der Mann stellt sich neben das Auto, besieht sich die Fracht und sagt: »Ihr müßt mir den Platz neben dem Chauffeur freimachen, daß ich den Weg zeigen kann.« »Sind Sie denn derjenige welcher?« »Das weiß ich nicht.« »Sollen Sie uns holen?« »Ich soll euch den Weg zeigen.« »Wohin denn?« »Das weiß ich nicht.« »Also fahren wir schon los. Meisel kann hier hinten zu uns beiden Dicken.« »Sie sind doch gewiß der Richtige?« Der Simpelfransenmann hat es über und sagt gar nichts mehr. »Ist es denn weit? Sie können doch wenigstens sagen, ob es weit ist, damit wir wissen, ob wir tanken müssen.« Der Mann wirft einen raschen Blick auf die Benzinuhr und sagt: »Es reicht.« Die Umquartierung ist fertig, der Führer setzt sich neben den Chauffeur, läßt ihn kehrtmachen, und es geht den Weg, den sie gekommen, zurück. Einige Proteste wollen laut werden, aber irgendwie ist die Stimmung gesunken. Der Landbauer da vorn, das Dreckschwein, nimmt alle Lust zum Krakelen. Halbwegs zwischen Stolpe und Altholm geht es linksein, einen Feldweg entlang. »Gott sei Dank«, sagt Manzow. »Ich dachte schon, die wollten uns wieder nach Altholm schicken.« Feldweg. Sandweg. Dann eine Waldschneise aufwärts, eine links ab, bei einer Gabelung rechts. »Hier geht's zum Forsthaus.« »Unsinn, das Forsthaus muß ganz links liegen.« »Toleis, wissen Sie, wo wir sind?« Toleis grunzt nur. Manzow bittet, und seine Stimme hat einen ganz anderen Klang: »Lieber Herr, wollen Sie uns nicht sagen, wohin das geht?« Die Graujoppe schweigt. Man kommt aus dem Wald. Ein Riesenkartoffelschlag, tief blaugrün, so weit das Auge reicht, einen Berg ansteigend. Das Auto mahlt sich langsam durch den Sand. Toleis dreht sich um: »Für solche Wege gibt's aber einen Aufschlag!« Manzow seufzt: »In Gottes Namen, Toleis. Fahren Sie uns nur irgendwohin, wo es zu trinken gibt.« Und Toleis: »Ich weiß nur, daß wir irgendwo zwischen Weichsel und Oder sind. Aber wo ...« Wieder Wald. Eine Lichtung. Der Strohblonde gibt das Haltezeichen. Alle atmen auf. Der Strohblonde steigt aus, auf und ab gehend vertritt er sich die Füße, zündet sich seinen Knösel an. Die Herren stehen unschlüssig neben dem Auto und sehen um sich. Eine grade erst aufgeforstete Lichtung, dunkelnder Wald ringsum, sinkende Sonne. Sie haben es aufgegeben, ihren Führer etwas zu fragen und besprechen sich untereinander: »Die Bauern müssen ja kommen.« »Schöne Affen das, uns so in der Welt herumzuhetzen.« »Psst! Da raschelt was.« Alle sehen gegen den dunklen Wald, aber es kommt nichts. »Irgendein Tier.« Toleis ist es, der den Bauern fragt: »Soll ich den Motor abstellen?« »Stell man ab.« Also ist es hier. Sie sind zufrieden, am Ziele zu sein. Aber die Minuten vergehen, zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde. Die Herren sind nacheinander gespannt, gelangweilt, ungeduldig, erregt, abgespannt. Jetzt geht Lienau auf den Landmann zu. »Die Uhr ist nach acht. Was soll das? Werden wir durch den Koks geholt?« »Nein«, sagt der Bauer. »Was soll das, frage ich. Warum kommen die nicht?« »Es ist noch zu früh. Es muß dunkel sein.« »Warum sind wir dann um sechs bestellt? Warum läßt man uns so lange warten?« »Wir haben seit dem 26. Juli warten müssen.« »Das ist ...« Medizinalrat Lienau bricht aus. »Das ist eine maßlose Bauernfrechheit. Das ist Dummdreistigkeit, verstehen Sie das! Wir sind die Führer von Altholm, hören Sie! Wir sind nicht Ihre Affen, merken Sie sich das. Wir ...« Es ist tiefe Dämmerung, alle sehen, wie der Bauer mit einem Ruck aufsteht und gegen den dunklen Wald schreitet. Verwirrt rufen sie: »Was ist das?« – »Wohin wollen Sie?« – »Ich bitte Sie –!« Dr. Hüppchen hastet hinterher und legt seine dünnen Finger auf den Arm des Bauern. »Bitte, mein lieber Herr, Sie werden uns doch jetzt nicht allein lassen? Der Medizinalrat hat es nicht bös gemeint.« »Ich führe euch nur, wenn ihr stille seid.« Sie schlucken das »Euch«, denn Toleis erklärt, daß er bestimmt den Weg nicht findet. Sie packen sich in den Wagen, sie druseln vor sich hin, in die alkoholverdampften Gehirne senkt sich eine schläfrige Mattigkeit. Alle fahren auf, als Toleis plötzlich die Scheinwerfer einschaltet. Der Motor singt los, Toleis springt auf seinen Sitz, der Bauer setzt sich neben ihn. Von neuem beginnt die Fahrt. Aber eine Erregung sitzt in den Gefahrenen, die nervöse Erwartung von etwas ungewiß Kommendem. Dr. Hüppchen flüstert einmal: »Glänzende Regie«, aber das verstehen die andern nicht. Sie finden es einfach gemein. Sie versuchen zu erhaschen von der Gegend, was im Lichtkegel der Scheinwerfer vorüberhuscht, aber das sind nur Bäume, Getreidefelder, Kartoffelbreiten, Wald, ab und zu zwischen Schobern geduckt ein dunkler Hof. Immerzu Feldwege. Nie eine Chaussee. Tolle Wege, im raschesten Tempo gefahren, der Toleis zeigt seine Meisterschaft. Eine Uhr schlägt elf, plötzlich viele Uhren. Ein Glockenspiel. »Gott, ist das nicht das Altholmsche Glockenspiel?« »Quatsch, Stolpermünde hat auch so eins. Wir müssen direkt an der See sein, ich rieche die Seeluft.« Der Fahrer sagt plötzlich hastig etwas zu Toleis. Der beginnt zu fluchen: »Gottverdammichnochmal! Da rüber ...« Es sind sechs dünne Brettchen über ein rasch fließendes Wasser. Hüppchen stößt einen Schrei aus: »Nein! Bitte, nein!« Da rast der Wagen schon los. Hüppchen fällt mit einem Schreckensruf auf seinen Sitz zurück. Sie fühlen, wie die Bretter nachgeben, krachen, splittern – und sind auf einer Wiese. Ein paar Weiden am Wasser. Eine Koppel. Plötzlich ein Stück grauer Straße, richtige Steinstraße. Und sie halten an der dunklen fensterlosen Hinterfront eines Gebäudes, das riesig erscheint. Der Bauer ist abgesprungen und reißt den Schlag auf. »Bitte, treten Sie ein, meine Herren.« In der dunklen Fassade öffnet sich lautlos eine dunkle Tür. Sie treten ein, halb benommen von der Fahrt, mit steifen Gliedern. Und da sie eintreten, dämmert es ihnen allen: »Gott, das ist Altholm! Gott, das ist ja die Auktionshalle der Schwarzbunten!« Einer sagt vernehmlich, mit knirschenden Zähnen: »Diese gottverdammten Bauern!« 6Der Riesenraum ist vollständig finster. Nur jenseits, auf der Estrade, stehen auf einem Tisch zwei Kerzen. Zwei einfache Stearinkerzen in schäbigen flachen Emailleleuchtern. Die Herren tasten sich vorwärts gegen die beiden flimmernden Lichtfünkchen. Sie stoßen sich an den umgeworfenen Bänken, hingestürzten Stühlen, Brüstungen, Holzsäulen. Sie kommen auseinander, irritieren sich durch halblaute Zurufe, die aus jedem Winkel der Halle zu kommen scheinen, und finden sich doch schließlich wieder zu Füßen der Estrade zusammen. »Wer soll sprechen?« Und Manzow: »Natürlich ich.« Die Tür links auf der Estrade geht auf, zwei Mann kommen. Ein Langer, Kräftiger, ein paar wissen, wer das ist: Franz Reimers, der Führer der Bauernschaft. Und einer mit einer Hornbrille. Auch ihn kennen einige: Padberg von der Zeitung der Bauernschaft. Manzow setzt sofort ein: »Wir danken Ihnen, meine Herren, daß Sie schließlich doch Ihre Versprechen gehalten haben. Sie haben uns zum Narren gehabt. Nun, wir können uns auch einmal narren lassen. Wenn das Ergebnis nur gut ist. Also, meine Herren, ich schlage vor: wir machen Schluß mit der Feierlichkeit und mit der stimmungsvollen Beleuchtung und setzen uns irgendwo, wo es Ihnen recht ist, bei einem Topp Bier und einem deftigen Korn zusammen und quasseln uns unsere Beschwerden vom Herzen. Einverstanden?« Irgendein Echo hat jedes Wort von Manzow nachgeschwätzt. Außerdem ist es deprimierend, zu Füßen einer zwei Meter hohen Estrade erhöht Stehende ansprechen zu müssen. Die Herzlichkeit klang falsch, die Jovialität doof. Der Bauer Reimers sagt: »Die anwesenden Vertreter Altholms wollen wissen, unter welchen Bedingungen die Bauernschaft bereit ist, die ihr angetane Schmach zu verzeihen und Frieden mit der Stadt Altholm zu schließen. Die Bedingungen lauten: Zum ersten: ehrenvolle Rückgabe der Fahne. Zum zweiten: sofortige Dienstentlassung der Schuldigen Frerksen und Gareis. Zum dritten: strafrechtliche Verurteilung der Polizeibeamten, die mit der blanken Waffe gegen die Bauern vorgegangen sind. Zum vierten: eine lebenslängliche auskömmliche Pension für die verletzten Bauern. Zum fünften: eine einmalige Geldbuße von zehntausend Mark. Sind die hier anwesenden Vertreter der Stadt Altholm bereit, diese Bedingungen anzunehmen, so haben sie dies Schriftstück als selbstschuldnerische Bürgen zu unterzeichnen. Irgendwelche Diskussion ist ausgeschlossen.« »Aber lieber Herr Reimers«, ruft Manzow halb empört, halb belustigt aus. »Das können wir doch gar nicht. Die Fahne ist von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Und wie können wir Beamte entlassen? Wie können wir Strafverfahren ...« »Nehmen Sie die Bedingungen an?« »Aber wir können doch nicht ...« Auf der Estrade verlöschen die Lichter. Eine Tür klappt. Die Herren stehen im Dunkeln. 7Sie finden aus der Wirrnis der schwarzen Halle erst nach Minuten mit Zündhölzern und Flüchen ihren Weg. Dabei kommt es zu Zwischenfällen: Medizinalrat Dr. Lienau stürzt, verliert den Anschluß an die Gruppe und muß erst spät, mit völlig zerschlagenen Schienbeinen und gräßlich fluchend, durch eine Rettungsexpedition geborgen werden. Er behauptet erbittert, die Halle sei voll versteckter Bauern, die im Dunkeln auf ihn eingeschlagen hätten. Dann hört man Dr. Hüppchen sanft kreischen, das Geräusch eines Schlages und Toleis' tiefe Stimme brummt: »Doktor, Sie sind doch ein Schwein!« (Wieso kommt aber Toleis in die Halle? Er sollte doch beim Auto bleiben.) Schließlich stehen alle jenseits der dunklen Pforte unter dem Nachthimmel, der ihnen klar und rein vorkommt. Unschlüssig stehen sie da, aber Manzow erklärt: »So können wir nicht auseinander. Zuerst müssen wir besprechen, was wir den andern sagen wollen. Außerdem habe ich Durst.« »Ich auch.« »Ich auch.« »Wir alle.« »Ich schlage vor«, erklärt Manzow, »Toleis fährt uns alle ins Rote Kabuff. Da kann man sich wenigstens ungestört ausquatschen.« »Ach nein, bitte nicht ein so zweifelhaftes Lokal!« bittet der Doktor. »Wenn wir hinfahren, dürfen Sie auch«, stellt Manzow fest. »Außerdem ist es beinahe zwölf, da sieht uns keiner.« Eine Viertelstunde später sind sie bei Minchen Wendehals im Roten Kabuff um den großen runden Ecktisch bequem installiert. Die Nische, in der sie sitzen, mit bunt bespannten Wänden, durch einen Vorhang von dem andern Lokal getrennt, ist gemütlich, das gedämpfte Licht angenehm. Die Kellnerin ist nicht etwa beunruhigend hübsch oder zu nuttig, und über die erste wechselseitige Verblüffung, daß sie alle Herren, mit Ausnahme von Dr. Hüppchen, bei Vornamen kennt und nennt, sind sie hinweg. Einig ist man sich auch, daß alles gemeinsam bestellt und aus einer Kasse bezahlt wird. Ungewiß ist nur noch, aus welcher. Doch das macht im Augenblick, da die angeforderten sechs Eisbeine mit Sauerkraut und Erbsbrei erscheinen, weniger Sorge. Die Herren langen kräftig zu. Auch mit Bier und Korn spart man nicht. Plötzlich stößt Textil-Braun einen Schrei aus: »Meine Herren, sehen Sie doch ...« Im ersten Hunger hat niemand auf Dr. Hüppchen geachtet, nun starren alle mit Grauen auf seinen Teller. Der Vegetarier hat das Fleisch verschmäht, aber der Rohköstler machte ein Zugeständnis und nahm Erbsbrei mit Sauerkraut. Doch der Abstinente wollte nicht Bier und Schnaps, heimlich bestellte er sich Himbeersaft, und nun gießt er, grauenhafter Anblick, die Himbeertunke über Kraut und Brei. »Aber meine Herren, was wollen Sie? Das schmeckt glänzend!« Und er führt den ersten Bissen zum Munde. »Doktor!!!« »Tun Sie mir einen Gefallen: essen Sie das irgendwo, wo wir das nicht sehen.« »Aber versuchen Sie doch mal ...« Manzow klagt: »Mir wird das Fleisch immer dicker im Munde und die Zähne soo lang.« Und Lienau: »Das ist gottverdammte Perversität. Franzosen fressen solchen Schweinkram.« Dr. Hüppchen läuft rosig an: »Aber Sie brauchen doch nicht hinzusehen! – Freilich wenn es wirklich stört ...« Immerhin sind die Herren Kunden seines Bücherrevisionsbüros, auch ist er Syndikus der Detaillisten. So dreht er den Stuhl mit der Lehne gegen den Tisch, seinen Rücken gegen die Versammelten und nimmt den Teller auf die Knie. Alle atmen auf. »Muß Ihre Mutter eine komische Frau gewesen sein!« »Na, wer Sie einmal heiratet, Herr Doktor!« »Wer soll den heiraten? Toleis, möchten Sie den Doktor heiraten –?« Denn sie haben Toleis ins Lokal mitgenommen, erstens, weil man nicht weiß, ob man in ein, zwei Stunden allein nach Haus findet, dann, um sich seines Schweigens zu versichern. Das ist das Wichtigste, Schweigen, und kaum ist der Tisch abgeräumt, die Kellnerin fortgeschickt, erhebt sich Manzow. »Meine Herren! Wir alle sehnen uns, nach den heutigen Strapazen zum gemütlichen Teil zu kommen ... Ich mache es daher kurz. Die Aufgabe unserer Kommission ist, sagen wir vorläufig, gescheitert. Nicht durch unsere Schuld. Mit einer nicht zu überbietenden Geduld haben wir die würdelose Fahrt, die höhnische Behandlung in der Viehhalle ertragen. Was dann da an Forderungen genannt worden ist, meine Herren, das ist so wahnwitzig, daß es nicht einmal als Ausgangspunkt für Verhandlungen angesehen werden kann. Ich schlage vor, wir geben unsern Auftraggebern unsere Ämter zurück. Ich schlage weiter vor, wir erklären Bürgermeister Gareis, daß wir nach näherer Überlegung seinen Kampf gegen den Boykott akzeptieren wollen.« Lienau ruft empört: »Was das rote Schwein vorschlägt, tun? Niemals!« »Wissen Sie etwas Besseres?« Aber Lienau, eisern über den Rand seines Bierglases fort: »Niemals!« »Es muß«, sagt Textil-Braun leise, »auch geklärt werden, was wir über die heutigen Erlebnisse berichten wollen. Wird bekannt, wie man uns mitgespielt hat, kann uns das sehr schaden.« Und Meisel: »Ich schlage vor, alle Teilnehmer verpflichten sich ehrenwörtlich zu schweigen.« »Ich würde solch Ehrenwort nicht geben«, erklärt Lienau. »Stuff muß das unbedingt erfahren.« »Aber warum denn? Stuff darf ja doch nichts bringen, das ist schon ausgemacht.« »Stuff hat auch den Offenen Brief an die Stadt gebracht.« »Eine schöne Schweinerei! Das wird ihm noch sauer aufstoßen, Ihrem Stuff! Die Stadt stellt Strafantrag.« »Bitte, das war ein Inserat.« »Ein Inserat – Gott, sind Sie naiv.« »Jedenfalls ist mir Stuff zehntausendmal lieber als die Pflaumenweichen von den Nachrichten.« »Und Sie wissen nicht, daß Nachrichten und Chronik eine Wichse sind? Sie können mir leid tun!« Manzow beschwört: »Meine Herren, ich bitte Sie, verhandeln wir hier über Herrn Stuff?« Aber sie hören nicht. »Und wenn der Gebhardt hundertmal den Stuff kauft, der ist nicht zu kaufen.« »Sagen Sie das nicht so laut, es gibt Leute, die ihn schon gekauft haben.« »Und wer bitte? Klatsch ist kein Beweis!« »Der Stahlhelm zum Beispiel.« »Der Stahlhelm hat nie auch nur einen Pfennig an Stuff gezahlt.« »Aber an Schabbelt. Bei der Hindenburgwahl.« »Das ist eine infame Lüge. Unser greiser Herr Reichspräsident braucht keine ...« »Und jetzt liebäugelt Stuff mit den Nazis.« »Mit den grünen Jungen? Es tut mir leid, Herr Braun, aber Sie sind ein politischer Idiot.« »Herr Medizinalrat!« Der Sturm, die Schlägerei womöglich scheint unabwendbar, als Manzow zwei Gläser Bier umwirft. Zugleich stößt er Schreie aus: »Betti! Betti! Betti!« Und als die Kellnerin erscheint: »Sieh mal, was ich hier angerichtet habe. Ein neues Tischtuch. Und dann, liebes Kind, setz dich doch ein bißchen zu uns. Und da ist noch deine Freundin, die Berta, bring die auch mit. Und wenn du sonst noch ein paar nette Mädel weißt ...« »Ich will mal sehen, Franz«, erklärt Betti. »Aber Wein müßt ihr ausgeben, sonst erlaubt es Frau Wendehals nicht. Wir setzen uns dann ins Klubzimmer ...« Betti entschwindet und energisch erklärt Manzow: »In fünf Minuten sind die Mädchen hier. Bis dahin müssen wir einig sein.« »Was sollen wir eigentlich mit den Mädchen?« »Bezahlen Sie den Wein? Ich habe für so was kein Geld.« »Diese gemeinen Nutten.« »Ruhe! Der Ausdruck Nutten stimmt gar nicht. Das sind alles hochanständige Mädchen, die längst nicht mit allen gehen.« Manzow erhebt sich: »Ich bitte abzustimmen. Wir geben unsere Ämter zurück. Ja –? Drei Ja. Drei Nein. Was für ein Quatsch, Toleis, Sie können als Chauffeur doch nicht mitstimmen. Also drei Ja, zwei Nein. Wir geben die Ämter ab. Zweitens: wir erklären die Verhandlungen mangels Entgegenkommens der Bauernschaft für gescheitert? Vier Ja, ein Nein. Laß nur deine Flosse unten, Toleis. Mich machst du nicht noch mal dumm. Wir nehmen die Vorschläge von Gareis an? Zwei Ja, drei Nein. Also abgelehnt. Ich gehe trotzdem zu Gareis. Wenn ihr Idioten seid, tue ich noch längst nicht das, was ihr wollt.« »Wozu stimmen wir denn ab, wenn Sie doch tun, was Sie wollen?« »Ruhe! – Alle Teilnehmer verpflichten sich ehrenwörtlich, über die einzelnen Umstände der heutigen Aktion den Mund zu halten. Ja? – Drei Ja, zwei Nein. Also haben wir alle unser Ehrenwort gegeben.« »Wieso denn? Ich habe mein Ehrenwort nicht gegeben.« »Aber Herr Medizinalrat, Sie sind doch überstimmt!« »Habe ich deswegen mein Ehrenwort gegeben?« »Eben hätte«, meldet sich Dr. Hüppchen, »auch Toleis mitstimmen müssen.« »Jetzt fangen wir nicht noch mal an. Alle sind zum Schweigen verpflichtet.« »Und ich erzähle es doch Stuff!« »Dann«, sagt Manzow kalt entschlossen, »trägt jeder einzelne seinen Anteil an den Kosten der Expedition. Sonst verpflichte ich mich, alles aus dem Verkehrspropagandafonds der Stadt decken zu lassen.« »Alles!« »Na ja«, sagt der Medizinalrat. »Wenn das nicht korrupt ist! Aber meinethalben. Werde ich die Schnauze halten, wenn Ihnen soviel daran liegt.« »Sehen Sie! Nur vernünftig muß man sein, realpolitisch denken. Und jetzt gehen wir ins Klubzimmer rüber. Da werden die Weiber ja wohl schon warten.« 8Drei Stunden später. Im Klubzimmer ist eine drückende Hitze, aber die Fenster sind dicht verhängt, Rauchschwaden ziehen durch den Raum. Auf dem Ledersofa sitzt ohne Kragen, nur in Hemd und Hose Manzow und unterhält sich mit Toleis über Eheerfahrungen. »Ich sage dir, Toleis, meine Olle, wenn die was wollte, das merkte ich schon einen Tag vorher. Das merkte ich am Geruch. Ich rieche das.« Toleis nickt bedächtig: »So was gibt es, Herr Manzow.« Sanitätsrat Dr. Lienau hat eine Hand im Ausschnitt eines Mädchens und singt dazu alles, was ihm in den Kopf kommt gegen das Grammophon an, nach dessen Musik Dr. Hüppchen, der einzige Nüchterne, mit einem Mädchen tanzt. Textil-Braun hat gleich zwei, die er fest um die Taillen hält. Sie müssen ihm zu trinken geben. Er öffnet achtsam den Mund, trinkt, schlürft, brabbelt weiter dabei: »Ich lasse euch nicht!« und begießt sich die Brust mit Wein. Meisel läßt sich von der Kellnerin erzählen, was ihr Bruder auf dem Arbeitsnachweis gehört hat, von den Kommunisten. »Ich sage dir doch, Dickerchen, sie haben den Säbel. Es ist nur ganz geheim.« »Gareis hat gesagt, es ist alles erlogen mit dem Säbel.« »Vielleicht haben sie den angelogen. Ich weiß auch, wer den Säbel hat.« »Ach!« schreit Manzow. »Quasselt nicht soviel von dem Säbel! Wir hier haben alle einen! Oder etwa nicht?« Und er sieht sich herausfordernd um. Es liegt irgend etwas in der Luft. Das muß ein Stichwort gewesen sein, alle sehen sich plötzlich an, nur Dr. Hüppchen tanzt weiter. »Oder ist hier einer, der keinen Säbel hat?« grölt Manzow. »Das Schwein melde sich!« Und Braun echot: »Es melde sich!« Und Meisel: »Heh, Doktor, du! Hast du nicht gehört, du sollst dich melden!« »Wie bitte –?« fragt der Doktor. »Ich habe wirklich nicht zugehört.« Erwartungsvolle Stille. »Sagen Sie mal, Herr Doktor«, beginnt der Medizinalrat, »warum piepsen Se eigentlich immer so? Haben Se immer schon so gepiepst?« »Sie können auch nicht auf dem Kirchenchor singen«, lacht Dr. Hüppchen und tanzt weiter. »Das Schwein wird nicht besoffen«, klagt Manzow. »Was hilft denn alles, wenn das Schwein nicht besoffen wird? Hier macht eben einer einfach nicht mit!« klagt er. Und Lienau: »Mädchen, los, laß dir einen Schnitt Cognac geben. Aber einen ganzen Schnitt, vastehste!« Pause. Plötzlich interessieren sich alle Männer nicht mehr für ihre Mädchen, starren wie gebannt auf den Doktor, der schlaksig mit dürren Gliedern tanzt. Betti bringt den Schnitt Cognac. »Es ist keiner in der Gaststube, ihr könnt ruhig laut sein.« Das Bierglas mit Cognac wird hinter einem Aufbau von Gläsern und Flaschen versteckt. »Ruhe!« schreit der Medizinalrat. »Ruhe da mit dem Musikgequiek! Kommen Sie her, Doktor, wir haben Ihnen was zu sagen!« Der Doktor naht erwartungsvoll. »Lassen Sie Ihre Trulle los! Was wollen Sie denn mit dem Weib?« Plötzlich grölt der Medizinalrat: »Alles aufstehen! Herr Doktor Hüppchen, treten Sie vor mich!« Der kichert verlegen: »Ich soll doch wohl nicht hingerichtet werden?« »Werter Herr Doktor! Hochverehrte Anwesende! Drei Jahre ist es her, daß Herr Doktor Hüppchen in unserer schönen Stadt Altholm seinen Einzug hielt. Als wir zuerst das Bücherrevisorenschild an seiner Tür sahen, dachten wir: der haut auch bald wieder ab! Aber Herr Doktor Hüppchen ist geblieben. Er ist ein Bürger unserer Vaterstadt geworden, ein wertvolles Mitglied unserer Gemeinschaft. Darum ist es nur recht, daß wir Herrn Doktor Hüppchen als vollgültiges Mitglied unserer Gemeinschaft in unsere Runde aufnehmen und ihn zum ehrlichen Altholmer erklären. Wollen wir das, Versammelte?« Beifallsgeschrei. »Sind Sie einverstanden, Herr Doktor Hüppchen?« »Jawohl. Ich danke Ihnen ...« »Jetzt rede ich. Knien Sie nieder. – Mensch, Sie sollen niederknien!« »Hier ist es sehr dreckig und mein bester Anzug ...« »Knien Sie auf dem Klubsessel nieder. Das ist sogar noch viel besser. – So. Betti, verbinde Herrn Doktor Hüppchen die Augen.« »Na, nun das! Nein, bitte ...« »Sie werden doch kein Spielverderber sein. Jeder ist so aufgenommen. Ich erteile Ihnen den Altholmschen Ritterschlag. Binde fest zu, Betti. Sehen Sie noch was, Doktor?« »Gar nichts. Nein, bitte ...« »Herr Doktor, ehe ich dir den Ritterschlag erteile, hast du den geheimen Treuschwur zu leisten. Sprechen Sie mir nach: Ulam.« »Ulam ...« »Arrarat.« »Das ist gar nichts. Du mußt den Mund noch viel weiter aufmachen. Noch mal. Ganz weit den Mund auf. Ulam Arrarat ...« »Ulam Arra...« Zwei Mann halten den Kopf fest, der dritte gießt langsam den Cognac in dickem Strahl in den Schlund. »Uh ... Uh ... Uh ... Hilfe! Hilfe! Das ist eine Gemeinheit, meine Herren ...« Er hat die Binde abgerissen und starrt blöde im Kreis umher. Nur feindliche Gesichter sehen auf ihn. Selbst der ewig lächelnde Meisel blickt böse. »Mußt du lernen, Doktor! Es ist gemein, immer nüchtern zu sein, wenn sich die andern besaufen. Das ist nicht kameradschaftlich, nicht anständig.« »Ich hätte das nicht ... Meine Herren, meine Grundsätze, es ist feige ...« Und plötzlich lächelt er kläglich. Es ist nur der Versuch eines Lächelns, eine traurige Fratze. »Ja, natürlich. Ich verstehe ja. Und es macht auch nichts. Wenn man gezwungen wird, macht es nichts.« Er lächelt wieder. Manzow klopft ihm auf die Schulter. »Na siehst du, mein Junge. Wir sorgen auch für dich, sollst ein paar neue Kunden bekommen. Da, sauf!« Dr. Hüppchen sieht ihn flehend an: »Ich darf doch nicht ...« »Sauf schon. Ich befehle es dir, Doktor. Na, siehst du. – Und nun schlage ich vor, da wir alle so schön besoffen sind, wir machen es uns bequem. Wirklich bequem. Was sollen die Kledagen bei der dämlichen Hitze? Und die Mädchen sind auch viel netter ohne.« Und er beginnt gemächlich, sich seine Hose abzuknöpfen. »Also los!« »Recht hast du!« »Gott, der dicke Franz! Wie süß!« »Runter mits Hemde, Minna.« »Immer munter, Herr Doktor! Immer munter!« »Die Scham liegt nicht im Hemde!« »Kiek, das Aas, die Betti, hat gar keine Hosen an!« »Das hast du noch nicht gemerkt? Was hast du denn eigentlich den ganzen Abend gemacht?« »Na, wie wird es denn, Herr Doktor?« Der steht da, in Hemdsärmeln. »Mir ist wirklich nicht warm«, flüstert er. »Los! Los! Männeken! Hier gibt es keine Geschichten! Sehen Sie sich den Toleis an. Was, das ist ein Athlet?« Jemand beginnt zu singen: »Wo ist denn nur mein Säbel hin? Säbel hin? Säbel hin? – Du hast ihn in der Scheide drin! Scheide drin! Scheide drin!« Manzow naht sich ernst dem Doktor: »Also, Doktor, nun mach keine Geschichten. Du willst es doch nicht mit uns verderben? Bei uns machen immer alle mit.« Der Doktor hat Schweiß auf der Stirn. Käsig sieht er aus. Ein Mädchen schlägt vor: »Laßt ihn doch laufen, den Kerl.« Der Medizinalrat: »Halts Maul, Sau!« »Ich sage Ihnen zum letztenmal, Herr Doktor, Sie tragen die Folgen!« »Na, sauf, Kleiner, das macht Mut.« Und das Mädel gibt ihm noch einen Schnitt Cognac. Dr. Hüppchen trinkt. Dann fängt er an, sich aufzuknöpfen, Kleider abzustreifen. Die andern tun, wie wenn sie nicht hinsehen, und sehen immerzu hin. Einen Augenblick zögert der Doktor, dann streift er das Hemd über den Kopf. Ein Mädchen schreit: »Gott, wie lütt! Grad wie bei einem Baby!« Ein brüllendes Gelächter ertönt. Die Weiber kreischen, die Männer wiehern, brummen, brüllen. Und ein Chorgesang hebt an: »Wo ist denn nur mein Säbel hin? Säbel hin? Säbel hin?« Dr. Hüppchen läuft, nackt, torkelnd gegen die Tür. Taumelt hin. Liegt regungslos. Der Gesang geht weiter: »Du hast ihn in der Scheide drin! Scheide drin! Scheide drin!« Viertes Kapitel: Die Städter kämpfen – aber gegeneinanderBürgermeister Gareis fragt vorsichtig: »Sie sind sicher, Herr Doktor, daß Sie sich nichts eingebildet haben? Ich meine, nicht geträumt haben in der Betrunkenheit?« Dr. Hüppchen in dem großen Ledersessel sagt eifrig: »Ich war eigentlich gar nicht betrunken. Ich war ganz klar und plötzlich war ich weg.« Gareis wiegt den Kopf hin und her: »Es ist eine kitzlige Geschichte. Hinterher ist es schwer, Nüchternheit und Rausch scharf abzugrenzen.« »Aber die haben mich doch wieder angezogen, als ich bewußtlos war. Herr Bürgermeister, so kann ich mich nicht angezogen haben. Die Unterhosen haben sie mir in die Hosentaschen gesteckt!« »Ja, gewiß. Immerhin, Herr Doktor, ich nehme an, diese Mitteilungen haben Sie mir privat gemacht, nicht dem Polizeiverwalter.« Dr. Hüppchen sieht den Bürgermeister trotzig an: »Herr Polizeiverwalter«, beginnt er. Aber Gareis greift rasch ein: »Sie sind ein Bürger dieser Stadt. Sie verdienen Ihr Geld in ihr. Und grade unter den Kaufleuten, den Gewerbetreibenden. Sie meinen, Manzow ist der Hauptschuldige ...« »Ja, Manzow hat alles angestiftet.« »Gut. Nun, Sie wissen doch, daß Manzow so was wie ein Wirtschaftsführer in unserer Stadt ist. Lieber Herr Doktor, empören Sie sich doch nicht. Das ist so. Ob mit Recht oder Unrecht, genug, er ist der Mann der Wirtschaft.« »Und deshalb soll er straflos ...« »Glauben Sie, ich weiß nicht ganz andere Geschichten? Er soll auch nicht deshalb straflos sein, sondern darum, weil Sie ihn brauchen. Gesetzt den Fall: Sie stellen Strafantrag. Gesetzt den Fall: dem wird stattgegeben, es kommt zur Verhandlung. Was spricht denn dagegen, daß die Richter dies nicht einfach als eine besoffene Geschichte ansehen? Auf Herrenabenden passieren noch ganz andere Sachen. Und dann das Ergebnis: Freispruch. Über den Manzow lachen die Leute höchstens: vergnügtes Haus, das ist doch noch kein Spießer, werden sie sagen, macht mal 'nen Spaß. Aber Doktor Hüppchen zieht in eine andere Stadt, weil er hier seine Kunden los ist.« Hüppchen starrt vor sich hin: »Aber es war so schmählich! So gemein! Wie soll ich mit den Herren noch reden können, wenn ich sie wiedertreffe? Ich schäme mich so.« Fast fröhlich sagt Gareis: »Natürlich können Sie das, Herr Doktor. Sie haben ja nichts Schmähliches getan, das waren ja die andern. Warum sollten Sie sich für die schämen?« »Eigentlich haben Sie recht.« »Sie haben also mit mir privat gesprochen?« »Ja. Jawohl. Privat. Herr Bürgermeister, ich danke Ihnen auch ...« »Halt, einen Augenblick!« Gareis winkt dem aufstehenden Besucher ab. »Lieber Herr Doktor, Sie haben mir gar nichts zu danken, jetzt kriegen Sie nämlich erst einmal das Fell voll. Denn Sie, Sie allein sind an der ganzen Sache schuld.« Dr. Hüppchen ist vollkommen verblüfft: »Ich –?« »Sie leben unter Bürgern, unter Bürgern wollen Sie Ihre Geschäfte machen. Da müssen Sie auch ein Bürger sein. Sie trinken nicht, Sie rauchen nicht, Sie essen kein Fleisch. Sehen Sie, Herr Doktor, das geht eben nicht. Nicht in Altholm. In Berlin geht das, in Leipzig geht das, nicht in Altholm. Neulich, auf der Festsitzung, sagt einer zu mir: ›Welches Schwein säuft denn da Limetta‹ Das Schwein waren Sie und der Mann hatte von seinem Standpunkt aus vollkommen recht.« Dr. Hüppchen holt weit aus. »Meine Überzeugungen ...« »Weiß ich, Doktor, weiß ich. Aber wir sind nicht ewig zwanzig, wir wollen Geld verdienen, wir wollen vorwärtskommen, wir wollen was sein, wollen was zu sagen haben. – Soll ich Ihnen verraten, warum ich zum Bürgermeister gewählt worden bin, mit den Stimmen der Rechten?« »Ja –?« »Weil ich so fett bin. Weil ich ein dickes Schwein bin. Das beruhigt die. Wäre ich zehnmal so tüchtig, aber mager, sie hätten geschrien: was, so ein roter Treiber! So ein Bluthund! – Und ich will Ihnen auch verraten, warum die jetzt alle gegen mich sind. Weil ich gegen den Strom schwimme, weil ich den Frerksen halte. Die untersuchen nicht. Die haben Malesche gehabt und nun muß ein Sündenbock her. Da muß einer geschlachtet werden. Und weil ich nicht schlachten lasse, darum jagen die jetzt gegen mich. So ist das.« »Ja, vielleicht haben Sie recht.« »Sicher. Sicher. Und es kann wohl sein, daß es mir noch gehen wird wie Ihnen, daß sie mir auch das Hemd noch ausziehen, weil ich diesmal nicht so bin und will wie die.« Der Bürgermeister schnauft. Plötzlich schlägt er knallend mit der Hand auf den Tisch: »Aber man soll auch mal anders sein wie die. Man soll sich auch mal anstemmen. Sonst geht die Welt gar nicht weiter. Also halte ich den Frerksen.« Gareis lacht: »Außerdem muß ich ihn um der Genossen willen halten. Es geht um das Prestige der SPD. Es ist eine der spaßigsten Geschichten auf dieser Welt, daß man die Sachen, die man tut, meistens nicht darum tut, weil man sie mag. Sondern aus ganz andern Gründen. Na, jedenfalls sind die Bürger vorläufig die Leidtragenden, und der Bauer lacht. Da sind sie jetzt sicher schon versöhnen.« Dr. Hüppchen ruft: »Aber die Versöhnung ist doch schiefgegangen! Darum haben die sich doch gestern abend besoffen!« Und wird blutrot. Gareis sagt nachdenklich: »Ich habe mich schon die ganze Zeit über Ihre seltsame Tischrunde gewundert. Das war also die Versöhnungskommission! Und die Bauern haben nicht gewollt?« Dr. Hüppchen: »Ich habe mich eben versprochen. Ich habe mein Ehrenwort gegeben ...« Und Gareis: »Erledigt, Herr Doktor! Sie haben mir nichts gesagt. Und dem Manzow gebe ich gelegentlich einen Wink. Er soll Sie zufriedenlassen.« »Ich danke, Herr Bürgermeister!« »Ja, schon gut. Möglich, daß ich bald einmal was für Sie habe. Guten Morgen, Herr Doktor.« 2Sekretär Piekbusch kommt auf das Klingeln von Gareis. »Der von der Chronik ist der nächste.« »Sagen Sie, Piekbusch«, sagt der Bürgermeister langsam und sieht seinen Sekretär sehr an. »Der Geheimbefehl hat sich noch immer nicht gefunden?« »Nein. Ich kann Ihnen schwören, Herr Bürgermeister, damals, als die Verbindung getrennt wurde, habe ich ihn wieder ins Schubfach gelegt. Ich weiß es bestimmt.« »Und ist es Ihnen auch nicht wieder eingefallen, was darin stand?« »Nein, ich weiß nichts. Man war ja damals so aufgeregt ...« »Wenn in dem Befehl steht, was ich denke, hat eigentlich nur die Bauernschaft ein Interesse daran. – Und jetzt den Tredup!« Tredup kommt leise herein. Schon in der Tür fängt er an zu sprechen: »Ich wollte Ihnen danken, Herr Bürgermeister. Ich habe gehört, Sie wollten damals im Gefängnis ...« Er bricht ab. Der Bürgermeister steht hoch und massig hinter seinem Schreibtisch, bietet ihm nicht die Hand, keinen Stuhl. Er sagt knurrig: »Ja, Herr Tredup, das war einmal. Und was macht ihr jetzt für Schweinereien auf der Chronik? Paktiert mit den Bauern? Hetzt gegen die eigene Stadt? Wer im Kampfe seinen Freunden in den Rücken fällt, ist ein Feigling und ein Verräter. Das können Sie ruhig Ihrem Herrn Stuff sagen. Und Sie schreiben sich das auch hinter die Ohren.« »Herr Bürgermeister, ich bitte Sie! Es ist alles ganz anders ...« Aber der Bürgermeister will sich nicht erbitten lassen, er bleibt ungnädig: »Ach was, anders! Fabrizierte ›Eingesandt‹, bloß um zu hetzen und zu schüren. Redereien von Polizeiterror, Blutdurst. Ich sage Ihnen, Herr, ich habe Ihren Artikel über Polizeiterror der ganzen Polizei vorgelesen. So, habe ich gesagt, beurteilt euch die Chronik, das ist euer dicker Freund, mit dem ihr saufen geht Der sollte euch doch kennen und jetzt fabelt er vom Blutrausch der Polizei!« »Aber, Herr Bürgermeister, Herr Stuff hat es doch gemußt! Als die ganze Presse gegen die Polizei war, hat Herr Gebhardt gesagt – Sie wissen doch, Herrn Gebhardt gehört jetzt die Chronik?« »Weiß ich. Was hat er gesagt?« »Er hat Stuff vorgeschickt. Ihre Leser, hat er gesagt, lesen das gerne. Und da können wir den Sozis fein eins auswischen. Da bleibt was hängen für die Wahlen.« »Haben Sie gehört, daß der Gebhardt das gesagt hat?« »Nein, ich nicht. Stuff hat es mir erzählt« »Sie reden zuviel rum, Tredup. Sie können nicht überall zugleich sein. Sie haben auch zu saufen angefangen. Lassen Sie das. – Na, setzen Sie sich erst mal.« Sie setzen sich. Tredup sagt still und bescheiden: »Ich bin auch der SPD beigetreten, Herr Bürgermeister. – Meine Sympathien sind bei Ihnen, nur daß ich mein Geld ja leider bei den andern verdienen muß.« »So? Sie sind also der SPD beigetreten? Das ist ja ganz schön. Vielleicht kann man mal was für Sie tun. – Und was ist es mit den Eingesandt?« »Aber die Eingesandt sind doch echt! Die hat der Stuff nicht fabriziert! Das letzte, den Offenen Brief, habe ich selber einem Bauern abgenommen, der ihn uns gebracht hat.« »Ist er noch da? Können Sie mir den mal zeigen?« »Ich weiß nicht. Wenn er noch da ist, hat ihn Stuff.« »Und wie hieß der Bauer?« »Kehding glaube ich. Ja, bestimmt, Kehding.« »Und aus welchem Ort war er?« Tredup zögert. Dann: »Ich weiß nicht mehr. Ich glaube, es hat nicht draufgestanden.« »Aber er wird es schon gesagt haben, woher er ist. Sehen Sie, das ist Ihr Fehler, alles halb. Sie taugen nichts.« »Aber ich weiß den Ort wirklich nicht.« »So besorgen Sie mir den Wisch.« »Ich will es versuchen. Wenn ich es kann, will ich es bestimmt tun.« »Tun Sie es nur bestimmt.« Pause. Der Bürgermeister sieht mit gerunzelter Stirn vor sich hin. »Nun ja«, sagt er schließlich. »Am Ende kann sich ein Zeitungsmann der Menge nicht entziehen. Wenn es Ihren Lesern gefällt. Hat es ihnen denn nun gefallen?« Tredup sagt stolz: »Fünfunddreißig Exemplare hatten wir im Bahnhofsverkauf.« »So. So. Das ist nicht sehr viel, was?« »Wo wir sonst manchmal nur zwei haben!« »Dann ist es viel«, bestätigt der Bürgermeister. »Und die Abonnenten?« »Gott, die Abonnenten sind doch nun mal an ihre Chronik gewöhnt. Das sind doch alles alte Leute. Da kann drin stehen, was will, es gefällt ihnen.« »Alles alte Leute? Wir haben doch keine siebentausend alte Leute in Altholm?« »Siebentausend? Glauben Sie denn auch an die siebentausend? Wir haben doch keine siebentausend Abonnenten!« »Ich glaube gar nichts. Ich habe nur gehört, daß die Chronik mit einer Bescheinigung krebsen geht, daß sie siebentausend Abonnenten hat.« »Die Bescheinigung gibt es«, bestätigt Tredup eifrig. »Ich geh doch selber damit Inserate werben. Aber die Bescheinigung ist alt, schon über drei Jahre. Und wir verlieren doch jeden Monat sechzig, achtzig Abonnenten.« Gareis rechnet: »Dann hätten Sie ja nur noch viertausendfünfhundert Abonnenten?« »Ja. Nein. Ich glaube nicht, daß wir die noch haben. Ich bin mal bei den Büchern gewesen, wie der Wenk – das ist unser Geschäftsführer – in Urlaub war. Da komme ich höchstens auf viertausend.« »So. Na ja. Schließlich machen das fast alle Zeitungen, mal gröber, mal feiner. Natürlich nicht die wirklich großen, aber die mittleren und die kleinen alle. Da ist nichts Besonderes dabei. Wer hat denn die Bescheinigung ausgestellt? Ein Notar?« »Ja. Notar Pepper am Marktplatz. Aber damals war alles in Ordnung. Damals stimmte es noch.« »Schön. Gut. Können Sie mir wohl mal die Bescheinigung zeigen, Tredup?« »Schlecht. Nein, wirklich, Herr Bürgermeister, ich täte es so gerne, aber der Wenk hat sie im Geldschrank und ich kriege sie nur in die Finger, wenn ein neuer Kunde mit einem großen Auftrag winkt.« »Hindernisse«, sagt der Bürgermeister ungnädig. »Bei Ihnen hat man ewig Hindernisse. Man muß auch mal schneidig sein können, was wagen.« »Ich will es ja gerne versuchen. Der Wenk läßt manchmal den Schlüssel am Geldschrank stecken, wenn er einen heben geht. Aber bis hierher zum Rathaus damit? Genügt es nicht, wenn ich eine Abschrift bringe?« »Abschrift! Abschrift! Na ja, meinethalben auch eine Abschrift. Aber es müßte heute noch sein.« »Heute? Ich weiß doch nicht, ob der Wenk heute noch trinken geht.« Eilig: »Aber ich will sehen, vielleicht macht es sich.« »Also sehen Sie zu. Na, denn auf heute abend. Wenn ich nicht hier bin, können Sie es ruhig meinem Sekretär Piekbusch geben.« »Und nicht wahr, Herr Bürgermeister, Sie denken auch mal an mich? Wenn ein Hausmeisterposten frei wird? Jetzt, wo ich in der Partei bin?« »Guten Morgen, Herr Tredup. Ich denke auch mal an Sie. Natürlich tue ich das. Guten Morgen.« »Guten Morgen, Herr Bürgermeister. Und auch schönen Dank!« 3Gareis lacht strahlend und fett, als Manzow bei ihm eintritt: »Mensch, Franz, wie siehst du aus! Ganz grün und gelb, der reine Frühlingswald. Kommt das vom Saufen?« »Von den Sorgen kommt das«, sagt Manzow mürrisch. »Seit dein Frerksen den Salat angerührt hat, stocken alle Geschäfte.« »Die stocken jeden Sommer«, sagt der Bürgermeister gleichmütig. »Nur diesmal habt ihr das Schwein, daß ein Prügelknabe da ist ... Aber wirklich, Franz, du solltest nicht soviel saufen. Es bekommt dir nicht.« »Mir tut Alkohol nichts.« »Ja, wenn du mager wärst! Aber bei uns fetten Leuten schlägt der Alkohol immer aufs Herz. Ich habe schon bei jedem halben Liter Angst, den ich trinke.« »Ich nur bei jedem halben Liter, den ich nicht trinke.« Doch Gareis ist hartnäckig: »Aber, wirklich, Franz, du siehst schlecht aus. So was bekommt dir nicht. So was solltest du jetzt lassen.« »Was was?« »Na ja, in einem halben Jahr sind die Wahlen. Und ein anständiges Lokal ist das Rote Kabuff auch nicht grade.« Manzow glotzt, aber sehr kurze Zeit nur. »Da soll doch der Henker ... Wer hat denn da schon wieder –? Kaum ist man im Haus, da weiß schon der Polizeichef ... Ich sage dir, Bürgermeister, du solltest diese Nutten nicht als Spitzel gebrauchen.« »Ihr macht es zu schlimm, Franz. Die Leute zerreißen sich die Mäuler. Und dann, mit wem machst du so was? Mit einem Autochauffeur, mit einem jungen Dachs! Das muß ja Stunk geben!« Einen Augenblick ist Manzow klein: »Gott ja, ich habe es mir nicht überlegt. Ich war so wütend. Was war schiefgegangen. Aber ...« Und schon bekommt er wieder Oberwasser: »Aber du hast es auch grade nötig, dich aufzupusten. Ich sage bloß Stettin.« Der Gareis bleibt ungerührt: »Stettin ist Stettin und Altholm Altholm. – Warum warst du denn so wütend?« »Gott, die Geschäfte! Glaubst du, die Hausierer verkaufen ein Paar Schnürsenkel?« »Und das feierst du mit einem Chauffeur, mit einem Medizinalrat und mit einem Bücherrevisor? Haben euch denn die Bauern so arg abfallen lassen?« Diesmal verschlägt es dem Manzow etwas länger die Rede. Schließlich: »Das weißt du aber nicht durch die Nutten!« Gareis sonnt sich ein bißchen. Gareis prahlt ein bißchen. »Ich weiß alles, Franz. Hier –« er tippt auf den Schreibtisch, »hier laufen die Fäden zusammen. Ihr seht immer nur ein Eckchen. Ich habe den großen Überblick.« »Wer hat da wieder nicht dichtgehalten –?« grübelt der Grossist. »Übrigens«, sagt Gareis gleichgültig, »wieviel Auflage, glaubst du, hat die Chronik?« »Die Chronik? Das kann ich dir genau sagen. Ich inseriere doch da. Siebentausend.« Mißtrauisch: »Wieso kommst du plötzlich auf die Chronik?« »Gar nichts. Das fiel mir grade ein.« »Hat Stuff was erzählt? Aber Stuff kann nichts wissen. Stuff – Lienau, der Medizinalrat! Das Schwein wollte auch sein Ehrenwort nicht geben.« »Aber es kann dir doch piepe sein, woher ich es weiß. Hauptsache, daß ich weiß, die Versöhnung ist erledigt.« »Quatsch! Wenn der Stuff diese Äppelei von den Bauern gestern in die Zeitung bringt, bin ich erledigt, lächerlich geworden.« »Bist du! Wie kann man sich auch so nasführen lassen.« »Deswegen bin ich ja so wütend. Aber ich dachte, Bauern, Gott, was sollen die schon viel tun? Und dann hetzen Sie einen fünf Stunden im Auto über Land, bis man in der eigenen Viehhalle landet.« Gareis lacht schallend. »Du, Bürgermeister, das hast du aber noch nicht gewußt!« »Natürlich hab ich das. Ich will dir nur begreiflich machen, wie sich deine Mitbürger freuen werden, wenn sie das lesen.« »Na, nicht so hoch raus! Bei manchen Punkten werden sie auch ›Ja‹ schreien, so wenn sie lesen, daß du und der Frerksen abgesetzt werden sollt.« »Möglich. Und bei anderm schreien sie ›Nein‹. Was gibst du, wenn ich dafür sorge, daß keine Altholmsche Zeitung was von dem Kohl bringt?« »Wir machen mit dir mit, Franz. Wir folgen deinen Vorschlägen.« »Gott«, sagt der Bürgermeister. »Was für ein kostbarer Lohn! Was bleibt euch denn jetzt anderes übrig? Das eine ist schiefgegangen, müßt ihr eben das andere tun.« »Siehst du«, sagt Manzow mit Nachdruck. »Alles weißt du eben doch nicht.« »Was weiß ich nicht?« »Von den Telegrammen weißt du nichts und von der Kommission, die morgen früh abreist, weißt du auch nichts.« »Gott, Wichtigkeit! Was ist es denn? Wollt ihr wieder versöhnen?« »Tu doch nicht so, Bürgermeister! Wenn ich dir das erzähle, wenn ich mein strenges Schweigegebot verletze, sorgst du dann dafür, daß die Zeitungen die Fresse halten?« »Die Altholmschen ja. Gegen die andern kann ich nichts machen.« »Gut. Das ist fest abgemacht? – Wie also unsere Leute heute früh hörten, es ist nichts mit der Versöhnung und der Boykott geht weiter, da waren alle Hosen randvoll. Und um sie zu beruhigen, haben alle Organisationen einen Telegrammregen über Temborius niedergehen lassen, daß der vermitteln soll, die Untersuchung beschleunigt, die Schuldigen bestraft. Und morgen reist eine Kommission zum Temborius und stellt ihm vor, wie schlimm der Boykott ist, weil du doch überall erzählst, er tut keine Wirkung.« »So? Und du bist da auch dabei?« »Ich bin natürlich dabei. Ich bin sogar Wortführer.« »Und was willst du eigentlich hier?« »Sagen, daß wir deine Vorschläge annehmen von neulich. Wir machen mit: Boykott gegen Boykott.« Der Bürgermeister war so finster wie die Nacht, war so wütend wie ein Bulle. Der Manzow hatte nur artig antworten dürfen, sonst nichts. Ängstliche, eilige, schielende Seitenblicke wirft er nach dem Zürnenden, sehr besorgt, sein Auge zu vermeiden, voller Angst vor dem Ausbruch. Der kommt, aber anders wie erwartet. In einem dröhnenden Gelächter löst der Bürgermeister Spannung und Wut. »Oh, ihr Kälber!« schreit er. »Ihr Einerseits-Andrerseits-Hammel! Meine Vorschläge annehmen und zum Präsidenten fahren und meine Bestrafung verlangen! Ihr Ochsen! Ihr Idioten!« »Deine Bestrafung?« fragt ernst Manzow. »Die Bestrafung der Schuldigen.« »Geh, Franz, bitte geh! Mein Bedarf an Humor ist gedeckt. Also, ihr kämpft – bis auf weiteres – in meiner Front? Die Wirkung des Boykotts wird geleugnet? Die Bauern auf dem Markt werden boykottiert? Schweigen über den 26. Juli?« »Ja. Ist alles beschlossen.« »Gut. Sehr gut. Also, Franz, dann wünsche ich euch morgen viel Glück in Stolpe. Ich kann leider nicht hin. Muß nach Stettin, wegen Blosseregulierung. Du kommst dann übermorgen und erzählst mir. Atjüs derweilen.« »Atjüs, Bürgermeister.« Der dicke Gareis starrt. Er hat ein Gefühl: es ist alles so läppisch, es ist alles so dumm, es ist alles so blödsinnig – es lohnt ja alles nicht. Warum knie ich mich hinein mit meiner ganzen Person? Mit meiner ganzen Arbeit? Ich bin genauso blöd. Er hat ein anderes Gefühl: Dies geht nicht gut aus. Dies kann nicht gut enden. Drittens weiß er: Er muß handeln. Immer weiter den Weg, da man nicht zurück will und beispielsweise den Frerksen preisgeben. Er muß auf den Klingelknopf drücken und Assessor Stein holen lassen. Es muß schnell gehandelt werden, ganz schnell. Es lohnt sich nicht. Außerdem geht es nicht gut aus. Aber handeln muß ich. Er drückt auf den Klingelknopf. »Schicken Sie mir Assessor Stein. Und kommen Sie mit ihm zurück.« Als die beiden da sind: »Kinder, es geht jetzt wirklich los. Ich fahre sofort nach Berlin zum Minister. Die hetzen den Temborius gegen uns. Hetze ich den Minister. Offiziell bin ich in Stettin wegen der Blosseregulierung. Das Auto bringt mich bis nach Stettin. Morgen abend bin ich zurück. Drehen, winden, ausweichen, Stein. Verstanden? Und noch eins: der Schnüffler Tredup wird einen Brief bringen, Piekbusch. Sagen Sie, es ist gut. Und sorgen Sie, daß der nicht wieder verlorengeht. Am besten tragen Sie ihn bei sich. Wenn ich nur den Minister erwische. Der Frerksen soll sich möglichst wenig auf der Straße sehen lassen, Stein. Also macht es gut, alle mittersamt! Guten Morgen, Kinder!« Er schnauft schon auf dem Gang. 4»Sag mal, willst du heute gar kein Mittag machen?« fragt Wenk den Tredup, der ziellos und zerfahren in den Räumen der Chronik umherstreicht. »Ich warte auf Stuff, ich muß ihn noch sprechen.« »Stuff ist doch heute auf dem Schöffengericht. Der kommt doch nicht vor vier.« »Dann ruft er mich noch an. Er weiß, daß ich warte«, lügt Tredup und streicht wieder ab, durch die Redaktion in die Setzerei, in den Maschinensaal, wo aus der Rotationspresse die ersten Exemplare der neuesten Chronik kommen. Er fischt sich ein Blatt, noch eines für Wenk, und taucht wieder in der Expedition auf. »Da. Das Neueste.« Aber er hat keine Ruhe zum Lesen und fragt Wenk über die Zeitung fort: »Du, sag mal, Wenk, was steht eigentlich auf unserer Bescheinigung? Siebentausend oder siebentausendzweihundert?« »Siebentausendeinhundertsechzig. Warum willst du das denn wissen?« »Ach, der Fritze aus dem Warenhaus wollte eine Beilage machen und darum die ganz genaue Zahl. Du bist doch sicher?« »Siebentausendeinhundertsechzig. Das weiß ich genau.« Pause, Wenk liest eifrig. Tredup zergrübelt sein Hirn. Er schielt nach dem Geldschrank, an dem die Schlüssel stecken, in dem die Bescheinigung liegt, fünf Schritte ab, unerreichbar. Und der Bürgermeister wartet. »Eigentlich ist es doch eine verdammt mulmige Sache mit so 'ner Bescheinigung. Eigentlich ist es doch direkter Schwindel, Wenk. Hat der Gebhardt denn gesagt, daß wir sie noch weiter benutzen sollen?« »Gewiß hat er das gesagt.« »War da jemand bei, als er das gesagt hat?« »Nein.« »Und du glaubst, wenn es mal rauskommt, daß es Schwindel ist, und du oder ich, wir stehen vor Gericht, er hebt den Finger hoch und schwört, daß er uns den Auftrag gegeben hat?« »Wie soll denn das rauskommen? Außerdem haben wir ziemlich siebentausend.« »Na na. Das Zählwerk an der Rotationsmaschine zeigt ganz was anderes.« »Quatsch nicht. Das Zählwerk ist schon seit einem halben Jahr kaputt.« »Aber der Papierverbrauch? Danach kann man doch nachrechnen, wie groß unsere Auflage ist?« »Wer soll denn unsern Papierverbrauch nachrechnen? Das kann ich ja nicht mal. Der Maschinenmeister sagt, wenn die letzte Rolle dran kommt, und dann bestell ich wieder.« »Aber mit den Beilagen! Wenn wir nun irgendeinen Prospekt beizulegen haben und der schickt uns siebentausendzweihundert, wo bleibt dann der Rest?« »Dann haben wir billige Heizung für den Bleiofen. Und nun laß mich endlich meine Zeitung in Ruhe lesen.« »Aber das ist doch direkter Beschiß!« »Natürlich ist es das. Du hast freilich noch niemanden beschissen. Also reg dich bitte auf.« Stille. Tredup nimmt seine Wanderung wieder auf, kommt in die Setzerei, wieder zurück, bleibt bei Wenk stehen. »Hast du eigentlich schon gehört, daß die Chronik eingehen soll?« »Unsinn, das müßte ich wissen.« »Daß wir alle abgebaut werden sollen?« »Quatsch. Gebhardt hätte sich grade die Kosten gemacht, das Blatt zu kaufen, wenn er's gleich eingehen lassen will.« »Aber er ist die Konkurrenz los.« »Wenn er die Chronik eingehen läßt, kommt ein anderer und macht ein neues Blättel auf. Dann hat er eine frische Konkurrenz auf der Nase.« »Ob der Gebhardt das Blatt nach der Bescheinigung gekauft hat oder ob er den richtigen Abonnentenstand kannte?« »Das frag ihn man.« Und Wenk blättert seine Zeitung um. »Ich glaube, du hast auch gar nicht die richtige Bescheinigung hier. Unsere hier ist eine Abschrift ohne Unterschrift.« Wenk haut auf den Tisch. »Nun laß mich endlich mit dieser verdammten Bescheinigung zufrieden. Du bist doch heute rein verrückt.« Tredup marschiert ab. »Das war eine Niederlage. Noch mal darf ich nicht davon anfangen.« Er treibt sich ziellos bei den Setzern herum und geht wieder zurück. Als er im Redaktionszimmer ist, hört er auf der Expedition reden. Er bleibt stehen und lauscht. »Ja«, sagt grade Wenk. »Ihr Mann ist noch da, Frau Tredup. In der Setzerei. Nehmen Sie ihn bloß mit, der hat heute Pfeffer im Po und quengelt ewig.« »Ist er hier auch so? Warum ist er denn noch hier? Er hat doch schon seit einer Stunde Mittag.« »Weiß ich's? Er sagt, er will auf Stuff warten. Aber Stuff kommt nicht vor vier.« »Sagen Sie, Herr Wenk, ist mein Mann nicht ganz anders?« Wenk weicht aus: »Ein bißchen nervös, was? Das macht das Kittchen.« »Tut er denn noch was?« »Ja, Frau Wenk, da fragen Sie am besten Herrn Gebhardt. Zeugnisse darf ich nicht ausstellen, das macht der Chef selber.« »Und ich geh auch zu ihm!« sagt die Frau. »Die haben mir meinen ganzen Mann verdorben.« »Welche die?« »Der Stuff, der ihn zum Saufen und Huren verführt hat. Und die ihm Geld gegeben haben, der Gareis und der Frerksen.« »Hat er denn wirklich Geld bekommen? Und von Frerksen auch? Für was denn?« »Natürlich hat er Geld bekommen. Aber er gibt es nicht raus. Er hat es irgendwo an der See vergraben. Im Schlaf redet er davon.« »Was soll denn Gebhardt dabei machen? Dem Gebhardt erzählen Sie lieber nichts davon, sonst schmeißt er Ihren Mann raus.« »Der soll lieber den Stuff rausschmeißen. Der Stuff ist der schlimmste. Und ich bringe die beiden noch auseinander, das schwöre ich. Und ich weiß auch ein Mittel.« »Was denn für eins?« »Das möchten Sie wissen. Daß Sie es Ihrem Stuff erzählen ...« Aus dem Redaktionszimmer kommt Tredup geschlendert. »Also gehen wir essen, Elise.« Die Frau sieht ihn kurz an, gibt dem Wenk die Hand. »Wiedersehen, Herr Wenk.« »Wiedersehen, Frau Tredup. Das seh ich gern, wenn der Feldwebel einen abführt.« Sie gehen. Frau Tredup einen Schritt voraus. An der schmalen dunklen Gasse, einem Durchgang, der den Burstah und die Stolper Straße verbindet, sagt Tredup: »Linksrein. Das ist kürzer.« Die Frau zögert einen Augenblick und biegt links ein. Sie geht vorn. Zwischen dunklen Brandmauern. Die Gasse ist eng, zwei Meter breit, leer. Plötzlich fühlt sich die Frau von hinten angefaßt, herumgerissen, und sieht in ein wutbleiches Gesicht. »Max!« ruft sie. Ihr Mann sagt nichts. Mit einer Hand drückt er die Frau gegen die Wand, mit der andern holt er aus und schlägt ihr drei-, viermal hart ins Gesicht. Sie starrt ihn an. Zwischen den Haaren hervor, die in die Stirn gefallen sind, kommt ihr Blick, voll Angst. Er sieht sie einen Augenblick an, sein Zorn beginnt zu zergehen. Da macht er rasch kehrt und läuft wieder zurück zur Chronik. Wenk glotzt auf. »Na, ausgerissen?« grinst er. »Was die sich einbildet!« schimpft Tredup. »Neue Moden. Hier einen abholen. Die kurier ich, sage ich dir, Wenk, aus dem Handgelenk kurier ich die!« »Wenn du denkst, daß das die richtige Kur ist?« »Grade. – Hat der Krüger Bayrisch?« »Warum soll der Krüger kein Bayrisch haben? Hat er doch immer gehabt.« »Holst du uns zwei Halbe? Ich gebe aus.« »Jetzt direkt vor dem Essen? Meine Frau riecht das.« »Was geht das deine Frau an, wenn ein Geschäftsmann dich zu einem Glase Bier einladet? Sollst du einen Kunden verprellen, weil deine Frau keinen Biergeruch am Vormittag mag?« »Recht hast du! Ich werde den Fritz schicken.« »Schick den Fritz nicht, geh selber. Die Setzer quatschen so schon genug über unser Biertrinken.« »Rück Geld raus.« »Hier.« »Weißt du was? Ich werde anrufen, der Krüger kann rüberschicken.« Tredup, direkt am Geldschrank stehend, mit dem Rücken die Schlüssel verdeckend: »Daß wir noch eine Stunde warten können. Jetzt zum Mittag muß doch beim Krüger alles bedienen.« »Na, werde ich gehen.« »Endlich kapierst du das! Du kannst wohl den kleinen Weg machen, wenn ich einen halben Liter spendiere.« »Ich geh ja schon.« Kaum ist er raus, reißt Tredup die Geldschranktür auf. Drei kleine Schubladen sind im Schrank, außer den Kassen- und Bücherfächern. In der ersten liegen Angestellten- und Invalidenkarten. In der zweiten aller möglicher Dreck. In der dritten – Gottlob, er hat sie. Aber Zeit ist nicht zum Abschreiben. Er steckt sie in die Tasche, muß am Abend sehen, wie es sich macht, sie zurückzulegen. Tredup hält achtsam die Schlüssel an, daß sie nicht pendeln, geht auf und ab. Das Papier brennt in seiner Tasche. Dann trinken sie ihr Bier und dann kommt Fräulein Klara Heinze, um Wenk abzulösen, damit der auch Mittag machen kann. Wenk schließt den Geldschrank ab, seinen Schreibtisch zu, setzt den Hut auf. »Na denn Mahlzeit!« »Mahlzeit!« In der Tür bleibt er noch einmal stehen: »Bleibst du hier, bis ich wiederkomme, Tredup?« »Ja. Ich warte auf Stuff. Bestimmt.« »Dann laß ich dir den Geldschrankschlüssel hier. Es kann sein, daß ein Bote von den Nachrichten wegen Geld kommt. Achthundert. Die Quittung liegt im Fach.« »Schön, also Mahlzeit.« »Mahlzeit.« Tredup setzt sich auf dem Redaktionszimmer an seine Maschine, zieht die Bescheinigung aus der Tasche und fängt an, sie abzutippen. »Das hätte ich billiger haben können.« 5Thiel hat in einer Dachkammer der Zeitung Bauernschaft Unterschlupf gefunden. Eigentlich ist es nicht einmal eine Kammer, sondern nur das, was man in dieser Gegend eine Abseite nennt, ein Abschlag unter der Dachschrägung mit einer kleinen Glasscheibe, die an einem Eisenstab hochgeschoben werden kann. In einer Ecke liegt Gerümpel: zerbrochene Setzerschiffe, unbrauchbare Walzen, Maschinenteile. Unter dem Fenster hat ihm Padberg ein paar Woilachs hingeworfen und einen Stapel Romane. Besprechungsexemplare: »Daß du dich nicht langweilst.« Hier, Bretterwand an Bretterwand mit dem Klo der Zeitung, verbringt Thiel seine Tage. Eigentlich läuft tagsüber ständig nebenan der Spülungskasten und was Thiel noch an Illusionen über die Spezies Mensch besaß, er hat es längst verloren beim Anhören der ewigen Verdauungsgeräusche auf dem Klo. Aber er darf sich nicht rühren, niemand im Haus darf auch nur ahnen, daß einer oben ist. Nach Feierabend bringt Padberg zu essen, zu rauchen, zu trinken, zu lesen. Er ist gar nicht filzig, er läßt es sich (oder die Bauernschaft) was kosten, den Gast bei guter Stimmung zu halten, aber er ist unerbittlich in seiner Strenge, ihm jeden Schritt aus dem Haus zu verbieten. Bei Tage ist Thiel eingeschlossen, ein regelrechtes handfestes Vorhängeschloß liegt vor seinem Stall. Er könnte ja nun versuchen, die Krampen loszukriegen, aus einem Maschinenteil läßt sich schon ein Werkzeug zurechtmachen. Aber er hat genug von dem Intermezzo mit Padberg, als er an einem Abend auf die Straße gelaufen war und ausgerechnet dem in die Quere. Padberg hatte ihn ruhig am Arm genommen, gemütlich plaudernd war er mit ihm auf das Redaktionszimmer zurückgegangen. Aber kaum war die Tür zu, ging ein Hagel von Schlägen auf Thiel nieder. Er bezog regelrechte Dresche, gnadenlose Prügel, so lange die Kräfte Padbergs – und der hatte welche – vorhielten. »Dummer Bengel, deinetwegen Schwierigkeiten haben, das hätte mir gefehlt! Man rettet den Idioten vorm Zuchthaus und zum Dank soll man selber rein. Da! Da! Und nimm den auch noch! Siehst du!« Aber zwei Tage später ist Padberg schon wieder gut. Er kennt junges Gemüse, er trägt nichts nach. Und er wird nicht müde, Thiel auf den nächtlichen Besucher seines Schreibtisches scharf zu machen, Thiel muß den erwischen. Doch Thiel bleibt ungläubig. »Wenn einer da war, jetzt ist keiner mehr da, Herr Padberg. Ich passe doch die ganze Nacht auf. Kein Schwanz.« »Sie passen auf? Sie passen eben nicht auf. Letzte Nacht haben Sie den Kronleuchter angebrannt in meinem Zimmer, ich kam grade draußen vorbei. Sie sollen das lassen. Ich habe dich gut stehen sehen, Äffchen.« »Ich –? Ich habe –?« Die beiden sehen sich an. Thiel braucht nicht weiterzureden, Padberg hat schon verstanden und glaubt ihm. »Dann war der wieder da. Gottesdonner, Thiel, das ist doch was. Den müssen Sie doch kriegen. Sie nehmen doch immer den Gummiknüppel mit?« Es ist ein uraltes Haus, das Haus der Bauernschaft am Stolper Markt. Zweistöckig, mit einem Dach wie ein Gebirge. Früher war hintendran ein langes tiefes Gartengrundstück. Dann wurde das Haus Zeitung und man baute in der ganzen Breite des Hauses in den Garten hinein den Setzersaal mit einer Außentreppe auch in den ersten Stock zur Buchbinderei. Und weiter hinten in den Garten baute man das Maschinenhaus, wo der Bleiofen seinen Platz bekam und die Rotationsmaschine und der Ofen zum Maternabgießen. Und man verband das Maschinenhaus durch einen verdeckten Gang mit den Kellern des Vorderhauses, damit die Zeitungsballen nach hinten gerollt werden konnten. Und man baute einen dritten Schuppen mit Packtischen für die Austrägerinnen. Und dazwischen gingen überall Treppchen und Winkelwege durch die Gartenreste. Und im eigentlichen Hause hatte man Wände weggeschlagen und Wände gezogen: es war ein Fuchsbau, es war ein Kaninchengehege, es war ein Labyrinth. Thiel kennt es jetzt. Abends, nachts, wenn es in diesen Augusttagen ganz dunkel geworden ist, macht er sich auf den Weg, ohne die kleinste Taschenlaterne, ohne ein Fünkchen Licht, nur mit seinem Gummiknüppel als Waffe, der einzigen Waffe, die ihm Padberg zugestehen will. Er ist überzeugt gewesen, da ist nichts, Padberg hat sich was eingebildet. Stundenlang ist er durch den Komplex gewandert, rastlos, schon um müde zu werden für den nächsten Tag, nie hat er was getroffen. Aber in der letzten Nacht hat Licht gebrannt, Padberg hat es gesehen und Padberg hat es wirklich gesehen, das war aus seinem Gesicht zu erkennen. Es gibt hier also noch einen, hier geistert noch wer neben ihm, und einer, der schlauer ist als er, sonst hätte er ihn schon erwischt. Thiel überlegt. Er hat Zeit lange zu überlegen. Jetzt erinnert er sich, daß Padberg im Anfang erzählt hat, wie er ein paarmal von außen den Spion an der Arbeit gesehen hat und wie der immer fort war, kaum, daß Padberg das Haus betreten. Entweder hat er jemanden, der Schmiere steht ... Aber diesen Gedanken verwirft Thiel sofort. Das alte Haus hat zu viele Ausgänge. Zehn müßten Schmiere stehen und dann gäbe es immer noch die Möglichkeit einer Überraschung. Oder es gibt eine Signalanlage, irgendwelche Klingel- oder Lichtsignale, die den Mann warnen. Das ganze Haus liegt ja voll Leitungen. Dann bleibt nichts, als sich im Redaktionszimmer selbst zu verstecken, sich unter den Schreibtisch zu hocken die ganze Nacht. Aber das hat Padberg auch schon versucht. Und Thiel streicht wieder ziellos umher, planlos, durch die dunklen Gänge, über die finsteren Treppen, in die Zimmer, die von außen ein Schein der Marktplatzlaternen erhellt, in den Setzersaal, auf dessen Oberlichtfenstern ein Abglanz des nie ganz lichtlosen Augusthimmels liegt, in den Garten, der für seine Augen fast hell ist. Und als er einmal aus der Expedition im Parterre emporsteigen will zum ersten Stock, wo die Redaktionsräume liegen, da hat er sein Erlebnis: in diesem Haus, in dem toten Irrwirrhaus schlägt, als er die Tür zur Treppe öffnet, ganz fern und leise eine Klingel an. Den Bruchteil einer Sekunde steht Thiel starr. Dann rast er die Treppe hinauf, reißt die Tür zur Redaktion auf ... Hochgeschwungen hält er den Gummiknüppel in der Faust – Aber das Zimmer ist leer. An der Wand liegen die breiten Lichtstreifen der Laternen. Für Thiels Nachtaugen ist das Zimmer taghell. Und es ist leer. Doch die Tür drüben in der andern Wand: die schwingt! Die schwingt noch leise!! Thiel weiß: eben noch war einer hier. War der hier. Er geht gegen den Schreibtisch. Die Lade steht offen. Leer. Auf der Platte aufgestapelt, was darin war: zur Durchsicht, halb schon durchgesehen. Thiel räumt ein: »Der kommt heute nacht nicht wieder.« »Nun, das nächste Mal«, tröstet Padberg. »Gewiß. Oder das hundertste Mal, aber ich kriege ihn.« Padberg ist zufrieden. »Und wo sitzt die Klingel?« »Genial, sage ich Ihnen! Habe ich gesucht! Über dem Ofen ist eine Reinigungsklappe im Schornstein, da sitzt sie. Daß ich die gehört habe, der reine Zufall!« »Sie haben sie doch sitzen lassen?« fragt Padberg besorgt. »Was denn sonst? Mag die doch klingeln, mich klingelt sie nicht mehr an. Ich hab sie nur abgestellt. Da ist ein Schalter dran, daß man sie für den Tag abstellen kann.« »Gut!« sagt Padberg. »Weidmannsheil!« »Weidmannsdank!« antwortet Thiel und findet seine glühende Dachabseite nicht mehr so schlimm. 6Wenn Max Tredup auch diese Nacht spät nach Haus ging, diesmal kam er aus keiner Kneipe, von keinem Frauenzimmer. Spät war er noch aufs Rathaus gegangen, er wußte, der Bürgermeister saß oft bis in die Nacht in seinem Arbeitszimmer, einfach weil er zu faul war, nach Haus zu gehen, sagten die Leute. Aber der Bürgermeister war nicht da, der Bürgermeister war verreist. Herr Bürgermeister hatte den Auftrag hinterlassen, ihm, dem Sekretär Piekbusch, sei der Brief auszuhändigen. Tredup war nicht darauf vorbereitet, er mußte sich von dem Sekretär einen Briefumschlag geben lassen, ein Kuvert mit dem Aufdruck der Stadt Altholm, das er an Herrn Bürgermeister Gareis, persönlich, adressierte. Dann, in der Tür, mußte er ansehen, wie der Sekretär den Briefumschlag aufriß. Nach dem Jagdfeuer kam die Ermattung, nach der Hoffnungsfreude auf ruhigere Stellung die Mutlosigkeit. Es war leicht gewesen, am Mittag der Frau ins Gesicht zu schlagen, lauernd auf einen Geldschrankschlüssel, im Eifer des Kampfes, geheimer Gesandter eines Bürgermeisters. Aber abends, verächtlich im Vorzimmer abgefertigt, den Heimweg direkt vor der Nase, waren die Schläge das, was sie waren: eine Gemeinheit, die auszubaden er Angst hatte. Tredup ging nicht nach Haus. Er saß eine Weile auf einer Bank, draußen vor der Stadt, auf dem Jugendspielplatz. Hier hatte der Zirkus Monte mit seinen schmierigen Wagen sein Zwei-Stangen-Zeltlein aufgebaut, aus dem dann Abend für Abend die Huppe-Huppe-Reiter-Melodie in Blechmusik erklungen war. Damals konnte er Elise noch alles sagen, heute ... Er stand auf und ging zum Bahnhof. Er löste eine Fahrkarte nach Stolpe, genauer nach Stolpermünde. Er wollte die tausend Mark, die neunhundertundneunzig Mark holen, sie Elise geben, sagen: »Alles ist wieder gut.« Er wollte mit Stuff reinen Tisch machen. Er wollte zu Gebhardt gehen und ihm sagen: »Das und das hat mir der Bürgermeister geboten, wenn ich Sie an ihn verrate. Ich sage Ihnen das bloß. Ganz ohne weiteres.« Dann, in Lohstedt, stieg er wieder aus, gab die Karte ab. Nun ja, es war noch zu früh. Elise das Geld zu geben, sich den letzten Ausweg abzuschneiden, dazu war es noch zu früh. Jetzt gab es noch andere Mittel, sie herumzukriegen: ein bißchen Zärtlichkeit, ein bißchen Aufmerksamkeit, ein paar Abende zu Haus sitzen, etwas auf Stuff schimpfen. Und dann eine Überraschung: ein Feldblumenstrauß. Ja, das war das Richtige, kostete nichts und bewies zugleich, daß er in keiner Kneipe gewesen war. Später, auf dem Fußmarsch von Lohstedt nach Altholm, durch die immer tiefer und stiller werdende Nacht, den Strauß in den Händen, leichten Wind auf dem Gesicht, wird auch er sanfter. Etwas von der Angst, die nun immer sein Herz erfüllt, zerlöst sich. Er versucht zu singen, von den Liedern, die er auf der Schule gelernt hat. Ja, es geht wieder. Das Leben ist so übel nicht. Und, zum Donnerwetter, er muß wirklich daran denken, daß Elise in andern Umständen ist. Er muß sehen, daß er von Stuff die genaue Adresse bekommt. Wie lange ist das her? Es war direkt nach seiner Entlassung, vier Wochen, fünf Wochen. Vielleicht noch etwas zu früh für einen Eingriff, nun, man konnte jedenfalls heute schon mit Elise darüber reden, das machte ihr auch wieder Hoffnung und Mut. Zehn Kilometer von der geschlagenen Frau scheint die Versöhnung leicht. Ist man erst auf dem Hof ... Nun gut, dort steht er im Dunkeln, es ist nach zwölf. Die beiden Fenster zu seinem Zimmer sind offen, Wind bewegt die Vorhänge, die Frau hat noch Licht. Er schleicht näher, späht. Sicher näht sie noch, stopft irgend etwas für ihn oder die Kinder. Sie sitzt am Spind, sie hat Papier vor sich liegen, sie schreibt. Er kann ihr Gesicht gut sehen, es ist ganz im Licht der Lampe. Nein, es ist ein gutes Gesicht. Nicht umsonst macht man Jahre Weg mit einer Frau, hat mit ihr Kinder, schläft bei ihr und bespricht mit ihr, wie das Geld einzurichten ist, was man morgen kochen soll und ob das Kino gut oder schlecht war. Es ist doch das Gesicht. Sein Herz ist ganz weich. Er geht schnell in das Zimmer. Sie macht eine hastige Bewegung, als sie ihn hört, sie will ihre Schreiberei zusammenschieben. Aber dann bleibt sie sitzen, mit dem Rücken gegen ihn, antwortet auch nicht, als er guten Abend sagt. Ihn überrieselt es kühl. Es ist stickig im Zimmer und trotz des offenen Fensters riecht es schlecht: er kann die Kinder nicht daran gewöhnen, nachts auf den Abort im Hof zu gehen, immer benutzen sie den Topf und Elise unterstützt ihn auch nicht darin. Die kühle reine Nachtluft beginnt zu verfliegen. Trotzdem langt er über ihre Schulter, legt den Strauß vor sie hin, auf ihre Schreiberei. Sie starrt ungläubig auf die Blumen, sie versteht nicht recht. Dann sieht sie sich um und blickt ihn an. Er ist nüchtern. Er hat bestimmt nicht getrunken. Sie hebt den Kopf ein wenig, der Hals wird straffer, leise sagt sie: »Danke.« Dann, als sie die Veränderung in seinem Gesicht sieht, denkt sie wieder an ihre Schreiberei. Sie greift rasch danach. Aber es ist schon zu spät. Er hat zugefaßt. Es war ein Zufall, daß sein Blick auf den Umschlag mit der Adresse gefallen war. Es war wieder ein Zufall, daß diese Adresse so groß, so deutlich, mit einer gewollt kindlichen Hand geschrieben war, daß er sie auf zwei Schritt Entfernung bei Petroleumlicht lesen konnte. Aber dann war es Absicht, daß seine Hand pfeilgeschwind nach dem Brief griff. Sie sieht, es ist zu spät. Schon liest er. Sie steht auf und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand. Sie hält den Kopf gesenkt, sie will gar nicht wissen, was für ein Gesicht er macht, wenn er diesen Brief liest. Einmal, als er murmelt: »Toll! Toll!« sagt sie leise: »Denk an die Kinder, Max!« Und ein bißchen später: »Ich hätte ihn nie abgeschickt.« Aber es ist ein hübsches Schriftstück, was er da zu lesen bekommt. Sein Strauß hat quer über diesen Niederschlag aus Gift und Gemeinheit gelegen, ein paar Kornblumenkelche sind darauf gefallen, er pustet sie wütend aus dem Kniff. »Was in aller Welt ...« fängt er an. Er ist immer noch mehr verblüfft als zornig. »Nein. Nicht«, sagt sie hastig. »Laß uns heute abend nicht davon reden, Max. Morgen, wenn du willst. Du hast mir diesen Strauß mitgebracht. Laß es uns noch einmal versuchen. Ich will auch sein, wie ich früher war. Nur leg ihn weg. Laß ihn mich in den Herd tun. Ich schwöre dir, ich schreibe nie wieder einen. Ich hätte ihn auch nicht abgeschickt, bestimmt nicht.« Er hört gar nicht auf sie. »Wie kannst du nur!« sagt er. »So gemein. Weißt du, daß das eine Erpressung ist, für die es Zuchthaus geben kann? Und Stuff hätte immer gedacht, ich wäre es gewesen. Alle hätten es gedacht. Ich wäre ins Zuchthaus gekommen ...« »Nein, Max, bitte, nicht jetzt ...« »Ich habe nie gesagt, daß es Stuff gewesen ist, der die Mädels hat abtreiben lassen. Das hast du dir aus den Fingern gesogen. Ganz jemand anders hat es mir erzählt ...« »Bitte, gib den Brief.« »Und weißt du, was das gemeinste ist? Du hättest nicht nur Stuff und mich damit hineingerissen, auch die armen Mädels wären reingefallen. Deinetwegen, weil du von Stuff fünfhundert Mark erpressen willst, hätten sie ins Gefängnis gemußt. Wie, hast du gar nicht daran gedacht?« »Ich war so böse«, murmelt sie. »Und ich hätte ihn auch nicht abgeschickt. Wenn auch Stuff es verdient hätte.« »Stuff hat es nicht verdient.« Sie sagt schnell: »Er ist schlecht. Er verführt dich zum Saufen und zu den Weibern. Und du arbeitest nicht mehr. Wenk hat auch gesagt, daß du gar nicht mehr auf Inserate gehst.« »Du lügst. Davon hat Wenk kein Wort gesagt. Ich habe ganz gut gehört, was ihr heute mittag gesprochen habt.« »Und es ist gemein von Stuff, wie er mit den Mädchen umgeht. Und du wolltest mit mir zu derselben Frau gehen, damit unser Kind –?« Sie schaudert und sieht nach dem Bett mit den schlafenden Kindern hinüber. »Grade! Willst du wieder ein Kind kriegen? Haben wir denn an den andern nicht genug?« »Aber wir haben doch jetzt Geld. Wir können noch gut eins haben!« »Wir haben kein Geld. Dir sind die tausend Mark zu Kopf gestiegen, von denen der Gareis gequasselt hat. Aber ich habe sie nicht, und du wirst sie nie, nie, nie zu sehen kriegen.« »Du lügst. O wie gemein du lügst. Das ist grade wie mit Stuff. Erst sagst du, er ist es nicht gewesen mit dem Abtreiben, und dann sagst du, er und die Mädchen fallen rein. Und das Geld hast du darum auch.« »Nichts habe ich«, schreit Tredup wütend. »Wie gemein du bist! Wie geldgierig. Meinen besten Freund willst du um fünfhundert Mark erpressen, so gemein bist du!« »Ich will gar nicht Geld. Ich will sie gar nicht, deine tausend Mark, und das Schweinegeld von deinem Stuff will ich auch nicht. Aber ich weiß, ehe ich nicht deine tausend Mark habe, kommst du nicht wieder zu mir. So lange du die hast, denkst du: ich kann ja weg, und kümmerst dich einen Dreck um uns.« »Eine schöne Logik ist das! Du willst sie nicht haben, aber haben willst du sie doch.« »Grade! Wenn du das nicht verstehst, das ist grade logisch.« »Ja, und was die fünfhundert von Stuff dabei sollen ... meinen Freund zu verraten, unschuldige Mädchen ins Zuchthaus bringen, pfui Teufel!« Er spuckt aus. »Du!« sagt sie mit flammenden Augen. »Nimm dich in acht! Ich könnte dir auch etwas sagen.« Sie bricht ab. »Nein, ich will nicht. Ich rede nicht mehr davon.« Er höhnt: »Weil du nichts weißt! Aber ich sage dir, wenn du solchen Brief noch mal schreibst, wenn du ihn abschickst! Das ist ein Scheidungsgrund, ich lasse dich sitzen. Jeder Richter trennt eine Ehe, wo die Frau so gemein ist.« »So?« fragt sie. »So? Und wenn der Mann so gemein ist? Wenn der Mann hingeht und verkauft Bilder und verrät arme Bauern, daß sie ins Kittchen kommen, das ist anständig, was? Und das Geld gibt er nicht mal seiner Frau, das Geld versäuft und verhurt er. Das ist anständig, was? Und ich hätte meinen Brief nie, nie abgeschickt. Du aber hast deine Bilder verkauft.« »Das ist ganz etwas anderes«, sagt er verwirrt. »Ein Pressefotograf verkauft seine Bilder an jedermann.« »So? Ist das etwas anderes?« ruft sie wütend. »Ich kann da keinen Unterschied sehen. Aber natürlich, wenn du etwas tust, dann ist es immer etwas anderes. Aber weißt du, was du bist? Ein Verräter bist du! Mich hast du auch verraten. Mir haben sie schon erzählt, wenn du besoffen bist, erzählst du am Biertisch, wie ich im Bett bin. Und ...« »Schweig«, sagt er tonlos. »Die Kinder ...« Aber jetzt hört sie nicht. »Und ich will meinen Brief wiederhaben. Ich will nicht, daß du mit meinem Brief in der Tasche rumläufst, und, wenn du einen in der Krone hast, allen erzählst, was für eine gemeine Frau du hast. Gib den Brief her.« Sie faßt danach. Er hält ihn fest. Aber sie kämpft wirklich darum. Er hält mit einer Hand ihre beiden Handgelenke fest, in der andern hat er den Brief. Sie fährt blitzschnell mit den Zähnen zu, und mit einem Aufschrei läßt er ihre Hände los. Sie greift nach dem Brief, aber er schlägt nach ihr. Sie stolpern durchs Zimmer, stoßen an Möbel, die Kinder schreien. Der Brief, zerknüllt in seiner Hand, hindert ihn nicht mehr. Er schlägt drei-, viermal kräftig gegen den Kopf der Frau mit der geschlossenen Faust. Sie schreit auf und fällt hin. Die Tür öffnet sich. Der Gemüsekrämer von vorn, dem das Haus gehört, ein paar Nachbarn werden sichtbar. »Das geht nicht, Herr Tredup. Ich habe es schon lange dicke mit Ihnen. Ewig kommen Sie besoffen nach Haus und machen Skandal. Zum Ersten sind Sie gekündigt.« Die Frau steht auf und geht gegen die Tür. »Macht, daß ihr rauskommt. Sie haben hier gar nichts zu suchen. Und die Kündigung nehmen wir nicht an. Da bestimmt das Wohnungsamt drüber, ob wir zu gehen haben oder nicht. Nicht wahr, Max?« 7Regierungspräsident Temborius erhebt sich. »Ich danke Ihnen, meine Herren, daß Sie zu mir gekommen sind. Was Sie vorgetragen haben, hat mich tief erschüttert. Es wird geprüft werden und ich kann Sie nur bitten, bis zum Ergebnis dieser Prüfung Geduld zu haben. Geduld, Geduld und noch mal Geduld. Aber ich glaube Ihnen heute schon sagen zu dürfen, ohne eine Indiskretion zu begehen, daß nicht nur hier, nein, daß auch an höchster Stelle die Augen auf Altholm gerichtet sind und daß dort Erwägungen schweben – Erwägungen von weittragender Bedeutung. Nochmals, ich danke Ihnen und bitte um Geduld.« Temborius verbeugt sich. Neben ihm, aufspringend, verbeugen sich die beiden andern Herren der Regierung Stolpe: Regierungsrat Schimmel und Assessor Meier. Die Vertreter des Wirtschafts- und Erwerbslebens der Stadt Altholm kommen etwas zu spät, aber auch sie bringen in leidlichen Abstand das Aufstehen und Sich-Verbeugen zustande. Die ganze Tischrunde dienert wie ein Roggenfeld im Winde. Dann schieben sich die Altholmer aus der Tür. Der Präsident sieht ihnen nach, die eine Hand auf der Schreibtischplatte, die andere um ein Medaillon an der Uhrkette geschlossen. Assessor Meier schichtet Akten und Regierungsrat Schimmel liest Buchrücken in einem Schrank. Die Tür geht zu und die Pose entspannt sich. »Das war das«, sagt der Präsident und setzt sich wieder. »Ich muß sagen, ich bin nicht überrascht. Keineswegs. – Aber bitte, meine Herren, wollen Sie nicht noch einen Augenblick Platz nehmen?« Die Herren setzen sich wieder. »Man hat Sorgen. Sorgen«, sagt Temborius, und es ist nicht zu verkennen, daß er nicht unzufrieden ist mit den Sorgen, die ihn zur Stunde belasten. »Die unteren Verwaltungsorgane machen Fehler. Dann kommt das Volk zu uns. Und wir müssen dann wieder gutmachen. Aber ich glaube, ich sehe den Weg des Ausgleichs, der Versöhnung.« »Gewiß«, bemerkt Regierungsrat Schimmel, »Gareis hat unzweifelhaft Fehler begangen.« »Gareis!« Und nach einer Pause gesteigert: »Gareis!! Herr Assessor, was habe ich zu Herrn Bürgermeister Gareis gesagt, als er vor der Demonstration hier war? Sagen Sie selbst!« »Daß er die Schupo brauchen würde«, sagte eilig Assessor Meier. »Auch. Das auch. Aber davon reden wir jetzt nicht. Was habe ich hier gesagt, Herr Assessor?« Assessor Meier martert sein Hirn. Schließlich hat der Chef nicht wenig gesagt. »Daß die Bauern aggressiv seien.« »Gewiß, lieber Herr Assessor, auch das. – Man muß das Wesentliche von dem Unwesentlichen unterscheiden. Was habe ich –? Also gut. Ich habe gesagt, die Demonstration muß verboten werden. Habe ich das gesagt? Habe ich das gefordert? Unter Einsatz all meiner Autorität? Immer wieder?« »Gewiß«, sagt eilig der Assessor. »Es ist immer von neuem gefordert worden.« » Ich habe es immer von neuem gefordert. Und nun der Wagen verfahren ist, kommt der Mann jetzt zu mir? Hat er schon meine Hilfe erbeten? Die Vertreter der Wirtschaft kommen. Er sitzt in Altholm und schreibt einen Bericht. Sonst nichts. Und was für einen Bericht!« Die Herren sehen starr vor sich hin. Der Chef hat das Bedürfnis zu reden, nun gut: rede. »Was steht in dem Bericht? Der Boykott hat sich als ein Schlag ins Wasser erwiesen. Seine Wirkungen sind kaum spürbar. – Nun, meine Herren, Sie haben die Vertreter der Stadt gehört, nicht wahr?« Die Herren bestätigen es. »Der Boykott ist katastrophal, ruinös, er bringt das Wirtschaftsleben der Stadt zum Erliegen, aber: ein Schlag ins Wasser. – So berichten Schuster.« Plötzlich lächelt Temborius wieder: »Nun, ich werde das regeln. Werde ausgleichen.« Sehr freundlich: »Haben Sie, Herr Regierungsrat, die juristische Seite der Sache überprüft? Wie steht die Staatsanwaltschaft zu den Ereignissen?« »Es wird wohl sicher Anklage gegen einige Bauern erhoben werden. Man wird die Führer herausgreifen. Strafrechtlich kommen in Frage: Auflauf. Sachbeschädigung. Öffentliche Beleidigung. Öffentliche tätliche Beleidigung. Gefährliche Körperverletzung. Landfriedensbruch. Aufruhr.« »Nun, das ist ja allerlei.« Der Präsident ist nicht unzufrieden. »Die Bauern werden nichts zu lachen haben. Denn mit einer Verurteilung ist doch wohl zu rechnen?« »Ich denke doch. – Ich möchte auch noch darauf aufmerksam machen dürfen, daß meinen Erkundigungen nach mit einer Großen Anfrage der Rechtsparteien im Preußischen Landtag wegen der Vorgänge in Altholm in Kürze zu rechnen sein dürfte.« »Richtig. Sie sind richtig unterrichtet, Kollege Schimmel. Auch ich habe meine Verbindungen im Ministerium. Sie wissen, meine Herren ... Und wegen dieser bevorstehenden Anfrage bin ich ausnahmsweise einmal dafür: wir handeln schnell. Der Herr Minister hat die Akten noch nicht eingefordert. Ich bin in meinen Entschließungen also noch frei. Die Haltung des Ministers ist nicht berechenbar, denn leider hat auch Herr Gareis – nun, ich für meine Person verstehe da den Herrn Minister nicht mit seinen Sympathien. Jedenfalls wird aber der Herr Minister meine früher ergangenen Entscheidungen nicht desavouieren. Darum ...« Die Herren horchen auf. »Wir werden ...« Die Wichtigkeit dieser Minute leuchtet aus dem Gesicht des Präsidenten. Einen Bleistift hält er senkrecht in die Höhe. »Wir werden wieder einmal ausgleichen, einrenken, versöhnen, die Fehler der untergeordneten Instanzen löschen. Dazu ist nötig, daß wir uns nicht gar zu sehr auf einen Standpunkt festlegen. Allen müssen wir gerecht werden. Die Stimmung der Bauern, die Stimmung der Bürger, die Stimmung des ganzen Pommerlandes ist gegen die Altholmer Polizei. Wir aber werden der Polizei bestätigen, daß sie recht gehandelt hat, wir werden die Staatsautorität stärken, den Aufrührern nicht den Nacken steifen. Aber ...« Er lächelt leise. »Wir werden einen Bock schlachten. Versöhnungsfest. Sühneopfer. Purim nennt man das bei Ihnen, nicht wahr, Herr Assessor?« Der Assessor lächelt auch. »Man kann das, meine Herren. Wir sagen, die Polizei hat recht gehandelt, aber ... Ja, es gibt einen Weg, meine Herren. Man kann das alles. Die Verwaltungstechnik ist heute so ausgebildet. Ich denke dabei nicht an Gareis, Gareis, nun Gareis hat noch Stärke. Aber vielleicht dieser etwas zu beflissene Herr, wie hieß er doch –?« »Frerksen«, schlägt Assessor Meier vor. Er bekommt ein Lob. »Richtig! Sehr gut!! Frerksen. – Und wenn wir dann die Gemüter durch diesen Sühnebock etwas beruhigt haben, dann, meine Herren, holen wir sie an unsern Verhandlungstisch. Dann werden wir unter meinem Vorsitz die Gegensätze ausgleichen, versöhnen.« »Auch die Bauernschaft?« »Selbstverständlich auch. Meine Herren, wir laden natürlich in erster Linie die großen landwirtschaftlichen Organisationen ein, die Behördenvertreter, die Vereine. Und auch ein paar Leutchen von der Bauernschaft. Wenn dann drei Mann von diesen schlichten Bauern unter dreißig andern sitzen, seien Sie sicher, dann sind sie der Mehrheit Ansicht. Darin kennen wir uns aus. Ich danke Ihnen, meine Herren. Ich muß Ihnen sagen, ich bin optimistisch. Kein leichtfertiger Optimismus, nein, gewissermaßen ein von Sorgen getragener Optimismus. Das Gewitter hat sich ausgetobt, Blitze haben eingeschlagen, es hat gehagelt. Und dann kommen wir und ziehen den Regenbogen auf. Ich danke Ihnen, meine Herren.« 8Die Vormittagssonne scheint hell in die Stube von Stolpermünde-Abbau. Sie malt einen breiten Lichtbalken an die Wand, nahe der Decke. Und dieser Balken aus Gold, in dem tausend Stäubchen flirren, wandert, senkt sich, rückt langsam weiter, bis er breit und strahlend auf der gewürfelten Bettdecke liegt. Dann streift er das Kopfkissen. Der Kranke wird unruhig. Er dreht den Kopf hin und her, aber das Licht ist überall. So öffnet er die Augen, schließt sie rasch wieder, öffnet sie von neuem. Banz setzt sich auf. Es geht langsam nur, der in Tücher gebundene Kopf will immer in die Kissen zurück. Schließlich sitzt der Mann und schaut ins Zimmer. Er nickt langsam, als er erkennt, wo er ist. Dann horcht er. Es ist ganz still im Haus, nur die Fliegen, Hunderte von Fliegen, surren und summen. Der Mann nickt wieder. Und horcht weiter. Horcht auf den Hof hinaus. Aber auch dort ist es still. Keine Kuhkette klirrt, kein Schritt ist zu hören. Alles still. Der Mann ist befriedigt. Aber eines möchte er doch noch wissen. Neben der Tür hängt der Kalender. Wenn die Frau Ordnung gehalten hat, ist der abgerissen. Er weiß dann, was für ein Tag heute ist. Aber der Kalender ist vom Bett aus schlecht zu sehen, Banz muß sich weit aus den Kissen beugen. Er kneift die Augen fest zusammen, das Schwarze auf dem Kalenderblatt dort ist so verschwommen. Dann verliert Banz das Gleichgewicht. Sein Kopf schlägt einmal an der Bettkante auf, dann gegen ein Stuhlbein und der Mann liegt auf der Erde vor dem Bett. Der Schädel schmerzt und ihm wird etwas übel, aber Banz grinst befriedigt: es ist außer dem Bett viel kühler als drinnen. Nun bleibt nichts als zu warten, bis die Frau kommt. Nach dem Sonnenstand kann es gegen elf sein, es dauert also höchstens noch eine Stunde. Das Kalenderblatt kann er noch immer nicht erkennen. Er wird nachher versuchen, sich näher heranzuwälzen, jetzt noch nicht, er ist noch zu schlapp. Mit Erstaunen merkt er, daß er das Laufen der Fliegen auf den Händen spürt. Schön lange muß er krank gewesen sein, daß die Haut so weich geworden ist. Er liegt eine Weile, drusselt auch ein, aber es war nur ein Augenblick. Als er wieder aufwacht, liegt der Sonnenbalken noch auf dem Kopfende des Bettes. Er hört und vielleicht ist er von dem aufgewacht, was er jetzt deutlich hört: auf dem Hof draußen ist jemand zu gange. Er hört den Schritt deutlich. Es ist kein Schritt, den er kennt. Es ist auch kein Bauernschritt. Was Stolpriges, Hastiges ist in dem Schritt. Den kennt er nicht. Nun, er wird's erleben, wenn er das Leben behält, wer da draußen rumstolpert. Wenn der was will, kommt er schon. Banz schließt fast ganz die Augen, blinzelt nur durch einen Schlitz zur Tür. Richtig, der kommt. Die Blechklingel an der Haustür oben, die anschlägt, wenn einer die Tür öffnet, schlägt an. Der Mann ist auf dem Vorplatz. Natürlich fängt er links an zu klopfen. Alle Leute, die im Haus nicht Bescheid wissen, klopfen zuerst links an der Stube, wo die Kinder schlafen. Dann klopft es gradezu. An der Küchentür. Also ein Fremder, aber das hat Banz schon am Schritt gehört. Nun klopft es an der Tür zu Banzens Stube, aber der denkt nicht daran, Herein zu rufen. Er liegt ganz nett da für fremde Besucher, in seinem Hemd auf der Erde, mit dem verbundenen Kopf gegen das Stuhlbein, scheinbar bewußtlos. Da wird sich gleich zeigen können, was das für ein Kerl ist, wenn er den Kladderadatsch sieht. Die Tür geht auf und der blinzelnde Banz sieht, es ist einer in Uniform, der reinkommt, in feldgrauer Uniform. Er versucht zu begreifen, was das eigentlich für eine Uniform ist. Reichswehr? Aber die hat doch keine roten Achselstücke! Dann sieht er, daß der Mann nicht umgeschnallt hat. Also dienstlich kommt er nicht. Und nun behält Banz die Augen zu. Mal sehen, ob das so ein Rindvieh ist, das auf die Bewußtlosigkeit reinfällt. Die Uniform hat einen Augenblick an der Tür gestanden, dann geht sie in die Zimmermitte. Sie trampst tüchtig auf, damit sie den Schläfer weckt, aber Banz denkt: »Trampse du nur. Daß dein Schritt nicht in Ordnung ist, höre ich doch.« Der Mann bleibt stehen, räuspert sich laut und sagt: »Heh!« Banz denkt: »Hehen können sie alle. Wollen mal sehen, was du weiter kannst.« Scheinbar kann der Mann im Augenblick gar nichts weiter. Es bleibt totenstill im Zimmer. Nur die Fliegen burren und summen. »Was der wohl tut?« denkt Banz und möchte blinzeln. Aber er blinzelt nicht. Der Mann macht wieder ein paar Schritte, näher an Banz heran. Dann weiter von Banz weg. Dann wird ein Stuhl gerückt und der Mann setzt sich. »Der ist nicht schlecht«, denkt Banz. »Läßt mich so einfach auf der Erde liegen. Na ...« Der Mann raschelt in seinen Taschen, Papier knittert. »Ob der so einen Pfändungswisch hat? Aber Reichswehr pfändet doch nicht?« Ein paar unkenntliche Geräusche, dann wird ein Streichholz angerissen – Paff, Paff, Paff – und es riecht herrlich nach Zigarren. »Das ist ein Aas«, denkt Banz und blinzelt wirklich. »Willst du nun wach sein?« fragt der Mann. »Das kommt darauf an«, sagt Banz und macht die Augen weiter auf. »Kennen tu ich dich grade nicht.« »Man kann nicht alle kennen«, sagt der in Uniform, der übrigens einen strohgelben Zickenbart hat. »Das kann man nicht«, bestätigt der Bauer. Pause. »Was ist das eigentlich für eine Uniform?« fragt Banz. »Das ist eine Strafanstalts-Beamtenuniform«, sagt der Mann. »Dann bist du also im Gefängnis?« sagt Banz. »Lebenslänglich«, antwortet der Mann und lacht. Er meckert. Richtig wie eine Ziege. Pause. Der Mann sagt entschuldigend: »Das ist so eine Republikuniform. Früher war ich Deckoffizier. Da hatten wir Blau oder Weiß. In den Uniformen haben wir nicht gehungert. Nein.« »Nein«, sagt Banz. Pause. Die Fliegen surren. »Liegst du so eigentlich gut?« fragt der Mann. »Laß mich man liegen. Ich liege so ganz gut.« »Es ist auch kühler als im Bett.« »Das ist es.« Der Mann raschelt in der Tasche. »Was nun wohl wird?« denkt Banz. Der Mann bringt Papier zum Vorschein. »Holen die im Gefängnis jetzt selbst ihre Leute?« denkt Banz. »Früher machten das doch die Landjäger.« »Da«, sagt der Mann und gibt Banz eine Zeitung. Sie ist oft gelesen, das sieht man, die Brüche sind schon ganz durchgefasert und die aufgeschlagene Stelle schön grau. Es ist eine Bekanntmachung der Polizei. Auf zehntausend Mark ist die Belohnung für den erhöht, der den Bombenschmeißer von Stolpe verrät. Eine Bekanntmachung mit Bildern. Eine Margarinekiste ist abgebildet. Eine Weckuhr. Eine Konservenbüchse und Drähte. Was eben einmal alles zu einer richtigen Bombe gehört. Und eine ausführliche Beschreibung, wie sie gebaut war. Sozusagen eine Anleitung zum Bombenbauen. Die Polizei hatte ja wohl Stückchen gefunden und die Sachverständigen hatten sie rekonstruiert. Eine feine Sache. »Eine feine Sache«, sagt der Mann. »Gewissermaßen eine Anleitung für die Konstruktion von Bomben. Ich bin gut danach zurechtgekommen.« Banz zieht es vor, die Augen wieder zuzumachen. Er weiß von nichts. Er hört nichts. Der Mann brabbelt weiter: »Ich hab mir das ganze Zeugs auf den Müllbergen zusammengesucht: Bretter und Konservendose und Drähte und Batterie und Wecker. Bei mir kann keiner aus den Teilen raten, von wo die Bombe kommt.« Banz schläft fest. »Dann hab ich Uhrmacher gelernt. Mein Feldwebel hat geflucht, als ich ihm seinen Wecker auseinandergenommen habe. Aber ich habe schön daran gelernt und der vom Müllhaufen geht jetzt prima. Der haut los, wann ich will. Auf die Minute.« Banz schnarcht schon. »Und die Batterie kriegt man auch wieder zurecht. Das ist ein Unsinn, die Dinger wegzuschmeißen. Das macht man mit Säure, und oben das Harz, das kriegt man auch los. Und dann ladet man die. Du sollst mal sehen, was für einen feinen Funken das gibt, wenn mein Wecker loshaut.« Banz schläft. »Nun fehlt nur noch die Füllung von der Konservendose. Na, die bekomme ich schon, was?« Aber Banz schläft. Die Uniform sagt: »Ich habe überlegt, wen ich nehme: den Gareis oder den Frerksen. Der Frerksen hat wohl zuerst losgehauen und hat die Polizei auf die Bauern kommandiert, aber der Henning hat doch gesagt: der Gareis ist das Schwein.« »Henning hat gesagt: wenn die Oberen nicht wollen, hat der Frerksen den Schwanz zwischen den Beinen. Der Gareis hat die Bauern reingelockt. Der Henning sagt: erst hat er freundlich getan und alles erlaubt, bloß daß sie demonstrieren. Damit er auch welche hat, in die er reinhauen kann, zum Exempel, weil sie keine Steuern zahlen und das mit den Ochsen gemacht haben.« Banz hört zu. Der Mann erklärt: »Der Henning liegt doch noch im Krankenhaus. Und wir müssen Posten stehen vor seiner Tür, weil er Gefangener ist. Da habe ich ihn kennengelernt.« »Warum liegt Henning denn im Krankenhaus?« Der Zickelbart ist ganz Verachtung: »Das weißt du nicht? Du bist der richtige Kuhbauer! Weißt nichts von der Welt. Weil der Henning die Fahne nicht hat hergeben wollen, haben die ihn doch zusammengehauen in Altholm, daß er ein Krüppel bleibt sein Leben lang.« »So. Ja«, sagt Banz. »Das habe ich, glaube ich, noch gehört.« »Der Henning ist ein Held«, sagt Oberwachtmeister Gruen und ist stolz, den Helden zu kennen. »Einunddreißig Säbelhiebe hat er gehabt in den Armen und Händen. Auf den Henning schwört die Bauernschaft Und auch in Altholm weiß man, daß der Fahnenträger ein Held ist.« »Ein Fahnenträger«, sagt Banz, »steht und fällt mit seiner Fahne.« »Das tut er«, sagt Gruen. »Darum ist er ein Held.« »Das ist er dann«, sagt Banz. Pause. »Wie ist das?« fragt der Uniformierte. »Soll ich die Scheune aufbrechen und mir das Zeugs holen? Oder gibst du mir den Schlüssel?« Banz denkt nach. »Ich weiß nicht, ob es noch hier ist«, sagt er dann. »Natürlich ist es noch hier. Wo soll es denn sein? Die andern wollen es alle nicht.« »Der Schlüssel hängt in der Küche. Beim Butterfaß. Wenn ihn die Frau nicht einstecken hat.« »Gut«, sagt der Mann und geht fort. Banz hört ihn draußen rumhantieren, wieder den Stolperschritt. Als er den Stolperschritt hört, hat er eigentlich Lust, dem Mann zu sagen »Hau ab«. Aber er kann nicht hoch. Dann klappert das Scheunentor. Er hört sogar das Schließen im Vorlegeschloß. »Ob der die Kiste findet?« denkt Banz. »Wenn er wieder kommt und fragt, wo die Kisten sind, gebe ich ihm einen über den Schädel.« Dann klappert das Tor wieder. Der Schlüssel klirrt wieder. Der Stolperschritt kommt. »Ich hab den Schlüssel wieder beim Butterfaß hingehängt. Ich geh dann jetzt. Soll ich dich wieder ins Bett legen?« »Wo hast du ihn denn?« »In den Taschen. Lose. Das fällt nicht auf. – Soll ich dich auf das Bett legen?« »Ich liege so gut. Geh man.« »Dann gehe ich also.« »Das tu denn man.« 9Es ist ein strahlender Morgen und genauso strahlend, genauso hell, genauso rund wie die sieghafte Augustsonne kommt Bürgermeister Gareis um die neunte Stunde in das Büro von Assessor Stein. »Guten Morgen, Assessorchen. Nun, wie geht's? Gott, sehen Sie schon wieder schwarz und nervös und faltig aus! An so einem Morgen! Bummeln gewesen, gestern abend?« Er läßt den Assessor nicht zu Worte kommen. »Ich war gestern abend aus in Berlin. Mensch, ich sage Ihnen, was für eine Stadt wieder! Was es da für Arbeit gibt! Ich möchte los auf Berlin.« Er steht da und schaukelt den massigen Bauch in Weste und Hose. Er lacht. »Die Ochsen hier sagen, ich will Oberbürgermeister werden. Gott ja, vielleicht will ich das auch ein bißchen werden, schon um das Verwaltungsgenie, den Niederdahl, zu ärgern. Aber mein Lebtag arbeiten hier in Altholm –? Danke! Ein gemütliches Heim mit Garten und abends Rosen züchten und bei jedem städtischen Etat denselben stinkenden Handel mit den Parteien –? Danke nein. Berlin!« Er läßt sich mit aller Wucht in einen Sessel fallen, der erzittert. »Oder meinethalben auch Duisburg. Oder Chemnitz. Oder ein Dings mit zehntausend Einwohnern vor den Toren von Berlin, das man ankurbeln kann. Aber Altholm? Altholm? Was denken Sie sich eigentlich unter Altholm?« »Ich glaube«, sagt der Assessor spitz, »Sie waren heute morgen noch nicht in Ihrem Büro?« »War ich auch nicht. Und wenn ich Ihr Gesicht seh, Steinchen, hab ich alle Lust, heute mal die Schule zu schwänzen und ins Land zu fahren. Was meinen Sie, wenn wir uns den Wagen kommen ließen, und irgendwo an die See, in die Dünen fahren würden? Baden, Schwimmen. Hinterher irgendwo fressen. Es wird ja noch einen Landgasthof geben, wo sie meine Visage nicht kennen und uns trotz Boykott was zu essen geben. Und dann durch die Nacht ganz sachte nach Haus ...« »Hier bei uns sind schon längst alle Lampen ausgedreht«, sagt rätselhaft der Assessor. »Ich dreh sie wieder an, Steinchen, ich tu's. Also ist wohl wieder irgendein Mist passiert, den Tag, wo ich weg war. Das ist immer so. Ich brauch nur mal einen Nachmittag Koffer zu packen, gleich schlagen sich die Leute auf dem Marktplatz tot.« »Ich würde doch mal rübergehen, Bürgermeister.« »Wenn ich weiß, ich muß in Schiet treten, warum denn so eilig? Ist es wieder Bauernschiet?« Assessor Stein nickt kummervoll. »Wissen Sie, die Bauernsache interessiert mich nicht mehr. Die ist mir so egal. Die ist erledigt. Steinchen, ich war beim Minister. Wir haben alles durchgeklönt, das ist noch ein Mann. Da kriegt man wieder Mut zur Partei, daß das nicht nur Streithammel und Geschäftemacher sind, sondern auch Leute, die was schaffen wollen. Ganz egal wie. – Nee, der Bauernrummel ist vorbei. Die Herren von der Rechten werden im Landtag ihre Antwort bekommen und die wird klar sein. Deutlich wird die sein, die fragen nicht wieder. Assessor, der Minister steht hinter uns.« »Der Regierungspräsident aber nicht.« »Der Temborius? Das Aktenmännchen? Der Paragraphenkuchen, mit Staub bestreut? Was kann der noch wollen, wenn sein Chef entschieden hat?« »Wenn der aber vorher entschieden hat?« Der Dicke lehnt sich ganz in seinen Sessel zurück, schließt die Augen, dreht die Daumen. »Also«, sagt er langsam, »Herr Assessor Stein, dann treten wir mal wieder mit dem Vollgewicht unserer Persönlichkeit in die Scheiße. Was ist los?« »Temborius hat geschrieben. An den Magistrat. Auch an Sie. Ihr Brief liegt noch auf Ihrem Platz. Aber der an den Magistrat genügt schon. Höchstes Mißfallen.« »Das habe ich schon vorher gewußt.« »Frerksen ist seines Postens enthoben.« »Was!!!!!« Der Dicke schnellt aus seinem Sessel. »Frerksen enthoben! Das ist unmöglich. Das ist Verrat. Der Verwaltungshengst fällt uns in den Rücken. Die Regierung kriecht vor den Bauern. Die Regierung verrät ihre eigene Polizei. Das geht nicht. Er darf dem Minister nicht vorgreifen!« »Er hat es getan.« »Schnell, Assessor! Laufen Sie! Den Brief will ich haben. Holen Sie mir meinen Brief. Glauben Sie, ich habe Zeit? Ich will diesem Gesellen in Stolpe zeigen, wer die Nerven hat, wer kämpfen kann, hinter wem die Arbeiterschaft steht … Laufen Sie!« Der Assessor kommt schon wieder. Er gibt an Gareis den Brief. Der fetzt ihn auf, im Stehen. Der überfliegt ihn. Liest ihn noch einmal. Dann läßt er ihn sinken. »Da soll ein Mensch noch arbeiten. Dieses Verwaltungsgenie! Meinen ganzen Laden hat er mir zertöppert. Jetzt, sage ich Ihnen, Assessor, ist der Boykott konsolidiert. Wehe Altholm! Der Regierungspräsident schlachtet dich.« Der Dicke wendet sich, geht gegen die Fensterscheiben, starrt hinaus. Kommt wieder zurück: »Ziehen Sie doch die Vorhänge zu. Diese pralle Augustsonne ist unerträglich. Also, Assessor, Sie können es ruhig lesen. Herr Regierungspräsident Temborius mißbilligt aufs schärfste. Die Demonstration war zu verbieten. Wenn aber die Polizei vorging, so hätte sie das nach den Richtlinien des Geheimbefehls tun sollen.« Er bricht ab: »Dieser verschwundene Geheimbefehl. Wenn ich nur eine Ahnung hätte, was darin stand. Ich kann doch dem Temborius nicht sagen, daß ich ihn nie gelesen habe.« Er schaut wieder in den Brief: »Vollends die Art, wie der Polizeioberinspektor Frerksen vorging, gibt zu heftigstem Tadel Anlaß. Frerksen wird bis zum Abschluß des Gerichtsverfahrens von der Polizeiexekutive entbunden und darf nur im Innendienst beschäftigt werden. Endgültige Stellungnahme bis zum Gerichtsverfahren vorbehalten. Die Akten an den Herrn Minister des Innern weitergegeben.« Plötzlich grinst der Riese, grinst über sein ganzes fettes Vollmondantlitz, und es ist gar kein Zweifel: er freut sich wirklich. »Also, dies, lieber Assessor, ist, was man eine glatte Niederlage nennt. Temborius war rascher. Ich dachte wunder wie schlau ich war, als ich sofort zum Minister fuhr.« Der Dicke sinnt, der Sturm ist vorbei. »Ich werde«, spricht er, »den Frerksen erst mal in Urlaub schicken. Rufen Sie an und lassen Sie ihn sofort herkommen. Er kann erst mal vier Wochen verschwinden. – Dann werde ich rumgehen beim Magistrat und alle ehrenwörtlich verpflichten, daß Sie das Maul halten. Sie denken, die geben ihr Ehrenwort nicht? Lieber Stein, jetzt wird scharf geschossen, jetzt gibt es keine Gnade, jetzt trete ich den Leuten vor den Bauch, wenn sie nicht tun, was ich will. Diese Briefe von Temborius, diese Entscheidung – davon darf kein Mensch was wissen. Der Schaden wäre zu groß. Und da es schließlich um den Geldbeutel der Bürger geht, wird der Magistrat schweigen.« Es klopft und eintritt der Oberinspektor Frerksen. »Sagen Sie mal, Frerksen«, sagt Gareis. »Was ist das für ein Gemunkel in der Stadt mit Ihrem Säbel? Sie haben doch Ihren Säbel?« »Jawohl, Herr Bürgermeister.« Und er legt die Hand auf den Säbelkorb, aber sein Gesicht rötet sich. »Ja, was reden denn die Leute von Ihrem Säbel? Haben Sie den mal nicht gehabt?« »Jawohl, Herr Bürgermeister.« »Bitte nicht gar zu militärisch. Dann kapiere ich nämlich nichts. Ihr Säbel ist Ihnen also abgenommen?« »Jawohl, Herr ...« »Schön. Schön. Und wann haben Sie den Säbel wiedergekriegt?« Schweigen. »Jetzt können Sie nicht mal mehr militärisch antworten. Sie haben ihn also gar nicht wiedergekriegt?« Schweigen. Der Bürgermeister richtet sich auf: »Ist es etwa richtig, daß der Funktionär der KPD, Matthies, im Besitz Ihres Säbels ist, Herr Oberinspektor? Er rühmt sich nämlich damit.« »Ich weiß es nicht, Herr Bürgermeister. Er hat mir den Säbel nachgebracht, da hatte ich keine Scheide. Und dann, nachher, da habe ich ihn vergessen.« »So. So. Sie hatten Ihren Säbel vergessen. Den vergißt man ja so. Der Professor und der Regenschirm. Der Oberinspektor und der Säbel. Nun noch eins: wollen Sie mir erklären, warum Sie das Verlieren des Säbels, das Nachtragen des Säbels, das Vergessen des Säbels in all Ihren wortreichen Berichten über die Demonstration nicht mit einem Wort erwähnt haben? – Ja, bitte! Jetzt haben Sie das Wort, Herr Oberinspektor.« Aber Frerksen spricht nichts. »Wollen Sie mir vielleicht auch erklären, Herr Oberinspektor, wie Ihr Junge dazu kommt, in der Schule zu verbreiten, Sie hätten gesagt, die Bauern wären alle Verbrecher und gehörten an die Wand? Nein, bitte, bitte, Herr Oberinspektor! Keine Redensarten. Ihr Junge hat das gesagt, der Direktor des Gymnasiums hat es mir selbst gemeldet.« Frerksen steht stumm. »Ja, Herr Oberinspektor, Sie hören zu. Sie antworten nicht. Vielleicht wollen Sie Zeit haben, sich Ihre Antworten zu überlegen? Sie sollen sie haben. Ich bitte Sie, nach Haus zu gehen und sich als auf Urlaub befindlich anzusehen. Den Urlaub verbringen Sie nicht in Altholm. Er läuft vorläufig vier Wochen. Sie geben mir Ihre Adresse. Ich mache Ihnen dann noch Mitteilung, ob der Urlaub verlängert wird. Das war alles, Herr Oberinspektor.« Das Wesen in blauer Uniform schlägt die Hacken zusammen. Dann, endlich, geht die Tür zu. Der Assessor sagt mit weißem Gesicht: »Gott, Herr Bürgermeister, das verzeiht Ihnen der Frerksen nie.« »Verzeihen –? Eines Tages wird er mir hierfür danken. Sollte ich ihm sagen, daß ihn der Präsident seines Amtes enthoben hat? Erstens hätte er's weitergequatscht. Zweitens wäre sein Selbstgefühl völlig futsch gewesen. Jetzt ist er in der schönsten Wut auf mich. Das stählt ihm den Rücken. Er ist immer ein bißchen Semmel gewesen, der gute Frerksen, eine sehr weiche Semmel. Mag er ruhig ein bißchen braun und kroß werden.« 10Es gibt einen Menschen in Altholm, der leidet wirklich unter den Folgen des 26. Juli, der leidet darunter Tag und Nacht. Es war nicht schwer zu raten, welche Stellung das Gymnasium Altholms zu den Ereignissen am 26. Juli nehmen würde: ein Fahnenträger, der mit seiner Fahne fällt, war ein zu überzeugendes Bild, als daß die Jungen sich ihm hätten entziehen können. Und da Henning ein Held war, folgte klar, daß seine Angreifer Schurken waren. Wer aber war der Heerführer der Schurken gewesen? Wer hatte die Säbel zücken lassen auf den unseligen Einzelnen? Niemand anders als Polizeioberinspektor Frerksen. Der war die schwarze Macht, der Nifling, der Unholde, er war der Ephialtes, der Welsche, das böse Prinzip. Und es war gemein, daß es doch einen Verteidiger für einen solchen Mann gab. Was für ein Schwein mußte dieser Verteidiger sein, der ganz klar Schwarz in Weiß verdrehte und Weiß in Schwarz! Hans Frerksen, elfjährig, Schüler der Quinta (grüne Mütze, gedrehte Goldschnur auf blauem Grund), hatte jeden Tag seinen Kampf zu kämpfen für den Vater. Er kämpfte ihn wacker, ohne ein Wort zu Haus. Es hatte sachte angefangen am Tage nach der Demonstration mit Fortgucken, Tuscheln, Großansehen, Isolieren. Hans hatte ja in jener Nacht ein Gespräch angehört im Schlafzimmer der Eltern, das auch sein Schlafzimmer war. Seine schwache Blase hatte ihn diesmal grade zur rechten Zeit geweckt, um vom Vater zu hören, daß diese Bauern Schurken waren, Verbrecher, die kein Mitleid verdienten. Er hatte innerlich gelächelt, als sie ihn so anstarrten, diese Bande war ja so dumm. Sie wußten über nichts Bescheid. Immer schimpften alle zuerst auf die Polizei und nachher sahen sie ein, daß die es doch recht gemacht hatte. Aber die Isolierung dauerte ein wenig lange, für ein Kind jedenfalls. Auf dem Hof, in der Pause, war er Gegenstand des Angestarrtwerdens geworden. Große Schüler, selbst Primaner, ließen sich in seine Nähe führen, betrachteten ihn, sagten: »So, das ist der«, und gingen wieder weg. Nach den Pausen, wenn sich alles durch die engen Türen, über die zu schmalen Treppen drängte, war um Hans Frerksen eine Luftschicht, ein freier Raum. Sie kamen nicht gerne an ihn heran. Es dauerte erschreckend lange, bis die Wahrheit bekannt wurde, und das schlimmste war: auch die Lehrer ließen sich anstecken. Es gab da verschiedene Methoden. Manche fragten ihn besonders viel, manche übergingen ihn grundsätzlich. Aber in der Art des Fragens, in der Art des Übergehens, lag dies: »Das ist der Frerksen, der Sohn von dem Frerksen.« Er wurde isoliert, also isolierte er sich selbst. Mit dieser ganzen Bande wollte er nichts zu tun haben, gut, er konnte warten, eines Tages würden sie zu ihm kommen, dann würde er sie nicht kennen. Keinesfalls wollte er verzeihen. Er wollte unerbittlich sein, stolz. Aber dann, an irgendeinem Tage, änderte Hans Frerksen die Taktik. Er war so hohl innen, es war nichts mehr in ihm, sein Stolz war erschöpft. Er ging zum Angriff vor. Er drängte sich in die Kreise der andern, er redete dazwischen, es kümmerte ihn gar nichts, wenn sie weggingen. Ging er eben nach. Er fing an zu sprechen von diesen Bauern, diesen Verbrechern, und er erreichte wenigstens, daß sie ihm zuhörten. Aber sie fragten gar nichts, sie stritten nicht mit ihm, sie hörten zu und dann gingen sie weg und lachten höhnisch. Es gab jetzt Namen für ihn, auch Anspielungen wurden gemacht. Schrecklich viel war von einem gewissen Säbel die Rede, er verstand kein Wort davon. Dann legten sie ihm Nummern der Bauernschaft in sein Pult. Da war die Säbelgeschichte erzählt, da waren Schimpfkanonaden zu lesen auf den roten Frerksen, den Blut-Frerksen, der am liebsten in Bauernblut badete. Es war natürlich alles erlogen, aber stille sein konnte man nicht dazu, man steigerte sich, wie die sich steigerten, man sprach von den Verbrechern, die an die Wand gestellt zu werden verdienten. Es ging wie es ging. Zuerst kam er vor seinen Ordinarius und einige Tage später vor seinen Direktor. Dies und das. »Hast du das gesagt von Verbrechern, die man an die Wand stellen sollte?« »Ja«, sagt Hans Frerksen. »Aber wie kannst du das? Wo hast du das gehört?« »Das hat mein Vater gesagt und mein Vater weiß Bescheid.« »Junge, überlege dir! Das kann dein Vater doch nicht gesagt haben!« »Doch. Das hat er gesagt.« »Aber Frerksen. Hier sind viertausend Bauern in der Stadt gewesen. So alt bist du doch schon, zu wissen, daß die nicht alle Verbrecher sein können. Soll man die alle totschießen?« »Ja.« »Aber du hast doch sicher gelesen, daß auch ein Dentist schwer verletzt worden ist, ein ganz Unbeteiligter. Das ist doch nun gewiß kein Verbrecher?« »Doch«, sagt der Junge. »Aber wieso? Überlege doch. Ein einfacher Dentist, der zu einem Patienten geht?« »Man soll sich nicht an Aufläufen beteiligen. Man soll weggehen, wo Aufläufe sind, sagt Vater. Wenn man in Aufläufe geht, trägt man selbst die Gefahr.« »Aber dann ist man doch kein Verbrecher.« »Doch«, sagt der Junge. Der Herr Direktor ärgert sich: »Nein, das ist man nicht. Die Bauern sind keine Verbrecher.« »Doch«, beharrt Hans Frerksen. »Du hörst, daß ich nein sage. Ich bin dein Lehrer. Ich weiß das besser als du.« »Vater sagt, daß es Verbrecher sind.« Und mit Zähigkeit: »Die gehören alle totgeschossen.« »Nein!« brüllt der Schulherr. Und ruhiger: »Ich bin betrübt, daß ich dies von dir hören mußte. Ich weiß, du wirst später anderer Ansicht sein.« »Nein!« »Du hast jetzt stille zu sein und zuzuhören. Du wirst später anderer Ansicht sein, sage ich ...« »Nein«, sagt der Junge. »Zum Donnerwetter, hältst du jetzt deinen Mund! Ich werde dich bestrafen. – Hörst du, ich verbiete dir, mit deinen Kameraden, in der Schule, auf dem Hof von diesen Dingen zu reden. Kein Wort sprichst du mehr davon, verstanden?« Der Junge sieht ihn trotzig an. »Ob du verstanden hast, frage ich.« »Aber wenn die anfangen! Ich kann doch nicht gegen meinen Vater reden lassen.« »Dein Vater ... Gut, ich werde deinem Ordinarius sagen, daß der Klasse verboten wird, davon zu reden. Dann wirst du auch still sein, nicht wahr?« Der Junge sieht ihn an. »Also gut, dann geh schon, Frerksen.« An der Tür ruft er ihn noch einmal an. »Wann hat dein Vater das gesagt von den Verbrechern?« »In der Nacht nach der Demonstration.« »In der Nacht? Bist du denn wach gewesen?« »Ja.« »Schläfst du im Schlafzimmer deiner Eltern?« »Ja.« »Hat er es zu dir gesagt oder zu deiner Mutter?« »Zur Mutti.« »Gut. Schön. Dann geh schon.« Er ist gegangen. Aber eigentlich war es schlimmer danach als vorher. Sicher, in seiner Gegenwart wurde nicht mehr darüber gesprochen. Aber ganz abgesehen davon, daß sie ewig hinter seinem Rücken darüber brabbelten, sprachen sie nun überhaupt nicht mehr mit ihm. Er war ausgestoßen, ein Geächteter, er hatte verraten, gepetzt. Der Sohn wie der Vater, Schurken beide. Hans hat zehnmal den Entschluß gefaßt, mit der Mutter davon zu reden. Aber wenn er sie sah, ängstlich, scheu, mit rotgeweinten Augen, schwieg er. Er verstand, daß es ihr nicht anders ging wie ihm. Die Großeltern kamen nicht mehr und die Verwandten kamen auch nicht mehr ins Haus. In den Semmelbeutel an der Tür war schon zweimal morgens Dreck getan und die Kirschbäumchen im Garten hatte jemand nachts abgeknickt. Jeder trug seine Last, auch Grete, wenn auch Mädels ganz anders sind, die quatschen so lange über alles, bis sie selbst nicht mehr wissen, woran sie sind. Er kommt mittags nach Haus und hängt seine Mütze an den Haken. Legt seine Schultasche auf den Stuhl im Vorraum. Papa ist schon da. Sein Säbel hängt an der Garderobe. Dieser verdammte Säbel! Natürlich ist alles gelogen, was sie darüber sagen. Aber Hans wüßte doch gern, wo der alte Säbel ist. Dieser ist neu, das hat er gleich gemerkt. Aus dem Dunkel hinter dem Kleiderständer kommt die Mutter heraus. Sie weint so, die blanken Tränen laufen ihr über das Gesicht. »Oh, Hans, Hans, was hast du gemacht! Der Vater ...« Der Junge sieht sie an: »Weine doch nicht, Mutti. Ich habe gar nichts gemacht.« »Lüg nicht, Hans. Um alles in der Welt, lüg nicht. Da, geh rein zu Vater. Ich wollte, ich könnte dir helfen, mein armer Junge. Sei mutig und lüge nicht.« Der Junge geht ins Zimmer vom Vater. Der steht am Fenster und sieht hinaus. »Guten Tag, Vater«, sagt der Junge und bemüht sich, sehr mutig zu sein. Der Vater antwortet nicht. Eine Weile stehen die beiden und das Herz von Hans tut schrecklich schnelle, schmerzende Schläge. Dann dreht sich der Vater um. Der Sohn sieht den Vater an. »Hans! Was hast du ... Nein, komm näher. Stell dich vor mich und sieh mich an. Sage die Wahrheit, Junge. Was hast du mit deinem Direktor gesprochen?« »Die andern Jungen ...« »Das interessiert mich nicht. Keine Ausflüchte. Was war mit Direktor Negendank?« »Der Direktor hat mich gefragt, ob ich das gesagt habe, daß die Bauern Verbrecher sind, die totgeschossen verdienen.« »Und –?« »Da habe ich ja gesagt. Dann hat er mich gefragt, ob auch der Dentist ein Verbrecher ist.« »Ja und –?« »Da habe ich gesagt, das ist auch einer. Wenn einer in einen Auflauf geht, dann ist er selber schuld, wenn er was abbekommt.« »Und? Weiter!« »Da hat Direktor Negendank gesagt, das sind keine Verbrecher. Da hat er mir verboten, daß ich es wieder sage.« »Und –?« »Das ist alles. Dann hat er mich fortgeschickt.« »Ist das alles –?« fragt der Vater. »Hast du nicht zum Direktor gesagt, ich hätte das gesagt von den Verbrechern und dem Totschießen?« Der Junge sieht den Vater abwartend an. »Hast du das gesagt? Antworte! Ich will das wissen.« »Ja«, sagt der Junge leise. »Darf ich dich vielleicht auch fragen, wieso du dazu kommst, derartige Lügen zu verbreiten? Wie kommst du dazu? Wer hat dir gesagt, daß du das erzählen sollst?« »Keiner.« »Wer hat das gesagt? Habe ich das gesagt?« »Ja, Vater.« »Da!« Der erste Schlag trifft ihn. Es ist der Schlag eines starken Mannes ohne Beherrschung in das Gesicht des Kindes geführt. »Ich werde dich lehren! Ich habe das gesagt? Wann habe ich das gesagt?« Der Junge hält die Hände vorm Gesicht und schweigt. »Nimm die Hände runter. Stell dich nicht so an. Wann habe ich das gesagt?« »In der Nacht damals. Zu Mutti.« »Da! Da! Da! Nie habe ich das gesagt! Nie!« »Doch!« brüllt der Junge. »Nie! hörst du: Nie! – Änne, komm mal her.« Die Frau tritt ein, bleich, zitternd, verweint. »Da sieh dir diesen Burschen an, deinen Herrn Sohn. Meine ganze Stellung ruiniert er mir, mit seinem verbrecherischen Geschwätz. Dieser verlogene Bengel behauptet, ich hätte zu dir in der Nacht nach der Demonstration gesagt, die Bauern wären alle Verbrecher, die totgeschossen zu werden verdienten. – Habe ich das gesagt, Änne?« Der Sohn sieht die Mutter an, flehend, tiefernst. Die Mutter sieht auf den Sohn, dann auf den Mann. »Nein«, sagt sie zögernd, »so hast du das ...« »Ach was! Jetzt kein Gerede! Ganz klar: habe ich das gesagt? Ja oder nein?« »Nein«, sagt Mutti. »Da hast du es! Du elender Lügner! Da! Da! Da! Laß das, Änne. Der Bengel hat Prügel verdient. Läßt du meine Hände los, Änne!« »Nein. Nein. Jetzt nicht, Fritz. Nicht in der ersten Hitze. Er hat dich doch nur verteidigen wollen, Fritz!« »Ich danke für seine Verteidigung. Ich danke für die Verteidigung eines Lügners. Sofort gehen wir zu Direktor Negendank, und du sagst ihm, daß du gelogen hast. Und wehe dir, wenn du noch muckscht!« Er faßt den Sohn eisern ums Handgelenk. Schleppt ihn durch die Straßen zum Gymnasium. Aber der Direktor ist in seiner Wohnung. Weiter den Weg. Der erhitzte, zitternde Mann schleppt das Kind neben sich her. Der Direktor ist jetzt nicht zu sprechen. Der Direktor ist beim Mittagessen. Der Direktor muß zu sprechen sein. – – – »Hier, Herr Direktor, bringe ich Ihnen meinen Sohn. Heute erst habe ich erfahren, wie unverschämt, wie maßlos er Sie belogen hat. Hans! Sofort bittest du Herrn Direktor um Verzeihung. Sage: ich habe gelogen.« Der Direktor, die Serviette in der Hand, tritt verlegen hin und her. »Herr Oberinspektor, so geht das nicht. So in der Hitze. Sehen Sie das Kind. Das Kind muß geschont werden.« »Ach was, geschont! Verzeihen Sie, aber wer hat mich geschont? – Sag: ich habe gelogen, Herr Direktor.« »Ich habe gelogen.« »Mein Vater hat nichts davon gesagt, daß die Bauern Verbrecher sind.« »Mein Vater hat nichts davon gesagt, daß die Bauern Verbrecher sind.« »Sie sollen nicht totgeschossen werden.« »Sie sollen nicht totgeschossen werden.« »Ich habe das alles erlogen.« »Ich habe das alles erlogen.« »So. – Natürlich kann dir der Herr Direktor heute noch nicht verzeihen.« »Doch. Doch. Ich bin sogar der Ansicht ...« »Nein. Keine Milde. Ich bitte, ihn auch streng in der Schule zu bestrafen. Wahrscheinlich werde ich ihn umschulen. Für solche Lügner ist ein Gymnasium viel zu gut ...« »Lieber Herr Oberinspektor, wollen Sie sich nicht beruhigen? In der ersten Hitze. Und über die Sache läßt sich so vieles sagen. Lügner ... Lügner ... Und er ist doch nur ein Kind. Frerksen, geh einmal dort in das Zimmer.« »Nein. Er bleibt hier. Wir müssen sofort zu Herrn Bürgermeister Gareis. Da hat er auch seine Lüge zu gestehen. Hans, nimm deine Mütze, wir gehen ...« »Das ist unmöglich, Herr Oberinspektor. Sehen Sie doch den Jungen an. – Dacht ich's mir doch! Da liegt er. – Komm, mein Junge. Ja, dir ist schlecht geworden. Hier legen wir dich hin. – Ein Glas Wasser, Frau. – Herr Oberinspektor, es ist vielleicht besser, Sie machen Ihren Besuch bei Herrn Bürgermeister allein. Schicken Sie dann bitte Ihre Frau. Die kann den Jungen abholen. Nein, bitte, gehen Sie jetzt Ich habe jetzt wirklich keine Zeit für Sie, Herr Oberinspektor. Der Junge ist, im Moment wenigstens, wichtiger. Guten Tag, Herr Oberinspektor.« Im benommenen, verwirrten Kopf denkt der Junge ununterbrochen: Vater lügt. Mutti lügt. Vater lügt. Mutti lügt. Zwei Tage später liest er im Aushangkasten der Chronik, daß der Polizeioberinspektor Frerksen vorläufig wegen falscher polizeitaktischer Maßnahmen seines Amtes enthoben worden ist. Da ist der Vater schon in Urlaub. Abgereist. 11Wenn Stuff etwas wissen will von der Kriminalpolizei, muß er die Herren immer aufsuchen. Zu ihm kommen sie nicht. Es wird das oben nicht gerne gesehen. Für einen Beamten ist es immer etwas kompromittierend, durch die Tür der Chronik zu gehen. Eine Ausnahme macht allein Perduzke, der ewige Kriminalassistent, der immer noch auf Beförderung wartet und es mit den Roten nicht verderben kann, weil er es längst mit ihnen verdorben hat. Emil besucht manchmal seinen Männe. Dann hängen sie die Köpfe über die große Schreibtischplatte, dann schwärmen sie davon, wie schön es war, als noch Militär, ein ganzes Infanterieregiment, in Altholm lag. Dann schimpfen sie über die heutigen Zeiten, von der Schlechtigkeit der Welt, die von den Roten kommt, dann läuft der Setzerlehrling rastlos über den Hof und holt Zigarren und Bier, Schnaps und Bier. Heute bleibt Perduzke streng an der Tür stehen, er holt etwas Weißes aus der Tasche, entfaltet es. »Ich komme dienstlich, Herr Stuff.« »Schön. Deswegen kannst du dich doch setzen. Oder willst du mich gleich verhaften?« Perduzke grinst: »Das möchten die! Denen liegst du schwer auf dem Magen mit deiner ewigen Stänkerei. – Was das heute wieder für eine Lauferei war auf dem Rathaus!« »Lauferei? Wieso?« »Wie wenn du mit 'nem Stock einen Ameisenhaufen umrührst. Ich hab so was läuten hören. Auf der Schreibtischplatte von Gareis hat ein Brief vom Regierungspräsidenten gelegen. Und siehe da, plötzlich, in zwei Stunden, geht Frerksen auf Urlaub.« »Emil! O schöner süßer Emil! Frerksen geht auf Urlaub! Wird gegangen auf Urlaub! Der Regierungspräsident greift ein. Das Vorgehen der Polizei nicht rechtmäßig.« Tiefernst: »Was hat in dem Brief gestanden, Emil?« »Ich weiß es nicht. Bei Gott, Männe, ich weiß es nicht.« »Emil, sei nicht feige. Ich schwöre dir, Emil, ich verrate dich nie. Emil, was willst du? Willst du Schnaps? Willst du eine echte Bock? Willst du drei echte Bock? Willst du sieben Cognac? Alles! Aber was stand in dem Brief?« »Ich weiß es nicht, Männe. Ich bitte dich auch dringend, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Woher weißt du, daß der Brief und der Urlaub zusammenhängen?« »Frerksen in Urlaub! Das ist der Anfang! Ich sage dir, Emil, der kommt nicht wieder. Der ist erledigt. Und was im Briefe stand, das kriege ich auch noch raus.« »Ich bin aber dienstlich hier, Männe. Du hast da in Nummer einhunderteinundsiebzig der Chronik einen Offenen Brief veröffentlicht.« »Ja? Habe ich das? Wenn du es sagst, wird es stimmen, Emil.« »Dieser Brief ist gezeichnet Kehding.« »Kehding? Nun ja, es gibt viele Kehdings. Was stand drin in dem Brief?« Perduzke grinst: »Na, lies ihn dir erst mal durch. Sonst wird das Verhör zu lang.« Stuff liest den Brief mit gerunzelter Braue: »Ja so. Das habe ich aber nicht reingebracht. Das ist nicht redaktionell, das ist ein Inserat. Soviel sehe ich an dem dicken schwarzen Rand.« »Ach so, du kanntest den Brief gar nicht?« Stuff freut sich: »Ich habe doch nichts mit Inseraten zu tun! Ich bin doch Redakteur, das sollte selbst ein Kriminalassistent wissen.« »Und wer weiß mit Inseraten Bescheid?« »Och, ich glaube keiner. Das macht so unser Fräulein. Oder wer grade da ist. Wenn die Leute früh kommen und es ist noch keiner da, dann nimmt auch die Reinmachefrau Inserate an.« »Nee? So ist das? Das hatte ich nicht gewußt. Ist das bei den Nachrichten auch so?« Stuff macht eine ausladende Handbewegung: »Bei den Nachrichten? Das ist auf der ganzen Welt so, bei den größten Zeitungen. Inserate, das ist wie Fliegendreck. Damit gibt man sich doch nicht ab.« Perduzke mustert streng die Verzierung am Ofen: »Dann ist es wohl auch aussichtslos, wenn ich frage, ob das Manuskript von dem Inserat noch da ist?« »Das ist vollkommen aussichtslos, mein lieber Emil!« »Die werden nicht etwa aufbewahrt, die Inseratentexte?« »Aufbewahrt! Hast du eine Ahnung, Emil, wie die Manuskripte aussehen, wenn sie abgesetzt sind? Die sind schwarz, sage ich dir, von den Setzerpfoten, da ist ein Neger Schnee dagegen.« »Und du erinnerst dich wohl auch zufällig nicht, wo dieser Kehding, der ja wohl Landwirt ist, nach dem Offenen Brief zu urteilen – wo der her war?« »Wo mag der her gewesen sein? Ja, das ist schwer zu sagen.« Stuff seufzt. Geht an den Bücherschrank. »Wir haben da Niekammers landwirtschaftliches Güteradreßbuch für die Provinz Pommern. Da steht er sicher drin. Du weißt nicht zufällig, seinen Vornamen, Emil?« Perduzke sieht vor sich und schluckt: »Nein, den weiß ich zufällig nicht, Männe.« »Aber den Ort weißt du doch, wo er wohnt, mein lieber Emil? Vielleicht gibt es in dem Ort nur drei, vier Kehdings, da kann man ihn vielleicht ermitteln.« »Nein, grade den Ort solltest du mir sagen, mein herziger Männe.« »Huch!« schreit Stuff. »Süßer! Der Frerksen ist in Urlaub! Der Frerksen, der ist abgesägt! Der Frerksen ist perdu!« Er singt es und schlägt dazu den Takt mit der Faust auf die Schreibtischplatte. »Bist du durch mit dem Dienst, Emil?« »Du gibst mir also amtlich die Auskunft, daß das Manuskript von dem Offenen Brief nicht mehr existiert und daß du den Wohnort von dem Kehding nicht kennst?« »Geb ich dir amtlich. Was ist's mit ihm? Strafantrag?« »Ja. Von der Stadtverwaltung. Wegen Nötigung.« »Na ja. Die müssen's ja wissen. Und du weißt nicht, was in dem Brief vom Präsidenten stand? Außerdienstlich, Emil!« »Außerdienstlich auf Ehre nee!« »Dann muß ich es anders rauskriegen«, sinnt Stuff. »Das muß rauszukriegen sein.« »Wieso darf eigentlich Manzow immer mit kleinen Mädchen Geschichten machen und es passiert ihm nichts?« fragt Perduzke. »Ach!« sagt Stuff gedehnt. »Du hast auch was läuten gehört? Aber es ist eine Idee. Manzow ist ein großer Mann und ein Freund vom Dicken.« »Ich habe nichts gesagt«, erklärt Perduzke. »Hast du nicht«, bestätigt Stuff. »Jetzt gehen wir einen trinken. Und dann grabe ich den Tomahawk aus und gehe auf den Kriegspfad gegen den großen Häuptling Manzow. Hugh!« »Du bist ein großes Kind, Männe«, bemerkt Perduzke. Stuff sieht ihn trübe blinzelnd an: »Schaum, Emil. Nichts wie Schaum. Ich wollte, ich wäre es.« 12Manzow hat mitten in der Stadt seinen wirklich schönen Garten, mit reich tragenden Obstbäumen, mit Blumen und Rasen, mit Büschen – trotzdem geht er wirklich manchmal in ihm spazieren, obwohl die Aussichten auf Lul-Lul-machende Kinder wie 1:10 000 sind. Stuff sieht ihn schon von weitem und ist noch nicht gesehen. So kann er sich vorsichtig anschleichen, denn aus Erfahrung weiß er, daß der große Manzow ihm gerne, bei aller Freundlichkeit, ausweicht. Das datiert noch aus der Zeit, da die Chronik Stahlhelmblatt war. Und Manzow war schon damals Demokrat. Stuff holte vernichtend gegen den großen Wirtschaftsführer aus (vernichtend für die Abonnentenziffern der Chronik), aber man verdachte es ihm sehr, daß er auch ein paar Anspielungen auf den Kinderfreund Manzow gemacht hatte. Eine harmlose Schrulle. Er tut doch keinem was. Er ist so ein Original. Und die Kinder verstehen doch nichts davon. Stuff ist ganz nahe. Er macht rasch zehn Schritte, lehnt sich über den Gartenzaun und ruft: »Guten Tag, Herr Manzow. Ein schöner Tag, was?« »Finden Sie?« fragt Manzow. »Übrigens guten Tag meinerseits. Sie entschuldigen mich doch. Die Frühstückspause ist vorbei. Die Arbeit ruft.« »Hat's ja sehr eilig«, denkt Stuff. »Es stimmt also. Hat Dreck am Stecken.« Und laut: »Ich hätte Sie gerne was gefragt, Herr Manzow.« »Ja? Ja? Ich habe aber wirklich keine Zeit.« »Ihr Betrieb läuft auch mal so«, erklärt Stuff. »Und es ist wichtig für Sie.« »Was wichtig für mich ist, weiß ich am besten. Meine Kunden selbst abfertigen, das ist wichtig.« »Und unterdes werden Sie öffentlich abgefertigt, Herr Manzow.« »Machen Sie keine Redensarten. Ich interessiere mich nicht für Geheimnisse.« Aber Manzow kommt doch näher und lehnt nun an der andern Seite des Zauns. »Was wollen Sie also wissen, Herr Stuff? Die Kollegien sind in den Ferien.« »Wissen? Nichts. Ich weiß alles. Sogar von einem bestimmten Brief des Regierungspräsidenten.« Stuff pausiert, und mit Befriedigung sieht er, daß der Schuß ins Schwarze traf. Manzow schnappt. Er schnappt tatsächlich nach Luft. »Ich sage es ja! Ich sage es ja! Nichts bleibt geheim. Woher in aller Welt ...« »Ich weiß noch mehr, Herr Manzow. Da ist noch ein Brief, ein Eingesandt. Oder genauer ein Überbracht.« »Nein, sagen Sie mir, woher wissen Sie, daß der Regierungspräsident an Gareis ...« »Ein Arbeiter hat es gebracht. Ein gewisser ... Matz?« Manzow schmeckt umher. Es scheint unbefriedigend zu schmecken. »Ja, ein Matz. Ein sehr langes Eingesandt. Kein hübsches Eingesandt, Herr Manzow. Die Leute werden mit den Nasen schnuppern, wenn sie's riechen.« »Man soll nicht glauben, was solche Kerle erzählen. Das sind wahre Erpresser.« »Hat er Sie erpressen wollen? Das hat er mir gar nicht gesagt.« »Seien Sie kein Idiot«, knurrt Manzow. »Das habe ich auch nicht gesagt.« »So? Nein? Ich hatte es so verstanden.« »Ich kenne gar keinen Arbeiter Matz.« »Aber die kleine Lisa Matz? Unter uns, ich habe auf dem Standesamt das Register eingesehen. Im April dieses Jahres zwölf Jahre alt geworden, Herr Manzow. Zwölf Jahre!« »Manche Mädels sind eben verdammt entwickelt. Außerdem ist gar nichts passiert.« »Nein. Natürlich nicht. Ständen wir sonst hier? Ständen Sie sonst hier?« »Ich, Herr Stuff«, sagt Manzow plötzlich wütend, »liebe Ihre Methoden nicht. Ich lasse mich nicht am langsamen Feuer rösten. Sie wollen was. Was wollen Sie?« »Sie vielleicht am langsamen Feuer rösten, Herr Manzow«, grunzt Stuff. »Ich bin nicht Ihr Affe, Sie!« brüllt Manzow los. »Gehen Sie zum Teufel! Tun Sie, was Sie wollen!« Er stürmt fort gegen das Haus. Stuff sieht ihm nach, greift in die Tasche, holt eine Zigarre heraus, besieht sie tiefsinnig, beißt sie ab und spuckt die Tabakblättchen aus. Drüben, unten im Garten, donnert die Tür zu. Stuff holt sein Feuerzeug aus der Weste, brennt langsam die Zigarre an. Bleibt am Zaun stehen. Ein Mädchen kommt hastig aus dem Haus gelaufen, ein Dienstmädchen mit dicken roten Armen. Stuff sieht mit stiller Freude beim eiligen Gang den gewölbten Busen in der lockeren Bluse auf und ab schaukeln. Das Mädchen ist rot und sehr verlegen: »Herr Manzow läßt sagen, Sie möchten nicht so auf seinem Zaun lehnen. Der Zaun ist frisch gesetzt und sackt weg, läßt Herr Manzow sagen.« »Danke schön«, sagt Stuff und blinkert mit den Augen. »Sag Herrn Manzow von mir, mein schönes Kind, daß ich hier stehenbleibe, bis der Zaun weggesackt ist.« Das Mädchen lächelt auch ein bißchen, nur ganz schnell, weil sie es ja eigentlich nicht darf, und geht wieder ins Haus. Nun sieht Stuff den Po hinter blauem Kattun schaukeln. Es ist ein umfangreicher Po, Stuff stützt den zweiten Arm auf den Zaun und schwärmt. Fünf Minuten vergehen. Stuff raucht. Die Tür öffnet sich, und Manzow kommt wieder. Er geht lächelnd an Stuff heran: »Ich habe es mir überlegt, ich will dem Matz hundert Mark geben und ihm eine Stellung in der Städtischen Gärtnerei verschaffen.« »Gut«, sagt Stuff und nimmt den einen Arm vom Zaun. »Und Sie.« Manzow greift in die Tasche. »Hier haben Sie eine Abschrift von dem Brief des Präsidenten. Das war doch, was Sie wollten?« »Wenn Sie«, sagt Stuff mit Nachdruck, »kein Demokrat wären, Herr Manzow, was wären Sie für ein Mann!« Er nimmt den andern Arm vom Zaun. »Gareis hat auch einen Brief bekommen. Er soll noch schärfer sein. Ich kenne ihn aber nicht.« »Gut. Der hier genügt mir schon.« »Ich will kein Ehrenwort von Ihnen, Herr Stuff. Aber sehen Sie, daß Sie das Maul halten. Ich schlittere sonst verdammt rein.« »Ich habe noch nie einen Gewährsmann verraten«, sagt stolz Stuff. »In einem Punkt muß man auf Sauberkeit sehen.« »Richtig«, sagt Manzow. »Ich für meine Person bade jeden Tag. Morgen.« »Morgen«, antwortet Stuff und starrt ihm nach, mindestens so bewundernd wie dem Köchinnenpopo. »Er ist ein Schwein, aber ein hundertprozentiges. Ein wahres Oberschwein.« Er schiebt los gegen die Redaktion. »Heute schlägt die Chronik wieder alle. Was der Heinsius platzen wird! Ach Gott, der schneidet es ja doch aus. Tintenkuli ist man bloß für die Affen von den Nachrichten.« 13Der Brief des Präsidenten in der Chronik, das war die Bombe, die einschlug. Die Stadt brauste auf, Köpfe fuhren zusammen und auseinander. Gareis mußte sich die Hand verbinden lassen, er hatte einen Aschenbecher zertrümmert vor Wut. Es war ja auch ein schöner, ein weiser Brief, er verteilte Licht und Schatten, er richtete es so ein, daß jeder sein Päckchen bekam: Bauern und Polizei. Oben aber im Himmel thront der Temborius. Die Regierung war milde gewesen und sanft, trotz der schlechten Erfahrungen hatte sie den Bauern noch einmal die Demonstration erlaubt. Die Bauern aber waren böse gewesen, eine Aufruhrfahne hatten sie mit sich geführt, eine nicht eingewickelte Sense hatten sie durch das Stadtgebiet getragen (Paragraph drei der Polizeiverordnung von Anno Tobak), hatten die Polizisten angegriffen, hatten aufreizende Reden geführt, Väterchen Staat verachtet. Die Polizei hatte recht getan vorzugehen. Die Polizei hatte nicht recht getan, so vorzugehen. »Über die Art der Durchführung der Polizeiaktion bestehen taktische Bedenken. Ich enthebe daher den Polizeioberinspektor Frerksen des Exekutivdienstes bis zum Abschluß einer gegen ihn schwebenden Untersuchung.« Sela. Toben, Jauchzen, Grinsen, Schluchzen. Und Gareis, nach dem ersten Wutanfall, hockt in seinem Zimmer, brütet: »Woher hat der Stuff das? Wer hat das dem Stuff gegeben?« Er läßt Tredup kommen, aber Tredup weiß nichts, weiß diesmal wirklich nichts. Gareis sieht ihm an, daß er nur zu gerne verraten hätte. Nein, nichts, aber er wird aufpassen, wird es zu erfahren suchen. Aber Tredup braucht nicht aufzupassen, Gareis weiß schon am Abend Bescheid. Manzow hat nichts verraten, Stuff hat dichtgehalten, trotzdem weiß Gareis am Abend, wer an Stuff die Abschrift gab. Da ist dieses Dienstmädchen von Manzow, die Person mit dem Schaukelbusen, sie erzählt, was der Stuff für ein netter Mensch ist. Er hat ihr zugezwinkert und zugelacht. Sicher ginge er gerne mal mit ihr aus. Der Mann, mit dem sie »geht«, dem sie das erzählt, fragt, woher sie denn den Stuff kennt. Von Manzow. Die beiden haben doch heute solchen Streit gehabt, sie hat doch den Stuff wegjagen sollen vom Gartenzaun. Nein, die beiden haben sich doch wieder versöhnt. Manzow ist wieder rausgegangen zu Stuff, und sie haben weiter geredet miteinander. Der Mann, der die Sympathien des Mädchens hat, ist ein Genosse. Ein SPD-Mitglied. Wenn Genossen etwas zu wissen glauben, so gehen sie damit zu Pinkus, dem Berichterstatter von der Volkszeitung. Der zahlt fünfzig Pfennig für jede Neuigkeit, die er brauchen kann. Diese kann er nicht brauchen, sie eignet sich nicht für den Druck, der Genosse sieht das ein? Außerdem könnte das Mädchen Schwierigkeiten dadurch haben bei ihrem Dienstherrn. Den Genossen scheint das nicht arg zu stören. Jedenfalls flitzt Pinkus mit der Nachricht zu Gareis. Gareis ist ein wirklich großer Bonze, man weiß gar nicht, wo der überall Verbindungen hat. Pinkus beabsichtigt nicht, sein Lebtag Lokalreporter in Altholm zu bleiben. Gareis hört, Gareis weiß Bescheid. Einen Augenblick überlegt er, ob er noch mit dem Mädchen sprechen soll, aber was er gehört hat, das genügt vollkommen. Als er allein ist, nimmt Gareis den Hörer ab. »Bitte Herrn Manzow. – Hier Bürgermeister Gareis. Ich möchte Herrn Manzow selbst sprechen. – Ja, sind Sie da?« Ganz leise und sanft: »Du hast dem Stuff den Brief vom Regierungspräsidenten gegeben. Leugne nicht. Ich weiß es von ihm selber. Was du angerichtet hast, ist dir wohl schon klar. Ich erkläre dir, daß ich noch heute eine Parteivorstands-Sitzung einberufen werde. Ich werde beantragen, daß die Arbeitsgemeinschaft der SPD mit den Demokraten aufgehoben wird. – Guten Abend, mein lieber Manzow. Nein, es ist schon gut. Paß ein bißchen auf, daß keine Anzeigen gegen dich kommen, ich habe keinen Papierkorb mehr. Guten Abend. Guten Abend. – Ach, schwätz nicht. Schluß!« Drei Minuten später klingelt auf der Redaktion der Chronik das Telefon. »Hier Manzow. Ich möchte Herrn Stuff sprechen. Selber am Apparat? Sie Lump haben dem Gareis verraten, daß Sie den Brief des Regierungspräsidenten von mir haben. Sie sind das größte Schwein von Altholm. Halten Sie die Schnauze. Tun Sie, was Sie wollen. Wegen Erpressung zeige ich Sie an, Sie Revolverjournalist! Ich werde mich an Herrn Gebhardt wenden, über Sie beschweren werde ich mich. Sie sind unmöglich ab heute in Altholm! Sie gemeiner Hund, Sie. Ach was, halten Sie Ihr Maul. Mit Ihnen rede ich schon lange nicht mehr. Schluß!« Zwei Minuten später klingelt das Telefon bei den Nachrichten. »Hier Stuff. Bitte Herrn Gebhardt, Herr Gebhardt selbst? Ja, Herr Gebhardt, der Manzow hat mich eben angerufen. Irgendwer hat dem Gareis verraten, daß ich den Brief von Manzow habe. Ja, den bewußten Brief. Nein, ich habe mit keinem Menschen darüber gesprochen. Nein, bestimmt nicht. Nein, ich habe nicht geschwatzt. Ich habe seit zehn Tagen keinen Tropfen getrunken. Schwierigkeiten? Ich mache doch die Schwierigkeiten nicht. Eben, ich muß beobachtet worden sein. Ja, wir müssen einen Spion auf der Redaktion haben. Nein, nicht am Telefon. Wenn Sie aber vielleicht mal Gareis anrufen würden? Man muß den Manzow verhindern, daß er in der ersten Wut zuviel Mist macht. Was für Mist? Gott, Herr Gebhardt, hier gibt es doch überall Mist. Da ist nun schwer zu sagen, was er grade ausgräbt. Ja, ich halte es für das beste. Ja. Danke schön. Guten Abend, Herr Gebhardt.« Zehn Minuten später klingelt das Telefon bei Bürgermeister Gareis. »Hier Nachrichten. Gebhardt. Ja, selbst. Ich sehe eben, Herr Gareis, was der Stuff da angerichtet hat. Komme grade von einer Reise zurück. Nein, ich bin empört. Können wir vielleicht mal darüber sprechen? Nein, ich habe auch noch etwas anderes im Sinne. Morgen vormittag um elf? Ja, das wird gehen. Ganz Ihrer Ansicht. Es muß jetzt Ruhe werden. Guten Abend, Herr Bürgermeister.« Fünftes Kapitel: Es kracht zum zweiten MaleThiel in seiner Dachkammer hat am Tage nicht schlafen können. Trotzdem er nackt auf seinen Woilachs im Winkel lag, brach der Schweiß bächeweise aus ihm. Dazu kamen die Gestänke vom Klosett nebenan, schlimmer als je. Er war kaputt. Dieses Warten zermürbte. Niemand kam, aber Tausende hatte er kommen gehört, Zehntausende, in jeder Stunde viele. Durch das schlafende, unruhige, knackende, finstere Haus kamen sie heran, schlichen hier, schlichen dort, lachten mit großen weißen Gesichtern im Laternenschein, oder standen in dunklen Ecken, regungslos, das Gesicht im Winkel. Diese Nächte hatten ihm den Schlaf weggezogen. Wenn jetzt die Spülung nebenan strömte, dann war er in der Versuchung aufzuspringen, gegen die Tür zu trommeln, das Dachfenster aufzureißen, auf die Straße zu blöken: »Hier ist der Bombenschmeißer von Stolpe! Zehntausend für den ersten, der oben ist!« Ganz gegen Abend – im Haus war es schon stiller geworden, und die Setzmaschinen klapperten nicht mehr – war er eingeschlafen, hastig und tot. Nun ist ihm, als sei er plötzlich wach geworden von einem Geräusch. Er setzt sich auf und lauscht. Es ist ganz dunkel und das Haus völlig still. Er brennt ein Streichholz an und sieht auf die Uhr: fast zwölf. Dann zieht er eine Hose über (und nichts mehr) und findet auf dem Stuhl an der Tür das von Padberg hingestellte Essen und eine Flasche Mosel. Padberg ist also hier gewesen und hat ihn schlafen lassen, nicht geweckt, der Schuft, der elende. Neue 24 Stunden, in denen er zu keinem Menschen ein Wort sprechen kann. Thiel ißt hastig und lauscht immer wieder. Ihm scheint das Haus unheilvoll, es wartet auf ihn mit all den leeren Zimmern, mit den Arbeitsräumen, die noch angefüllt sind mit den Bewegungen der Menschen, die leben dürfen, während er umhergeht wie ein Traum. Dann tastet er sich die Treppe hinab in den Garten. Zuerst in den Garten, in die Luft, unter Sterne, zwischen Grün. Er hat seinen Mosel mitgenommen, und hier, auf einem vermanschten Grasplatz, trinkt er ihn. Dann steht er wieder auf, er erinnert sich später genau, daß er in dieser Stunde besonders froh und wach und aufgeräumt war, und geht zum Maschinenhaus. Dort, in einem Verschlag, sind zwei Brausen. Er stellt sich unter eine und duscht sich gründlich ab. Nun ist ihm ganz wohl. Er nimmt einen Drahthaken von einem Nagel und tändelt damit das Schloß einer Schieblade auf. In der hat der Maschinenmeister allen möglichen Privatkram, auch Zigaretten, und von denen nimmt er sich eine und steckt sie sich an, trotzdem er selbst genug hat. Aber der Maschinenmeister mag ruhig ein bißchen toben, wenn sein Bestand nie stimmt, das sind alles rote Genossen. Es ist gut, wenn die Verdacht aufeinander haben, Mißtrauen in der Partei hält den Meinungsaustausch frisch. Doch eigentlich ist es ihm nicht um die Zigaretten zu tun. Darum macht er kein Schloß auf. Aber der Maschinenmeister hat auch immer ein Lager von allen möglichen Aktfotografien. Weiß der Teufel, was er damit tut, ob er sie auch zum Vertrieb hat an seine Kollegen, oder ob er sich, ein nicht befriedigend verheirateter Mann, daran ergötzt. Jedenfalls ist heute abend eine ganze frische Partie da, sieht Thiel im Lichte eines Streichholzes. Und nun zieht er sich mit seinem Packen Bilder unter einen Tisch zurück, dessen deckende Platte den Lichtschein abfängt. – Nach einer halben Stunde nimmt er seinen Rundgang neu auf, geht wieder durch den Garten, in den Setzersaal, zur Expedition. Er ist heute kein scharfer Wachhund, heute nacht macht er blau, heute nacht summt er sogar vor sich hin. Er öffnet die Tür vom Flur zum Expeditionszimmer. Das ist jene Tür, die oben im Schornstein das Bimmelsignal gibt. Und richtig, er hört es ganz schwach bimmeln von dort. Ihm fällt ein, daß er heute abend verschlafen hat, daß er vergaß, die Klingel abzustellen wie sonst jeden Abend. Und steht erstarrt. Oben hört er Schritte, deutlich rasche Männerschritte. In demselben Augenblick rast er in Sätzen die dunkle Treppe hinauf. Er überlegt nicht in diesen Sekunden, es reißt ihn die Treppe hinauf, dem Spion entgegen. Im Laufen tastet die Hand nach dem Gummiknüppel, faßt ihn schlagbereit. Der Vorplatz ist stichdunkel. Aber in den Ritzen der Tür zum Expeditionszimmer schimmert es schwach gelblich. Drinnen brennt Licht. Sein Elan reißt ihn pausenlos weiter, er öffnet die Tür: und die stille helle Weite des Arbeitszimmers von Padberg tut sich vor ihm auf. Die fünf Lampen am Kronleuchter brennen, die Schreibtischlampe brennt, die Vorhänge sind zugezogen. Aber das Zimmer ist leer. Thiel sieht nach der andern Tür: sie ist geschlossen, schwingt nicht. Das Hastige fällt ab von ihm, leise, auf Zehen, als dürfe er einen nicht stören, schleicht er ins Zimmer, dem Schreibtisch zu. Die Mittellade steht auf und ist leer. Was darin lag, ist auf die Platte des Schreibtischs gestapelt, zur Durchsicht. Zwei Stöße, einer rechts, schon durchgesehen, mit den weißen Rückseiten nach oben, einer links, noch der Durchsicht harrend, ihm das Beschriebene zukehrend. Mechanisch greift Thiel nach dem obersten Blatt, nimmt es, will es überfliegen – – – Und ein Gefühl äußerster Gefahr überkommt ihn, eine Welle von Angst stürmt über ihn, sein Herz beginnt schmerzhaft zu trommeln und ist doch so schwach. Er steht einen halben Meter ab vom Vorhang, der nun seinen Blick anzieht. So in nächster Nähe gesehen, hängt der Vorhang nicht glatt zur Erde, er bauscht und buckelt sich seltsam, fast könnte man denken, jemand stünde dahinter. Thiels Blick geht zur Erde. Der Vorhang ist nicht ganz lang, es bleibt Raum über dem Boden. Und in diesem Raum stehen zwei Schuhe, zwei schwarze bestaubte Männerschuhe, mit den Spitzen zu ihm. Thiel fängt an zu zittern, es ist alles so gespenstisch. Dies dunkle, verworrene Haus, der nächtige Garten, die schlafenden Schuppen, und in all dem, wie in der Kammer des Traums, ein erleuchtetes Zimmer, totenstill. Ein Mensch vor einem Vorhang, unter dem zwei Schuhe stehen. Die Hand des Menschen tastet sich gegen den Vorhang – braunrot ist er –, sie bebt so stark, daß er sie wieder zurückzieht. Thiel starrt auf den gebeulten Vorhang. Es ist unendlich viel in ihm in diesen Sekunden: glückliche Kindertage, das nüchtern klare Zimmer auf dem Finanzamt mit der verläßlich klappernden Rechenmaschine, ein Skatabend im Gasthof, die drei Gesichter der Freunde, doch vor allem der Fuß Kalübbes über einem braunbunten Falter im Straßenstaube – und der Fuß wurde zurückgezogen. Thiel legt sachte den Gummiknüppel hinter sich auf den Schreibtisch. Mit der linken Hand faßt er die rechte ums Gelenk, führt die bebende gegen den Vorhang. Seine Fingerspitzen berühren den Stoff, sein Herz erzittert stark. Er hebt ihn, er zieht ihn langsam ab von dem Gesicht, das sich darbietet, ein weißes, faltiges Gesicht, schneeweiß, mit einem Wust dunkler Haare darüber. Trübe Augen sehen ihn an. Hier steht ein Mann im blauen Setzerkittel. Leise dämmert es in Thiel, daß er ihn schon gesehen hat, damals in jenen Tagen direkt nach dem Bombenwurf, als er noch auf der Bauernschaft Dienst machte. Ein Setzer. Die beiden sehen sich unverwandt an, sie bewegen nicht die Lippen, sie sehen sich nur an, Spion und Bombenwerfer. Der Blick des andern ist dunkel und trübe ... und mählich geht Thiel alles ineinander wie ein Traum. Ihm ist es, als sei er es, der dort hinter dem Vorhang steht, und wieder er, der den Saum lüftet. Er sieht trübe, er greift dunkel, alles verschwimmt ... Thiel läßt langsam – o so langsam! – die Vorhangfalten vor das Gesicht, er greift nach seinem Gummiknüppel. Rückwärts, das Gesicht gegen den bauschenden Vorhang gekehrt, verläßt er das Zimmer. An der Tür dreht er das Licht aus. Und nun steigt er schwer und trübe zur Dachkammer hinauf. In seiner Abseite legt er den Kopf auf die Woilachs und versucht nachzudenken. Aber alles ist viel zu dunkel. Immer von neuem wiederholt es in ihm: »Ich bin feige gewesen. Einfach feige bin ich gewesen. Mit dem Gummiknüppel hätte ich ihm in die Fresse schlagen sollen. Feige war ich.« Und: »Hätte ich nur heute abend nicht die Aktfotos genommen! Schlapp war ich! Feige war ich!« Plötzlich fährt er hoch. Er muß geschlafen haben. Aber es kommt ihm vor, als sei es nur ein Augenblick gewesen. Jetzt hört er durch das ganze Haus, wie ein Schlüssel drunten im Erdgeschoß in das Schloß gestoßen wird, wie jemand schließt, der Jemand steigt die Treppe hinauf, und diesen Schritt kennt er. »Na ja«, denkt er. »Na ja. Nun gibt es was.« Aber es gibt nichts. Er hört Padberg in sein Arbeitszimmer gehen. Hört, wie er dort rumhantiert. Gibt es nichts? Aber der Mann ist doch unten, der Setzer mit dem dunklen Haar und den trüben Augen! Nein, es gibt nichts. Gibt es gar keinen Setzer? Thiel steigt langsam die Treppe hinunter. Er ist grenzenlos müde und hat einen schlechten Geschmack im Munde. Vor dem Schreibtisch sitzt Padberg, raucht eine Zigarre und steckt Papiere in eine Tasche. An der Tür steht ein Reisekoffer. »'n Abend, oller Wachhund«, sagt Padberg in glänzender Stimmung. »Sie schliefen gestern abend so sanft, ich wollte Sie nicht stören.« »Guten Abend«, sagt Thiel. »Hören Sie«, fängt Padberg wieder an, »ich muß sofort nach Berlin. Die wollen da so irgendeine Einheitsfront gegen die Bauernschaft zusammenbringen. Das Gestell, der Temborius, rührt sich auch wieder. Möglich, daß es bald etwas Nettes für Sie zu tun gibt.« Und er macht eine werfende Bewegung mit der Hand. »Wollen Sie heute nacht noch fahren?« fragt Thiel. »Jetzt. Sofort. Das Auto muß jede Minute kommen. Ich lasse mich bis Stettin fahren, dann kriege ich noch den Frühzug nach Berlin.« »Ja, so«, sagt Thiel. »Wann ich zurückkomme, weiß ich noch nicht. Und da wird es mit Ihrem Essen schlecht. Es ist mir überhaupt zu gefährlich, daß Sie hier sind, wenn ich nicht bei der Hand bin. Ich denke, es ist das beste, Sie gehen sofort zu Graf Bandekow auf Bandekow-Ausbau. Sie wissen ja den Weg, und der Graf kennt Sie auch. Hier, für alle Fälle fünfzig Mark. Aber Sie brauchen ja kein Geld.« »Nein«, sagt Thiel. »Und hier?« »Hier? Ach so, wegen des Aufpassens? – Da ist schon das Auto. Ich muß los. – Nein, hier ist nichts nötig. Alles, was an Papieren wichtig ist, habe ich mit. – Also, ich muß los. Auf Wiedersehen, Thiel. Heil Bauernschaft!« »Heil Bauernschaft!« »Gehen Sie dann auch gleich los!« »Sofort«, sagt Thiel. »Na also denn nochmals ...« 2Im Sitzungssaal, beim Regierungspräsidenten Temborius, herrscht gute Stimmung. Sehr gute sogar. An einem langen grünen Tisch sitzen die Vertreter der ländlichen und städtischen Bevölkerung des Regierungsbezirks Stolpe einträchtig beieinander und plaudern. An einem Quertisch thront der Präsident mit seinem Stabe. Er ist heute ein anderer Regierungspräsident, ein verbindlich lächelnder, Witze machender, Scherz verstehender Herr, er ist der Mann mit der glücklichen Hand, die alles glätten wird. Es ist ihm gelungen, was aussichtslos schien, er hat die feindlichen Brüder von Stadt und Land an einen Tisch gebracht. Zwar, die städtische Verwaltung Altholm selbst ist etwas schwach vertreten. Dort spielt man natürlich Schmollebock und hat nur den Assessor Stein entsandt, ein reiner Informationsakt, weil man wütend dort ist, daß das Regierungspräsidium eine glücklichere Hand hat als ein gewisser Gareis. Nun gut, aber die Stadt ist doch da: das Handwerk mit seinen Innungsmeistern, der Einzelhandel mit dem gewichtigen Herrn Manzow, die Fabrikanten mit ihrem Syndikus. Und nicht aufzuzählen ist, wer alles vom Lande kam. Da ist die Landwirtschaftskammer, vertreten durch einen Landwirtschaftsrat, zwei Ackerbauschuldirektoren, zwei Saatzuchtinspektoren. Da ist der Landwirtschaftliche Hauptverein: zwei Vorstandsmitglieder. Die Kreisbauernvereine gleich mit fünf Mann. Da ist die Wiesen- und Wasserbaugenossenschaft: zwei Mann. Die Landlehrer haben sich vertreten lassen, die Landgeistlichkeit, das Gastwirtsgewerbe auf dem Lande. Oh, dieser Assessor Meier kann außerordentlich tüchtig sein, er hat in den entferntesten Ecken noch Organisationen erspäht, die man laden konnte. Wer hätte an den Verband Pommerscher Geflügelzüchter oder an die Ländlichen Hausfrauen gedacht? Er! Und ein Musterbeispiel vorsichtigen Abwägens, glänzender Formulierung war sein Referat über die juristischen und gesetzlichen Grundlagen für das Vorgehen der Polizei am 26. Juli. Fast noch besser, fast noch wirkungsvoller als die polizeitaktischen Erörterungen des Polizeiobersten Senkpiel. Er selbst, Herr Regierungspräsident Temborius, hat die innenpolitischen Voraussetzungen und Auswirkungen jenes Tages behandelt, nicht ohne Wirkung, scheint ihm. Alles ist in der loyalsten Weise besprochen, keine Gehässigkeit, keine Verbissenheit. Die bunten Glasfenster stehen offen im großen Sitzungssaal, Luft und Licht fluten herein, eigentlich sogar die ganze Welt, sozusagen, man steht hier der ganzen Welt gewissermaßen offen. Man hätte auch jede Frage gerne beantwortet, aber alles war so erschöpfend behandelt: es wurde nichts gefragt. Nun hat man eine Pause eintreten lassen. Ehe man zum zweiten Hauptpunkt der Tagesordnung übergeht, der Bereinigung des Boykotts, gibt man den Herren, unter dem Vorwand einer Erholungspause, Gelegenheit sich auszusprechen. So plaudern die Herren miteinander. Beispielsweise ist Manzow auf Dr. Hüppchen gestoßen und, siehe da, heute ist Manzow ein ganz anderer Mensch. Er hat da eine knifflige Steuerfrage, er hätte gerne den Rat seines lieben Doktors, aber nein, er denkt natürlich nicht daran, hier zu schnorren, er weiß, auch ein Volkswirt will leben, haha!, er wird in den nächsten Tagen Herrn Doktor ganz offiziell konsultieren. Und – er läßt es in der Ferne sehen – der Syndikus des Einzelhandelbundes ist etwas überaltert –: »Ja, mein lieber Herr Doktor, davon sprechen wir noch.« Es bleibt nicht aus, daß Dr. Hüppchen mit einer gewissen Rührung an Gareis denkt, dem diese Vorschläge zu danken sein dürften. Aber auf eine Erkundigung, wo denn Gareis steckt, hört er zu seiner Überraschung wegwerfend: »Gareis? Der Dicke? Der ist doch längst tot!« »Tot –?« »Na, haben Sie denn nichts von dem Brief des Regierungspräsidenten gelesen? Wenn das nicht tot ist –!« Der Ehrenobermeister der Bäckerinnung steht mit Superintendent Schwarz zusammen. »Das sieht ja alles ganz versöhnlich aus, nicht wahr, Herr Superintendent?« »Sicher. Der Friede siegt immer am Ende. Heute kommt es zu einem Abschluß.« Und Assessor Meier erlebt das Erstaunliche: sein Chef, der Regierungspräsident Temborius, klopft ihm auf die Schulter. »Gutgemacht, Meierchen, na, sehen Sie!« Assessor Meier weiß nicht recht, was er sehen soll, aber er lächelt erfreut. »Habe ich Ihnen nicht schon mal gesagt, es geht auch mit Ihnen in der Preußischen Verwaltung? Warum sollen denn alle jüdischen Juristen Rechtsanwälte werden? Auch in der Verwaltung können wir Sie brauchen.« Assessor Meier stammelt etwas. »Sehen Sie«, ruft Temborius etwas erregt, »was ist das? Geht das von Ihnen aus? Haben Sie das gestattet?« »Nein, ich nicht. Ich weiß gar nicht ...« »Inhibieren Sie! Inhibieren Sie sofort!« An der Saaltür steht ein Bengel, ein gewöhnlicher Bengel von vierzehn, fünfzehn Jahren und verteilt Zeitungen. Es sind sorgfältig dreimal gekniffte Zeitungen, Zeitungen, die ihren Titel keusch auf der Innenseite bergen. Aber der Assessor ahnt Schreckliches. Er stürzt zu dem Jungen hin, durch die halbe Länge des Sitzungssaales läuft er im Trab. Und er ruft dabei: »Halt, Sie da! Wer hat Ihnen erlaubt, hier Zeitungen zu verteilen?« Der Junge schaut auf. Die meisten Zeitungen hat er schon an die Versammlungsteilnehmer verteilt. Die er noch in den Händen hat, wirft er mit einem Schwung auf die Erde, stößt den Ruf aus: »Heil Bauernschaft!« und verschwindet. Der Assessor bückt sich. Er kann nicht anders, die andern sehen ihn alle an, er öffnet so ein Päckchen. Und nun zeigt sich, daß nicht nur, um den Titel »Die Bauernschaft« zu verbergen, das Blatt so sorgfältig geknifft war. Auf der ersten Seite, in der Mittelspalte, mit Rotstift dick angestrichen, steht etwas, ein Offener Brief. Meier liest den Namen Temborius, er liest weiter, er zittert in seinen Schuhen. Er ist naß. Ach, alle haben sie schon diesen unseligen Offenen Brief gelesen, nur sein Vorgesetzter, Regierungspräsident Temborius, steht allein da, etwas isoliert kann man sagen, und sieht mit gerunzelter Braue her. Gleich wird er rufen. Assessor Meier geht mit schweren Schritten zu seinem Chef. Er ist einmal, lange ist es her, in diesem Haus herumgelaufen, als eine Bombe platzen sollte. Jetzt zum Chef gehen, ihm die Zeitungen vor die Nase legen, ist schwerer. Er legt sie hin. »Was soll das? Zeitung lesen? Jetzt!« Dann ist auch sein Blick gefangen und er liest. Assessor Meier steht einen halben Schritt hinter seinem Chef, abwartend. Einmal hört er den auflachen, höhnisch, bitter: »Ich jüdisch? Na, das danke ich wieder mal Ihnen, Herr Assessor.« Dann streicht der Regierungspräsident das Blatt sorgfältig glatt. »Ich bitte die Herren, sich an Ihre Plätze zu bemühen. Wir setzen die Beratung fort.« Die Herren folgen. Die meisten bergen die Zeitungen schämig in den Taschen, nur wenige legen sie offen vor sich auf den Tisch. »Meine Herren! Hochverehrte Anwesende! In unsere so erfreulich, im Geiste der Versöhnung verlaufene Verhandlung ist ein greller Mißklang gekommen. Von unberufener Seite, die noch ermittelt und streng bestraft werden wird, ist hier eine Tageszeitung verteilt worden, ein Blatt, das ... kurz die Bauernschaft! Ich habe das Blatt in den Händen der meisten gesehen, aber, um den Geist zu illustrieren, der diese Gemeinschaft Bauernschaft beseelt, die sich gegen alle Staatsautorität auflehnt, um diesen Geist, der der Alleinschuldige am 26. Juli ist, anzuprangern, halte ich es doch für gut, wenn dieses bübische Machwerk hier öffentlich verlesen wird. – Herr Assessor, ich bitte!« Der Assessor zittert. Stotternd beginnt er: Tapferer Volksgenosse Temborius! Sie haben uns zu einer Besprechung der Vorgänge in Altholm eingeladen. Sie wollen den Polizeiskandal auf dem Wege der Verhandlung in das sanfte Fahrwasser des Redegefechtes umleiten, damit nach einigen wilden Wellenschlägen allgemeine Beruhigung eintritt. Diese Kampfmethode des jüdischen Aussaugungssystems, dessen hervorragender Vertreter Sie sind, ist uns bekannt. Blutsgemäß sind Sie besonders befähigt, dies System zu vertreten. Ihre Diener haben den werteschaffenden Steuerzahlern mit dem Gummiknüppel den blauen Orden der freien Republik verliehen. Statt die wahren Schuldigen zu bestrafen, schicken Sie diese auf Erholungsreisen. Leider nicht für immer nach Jericho oder Jerusalem. Was wollen Sie denn eigentlich? Sie existieren überhaupt nicht für uns mit Ihrer ganzen Clique! Das von Ihnen ausgesogene und mit Füßen getretene Volk lehnt es ab, sich mit seinen Feinden an einen Tisch zu setzen. Sie, Herr Temborius, dienen uns nicht mit Verhandeln, sondern mit Verschwinden, je eher, desto besser, mitsamt Ihrem ganzen Verwaltungsapparat! Das bodenständige Volk wird sich selber helfen. Die Ritter des Gummiknüppelordens zum blauen Fleck. Die Bauernschaft.« Assessor Meier hat geendet. Totenstille. Temborius erhebt sich wieder. »Meine Herren, wir haben das angehört. Wir haben das wohl alle mit äußerstem Ekel angehört. Ich denke, wir fahren jetzt mit unsern Verhandlungen fort. Wir kommen nunmehr zu Punkt zwei der Tagesordnung: die Bereinigung des Boykotts. Ehe die Regierung Vorschläge macht, möchte ich doch fragen, ob aus dem Schoße der Versammlung Anregungen kommen. – Sie bitte, Herr – ach so, ja richtig. Herr Landwirtschaftsrat Päplow!« »Ich bitte um Entschuldigung. Ich habe im Moment keine Anregungen zu geben. Doch möchte ich im Anschluß an den eben verlesenen Brief die Frage stellen: sind hier Vertreter der Bauernschaft unter uns?« Temborius lacht leise, etwas gereizt, auf: »Aber meine Herren, Sie sind alle Vertreter der Landwirtschaft! Ich sehe hier mindestens zwanzig Herren, die sich mit Fug und Recht als Vertreter der Landwirtschaft bezeichnen können.« Doch Landwirtschaftsrat Päplow bleibt hartnäckig: »Herr Präsident verzeihen, das ist ganz etwas anderes: Bauernschaft und Landwirtschaft. Die Bauernschaft in diesem Sinne ist doch eine Bewegung. Sind hier Vertreter der Bauernschaft?« Er fragt gar nicht den Präsidenten, er sieht die Reihe herum. Alle Köpfe sehen zu ihm auf, aber keiner nickt. Landwirtschaftsrat Päplow macht eine Bewegung mit den Händen: »Ja, meine Herren, dann sehe ich aber wirklich nicht ein, was wir hier beschließen sollen. Verzeihen Sie, aber wir haben den Boykott nicht verhängt, wir können ihn auch nicht aufheben.« »Meine Herren! Meine hochverehrten Herren!« ruft der Regierungspräsident. »Wir geraten ja auf ein ganz falsches Gleis. Natürlich haben Sie den Boykott nicht verhängt, das sind Leute, die ich wirklich nicht hier haben möchte. Aber Sie sind doch prominente Herren der Landwirtschaft, Sie sind Führer. Wenn Sie sagen: der Boykott fällt – dann hört das flache Land auf Sie. Dann fällt der Boykott eben. Das ist es, was wir wollen. Von so prominenten Herren wie Sie eine Entschließung gegen den Boykott.« »Ich bedauere«, sagt der Landwirtschaftsrat. »Hierzu bin ich von meiner Kammer nicht beauftragt. Ich bin rein informatorisch hier.« »Ich auch.« »Ich auch.« »Wir auch.« »Ich«, sagt ein klobiger Mann und steht auf, »bin von der Bauernschaft.« »Na also!« »Warum denn nicht gleich?« »Also doch Vertreter hier.« »– Laßt mich doch reden, Leute! Ich bin hier geladen als Vorsitzender vom Kreisbauernverein Stolpe. Darum bin ich hier. Aber ich bin auch in der Bauernschaft. Ich bin der Bewegung sympathisch, ich meine, mir sagt sie zu, die Bewegung. Und da kann ich nur sagen, meine Herren, meinen Verein geht das einen Dreck was an, was die Bauernschaft mit der Stadt Altholm hat. Darüber haben wir gar nichts zu beraten. Und entschuldigen Sie, Herr Präsident, wenn ich da ungezogen bin, das geht auch den Herrn Präsidenten gar nichts an. Laß das doch die Bauernschaft mit den Altholmschen ausmachen. Wenn noch der Gareis da wäre, aber hier ist ja kein Mensch, den das was angeht. Das ist meine Rede, entschuldigen Sie man.« Der Präsident steht starr da. »Ich danke dem Vorredner für seine Belehrung über meine Pflichten. Über meine Pflichten kann mich nur meine vorgesetzte Behörde, das Ministerium des Innern, und mein Gewissen belehren. Aber ich möchte den Vorredner doch noch etwas fragen. – Waren Sie auch am 26. Juli in Altholm?« »Jawohl. Ich bin auch dort gewesen.« »Und an der aufgelösten Versammlung haben Sie auch teilgenommen?« »Das habe ich auch getan, Herr Präsident.« »So. – Ja, was sagen Sie denn nun zu dem Brief, der da eben verlesen worden ist? Sind Sie denn nun mit dem einverstanden?« »Ja, was soll ich da sagen, Herr Präsident –? Ich habe ja den Brief nicht geschrieben, nicht wahr? Ein bißchen scharf, nicht? Ich habe ja nun gesehen, Herr Präsident, daß Sie ein ganz umgänglicher Mann sind ...« »Danke. Danke. Sehr geschmeichelt.« »Ja, das ist so. Umgänglich. Aber, Herr Präsident, können Sie nicht vielleicht tun, was Sie hier zu tun haben? Ich weiß ja nicht, was das ist, aber hier so die Bücher, die Akten ...« Er sieht sich etwas unsicher um. (Manzow flüstert zu Dr. Hüppchen: »Der ist nicht dumm. Der holt ja den ollen Temborius gewaltig durch den Kakao.« Und Hüppchen überrascht: »Glauben Sie? Ich dachte, das wäre naiv.« »Naiv, Herr Doktor, ist hier nur einer.«) »Ja so. Daß ich meine Rede nicht vergesse: Können Sie uns Bauern nicht allein lassen? Wir Bauern, wir morden doch nicht, wir stehlen nicht, wir treiben keine Unzucht – kann uns denn die Regierung nicht in Frieden lassen? Sie haben hier dies schöne Steinhaus ...« »Danke! Danke! Nein, wirklich, mein Herr, danke!! Vielleicht setzen Sie sich wieder. Danke! Belehrungen ...« »Dann will ich man gehen. Kommt ihr mit?« Es sind drei, die aufstehen, Freunde wohl von ihm, Vereinskameraden. Und als sie aus der Tür gehen, sind es acht, sind es zehn, sind es zwölf. Etwas hilflos sieht der Präsident ihnen nach. »Ich denke, wir nehmen jetzt unsere Verhandlungen ... Was ist denn noch, Herr Landwirtschaftsrat –?« »Verzeihen Sie, daß ich noch einmal unterbreche, Herr Regierungspräsident. Ich wollte nicht ohne Dank gehen wie diese Bauern. Wir alle hier, Herr Präsident, verstehen und ehren Ihre lautere Absicht. Versöhnung gut. Aber die Stunde ist wohl noch zu früh. Es heißt warten. Noch liegen Verletzte im Krankenhaus in Altholm. Noch fühlt der Bauer den Schlag, der ihn getroffen. Vielleicht mit Recht getroffen hat, obwohl grade Ihre Entscheidung, Herr Präsident, daß der Leiter der Polizeiaktion des Amtes zu entheben war, nicht grade dafür spricht. Jedenfalls, es ist zu früh. Herr Präsident, alle, die wir hier als Vertreter der Landwirtschaft um den Tisch sitzen, können kein Ja und können kein Nein sagen. Wir sehen mit tiefem Bedauern die neu gerissene Kluft zwischen Stadt und Land. Wir hoffen, die Zeit und Ihre Bemühungen werden sie überbrücken. Aber noch ist es zu früh. Brechen Sie, Herr Präsident, diese aussichtslosen Verhandlungen ab.« Der Präsident sagt langsam: »Meine Herren, ich verstehe nicht. Sie sind hierhergekommen, die Verhandlungen gingen gut, die Stimmung war vortrefflich. Die Verhandlungen standen vor einem glücklichen Abschluß. Da kommt dieser maßlose, häßliche Brief der Bauernschaft und panikartig flieht alles. Was heißt denn das? Wer ist denn diese Bauernschaft? Sie fürchten sich ja vor einem Phantom. Fassen Sie, zum Besten unserer Provinz, jenen Entschluß, dem Sie vor einer halben Stunde ohne weiteres zugestimmt hätten, daß die landwirtschaftlichen Organisationen den Boykott mißbilligen – und alles ist gut.« Der Landwirtschaftsrat antwortet mit gesenktem Kopf: »Gut. Ich will ganz offen sein. Vor einer halben Stunde hätte ich vielleicht diesem Entschluß zugestimmt. Aber als ich den Brief der Bauernschaft las, sah ich mit Schrecken: worein mengst du dich? Ist dies deine Sache? Hängen Sie sich doch nicht an den häßlichen Wortlaut des Briefes, den irgendein Journalist aufgesetzt hat. Aufgesetzt, sage ich, denn gedacht, gefühlt ist er im Herzen von tausend Bauern. Die sind erregt, die sind beleidigt, die sind verletzt. Da helfen keine Beschlüsse, da hilft nur Zeit. Und eine sehr vorsichtige, sehr sichere Hand. Herr Regierungspräsident, wir hoffen, daß Sie diese Hand haben werden. Haben Sie auch die Geduld dazu.« Der Landwirtschaftsrat Päplow, ein dicker, weißer Herr mit einem Rotweingesicht, steht einen Augenblick mit gesenktem Kopf. Dann verläßt er das Zimmer. Drei, vier Herren folgen ihm. Der Regierungspräsident lächelt. Es ist ein hilfloses Lächeln. »Meine Herren, Sie sehen ...« Er macht eine Handbewegung. »Ich hätte Ihnen, meine Herren von Altholm, gerne geholfen. Aber vorläufig sehe ich nun wirklich auch keinen Weg.« Ganz rasch: »Ich schließe die Besprechung.« 3Herr Zeitungsbesitzer Gebhardt wird vom Bürgermeister Gareis unter Umgehung des Vorzimmers empfangen. Er ist hoher Besuch. Er ist wichtiger Besuch. Piekbusch hat ihn auf dem Flur abfangen und direkt ins Allerheiligste führen müssen. Und der Bürgermeister ist ja auch nicht ungeschickt: er bringt seinem Gast den körperlichen Gegensatz zwischen den beiden Verhandelnden gar nicht erst zu Bewußtsein. Es könnte den Zeitungskönig doch niederdrücken, irritieren, solch ein Gespräch eines Zwei-Meter-Mannes mit einem Eins-Achtundvierziger. Nein, Gareis scheint lieber unhöflich, taucht kaum aus seinem Stuhl, schaut einen Augenblick in den strubbligen Nackenwirbel und schon sind beide bequem installiert. »Ich freue mich«, sagt Gareis lächelnd, »einem Zeitungsmanne auch einmal etwas Neues erzählen zu können. Herr Oberbürgermeister Niederdahl wird jetzt zurückkehren.« »Jetzt«, wiederholt der Zeitungskönig. »Als er abreiste, sprach man, irre ich nicht, von einer Silberhochzeit.« »Silberhochzeit ist manchmal das Abwarten, wo die stärkeren Armeen stehen.« »Zu denen man sich dann schlägt.« Der Bürgermeister bestätigt: »Zu denen man sich dann schlägt.« Ein Anfang ist gemacht, ein günstiger Anfang. Die beiden Herren haben sich in ihren Antipathien getroffen, was meistens wichtiger ist, als daß die Sympathien übereinstimmen. Gareis nimmt den Faden wieder auf: »Mittlerweile ist noch gar nicht ausgemacht, wo die stärkeren Armeen stehen. Ich fürchte, die Versöhnungssitzung heute beim Präsidenten wird ein Mißerfolg sein.« »Ich habe bessere Hoffnung.« »Warten wir ab. Vielleicht kommt in wenigen Minuten der Bescheid.« Und er deutet auf das Telefon. »Sie, Herr Bürgermeister, nehmen an der Sitzung nicht teil?« »Nein, ich bin hier.« Und um abzuschwächen: »Ich war nicht persönlich geladen.« Aber Gebhardt ist geärgert: »Immerhin ist Frerksen endlich seines Amtes enthoben.« »Irrtum«, sagt Gareis. »Irrtum. Er ist vorläufig von der Polizeiexekutive entbunden, was etwas wesentlich anderes ist.« »Auch sein Urlaub ähnelt ein wenig dem Niederdahls.« »Doppelter Irrtum. Ich habe ihn einfach fortgeschickt, damit er erst einmal den Leuten aus den Augen kommt.« »Nun also!« »Das ist weder Schwäche noch Geständnis. Aber, mein sehr verehrter Herr Gebhardt, es wird mir zuviel geredet. Was ist der 26. Juli? Was ist ein Boykott? Gar nichts. Luft, wenn nicht davon geredet wird. Groß geredet ist das alles. Nicht draußen in der Provinz, nicht von den Bauern, groß geredet ist es hier in der Stadt, auch von Ihnen, grade von Ihnen. Ein Vorschlag: machen wir Schluß mit dem ganzen Gerede über den 26. Juli. Ich werde die Volkszeitung instruieren, daß sie nichts mehr bringt. Gar nichts mehr. Versprechen Sie mir dasselbe für Chronik und Nachrichten.« »Die Lage ist so unübersichtlich.« Pause. Der Bürgermeister beginnt neu: »Sie besorgen die Geschäfte des Oberbürgermeisters, kämpfen gegen mich. Seien wir doch offen, Sie wollen den Ober nicht, wie ich ihn nicht will. Sie bekommen ihn nur fort, wenn Sie mich stärken. Jetzt schwächen Sie mich. Was ist all das Gerede über den 26. Juli? Kritik an mir.« »An Ihnen! Lieber Herr Gareis, wer spricht gegen Sie! Gegen Frerksen ja, aber gegen Sie ...« »Sie irren auch darin. Frerksen ist ganz unerheblich. Um mich geht es. Weiter auf diesem Wege und eines Tages werden Sie rufen: fort mit Gareis!« »Unmöglich.« »Vielleicht erinnere ich Sie dann an diese Stunde. – Aber was läßt Sie denn den Kampf fortsetzen? Nur die Freude, den Lesern Sensationen zu geben? Es gibt so andere, so naheliegende. Enthüllungen ...« »Beispielsweise?« Der Bürgermeister sagt langsam: »Es ließe sich darüber reden. Es gibt einwandfreies Material. Ich sage nur ... nein, ich sage noch nichts. Ich möchte gerne Ihre Zusage, daß vorläufig abgeblasen wird. Alles spricht dafür.« Gebhardt weicht aus: »Lieber Herr Gareis, was kann alles geschehen. Ich kann mich doch nicht festlegen.« »Nein. Sie wollen es nicht. Schade.« Der Bürgermeister denkt nach. Das Telefon klingelt. Gareis hebt ab, meldet sich, hört lange, dankt und legt wieder auf. »Eine zweite Neuigkeit für Sie«, wendet er sich an Gebhardt. »Die Versöhnungssitzung beim Präsidenten ist aufgeflogen. Die Bauernschaft hat den Präsidenten gröblich beleidigt. Die Vertreter der Landwirtschaft verließen unter Protest das Lokal.« »Dies ist ... Das hatte ich nicht erwartet. So sind vorläufig alle Beziehungen abgebrochen.« Gebhardt erhebt sich hastig. »Ich will sofort sehen, Näheres zu erfahren. Wir hatten einen Herrn dort. Vielleicht kann es Stuff noch bringen. Wir in den Nachrichten jedenfalls. Das wird einschlagen.« Er steht schon, abmarschbereit. Der Bürgermeister steht auch. Er ist ganz groß. Er ist unglaublich massiv. Er denkt nicht mehr an Schonung. »Es wird nicht einschlagen. Denn Sie werden nichts darüber bringen. Nein, sage ich.« »Wer sollte mich hindern?« »Ich beispielsweise. Nur ich, Herr Gebhardt, der rote Bürgermeister. Der Bonze. Ich will Ruhe, und kriege sie.« Gebhardt sagt kühl: »Hier brechen wir lieber ab. Brutalisieren mag in Ihrer Partei Mode sein, mir gegenüber ...« »Brutalisieren ist überall da gut, wo die einfachste Vernunft versagt. Verstehen Sie doch, Herr Gebhardt, fahren Sie nicht wie eine Ente auf den Köder jeder Sensation los. Das macht Stuff. Aber Sie ...« »Auch ich. Wie kann ich solche Nachricht meiner Leserschaft unterschlagen? Meine Pflichten ...« »Quatsch!« sagt der Bürgermeister. »Wollen Sie Burgfrieden geloben, nun, sagen wir, bis zur Gerichtsverhandlung?« »Ich denke gar nicht daran. Guten Morgen.« »Einen Augenblick. Ich kann Sie noch nicht entlassen. Ich muß Sie leider polizeilich vernehmen. Es liegt eine Anzeige gegen Sie vor.« »Eine Anzeige –?« »Eine Strafanzeige. Richtig.« Gebhardt überlegt: »Wenn mein Chauffeur etwas verbockt hat, schmeiße ich ihn raus.« »Nicht Ihr Chauffeur. Aber nehmen wir doch wieder Platz. – Es ist eine Anzeige wegen Betruges.« »Lächerlich!« Aber Gebhardt setzt sich. »Sie spielen ein gefährliches Spiel, Herr Gareis. Das kann Ihnen mehr als Ihre Bürgermeisterstellung kosten.« »Richtig. Aber ich kenne meine Karten.« Er holt einen schmalen Aktenband aus dem Schreibtisch. »Vor etwa zwei Wochen war der Textilhändler Hempel auf der Chronik, um wegen einer Beilage zu der Zeitung nachzufragen. Herr Hempel sprach mit Ihrem Geschäftsführer Wenk. Er wollte wissen, wie hoch die Auflage der Chronik sei, um über Druckauftrag und Wirkung seiner Beilage klar zu sein. Man nannte ihm die Zahl siebentausendeinhundertundsechzig. Hempel bezweifelte diese Zahl. Er hatte von der stets sinkenden Auflage der Chronik gehört. Wo er auch bei Bekannten und Kunden vorfragte, er hörte, man las die Chronik nicht mehr.« »Ein Wunder, daß er auf das Geschäft nicht verzichtete.« »Sie finden das auch?« Der Bürgermeister lächelt. »Es gibt so Sonderlinge. Sie geben ihr Geld rein ohne Sinn und Verstand aus.« »Eine Zwischenfrage, Herr Bürgermeister. Herr Hempel ist ja wohl eine Zierde des Reichsbanners?« »Eine Zierde. Jawohl. Trotzdem das Fragerecht eigentlich mir zusteht. – Nun, Herr Hempel, bezweifelt, drängt, schließlich holt Wenk aus dem Geldschrank eine notarielle Bescheinigung, die die Ziffer siebentausendeinhundertundsechzig bestätigt. Hempel denkt: ein Notar, nun, dann ist alles in Butter. Er erteilt den Auftrag. Der Auftrag wird angenommen und ausgeführt. Faktur erteilt. Faktur bezahlt. Da hört Herr Hempel, daß die Chronik etwa dreitausendneunhundert Auflage hat ...« »Lächerlich.« »Nicht wahr? Wer gibt bei solcher Auflage denn Inseraten- oder Beilagenaufträge? – Hört also, daß die Auflage nur dreitausendneunhundert beträgt und daß man dreitausenddreihundert seiner gelieferten Prospekte zum Anheizen des Bleiofens benutzt hat. Herr Hempel fühlt sich geschädigt und erstattet Betrugsanzeige.« Pause. Dann lächelt Herr Gebhardt: »Lieber Herr Bürgermeister, ich wundere mich. Offengestanden, ich wundere mich sehr. Ich könnte jetzt wirklich auf die Nachricht von der aufgeflogenen Versammlung verzichten, ich habe eine sehr nette große Nachricht für die erste Seite. Aber ich will doch auch einmal fragen: warum vernehmen Sie nicht den Geschäftsführer der Chronik? Und zweitens: Sie wissen doch, daß ich den Betrieb erst vor wenigen Wochen übernommen habe und Gründe besaß, mich nicht sehr um ihn zu kümmern. Wie können Sie voraussetzen, daß ich diese notarielle Bescheinigung überhaupt kenne? Und drittens: wenn diese Bescheinigung tatsächlich existieren sollte, woher nehmen Sie den Zweifel an ihrer Richtigkeit? Dreitausenddreihundert Prospekte unterm Bleiofen verbrannt! Ich glaube nicht, daß Ihr Gewährsmann sie nachgezählt hat. Vor Gericht wird sich herausstellen, daß es zweihundert waren.« »Hübsch«, nickt Gareis. »Sehr hübsch. Aber Sie unterschätzen mich, Herr Gebhardt. Haben Sie einmal Aalstecher gesehen? Aale lassen sich schlecht greifen. Aale sticht man mit der Gabel!« Gareis steht mit einem Ruck auf: »Man sticht, Herr Gebhardt, mit einer Gabel. Ich habe noch nicht alles erzählt und Sie haben ein sehr schlechtes Gedächtnis oder sehr viel Vertrauen in die Vergeßlichkeit Ihrer Mitmenschen. Ich muß noch einmal anfangen: Als Herr Hempel von Ihrem Geschäftsführer Wenk nach Haus ging, da fiel ihm ein, daß er wohl eine notarielle Bescheinigung gesehen hatte, aber daß diese Bescheinigung kein Datum trug. Oder genauer gesagt, sie trug vielleicht eins, aber darüber hatte ein Daumen gesessen. Die Bescheinigung konnte uralt sein. Herr Hempel ist ein komischer Mann. Er konnte ja nun zu Wenk gehen und sagen: ich habe das Datum nicht gesehen, zeig mir das mal! Und er konnte dann seinen Auftrag annullieren, wenn das Datum ihm etwas altbacken schien. Herr Hempel tat etwas anderes: er beschloß, seinen Auftrag zu vergrößern. Herr Hempel ging nicht zur Chronik. Herr Hempel ging zu den Nachrichten. Dort traf er Ihren Geschäftsführer Trautmann. Er sagte ihm dasselbe, was er Wenk gesagt hatte, er fragte nach der Auflage der Nachrichten. Er hörte die Zahl Fünfzehntausend. Und wenn für beide Zeitungen –? Wieso für beide? Hier gab es nur eine! – Aber Herr Hempel zeigte sich orientiert, schließlich gab Herr Trautmann nach: nun gut, für beide Zeitungen dreiundzwanzigtausend. Schön. Jetzt fingen sie an zu handeln. Hempel wollte einen Rabatt, wenn er in beiden Zeitungen beilegte, Trautmann war zäh, nichts von Rabatt, Sie hätten das verboten. Schließlich will Trautmann Sie noch mal fragen, Hempel geht nach. Vielleicht erinnern Sie sich jetzt, Herr Gebhardt, daß dieser Mann mit Ihrem Prokuristen bei Ihnen war. Herr Hempel hat eidesstattlich erklärt, daß er Sie gefragt hat: ›Also für die Nachrichten fünfzehntausend?‹ – ›Ja‹, haben Sie gesagt. – ›Und für die Chronik siebentausendeinhundertundsechzig?‹ – ›Ja‹, haben Sie gesagt. – ›Reichen nicht zweiundzwanzigtausend?‹ hat Herr Hempel vorsichtshalber gefragt. – Sie, Herr Gebhardt, haben geantwortet: ›Nein, rund dreiundzwanzigtausend.‹ Das ist die eidesstattliche Aussage von Herrn Hempel. Und das ist das, Herr Gebhardt, was ich eine Aalgabel nenne.« »Das ist eine gestellte Sache! Das ist eine Gemeinheit!« schreit Gebhardt wütend. »Sicher ist das gemein«, sagt der Bürgermeister zufrieden. »Verdammt gemein für Sie.« Pause. Gebhardt kaut an seinen Lippen und starrt vor sich hin. Ein Rascheln stört ihn in seinem Nachdenken. Herr Bürgermeister Gareis hält den schmalen Aktenband in der Schwebe über dem Papierkorb. Er flötet dabei leise und verloren vor sich hin. Seine Flöte hat Schmalz, dieser dicke Kerl ist die verkörperte Bonhomie. Hastig denkt Gebhardt: »Ich könnte so bequem von meinen Zinsen leben. Mit was für Leuten man sich alles einlassen muß.« Der Akt liegt wieder auf dem Schreibtisch. Gebhardt sagt hastig: »Ja. In Gottes Namen denn. Ja.« »Lieber in Ihrem Namen.« »Also gut denn. Ja.« »Bis zur Verhandlung?« »Bis zur Verhandlung. – Aber ich bekomme auch das versprochene Material?« »Lieber Herr Gebhardt, das war für den Fall, daß Sie sich freiwillig entschlossen. Jetzt muß ich erst einmal die Entwicklung abwarten. Alles ist so unübersichtlich, mein lieber Herr Gebhardt. Aber nun bitte auch keine Eingesandt. Keine Offenen Briefe im Inseratenteil. Nichts.« »Nichts.« »Ich wüte gegen mich selbst!« sagt der Bürgermeister. »Bedenken Sie das auch. Diese Nachricht über den Reinfall von Temborius war meine Nachricht.« »Sie werden ja wissen, warum. – Ich würde gerne diesen Akt mitnehmen, Herr Gareis.« Gareis lacht herzlich: »Das glaube ich gerne. Was wäre das für eine Waffe gegen mich. – Aber ich will Ihnen etwas anderes schenken. Hier.« Es ist ein Schriftstück, genauer eine Abschrift. Die Abschrift eben jener notariellen Bescheinigung. »Das ist stark«, murmelt Gebhardt. »Wo das Dings immer im Geldschrank sein soll. Da muß doch ...« »Richtig. Richtig. Darum schenke ich es Ihnen.« »Nun sagen Sie mir auch den Namen.« »Das möchten Sie. Drei sind zur Auswahl: Stuff, Wenk, Tredup.« »Und Sie nennen den Namen nicht?« »Lieber nicht. Sie werden es schon ausknobeln.« Die Herren verabschieden sich. Dann klingelt es auf der Chronik. »Herr Tredup soll sofort zu Herrn Gebhardt kommen.« Tredup hat ein schlechtes Gewissen, er brütet noch, was los ist. Da klingelt wieder das Telefon. »Herr Tredup möchte sofort zu Herrn Bürgermeister Gareis kommen. Aber sofort.« Tredup glotzt. 4Eine einfache Überlegung hat Tredup darüber belehrt, daß es richtiger ist, diesmal den Chef warten zu lassen und erst einmal zum Bürgermeister zu gehen. Handelt es sich um was er denkt, wird ihm Gareis wenigstens sagen können, was Gebhardt weiß. Aber Gareis ist nur sehr kurz angebunden. »Sie sind doch schreibgewandt, Tredup?« Und als Tredup ohne Verständnis blickt: »Ich meine, Sie können schreiben: und hat Herr Meier wieder mal seinen geschulten Baß-Bariton unter Beweis gestellt –? Oder: Herr Schulze, der Seelenforscher und Handschriftenpsychologe, ist bereits zum Stadtgespräch geworden und dürfte bestimmt niemand vergessen, diese seltene Gelegenheit wahrzunehmen, ihn zu besuchen –? – Können Sie so was schreiben?« »Ja, ich denke.« »Nun, dann ist Ihre Stunde und Ihre Stellung da. Herr Gebhardt wird Sie kommen lassen.« »Er hat mich schon bestellt.« »Und Sie sind noch hier? Sagen Sie zu allem, was er sagt: Stuff! Gradeheraus, hintenrum, gleichviel: alles Stuff. Und Sie sind ein gemachter Mann.« Tredup bleibt zögernd: »Aber ich verstehe nicht ...« »Gott, warum wollen Sie denn verstehen? Haben Sie verstanden, was Sie taten, als Sie die Bilder verkauften? Nun, Herr Gebhardt besitzt die Abschrift der notariellen Bescheinigung ...« »Aber wie –?« »Ja, nicht wahr, erzählen, berichten, kakeln? Das paßt euch so. Laufen Sie, sage ich. Stuff! Immer Stuff. Ewig Stuff.« Aber Tredup läuft gar nicht. Eine ganze Weile bleibt er auf der Brücke über die Blosse stehen und sieht in das langsam ziehende Wasser. Er denkt tausenderlei, Belanglosigkeiten, Variationen über das Thema: Warum tue ich das? Mal wieder möchte er gerne in den Wald auf den Dünen fahren, sein Geld holen, verschwinden, aber mal wieder ist es noch nicht soweit ... Und er schleicht dem Nachrichtengebäude zu. Dort ist er erwartet und der Prokurist Trautmann weiß auch, um was es sich handelt. Giftig blickt er: »Der Herr läßt warten. Hat es nötig. Na, der Chef ist schön böse.« Er geleitet Tredup wie einen Gefangenen in das Chefbüro. Im Gang taucht der Kopf des Hauptschriftleiters Heinsius auf. »Oller neugieriger Bock«, knurrt Trautmann. Aber der Chef sagt: »Ich danke Ihnen, Herr Trautmann. Ich bitte Sie, lassen Sie uns jetzt allein.« Trautmann protestiert: »Herr Gebhardt, darf ich nicht –?« »Nein, bitte, Herr Trautmann, lassen Sie mich diesmal allein.« Trautmann knurrt: »Er legt Sie ja doch rein«, und verschwindet. Aber Tredup hat das bestimmte Gefühl, daß er sofort auf der andern Seite der Tür lauschend stehengeblieben ist, und der Chef sieht aus, als hätte auch er dies Gefühl. Um so entschiedener setzt er ein: »Herr Tredup, ich habe Sie damals auf die Fürsprache von Herrn Stuff engagiert, ich kannte Sie eigentlich nicht. Referenzen lagen nicht vor. Nun, Ihre Arbeitsleistung ist mäßig. Das Inseratengeschäft geht schlecht bei der Chronik. Das mag an der Zeiten Ungunst liegen, es wird aber wohl an Ihnen liegen. Denn die Nachrichten haben viel mehr Inserate.« »Die Nachrichten haben fünfzehntausend Auflage.« »Und die Chronik?« »Hat etwa siebentausend Leser.« Der Chef stutzt, möchte lächeln und denkt wohl an den Lauscher jenseits der Tür. »Darauf fallen Ihnen nur Flachköpfe rein. Leser und Abonnenten. Ohne zu lügen, dürften Sie behaupten, daß die Chronik vierzehntausend Leser hat.« »Würde ich das behaupten, würden auch nicht die Flachköpfe darauf reinfallen.« »Na ja. Was tun Sie nun, wenn einer sagt: Leser! Ich will wissen, wieviel Abonnenten. Was tun Sie da?« »Ich verweise auf eine notarielle Bescheinigung.« »Und wenn man nicht daran glaubt?« »Weise ich sie vor.« »Geben Sie sie aus der Hand?« »Nie.« »Sie sind sicher?« »Vollkommen sicher.« »Trotzdem muß sie in dritte Hände gekommen sein. Heute gab man mir diese Abschrift, die in der Stadt zirkuliert. Eine vollständige Abschrift, sehen Sie, mit Datum.« Aber Tredup sieht nicht hin. Sehr gleichgültig sagt er: »Ich weiß ...« »Sie wissen? So, Sie wissen? Woher wissen Sie denn? Seit wann wissen Sie?« Der kleine große Mann ist sehr aufgeregt, richtig böse ist er. Er wagt es wahrhaftig und sieht seinem Angestellten grade und empört ins Gesicht. Der sagt: »Ich dachte, auch Sie wüßten das ...« »Sie dachten ... Bitte, was sollte ich wissen –? Reden Sie gefälligst!« Tredup sagt langsam und unwillig: »Ich dachte, Sie wüßten, daß eine vorbereitende Versammlung stattgefunden hat ...« »Was für eine! Gott, Mensch, können Sie denn den Mund nicht aufmachen? Eine Art haben meine Herren alle, mich auf die Folter zu spannen, das muß allgemeine Verabredung sein. Erzählen Sie gefälligst fortlaufend.« Tredup sagt: »Es soll ein neues Rechtsblatt gegründet werden. Die Geschäftswelt ärgert sich über Ihre Monopolstellung für Inserate und die zweimalige Tariferhöhung. Außerdem finden die politischen Verbände, die Chronik ist unzuverlässig geworden. Darum soll eine neue Zeitung aufgemacht werden.« Der Chef ungeduldig: »Was nöhlen Sie bloß. Das sind olle Kamellen! Das weiß ich alles. Weiter!« Tredup bockig: »Da hat eben eine Versammlung, eine Besprechung stattgefunden.« »Na ja – und? Wer war zur Besprechung?« »Namen nenne ich nicht«, sagt Tredup entschieden. »Was heißt das, Sie nennen keine Namen? Sie werden Ihrem Brotherrn doch Auskunft geben!« »Namen nenne ich nicht.« »Herrgott, alles erzählen Sie und Namen nennen Sie nicht! Was hat das alles überhaupt mit der Bescheinigung zu tun?« Tredup lächelt listig: »An der Besprechung haben doch sechs Herren teilgenommen.« Er wartet, und als Herr Gebhardt genügend ungeduldig geworden ist: »Der sechste hat fünf Abschriften verteilt.« »Sechs –? Fünf –? Ach, so, der sechste hat fünf verteilt. Na ja ... Wieso ist denn Herr Stuff so warm dafür eingetreten, daß ich Sie engagiere?« Ein Spalt in der Tür tut sich auf und der Fuchskopf von Trautmann erscheint. »Fragen Sie ihn lieber, wo er die ganze Zeit gewesen ist. Er sollte doch gleich kommen.« Der Chef errötet heftig, ruft: »Ich bitte doch sehr, Herr Trautmann ...« Aber die Tür ist wieder zu. Herr Gebhardt schluckt, dann sagt er: »Wo waren Sie also die ganze Zeit, Herr Tredup? Seit unserm Anrufe vergingen drei Viertelstunden und der Weg dauert nur fünf Minuten.« »Ich dachte nicht, daß es so eilig wäre. Ich war noch mal beim Meisel vor wegen eines Inserates.« Die Tür geht auf: »Ich rufe gleich den Meisel an.« Die Tür geht zu. Diese Eingriffe in seine Herrlichkeit machen den Chef sanfter gegen den Schuldigen: »Warum wollen Sie die Namen nicht nennen, Herr Tredup? Sie haben doch soviel gesagt.« Tredup klopft das Herz. Gleich wird der Fuchs wiederkommen. Wird Meisel verquatscht haben, daß er schon am frühen Morgen den Besuch des Tredup hatte, nicht erst eben? Er sagt: »Ich täte es gerne für Sie, Herr Gebhardt.« Und seine Stimme hat einen beteuernden Klang. »Aber ich weiß ja die Namen auch nicht bestimmt. Mir sagt man auch nicht alles. Und nachher wird eine große Sache daraus und ich falle rein und bin meine Stellung los.« »Nun, nun«, begütigt der Chef, von soviel Bereitwilligkeit gerührt. »Da hätte ich ja auch ein Wort mitzusprechen. War es denn eine ernsthafte Besprechung? Nicht nur so Luftpläne?« »Ein Bankdirektor war dabei«, erklärt Tredup. »Das kann nur – Na ja, verzichten wir auf Namen. Und weiter?« »Ein Buchdruckereibesitzer.« »Sieh, sieh, beißt den kleinen Krauter der Ehrgeiz? Der soll mal sehen, wie schnell man bei einer Zeitung sein Geld los wird. Und –?« »Zwei Geschäftsleute, Ladenbesitzer.« »Und –?« »Ein Grossist.« »Da gibt es ja nur einen. Und –?« »Ich möchte wirklich nicht ...« »Na, sagen Sie schon. Wenn Sie fünf gesagt haben, werden Sie auch sechs sagen.« Tredup gibt sich einen Ruck. Aber es wird ihm schwer. Nicht so sehr die Lüge, nein, es scheint ihm so plump. Der muß doch jetzt merken, warum er den ganzen Salat erzählt hat. Er sagt leise: »Der sechste war ein Redakteur.« »Das habe ich lange gewußt«, antwortet der Chef stolz. Und durch die Tür fährt der Kopf von Trautmann: »Er ist wirklich beim Meisel gewesen.« »Kommen Sie nur rein, Herr Trautmann«, sagt der Chef zufrieden. »Man hört hier schöne Dinge. Na, ich erzähle Ihnen nachher. Jedenfalls ist Herr Tredup makellos.« Trautmann schielt zweiflerisch. »Sagen Sie mal, lieber Trautmann«, fragt der Chef, »können wir nicht irgendwie aus dem Vertrage mit Stuff?« »Na also! Na, nun wirklich! Wer hat's gesagt, Herr Gebhardt? Wer hat immer gesagt, warum muß mit dem Stuff ein Vertrag gemacht werden? Der denkt doch nie im Leben daran. Nein, da mußte ... Raus? Denkt nicht daran. Der Vertrag ist gut.« »Wir müssen ihn loswerden. Jemand, der mit dem Feinde paktiert, muß raus aus meinem Betriebe.« »Zeitungsleute sind immer so«, sagt Trautmann weise. »Der da«, und er weist mit dem Finger gegen die Tür, »der da ist auch nicht anders.« Die Tür fliegt auf, der verzottelte Kopf von Heinsius erscheint. »Ich verbitte mir das, mich hier anzuschwärzen beim Chef, Herr Trautmann!« Die Tür geht wieder zu und der Prokurist sagt befriedigt: »Na also: der Horcher an der Wand ...« Der Chef blickt gallig: »Das muß geändert werden. Dieses Horchen ...« Trautmann tröstet: »Das tun alle Zeitungsleute. Das ist nicht anders. Das ist ihr Beruf.« Und der Chef: »Aber Sie selbst lauschen auch, Herr Trautmann!« Der protestiert: »Ich? Nie! Ich informiere mich nur manchmal im Interesse der Firma, wenn Sie vergessen, mich reinzurufen.« Und mitleidig: »Sonst werden doch zuviel Böcke gemacht!« »Ich verbitte mir, Herr Trautmann!« Eine jener giftigen Szenen zwischen Chef und Prokuristen will ihren Anfang nehmen, bei denen Trautmann stets wegen seiner dickeren Nerven der Gewinner ist. Tredup sagt dazwischen: »Ich wüßte einen Weg, wie Sie Stuff loswerden.« Beide fahren herum. Sie haben den im Winkel ganz vergessen. »Ohne Skandal?« »Ohne Skandal.« »Ohne Geldabfindung?« »Ohne alles.« »Und wie –?« »Ich werde das allein machen. Ich weiß was von ihm.« »Und ich habe nichts damit zu tun?« fragt der Chef ängstlich. »Um Gottes willen keinen Skandal!« »Ich mache alles allein.« »Und was wollen Sie dafür?« fragt Trautmann. »Umsonst machen Sie das doch auch nicht.« »Ja. Geld könnte ich nicht ausgeben. Die Chronik ist schon so zu sehr belastet.« »Kein Geld.« Dann zögert Tredup, und langsam: »Ich möchte den Posten von Stuff.« Der Chef ruft: »Aber das ist doch ganz ausgeschlossen!« Und Trautmann: »Aber wieso denn? Der Mann ist doch brauchbar.« »Meinen Sie?« fragt der. »Na ja, es ließe sich ja überlegen.« »Ich muß eine feste Zusage haben«, erklärt Tredup. »Die können wir Ihnen geben«, verkündet Trautmann. »Herr Gebhardt ist einverstanden?« »Es ist so, wie Herr Trautmann sagt«, bestätigt der Chef. Ganz befriedigt ist Tredup nicht. »Es ist doch sicher?« fragt er zögernd. »Ganz sicher«, sagt Trautmann. »Ich verlasse mich darauf«, sagt Tredup. »Das dürfen Sie.« »Es wird mit Stuff aber ein paar Wochen dauern.« »Das ist Ihre Sache.« »Und er darf natürlich nicht erfahren, daß Sie Verdacht haben.« »Der erfährt nichts.« Der Chef sitzt wieder am Schreibtisch, befaßt sich mit Zahlen, Statistik. »Also, denn Adieu«, sagt Tredup. »Und vielen Dank.« »Adieu«, sagen die beiden. »Sicher«, denkt draußen Tredup, »wollen die mich anscheißen. Aber ich weiß zuviel. Schon die Auflagengeschichte. – Nun, denn los auf Stuff. – Und vielleicht mache ich doch gar nichts.« 5Banz ist so weit, daß er aufstehen, an einem Stock aus dem Zimmer, über den Hof, auf ein Feldstück gehen kann, dorthin, wo Frau und Kinder arbeiten. Er schickt die Frau am liebsten mit auf das Feld, daß doch eine Aufsicht da ist. Er selbst macht die Hausarbeit, das bißchen notdürftige Ausfegen, das Kartoffelschälen, das Kochen. Er macht es mit langen Pausen, in denen er sich schwindlig an eine Wand lehnt. Dann wird es ihm rot vor den Augen, alles dreht sich. Nach einer Weile ist es vorbei. Und er tatert weiter, langsam, zu der Arbeit, zum Feldstück hinaus. »Zum Altenteil wäre ich gut«, höhnt er sich selbst. »Mit fünfundvierzig ein Greiser. Na, wartet nur, ihr in Altholm, wenn ich erst zu einem Rechtsanwalt kann.« Denn mittlerweile sind Padberg und Bandekow bei ihm gewesen. Banz ist nicht in Verdacht. Niemand weiß, daß er jemanden niedergeschlagen hat, und er hütet sich, selbst den beiden davon zu sprechen. Er wird die Stadt Altholm verklagen, sie wird Schmerzensgeld zahlen müssen, eine Rente. Man hat ihn niedergeschlagen von hinten, als er die Stufen zu einer Gastwirtschaft hinaufstieg, ein Glas Bier zu trinken. Das können die Wirtsleute bezeugen, die ihn auf den Stufen bewußtlos fanden. Banz humpelt an seinem Stock weiter. Die Kinder sind beim Hafermähen, er muß sehen, wie weit sie sind. Natürlich erkennt er schon von weitem, daß sie nicht halb das geschafft haben, wie wenn er vormäht. Was die schon für einen Schwad nehmen, so schmal, die reinste Kinderei, und dabei steht der Hafer doch dünn genug. Und dann ewig machen sie Pausen, wetzen die Sensen, rein für nichts. Schon dreihundert Meter ab überkommt ihn ein Wutanfall, einer jener Wutanfälle, die ihn jetzt so häufig schütteln. Er fängt an zu schreien, zu brüllen, droht mit dem Stock. Dann kommt der Schwindel, und er kann nicht schnell genug auf die Erde, fällt halb hin. Und da liegt er nun, döst vor sich hin, das Hirn will nicht recht. Die drüben sind das schon gewöhnt, die kommen nicht her und helfen ihm. Mag der Vater nur liegen. Und der Vater wird wirklich erst richtig wütend, wenn sie ihm helfen wollen. Soll sich selber helfen, das Pack, das verdammte. Er kommt langsam hoch. Es ist schwer hier, wo er nichts hat, woran sich anhalten. Aber mit dem Stock schafft er es schließlich. Dann geht er weiter, vor sich hin schimpfend, immer die Augen auf diesen miserablen Mähern. Eine Weile steht er bei ihnen, sieht zu ohne ein Wort, geht nebenher, direkt neben den Sensen. Die mähen wie der Deubel, langen möglichst weit aus, nach seiner Seite hin. Mag er doch aufpassen, der Alte, steht hier rum, tut nichts, frißt nur, schimpft, und tut schon wieder den ganzen Tag nichts. Der Alte steht jetzt neben Franz, hält mit ihm Schritt. »Was ist das mit deiner Sense?« fragt er. »Die sitzt ja nicht richtig. Du mußt den Keil festschlagen.« Der Junge brummelt was und mäht weiter. »Zeig her die Sense!« befiehlt der Bauer. Der Junge murrt: »Ich kann doch jetzt nicht aus der Reihe.« »Die Sense her!« Alle halten und Franz tritt aus. »Ihr mäht weiter«, sagt der Bauer. »Jeder rückt einen vor! – Und ihr Weiber habt auch nichts zu stehen und zu glotzen!« Plötzlich wütend schreit er: »Gemäht wird nichts und doch liegt die Hälfte noch ungebunden! Ran mit euch! Es gibt nicht eher Feierabend, bis alles aufgebunden ist.« Die Mutter und die Töchter arbeiten wortlos weiter. Der Bauer befingert die Schneide der Sense. »Die ist doch nicht gedengelt. Hast du gestern abend gedengelt?« Der Franz glotzt böse. »Ob du gedengelt hast? Mach's Maul auf.« »Ja«, sagt der Junge. »Nein. Du hast nicht gedengelt. Du lügst. Wie siehst du aus um die Augen? Wo bist du letzte Nacht gewesen? Wo gehst du bocken hin?« Der Junge schweigt, die Mädchen kichern, die Burschen grinsen. »Wo du hingehst in der Nacht, frage ich!« »Gar nicht gehe ich hin.« »Wann hast du die Sense zum letztenmal gedengelt? Dienstag?« »Gestern.« »Du lügst, du Verdammter. Hurenbock du! Wo gehst du hin? – Die Nächte rummachen mit den Weibern und am Tage rumhangeln wie ein Hampelmann – füttere ich dich darum?« Der Junge glotzt bösartig. »Wo hast du das Geld her? Du gibst den Weibern doch Geld! Sonst nimmt dich doch keine, so wie du aussiehst, du Zwerg, du! Wo hast du das Geld her?« »Wo soll ich es herhaben? Haben wir denn welches?« »Warte«, sagt der Bauer. »Dir kommen wir schon auf deine Schliche. Hier, nimm die Sense. Geh zum Hasenfleck und mäh dort. Hier brauchen sie solche wie dich nicht. – Und daß du den ganzen Hasenfleck heute noch abmähst! Daß nicht ein Hälmchen steht, wenn du Feierabend hast!« »Das kann man nicht.« »Hast du gehört, was ich gesagt habe? Abmähen! Abmähen! Alles ratze abmähen!« schreit der Bauer wütend und schlägt mit dem Stock auf die Erde. »Gehst du? Dir wollen wir zeigen, ob du nachts zu Weibern kannst! Alles Schmalz in den Betten lassen, was, wo wir's hier brauchen. Marsch. Los. Pack dich.« »Geh schon, Franz«, sagt die Mutter. »Ich kann doch nicht allein«, sagt der Junge zögernd. Der Alte liegt auf der Erde und ist nicht bei sich. »Gib mir die Minna mit, daß sie den Schwad abrechen kann.« »Geh mit, Minna«, sagt die Mutter. Die beiden gehen gegen die Waldecke zu. Der Bauer, wieder wach geworden, starrt ihnen nach. »Komm her, Frau.« Die Frau kommt. »Hock dich neben mich.« Die Frau tut es. »Ist das Geld noch alles da?« flüstert er. Sie sagt: »Alles.« »Du lügst«, sagt er böse. »Es fehlen fünfzehn Mark. Ich bin dagewesen, heute morgen.« »Die habe ich genommen für die Apotheke«, sagt die Frau rasch. »Du lügst«, sagt der Bauer. »Der Franz hat sie gestohlen.« »Der Franz stiehlt nicht«, sagt die Frau. »Doch tut er das. Wenn ich ihn beim Versteck erwische, schlage ich ihm den Schädel ein.« »Der Franz stiehlt nicht«, beharrt die Frau. »Alle lügt ihr, alle«, sagt der Bauer. »Aber ich komme schon wieder auf meine Beine. Dann sollt ihr was erleben. Und die in Altholm auch. Wartet nur.« Er rappelt sich hoch und humpelt gegen den Hof zu. 6Der ewige Kriminalassistent Perduzke hat Auftrag zur Vernehmung des Untersuchungsgefangenen Henning. »Daß die es nicht aufgeben«, sagt er und rüstet zum Abmarsch. »Nimmst du keine Akten mit?« fragt sein Kollege, der Kriminalsekretär Bering. »Nein, das tue ich nicht. – Wo sind denn wieder die Zigaretten?« »Da im Schrank müssen noch welche sein. – Glaubst du, der fällt darauf rein?« »Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft«, sagt Perduzke, zwängt eine Hundert-Stück-Schachtel in seine Tasche und geht los. Im Krankenhaus findet er wieder einmal den Posten, der Henning bewachen soll, statt vor der Tür im Zimmer des Gefangenen. Aber ausnahmsweise rügt der Bluthund Perduzke das nicht, sondern sagt nur: »Marsch, raus mit dir, Gruen. Ich bin hier dienstlich.« »Bilde dir nur nichts ein«, sagt Gruen und sein blondes Spitzbärtchen wackelt böse. »Was das schon für Dienst in dieser Republik gibt.« »Es ist hier«, sagt Henning freundlich lächelnd zu Gruen, »eine blonde Krankenschwester namens Elli auf der Station, die Ihnen gefallen würde und mir schon lästig fällt. Das Mädchen ist verdammt hübsch.« »Weiber!« zischt Gruen verächtlich. »Weiber hat wer im Kopf! Das sind Helden! Ein Stück Weiberfleisch und alle Gedanken sind futsch.« »Erzähl das man der Elli«, sagt Perduzke und schiebt den Gruen aus der Tür. »Wir können dich hier nicht mehr brauchen.« Die beiden sind allein und Henning setzt sich in einen Stuhl am Fenster. Er sieht wieder völlig wohl und munter aus und von dem viel besprochenen Krüppel sieht man vorderhand nur, daß er einen Arm in der Binde trägt. »Setzen Sie sich man, Perduzke. Also wollen Sie mich wieder vernehmen?« »Will ich. Muß ich. Hier sind Zigaretten.« Und er stellt brummig seine hundert Stück auf den Tisch. Henning beschaut die Marke. »Ausschuß. Darf nicht verkauft werden. – Sagen Sie mal, wieso kommt eigentlich die Kriminalpolizei in allen deutschen Städten ewig mit diesen Ausschußzigaretten angezuckelt?« »Also mit der Kripo in andern deutschen Städten haben Sie doch auch schon zu tun gehabt? – Na, lassen Sie man, ich weiß von nichts, das Verhör hat ja noch nicht angefangen. – Wieso der Ausschuß? Na Gott, irgendwo müssen doch die Zigarettenfabriken mit ihrem Ausschuß bleiben. Da stiften sie ihn der Polizei, daß die was zum Ganoven-Ködern hat.« »Danke«, sagt Henning. »Aber stecken Sie man die Dinger wieder ein. Ich hab den ganzen Schrank voll Zigaretten.« Perduzke bringt sein kriminalistisches Notizbuch aus der Tasche. »Das Verhör beginnt, Herr Henning.« Und Henning: »Erst einmal das Übliche: Ich verlange, vor einen Untersuchungsrichter geführt zu werden.« »Ich verweise Sie auf den Weg der Eingabe. – Ich habe heute den Auftrag, Sie zu vernehmen ...« Henning leiert: »Ich erhebe Einspruch dagegen, daß die Voruntersuchung von der Polizei geführt wird. Aussagen mache ich nur vor einem Richter. Der Polizei verweigere ich meine Aussage.« »Erledigt«, sagt Perduzke. »Daß es Ihnen nicht langweilig wird, Herr Henning.« »Unsere Pflicht darf uns nie langweilig werden, Perduzke«, belehrt ihn Henning. »Ich schreite nun zur Vernehmung«, sagt Perduzke und schaut in sein Taschenbuch. »Ich mache darauf aufmerksam, daß ich nicht aussagen werde«, sagt Henning. »Ist«, fragt Perduzke und blinzelt über einen schwarzgefaßten Klemmer, »der Name Georg Henning Ihr wirklicher Name?« »Gott«, sagt Henning erfreut, »das ist doch mal eine neue Walze, nicht dieser ewige 26. Juli. – Im übrigen verweigere ich die Aussage.« »Haben Sie früher nicht die Namen Georg Hansen, Leutnant Parsenow, Oberleutnant Hingst geführt?« »Siehmalsieh«, sagt Henning, dessen Stirn sich verdunkelt, »das ist das. – Ich verweigere meine Aussage.« »Waren Sie nicht im Baltikum bei der Abteilung Hamburg?« »Ich verweigere die Aussage.« »Haben Sie nicht der Brigade Ehrhardt angehört?« »Ich verweigere ...« »Gehörten Sie nicht der Garde-Kavallerie-Schützen-Division an und waren Sie nicht beim Stabe im Edenhotel?« »Ich verweigere ...« »Haben Sie sich nicht an einem Attentat auf die Reichswehrkaserne in Gemünden beteiligt?« »Ich verweigere die Aussage.« »Woher nehmen Sie die Mittel zu Ihrer Lebenshaltung?« »Ich verweigere ...« »Wollen Sie mir Bauern nennen, an die Sie im letzten halben Jahre Landmaschinen verkauften?« »Ich verweigere die Aussage.« »Wo haben Sie sich zur Zeit der Anfertigung der Bauernschaftsfahne aufgehalten?« »Ich verweigere ...« »Wer hat Ihnen das Material zur Herstellung der Fahne geliefert?« »Wer? – Was? – Woher? – Warum? – Wann –? Ich verweigere ... ich verweigere ... ich verweigere ...« »So, das wäre für heute alles. Wollen Sie ein Protokoll unterschreiben des Inhalts, daß Sie Ihre Aussage verweigern?« »Ich verweigere meine Unterschrift.« »Wir sind durch, Herr Henning.« »Na ja. Na ja. Die Vernehmung ist abgeschlossen?« »Die Vernehmung ist alle.« »Das war ja heute alles mögliche?« »Das schon. Aber nur – Rückzugsgefecht.« »Rückzugsgefecht?« »Ich denke, ich komme nicht wieder.« »Und wer kommt statt Ihrer?« »Keiner.« »Das heißt –?« »Was Sie sich denken.« »Aber das ist doch nicht möglich!« »Heute ist alles möglich.« »Wann denn etwa?« »Zwei, drei Tage noch.« »Und bestimmt?« »Soweit ein kleines Tier wie ich das von unten sehen kann: bestimmt.« »Also dann sage ich Ihnen Lebewohl.« »Leben Sie wohl, Herr Henning.« »Auf Wiedersehen.« »Ja. Bei der Verhandlung.« »Die gibt es also doch?« »Natürlich gibt es die. Warum soll es die nicht geben?« »Freilich. Warum auch nicht? – Aber es ist sicher, Perduzke? Sonst nämlich ... die Bewachung ist hier nicht übermäßig scharf.« »Sie können sich darauf verlassen, Herr Henning. Guten Tag.« »Guten Tag. Und schicken Sie mir den Gruen rein.« »Was ist denn?« fragt Gruen mürrisch. »Anfang nächster Woche lassen die mich laufen, teurer Wachthund«, sagt Henning. »Aufschübe! Aufschübe! Aufschübe! Ich an Ihrer Stelle würde nicht warten.« »Natürlich warte ich. Grade warte ich. So ein bißchen warten bei so was, daß das Fieber noch steigt, ist das Schönste bei dem ganzen Mist.« Gruen sieht ihn mißbilligend an: »Ich glaube wahrhaftig, Sie geilen sich sogar daran auf, wenn eine Bombe platzt. Was es doch für Schweine gibt auf der Welt!« »Machen Sie, daß Sie rauskommen aus meinem Zimmer, Sie Waldesel, Sie!« brüllt Henning wütend. 7In der Expedition der Chronik erscheint ein Mann in graugrüner Uniform mit Zickenbart. Fräulein Heinze fragt: »Sie wollen wohl die Freizeitungen für die Gefangenen?« »Ich will den Redakteur sprechen.« Die Heinze ist bedenklich: »Ich glaub nicht, daß der jetzt zu sprechen ist.« »Reden Sie nicht. Fragen Sie ihn.« Das Fräulein erhebt sich entrüstet, wirft noch einen Blick auf ihre Fingernägel und verschwindet. Sie erscheint wieder: »Sie sollen reinkommen.« Sie setzt sich. Gruen sucht einen Weg durch die Barre, findet die eingelassene Tür nicht und springt mit viel Krach über das Geländer. Die Heinze ruft empört: »Das sind Manieren?« Aber Gruen ist schon in der Redaktion. Stuff begrüßt ihn: »Na, was willst du denn, olles Gefängnis?« »Ich muß dich was fragen, Stuff.« »Denn frag schon. Unter dieser Fahne haben wir nicht gehungert, was?« Gruen kneift die Augen zusammen, hebt einen drohenden und sehr mageren Finger: »Bist du auch im Komplott?« Stuff lacht: »Spielen sie wieder mit dir? Knallen sie nach deinen blonden Locken, olles Haus? – Natürlich bin ich im [Kompott]. Richtig im Süßen sitz ich hier.« Gruen schüttelt den Kopf: »Alle wollen Geschäfte machen. Alle. Auch der Henning stinkt jetzt. Seit er gehört hat, er wird frei, heißt es Aufschieben. Aufschieben. Ich lasse mich nicht dumm machen.« Stuff wird aufmerksam: »Der Henning wird frei? Du spinnst ja!« »Spinnen tun ganz andere. Ich bin wach. Damals am 26. Juli habe ich auch als erster gemerkt, was los war. Und hätten die Bauern das getan, was ich wollte, und das Gefängnis gestürmt und den Reimers rausgeholt ...« Stuff sagt bekümmert: »Du bist wieder mal anständig verrückt, Gruen. Der Reimers war doch damals gar nicht mehr bei euch im Kittchen.« Gruen sagt geheimnisvoll: »Der Reimers ist noch immer bei uns. Er wird nur verborgen.« »Du spinnst. Der Reimers ist seit Wochen frei.« »Der Reimers hat viele Gestalten und Verkleidungen.« »Du solltest doch mal zu einem Arzt gehen. Ernsthaft: du solltest es tun, Gruen.« »Quatsch nicht. Sag mir lieber, warum hast du nichts gebracht über die Sitzung beim Regierungspräsidenten? Die Bauernschaft war voll davon. Und in allen Zeitungen hier hat kein Wort darüber gestanden.« »Hat mir nicht gepaßt«, brummt Stuff. »Muß mal kühler werden.« »Kühler? Heißer muß es werden. Siehst du, du bist auch im Komplott.« »Man kann manchmal nicht so, wie man will, oller Gruen. Du möchtest auch manchen rauslassen aus deinem Roten Hotel und kannst nicht.« »Keinen. Das sind doch alles gemeine Verbrecher und bei den andern ist es Prüfung. – Willst du was bringen von der Sitzung?« »Hör doch schon auf. Nein, ich will nicht.« »Aber du mußt, Stuff. Du darfst die Sache nicht verraten.« »Oller Schwede, sieh es ein, es geht nicht. Die oben, die Bonzen und die dicken Speckjäger, haben die Köpfe zusammengesteckt, und da müssen wir Kleinen parieren.« »Warum mußt du parieren?« »Weil ich sonst rausfliege. Und wer nach mir kommt, macht es noch schlimmer.« »Wer nach dir kommt, ist deine Sorge nicht. Du mußt was bringen.« »Das versteh ich nun besser, Gruen. Laß mich man machen.« »Im Komplott«, sagt Gruen. »Auch im Komplott Henning, Stuff, alle.« »Was hat Henning damit zu tun?« »Genug. Ist auch wie du. Aber der Blitz ist in der Wolke und fährt nieder zu seiner Stunde.« »Gruen, ich sage dir ...« Die Tür geht auf und Tredup kommt herein. Er stutzt, als er Gruen sieht. Dann starren sich die beiden böse an. »Wer ist das, Stuff?« fragt Gruen leise. »Die Herren kennen sich nicht? Das ist unser Annoncenwerber, Herr Tredup. – Herr Strafanstaltshilfswachtmeister, Herr Gruen.« »Doch, den kenn ich«, sagt Gruen leise. »Das ist der falsche Reimers, der mich verraten hat an den Direktor Greve.« »Das ist der wahnsinnige Kerl aus dem Gefängnis, Stuff, von dem ich dir gesagt habe. Der Kerl hat mir was eingebrockt ...« »Solche Leute hast du hier, Stuff?« fragt Gruen wieder. »Dann ist freilich der Blitz schon zu lange in der Wolke gewesen.« Plötzlich reckt er die dürren Arme: »Euch alle wird er vertilgen, alle, alle ...« Er verschwindet plötzlich. Draußen hört man Fräulein Heinze schreien. Die beiden laufen hinaus. »Was war denn?« »Was ist denn los?« »Warum schreien Sie denn so?« »Der verrückte Mensch! Hat mich so erschreckt! Springt plötzlich über die Barriere.« »Ja, ich glaube, verrückt ist der jetzt wirklich«, sagt Stuff nachdenklich. »Ich muß mal gleich einen eiligen Gang tun, sonst richtet er noch was an. Nimmst du Kino und Wochenmarkt, Tredup?« »Was war denn im Kino?« »Nichts wie der übliche Mist. Schreib man: Dina Mina hat ihr koboldhaftes Talent wieder mal unter Beweis gestellt. Wieso steht sicher im Inserat. Das kannst du doch?« »Das fragen mich jetzt alle«, sagt Tredup mürrisch. »Natürlich werde ich mein Talent jetzt auch mal unter Beweis stellen.« 8Als Stuff sich dem Krankenhaus von hinten nähert – er bevorzugt überhaupt die Gassen vor den Straßen –, sieht er, daß die sonst so stille Allee um diese frühe Abendstunde eine Art Korso geworden ist. Schülerinnen, Lyzeistinnen gehen dort Arm in Arm auf und ab, die Gymnasiasten fehlen nicht, und auch ältere Mädchen sind da, Mädchen von zwanzig, einundzwanzig Jahren. Stuff weiß, daß seit undenklichen Zeiten der Burstah der Bummel von Altholm gewesen ist. Wurde er nun hierher verlegt, so muß das eine besondere Ursache haben. Die Ursache, nicht schwer zu finden, steht in einem Hochparterrefenster des Krankenhauses, lächelt, ruft ein Wort hinüber, winkt, wirft Kußhändchen, und ist ein strahlender Henning, Henning, der Volksheros. Und so sehr Stuff geneigt ist, Henning hoch einzuschätzen, seit er, aus zwei Dutzend Wunden blutend, auf dem Straßenpflaster lag, dies scheint ihm ein bißchen reichlich. »Äffchen«, denkt er, als er weitergeht. Er hat es sich schwierig gedacht, zu dem Untersuchungsgefangenen vorzudringen. Aber es ist grade die Stunde, da im Krankenhaus das Abendessen ausgegeben wird, keine von den Schwestern beachtet ihn, und einen Posten sieht er auch nicht. »Hübsche Zustände das«, denkt Stuff. »Ein Wunder, daß der Henning noch da ist.« Dann klopft er, wartet einen Augenblick und tritt ein. Henning steht noch immer am Fenster und zeigt sich leutselig seinem Volk. Auf dem Tisch liegt ein dreiviertel Dutzend Sträuße, weiße Pakete, die Schokoladeninhalt verraten, Zigarettenschachteln, und ab und zu, halb ausgepackt und gleichgültig wieder fortgelegt, eine Handarbeit. »Lassen Sie doch den Unsinn, Henning«, sagt Stuff ungeduldig. »Ich habe was Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.« »Unsinn? Das kommt Ihnen bloß so vor. Das ist die Vorarbeit für den kommenden Prozeß.« Und er winkt und grüßt und lächelt weiter zum Fenster hinaus. »Quatsch! Die verstiegenen Gören werden Sie auch nicht rausreißen.« »Aber ihren Vätern, Brüdern, Onkeln werden sie erzählen, was ich für ein netter, harmloser, offener Junge bin. Und die Väter, Onkel, Brüder sind Zeugen im Prozeß oder gar Schöffen oder wenigstens Skatfreunde von Zeugen.« »Verknackt werden Sie ja doch.« »Was noch nicht raus ist. Bei solcher Stimmung. Und dann halber Krüppel, der ich bin, das wirkt immer.« »Können Sie wirklich den Arm in der Binde da nicht rühren?« »I wo, keine Spur. Das kostet Altholm noch eine Stange Gold.« »Äffchen«, und Stuff hat endlich den rechten Ton wieder. »Sie sind mall. Seien Sie froh, wenn Sie mit ein, zwei Jahren wegkommen. Geld noch dazukriegen, so ein Goldjunge!« »Es ist noch nicht aller Tage Abend.« »Nein, Gott sei Dank nicht. Denn heute vor Abend muß ich noch was wissen: was Sie nämlich mit Gruen angefangen haben.« »Mit Gruen? Mit Mall-Gruen? Wer kann denn mit dem was anfangen? Mit dem fängt die verdrehte Feder im Uhrwerk alles alleine an.« »Reden Sie nicht rum, Henning. Natürlich haben Sie Gruen irgendwelchen Blödsinn in den Kopf gesetzt. Der Mann ist doch total verrückt, den schickt man doch nicht vor! Der Mann hat ein halbes Dutzend Kinder oder mehr, so ein verhungerter Hering. Den läßt man doch nicht die eigene Arbeit machen.« Henning dreht sich brüsk um und schmettert das Fenster zu: »Wen schicke ich vor? Wen lasse ich die eigene Arbeit machen? Bei Ihnen piept's wohl, Stuff? Wenn der Affe, der Gruen, irgendwas gesagt hat ... dann hat er gesponnen. Das eine sollten Sie doch von mir wissen, Stuff, daß wenn einer in die Scheiße treten muß, ich mich nie davor gedrückt habe. – Aber wir werden ja gleich sehen.« Henning reißt die Tür auf. »Gruen, Hilfswachtmeister, komm mal her.« »Da war kein Mensch auf Posten, als ich kam.« »Nette Gefangenschaft, was? Aber wirklich, ich habe den Kerl seit fünf, sechs Stunden nicht gesehen. Und er hat doch hier bis acht Dienst.« »Dafür war er bei mir. Hat blöd geschwätzt, mir Vorwürfe gemacht, daß ich nicht genug von den Bauern bringe ...« »Da hat er auch recht.« »Einen Dreck verstehen Sie davon. – Aber gedroht hat er, wir wären alle im Komplott, Sie und ich, die Sache zu verraten. Der Blitz wäre in der Wolke und führe nieder, bald, sofort ...« »Gequatsch eines Mallen.« »Ich hab so meine Gedanken. Es gibt ansteckende Scherze. Hat er nicht vielleicht so was gefragt – es ist nur so eine Idee von mir –, wie man an einem Wecker eine elektrische Zeitzündung anbringt? Oder etwa, wieviel Pfund Sprengstoff man zu einer rechtschaffenen Bombe braucht?« Henning starrt. Plötzlich wird sein Gesicht ganz spitz, die Nase sieht gelb und scharf daraus hervor. Er schlägt mit der Hand auf den Tisch. »Oh, ich Esel! Ich verdammter Protz! Ich elendes Sauluder! Totschlagen hätten sie mich sollen, die Stadtsoldaten, die verdammten!« »Fluchen Sie nicht. Sagen Sie!« »Ich weiß selbst nicht mehr, wie es gekommen ist, aber irgendwie hat er aus mir die Adresse rausgequetscht, wo der Sprengstoff lagert. Ja, richtig, er hat sich angeboten zur Hilfe und meinte, sicherer als im Gefängnis gäbe es nichts. So haben wir hin und her gequatscht, und da habe ich denn geprotzt, wie sicher unser Platz ist.« Stuff stöhnt, in ehrlicher Trauer glotzend: »Henning! Henning! Wie ein Säugling, der in die Windeln kackt! Kann die Weisheit nicht halten, das Kindchen, nein! Muß alles raus, ja?« »Los, Stuff! Wir müssen ihn suchen. Das könnte ich brauchen, wo ich dieser Tage entlassen werden soll, so einen Klamauk.« »Aber Sie können hier doch nicht weg!« »Wieso nicht können? Wissen Sie keinen Weg, auf dem ich an diesen dämlichen Gänsen auf der Straße vorbeikomme?« »Doch, das geht. Wir gehen durch den Kohlenkeller vom Kesselhaus. Legen Sie einen Zettel auf den Tisch, daß Sie sich Stadturlaub genommen haben und wiederkommen wollen. Dann tun die nichts. Die halten die Schnauze, wo ihr Posten nicht dagewesen ist.« Eine Stunde später klingelt Stuff an der Gefängnispforte. Henning steht – es ist schon fast dunkel – im Hintergrunde. Sie haben die Stadt abgeklappert, haben mit der Frau gesprochen, haben die Kinder befragt, niemand wußte, wo Gruen ist. Doch er ist wirklich hier im Gefängnis. »Macht Spätdienst. Vertretung für einen erkrankten Kollegen. Hat er sich freiwillig übernommen. Verdient sich gerne ein paar Groschen damit.« »Könnten wir ihn nicht sprechen? Einen Augenblick nur.« »Völlig ausgeschlossen, Herr Stuff. Um neun Uhr Unterhaltung im Gefängnis! Morgen wäre es beim Direktor. Aber lauern Sie ihm doch auf. In zwei Stunden kommt er bestimmt.« »Durch dieses Tor?« »Es gibt doch kein anderes Tor aus dem Gefängnis! Soviel sollten Sie doch auch wissen, Herr Stuff!« »Haben Sie vielleicht gesehen, ob er ein Köfferchen bei sich hatte? Oder einen Karton?« »Nein. Kann mich nicht erinnern. Glaube ich auch nicht.« »Na, denn guten Abend. Schönen Dank. Hier nehmen Sie sich noch eine Zigarre.« »Danke. Soll ich ihm was sagen, Herr Stuff?« »Nein. Nichts. 'n Abend.« »Das klingt eigentlich alles ganz ordentlich, was? Wozu wird er sich, um ein paar Groschen zu verdienen, nachts einen Dienst übernehmen, wenn er eine Bombe schmeißen will?« »Bei Gruen? Alles möglich. Der ist ja auch von seinem Wachtdienst bei Ihnen weggelaufen und hat 'nen andern übernommen.« »Jedenfalls erkläre ich Ihnen eins, Stuff. Wir haben noch zwei Stunden Zeit ...« »Eine Stunde fünfzig Minuten.« »Genügt auch vollkommen. In dieser Zeit muß ich ein Frauenzimmer haben.« »Gibt es denn nicht Krankenschwestern genug?« »Sie haben 'ne Ahnung. Wenn man was will, dann ist plötzlich der Wachtbeamte wirklich ein Wachtbeamter. Bomben hätte ich machen können, aber ein Mädel auf mein Zimmer, nee, das schickt sich nicht. Der reine Futterneid.« »Also denn los! Wie soll sie denn sein? Dick? Dünn? Schwarz? Blond?« »Alles Scheiße, Stuff. Wenn es nur ein Weib ist.« 9Um neun Uhr klingelt es bei Bürgermeister Gareis an der Entreetür. Assessor Stein kommt, um seinen Freund und Meister zu einem Spaziergang abzuholen. Immer gehen sie erst fort, wenn es dunkel ist, und immer gehen sie einen fast unbetretenen Feldweg, der zwischen Äckern und Wiesen entlangläuft. »Wissen Sie, Assessor«, sagt Gareis wohl. »Man muß sich den Leuten nicht zuviel zeigen. Je weniger sie einen sehen, um so mehr beschäftigt man sie. Vollends ich – wenn sie mich spazierengehen sähen, gleich hieße es: Gott, der fette Gareis versucht sich ein paar Pfund runterzulaufen.« Sie gehen langsam die Vorstadtstraße hinauf, in deren letztem Haus der Bürgermeister wohnt. Dann biegen sie ein. Ein paar Lauben kommen noch mit ihren Gärtchen und dann die ersten Vorposten der Landwirtschaft gegen die Industrie: Kartoffeläcker. »Kartoffeln«, sagt der Bürgermeister. »Mir sind sie lieber als Rosen. Kartoffeln. Zu Haus, immer wenn nichts Rechtes zu essen da war, Kartoffeln waren immer da. Und sie machten so herrlich satt.« »Ein bißchen langweilig die Felder, nicht?« »Finden Sie? Ich nicht.« »Doch«, sagt der Assessor abwesend. »Sie wissen, die Bauern liefern jetzt auch nicht mehr in die Stadt. Fahren ihre Schweine, ihre Kartoffeln nur bis zur Stadtgrenze. – Da, ihr verfluchten Altholmschen, wenn ihr was wollt, holt es euch. – Der Boykott wird immer schärfer.« »Ich bitte Sie, Assessor, reden Sie mal eine Stunde nicht vom Boykott. Als wenn es nichts anderes mehr zu tun gäbe auf der Welt. Die Arbeitslosigkeit wird immer schlimmer. Wir sind in der ganzen Provinz die Stadt mit der höchsten Arbeitslosenziffer. Und mein Fürsorgeetat ist seit zwei Monaten erschöpft.« »Was machen Sie da?« »Ich verbrauche weiter. Ich wollte den Rendanten sehen, der mir dafür das Geld verweigert. Und in diesem Punkt habe ich wenigstens die ganze Partei hinter mir.« »Nur in diesem Punkt?« »Gott, die finden ja in letzter Zeit, ich bin kein richtiger Roter. Bin zu bauernfreundlich. Soll die Bauern mit Feuer und Schwert vertilgen.« »Aber wenn die Sie nicht halten, auf wen wollen Sie sich dann stützen im Kampf, der kommt?« »Auf mich. Ich denke immer, am Ende werden die sehen, daß sie mich doch brauchen. Daß ich recht habe.« »Ja, und die Niederlage von Temborius wird Ihnen auch helfen.« Der Bürgermeister bleibt stehen: »Diese Niederlage ist das schwerste Unglück, das passieren konnte. Seit ich von der weiß, verliere auch ich fast die Hoffnung auf Einigung.« »Aber wieso denn? Jetzt kommen sie doch alle wieder zu Ihnen gelaufen.« »Kann ich was Endgültiges machen ohne die Regierung? Das ist doch nun einmal so, die müssen ihren Senf dazu geben, sonst geht es nicht. Und ab jetzt schmeißt der Temborius jeden Stecken ins Rad. Das ist doch solch ein Bürokrat, dem blutet wirklich das Herz, wenn nicht alles glatt und genau geht. Das tut ihm wirklich weh. Na, und da hat er denn gedacht: schön, ich will euch entgegenkommen, ich will einrenken, sollt ihr sehen, ich bin gar nicht so. Frerksen und Gareis sind euch mißliebig? Ich opfere sie euch! Er tut's, und dann ruft er sie zu sich. Wie schnell er sie eingeladen hat nach dem großen Schlachtfest, Sie sehen's ja, er hat's gar nicht abwarten können mit der Aussöhnung. Daß er nur erst nach Berlin melden kann: Friede mit den Bauern. Sieg meiner Diplomatie. Und da spucken die ihm so ins Gesicht. Sie haben doch wirklich ganz gemeinen Rotz gegen ihn gespritzt. Glauben Sie mir, der Mann sitzt auf seinem Sessel und weint blutige Tränen, daß er es einmal gegen alle seine Grundsätze auf die menschliche Weise versucht hat und denen die Hand hinhielt. Der züchtet jetzt einen Haß im Busen, und ich sage Ihnen, über so einen richtigen Bürokratenhaß geht gar nichts. Wenn Sie mit nichts auf der Welt rechnen können, auf den dürfen Sie Häuser bauen. Und der wird jede Versöhnung unmöglich machen. Der hört nicht auf, und wenn alle Bauern am Verrecken sind. Der opfert besinnungslos Altholm mit seinen vierzigtausend Menschen, der opfert sogar die eigene Karriere. Und der schlägt mir meine ganze gute Arbeit hier endgültig entzwei.« »Die bauen Sie sich überall wieder auf, Herr Bürgermeister.« »Aber ich denke gar nicht daran, hier fortzugehen. Vielleicht gewinne ich doch. Ich habe doch wenigstens was aufzuweisen, was auch den Bauern gefällt, ich hab doch einiges für die getan! So die Ausstellung damals. Oder die Viehhalle, die habe ich denen doch auch finanziert. Oder besser zusammengeschnorrt. Und den Pferdemarkt beim Turnier. Und die Bauernkurse im Winter. Na ja, das wird ihnen eines Tages alles wieder einfallen, wenn sie ruhiger geworden sind. Und dann quatschen wir nicht lange von Versöhnung, dann machen wir irgendwas Nettes, was dem Bauern Geld einbringt – dann ist die Freundschaft gleich wieder da.« »Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, Herr Bürgermeister, daß Sie seit einer Viertelstunde vom Boykott reden?« »Richtig. Ich bin ein schlappes Aas. Jetzt wird mindestens eine halbe Stunde stramm gegangen. Und ich schwöre Ihnen, ich werde an ganz andere Dinge denken als an den Boykott.« Es wird nicht nur eine halbe Stunde geschwiegen, über eine Stunde geht es still geradeaus. Dann kommt ein Wäldchen. Dort setzt sich der Bürgermeister und lauscht auf den Nachtwind in den Ästen. »Sehr gut ist das. Eine sehr gute Einrichtung, der Wind. Für so was müßte man Zeit haben. Man kann immerzu über solche Geschichten nachdenken. Da ist auch so was ... haben Sie sich mal überlegt, Steinchen, woran man eigentlich die verschiedenen Baumarten erkennt?« »Nun, ich denke, an den Blättern.« »Aber im Winter sehen Sie auch, was ein Apfel und was eine Kirsche ist.« »Ich allerdings nicht. Aber man wird es ja wohl an der Farbe des Stammes, an der Rinde erkennen, was weiß ich.« »Und wenn Sie zweihundert Meter ab sind, wissen Sie auch Bescheid. Nein, ich denke mir, jede Baumart hat einen bestimmten Winkel, so und so viel Grad, in dem sie ihre Äste ansetzt. Oder Variationen zwischen verschiedenen bestimmten Winkeln. Es gibt sicher Leute, die so was wissen. Aber solche Leute lernt ja unsereins leider nicht kennen.« »Damit kann ich freilich nicht dienen.« »Beleidigt, Assessor? Seien Sie nicht albern. – Kehren wir um.« Sie nähern sich schon wieder der Stadt, als plötzlich dem Dunkel ein Mann enttaucht. Nicht mehr als ein Schatten. Er fragt höflich nach der Zeit. Die Leuchtuhr am Armband zeigt halb zwölf, und in dem gleichen Augenblick, da der Bürgermeister es sagt, schlagen die Turmuhren der Stadt, helle und dunkle, sieben verschiedene. Der Mann dankt und geht weiter, von der Stadt fort. Dann bleibt er noch einmal stehen und fragt aus dem Dunkel heraus: »Sie sind doch der Bürgermeister Gareis?« Der Mann ist schon eine ganze Ecke ab, und Gareis ruft zu ihm hin: »Nachts um halb zwölf nur Gareis. Den Bürgermeister lassen wir auf dem Rathaus.« Der Mann scheint sich noch weiter zu entfernen, aber sein Fragedurst ist ungestillt: »Sind Sie eigentlich verheiratet?« fragt er. Und der Bürgermeister echot: »Wieso wäre ich wohl sonst so dick, Mensch?« »Und Kinder?« »Nein, nicht. Sonst noch was?« Wirklich, der Frager – nun ist er schon mindestens fünfzig Schritte ab – ruft wieder: »Warum haben Sie denn die Bauern niederschlagen lassen?« »Haben die selbst getan«, antwortet Gareis sibyllinisch und hört einen lachen, höhnisch, frech, meckernd. »Der hat doch einen in der Krone«, sagt der Assessor tadelnd. »Ich begreife Sie nicht, Herr Bürgermeister.« Aber der Bürgermeister antwortet nicht. »Das war sehr komisch«, sagt er schließlich, »und ein bißchen unheimlich. Na ja, ich glaube wirklich, mir tut es gut, wenn ich erst mal gründlich ausschlafe.« »Wieso denn unheimlich? Ich fand gar nichts unheimlich. Nur frech.« »Frech? Na ja, frech. Mir kam er vor wie einer, der nach mildernden Umständen sucht.« »Das verstehe ich nun nicht.« »Glaub ich ... Gehen wir weiter. Es wird schon nichts zu sagen haben. Und außerdem – wer ist dagegen geschützt?« »Wogegen?« »Daß einen Besoffene anquatschen, nicht wahr?« Sie gehen weiter. Sie biegen in die Vorstadtstraße ein und sehen vor sich das Haus des Bürgermeisters. Vor dem Hause stehen zwei Männer und schauen ihnen entgegen. Gareis hat den einen erkannt, er will ihn aber nicht kennen. Er geht stracks auf die Haustür zu, doch der spricht ihn an. »Entschuldigen Sie, Herr Bürgermeister. Haben Sie vielleicht einen Mann mit Ziegenbart getroffen? Es ist sehr wichtig.« Der Bürgermeister sagt kühl: »Ich hätte es vorgezogen, eine Weile nicht mit Ihnen zu reden, Herr Stuff. Sie riechen nicht gut in meiner Nase. Aber da es Ihnen wirklich wichtig scheint: auf dem Feldweg nach Lohstedt, fünf Minuten von hier, hat uns ein Mann angequasselt. Es war dunkel, aber seine Stimme hätte zu einem Ziegenbart gepaßt.« »Darf ich auch fragen, Herr Bürgermeister, was der Mann wollte?« »Nein, Sie dürfen nicht mehr fragen, Herr Stuff.« Der Bürgermeister wendet sich zu Stein. »Also denn gute Nacht, Herr Assessor ...« Doch Stuff ist nicht abzuschütteln. »Seien Sie nicht kleinlich, Herr Bürgermeister. Ich schwöre Ihnen, morgen dürfen Sie mich schneiden, soviel Sie wollen, antworten Sie heute: was wollte der Mann?« »Sie sind ein seltsames Gewächs, Stuff«, sagt der Bürgermeister nicht ohne Anerkennung. »Ich wollte, Sie wären kein Zeitungsmensch. – Der Assessor meinte ja, der Mann wäre besoffen, mir kam das nicht so vor.« Stuff drängt: »Was fragte er?« »Nach der Zeit. Halb zwölf schlug es grade. Ob ich der Bürgermeister sei? Ob ich Kinder habe? Ob ich verheiratet sei?« Der Assessor ergänzt: »Warum Sie die Bauern haben niederschlagen lassen.« »Haben Sie ihm vernünftig geantwortet?« »Bis auf die letzte Frage: ja.« »Das war er. Henning, ich sage Ihnen ...« »Henning –?« fragt der Bürgermeister sehr hellhörig. »Da kommt er!« brüllt Henning. »Lauft! Lauft!!« Aus dem dunklen Laubenkolonieeingang schießt wie eine Rakete ein Mann. Über dem Kopf schwingt er, wurfbereit, etwas wie ein Paket. Stuff versetzt dem Bürgermeister einen fürchterlichen Schlag in den Rücken. »Lauf! Lauf, Bürgermeister! Bombe!« Und Stuff stürzt los. Stein läuft schon. Zwanzig Meter vor den andern Henning. Die kaum bebaute, menschenleere Vorstadtstraße fliehen die vier entlang, der Bürgermeister als letzter, schon keuchend. Hinter ihm jagt schnellfüßig der verhungerte Hering Mall-Gruen, die geschwungene Bombe in der Hand. Im hellsten Ton schreit er: »Das Komplott ist entdeckt! Die Verräter sind beisammen. Alle vernichtet der Blitz aus der Wolke.« Das Ergebnis des Wettrennens kann nicht zweifelhaft sein: in jeder Minute holt Gruen auf gegen den Bürgermeister. Der hört den näherkommenden leichten Schritt, denkt: »Kaputt so und so. Alles kommt darauf an, daß ich die Bombe sofort zu halten kriege.« Er dreht sich mit verblüffender Schnelligkeit um, stürzt in die Arme des Verfolgers, schmettert ihn mit dem ungeheuren Gewicht seines Körpers zu Boden, fällt über ihn, fühlt, daß er den Koffer fest in der Hand hat, spürt einen blödsinnigen Biß im Arm, brüllt: »Komm her, Stuff! Hilfe, Stuff!« Und tief über sich selbst erstaunt, hört er sich rufen: »Wackerer Stuff, Hilfe!« Er ringt mit dem andern um die Bombe, die der gegen den Boden schlagen will. Der kämpft mit Zähnen und Händen, der Bürgermeister spürt, gleich ... Zehn Sekunden, zwanzig Sekunden. Dann sagt Stuff, ein bißchen atemlos, aber ruhig über ihm: »Lassen Sie den Stadtkoffer ruhig los, Herr Bürgermeister. Ich habe ihn.« Und nimmt ihn dem Gareis aus der Hand, hält ihn ans Ohr. »Er tickt«, sagt Stuff. »Soweit alles in bester Butter.« Der Bürgermeister steht schwerfällig auf, sieht auf den Liegenden. »Besinnungslos. Das verdrehte Aas. Verrückt, nicht wahr?« »Total.« »Sagen Sie, Stuff, was fängt man eigentlich mit solcher Bombe an. Das Ding kann doch jeden Augenblick losgehen.« »Dasselbe wollte ich Sie fragen, Herr Bürgermeister«, entgegnet Stuff und hält das Köfferchen weit ab von sich. »Wenn wir es dahinten auf die Wiese legten?« »Warum nicht? Wenn es nicht vorher explodiert?« »Jetzt wäre das doch eigentlich sinnlos. Ich schlage vor, ich gehe.« »Ich schlage vor, wir gehen zusammen.« »Aber das ist wirklich unnötig«, sagt Stuff. »Lassen Sie mir den Spaß«, sagt der Bürgermeister. Und sie gehen zur Wiese. Auf der Straße liegt, besinnungslos, Gruen. Irgendwo, sich raschestens dem Stadtzentrum nähernd, laufen Henning und Stein. 10Es ist dieselbe Nacht, es ist dieselbe Stunde, da ist Thiel auf dem Wege von Bandekow-Ausbau nach Stolpe. Auch er hört die Uhr halb zwölf schlagen, und er rechnet: »Kurz vor zwölf bin ich auf der Bauernschaft.« Es hat ihn nicht gelitten auf dem Hof. Damals, vor rund einer Woche, als Padberg abreiste und er in seine Dachkammer hinaufstieg, hat er gedacht: »Warum soll ich den Hofhund spielen? Nichts ist mehr im Schreibtisch. Und diese Tage in der Dachkammer beim Klo ... nein, lieber nicht wieder. Ich geh aufs Land.« Heute hat er dem Grafen Bandekow gesagt, daß er Kopfschmerzen hat, ist schlafen gegangen um neun. Um halb zehn war er fort durch den Gemüsegarten. Es hat ihn nicht gelitten. Da ist das große, ineinandergeschachtelte Haus in der Stadt, mit den dunklen Zimmern, den Gängen, den Treppen, den Sälen, dem Garten, mit der geheimen Klingel, mit dem Schreibtisch und einem geheimnisvollen Setzer. Den will er fassen. Thiel schreitet gleichmäßig rasch aus. Es ist eine schöne Nacht, ohne Mond. Fußgänger oder Radfahrer sind so gut wie gar nicht mehr unterwegs, und selten nur stäubt ein Auto an ihm vorbei oder ein Motorrad zischt knatternd dahin. Die ersten Vorstadthäuser. Am weitesten kommt ihm eine Gaslaterne entgegen, sie brennt da idiotisch für sich, beleuchtet Wiese, ein Stück Pflaster. Auf dem Pflaster liegt ein hübscher runder Stein, ein glattgeschliffener Feldstein von der Größe einer Faust. Thiel stößt mit dem Fuß daran, der Stein rollt zögernd ein Stückchen, torklig auf seiner ungleichmäßigen Rundung. »Na komm schon«, sagt Thiel und steckt den Würfling in die Tasche. Während er das tut, hat er zwei Bilder im Hirn: eine Erinnerung an eine Bibelillustration, David mit der Schleuder im Kampfe mit Goliath. Und sich selbst sieht er stehen, hinter der Tür des Redaktionszimmers auf der Bauernschaft, drinnen ist Licht. Jemand ist über den Schreibtisch gebückt. Thiel hebt den Stein und wirft durch den Türspalt. »Gut«, sagt er ungeduldig. »Machen wir alles.« Er kommt in die Straßen von Stolpe, still und unbelebt ist es auch hier. Kaum noch ein beleuchtetes Fenster. Nur die Gastwirtschaften sind hell. Aus einer tönt Musik: Radio oder Grammophon. Plötzlich verspürt Thiel das Bedürfnis nach einem Glas Bier und einem Schnaps. Am Ende, was riskiert er? Wer kennt ihn hier in Stolpe? Kein Aas! Und er tritt rasch ein. Die Wirtschaft ist fast leer. Ein einsamer Gast lehnt an der Theke, ein dunkler, untersetzter Mann mit einem kleinen Bauch. Der Krüger quatscht was mit ihm. Als Thiel bestellt, mustern ihn die beiden. Der Bauchmensch hat eine unangenehme Art zu starren. Trotzdem bleibt Thiel an der Theke stehen. Er nimmt den ersten Schluck. Der Krüger sagt: »Wohl bekomm's!« »Vom Lande?« fragt der Dunkle. »Ja«, sagt Thiel. Und etwas verlegen auflachend: »Seh ich so aus?« Der Mann deutet mit den Augen auf Thiels Schuhe, die dick bestäubt sind. »Natürlich«, lacht Thiel. »Das war nicht schwer.« Und betrachtet die Schuhe des andern. Irgendein ungemütliches Gefühl überkommt ihn. Der andere hat schwarze Schnürschuhe. »Na ja, so 'ne gibt's mehr. Immerhin, schnell austrinken.« »Lehrer?« fragt der Mann. »Warum meinen Sie?« fragt Thiel ausweichend. »Nein, Sie sind kein Lehrer«, sagt der Mann, ohne sich auf weitere Erklärungen einzulassen, und fährt fort, Thiel anzustarren. Der nimmt hastig einen Schluck, bestellt noch einen zweistöckigen Schnaps und fragt den Krüger unmotiviert nach dem Wege zum Bahnhof. Als der umständlich Thiel längst Bekanntes geschildert hat, sagt der Dunkle kurz: »Es fährt aber kein Zug mehr.« »Das weiß ich«, sagt Thiel. »Ich will noch mal zur Gepäckaufbewahrung.« »Die ist auch zu«, sagt der andere. »Verdammt noch mal«, denkt Thiel. »Wäre ich doch nie in diesen Ausschank gegangen!« Und sucht nach seinem Portemonnaie. Natürlich ist es in der Tasche, in der oben der Feldstein liegt. Wie er das Portemonnaie herausziehen will, poltert der Stein auf die Erde. Thiel und der Dicke bücken sich gleichzeitig danach. Thiel ist schneller und verstaut hastig und verlegen den Stein. »Sammeln Sie Steine?« fragt der andere. »Ich will mir ein Haus bauen«, antwortet Thiel in einem Ton, der weitere Fragen abschneidet. Und zum Krüger: »Bitte zahlen!« Er zahlt und geht. Im Rücken hat er das Gefühl, daß die beiden ihm scharf nach glotzen. »Diese Kuhdörfler! Dummheit von mir, da reinzugehen«, denkt er noch einmal und schreitet rasch aus, um die verlorene Zeit einzubringen. Er kommt von hinten an das Grundstück der Bauernschaft, macht einen Klimmzug über die Planke und steht im Garten. Alles still, alles dunkel. »Ob ich erst in das Maschinenhaus gehe und dem Meister ein paar Zigaretten klaue?« Aber er ist down. Der Dunkle an der Theke liegt ihm im Magen. So klettert er denn die Außentreppe am Hauptgebäude hoch, und als er das erste Stockwerk erreicht hat, geht er nicht hinein, sondern klimmt an der Wand weiter, unter Benutzung von Mauervorsprüngen, Simsen. Bis in den zweiten Stock. Er hat sich alles gut überlegt. Aus seiner Erinnerung hat er sich die Fassade rekonstruiert, es klappt alles. So kommt er nicht, wie sonst immer, von außen oder aus dem Erdgeschoß auf die Redaktion, sondern vom zweiten Stock aus. Wenn der da ist, darauf ist er nicht vorbereitet: von oben kommt kein Klingelsignal. Er hat Glück: im zweiten Stock steht gleich in der Buchbinderei ein Fenster offen, er schwingt sich hinein und steht, langsamer atmend, im stillen Raum. Nichts rührt sich, das Haus schläft. Aber Thiel weiß, das Haus schläft nicht. Er weiß, heute kommt er ans Ziel. Er zieht leise seine Schuhe aus und stellt sie beiseite. Dann öffnet er unendlich behutsam die Tür zum Korrektorzimmer und schleicht hinein. Er steht in der Mitte des dunklen Raumes. Mit der Hüfte lehnt er gegen einen Tisch, beide Hände hat er auf ein Stehpult gelegt. So steht er da und lauscht. Er ist jetzt direkt über der Redaktion. Alles ist still. Ganz still. Und langsam kommt aus der tiefen Stille ein ganz leiser Klang zu ihm, ein Garnichts von Schall, ein verwehender Ton. Unendlich langsam läßt sich Thiel auf die Knie nieder, dann lauscht er, mit dem Ohr auf der Erde, lange. Weit ab, gespensterhaft, hört er Schritte, Hin- und Hergehen, unter sich. Der ist da. Er überlegt, während er sich aufrichtet, fieberhaft. Zuerst muß er das Fenster vom Korrektorzimmer schließen, damit, wenn er die Tür zum Gang aufmacht, kein Luftzug entsteht. Auch die Tür zum Buchbinder muß zu. Man weiß nicht, hat der unten die Tür zum Gang auf, kann der Luftzug ihn warnen. Er erledigt alles und öffnet die Tür zum Gang. Richtig, die Tür unten muß aufstehen, er hört jetzt den Schritt deutlicher. »Der fühlt sich hübsch sicher«, denkt Thiel. »Na, warte!« Er tastet sich den oberen Flur entlang bis zur Treppe. Über die Stufen darf er natürlich nicht hinab, ein Knarren kann alles verderben. Aber es ist ja ein altes Bürgerhaus, die Treppe hat ein schönes breites Geländer, und auf dem rutscht er hinunter, ganz im Stil seiner Jugendjahre, nur heftig abbremsend. Er steht unten auf dem Flur, zwei Meter von der Tür ab, die angelehnt, aber nicht eingeklinkt ist. Der Weg bis zur Tür ist endlos. Das Herz klopft so lästig, die Glieder flattern ewig. Dann ist er an der Tür. Thiel schiebt drei Finger in ihren Spalt und bewegt sie langsam auf. Er sieht ein gebeugtes, weiß beleuchtetes Gesicht über dem Schreibtisch im Lichtkegel einer Taschenlampe ... Da knarrt die Tür. Das Gesicht fährt aus dem Licht. Thiel sieht einen Arm gegen sich erhoben. Er greift in die Tasche. Das Licht geht aus. Thiel schleudert den Stein. Es klatscht dumpf. Jemand schreit, brüllt: »Uaah! Uaah!« Schwächer: »Uaah!« Thiel macht einen Schritt ins Dunkle, tastet nach dem Schalter, und es wird schmerzend hell. Auf dem Teppich vor dem Schreibtisch liegt der Mann im blauen Setzerkittel. Die Schreibtischlade ist offen. Auf dem Schreibtisch liegen Schriftstücke, ganz viele. Plötzlich ist Thiel hilflos. Der Mann blutet, liegt reglos. »Was soll denn das alles? Was habe ich nun zu tun? Was mache ich jetzt bloß mit dem Mann? Nie habe ich weiter gedacht als bis zu diesem Moment.« Ein feines blechernes Raspeln tönt in der Wand. Jemand ist unten, jemand, der auch nicht auf legalem Wege das Haus betreten. Langsam kommen Schritte die Treppe hinauf. Noch könnte Thiel fliehen, aber er starrt weiter den Mann an auf dem Teppich, der sich zögernd bewegt, die Augen aufschlägt, Thiel fest anschaut. Nun sind die Schritte ganz nah. Ist es Padberg? In der Tür steht der dunkle Bauchige aus der Kneipe. Hinter ihm zwei Polizisten. Er blickt schweigend in das Zimmer. Dann: »Kriminalpolizei. Kommissar Tunk. Sie sind verhaftet, Herr Thiel. Machen Sie keine Geschichten, sonst ...« Und er läßt eine Pistole halb aus der Tasche tauchen. Erleichtert denkt Thiel: »Gott sei Dank, nun bin ich den ganzen Kram los. Irgendwie regelt sich alles.« Und laut: »Nehmen Sie lieber den Einbrecher da fest.« »Erst einmal«, sagt der Kommissar, »wollen wir Sie ein bißchen schmücken, mein Junge. Hände her. So, nebeneinander.« Die Handfessel schnappt zu. »Und was machen Sie hier?« fragt der Kommissar den Setzer. »Ich habe doch für Herrn Padberg Manuskript holen müssen. Und da kam der aus dem Dunkeln und schmiß einen Stein auf mich.« Der Kommissar betrachtet den Stein, der harmlos auf dem Teppich liegt. »Nette Häuser bauen Sie sich, Thiel. Werden Sie so bald nicht rauskommen aus den Häusern.« Und zum Setzer: »Was für Manuskript sollten Sie denn Herrn Padberg bringen?« »Das da auf dem Schreibtisch«, sagt der Setzer und deutet. Plötzlich fällt Thiel etwas ein. Die Lade war doch leer, als Padberg abreiste! Und jetzt ... »Oh, wir Ochsen!« denkt er. »Wir haben immer nur an Stehlen gedacht, aber Belastendes einschmuggeln ... armer Padberg!« Der Kommissar blättert ein bißchen: »Hübsch. Sehr hübsch. Schwarzer Tag für die Bauernschaft. Finden Sie nicht, Thiel?« »Das sind alles verdammte Lügen«, sagt Thiel wütend. »Padberg kannte seinen Einbrecher schon. Der hat seinen Schreibtisch aufgeräumt, als er nach Berlin fuhr. Was hier ist, das haben die eingeschmuggelt, die roten Fälscher.« »Interessant«, sagt Tunk. »Hübsch«, sagt Tunk. »Also ausgeräumt? Na, wir unterhalten uns über all das noch. Ist Herr Padberg in seiner Wohnung?« »Er hat mich doch geschickt, als er heute nacht aus Berlin kam.« »Schicken. Kommen«, nörgelt der große politische Kriminalist. »Holen wäre besser gewesen. Selber holen. Na, holen wir ihn jetzt. Wird uns ja nicht durch die Binsen gehen. Holen die große Bauernschaft ein bißchen durch den Kakao, was, Herr Thiel?« »Holen Sie man!« sagt Thiel böse. »Wir kommen auch wieder dran.« Sechstes Kapitel: Gareis der SiegerEine stille bedrückte Schar hockt am nächsten Morgen in den Räumen der Bauernschaft beieinander. Nicht im Redaktionszimmer, dort haust noch die Kriminalpolizei, sucht, liest, beschlagnahmt. Oben im Korrektorzimmer sitzen sie, alles neue Gesichter, in der Nacht noch von Vater Benthin, den der verhaftete Padberg im letzten Augenblick heranrief, zusammengeholt: Bauer Biedermann, Bauer Hanke, Bauer Büttner, Bauer Dettmann. Die alten sind fort, die alten sind alle im Gefängnis: Thiel und Padberg zuerst, dann Bandekow, dann Franz Reimers, dann Rohwer und Rehder. Und drunten im Setzersaal warten die Linotypes auf Fressen, die Zeitung soll gesetzt werden. Das Land, durch die Morgenpresse benachrichtigt, wartet, was die Bauernschaft sagen wird. Was sagt die Bauernschaft? Wer schreibt? Wer schon schreibt, wer mit eilender Feder vor Papier hockt, Bogen für Bogen voll malt, das ist Georg Henning. Mit dem Dusel der Abenteurer grade in dem Moment aus der Polizeihaft entlassen, da die andern alle verhaftet werden, fährt er mit dem ersten Morgenzug nach Stolpe, grade recht ins Schlamassel und nun sitzt er und schreibt. Vater Benthin ist sehr bedrückt: »Was werden die Bauern sagen? Bomben werfen, das paßt sich nicht. Das durften die doch nicht. Die Leute werden sagen: nun haben Gareis und Frerksen doch recht gehabt.« »Quatsch!« ruft Henning dazwischen. »Glaubt doch solchen Blödsinn nicht. Wer hat denn Bomben geschmissen? Thiel und Gruen! Sind das Bauern?« »Aber der Padberg ...?« »Red keinen Stuß, Vater Benthin. Davon verstehst du nichts. Erstens ist der Padberg auch kein Bauer, und zweitens ist er ganz unschuldig. Der weiß gar nichts. Dem haben sie hier ein stinkiges Ei in seinen Schreibtisch gelegt, die roten Brüder, die verdammten. Hört zu, was ich geschrieben habe. Feine Überschriften, die knallen nur so: Riesenblamage der Polizei – Regierung will die unbequeme Bauernschaft abwürgen – Entlassener Finanzbeamter und geisteskranker Hilfswachtmeister als Bombenschmeißer – Der rote Gareis läuft um sein Leben – Aufruf von Franz Reimers an die Bauernschaft ...« »Was, du hast einen Aufruf von Franz Reimers?« »Natürlich habe ich einen – eben geschrieben.« »Aber das geht doch nicht!« »Warum geht das nicht? Ich weiß doch, was der Franz schreiben würde. Da ist es doch ebensogut, als wenn er es geschrieben hätte. Ich schreibe von den gemeinen Verdächtigungen. Daß unsere Bewegung rein ist, daß wir natürlich nichts dagegen machen können, wenn Außenseiter und Verrückte Bomben schmeißen.« »Richtig«, sagen die Bauern. »So ist das auch«, sagen sie. »Wir verurteilen jede Gewalttat. Wir sind gegen jede Gewalttat. Wir beschmutzen unsere gute Sache nicht.« »Das ist gut.« »Da hat der Franz recht.« »Und je mehr uns die Regierung verfolgt, um so fester stehen wir zusammen. Die Bluttat von Altholm bleibt unvergessen. Der Boykott dauert fort.« »Gut. Richtig.« »Ganz, als ob es der Franz gesagt hätte.« »Laß das nur so drucken, das macht Ruhe im Lande.« »Ja, die Bauern sind böse. Was kommen da ewig andere und mengen sich mit ihrem Dreck in unsere Sache?« »Alles müßten wir Bauern allein machen. Keinen müßten wir brauchen.« Der Büttner, ein kleiner Dicker, fast weiß so blond, mit kugligem Kopf, sagt: »Ja, mit dem Boykott ... Das wird nun auch schwer halten. Das bröckelt schon ab. Da sind manche ...« Alle sehen ihn an. Er wird verlegen: »Ich will ja nicht den Verräter machen. Aber bei uns hat Bartels eine Standuhr aus Altholm bekommen.« d»Bei uns hat auch einer Eier nach Altholm geliefert, an die Frau Manzow. Ins Haus hat er sie ihr gebracht.« »Bei uns der Langewiesche hat seinen Kali in Altholm gekauft.« »Halt!« schreit Henning. »Ich schreibe, daß die Acht gegen die Verräter mit zehnfacher Strenge durchgeführt wird. Und ihr Bauern, ihr sorgt mir dafür, daß sie durchgeführt wird!« »Was können wir denn machen?« »Wie sollen wir das denn anfangen?« »Das will ich euch sagen. Sagt euern Söhnen und den Knechten, daß die sich was ausdenken, wie man die Boykottbrecher klein kriegt. Das macht denen Spaß, den andern das Leben zur Last zu machen.« »Keine Knechte. Das Rackertügs wird immer frecher.« »Gut, keine Knechte. Aber die Jungen müßt ihr nehmen. Und vor allem eure Frauen müßt ihr fragen. Die wissen bestimmt was.« »Das kann angehen.« »Und scharf müßt ihr sein, wie die Rasiermesser. Ihr sollt mal sehen, in jedem dritten Dorf ein geächteter Bauer, und immer feste davon geredet, immerzu allen erzählt, was ihr angefangen habt mit ihm – und der ganze Bombenquatsch ist vergessen. Alles backt wieder zusammen!« »Da haben Sie recht.« »Das kann angehen.« »Ich weiß schon was, wie man dem Kantor mitspielt.« »Also los an die Arbeit! Ich muß jetzt in die Setzerei.« Auf dem Gang hält ihn noch einmal Vater Benthin an. »Na, was ist denn noch, Vadder Benthin?« Kummervoll betrachtet ihn der Alte: »Und du? Wie ist es denn mit dir? Du hast doch auch die Hände dreckig?« Henning lacht. »Ich, Vadder Benthin? – Solchen wie mir passiert nie was, das siehst du ja.« »Aber wenn der Thiel redet?« »Alle verrät der Thiel vielleicht, mich nicht. Damals, ehe es losging, habe ich ihm geschworen, wenn er mich verrät, bring ich ihn um, Stück für Stück. In keinem Zuchthaus ist der vor mir sicher. – Und er weiß das, Vadder Benthin, er weiß das!« »Aber die Polizei? Die muß doch darauf kommen?« »Och, Vadder Benthin! Die kommt doch auf nichts. Und außerdem bin ich doch seit der Fahnensache ein Held. An mich gehen sie nicht ran. Die sind doch alle eigentlich rechts, die von der Kripo. Die haben noch was für Helden übrig.« »Henning, Henning, wenn man dich so anhört, hast du immer recht. Aber ich weiß, du hast nicht recht, da hilft kein Reden. Seit ich dich kenne, schlafe ich schlecht. Und die rechte Freude am Leben ist auch weg. – Henning, Georg, versprich mir in die Hand, daß du ein anständiger Mensch bist.« »Vadder Benthin, so wahr ich mal selig werden will, ich bin anständig.« »Dann is ja gut, Jung. Geh, mach, an deine Arbeit, Jung.« 2Die gemeinsame Sitzung von Stadtverordnetenkollegium und Magistrat ist vorbei. Oberbürgermeister Niederdahl hat sie eben geschlossen. Als erster, fast während der letzten Worte des Oberbürgermeisters noch, ist Blöcker von den Nachrichten aus dem Saal geeilt. Er muß in seinen Gesangverein. Sonst folgt ihm Stuff auf dem Fuße. Diesmal bleibt er sitzen, noch benommen von dem Gehörten. Vergeblich versucht er, sich das Geschehene zu einem Bericht für morgen zu formen. Die Vehemenz des Angriffs von Gareis, die unglaubliche Blamage der Rechtsparteien, die nicht wegzuleugnende Schande aller bürgerlichen Fraktionsvertreter haben ihn ganz wirr gemacht. Der kleine Pinkus von der Volkszeitung, dieser Kläffer der SPD, lächelt ihn schleimig an: »Sauer – was, Stuff?« Stuff brüllt los, mit der Faust auf den Tisch schlagend: »Ob du stille bist, Abschreibling, verdammter!« Der Kleine duckt sich. Gareis tritt dazwischen: »Ich bitte Sie, meine Herren. – Pinkus, Sie sind still. – Bitte, Herr Stuff, kann ich Sie noch einen Augenblick sprechen ...?« Und als Stuff auch ihn wütend anstarrt: »Wackerer Stuff ...« Stuff geht schweigend mit ihm, durch das Gedränge der Stadtverordneten und Magistratsmitglieder. Dann über Gänge, mehrere Treppen zu Gareis' Zimmer. Schon während der ersten zehn Schritte hat er den Mann neben sich, den Wortwechsel vergessen. Wieder ist er mit seinen Gedanken bei der deutschnationalen Interpellation, dieser Idee von ihm, die er durchgesetzt hatte, als ihn Gebhardt zum Schweigen verdammte. Die Fraktion der Deutschnationalen ist in Altholms Parlament nur schwach vertreten: ein Dutzend Kriegervereine, das honette Bürgertum, der Stahlhelm, alle wackeren Hausfrauen zusammen haben nicht mehr als drei Vertreter entsenden können. Aber drei Vertreter sind genug, eine Anfrage einzubringen, das ist es, was Stuff immer wieder Medizinalrat Dr. Lienau gepredigt hat. »Sämtliche Bürgerliche, Volkspartei, Demokraten, Zentrum, aber auch die KPD warten nur darauf. Gehen Sie vor.« Nun, Lienau hat sich breitschlagen lassen. Stuff siegte, eine kurze Anfrage wurde gebaut: »Was gedenkt die Stadtverwaltung zu tun, um wieder normale Beziehungen zwischen Stadt und Land anzubahnen?« In der Nacht vor dem Interpellationstage kamen die Verhaftungen. Die ganze Lage war verändert. Stuff selbst hatte berichten müssen von dem Angriff auf Gareis, der auf einer Wiese explodierten Bombe, von dem vorläufig unaufgeklärten Überfall auf einen Setzer in der Redaktion der Bauernschaft, von den Bauernverhaftungen. Er hat Lienau beschworen, die Anfrage zurückzuziehen. Der Stahlhelmmann hat abgelehnt: »Zurückziehen? So sehen wir aus! Wenn zum Angriff geblasen ist, wird angegriffen, ganz gleich, wie stark der Feind ist. Piepe ist mir das, wenn der Gareis jetzt plötzlich Sympathien hat!« Aber der Held ist dann nicht erschienen: eine unaufschiebbare Operation hat ihm in letzter Stunde die Teilnahme an der Sitzung unmöglich gemacht. Zwei Deutschnationale bleiben zur Begründung der Anfrage: der Notar Pepper und der Viehhändler und Schlachtermeister Storm, Mitglied vieler Kriegervereine. Die Begründung war dem Schlachtermeister übertragen worden. Er las sie ab, stotternd und stockend, von einem Bogen Papier, der wahrscheinlich mit der Arztklaue Lienaus bedeckt war. Er zerpflückte jeden Satz, holte bei den Kommas Luft und verachtete die Punkte. Man hatte, je nach Parteirichtung, in stiller Freude, in einem peinlichen Verlegenheitsgefühl dieses Gestammel angehört. Alle aber atmeten auf, als es vorbei war. Bürgermeister Gareis hatte sich sofort zur Beantwortung der Anfrage erhoben. Er verteidigt sich nicht. Er verliest einen eben veröffentlichten Satz aus den Nachrichten: »Wenn, wie es den Anschein hat, tatsächlich die Bauernschaft den Bombenattentaten nicht fernstehen sollte, so erscheint der 26. Juli und das Vorgehen der Polizei in einem ganz anderen Lichte. Ja, meine Herren, da haben Sie's. Wem die Ereignisse recht geben, der hat recht. Heute haben sie mir recht gegeben. Sie alle, die Sie hier sitzen, selbst der so behinderte Sprecher der Interpellanten, heute sind Sie zu innerst davon überzeugt, daß ich recht habe. Aber warum? Nicht weil ich richtig gehandelt habe, sondern weil zufällig wieder mal eine Bombe geworfen werden sollte. Und heute habe ich doppelt recht, zehnfach recht, weil die Bombe auf mich fallen sollte. Aber, meine sehr verehrten Damen und Herren, morgen kann eine neue Nachricht kommen. Morgen kann es sich herausstellen, daß es ein paar Abenteurer waren, die die Bomben warfen. Morgen kommt ein armer Verwirrter aus mir politisch nahestehenden Kreisen auf die Idee, eine Bombe in das Haus des Bauernführers Reimers zu werfen – gleich habe ich wieder unrecht. Nein, meine Herren, ich danke! Ich soll Ihnen erzählen, warum ich das getan habe und jenes gelassen? Ich soll Ihnen begründen? Aber Sie sehen ja, daß Gründe nichts sind, daß meine Motive wertlos sind, daß es hier um ganz andere Dinge geht.« Er steht da, prachtvoll anzusehen, ein bösartiger Elefant, ein zürnender Lehrer, der über einer Schar verwirrter Lausbuben hockt. »Ich danke! Ich danke! Ich verzichte darauf, meine Rechtfertigung aus dem mißglückten Wurf eines Geisteskranken herzuleiten. Sie, Herr Schlachtermeister Storm, haben mich gefragt, haben die Stadtverwaltung gefragt, was wir für die Anbahnung normaler Beziehungen tun wollen. Ich, für meine Person, antworte Ihnen: ich gedenke zu warten. Das ist wenig, sagen Sie. Ich finde, es ist genug. Es ist alles, was man von einem Manne, der etwas beschicken möchte, verlangen kann. Ich werde warten. Es wird sich noch mancherlei ereignen, bis der Friede zwischen Stadt und Land da ist. Ich werde noch zehnmal unrecht bekommen. Ich werde warten. Was ich Ihnen empfehlen kann, ist das, was ich selber tun werde: schweigen und warten.« Er setzt sich ganz plötzlich. Schon sitzt er stille da, in seinem großen steifen Lederstuhl, die Hände über den Bauch gefaltet, immer weiß man nicht, lächelt das fette Gesicht. Er hat ihnen die Zähne gezeigt. »Ich danke, meine Herren ... Ich danke ...« Sie sitzen atemlos. Dann kommt eine leichte Bewegung in den Raum. Auf der Tribüne lacht jemand. Der Oberbürgermeister erhebt sich. Er fragt flüsternd, ob eine Aussprache gewünscht wird über die Interpellation. Falls ja, muß der Antrag von drei Stimmen unterstützt werden. Der Oberbürgermeister setzt sich wieder. Nun stehen zuerst einmal die beiden Deutschnationalen auf: sie wünschen also die Aussprache. Na ja, natürlich. Sie halten Ausschau nach der dritten Stimme, alle halten Ausschau. Werden sich nicht alle Bürgerlichen erheben wie ein Mann? Ein dritter Mann wird gesucht! Auch Stuff starrt fieberhaft. Das ist ja unmöglich. Ein Mann, nur ein Mann fehlt! Alle die Bürgerlichen ... Ach, da wäre wohl so mancher, der gerne aufstünde. Aber der da im Ledersessel schon wieder pennt, das ist kein Gegner, mit dem man fechten kann, das ist ein wildgewordener Bulle, der keine Spielregeln kennt. Der Oberbürgermeister wartet sehr lange. Eine sehr lange Weile stehen da: Notar Pepper und der Schlächtermeister Storm. Dann erhebt sich der Oberbürgermeister Niederdahl und erklärt den Antrag für abgelehnt. Die heutige Stadtverordnetensitzung ist geschlossen. 3Stuff steht, den Tod im Herzen, im Zimmer von Gareis. Der läßt ihm Zeit. Er packt sich Akten auf den Tisch, sieht einmal hoch nach dem Mann, der vom Fenster in den Septemberabend schaut, ohne etwas zu sehen. Gareis fängt an zu lesen. Stuff seufzt schwer. Und Gareis: »Warum seufzen Sie, Herr Stuff? Es sind eben Menschen.« »Ja«, sagt Stuff bitter. »Das sind Menschen.« »Lieber Herr Stuff, überschätzen Sie diese Stunde nicht. Ich bin im Augenblick oben. Wie lange noch, und auch ich werde wieder unten sein.« Stuff sagt grob: »Das glauben Sie selbst nicht. Sie haben gesiegt.« »Noch lange nicht«, sagt der Bürgermeister. »Es war schändlich!« stöhnt Stuff. »Es war schlechte Regie«, tröstete Gareis. »Wer betraut einen Fleischermeister mit so was? Und wer sichert sich nicht wenigstens eine Stimme im befreundeten Lager?« »Ihre Regie klappte um so besser.« »Sie irren. Auf niemanden ist ein Druck ausgeübt worden.« Stille. Lange Stille. Als lese der Bürgermeister die Gedanken von Stuff, sagt er: »Auch ich habe in den letzten Wochen viel daran gedacht, von Altholm wegzugehen. Nicht nur von Altholm, aus jeder kommunalen Tätigkeit überhaupt. Wer wirkliche Arbeit leisten will, bekommt den hemmenden Mist so über.« »Ich möchte Ihnen etwas zeigen«, sagt Stuff plötzlich. »Lesen Sie einmal das.« Es ist ein Brief, mit der Schreibmaschine geschrieben, ein anonymes Schreiben mit der Ortsangabe Stettin. Der sehr verehrte Herr Stuff wird darin von einer Freundin darauf aufmerksam gemacht, daß man Kenntnis hat von seinen Verfehlungen. Sie sind in Klammern gesetzt, diese Verfehlungen, und heißen: Verführung zum Meineid, Verleitung zur Abtreibung, Mithilfe bei Abtreibung. Es wird dem sehr geehrten Herrn Stuff geraten, das Feld seiner Tätigkeit von Altholm fortzuverlegen. Eine Frist von vier Wochen wird ihm zugestanden, andernfalls ... undsoweiter, undsoweiter. »Wer?« fragt Gareis. »Wirklich eine Frau?« »Es ist möglich, trotzdem ich es nicht glaube. Aber das würde nichts ändern.« »Ja«, sagt der Bürgermeister und gibt den Brief zurück. »Ja.« Und plötzlich: »Warum gehen Sie nicht zur Bauernschaft? Dort ist Ihr Platz. Und dort sind jetzt freie Stellen nach den Verhaftungen.« »Soll ich feige das Feld räumen?« »Manchmal ist es sehr richtig, feige das Feld zu räumen.« »Das tu ich nicht«, sagt Stuff. »Wenigstens bis zum Prozeß möchte ich noch hierbleiben. – Außerdem ließe mich Gebhardt nicht gehen.« »Was nun das betrifft«, sagt der Bürgermeister langsam und spricht nicht weiter. Stuff sieht ihn lange an. Ihre Blicke liegen fest ineinander. Schließlich sagt Stuff: »Ach so. Na ja, dann freilich. Nun, ich habe das Gefühl, als wäre ich eben furchtbar naiv gewesen. Sie kennen vielleicht besser die Hand, die dies schrieb. Sie haben vielleicht ...« »Halt!« sagt der Bürgermeister. »Halt!« Stuff verstummt. »Nicht für dies alles«, fängt der Bürgermeister in einem andern Tone an, »habe ich Sie heraufgebeten. Ich habe gestern in einer Sekunde äußerster Lebensgefahr Ihre Hilfe angerufen. Und ich habe dies mit Worten getan, die heute, nun, etwas ungewöhnlich klingen. Nicht wahr, Sie erinnern sich. – Ich habe den Wunsch, mit dem Mann, der mir zu Hilfe kam, nicht weiter in einem häßlichen Kleinkrieg zu leben. Aber Ihre Stellung und meine, beide hier in Altholm, sind unverträglich. Ich bin bereit, aus Altholm fortzugehen. Wollen Sie lieber fort, so will ich Ihnen gerne behilflich sein. Es braucht ja nicht Stolpe zu sein, es gibt anderes wie die Bauernschaft. Über Berlin habe ich Beziehungen im Reich. Es würde keine SPD-Zeitung sein müssen, Herr Stuff. Sie blieben in Ihrem Anschauungskreis. Was meinen Sie?« Es ist fast dunkel im Zimmer. Stuff sagt langsam: »Was ich letzte Nacht für Sie tat, Herr Bürgermeister, hat nichts mit Ihnen zu tun. Auch ohne jene ungewöhnlichen Worte wäre ich gekommen. Für jeden. Aber Wahrheit um Wahrheit. Ich habe Sie einmal belogen. Hier in diesem Zimmer haben Sie mich eines Tages gefragt, ob ich etwas persönlich gegen Sie hätte. Ich habe das verneint. Ich habe gelogen. Herr Gareis, ich muß Ihnen sagen, ganz deutsch und deutlich: ich kann Sie nicht ausstehen. Sie sind mir zuwider. Sie sind mir zuwider als ein Vertreter jener Schicht, die ich für den Verderb Deutschlands halte. Sie mögen noch so ernstliche Arbeit leisten wollen, Sie mögen es ehrlich meinen: Sie können das alles nicht. Sie sind ein Bonze und Sie bleiben ein Bonze. Ihre Pläne, Ihre ehrlichsten Absichten werden stets von der Partei mitbestimmt und verfälscht, von einer Partei, die den Kampf gegen alle andern Schichten auf ihr Panier geschrieben hat. Ich habe vor einer Stunde gesehen, wie Sie Ihren Gegnern ins Gesicht gespuckt haben, Sie waren hochmütig. Sie haben den armen vertatterten Schlächtermeister nicht geschont und Sie haben alle, alle verachtet. Sind Sie wirklich besser als die? Ich kann nichts für Sie tun. Ich kann Ihnen auch nicht aus dem Wege gehen. Aber das sind alles keine Gründe. Ich will Ihnen sagen, ich bin hier in Altholm groß geworden. Damals lag noch Infanterie hier, ein ganzes Regiment. Wenn dann die Musik durch die Straßen zog, lief ich als Junge barfüßig daneben her. Ich versäumte jede Schule und das beste Essen, um dabei sein zu können. Später habe ich hier gedient. Sie haben das zerschlagen. Ihre Partei hat Deutschland klein gemacht. Sie haben die Leute in den Schützengräben aufgeputscht. Das sitzt im Blut. Das sitzt im Gefühl. Immer wenn ich Sie sehe, immer wenn ich Ihre Stimme höre, fühle ich es: der Bonze. Der dicke, fette, vollgefressene Bonze. Ich hab's auch gestern nacht gefühlt, gestern nacht, als Sie auf der Erde lagen, zuerst habe ich gedacht: der Bonze. Es ist nicht anders, Bürgermeister, ich kann Sie nicht ausstehen.« Bürgermeister Gareis hat ihn ein paarmal unterbrechen wollen. Dann hat er geschwiegen. Jetzt steht er auf und dreht am Schalter. Das Licht bricht ein in den dunklen Raum. Er bietet dem andern die Hand: »Also, leben Sie wohl, Stuff.« »Na ja, Bürgermeister, also dann! – Vielleicht bekehren Sie sich doch einmal zu uns?« »Ich fürchte, es wird sich nicht machen lassen. – Guten Abend, Herr Stuff.« »Guten Abend, Herr Bürgermeister.« 4Der Bauer Bartels in Poseritz ist ganz ein üblicher Bauer. Er ist genau wie die andern Bauern in Poseritz, ist, wie seine und aller Bauern Väter und Großväter waren, und es steht anzunehmen, daß auch Söhne und Enkel und Urenkel nicht anders ausfallen werden. Für die im Dorf aber ist er etwas sehr anderes, nämlich ein Verräter. Eine sehr bäuerliche Eigenschaft ist ihm zum Verhängnis geworden: er ist ein bißchen genau. Genau, wenn es sich um das Ausgeben von Geld handelt, das ihm nicht direkt zugute kommt. Die Sache, die ihn zu Fall brachte, war die: Seine Frau ist eine geborene Merkel und die Merkels wohnen in Altholm. Zwei Brüder der Frau betreiben am Marktplatz in Altholm ein Uhrengeschäft. Es war ausgemacht seit langem, daß Bartels seiner Frau zum Geburtstage eine Standuhr schenken sollte. Sie wünschte sich seit langem ein dunkles Eichending mit hellem Messingzifferblatt und Gewichten und einem Gongschlagwerk. Die Schwäger wollten ihm die Uhr zum Fabrikpreis lassen, das war sechzig Mark weniger, als solche Uhr in jedem Laden kostete. Der Geburtstag kam heran und Bartels überlegte, was zu tun sei. Es war nicht so, daß er ohne Sinn und Verstand in sein Unglück taperte, er überlegte es sich gründlich vorher, er lag wach darum. Er wußte ja, der Boykott war erklärt, er war selber auf der Heide in Lohstedt dabei gewesen, aber sechzig Mark auf und ab ... Eines Nachts im Bett fängt er an, mit der Frau darüber zu sprechen: »Ich liege hier und überlege, ob ich die Uhr nicht besser in Stolpe kaufe –?« »In Stolpe?« fragt sie ganz verblüfft. »Die haben doch nicht solche Uhren.« »Oder in Stettin.« »Solche wie in Altholm der Hans und der Gerhard haben, gibt es nicht in Stettin.« »Das ist doch eine Fabrik, die arbeitet doch nicht nur für deine Brüder.« Sie verlegt die Sache auf ein anderes Gebiet: »Und du willst achtzig Mark mehr ausgeben?« »Sechzig Mark. Das ist es ja, was mich quält.« »Nach Stettin ist auch viel weiter zu fahren.« »Vielleicht schicken die die Uhr?« »Dann bezahlst du auch der Eisenbahn was. Und Verpackung. Sonst schlägst du sie in ein paar Pferdedecken ein.« »Ich kann nicht mit den Pferden nach Altholm.« »Es steht doch kein Aufpasser auf der Landstraße.« »Wenn du nun warten würdest mit der Uhr? Nur einen oder zwei Monate?« »Und was bekomme ich zu meinem Geburtstag statt dem?« »Warten sage ich.« »Und zu meinem Geburtstag soll ich gar nichts haben?« »Du sollst ja die Uhr haben. Nur später.« »Also zum Geburtstag gar nichts?« »Du hörst doch!« »Die Brüder können sie mit Gelegenheit doch irgendwohin schicken?« Schließlich ist die Uhr am Geburtstag da. Der Bauer hat sie nicht aus Altholm geholt, sondern aus Stolpe. Die Uhrmacher hatten sie in ihrem Auto mitgenommen und in Stolpe abgegeben. Die Uhr war in Stolpe gekauft. Es sollte nicht viel geredet werden um die Uhr. Sie steht da im Zimmer. Jetzt im Sommer zur Ernte kommt niemand zu Besuch. Die Frauen, die rasch einmal vorsprechen, bleiben in Küche oder Milchkammer oder im Garten. Stehen beim Schwatz, es ist hilde Zeit. Aber die Uhr schlägt und die Besucherinnen horchen auf. »Hast du eine neue Uhr? Die schlägt einmal lieblich.« »Mein Mann hat sie in Stolpe gekauft. Zu meinem Geburtstag.« »In Stolpe? Bist du schlecht mit deinen Brüdern?« »Das nun nicht. Aber wegen dem Boykott.« »So etwas hätte ich nicht getan. Was sollen deine Brüder denken? Verwandtschaft geht vor Feindschaft. Bei wem habt ihr sie denn gekauft?« »Das könnte ich nun nicht sagen. Das hat mein Mann gemacht.« »Hat er dir denn keinen Schein gegeben? Auf solche Uhren gibt es Scheine, daß man Reparaturen drei Jahre umsonst bekommt.« »Den wird mein Mann in seiner Lade haben.« »Ja so. Du kannst nicht einmal nachsehen?« »Jetzt habe ich grade die Hände voll Erde.« »Nein, natürlich. Es ist nur, weil wir uns auch eine kaufen wollen. Aber wenn du nicht kannst ...« »Jetzt nicht.« Es wird einmal gefragt, dreimal, zehnmal. Die Uhr hat einen so schönen Schlag, rein wie eine Orgel so sanft. Man will auch so eine haben. Dann fragt man nicht mehr, man weiß Bescheid. Nicht nur aus der kurzen Antwort der Bartelschen, nein, man weiß plötzlich, daß die Merkels im Auto nach Stolpe gefahren sind, im Posthorn haben sie die Uhr abgestellt. Nun weiß man es und doch ereignet sich nichts. Bartels atmet auf. Dann ereignet sich etwas: Die Uhr bleibt stehen. Die Gewichte sind oben, aber die Uhr steht. Sie schlägt nicht, sie geht nicht. Am Sonntag macht der Bauer den Uhrenkasten auf, es sieht alles ordentlich und blank aus. An einem großen Zahnrad ist ein Öltropfen ausgetreten, er zerwischt ihn gedankenlos zwischen den Fingern. Das Öl ist körnig, am liebsten möchte es knirschen, so viel Sand ist darin. Der Bauer weiß Bescheid. Es wird ihm ein bißchen kalt. Die Uhr wird stehenbleiben müssen, an Reparatur ist jetzt nicht zu denken. Aber der Bartels ist so, daß er am liebsten doppelte Gewißheit haben möchte oder zehnfache: am Abend geht er in den Krug. Es sitzen nicht viel Bauern in der Gaststube, drinnen im Saal wird getanzt. Das Gewusel von den jungen Leuten lieben die Bauern nicht. Aber sechs oder acht sind immerhin da. Sie erwidern nichts auf seinen Gruß, sie stehen auf, lassen ihr Bier stehen und gehen fort. Am Schanktisch steht eine Aushilfe, sie gibt ihm ein Glas Bier. Der Krüger kommt dazu, sieht wütend auf den Bauern und schmeißt das Glas zum Fenster hinaus auf die Steine im Hof. Auch der Bauer schaut böse. Aber er hält das Maul und geht in den Tanzsaal. Die Musik ist im Gange. Es ist noch früh, hauptsächlich sind Knechte und Mägde da. Die Bauernkinder kommen erst später. Die jetzt da sind, kennen ihn nicht so, ihnen ist es auch egal, sie sehen ihn an, sie sehen ihn nicht an, sie tanzen an ihm vorbei. Er weiß bestimmt, der Krüger ist nicht in den Saal gekommen, auch der Aushilfskellner nicht. Doch schweigt plötzlich die Musik. Es wird ein leerer Kreis um ihn und der Kreis wird größer und größer. Die gehen hinaus zu den Saaltüren, zu den Saalfenstern, es ist leer um ihn, er steht allein. Dann plötzlich geht auch das elektrische Licht aus, er tastet sich auf die Dorfstraße, sieht zurück: der ganze Krug liegt im Finstern. »Es ist der erste Anfang«, denkt er. »Die machen es mit Gewalt. In einer Woche gibt es sich.« Aber am Morgen weckt ihn die Frau: »Geh mal zu den Knechten. Da ist wieder kein Schwein aufgestanden. Die Kühe brüllen.« Die Knechte sind in ihrer Kammer. Aber sie lassen sich nicht wecken, weil sie schon wach sind, sie verlangen ihre Papiere. Er weigert sich und besorgt das Vieh selbst. Um neun, er ist grade mit dem Melken durch, kommen die Knechte mit dem Landjäger. Er wird belehrt, er darf ihnen die Papiere nicht vorenthalten. Wenn sie ihm fortlaufen, kann er gegen sie klagen beim Arbeitsgericht, aber jetzt muß er sie gehen lassen. Als er ihnen die Papiere gibt, stehen die beiden Mägde unten an. Keine halbe Stunde und er und seine Frau sind allein auf dem Hof. Es ist kein ganz kleiner Hof: er hat vier Pferde, zweiundzwanzig Kühe, von dem Jungvieh, den Schweinen und dem Federvieh zu schweigen. Dazu die Ernte draußen auf dem Felde. Das läßt sich nicht mit zweien beschicken. Er schirrt schweigend an und fährt erst einmal die Milch in die Molkerei. »Nimm deine Milch nur wieder mit. Die brauchen wir hier nicht.« »Aber ich bin Genosse und dies ist eine Genossenschaftsmolkerei.« »Sieh in den Vertrag. Bis acht hast du die Milch zu liefern. Jetzt ist es gleich zwölf. Fahr nach Haus mit deiner Milch.« Er tut's. Er schüttet die Milch den Schweinen in die Tröge, so spart er das Futterrichten. Die Frau geht verheult herum, einmal sagt sie leise: »Geh zum Büttner. Der hat's aus Stolpe mitgebracht.« »Zu dem Hund? Nie!« Am Nachmittag geht er. Die Bedingungen, die ihm gestellt werden, sind grauenhaft: tausend Mark Geldbuße an die Bauernschaft, öffentliches Verbrennen der Uhr, und, was das Schlimmste ist, öffentlich hat er vor dem Dorf Verzeihung zu erbitten. Öffentlich, alles soll dabei sein: Frauen, Kinder, Knechte, Mägde. Nicht weit genug kann bekannt werden, wie einem geschieht, der mit Altholm paktiert. »Es ist ja nur um eine Uhr. Und ich habe sie wirklich vor dem Boykott gekauft.« »Eben, sonst hätte es dreitausend gekostet.« »Die Bauern will ich bitten, aber vor allem Weibervolk ...« »Vor allem Weibervolk.« Er geht, er wird das nie tun. In seinem Hof daheim ist Unruhe im Stall, das Vieh reißt an den Ketten, hat schon gespürt, daß nicht alles im Lote ist. Die Pumpe, die Wasser geben soll zur Tränke fürs Vieh, zieht nicht. Er schraubt sie auf. Das Pumpenleder fehlt, am Morgen war es noch da. Die Pumpe zieht nicht. Er könnte ein Leder schneiden, er hat eine gegerbte Rindshaut noch oben für Schuhsohlen, das mag gehen für einen Tag oder zwei. Er holt die Haut, schneidet los. Dann wirft er das Ledermesser und die Haut hin. Geht ins Haus, legt die Uhr auf einen Karren und karrt sie durchs Dorf vor das Haus von Büttner. Die Leute stehen vor den Häusern und starren ihm nach. Die Kinder hören mit Spielen auf und starren ihn an. Am Abend auf dem Dorfplatz spricht er vor dem Kriegerdenkmal die Formel nach, die ihm Büttner vorspricht: »Ich habe schlecht getan gegen die Bauern in Poseritz, schlecht habe ich getan gegen alle Bauern im Lande. Das ist mir herzlich leid. Ich bereue meine Schlechtigkeit, ich sehe meine Sünde an und will sie wiedergutmachen, ohne Zwang und ohne Bosheit. Wer meines Nachbarn Feind ist, ist mein Feind. Ich kann nicht mit ihm an einem Tische sitzen, nicht handeln kann ich mit ihm, nicht Worte tauschen. Daß ich so getan habe, das ist mir herzlich leid. Ich bitte um Verzeihung alle Bauern von Poseritz, mit ihren Frauen, mit den Altenteilern, mit Kindern, Knechten und Mägden. Herzlich bitte ich alle um Verzeihung ...« Der Wind geht in dem Pappelgeäst über dem Denkmal. Die Flammen von dem Feuer, in dem die verhängnisvolle Standuhr verbrennt, werfen ihren Flackerschein auf die Versammlung, auf das Rund, gebildet aus der Gemeinschaft eines kleinen Dorfes mit dreihundert Einwohnern, einer Zelle im großen Körper der Bauernschaft. Der Bauer Bartels steht blaß da, eine Hand hält er auf dem Rücken, die andere vorgestreckt, hingehalten dem Gemeindevorsteher Büttner, der sie noch nicht nimmt. Hinter Büttner steht Henning. Er denkt: »Dies wird es tun. Dies würde den Franz freuen. Es ist ganz seine Art. Und es wird ungeheuer wirken im Lande.« In seiner Brusttasche knittert der Fünfzig-Markschein, erste Wochenrate des Bestraften. Dann gibt Büttner dem Bartels die Hand: »Und angesichts der versammelten Gemeinde versicherst du, daß du ohne Haß bist, ohne Mißgunst, ohne Bosheit?« »Ich versichere es.« »Daß du freiwillig und ungezwungen zu uns gekommen bist, daß du deine Bosheit erkannt hast?« »Ja.« »So verzeihe ich dir namens der gesamten Bauernschaft. Was war, ist nicht mehr. Niemand soll dich daran erinnern, noch darum kränken.« Als Bauer Bartels nach Hause kommt, sind die Knechte schon wieder im Stall, Licht brennt, sie streuen dem Vieh zur Nacht. Er legt sich hin zum Schlafen. Ihm ist, als habe er eben böse geträumt. 5Stuff und Tredup sitzen in der Redaktion einander gegenüber. Stuff hat eben sein letztes Manuskript dem Setzerjungen gegeben und kramt in seinem Schreibtisch. Tredup trägt in die Inseratenkartothek imaginäre Besuche bei den Kunden ein, mit dem immer gleichen Vermerk: »Abgelehnt.« Seit einiger Zeit spricht Stuff nicht mehr mit Tredup, tut ganz, als ob der nicht da wäre. Grade im Augenblick läßt er einen Gewaltigen streichen, murrt behaglich: »Bums büst buten!« und raschelt weiter mit seinem Papier. Es ist blödsinnig heiß im Zimmer, ein paar Fliegen summen herum, und nun stinkt es auch noch. Tredup überlegt, ob er pro forma auf Annoncen los soll. Er könnte sich am Jugendspielplatz in die Büsche setzen und was lesen. Stuff sagt laut und vernehmlich: »Scheißer!« und so herausfordernd tut er das, daß Tredup wider Willen hochsieht. Stuff schaut ihn voll an, dann zu einem Brief, den er vor sich ausgebreitet hat. Tredup braucht nur flüchtig hinzusehen, er weiß schon, was das für ein Brief ist. Er bezwingt sich und schreibt weiter in den Karten. Aber den Stuff muß heute der Teufel reiten. Er ist unglaublich frech, mit schallender Stimme fängt er an, den anonymen Brief vorzulesen: Sehr geehrter Herr Stuff, wie ich in Erfahrung gebracht habe, sind meine beiden bisherigen gutgemeinten Warnungen erfolglos gewesen. Sie haben noch keine Schritte unternommen, um Altholm zu verlassen. Damit Sie wissen, daß mir alles bekannt ist: die Frau heißt Timm und wohnt in Stettin auf der Kleinen Lastadie, Hinterhaus, eine Treppe. Das Mädchen heißt Henni Engel und war damals Dienstmädchen bei Dr. Falk. Wenn Sie am 15. Oktober Altholm nicht verlassen haben, geht das Material an die Staatsanwaltschaft. Eine wohlmeinende Freundin, die zum letztenmal warnt.» Stuff hat ausgelesen und schnauft vernehmlich. »Scheißer!« sagt er wieder. Tredup will nicht hochsehen und tut es doch. Stuff schaut ihn an und grunzt ihm voll ins Gesicht. »Scheißer«, sagt er zum drittenmal. »Ja, dich meine ich, Tredup, glotz bloß nicht so blöde.« Tredup hat das Gefühl, als müsse er sich irgendwie aufregen, empören, aber er bringt es nicht über ein schwächliches »Lächerlich« hinaus. Stuff fährt ungerührt fort: »Glaubst du eigentlich, Jungchen, das geht dir alles so hin? Erst die Bilder und dann der Verrat hier und dann der Verrat dort? Glaubst du, ich weiß nicht, wie oft du aufs Rathaus läufst? Denkst, du kannst dir alles erlauben?« Stuff spuckt aus, lehnt sich weiter zurück und hält Tredup fest in der Zange. »Sag mal, Jungchen, fühlst du nicht manchmal die berühmte Stelle am Hinterkopf, über die du schon vor netto einem Vierteljahr eins haben wolltest? Nee, nicht? Na, ich würde sie fühlen, würde sie verdammt fühlen.« Stuff faltet den Brief gemächlich zusammen und steckt ihn wieder ein. Plötzlich fängt er an zu lachen, lauthals: »So ein dämliches Aas! Denkt, weil er vierzehn Tage im Kittchen war, er ist ein großer Ganove und kann erpressen. Der Arsch gehört dir versohlt, nach Noten, du Junge, du!« Er steht schwerfällig auf und ist unvermittelt wütend: »Und das sage ich dir, Tredup, wenn du noch einmal die Frechheit hast, und tippst diese Briefe auf meiner Schreibmaschine, dann schlage ich dir einen vor deinen Brägen ...« Tredup stammelt verwirrt: »Ich weiß nicht, was du willst. Ich verstehe das alles nicht. Du denkst doch nicht ...« Aber Stuff hört gar nicht hin. Er hat den Hut vom Haken geangelt und sieht sorgenvoll auf seine Füße in den ausgetretenen Schuhen. »Stinken. Wie alter Käse. Muß sie wirklich mal waschen«, murmelt er. Dann wacht er wieder auf: »Soll ich deine Frau von dir grüßen, Tredup? Gehe jetzt zu ihr.« Und ist schon fort. Tredup bleibt zurück, den ganzen Bauch voll ohnmächtigen Zorns. Dieses Schwein, der Stuff, nimmt die Briefe einfach nicht ernst. Liest sie offen vor, tut so, als wüßte er bestimmt, daß Tredup sie geschrieben. Und grade von diesem Briefe hatte Tredup sich soviel Wirkung versprochen. Welche Mühe hatte es gekostet (und auch Geld), die Adressen und Namen rauszukriegen. Stuff lacht einfach darüber. Nun, wenn er dachte, es wäre nicht ernst, sollte er sich gewaltig täuschen. Wenn alle Stricke rissen, ging das Material einfach an die Staatsanwaltschaft. Dann sollte er schon sehen, was danach kam, dann war er wirklich erledigt. Es quält ihn, ob Stuff wirklich zu Elise gegangen ist. Nach ein paar Minuten steht er auf und geht nach Haus. Wenn nun Stuff der Frau alles erzählt! Er geht nicht in die Stube, er geht nicht einmal auf den Hof. Jenseits des Hofes stellt er sich hinter einen Fliederbusch. Das Fenster zur Stube steht offen und drinnen sitzt wirklich Stuff auf dem Bett und spricht mit Elise. Die beiden reden ganz ruhig miteinander. In der Hauptsache ist es natürlich Stuff, der quatscht. Wird ihn schon schön schlechtmachen. Und Elise nickt beifällig mit dem Kopfe, ein paarmal redet auch sie rasch und lange. Tredup paßt auf, ob Stuff den Brief zückt, aber es geschieht nicht, solange er dasteht. Vielleicht ist das schon geschehen, ehe er kam. Dann scheint das Gespräch zu Ende zu gehen. Stuff steht auf und die beiden treten ans Fenster, sehen hinaus. Tredup fährt ganz hinter seinen Fliederbusch zurück. Als er wieder vorspäht, ist die Luft rein. Stuff ist fort und Elise sprengt auf dem Tisch Wäsche ein. Auf seinen Gruß antwortet Elise ganz ordentlich und munter »Guten Tag«. »Gibt es bald Essen?« fragt er und läuft im Zimmer hin und her. »In einer halben Stunde. Wenn die Kinder da sind.« Sie fragt gar nicht, warum er so früh kommt. Er läuft auf und ab und sieht einen zerlutschten Zigarrenstummel im Aschenbecher. »Wer war denn hier?« fragt er und hebt den Stummel hoch. »Aber Herr Stuff. Das weißt du doch.« »Weiß ich das? Wieso weiß ich das? Kommt Herr Stuff sooft zu dir?« fragt Tredup gereizt. »Weil du hinter dem Fliederbusch gestanden hast«, sagt sie. »Ich? Wieso?« stammelt er und wird rot. Diese Frau ist vollkommen unverständlich. Was in aller Welt hat Stuff erzählt? Und nun tut sie plötzlich etwas ganz Überraschendes: sie läßt ihre Arbeit liegen, geht zu ihm und lehnt Wange an Wange. Das ist in Wochen und Wochen nicht geschehen. Er hält still. Ihre Haare kitzeln an der Schläfe. »Wir wollen wieder gut sein«, sagt sie leise. »Wollen wir wieder sein wie früher, Max?« Er ist vollkommen verblüfft. (Was hat Stuff erzählt?) Aber seine Hand findet sich in ihre. »Herr Stuff ist doch ein guter Mensch«, sagt sie plötzlich. »Ja? Meinst du?« fragt er und findet sich immer weniger zurecht. »Er hat mir alles erklärt. Daß du noch krank bist von der Haft. Und daß wir dich schonen müssen. Ich war ja so dumm. Verzeih mir bloß, Max.« »Das ist alles Quatsch«, sagt er brummig und will los von ihr. »Ich bin ganz gesund.« »Natürlich bist du das«, sagt sie sanft und sieht ihn an. »War der Stuff hier, um dir diesen Quatsch zu versetzen?« »Aber er hat mir doch gesagt, daß du zum ersten Oktober Redakteur wirst. Daß es sicher ist. Hattet ihr das denn nicht abgemacht?« »Ja. Ja«, sagt Tredup gedankenlos. »Das hatten wir abgemacht.« Und innerlich: »Also haben die Briefe doch gewirkt! Schweinerei von ihm, mich so zu erschrecken. Was der für eine Angst haben muß, wenn er zum ersten Oktober kampflos geht.« Aber er kann sich nicht recht davon überzeugen, daß Stuff aus Angst geht. Es hat nicht so ausgesehen, vor einer halben Stunde. Er fragt: »Hat er das wirklich gesagt? Ganz bestimmt?« »Es ist bestimmt, sagt er, weil er die neue Stellung schon am ersten Oktober antreten muß. Wir dürfen nur noch mit keinem davon reden.« »Nein, natürlich nicht«, sagt Tredup. Er möchte sich freuen, er hat ja nun gesiegt, aber wie hat Stuff doch gefragt: fühlst du gar nicht mehr die Stelle am Hinterkopf? Er fühlt sie wieder. Stuff will ihn in eine Falle locken. »Hat er nicht gesagt, wohin er geht?« »Nein. Dir hat er es also auch nicht gesagt?« »Nein.« »Und dann verdienst du sicher mindestens hundert Mark mehr. Siehst du, wie recht es war, daß ich den kleinen Butzer drinnen behalten habe?« »Ja«, sagt er. »Ja.« »Komm, gib mir einen Kuß, Max.« Sie bietet ihm die Lippen. Er küßt sie und denkt: »Falle. Falle. Ich muß viel vorsichtiger sein.« 6An einem hellen sonnigen Septemberabend betritt Oberinspektor Frerksen zum ersten Male wieder das Büro seines Chefs. Bürgermeister Gareis sitzt hinter dem Schreibpult, dick wie nur je. Er winkt lächelnd mit seiner fetten, kurzfingrigen Hand zum Gruße. »Da sind Sie ja wieder, Frerksen. Entschuldigen Sie, daß ich Sie telegrafisch zurückrief. Ich dachte, Sie seien nun lange genug fort. War es schön im Schwarzwald?« Frerksen verbeugt sich: »Jawohl, Herr Bürgermeister.« »Mal raus aus dem ganzen Dreck, was? Ein ganz anderer Mensch geworden. Braun sind Sie und solch ein energischer Zug ums Kinn. Oder haben Sie den schon früher gehabt? Na, jedenfalls müssen Sie jetzt ran an die Arbeit. Ich will nun endlich auch ein bißchen in Urlaub.« Frerksen lächelt höflich. »Erinnern Sie sich, damals am sechsundzwanzigsten Juli wollte ich schon einmal in Urlaub. Packte die Koffer. Nun ist es September geworden. Der Sommer ist glücklich vorbei.« »Wollen Herr Bürgermeister noch immer zum Nordkap?« »Um Gottes willen! Bin ich Eisbärenjäger? Ich gehe lieber in meine Heimat, sehe mir die alten Dörfer wieder an, schwelge in Sentimentalitäten. – Nun, während Sie fort waren, hat es hier etwas Luft gegeben, es ist stiller geworden, reinlicher. Aber eine Nachricht kommt jetzt doch noch, die kann ich der Stadt nicht schenken. Morgen früh geht sie an die Presse. Bitte.« Und Gareis reicht ihm ein Blatt. »Polizeioberinspektor Frerksen hat mit dem heutigen Tage, von seinem Urlaub zurückgekehrt, die Dienstgeschäfte der Polizeiverwaltung wieder übernommen, und zwar in vollem Umfange, da er durch Verfügung des Herrn Ministers des Innern wieder in den Polizeiexekutivdienst eingesetzt worden ist. Das gegen ihn seinerzeit angestrengte Verfahren ist eingestellt.« »Nun, Mann, was sagen Sie jetzt?« »Das ist – angenehm«, murmelt der Oberinspektor. »Unsinn. Mensch, Frerksen, freuen Sie sich gefälligst! Das ist unser Sieg, Ihr Sieg vor allem. Was denken Sie, was der Herr in Stolpe heute tobt? Vor ein paar Wochen stellt er Sie kalt. Nun, ich habe ein bißchen gearbeitet unterdes, und der Erfolg war, daß der Herr Minister den kalten Topf wieder aufs Feuer rückte. Sie haben alle Ursache, sich zu freuen.« »Jawohl, Herr Bürgermeister.« »Ich sehe«, sagt der Bürgermeister veränderten Tones, »daß Sie kindisch sein wollen, Herr Frerksen. Der Herr Oberinspektor belieben, mit mir zu schmollen.« »Herr Bürgermeister, ich bitte ...« »Bitten Sie nicht. Da Sie Altholmer Zeitungen gelesen haben werden, könnte es Ihnen ja mittlerweile klargeworden sein, daß ich Ihnen in jener Abschiedsstunde die Säbelgeschichte vorwarf, um Ihnen die sehr viel schärferen Mißbilligungsworte des Regierungspräsidenten zu ersparen. Es ist Ihnen also nicht klargeworden. Sie schmollen. Sie dürfen mit mir böse sein, so lange und soviel Sie wollen. Das ist gleichgültig. Ich warne Sie nur, in einer Stimmung der Verärgerung Schritte zu tun, Verhandlungen anzuknüpfen – wir verstehen uns schon.« »Ich bitte Herrn Bürgermeister versichern zu dürfen, daß ich nicht schmolle.« »Erzählen Sie keine Märchen. Jetzt tut es Ihnen natürlich schon wieder leid. Der Zug von Energie ums Kinn war Täuschung. – Mit mir haben Sie zu arbeiten, Frerksen, lange noch, und ich bin hier der einzige Mensch, der Sie hält. Der ein Interesse daran hat, Sie zu halten. Wenn Sie andern mehr glauben wollen als mir, bitte. Sie sollten eigentlich was aus Ihren Erfahrungen gelernt haben.« Des Oberinspektors Gesicht ist gerötet. Er flüstert: »Ich bin wirklich nicht böse. War es auch nicht.« »Reden Sie nicht. Sie haben mir nicht die Hand gegeben. Sie haben sich nicht gesetzt wie früher. Sie haben nicht piep gesagt. Sie waren steif wie ein Plättbrett. Mit einem Wort: Sie haben gemuckscht. Aber lassen wir das jetzt. Sie werden ungestört durch mich bis Anfang Oktober Zeit haben, sich über unser Verhältnis klarzuwerden. Ich komme erst zu Beginn des Prozesses wieder. Guten Abend, Herr Oberinspektor.« »Guten Abend, Herr Bürgermeister.« 7»Piekbusch«, sagt Gareis zu seinem Sekretär, »wenn ich jetzt weg bin, nehmen Sie mein Zimmer unter Verschluß. Reingemacht wird nur, wenn Sie dabeistehen, verstanden?« »Jawohl.« »Sie drehen alles um. Räumen den Schreibtisch aus, manchmal klemmt sich so ein Blatt auch fest. Sie sehen jeden Akt durch, der in den letzten Monaten in meinem Zimmer gewesen ist, bis Sie den Geheimbefehl haben.« »Das habe ich alles schon getan.« »Dann tun Sie es eben noch mal und gründlicher. Hier werden doch keine Akten geklaut, nicht wahr?« »Diese Bauern ...« »Quatsch. Bauern klauen keine Akten. Kein Bauer wird in seinem Leben begreifen, daß beschmiertes Papier wertvoller sein kann als weißes. Also Sie finden den Befehl.« Piekbusch bewegt die Schultern. »Sie finden ihn! Sie finden ihn!! – So, und jetzt Adieu.« »Zum Ober?« »Dem«, flüstert der dicke Bürgermeister augenrollend, »gebe ich was zu husten.« Vorläufig ist er aber wie Öl zu ihm, dem Oberbürgermeister Niederdahl. Niederdahl ist ein sanfter, leisetrittiger Mann, etwas sehr gelb in jedem Sinne, mit Nerven. Er lächelt leise, er flüstert nur, sein Ideal ist, die Geschicke der Stadt zu leiten, ohne daß man ihn überhaupt merkt. Er hat, neben dem aktiven lauten Gareis, bisher nur erreicht, daß man ihn überhaupt nicht merkt, die Leitung selbst ist ihm noch nicht gelungen. Gareis macht kurze Meldungen über den Stand der einzelnen Geschäfte. Der Ober hört schweigend zu, beschränkt sich auf die Zwischenfragen: »Es gibt einen Akt darüber, nicht wahr?« »Darüber ist doch ein Vermerk gemacht, nicht wahr?« – Was Gareis mit einem gleichgültigen »Ich denke doch« erledigt. »Was nun die Geschäfte der Polizeiverwaltung angeht«, fährt Gareis fort, »so führt sie in meiner Abwesenheit wie immer Stadtrat Röstel. Neues liegt nicht vor. Oberinspektor Frerksen weiß über alles Bescheid.« »Frerksen ist nicht mehr in Urlaub?« flüstert Niederdahl. »Er nimmt morgen früh seine Geschäfte wieder auf«, lächelt unbekümmert Gareis. »Wäre es nicht mehr im Interesse der allgemeinen Beruhigung gewesen, ihn bis nach dem Prozeß in Urlaub zu lassen?« »Im Interesse des Ansehens der Polizeiverwaltung lag es, ihn wieder auftauchen zu lassen.« »Aber er kann keinen Exekutivdienst machen.« »Er kann es. Eine Verfügung des Ministers des Innern hat die Verordnung des Regierungspräsidenten aufgehoben.« Der Oberbürgermeister sieht seinen Bürgermeister an. Selbst das Weiß in den Augen von Niederdahl ist gelb. Plötzlich kreischt Niederdahl auf. Seine weißen Händchen mit dicken blauen Adern, aus untadeligen Manschetten kommend, trommeln auf den Tisch. »Der Akt! Der Akt!« schreit er. »Der Geschäftsgang! Der Instanzenweg! Warum hat mir der Akt nicht vorgelegen?« »Es ist noch gar kein Akt da«, sagt Gareis faul. »Ich hab heut telefonisch vom Ministerium des Innern Bescheid bekommen. Die Verfügung kommt morgen früh mit der Post.« »Telefonisch! Das ist kein Geschäftsgang. Alle Verfügungen gehen erst an den Bürodirektor. Dann an mich. Dann an Sie. – Dann an Sie, Herr Gareis. – Dann an Sie!» »Aber ich war telefonisch verlangt, nicht der Bürodirektor.« »Telefonisch ist nicht. Telefonisch gilt nicht. Ein Spaßvogel kann Sie anrufen. Und Sie haben's dem Frerksen schon eröffnet?« »Habe ich.« »Das geht nicht. Das ist unmöglich. Was ist das? Wo kommen wir hin mit diesen Methoden? Und der Präsident?« »Wird husten, nehme ich an«, sagt Gareis kühl und betrachtet sein Opfer. »Ihre Politik isoliert uns. Altholm ist allein. Was ist ein Minister? Ein Dreitagegewächs. Wollen Sie auf Minister Kommunalpolitik machen? Stolpe, Stolpe, da liegt unser Gewicht.« Grausam sagt Gareis zu dem Erregten: »Soll ich Ihre Eröffnungen dem Minister mitteilen?« Der Oberbürgermeister ist plötzlich still. Er entfaltet ein weißes Taschentuch, trocknet sein Gesicht. Als er wieder auftaucht: »Verzeihen Sie, Herr Kollege! Sie wissen, meine Nerven, meine Galle. Ich bin ein kranker Mann. Die Sorgen ...« »Die Sorgen überlassen Sie nur mir. Mein Buckel ist breit.« »Ja. Ja. Sie sind gesund. Beneidenswert. – Und Sie meinen, der Bescheid des Ministers kommt morgen?« »Bestimmt.« »Wie das wieder in Stolpe anstoßen wird! Wir hätten Herrn Frerksen im Innendienst beschäftigen können. Wir hätten ihn zum Bürodirektor gemacht.« »Er ist ganz gut als Polizeimensch.« »Aber der Anstoß. Man muß Opfer bringen.« »Diesmal nicht. – Ich gebe eine kurze Notiz über seine Einsetzung an die Presse.« »Geht es nicht so? Wenn die Leute ihn in Uniform sehen, wissen sie doch auch so Bescheid.« »Seine Entsetzung war in der Presse, also auch seine Einsetzung.« »Aber nicht, ehe der Bescheid da ist.« »Na schön, ich werde den Zeitungsleuten sagen, daß sie es nicht vor übermorgen veröffentlichen dürfen.« »Ich würde vorziehen, daß ich selbst der Presse die Notiz gebe, wenn es soweit ist.« »Sofort, wenn es soweit ist, Herr Kollege.« »Selbstverständlich. Sofort, wenn es soweit ist.« 8Der Bürgermeister sagt zu seinem Sekretär: »Hören Sie mal, Piekbusch, haben Sie nicht einen Vetter oder so was, der jeden Abend nach Stolpe fährt?« »Jawohl. Den Dreher Maaks.« »Lassen Sie den heute abend mal drei Briefe einstecken in Stolpe.« »Gut.« »Wissen Sie noch die Notiz, die Sie wegen Frerksen für die Zeitungen getippt haben?« »Ja, natürlich.« »Der Ober hat darüber gehustet, will sie selber an die Zeitungen geben. Da können wir lange warten, wenn ich erst fort bin.« »Denke ich auch.« »Tippen Sie mal so 'ne Notiz, dreimal, auf neutralem Papier. So ein bißchen andersrum, verstehen Sie: wie wir von bestunterrichteter Seite erfahren und so weiter. In drei neutralen Kuverts an unsere drei Blätter. Kein Absender.« »Schön. Wird gemacht.« Pause. »Woher aber das Porto nehmen? Das ist doch nichts Dienstliches.« »Wollen Sie nicht, muß ich. Wieviel?« »Fünfundvierzig Pfennige.« »Da. – Nach den nächsten Wahlen laß ich mir nun aber wirklich einen schwarzen Fonds bewilligen. Ich seh immer mehr, daß die Minister, und nicht nur die, wirklich einen brauchen.« Am nächsten Morgen ruft Herr Oberbürgermeister Niederdahl erst einmal den Herrn Regierungspräsidenten an. ... »Ja, die Bestätigung des Ministeriums ist heute wirklich eingegangen.« »Wir haben hier noch nichts. Ich finde das ... Ja, Herr Niederdahl, das sind unsere Freuden, das ist die Pflege der Staatsautorität heutzutage.« »Herr Präsident hätten sehen sollen, wie der Gareis Befriedigung schwitzte.« »Nun, am Ende bedeutet auch die Entscheidung des Herrn Ministers nichts. Das Gerichtsurteil im Prozeß, das entscheidet.« »Aber wenn es gegen die Polizei ist, ist es für die Bauern!« »Das denkt man. Aber es kann gegen die Bauern sein und doch gegen die Polizei.« »Gewiß. Gewiß. Es wird sich ein Weg finden lassen. – Und die Pressenotiz?« »Welche Pressenotiz? Ach so, wegen Frerksen? Natürlich Papierkorb. Wir werden das den Leuten doch nicht noch erzählen!« »Immerhin gebe ich zu bedenken, Herr Präsident, daß man auf der andern Seite vielleicht vorgesorgt hat ...« »Wieso vorgesorgt?« »Die Presse inoffiziell benachrichtigt.« »So rufen Sie eben die paar Blätter mal an. Den Gefallen werden die Ihnen doch noch tun, Herr Niederdahl.« »Gewiß. Natürlich. Unzweifelhaft.« »Hier das Sekretariat von Oberbürgermeister Niederdahl. Herr Oberbürgermeister möchte Herrn Redakteur Stuff sprechen. – Selbst? Einen Augenblick, ich verbinde.« »Ja, mein lieber Herr Stuff. Guten Morgen. Sie werden ja als gewitzter Pressemann längst raushaben, daß unser viel befehdeter Oberinspektor seit heute früh wieder in Uniform herumläuft. Nicht wahr? Dacht ich mir doch. – Richtig, eine Entscheidung des Herrn Ministers, aber eine noch nicht endgültige Entscheidung, das letzte Wort spricht ja das Gericht im Oktober. – Nein, gewiß. Eine bestimmte Seite, ich brauche Ihnen ja nichts Näheres zu sagen, hat natürlich Interesse daran, daß diese Entscheidung des Herrn Ministers möglichst aufgebauscht wird. – Nein, wir, vor allem Sie haben doch kein Interesse. – Ja, es muß jetzt mal Ruhe sein. – Also, ich verlasse mich darauf, Sie bringen nichts. Ihr Kollege von den Nachrichten hat auch bereits zugesagt. Danke verbindlichst. Guten Morgen, Herr Stuff!« Stuff lauscht noch einen Augenblick, den Hörer in der Hand. Dann legt er ihn hin, freundlich lächelnd. »Hast du zugesagt, Freund Heinsius? Wedelst mal wieder Schweif? Nu ja ja, nu nee nee. Niederdahl, du bist ein guter Mann, aber zu sutje, zu sutje. Fritz«, brüllt er mit Donnerstimme. Der Setzerlehrling erscheint. »Fritz, die Notiz über den Frerksen fliegt raus aus dem Lokalen. Die Spitze über das Orgelkonzert rückt an zweite Stelle. Sag Bescheid, ich schreib über den Frerksen einen ganzen Riemen. In zehn Minuten holst du ihn.« »Die Überschrift«, denkt Stuff, »die Überschrift muß es tun. Denn eigentlich weiß ich nichts. Wie wäre es: Schwere Differenzen zwischen Innenministerium und Regierungspräsidium –? Flau. Oder? Polizeioberinspektor Frerksen, vom Regierungspräsidenten entsetzt, vom Minister wieder eingesetzt –? Viel zu lang. Drei Worte, Mensch, Stuff. Ich werde einen Cognac trinken gehen.« Im Cognac fand er den Titel: »Minister billigt den Polizeiterror.« Und den Untertitel: »Bauern sind rechtlos.« Stuff grinst. »Hören Sie, Fräulein Heinze, wenn heute nachmittag nach mir angerufen wird: ich bin verreist. Ich bin in Urlaub. Mich kann man im nächsten Jahr nicht sprechen.« Herr Gebhardt fragt streng: »Wie weit sind Sie nun, Herr Tredup?« »Stuff geht bestimmt am ersten Oktober.« »Sie sagen das. Mir hat er nicht gekündigt.« »Bestimmt. Vielleicht will er erreichen, daß Sie ihn rauswerfen?« »Den Gefallen tu ich ihm nicht. Daß ich ihm noch ein halbes Jahr Gehalt zahlen muß!« »Der heutige Artikel«, bemerkt Herr Heinsius, »wäre Grund genug zu fristloser Entlassung.« »Daß die ganze Stadt erfährt, meine Angestellten tun, was sie wollen. Danke nein. – Sind Sie aber auch sicher, Herr Tredup?« »Ganz sicher.« »Wieso eigentlich? Wollen Sie das nicht mal erläutern? Was haben Sie getan? Was haben Sie für einen Druck auf Stuff ausgeübt?« »Ich möchte wirklich nicht ... er geht doch bestimmt.« »Geheimnisse meiner Angestellten. Hübsch. Sehr hübsch. – Für heute wäre das alles, Herr Tredup.« Stuff sitzt in seinem stillen Winkel im Tucher und trinkt. Kommt ein Bürger, der Lokomotivführer Thienelt: »Das hättest du nicht tun müssen, Stuff.« »Was denn?« »Das mit dem Artikel heute. Nun war alles so schön ruhig.« »Seit wann ist denn der Stahlhelm für Ruhe?« »Man muß auch mal still sein können. Die Geschäfte gehen doch so schlecht, Stuff.« »Na, das nächste Mal laß ich Ruhe.« Kommt Textil-Braun: »Hier sitzen Sie also, Herr Stuff. Ich habe Ihnen die Mißbilligung des Einzelhandels von Altholm auszusprechen. Sie müssen jetzt Ruhe halten.« »Ich trinke mein Bier in aller Ruhe.« »Es war nun alles so schön still, Sie müssen auf die Geschäfte Rücksicht nehmen.« »Tu ich. Tu ich. Ich laß mein ganzes Geld in der Kneipe.« Braun giftig: »Mit Ihnen ist mal wieder nicht zu reden, Herr Stuff. Aber in den Abonnentenziffern, in den Abonnentenziffern wird es sich auswirken.« Der Ober sagt zu Stuff: »Die schimpfen alle über Ihren Artikel. Der Artikel ist doch fein.« »Wieso fein? Mist ist er.« »Er liest sich aber fein.« »Franz, ich geb Ihnen doch keinen Pfennig Trinkgeld mehr. Mir brauchen Sie doch nicht in den Arsch zu kriechen.« »Nee, nee, Herr Stuff. Tu ich auch nicht. Mir gefällt er wirklich ganz gut. Aber nun hatten die Leute schon wieder was anderes geredet wie vom Boykott. Und plötzlich geht es heute überall: die Bauern, die Bauern.« »Na – und?« »Wenn die Leute davon reden, ärgern sie sich, Herr Stuff.« »Warum sollen die sich nicht auch mal ärgern? Ich muß mich jeden Tag ärgern.« »Sie sind es gewohnt, Herr Stuff. Aber Sie sollten sehen, wieviel Schnaps heute getrunken wird. Immer wenn sich die Leute ärgern, trinken sie mehr Schnaps als Bier.« »Ich trinke zu jedem Bier meinen Schnaps. Und oft zwei.« »Das ist es, was ich sage. Sie sind es gewöhnt, Herr Stuff. Aber die Leute sind es nicht gewöhnt. Die wollen ihre Ruhe haben.« »Na schön, Franz, ich will meine jetzt auch haben.« »Jawohl, Herr Stuff. Noch einen Schnaps? Sofort!« »Ich scheine«, sagt zufrieden Stuff, »die Psyche ganz Altholms schwer verletzt zu haben.« weiter zu Drittes Buch: Der Gerichtstag zurück zu Erstes Buch: Die Bauern |