Auf der Station Haselhorst steigen zwei Männer aus dem Personenzug, der von Altholm nach Stolpe fährt. Beide sind städtisch gekleidet, tragen aber über dem Arm Regenmäntel, in der Hand derbe Knotenstöcke. Der eine ist ein Vierziger und sieht verdrossen aus, der junge dürre Zwanziger blickt sich lebhaft nach allen Seiten um. Alles interessiert ihn.
Sie durchqueren Haselhorst auf der Dorfstraße. Überall schauen aus dem Grün die Dächer der Bauernhäuser, bald mit Stroh, bald mit Reeth, bald mit Ziegeln, bald mit Zink gedeckt. Jeder Hof liegt für sich, wendet meistens, von Bäumen umstanden, nur die Schmalseite seines Wohnhauses der Landstraße zu.
Sie haben Haselhorst hinter sich und gehen nun unter Ebereschen auf der Chaussee nach Gramzow. In den Koppeln steht Vieh, schwarzbunt und rotbunt, sieht sich auch einmal, langsam weiterkäuend, nach den Wanderern um.
»Es ist schön, einmal aus dem Büro herauszukommen«, sagt der Junge.
»Das habe ich auch einmal gedacht«, widersetzt der Alte.
»Immer und ewig nur Zahlen, es ist nicht auszuhalten.«
»Zahlen sind bequemer als Menschen. Man weiß, was man von ihnen zu erwarten hat.«
»Meinen Sie denn wirklich, Herr Kalübbe, daß etwas passieren kann?«
»Reden Sie keinen Quatsch. Selbstverständlich passiert nichts.«
Der Junge fühlt nach der Gesäßtasche. »Jedenfalls habe ich meine Pistole parat.«
Der Ältere bleibt mit einem Ruck stehen, schüttelt wütend die Arme, sein Gesicht läuft blaurot an: »Sie Idiot, Sie! Sie gottgeschlagener Querkopf!«
Seine Wut steigert sich noch. Er wirft Mantel und Stock auf die Chaussee, seine Aktentasche, die er unterm Mantel trug, dazu. »Da! Da haben Sie es! Machen Sie den Dreck alleine! So eine Hirnverbranntheit! Und solch ein Bulle ...« Er kann nicht weiterreden.
Der Jüngere ist weiß geworden, aus Kränkung, Ärger, Schreck. Aber er kann sich beherrschen. »Ich bitte Sie, Herr Kalübbe, was habe ich gesagt, daß Sie derart erregt sind!
»Wenn ich schon so etwas höre! Die Pistole parat!! Wollen Sie unter die Bauern mit einer Pistole gehen? Ich habe Frau und drei Kinder.«
»Aber ich bin heute früh noch einmal vom Finanzrat über den Gebrauch der Waffe belehrt worden.«
Kalübbe ist ganz Verachtung. »Der! Sitzt hinter seinem Schreibtisch. Kennt nur Papier. Einen Tag sollte er hier draußen mit mir pfänden gehen, nach Poseritz oder Dülmen oder auch heute nach Gramzow –: er würde keine Belehrungen mehr erteilen!!«
Kalübbe grinst schadenfroh schon bei dem Gedanken, daß der Herr Finanzrat ihn bei seinen Pfändungsgängen begleiten könnte.
Plötzlich lacht er. »Da, ich werde Ihnen was zeigen.« Er holt aus der Gesäßtasche seine Pistole, richtet sie auf den Kollegen.
»Machen Sie keine Geschichten«, ruft der und springt zur Seite.
Kalübbe drückt los. »Sehen Sie: nichts! Gar nicht geladen. Das halte ich von dieser Art Schutz.«
Er steckt seine Pistole wieder ein. »Und nun geben Sie mir Ihre.« Er zieht den Lauf kräftig zurück, wirft Patrone auf Patrone aus. Der Junge sammelt sie schweigend auf. »Stecken Sie die Dinger in die Westentasche und geben Sie sie heute abend dem Finanzrat zurück. Das ist
meine Belehrung über den Waffengebrauch, Thiel.«
Thiel hat auch Stock und Mantel und Tasche schweigend aufgehoben und reicht alles dem Kollegen. Sie gehen weiter. Kalübbe sieht über die Wiesen, die von Hahnenfuß gelb, von Schaumkraut weißrosa sind. »Sehen Sie, Thiel, Sie müssen mir das nicht übelnehmen. Kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hand. – Das ist recht. Alle, die ihr dort drinnen sitzt auf dem Finanzamt, ihr habt ja keine Ahnung, was das heißt, hier draußen Dienst tun.
Habe mich auch gefreut, als ich Vollstreckungsbeamter wurde. Nicht nur die Diäten und die Bewegungsgelder. Ich kann sie wahrhaftig brauchen mit der Frau und den drei Kindern. Sondern draußen sein, hier, an einem Frühlingstag und alles ist frisch und lebendig. Nicht so bloß Steine. Und man geht durch.
Und jetzt – jetzt ist man der schändlichste, schmählichste Dreck am Stecken des Staates.«
»Herr Kalübbe, Sie, der so gelobt werden!«
»Ja, die drinnen! Wenn ein Bauer zu euch kommt und wenn zehn Bauern zu euch kommen, so sind es Bauern in der Stadt. Und wenn sie wirklich einmal frech werden, wie ihr es nennt, so seid ihr viele. Und hinter der Barre. Und der Fernsprecher zur Polizei an der Wand.
Hier aber, wo wir jetzt gehen, da hat der Bauer gesessen vor hundert Jahren und vor tausend Jahren. Hier sind wir die Fremden.
Und ich gehe mit meiner Aktentasche und mit meinen blauen Piepmatzmarken ganz allein zwischen ihnen herum. Und ich bin der Staat, und wenn es gut geht, nehme ich ihnen eine Ecke von ihrem Stolz und die Kuh aus dem Stall, und geht es schlimm an, dann mache ich sie heimatlos, wo sie seit tausend Jahren saßen.«
»Können sie denn wirklich nicht zahlen?«
»Manchmal können sie nicht und manchmal wollen sie nicht. Und in letzter Zeit wollen sie überhaupt nicht. – Sehen Sie, Thiel, es sind immer reiche Bauern gewesen, sie haben immer aus dem Vollen gelebt, und nun will es ihnen nicht eingehen, daß sie Fastenbrot essen müssen. Und dann sollen sie ja auch nicht richtig rationell wirtschaften ...
Aber was verstehen wir davon? Es geht uns nichts an. Was gehen uns die Bauern an! Sie essen ihr Brot und wir essen unseres. Aber was mich angeht, das ist, daß ich zwischen ihnen umhergehe wie ein unehrlicher Mensch, wie ein Hurenmädchen mit dem Rädchen auf dem Arm, vor dem sie alle ausspucken, mit dem keiner an einem Tisch sitzen mag.«
»Halt! Einen Augenblick!« ruft Thiel und hält den Kollegen am Arm. Im Staub sitzt ein Schmetterling, ein braunbuntes Pfauenauge mit zitternden Flügeln. Seine Fühler bewegen sich tastend in der Sonne, im Licht, in der Wärme.
Und Kalübbe zieht den Fuß zurück, der schon über dem Tier schwebte. Zieht ihn zurück und bleibt stehen, sieht hinab auf den beseelten farbigen Staub.
»Ja, auch das gibt es, Thiel«, sagt er erleichtert. »Weiß Gott, Sie haben recht. Auch das gibt es. Und manchmal wird der Fuß zurückgezogen. – Und nun bitte ich Sie nur um eines.«
»Ja?« fragt Thiel.
»Sie sind eben der Beherrschte gewesen und ich der Schreier. Mag angehen, daß sich heute noch einmal unsere Rolle ändert. Dann denken Sie daran, daß Sie jede Schmähung, jede Beleidigung ohne Widerspruch ertragen müssen, hören Sie,
müssen. Daß ein guter Vollstreckungsbeamter keine Strafanträge wegen Beleidigung stellt, sondern vollstreckt. Daß Sie nie die Hand heben dürfen, selbst wenn ein anderer die Hand hebt. Es gibt immer zu viel Zeugen gegen Sie. Es gibt nur Zeugen gegen Sie. Wollen Sie daran denken? Wollen Sie mir das versprechen?«
Thiel hebt die Hand.
»Können Sie es auch halten?«
»Ja«, sagt Thiel.
»Dann also: gehen wir dem Päplow in Gramzow seine beiden Ochsen versteigern.«
2
Die Uhr geht auf elf. Es ist immer noch Vormittag, und die beiden Finanzbeamten haben sich eben die Hand gegeben auf der Chaussee nach Gramzow.
Im Krug von Gramzow ist es drangvoll. Alle Tische sind besetzt. Die Bauern sitzen vor Bier und Grog, auch die Schnapsgläser fehlen nicht. Aber es ist fast still im Gastzimmer, kaum ein Wort wird laut. Es ist, als horchten alle nach hinten.
Hinten in der Wirtsstube sitzen auch Bauern, um den Tisch mit der Häkeldecke unter dem Nußbaumregulator. Sieben Bauern sitzen dort, einer steht an der Tür, der achte. Im Sofa sitzt hinter seinem Grog ein Langer mit scharfgeschnittenem Gesicht voll unzähliger Falten, mit kalten Augen und schmalen Lippen. »Also«, spricht er und bleibt sitzen, »ihr, eingesessene Bauern von Gramzow, habt gehört, was der Bauer Päplow vorzubringen hat gegen den Entscheid des Finanzamtes in Altholm. Wer für ihn ist, hebe die Hand. Wer gegen den Bauern ist, lasse sie ungekränkt unten. Jeder tue, wie ihm dünkt, aber nur, wie ihm dünkt. – Stimmt ab.«
Sieben Hände erheben sich.
Der lange Bartlose steht aus dem Sofa auf. »Stoß die Tür auf, Päplow, zum Gastzimmer, daß alle hören. Ich verkünde den Beschluß der Bauern von Gramzow.«
Die Tür geht auf und im gleichen Augenblick erheben sich die Bauern draußen. Der Lange fragt durchs Lokal zu einem weißbärtigen Bauern an der Außentür: »Sind die Wachen besetzt?«
»Sie sind besetzt, Vorsteher.«
Der Lange fragt nach der Tonbank mit dem kleinen wieselartigen Wirt: »Ist kein Weibervolk in der Nähe, Krüger?«
»Kein Weibervolk, Vorsteher.«
»So verkünde ich, der Gemeindevorsteher Reimers von Gramzow, den Beschluß der Bauernschaft, gefaßt von ihren erwählten Vertretern:
Es liegt ein Entscheid des Finanzamtes Altholm vom 2. März vor gegen den Bauern Päplow, daß er zu zahlen hat an rückständiger Einkommensteuer aus dem Jahre 1928 vierhundertunddreiundsechzig Mark.
Wir haben zu diesem Entscheid den Bauern Päplow gehört. Er hat geltend gemacht, daß dem Entscheid die Durchschnittsertragsberechnung für Höfe dieser Gegend zugrunde liegt. Daß dieser Durchschnittsbetrag auf sein Anwesen aber keine Anwendung finden könne, weil er im Jahre 1928 außerordentliche Schädigungen erlitten hat. Zwei Pferde sind ihm eingegangen an Kolik. Eine Stärke ist beim Kalben verreckt. Seinen Vater, den Altenteiler, hat er ins Krankenhaus nach Altholm schaffen müssen und dort über ein Jahr erhalten.
Diese Gründe zum Steuernachlaß sind dem Finanzamt bekannt gemacht, sowohl direkt durch den Bauern Päplow wie durch mich, den Gemeindevorsteher. Das Finanzamt hat die Veranlagung aufrechterhalten.
Wir Bauern von Gramzow erklären den Beschluß des Finanzamtes Altholm für null und nichtig, weil er einen Eingriff in die Substanz des Hofes bedeutet. Wir verweigern dem Finanzamt und seinem Auftraggeber, dem Staat, jede Mithilfe in dieser Sache, es geschehe uns Liebes oder Leides.
Die vor 15 Tagen vorgenommene Pfändung zweier gut angegraster Ochsen des Bauern Päplow ist nichtig. Wer bei der heute angesetzten Versteigerung dieser Ochsen ein Gebot auf sie abgibt, soll von Stund an nicht mehr Glied der Bauernschaft sein. Geächtet soll er sein, niemand darf ihm Hilfe leisten, sei es in Nöten der Wirtschaft, des Leibes oder der Seele. In Acht soll er sein, in Gramzow, im Kreise Lohstedt, im Lande Pommern, im Staate Preußen, im ganzen Deutschen Reiche. Niemand darf zu ihm sprechen, niemand darf ihm die Tageszeit bieten. Unsere Kinder sollen nicht mit seinen Kindern sprechen, und unsere Frauen sollen nicht mit seiner Frau reden. Er lebe allein, er sterbe allein. Wer gegen einen von uns handelt, hat gegen uns alle gehandelt. Der ist heute schon tot.
»Habt ihr alle gehört, Bauern von Gramzow?«
»Wir haben gehört, Vorsteher.«
»So handelt danach. Ich schließe die Bauernversammlung. Die Wachen sind zurückzuziehen.«
Die Tür zwischen Gast- und Wirtsstube geht wieder zu. Der Gemeindevorsteher Reimers setzt sich, wischt sich die Stirn ab und tut einen Zug vom kalt gewordenen Grog. Dann sieht er auf die Uhr. »Fünf Minuten bis elf. Es wird Zeit, daß du verschwindest, Päplow, sonst kann dir der Knecht vom Finanzamt das Protokoll vorlesen.«
»Ja, Reimers. Aber wie wird es, wenn sie die Ochsen forttreiben?«
»Sie werden die Ochsen nicht forttreiben, Päplow.«
»Wie willst du es hindern? Mit Gewalt?«
»Keine Gewalt. Nie Gewalt gegen diesen Staat und seinen Verwaltungsapparat. Ich weiß etwas anderes.«
»Wenn du etwas anderes weißt ... Es müßte nur sicher sein. Ich brauche das Geld für die Ochsen.«
»Es ist sicher. Morgen wissen alle Bauern im Land, wie man in Gramzow mit dem Finanzamt fertig wird. Geh nur ruhig.«
Der Bauer Päplow geht durch die Hintertür über den Hof hinaus, verschwindet an einem Knick. Die sieben Bauern gehen in die volle Gaststube.
3
Vor den Fenstern der Wirtschaft entsteht Bewegung: die beiden Beamten vom Finanzamt kommen. Jeder führt einen rotbunten Stier am Halfter.
Sie sind auf dem Hof von Päplow gewesen. Irgendein Knecht war da und hat sie in den Stall gelassen zu den gepfändeten Tieren. Kein Bauer war zu sehen, keine Bäuerin, niemand, der Auftrag gehabt hätte, die Pfandsumme zu erlegen. So haben sie die Tiere aufgehalftert und sind mit ihnen zum Krug gekommen, die angesetzte und bekanntgemachte Versteigerung abzuhalten.
Sie binden die Tiere ans Reek vor der Tür und treten in die Wirtschaft. Im Gastzimmer ist Gerede gewesen, halblauter Meinungsaustausch, auch ein Fluch vielleicht, als man die Männer sah mit den beiden Tieren. Nun ist es still. Aber dreißig, vierzig Bauern sehen stur auf die Beamten, sehen ihnen ins Gesicht und verziehen nicht das eigene.
»Ist hier vielleicht Herr Päplow aus Gramzow?« fragt Kalübbe in die Stille.
Die Bauern sehen auf ihn und den Jungen, keiner spricht.
»Herr Päplow hier?« fragt Kalübbe mit erhobener Stimme.
Keine Antwort.
Kalübbe geht durch den Mittelgang der Gaststube zur Tonbank hin. Unter all den feindlichen Blicken geht er gehemmt und unbeholfen. Einen Stock, der über einer Lehne hängt, stößt er um. Er fällt polternd hin. Kalübbe bückt sich danach, hebt ihn auf, hängt ihn über die Lehne, sagt: »Pardon.«
Der Bauer sieht ihn an, stur, dann zum Fenster hinaus, verzieht nicht das Gesicht.
Kalübbe sagt zum Krüger: »Ich soll hier eine Versteigerung abhalten, wie Sie wissen. Wollen Sie mir einen Tisch hersetzen lassen?«
Der Krüger murrt: »Hier ist kein Tisch und kein Raum für einen Tisch.«
»Sie wissen, daß Sie Platz zu machen haben.«
»Wie soll ich es machen, Herr? Wen soll ich fortschicken? Vielleicht machen Sie sich Platz, Herr?«
Kalübbe sagt mit Nachdruck: »Sie wissen ...«
Und der wieselige Krüger eilfertig: »Ich weiß. Ich weiß. Aber geben Sie mir einen Rat. Kein Gesetz, verstehen Sie, einen brauchbaren Rat.«
Eine Stimme ruft befehlend durchs Lokal: »Setz einen Tisch vor die Tür.«
Plötzlich ist der kleine Krüger ganz Beweglichkeit, Höflichkeit: »Einen Tisch vor die Tür. Selbstverständlich. Die beste Idee. Man kann dann auch das Vieh sehen.«
Der Tisch wird nach draußen gebracht. Der Krüger trägt eigenhändig zwei Stühle herbei.
»Und nun zwei Glas Helles für uns, Krüger.«
Der Krüger bleibt stehen, sein Gesicht legt sich in Falten, Kummer ist darin. Er schielt zu den offenen Fenstern, hinter denen die Bauern sitzen. »Meine Herren, ich bitte Sie ...«
»Zwei Glas Helles! Was soll das ...?«
Der Krüger hebt ganz schnell die Hände zu einer Bitte: »Meine Herren, verlangen Sie nicht von mir ...«
Kalübbe sieht rasch zu Thiel hin, der das Gesicht über die Tischplatte gesenkt hält. »Sehen Sie, Thiel!« Und zum Krüger: »Sie
müssen uns Bier ausschenken. Wenn Sie's nicht tun und ich zeige Sie an, sind Sie die Konzession los.«
Und der Krüger vollendet im gleichen Ton: »Und wenn ich's tue, bin ich meine Gäste los. So kaputt und so kaputt, Herr.«
Kalübbe und der Krüger sehen sich an, eine lange Zeit scheint es.
»Also sagen Sie drinnen, daß die Auktion beginnt.«
Der Krüger macht eine halbe Verbeugung. »So lange es geht, soll der Mensch Mensch bleiben.«
Er geht. Der Beamte nimmt aus seiner Aktentasche Protokoll und Bedingungen, legt sie vor sich auf den Tisch.
Thiel möchte gern, daß er ihn jetzt einmal ansähe, darum sagt er: »Ich habe eben an die Pistole gedacht. Ich glaube, ich lerne schon, daß Waffen nichts helfen.«
Kalübbe sagt trocken und blättert in seinem Protokoll: »Es ist noch nicht Abend. Wenn wir zu Haus sind, haben Sie mehr gelernt.«
Ein Schatten fällt auf den Tisch. Ein junger Mensch, schwarz gekleidet, eine schwarze Hornbrille auf der Nase, über der Schulter den Lederriemen eines Fotoapparates, tritt hutlüftend heran. »Gestatten Sie, meine Herren, mein Name ist Tredup von der Chronik für Altholm. Ich war eben in Podejuch, den Kirchenneubau für unser Blatt zu fotografieren. Im Vorbeiradeln sehe ich, hier soll eine Auktion abgehalten werden.«
»Das Inserat stand auch in Ihrem Blatt.«
»Und das ist das gepfändete Vieh? – Man hört so viel von Schwierigkeiten bei Pfändungen. Hatten Sie welche?«
»Erlaubnis zu dienstlichen Auskünften erteilt Herr Finanzrat Berg.«
»Also Sie hatten keine Schwierigkeiten? Würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich die Auktion fotografiere?«
Und Kalübbe barsch: »Stören Sie mich nicht länger. Ich habe keine Zeit für Ihr Geschwätz!«
Tredup zuckt überlegen die Achseln. »Wie Sie meinen. Jedenfalls werde ich fotografieren. – Jeder hat seine Art Brot und besonders süß scheint Ihres auch nicht zu schmecken.«
Er geht auf die andere Seite der Dorfstraße und beginnt seinen Apparat fertigzumachen.
Kalübbe zuckt die Achseln: »Er hat ja im Grunde recht. Es ist sein Beruf, und es war albern von mir, ihn anzugrobsen. Aber ich habe eine Wut auf die von der Chronik. Das ist schon Revolverjournalismus, was die treiben. Haben Sie vor ein paar Tagen die Kritik über den Zirkus Monte gelesen?«
»Doch. Ja.«
»Die reine Erpressung. Dabei weiß ganz Altholm, daß kein Mensch von der Chronik zur Vorstellung war. Der Besitzer wollte wegen Geschäftsschädigung klagen, aber das hat ja alles keinen Zweck bei denen. Der Schabbelt verdreht, die Frau versoffen, der Kerl, der das Blatt schreibt, der Stuff, kriegt auch so seine periodischen Touren ... Und was da sonst so rumläuft ...«
»Gott! Wer liest denn die Chronik? Ich lese die Nachrichten.«
»Soll mich wundern, was der Kerl über die Auktion zusammenschmiert. Mittlerweile scheint niemand zu kommen.«
Sie sehen nach den Fenstern der Gaststube. Soviel sie erkennen können, ist es leerer dort geworden, trotzdem noch genug Bauern dasitzen.
»Gehen Sie noch einmal in die Tür und rufen Sie aus, daß die Auktion beginnt. Und dann sagen Sie dem Krüger, daß er zu mir kommen möchte.«
Thiel steht auf, geht in die Tür. Kalübbe hört ihn rufen, irgend jemand antwortet. Es entsteht Gelächter, dann gebietet eine scharfe Stimme Ruhe. Nach einer Weile kommt Thiel zurück.
»Was war da eben?« fragt Kalübbe gleichmütig.
»Der Krüger wird sofort kommen. – Ach ja, irgendein Witzbold rief mir zu: ›Jung, goh no Hus, dien Mudder will di waschen!‹ Aber ein Langer hieß ihn Maul halten.«
Der Krüger tritt an den Tisch: »Bitte, meine Herren?«
»Waren keine Viehhändler heute morgen da?«
»Doch. Viehhändler waren da.«
»Wer?«
Der Krüger zögert: »Ich weiß nicht. Ich kenne sie nicht.«
»Natürlich kennen Sie sie nicht. Und die sind wieder fortgefahren?«
»Die sind wieder fortgefahren.«
»Danke. Das war alles.« Der Krüger geht und Kalübbe sagt zu Thiel: »Nun rufe ich noch den Fleischer Storm an. Bei dem kaufe ich selbst mein Fleisch. Vielleicht, daß der die Courage hat und kauft das Vieh zur Taxe. Das ist halb geschenkt.«
»Und wenn nicht?«
»Gott, dann rufe ich den Finanzrat an. Mag der mal entscheiden, was geschehen soll.«
Thiel sitzt und schaut auf die besonnte Dorfstraße. Ein paar Hühner suchen in Pferdeäpfeln unverdautes Korn, über den nächsten Hofeingang streicht sacht mit aufrechtem Schwanz eine Katze. »Es wäre ganz schön hier«, denkt er. »Es ist alles beieinander, aber es ist Unrat in der Luft. Dem Kerl von der Chronik scheint auch klar geworden, daß aus der Auktion nichts wird. Da streicht er ab. Hat den Apparat noch in der Hand, vielleicht hat er was Besseres gefunden zu fotografieren. – Muhe nicht, Ochs. Ich habe auch Durst und kriege nichts, trotzdem hier Hof bei Hof Brunnen sind. – Kalübbe ist hübsch vergrätzt, aber er nimmt es zu tragisch. Bauern sind Bauern. Ein dickes Fell und seinen Dienst tun, nichts denken. Mittelalter und Scharfrichter – wo er das her hat? Er muß richtig darauf lesen. Ich habe meinen Skat und er seine Familie und wir beide Altholm, was brauchen wir da Bauern? Und hübsch ist es doch hier, wenn auch Unheil ...«
Er döst ein bißchen in der Mittagssonne vor sich hin. Die Ochsen werfen die Köpfe und wehren mit dem Schwanz die Fliegen.
4
Kalübbe steht wieder am Tisch. »Geschlafen? Ja, es ist ganz, als könnte ein Gewitter kommen. Heut ist ein Tag, an dem die Milch zusammenläuft. – Also, der Fleischer Storm will nicht. Er hat Angst. Denkt, er bekommt landauf, landab kein Vieh mehr zu kaufen. Laß ihn. Wird meine Frau ihr Fleisch bei einem andern Fleischer kaufen.«
»Und der Finanzrat?«
»Ja, der Finanzrat, der hohe Herr, der Herr Berg verstehen das natürlich nicht. Die Sache ist ihm einfach unverständlich. Aber jedenfalls soll heute einmal ein Exempel statuiert werden und die Bauern nicht mit dem Kopf durch die Wand. Wir sollen die Ochsen nach Haselhorst treiben und nach Stettin verladen. Vergnügen, was? Einen Waggon habe ich eben auch gleich bestellt. Also denke ich, wir machen los. Je eher wir dort sind, um so eher kriegen wir ein Glas Bier. Der Bahnhofswirt
muß ausschenken.«
»Also denn los! Welchen nehmen Sie?«
»Lassen Sie mir den mit dem krummen Horn. Der ist zappelig. Und wenn er abhauen will, den Zaum nicht loslassen und feste mit dem Stock auf die Nase. Dann vergeht ihm schon das Rennen.«
Sie haben die Stricke vom Reek losgeknotet und machen sich an den Aufbruch. Die Tür von der Wirtschaft geht auf und Bauer auf Bauer, ein Dutzend, zwei Dutzend, drei Dutzend treten aus der Gaststube. Sie stellen sich längs des Weges auf, wortlos stehen sie da, sehen den Abmarsch an.
Die beiden treiben die Dorfstraße entlang. Die Tiere gehen ruhig. Kalübbe wendet sich nach Thiel um und fragt: »Gemütlich, solch ein Spießrutenlaufen?«
»Wenn es denen Vergnügen macht!«
»Natürlich! – Was ist das?«
Das Dorf ist zu Ende. Die Straße hat einen scharfen Knick gemacht, und zwischen Ebereschen liegt die Chaussee nach Haselhorst vor ihnen. Auf beiden Seiten breite, wasserreiche Vorflutgräben und vor ihnen, dreihundert Meter weiter, haben sie ein helldunkles Gewimmel, ein Hindernis.
»Was ist das?«
»Ich kann es nicht schlau kriegen. Bauen die eine Barriere?«
»Es sieht so hell aus. Und locker. Wie Stroh. Jedenfalls kümmern wir uns um nichts. Gehen grade durch.«
»Und wenn wir nicht vorbeikommen? Die Gräben sind zu breit.«
»So warten wir. Es wird ja irgendein Wagen oder ein Auto kommen.«
Sie sind nahe, und nun ruft Thiel erleichtert aus: »Es ist nichts. Da hat einer ein Strohfuder umgeschmissen.«
»Ja. Es scheint so.«
Aber, als sie noch näher sind: »Da stimmt doch was nicht. Die laden nicht wieder auf. Die führen ja Wagen und Pferde fort!«
»Egal! Wir gehen durch. So ein Strohbund schmeißt man mit dem Fuß beiseite.«
Jetzt sind sie ganz nahe. Drei, vier Leute stehen dort beim Stroh, das quer über die Chaussee liegt. Einer bückt sich und plötzlich züngelt es auf, hier, dort. Eine Flamme tanzt. Zehn. Hundert. Rauch, weißer dicker Qualm wallt empor.
Die Stiere werfen die Köpfe hoch, sperren sich breitbeinig. Reißen den Leib herum.
Und plötzlich wirft sich der Wind in die Flammen, sengende Glut schlägt ihnen entgegen, sie stehen ganz im Rauch ...
»Los! Los! Zurück ins Dorf!« schreit Kalübbe und hämmert wild mit dem Knüppel auf die Nase seines Stiers. Dumpf dröhnt der Nasenknorpel.
Fast Seite an Seite, taumelnd, fallend, vom Strick wieder hochgerissen, rasen sie dem Dorf zu.
Dann, hundert Schritte weiter, geht das Vieh ruhiger. Atemlos ruft Kalübbe: »Diesmal muß ich einen Bericht schreiben, es hilft nichts.«
»Und was machen wir nun?«
»Nach Haselhorst lassen uns die nicht. Das ist zwecklos. Aber nun grade! Wissen Sie was, jetzt spielen wir ihnen einen Streich und treiben über Rippmerow, Banz, Eggermühle nach Lohstedt.«
»Vierzehn Kilometer!«
»Und wenn! Wollen Sie die Stiere dem Päplow wieder in den Stall stellen?«
»Ausgeschlossen!«
»Also!«
Jetzt sind sie wieder am Krug. Dort stehen die Bauern, sehen ihnen entgegen.
»Die haben auf uns gewartet. Na, eure Stiere sollt ihr deswegen doch nicht haben. – Glatt und möglichst rasch vorbeitreiben.«
Alle Gesichter sehen auf sie. Es sind junge und alte, sehr weißblonde, mehlige, glatte und ganz zerfurchte mit grauen und schwarzen Bärten und mit der Lederhaut der Herbststürme und Winterregen. Als sie sich nähern, löst sich der Schwarm auf. Ein Teil tritt auf die andere Seite der Dorfstraße, und nun, als sie vorbeiwollen, setzen sich alle in Bewegung, gehen stumm und dicht neben ihnen her, ein Geleit. Mit gesenkten und erhobenen Gesichtern, die nichts ansehen, Handstöcke in der Hand.
»Das gibt noch etwas. Das geht nicht glatt«, denkt Kalübbe. »Wenn ich nur an den Thiel herankönnte, daß er nicht die Ruhe verliert.«
Aber die Bauern gehen zu eng und jetzt laufen die Stiere fast, sie riechen den Päplowschen Stall.
Doch Kalübbe paßt auf. Im Augenblick, da sein Stier in die heimische Hoffahrt einbiegen will, gibt er ihm einen dröhnenden Schlag aufs rechte Horn, stößt gleich darauf die Stockspitze in die Weiche, und der Stier rast los, blindlings gradeaus, die Dorfstraße entlang.
»Das ging gut«, denkt Kalübbe laufend und wundert sich, daß die Bauern noch nicht nachgeben, weiter nebenher traben. Aber da ist auch schon Thiel dicht neben ihm. Vom Rennen atemlos flüstert er dem zu: »Kümmere dich um nichts, Thiel. Strick fest ums Handgelenk. Laß dir das Tier nicht klauen. Das gehört dem Staat und das muß jetzt nach Lohstedt, koste es, was es wolle.«
Die Bauern laufen nebenher. Es ist soviel Getrapps auf dem Weg und die Aussicht beengt. Und doch! Da vorn ist wieder das Hellgelbe, auch auf diesem Wege.
Aber nun gibt es kein Halten mehr. »Durch müssen wir«, denkt Kalübbe.
Das geängstete Tier rast nur so, Kalübbe kann sich nicht umdrehen. Er hört, wie die Stockschläge der Bauern hageldicht auf seinen Ochsen prasseln, er schreit: »Achtung, Thiel! Auf die Wiese!«
Und da ist das Feuer schon. Er sieht irr-deutlich sechs, acht Gesichter, er sieht plötzlich den Kerl von der Chronik mit dem Fotoapparat in der Hand, er sieht noch, wie ein Bauer mit dem Stock nach dem Apparat schlägt ...
Dann ist die Glut da, die Hitze, stechender Qualm.
Er sieht nichts mehr. Der Stier reißt ihm die Hand ab, so zerrt er am Strick.
Und nun steht er an einem Baum. Er ist durch, die Straße vor ihm ist frei, er atmet schwer mit versagenden Lungen.
Dann schaut er sich um. Dicke weißgelbe Qualmschwaden wälzen sich über Wiese und Weide. Schatten huschen darin.
»Wo ist Thiel?«
Dann sieht er den andern Stier über eine Wiese rasen, führerlos, mit hocherhobenem Schwanz und gesenktem Kopf.
Er wartet eine Viertelstunde, eine halbe. Er kann nicht fort von dem Tier, es gehört dem Staat. Schließlich gibt er das Warten auf. Der Thiel wird sich schon wieder anfinden. Die Bauern tun niemand nichts.
Kalübbe nimmt mit seinem Ochsen den Weg nach Lohstedt unter die Füße.
Zweites Kapitel: Jagd nach einem Foto
1
Es ist abends gegen elf. Stuff ist eben aus dem Kino gekommen und hat sich im »Tucher« zu Wenk an den Tisch gesetzt.
»Was trinkst du? Nur Bier? Nee, das genügt nicht, bei mir burren die trüben Fliegen heut wieder. – Franz, einen halben Liter Helles und eine Kömbuddel.«
»Wie war's im Kino?«
»Mist, verdammter. So was muß man morgen loben, bloß weil die Affen inserieren.«
»Was war's denn?«
»So ein erotischer Schmarren. Was Ausgezogenes.«
»Das ist doch was für dich?«
»Hau ab, Wenk! Was die heute schon Erotik nennen! Wozu ausziehen? Man weiß ja schon alles vorher.«
Stuff trinkt. Erst einen Schnaps. Dann einen langen Schluck Bier. Dann wieder einen Schnaps.
»Das ist das Richtige. Solltest du auch tun. Das macht Stimmung.«
»Geht nicht. Darf nicht. Mein Wachtmeister schimpft, wenn ich nach Schnaps stinke.«
»Gott ja, deine Olle. Komisch muß das sein, immer dieselbe. So gar keine Überraschung. Macht das denn noch Spaß?«
»Spaß? Ehe ist doch kein Spaß.«
»Eben. Hab ich mir immer schon gedacht. Und ohne Überraschungen. Nee, danke. Weißt du, das ist ja der Mist bei der modernen Frauenkleidung: man weiß alles schon vorher. Diese blöden Schlüpfer! Früher, die weiten weißen offenen Hosen!« Er versinkt in Schwärmerei.
»Wo sitzt eigentlich dein Mann?« stört ihn Wenk.
»Wieso? Mein Mann? Ach so, der Kalübbe! Dort. Der übernächste Tisch. Der Griese, der Skat spielt, so ein bißchen dick.«
»So, das ist Kalübbe«, sagt Wenk enttäuscht. »Den hart ich mir anders gedacht.«
»Anders gedacht. Der ist gut so, wie er ist. Schon die beiden Kerle, die mit ihm spielen. Das muß die reine Freude sein für den Herrn Finanzrat.«
»Wer ist denn das?«
»Na, den in der grauen Uniform mußt du doch kennen. Den kennt doch jedes Kind. Nicht? Das ist der Hilfswachtmeister Gruen aus dem Kittchen. Mall-Gruen nennen sie ihn, weil er verrückt ist, seit ihn die Muschkoten November 18 an die Wand gestellt haben.«
»Warum denn?«
»Weil er sie zu sehr gezwiebelt hat, wahrscheinlich. Sie haben nach ihm Scheibenschießen gemacht, und daß er dabei leben geblieben ist, das hat er, glaub ich, selber noch nicht kapiert. – Du mußt mal aufpassen, wenn die Rechten schwarzweißrot flaggen, dann kann er an keiner Flagge vorüber. Zieht den Hut und verkündet: ›Unter dieser Fahne haben wir nicht gehungert.‹ Die Kinder laufen ihm in Scharen nach.«
»Und so was ist Beamter?«
»Warum nicht? Zellen wird er wohl noch auf- und zuschließen können.«
»Und der Dritte?«
»Das ist der Lokomotivführer Thienelt. Dienstältester Lokomotivführer im Bezirk. Hinter dem ist schon die ganze Reichsbahndirektion hergewesen, er soll Dienstuniform anziehen. Er tut es nicht. Warum wohl?«
»Keine Ahnung. Sag schon.«
»Na, sehr einfach. Er tut es nicht, weil er dann die Dienstmütze aufsetzen müßte.«
»???«
»Du bist zu doof, Wenk. Saufen kannst du gut, aber zu doof bist du doch. – Weil an der Dienstuniform ein neumodischer Adler ist und er ist noch für die altmodischen ...«
»Und er tut's nicht?«
»Er tut's nicht. Nun haben sie ihn auf 'ne Rangierlokomotive gesetzt, aber er denkt: meine zwei Jahre bis zur Pension halt ich's noch aus. Die Oberen lassen ihn jetzt in Ruhe, aber die Kollegen. Kollegen sind immer das Schlimmste.«
Pause. Stuff trinkt ausgiebig.
»Mittlerweile könnte der Kalübbe endlich mal pinkeln gehen, daß ich ihn draußen unauffällig sprechen kann.«
»Glaubst du denn, er tut es?«
»Wenn man es richtig anpackt, tut er es.«
»Du riskierst was dabei.«
»Wieso? Wenn es rauskommt, bin ich besoffen gewesen.«
– – –
»Du, Stuff, der Einzeljüngling am Ecktisch fixiert dich immer.«
»Wenn's ihm Spaß macht. Nee, den kenne ich nicht. Ehemaliger Offizier taxiere ich. Reist jetzt in Ölen und technischen Fetten.«
»Sieht ganz so aus, als möcht er mit dir reden.«
»Vielleicht kennt er mich. – Prost! Prost!« schreit Stuff durch das ganze Lokal dem unbekannten jungen Mann zu, der das Bierglas grüßend gegen ihn erhob.
»Kennst du ihn doch?«
»Keine Ahnung. Der will was. Na, er wird schon kommen.«
»Komisch eigentlich, dir so zuzuprosten.«
»Warum komisch? Wenn ihm meine Kartoffelnase gefällt? Na, ich will erst noch mal einen Schnaps verlöten, Kalübbe sitzt ordentlich fest.«
»Du, Stuff«, fängt Wenk wieder an. »Der Tredup hat sich heute über dich beklagt. Du läßt ihn nichts verdienen.«
»Tredup kann mir. Mit Tredup rede ich schon vierzehn Tage nichts.«
»Wegen der Ochsen?«
»Wegen der Ochsen! Glaubt der Ochse, ich bringe seinen Artikel über die Ochsenpfändung, bloß damit er seine fünf Pfennig die Zeile kriegt?!«
»Geld hat er, glaube ich, nötig.«
»Haben wir alle. Ich will dir was sagen, Wenk, alle Leute, die zu wenig Geld haben, taugen nichts. Tredup ist scharf auf Geld wie die Katze auf Baldrian.«
»Vielleicht schiebt er Kohldampf mit seiner Familie.«
»Soll ich deswegen alle mit seinem blöden Bericht vor den Kopf stoßen? Bring ich was
für die Bauern, dann freu dich für deinen Annoncenteil: Finanzamt, Polizei, Regierung mit ihren Bekanntmachungen, alles schnappt ab.«
»Aber er sagt, er hat dir einen zweiten Bericht
gegen die Bauern geschrieben.«
»Und –? Soll ich gegen die Bauern sein? Nee, so ein bißchen Sympathie hat man doch noch. Säße ich sonst hier und lauerte auf den Kalübbe, der partout nicht aus den Hosen will? – Na, endlich! Wenn man den Esel nennt ... Bis nachher!«
Und Stuff geht schwerfällig dem Kalübbe nach.
2
Stuff stellt sich im Pissoir an das Becken neben Kalübbe. Der stiert tiefsinnig in das rinnende Wasser. Stuff sagt: »Nabend, Kalübbe!«
»Nabend! Ach so ja, du Stuff. Es geht so, nicht wahr?«
»So wie immer: beschissen.«
»Wie kann es auch anders gehen?«
»Na so was! Klagen jetzt auch schon die Beamten?«
»Beamter, na ja, Beamter ...«
»Etwa nicht? Wenn mein Schabbelt was in den Kopf kriegt, macht er die Bude zu und ich sitze auf der Straße.«
»Wer's glaubt. Wo dich die ganze Provinz kennt.«
»Eher schon dich. Seit den Ochsen ...«
»Entschuldige, Stuff, ich muß wieder zum Skat ...«
»Natürlich. – Ist es wahr, daß morgen Lokaltermin ist?«
»Möglich. – Der Thienelt und der Gruen warten.«
»Und daß
du die Täter identifizieren sollst?«
»Ich muß jetzt zum Skat!«
»Und daß deine Hilfe, der Thiel, ohne Kündigung auf die Straße gesetzt ist?«
»Wenn du doch alles weißt, warum fragst du noch? Also Nabend, Stuff!«
»Ich will dir etwas verraten, Kalübbe. Du wirst strafversetzt. Aber halt's Maul.«
Kalübbe starrt ihn an, ohne zu reden. Das Wasser läuft und rinnt und gurgelt in dem Becken. Die beiden Männer stehen einander gegenüber.
»Ich? Du meinst mich? Ich und strafversetzt? Dir haben sie ja ins Gehirn geschissen! Laß mich zufrieden mit deinem Quatsch. Ich habe meinen Ochsen nach Haus gebracht.«
»Grade weil. In den Stall vom Gemeindevorsteher hättest du sie stellen sollen. Dann hätt's keinen Klamauk gegeben.«
»Der Finanzrat sagt, ich hätt's gut gemacht.«
»Der Finanzrat! In der Suppe rühren schon viel goldenere Löffel.«
»Ich werde nicht strafversetzt.«
»Doch wirst du. Höre zu, Kalübbe ...«
Drei Mann dringen in die Schifferade. Kalübbe dreht sich zum Spiegel und fängt umständlich an, sich die Hände zu waschen. Die drei Mann begrüßen Stuff lebhaft und lärmend. Er stellt sich an ein Becken und tut sehr beschäftigt, schielt dabei nach Kalübbe. Der aber macht keine Anläufe mehr, zu gehen. Stuff grinst vor sich hin.
Nach einer Weile ziehen die Leute ab und lassen Stuff und Kalübbe wieder allein.
Kalübbe sagt brüsk: »Ich will dir was sagen, Stuff. Ich habe es mir überlegt: vielleicht werde ich wirklich strafversetzt. Die machen das heute so. Verantwortung haben nur wir Untern. Aber dich geht das nichts an und wenn du in deiner gottverdammten Chronik ein Wort davon schreibst ...«
»Kein Wort. Du wirst strafversetzt. Da beißt keine Maus einen Faden ab. Fragt sich nur, ob du nun auch noch andere reinreißen willst?«
»Reinreißen? Ach so! – Es kommt darauf an, was für andere?«
»Da sind diese Bauern. Morgen ist Lokaltermin. Wenn du welche erkennst, schieben die Knast, Monate und Monate.«
»Ich hab keinen Grund, den Bauern grün zu sein.«
»Aber warum feind? Tätest du's nicht auch so, wenn du vom Hofe müßtest?«
»Sie haben es an dem Morgen zu schlimm getrieben.«
»Und du machst den Speckjägern oben die Geschäfte. Dein Finanzrat freut sich einen Ast, wenn er möglichst viel Bauern einspunden kann. Dann kann er doch wieder eine Weile drauflospfänden.«
»Das Aas! Höre, Stuff, ist das anständig? Er gibt mir telefonisch den Auftrag, die Ochsen unter allen Umständen nach Haselhorst zu bringen, und nun wird mir ein Strick daraus gedreht, daß ich meinen nach Lohstedt gebracht habe! Ist das anständig?«
»Das ist die Art heute.« Stuff spuckt in ein Becken. »Willst du dich strafversetzen lassen und doch erkennen?«
Kalübbe zögert: »Es war ja alles nur ein Augenblick. Wenn ich die Bauern nicht erkennen würde ... Aber da ist der Thiel!«
»Das laß meine Sorge sein! Glaubst du, der Thiel wird reden? In einen Graben gefallen, Ochse ausgerissen, Zeug verdorben, Knochen zerschunden, dafür auf die Straße gesetzt, fristlos, weil er den Ochsen laufenließ, glaubst du, der erkennt? Glaubst du, der ist so doof?«
»Man müßte es wissen.«
»Man weiß es. Unter uns: der Thiel hat eine Stellung. Bei einer Zeitung. Ich sage nicht, wo.«
Die beiden Männer schweigen eine Weile, dann sagt Kalübbe: »Na, ich glaube, Stuff, das ging alles zu schnell. Ich weiß es wirklich nicht, welche Bauern ich im Krug und welche am Strohfeuer sah.«
»Siehst du, Kalübbe. Und wenn du einmal keine Lust mehr hast mit dem Vollstrecken, schreibst du mir eine Karte ...«
Sie wenden sich zur Tür –
3
Eine Stimme ertönt hinter ihnen: »Einen Augenblick, meine Herren. Es war sehr interessant.«
In der Tür zum Klosett steht der junge Mann, dem Stuff vor einer Viertelstunde zutrank.
»Wirklich. Fabelhaft interessant. – Ja, ich war dadrin beschäftigt, meine Herren. Und dann wollte ich nicht unterbrechen. Der hübscheste Fall von Zeugenbeeinflussung, den ich persönlich erlebt habe. Wirklich ganz reizend.«
Er steht in der Tür zum Lokus, vor der Brille, und knöpft ganz unnötig an seinen Hosenträgern herum. Um seine Augen spielen tausend Fältchen und in all seiner Malesche denkt Stuff: »Ein Junge? Uralt ist das Aas. Ausgekocht. Ein ganz gemeiner Hund!«
Laut knurrt er: »Bilden Sie sich nur nichts ein. Was Sie schon hören können! Wo ewig das Wasser läuft.«
Der junge Mann greift in seine Tasche und zieht einen Haufen Papier hervor. »Entschuldigen Sie das Material. Es ist Klopapier. Aber ich stenographiere. Ihre Unterhaltung schien mir des Festhaltens würdig.«
»Sie lügen ja. Das ist weißes Papier. Glauben Sie, Sie bluffen mich? Zeigen Sie doch mal her!«
Der dicke Stuff macht eine unglaublich rasche Bewegung, einen Griff nach dem linken Arm des Jünglings, der das Papier hält. Aber wie ein Hammer schlägt dessen rechte Faust auf Stuffs Arm. Stuff stößt links vor, stößt nach der Magengrube des Jünglings, der nach der Brille retiriert.
Stuff grunzt: »Los, Kalübbe, das Papier müssen wir haben!«
Und der Jüngling, völlig ruhig, jetzt auf dem Klosettdeckel stehend: »Es ist sehr amüsant, meine Herren ...«
Die Toilettentür geht auf und ein paar Herren erscheinen. Die drei Kämpfer nehmen unbeteiligte Posen ein. Kalübbe probiert den Seifenautomat. Stuff lehnt in der Klosettür und scheint dem Schlanken, der den Spülungskasten befingert, Ratschläge zu geben: »Es muß am Schwimmer liegen.«
Endlich sind die Herren fertig. Einer möchte noch eine Unterhaltung mit Stuff anspinnen, aber der grobst ihn an: »Laß mich zufrieden. Ich will hier kotzen!« Und der Herr entschwindet.
Noch schlägt die Tür nicht an, da macht Stuff einen blitzschnellen Vorstoß gegen ein Bein des Unbekannten, faßt es, reißt daran, und mit Getöse stürzt der Jüngling vom Klosettdeckel. Sein Kopf schlägt mehrmals gegen die Wand. Dann liegt er im Winkel, etwas blaß, etwas blutend, während Stuff ihm die Hand, die den Papierwust hält, aufzubrechen sucht.
»Die kriegen Sie nicht auf. Die hat schon manchen Handgranatenstiel festgehalten, Stuff ...«
»Das wußte ich, daß Sie mich kennen ...« Stuff läßt ihn los und betrachtet ihn prüfend.
Kalübbe schaut schweigend, noch immer schneeweiß, über seine Schulter.
Der Jüngling steht auf und verbeugt sich: »Gestatten Sie, Henning. Georg Henning. Und entschuldigen Sie den kleinen Scherz, ich bin noch etwas kindlich.«
»Wahrscheinlich«, sagt Stuff. Und zu Kalübbe gewendet: »Keine Angst mehr. Der schwatzt nicht.«
»Sehen Sie hier, das Stenogramm. Es wandere in den Orkus. Und nun spülen wir kräftig nach. Unwiederbringlich!«
»Und was möchten Sie nun?« fragt Stuff. »Denn daß Sie so ganz ohne ...?«
»Nein, natürlich nicht. Aber anders. Wie Sie sich's denken, geht es nicht. Wenigstens nicht so allein. Es gibt nämlich eine Fotografie von dem Strohfeuer und den ausbrechenden Ochsen.«
»Unmöglich!«
»Vielleicht gibt es sogar zwei Aufnahmen!«
»Ich sollte das nicht wissen?!« fragt Stuff empört.
»Warte!« ruft Kalübbe erregt. »Warte einmal! Er hat recht. Daß ich nie mehr daran gedacht habe! Da war ein Kerl von einer Zeitung, wollte schon die Auktion knipsen. Dann sah ich ihn wieder, hinter einem Baum, beim Strohfeuer nach Haselhorst zu. Und schließlich, grade als es durch die Flammen ging ... Ein Bauer, ein schwarzbärtiger Kerl, schlug ihm den Kasten aus der Hand.«
»Und dieser junge Mann«, sagt Herr Georg Henning, »dieser junge Mann ist Mitglied Ihrer Zeitung, Herr Stuff, und heißt Tredup.«
Stuff starrt Henning an, wendet sich dann zu Kalübbe, der bejahend mit dem Kopf nickt. Stuff senkt den seinen, greift in die Tasche, spielt mit Schlüsseln. Sieht sich um, fängt an, mit der Uhrkette zu spielen.
Alle drei schweigen.
»Ich will Ihnen etwas sagen, meine Herren. Ich kenne Sie nicht, Herr Henning, und brauche Sie auch nicht weiter zu kennen. Ich weiß Bescheid.
Also am Abend nach der Ochsenpfändung kommt der Tredup erregt zu mir, will einen Bericht schreiben. Eine halbe Spalte. Es werden zwei. Nun ist die Sache so, daß der Tredup kein Gehalt kriegt, nur Prozente von den Annoncen, und wenn er was schreibt, fünf Pfennig für die Zeile.
Ich sage zu ihm: ›Tredup, Ihr Bericht ist gut, aber er ist Mist. Ich weiß, es geht Ihnen dreckig, Sie haben Frau und Kinder, aber diesen Bericht nehme ich Ihnen nicht ab. Diesen Bericht stecke ich eigenhändig in den Bleiofen. Dies ist eine Bauernsache und eine Regierungssache und geht die Stadt Altholm und die Leser der Altholmschen Chronik einen Dreck an.‹«
»Und was tat Tredup? Schimpfte er?«
»Nein, das tat er grade nicht. Er sagte nur, immer, wenn er was Gutes täte, nähme ich es nicht. Und ging ab. Und spricht seitdem kein Wort mit mir, schreibt mir keine Zeile, hilft mir bei keiner Arbeit.«
Henning fragt: »Und er hat nichts gesagt, daß er geknipst hat?«
»Das ist es ja grade. Kein Wort.«
»Dann hat er was vor.«
»Oder die Fotos sind nichts geworden?«
»Warum hätte er dann davon geschwiegen? An dem Abend hatte er sie doch noch gar nicht entwickelt!«
Henning sagt: »Morgen ist der Lokaltermin, und bis dahin müssen wir wissen, ob es Fotografien gibt oder nicht. Sie, Kalübbe, sind außen vor. Der Zug fährt um halb zehn. Bis dahin haben Sie Bescheid wegen Ihrer Aussage. Sie gehen jetzt los, Stuff, und wir treffen uns dann Ecke Stolper Straße und Burstah. Der Tredup wohnt Stolper Straße 72. Gegen halb eins werden wir da sein. Da kommt er aus dem Schlaf und läßt sich leichter bluffen.«
»Der reine Feldherr! – Sie waren draußen? Natürlich.«
»Nur das letzte halbe Jahr. Ich war zu jung. Aber nachher noch: Baltikum, Ruhr, Oberschlesien, wo was los war.«
»Merkt man. Also denn vorläufig!«
Endlich wird die Toilette frei.
4
In der Stolper Straße brennen nachts nach zwölf kaum noch Laternen. Die beiden Männer gesellen sich schweigend zueinander und machen sich auf den Weg.
Dann fragt Stuff: »Was wurde übrigens mit dem Ochsen von Thiel?«
»Eingefangen und geschlachtet.«
»Natürlich. Aufstallen wäre zu gefährlich.«
»Natürlich. Es gibt immer Verräter.«
Sie gehen schweigend weiter.
Wieder fängt Stuff an: »Ich war nur ein halbes Jahr an der Front. Sonst die ganzen vier Jahre Etappenschwein. Aber ich habe nie etwas dazu getan, mich zu drücken. Es kam daher, weil ich Setzer gelernt habe und man Setzer brauchte.«
»Im Baltikum war es am besten«, sagt der andere nachdenklich. »Gott! So im fremden Land Herr sein! Keine Zivilbevölkerung, auf die man Rücksicht zu nehmen braucht. Und all die Mädchen!«
»Gehen Sie mir ab mit den Weibern! In solchen Geschichten und dabei Weiber!«
»Ich reise«, sprach Georg Henning ruhig, »für eine Berliner Firma in Melkmaschinen und Zentrifugen. Keine Frau weiß mehr von mir.«
»Trinken Sie nicht?«
»Ich betrinke mich nie.«
»Dann geht es.«
Sie gehen schweigend weiter.
»Ich weiß nicht, was Sie für einen Plan haben«, fängt Georg Henning an, »aber ich habe hier einen echten Kripoausweis mit Lichtbild. Und ein Kriposchild.« Er schlägt den Aufschlag des Sommermantels zurück und zeigt das Blechschild der Kriminalpolizei.
»Nein, das geht nicht. Tredup wird unsere paar Kriminalbeamte wohl kennen. Und geht die Sache schief, gibt es einen Riesenkrach. So etwas ist für später gut. Dies geht so, mit Geld.«
»Wie Sie meinen, Kamerad«, sagt der Junge und berührt flüchtig seinen Hut.
Stuff tut das gut. Er geht rascher und sieht unternehmungslustig auf die kleinen, zweistöckigen Buden.
»Es ist die nächste Ecke«, sagt Henning. »Nach dem Hof hin. Wir brauchen nur über das Gatter zu klettern.«
»Sie wissen Bescheid.«
»Ich jage seit fünf Tagen nach ihm. Aber er ist vorsichtig. Geht nie in eine Schenke. Trinkt nichts, raucht nichts, hat nichts mit Mädchen.«
»Der Mann hat kein Geld.«
»Eben. Das sind die schwierigsten.«
»Oder die bequemsten.«
»Der nicht.«
Sie klettern leise über ein Torgatter, biegen um einen Schuppen und der kleine Hinterhof, an zwei Seiten von Gärten begrenzt, liegt vor ihnen.
In einem verhangenen Fenster ist Licht. »Da wohnt er. Lassen Sie sehen.«
Sie versuchen, Einblick zu bekommen. »Nein, nichts? Warum hat er noch Licht? Warum schläft er um eins noch nicht? – Warten Sie. Treten Sie an die Seite, daß er Sie nicht gleich sieht. Ich klopfe jetzt an die Scheibe.«
Stuff klopft leise.
Sein Klopfen ist kaum verhallt, so fällt schon ein Schatten auf die Gardine, als hätte der drin auf das Klopfen gewartet.
»Den überrumpeln wir nicht«, murmelt Stuff und sein Hintermann legt ihm die Hand bestätigend auf die Schulter.
Die Gardine geht zurück, das Fenster öffnet sich und ein dunkler Kopf fragt leise: »Ja? Wer ist da?«
»Ich. Stuff. Kann ich dich mal sprechen, Tredup?«
»Warum nicht? Wenn es dich drinnen nicht geniert? Komm nur rein. Ich mache auf.«
Das Fenster schließt sich wieder, die Gardine geht zu.
»Soll ich gleich mitkommen?« fragt Henning.
»Natürlich. Mit dem macht man doch keine Umstände.«
Eine Tür nach dem Hof geht leise auf. Tredup steht darin. »Komm nur rein, Stuff. Ach, Sie sind zwei? Bitte schön.«
Es ist kein großes Zimmer, in das sie direkt vom Hof kommen. Auf einem Spind brennt eine beschattete Petroleumlampe, beleuchtet Stöße von Briefumschlägen, ein Adreßbuch, Tinte und Feder. An der Wand zwei Betten, Gestalten darin. Tiefes, gleichmäßiges Atmen.
»Sie können ruhig halblaut sprechen. Die Kinder schlafen fest, und meine Frau hört nie, was sie nicht hören soll.«
»Was machst du noch so spät, Tredup?« Stuff deutet auf die Kommode. »Übrigens: Herr Henning – Herr Tredup.«
»Ich schreibe Adressen. Für einen Münchner Verlag. Fünf Mark das Tausend. Die Chronik bezahlt nicht sehr viel, nicht wahr, Stuff?«
»Es hat mir leid getan, Tredup, mit deinem Artikel. Aber ich habe hier etwas Besseres. Deshalb bringe ich den Herrn gleich zu dir, weil er hier nur auf der Durchreise ist. Der Herr kauft Bilder für eine Illustrierte und hat Interesse für deine Bilder von der Ochsenpfändung. Er würde fünfzig Mark für das Bild zahlen.«
Tredup hat den etwas gehemmten Vortrag Stuffs still lächelnd angehört. »Ich habe keine Bilder von der Ochsenpfändung.«
»Tredup! Ich weiß bestimmt. Es ist doch ein schönes Geld für dich!«
»Und ich würde es mitnehmen, wahrhaftig! Ich bin nicht wählerisch. Ja, ich habe geknipst. Aber es ist nichts geworden. So ein Aas von Bauer schlug mir den Apparat aus der Hand.«
»Ich weiß das, Herr Tredup«, sagt Henning. »Ich habe davon gehört. Aber Sie haben schon vorher fotografiert. Einmal. Vielleicht zweimal.«
»Einmal.«
»Gut, einmal. Ich zahle Ihnen für jede Aufnahme, wenn Sie den Film und sämtliche Abzüge mir verkaufen, einhundert Mark.«
Tredup grinst. »Das sind zwanzigtausend Adressen. Einhundertundsechzig Nachtstunden Arbeit. An uns Pechvögeln gehen alle guten Geschäfte vorbei. Die erste Aufnahme ist nur Qualm.«
Stuff sagt beschwörend: »Tredup ...!«
Tredup lächelt wieder. »Nun, Sie glauben mir nicht. Sie halten mich für einen Millionär, der aus Sport Adressen kliert. Das ist zu reparieren.«
Er zieht eine Schublade aus dem Spind und beginnt zu suchen. »Es war ein Rollfilm mit zwölf Aufnahmen. Drei Aufnahmen vom Kirchenneubau in Podejuch. Zwei innen, eine außen, bitte. Zwei Aufnahmen von der Ochsenpfändung. Hier die mit dem Qualm. Halt den Film ruhig gegen die Lampe, dann siehst du, daß es Rauch ist. Hier die mißlungene, als der Bauer mir hundert Mark aus der Hand schlug. Nun kommt eine, die du mir abgekauft hast, Stuff: das verunglückte Auto auf der Chaussee nach Stettin. Sechs. Sieben bis zehn: vier Bilder vom Wochenmarkt. Elf und zwölf die Einweihung der Großtankstelle. Stimmt es?«
»Gott, Tredup, wir glauben dir auch so.«
»Eben nicht.«
»Es tut mir leid«, sagt Henning. »Ich hätte Ihnen das Geschäft gegönnt. Aber vielleicht verkaufen Sie mir die drei Aufnahmen von der Podejucher Kirche. Ich kann sie für meine Illustrierte gebrauchen. Fünf Mark für den Film. Einverstanden?«
»Bitte sehr.«
»So, und nun wollen wir Sie nicht länger stören. Sie sollten auch ins Bett.«
»Ja, ich denke, ich darf heute Schluß machen. Ich bin höllisch müde. Fallen Sie nicht. Warten Sie, ich schließe Ihnen das Gatter auf. Gute Nacht und schönen Dank, die Herren.«
Die beiden gehen die Straße hinunter.
»Glauben Sie«, fragt Stuff zögernd, »daß es so stimmt?«
»Ich weiß nicht recht. Die zwölf Filme lagen ein bißchen sehr parat und abgezählt zurecht.«
»Oh, was das angeht, Tredup ist ein Muster an Pedanterie und Ordnung. Und bei hundert Mark –«
»Das ist auch mein Trost. Sie sagen dann morgen Kalübbe Bescheid, daß er niemanden zu erkennen braucht.«
»Ja. Also denn auf Wiedersehen, Herr Henning.«
»Wir sehen uns schon irgendwo wieder. Hier entlang komme ich zu meinem Hotel. Gute Nacht.«
»Gute Nacht.«
Tredup hat das Licht ausgemacht und legt sich zu seiner Frau. »Ich will dir etwas sagen, Elise. Wir haben hier zwei Bürgermeister. Der Ober ist rechts, der taugt nichts und hat nichts zu bestellen. Und der Bürgermeister ist links und Polizeichef. Zu dem gehe ich morgen.«
»Du mußt wissen, was du tust, Max«, sagt die Frau. »Sieh nur zu, daß ein bißchen Geld reinkommt. Der Hans braucht Schuhsohlen und die Grete muß unbedingt zwei Hemden haben.«
»Erst einmal haben wir fünfzehn Mark. Aber für fünfzehn Mark bin ich nicht zu kaufen. Auch nicht für hundert. Fünfhundert, das ginge eher.«
(Anm. für jüngere Leser: Das war damals, nach Einsetzen der Weltwirtschaftskrise, viel Geld. Dikigoros' Großvater verdiente seinerzeit fünfzehn Mark pro Woche. Immerhin hatte er einen festen Arbeitsplatz, gehörte also nicht zum nach Millionen zählenden Heer der Arbeitslosen, die von der Stütze leben mußten, die Dank
Brüning nichtmal halb so hoch war.)
Und dann schlafen sie ein.
5
Tredup geht jeden Morgen gegen zehn auf das Rathaus, wo er beim Bürodirektor nachfragt, ob städtische Bekanntmachungen für den Anzeigenteil der Chronik da sind.
Heute steigt er, nachdem er zwei oder drei Blätter in seine Aktentasche geschoben hat, aus dem Erdgeschoß in den ersten Stock hinauf. Er geht durch eine Flügeltür, ein langer weißer Gang mit roten Türen liegt vor ihm. Er weiß, hier irgendwo residiert Bürgermeister Gareis, der Polizeiherr von Altholm.
Er beginnt die Schilder an den Türen zu lesen: Marktpolizei, Verkehrspolizei, Kriminalpolizei, Kriminalkommissar, Polizeioberinspektor. Da ist es: Bürgermeister. Aber ein roter Pfeil verweist auf die nächste Tür: »Vorzimmer des Bürgermeisters. Anmeldungen nur hier.«
An das Vorzimmer hat er nicht gedacht! Er wird dort sitzen und warten müssen, andere Leute sitzen auch dort, einer erkennt ihn, und Stuff erfährt, daß Tredup, der Werber der rechten Chronik, beim linken Bürgermeister war.
Zögernd macht er kehrt. Er darf seine Stellung, Basis der Existenz von vier Personen, nicht gefährden.
Schon auf der Treppe, kehrt er wieder um. In der Nacht sind aus fünfhundert tausend Mark geworden. Solche Belohnungen zahlen Polizei und Staatsanwaltschaft oft. Und tausend Mark scheinen Sicherheit zu verbürgen, gedeihliches Auskommen ... vielleicht ein kleiner Laden.
Aber das Vorzimmer kommt nicht in Frage. Er muß es wagen. Und mit einem plötzlichen Ruck öffnet er die Tür zum Allerheiligsten. Es ist aber eine Doppeltür und die zweite macht er viel sachter auf.
Er hat Glück. Der Bürgermeister ist allein, er sitzt an seinem Schreibtisch und telefoniert. Beim Geräusch der sich öffnenden Tür wendet er den Kopf nach dem Besucher. Er kneift die Augen ein wenig zusammen, um ihn zu erkennen, und macht dann eine Geste nach dem Nebenzimmer.
Tredup zieht die Tür leise hinter sich zu und bleibt stehen an ihr, vorgebeugt, aufmerksam und beflissen.
Bürgermeister Gareis telefoniert weiter.
Tredup hat gehört, daß der Bürgermeister der längste Mann von Altholm ist. Aber dieser Mann ist nicht lang, dieser Mann ist ein Elefant, ein Koloß. Ungeheure Glieder, Fleischmassen, kaum vom Tuch zusammengehalten, ein Gesicht mit doppeltem Kinn, hängenden Wangen, dicke fleischige Hände.
Nach seiner ersten abwehrenden Gebärde beachtet der Bürgermeister den Besucher nicht mehr. Er telefoniert ruhig weiter, wann eine Sitzung stattfinden soll, ein uninteressantes Gespräch.
Tredup fängt an, sich im Zimmer umzusehen.
Plötzlich merkt er, daß auch ihn der Bürgermeister beschaut, und ein quälendes Gefühl beschleicht ihn, daß diese klaren hellen Augen – unter einem schwarzen glatten Scheitel – alles sehen: die ungebügelten Hosen, die schmutzigen Schuhe, die schlechtgewaschenen Hände, den fahlen Teint.
Aber nun ist es nicht mehr zu verkennen: über den Hörer weg lächelt ihm Bürgermeister Gareis zu. Und nun weist er auf einen Stuhl, der vor dem Schreibtisch steht, macht eine einladende Geste, und jetzt, mitten im Gespräch, sagt er: »Einen Augenblick noch. Ich bin gleich für Sie frei.«
Tredup sitzt, der Bürgermeister legt den Hörer auf, lächelt wieder und fragt rasch: »Also, wo brennt es?«
Plötzlich hat Tredup das Gefühl, daß er diesem Mann alles sagen kann, daß der für alles Verständnis hat. Ein Gefühl wie Rührung, eine heiße begeisterte Bewunderung wallt in ihm auf. Er sagt: »Wo es brennt? In Gramzow, auf den Straßen nach Haselhorst und Lohstedt.«
Der Bürgermeister ist ernst, er nickt ein paarmal, sieht nachdenklich auf einen Mammutbleistift, mit dem seine Hände spielen und sagt: »Da hat's gebrannt.«
»Und die Polizei interessiert sich für die Brandstifter?«
»Vielleicht. Kennen Sie die?«
»Ein Freund von mir. Vielleicht.«
»Ein Freund ist mir zu weitläufig. Sagen wir: Sie. Ein Unbekannter. Größe X.«
»Also mein Freund X.«
Der Bürgermeister bewegt die Schultern. »Sie sind aus Gramzow?«
»Mein Freund? Nein. Aus der Stadt.«
»Dieser Stadt?«
»Wohl möglich.«
Der Bürgermeister steht auf. Tredup bekommt einen Schreck. Es ist, als bewege sich ein Berg. Er steht auf und ist immer noch nicht alle. Ganz von oben tönt die Stimme auf den im Sessel zusammengesunkenen Tredup: »Für alle Vernunft habe ich beliebig viel Zeit, für Unvernunft keine Minute. Wir spielen hier nicht Detektivroman. Sie wollen etwas von mir, wahrscheinlich Geld. Eine Nachricht verkaufen. Ich bin nicht interessiert.«
Tredup will Einspruch erheben. Die Stimme geht darüber fort. »Bitte, ich bin nicht interessiert. Gramzow ist nicht mein Bezirk. In Frage käme der Landrat in Lohstedt. Womöglich auch die Regierung.«
Der Bürgermeister setzt sich wieder. Plötzlich lächelt er: »Vielleicht aber kann ich Ihnen helfen. – Reden Sie also keinen Unsinn, Mann. Raus mit der Sprache. Ich habe in meinem Leben schweigen gelernt.«
Der zerschmetterte Tredup belebt sich wieder. Er sagt eifrig: »Ich war dort, an jenem Nachmittag. Ich habe alles gesehen: die Beamten, die Bauern, die Ochsen.«
»Sie würden sie wiedererkennen, bestimmt?«
Tredup nickt eifrig: »Mehr noch.«
»Sie wissen die Namen?«
»Nein, keine Namen. Aber –«
»Aber –?«
»Aber ich habe zwei Aufnahmen gemacht, die eine vom Feuer nach Haselhorst zu, die andere vom Feuer auf der Lohstedter Straße. Die Bauern sind darauf, die angesteckt haben, die Stroh gestreut haben, die dabei stehen, alle ...«
Der Bürgermeister, ganz Nachdenken, fragt: »Ich kenne die Vernehmungsprotokolle nicht. Aber soviel ich weiß, steht in keinem, daß ein Fremder mit einem Fotoapparat dabei war.«
Flüchtig denkt es in Tredup: »Es ist seine Sache nicht? Er kennt die Protokolle nicht? Und doch weiß er ...« Etwas warnt und darum sagt er nur: »Die Bilder gibt es.«
»Keine gestellten? Wir sehen es sofort.«
»Die andere Seite weiß von ihnen. Heute nacht um eins wurden mir fünfhundert Mark dafür geboten.«
»Ein guter Preis«, bestätigt der Bürgermeister. »Vielleicht sind sie zur Stunde das Zelluloid nicht mehr wert. Jetzt ist Lokaltermin in Gramzow. Wenn die Beamten die Bauern bestimmt erkennen, sind Ihre Bilder wertlos.«
»Wenn ... Der mir fünfhundert bot, wird auch an die Beamten gedacht haben.«
Der Bürgermeister betrachtet sein Gegenüber lange und nachdenklich. »Sie sind nicht unbrauchbar. Was kosten die Bilder?«
»Heute eintausend.«
»Und morgen? Nun, lassen wir das. Es wird nicht unmöglich sein. Sie haben die Bilder hier?«
Tredup weicht aus: »Die Bilder stehen jederzeit zur Verfügung.«
»Ich glaube schon, daß sie existieren. Und sie sind scharf, deutlich? Man erkennt die Leute?«
»Wie ich vor Ihnen sitze, Herr Bürgermeister.«
»Es ist gut, Herr X. Sie warten vielleicht draußen zehn Minuten. Wie gesagt,
ich habe kein Interesse. Aber es mag sein, daß Stolpe will. Sie warten also. Und vorläufig besten Dank.«
Tredup ist kaum aus der Tür, schon klingelt der Bürgermeister. »Hören Sie, Piekbusch, Sie nehmen drei Akten in die Hand. Gehen unauffällig über den Gang. Da steht ein junger Mann, schwarzer Schlapphut, verbeulte Knie, Aktentasche, käsig, die Schuhbänder am rechten Schuh sind auf. Unauffällig ansehen, ob Sie ihn kennen. Gleich zurückkommen.«
Sekretär Piekbusch geht.
Der Bürgermeister am Apparat: »Verbinden Sie mich sofort mit dem Regierungspräsidenten. Persönlich und dringlich. Geben Sie mir, bis das Gespräch kommt, den Polizeioberinspektor. Und dann den Amtsrichter Grumbach. Sind Sie dort, Frerksen? Ja, kommen Sie bitte sofort zu mir. Und lassen Sie den Dienstwagen vorfahren. Sie müssen in einer Viertelstunde mit jemand nach Stolpe. Ja bitte, gleich. – Nun, wie ist es Piekbusch, kennen Sie ihn?«
»Gesehen habe ich ihn schon, Herr Bürgermeister, aber ...«
»Also Sie kennen ihn nicht. Gehen Sie zur Kripo herum. Die Beamten, die da sind, sollen unauffällig den Gang entlanggehen, nach verschiedenen Dienstzimmern, auf die Toilette. Sobald ihn einer erkannt hat, anrufen. Nein, besser persönliche Meldung.
Ja, wer ist dort? Herr Amtsrichter Grumbach? – Ja, Herr Amtsrichter, hier Bürgermeister Gareis. Ich wollte bitten, den Lokaltermin in Gramzow, wenn irgend möglich, um zwei Stunden zu verschieben. – Dickes neues Material. – Lokaltermin wahrscheinlich vollkommen überflüssig. – Wieso? Nun, Sie werden sehen. – Man hat auch so seine Quellen. – Ich kann noch nichts sagen, aber ich spreche sofort mit Stolpe. – Ja, meinethalben auf meine Verantwortung. – Das Finanzamt? Ach, was die Beamten schon aussagen! Das reicht doch nicht zu einer Verurteilung, vielleicht nicht einmal zu einer Anklageerhebung. – Entweder alles oder nichts. – Also, Sie hören von mir. Oder vom Regierungspräsidenten. – Was Temborius damit zu tun hat? Weil er Geld bezahlen soll. Geld kostet es. Geld, Geld und noch mal Geld. – Richtig, das laß ich ihm, ich begnüge mich mit dem Ruhm. Also, denn!«
Er hängt ab. Der Sekretär kommt ins Zimmer.
»Gehen Sie nur wieder, Piekbusch. Wenn er erkannt ist, habe ich gesagt.«
»Der junge Mann ist verschwunden, Herr Bürgermeister.«
»Verschwunden?! Das heißt: weggegangen?« Der Bürgermeister starrt. Er denkt: »Wenn mich irgendein Feind geblufft hat! Dann bin ich grenzenlos blamiert. Es kann ein Spion gewesen sein, der horchen wollte, was die Regierung vorhat. Dann bin ich erledigt. Ah bah, das war kein Spion. Er wird Angst bekommen haben.« Und laut: »Sehen Sie auf der Toilette nach, Piekbusch. Der Mann ist nur mal aus den Hosen.«
Piekbusch will gehen. »Halt! Und Frerksen soll kommen. Wo bleibt er denn? – Ach, da sind Sie ja, Frerksen. – Hallo, Piekbusch, was im Vorzimmer sitzt, soll zu Assessor Stein zur Abfertigung. Er soll vertrösten, aufschieben. Ganz Wichtiges zu mir in einer Viertelstunde. – Und nun setzen Sie sich, Frerksen, wir haben eine dicke Sache, wir werden uns in Stolpe bei dem Genossen Temborius endlich mal einen weißen Fuß machen.«
Drittes Kapitel: Die erste Bombe
1
Das Allerheiligste des Regierungspräsidenten Temborius ist ein langer, dunkel getäfelter Raum. Immer ist dort das Licht gedämpft. Die mit Wappenschildern und bunten Putten gezierten Scheiben schwächen den hellsten Sommertag.
Dieser von der Gunst seiner Partei, ein wenig Verwaltungskenntnis und viel Beziehungen emporgetragene Beamte liebt nicht das Laute. Leises, Gedämpftes, Halbhelles liegt in seinem Wesen. Leise, gedämpft, halbhell hat der Genosse Temborius die Geschicke seines Bezirkes verwaltet und leise, gedämpft und halblaut ist auch die Unterhaltung zwischen ihm, dem Kommandierenden der Schutzpolizei und dem Geheimen Finanzrat Andersson. Irgendwo in einem dunkelsten Winkel notiert ein kleiner fetter Assessor die Bemerkungen der drei Herren, für einen Aktenvermerk, zur Sicherung seines Vorgesetzten.
»Bedauerlich bleibt«, flüstert der leise Provinzialvertreter des Ministers des Innern, »bedauerlich bleibt, daß die Staatsanwaltschaft in solcher Kürze nicht erreichbar war. Der Fall Gramzow ist kein beliebiger Fall, er ist ein Signum.«
Polizeioberst Senkpiel sehnt sich nach einer Zigarre. »Jetzt muß eben durchgegriffen werden.«
»Wenn die Bilder halten, was Gareis versprach, wird man endlich einmal die Unruhestifter kennen.«
»Aus
einem Orte. Die Bewegung ist längst nicht mehr lokal.«
»Eben! Man wird sehen, ob Emissäre anderer Ortschaften dabei waren.«
»Meine Herren ...« Der Präsident setzt an, stockt, bricht ab. Von neuem, mit einem irritierten Rucken der Schultern: »Die Meinung der Staatsanwaltschaft wäre mir außerordentlich wertvoll gewesen.«
»Es ist alles im klaren«, tröstet Geheimrat Andersson. »Wenn die Täter auf den Bildern erkenntlich sind, wird es hohe Gefängnisstrafen setzen.«
Temborius bleibt mißvergnügt: »Und wird es helfen? Wird es die andern schrecken?«
Der Oberst betrachtet den Geheimrat, der Geheimrat den Oberst.
Dann wenden die beiden Herren die Köpfe und starren in die Ecke, wo der gänzlich bedeutungslose Assessor sitzt.
Der Oberst spricht zuerst: »Schrecken? Man sollte es denken. Wenn die Kerle ein halbes Jahr oder ein Jahr brummen, werden sie schon zur Besinnung kommen.«
Der Präsident hebt seine Hand, eine schmale, knochige, langfingrige Hand mit dicken Adern: »Sie sagen: Ja. Aber ist es wirklich Ja? Meine Herren, ich muß Ihnen gestehen, ich halte diese Bewegung für sehr gefährlich, für äußerst gefährlich, für viel gefährlicher als KPD und NSDAP. Das Schlimmste, was geschehen kann, geschieht: der Verwaltungsapparat kommt ins Stocken. Ich sage Ihnen, ich sehe den Tag, da es unmöglich sein wird, das flache Land zu verwalten.«
Die Herren sind bestürzt: »Herr Präsident.«
»Bitte! Unsere Gemeindevorsteher waren nie sehr gut. Kaum einer hat sich auch früher um Fristen im Dienstverkehr gekümmert. Der Amtsverkehr lief stets nur zögernd. Heute ist aus Zögern passiver Widerstand geworden. Akten bleiben wochenlang auf den Dörfern. Mahnungen sind zwecklos, verhängte Geldstrafen nur im Zwangsvollstreckungswege –«
Er bricht ab.
Von neuem: »Es gibt im Bezirk schon reichlich zwei Dutzend Gemeindevorsteher, die Steuerbescheide an ihre Gemeindemitglieder nicht zustellen, nein, zurückschicken. Da ungerecht. Hören Sie, da ungerecht! Die Mithilfe der Gemeindevorsteher bei Vollstreckungen fällt ganz fort, siehe Gramzow. Und die Bewegung greift um sich. Die Maschine knarrt, stockt. Und daß es gerade mein Bezirk sein muß –!«
»Der Minister weiß, was er an Ihnen hat«, sagt Andersson.
»Nein, nein, auch der Minister ... Ich habe den Eindruck, daß man in Berlin sehr unzufrieden mit der hiesigen Entwicklung ist.«
Der Oberst sagt: »Das Bild wird mit einem Schlage anders, sobald die Leute vom passiven zum aktiven Widerstand übergehen. Gramzow war der erste Fehler der Bauern. Wir werden – lassen die Bilder den Täter erkennen – heute noch hart zufassen. Das wird andere Fehler der Bauern verursachen. Geben Sie mir die Erlaubnis, meine Leute einzusetzen. Zusammenstöße werden nicht ausbleiben, und wo erst Zusammenstöße sind, da ist unser Sieg gewiß.«
»Sie sind ein Optimist, Senkpiel«, bemerkt Temborius. »Nichts ungewisser als der Ausgang eines derartigen Prozesses. – Die Staatsanwaltschaft fehlt heute hier.«
»Nichts gewisser«, betont der Oberst. »Wenn die Bilder gut sind.«
»Die Bilder machen es nicht allein. Auch die beiden Beamten des Finanzamtes werden auszusagen haben. Sind Sie deren sicher, Herr Kollege?«
Andersson verzieht das Gesicht. »Richtig. Richtig. Ich habe da heute früh etwas von Berg in Altholm gehört, was mich verblüfft hat. In Altholm kursiert das Gerücht, daß Kalübbe – Sie erinnern sich, jener tüchtige Beamte, der seinen Ochsen nach Lohstedt brachte –, daß also Kalübbe strafversetzt werden soll. Daß der andere, Thiel, der nur aushilfsweise bei uns beschäftigt war, fristlos entlassen worden sei.«
Der Regierungspräsident bewegt die Schultern: »Was ist das nun wieder?«
Andersson strafft sich: »Jedenfalls keine Bauern. Es ist kein Zweifel, daß andere Leute ihre Finger in diesem Spiel haben. Ich vermute –« geheimnisvoll, vor gespannten Gesichtern – »Berlin. Diese Karte ist fabelhaft geschickt gespielt. Mein Kollege Berg versichert mir, daß Kalübbe vollständig verändert ist, nichts mit ihm aufzustellen. Eine in Aussicht gestellte Beförderung nahm er mit Skepsis auf, zweiflerisch, kurz, glaubte sie einfach nicht.«
»Aber warum befördert man ihn nicht gleich!« ruft der Regierungspräsident aus.
»Jetzt, vor dem Prozeß?« gibt Andersson zu bedenken.
»Erlauben Sie«, sagt der Polizeioberst eifrig. »Ich erinnere mich, seinerzeit beförderten Majestät einen Wachtposten, der Leute, die ihn geneckt, erschossen hatte,
sofort zum Gefreiten.«
Ein ungemütliches Schweigen entsteht. Diesmal tauschen Andersson und Temborius Blicke, während der Oberst sich mehrere Male kräftig räuspert.
»Immerhin«, sagt kühl der Finanzrat, »eine Beförderung im Moment ist ausgeschlossen. Auch wenn der Beamte nicht mit der Freudigkeit aussagen sollte, die erwünscht ist. Für viel bedenklicher halte ich es übrigens, daß der andere, Thiel, völlig verschwunden ist.«
»Verschwunden? Wie denn verschwunden? Man verschwindet doch nicht! Er wird doch eine Wohnung haben? Eltern?«
»Er wohnte möbliert. Die Sachen sind noch dort. Er bleibt, trotz unauffälligen Forschens der Kriminalpolizei, verschwunden.«
Der Oberst will die Scharte wieder auswetzen: »Nach ihm zu forschen ist vielleicht nicht richtig. Man suche den Mann, der dies Gerücht aufgebracht hat. Es ist doch nur ein Gerücht?«
»Gerücht ...« sagt Andersson gereizt. »Nun ja. Es ist natürlich untersucht worden, ob die beiden nicht ihre Befugnisse übertreten haben, als sie die Ochsen statt nach Haselhorst nach Lohstedt brachten. Jedenfalls werden wir bei der jetzigen Sachlage weder strafversetzen noch entlassen.«
Der Oberst triumphiert: »Dacht ich mir! Es haben also doch Erwägungen geschwebt ... Suchen Sie die Leute, die nicht dichthielten.«
Das Telefon schrillt.
Temborius dreht sich um. »Herr Assessor Meier, wollen Sie sehen. Ich habe ausdrücklich verboten, daß ich jetzt angerufen werde. Stellen Sie fest, wer mein Verbot übertreten hat.«
Der Assessor geht an den Apparat. Die drei Herren sprechen nicht. Irgend etwas hängt in der Luft. Sie starren gespannt auf den Assessor, der hört, ein »Ja« sagt, wieder hört, ein »Nein« spricht, immer noch hört ...
Der Regierungspräsident: »Bitte, Herr Assessor ...«
Der Assessor hält, durch die Weite des Zimmers, dem Präsidenten den Hörer hin. Er sieht etwas weiß aus, auf seiner Stirn stehen Schweißtropfen. »Ich glaube ...« flüstert er, »... es scheint sehr wichtig ... Sie selber ...«
Irgendwie bezwungen erhebt sich Temborius. Er geht zum Apparat, vor sich hinmurmelnd: »Was ist denn das nun wieder?« Den Hörer in der Hand: »Ja, hier Regierungspräsident Temborius ... ja doch, ich selbst ... wer ist denn dort?« Ganz ungeduldig: »Was wollen Sie denn, Mann?!«
Eine Männerstimme sagt im Apparat: »Soeben hat der Bilderverkäufer Tredup mit Polizeioberinspektor Frerksen das Haus betreten. In fünf Minuten fliegt das Regierungspräsidium in die Luft.«
2
Der lange, dürre, trockene, leise, bürokratische Herr, den Hörer in der Hand, plötzlich brüllt er, mit schreiender Stimme: »Was? Was?! Mein Herr, Ihre Witze ...« Und flehend: »Wer ist denn dort? Sagen Sie mir doch wenigstens Ihren Namen? Wer?«
Er läßt den Hörer sinken, stiert die Herren an: »Was sagen Sie nun? Was in aller Welt sagen Sie nun? In fünf Minuten fliegt das Regierungspräsidium in die Luft.«
»Ein Bluff«, sagt der Oberst, schreitet auf den Apparat zu und nimmt dem Präsidenten den Hörer formlos aus der Hand. »Fräulein! Fräulein! Sofort die Schupokaserne! Wer dort? Oberleutnant Wrede? Äh, Kamerad, umgehend alle Mannschaften, alle, zum Regierungspräsidium. Ich erwarte Sie an der Auffahrt. Überfall! – Fräulein, schnellstens alle Büros anrufen: sämtliche Personen haben sofort das Präsidium zu verlassen.
Sofort. Ihre Kollegin sucht unterdes festzustellen, von wo der Anruf eben kam. – Nicht wahr, Sie haben mitgehört? Sie wissen Bescheid. Ich dachte mir das schon.«
Er läßt den Hörer sinken. Lächelt: »So, meine Herren, noch vier Minuten. Aber ich sage Ihnen: Bluff!«
»Aber das ist Wahnsinn«, schreit Temborius. »Wie kann man wagen ...?«
Die Tür öffnet sich. Hinter Polizeioberinspektor Frerksen betritt in seinen zerdrückten Kleidern, blaß und beklommen, Tredup das Zimmer. Frerksen grüßt militärisch: »Zur Stelle, Herr Regierungspräsident.«
Der zwinkert mit den Augen: »Von Altholm? Wegen der Bilder?«
Frerksen bejaht mit einem Nicken.
Der Präsident flüstert: »Das ist Ihr Bürgermeister! Das ist der Gareis, der uns dies eingebrockt hat! Sie Mensch mit Ihren unseligen Bildern! Machen Sie, daß Sie ...«
Andersson greift ein. »Herr Präsident, darf ich vielleicht –? Sie entschuldigen ...« Zu den ganz Verblüfften gewendet: »Das Regierungspräsidium fliegt nämlich in drei Minuten in die Luft ... Sie sehen uns etwas erregt ...«
Wieder der Präsident: »Meine Herren, Sie entschuldigen mich. Da sind wichtige Papiere, Staatsdokumente ... Ich muß erst ... Herr Assessor Meier, ich bevollmächtige Sie ... Sie werden kaufen, die Belohnung geben ... meine Herren, Dokumente ...«
Eine dunkle Flügeltür schließt sich lautlos.
Der Oberst sagt eilig: »Also, Herr Assessor, jetzt sind Sie der Mann an der Spritze. Sie entschuldigen mich. Ich muß zu meinen Mannschaften.«
Und der Polizeioberinspektor Frerksen: »Herr Kamerad, wenn Sie gestatten. Die Lösung dieser polizeitaktischen Aufgabe interessiert mich ...«
Und Andersson: »Da Sie Vollmacht haben, bin ich hier überflüssig. Auf Wiedersehen.«
Sein Abgang ist eilig.
In dem Riesenzimmer stehen zwei: Assessor Meier, klein, bleich, sehr jüdisch, etwas schwitzend. Tredup, langschinkig, blaß, schmuddelig, unrasiert.
Der Assessor mustert den an der Tür: »Haben Sie eigentlich Angst?« fragt er.
»Ich möchte mein Geld«, sagt Tredup unberührt von allem. »Hier sind die Bilder.«
Er zieht sie aus der Brusttasche, wickelt sie aus, hält sie dem Assessor hin, in jeder Hand eines.
Der Assessor wirft einen flüchtigen Blick darauf, sieht Männer, etwas Rauch, ein langer, glattrasierter, scharffaltiger Bauer schürt Feuer.
»Gut, legen Sie dort hin. Haben Sie eigentlich keine Angst?«
»Erst das Geld. – Übrigens sind Sie ja auch noch hier.«
»Richtig. War das nicht –?« Er horcht nach dem Fenster. Draußen Trillerpfeifen, Gerenne, etwas wie das vielstimmige Brausen einer Menge. »Wissen Sie was, holen Sie sich Ihr Geld morgen.«
Tredup beharrt: »Nein. Jetzt.«
Und der Assessor eilig: »Wir sind vermutlich die beiden einzigen Menschen im Bau. Woher soll ich Geld kriegen?«
Tredup schlägt vor: »Wenn wir zur Kasse gingen?«
Und der Assessor Meier: »Muß es sein?«
»Natürlich. Ohne Geld keine Bilder.«
»Also gehen wir.«
Er geht vorauf, klein, etwas schiefbeinig, plattfüßig, aber er geht. Auf den Gängen stehen alle Türen auf, von einem Stuhl sind eilig abgelegte Akten hinuntergeglitten. Mitten auf dem Gang liegt eine Puderquaste. Die Paternosteraufzüge bewegen sich gespenstisch.
Der Assessor zögert. »Nein, wir nehmen lieber die Treppe. Hat der Kerl eine Bombe gelegt, so sicher in den Fahrstuhlschacht. – Na, das ist auch Unsinn. Explodiert es, sind wir so und so hin. Kommen Sie man.«
Im Erdgeschoß, die Eisentür zur Kasse steht angelehnt. Sie treten ein. Der Assessor murmelt: »Toll ist das.«
Der große Kassenschrank steht ellenweit offen. Der fahrbare Kassentisch hinter der Schranke sperrt sein Gitter auf. Geldpakete häufen sich dort.
»Also bitte«, sagt der Assessor. »Bedienen Sie sich. Aber wenn Sie es möglich machen können, ein bißchen rasch.«
Tredup blickt fragend: »Soll ich selbst –?«
Ungeduldig: »Ja, nur zu, Mann! Glauben Sie, ich bin ein Held?«
Und Tredup: »Wenn Sie gestatten, nehme ich es in Zehnmarkscheinen.«
Assessor Meier stöhnt: »Auch das noch!«
Und Tredup: »Es fällt beim Ausgeben weniger auf.«
»Stimmt. Falls Sie noch zum Ausgeben kommen.«
Tredup zählt ab, langsam und sorgfältig. Es geht nicht sehr rasch, aber schließlich ist er bei tausend.
»Aber nun kommen Sie auch, Mensch.«
»Wollen Sie keine Quittung?«
»Nein, kommen Sie schon.«
Das Regierungspräsidium ist von der Polizei abgeriegelt. An den Enden des Marktplatzes, fern, wogt die Menge.
Auf den Granitstufen der Freitreppe erscheinen nebeneinander zwei Gestalten und überschreiten langsam, unter dem atemlosen Schweigen der Menge, den Marktplatz.
Oberst Senkpiel tritt ihnen mit erhobener Uhr entgegen: »Was habe ich Ihnen gesagt, meine Herren? Zwölf Minuten! Kindischer Bluff!«
Assessor Meier schüttelt dem Annoncenakquisiteur der Chronik die Hand: »Es hat mich sehr gefreut. Wenn Sie mich einmal brauchen können, kommen Sie ruhig zu mir.«
Er hat seinen Chef erspäht und steuert auf ihn los.
Auch Tredup drängt sich in die Menge. Etwas fällt ihm ein. Er schiebt sich zurück, erreicht nach Verhandeln, daß er durch die Sperrkette gelassen wird.
Dort steht Assessor Meier, im Kreise von sechs, acht Herren. Tredup legt ihm die Hand auf die Schulter: »Entschuldigen Sie, Herr Assessor. Aber wir haben die Bilder ganz vergessen. Hier sind sie.«
Und der Regierungspräsident, entsetzt: »Aber Herr Assessor, ich verstehe Sie einfach nicht! Wenn man nur einmal was nicht selbst macht ...«
3
Auf der Straße von Stolpe nach Gramzow fährt durch den hellen Sommervormittag ein Motorrad. Georg Henning steuert es, der Vertreter aus Berlin in Melkmaschinen und Zentrifugen. Siebzig Kilometer Fahrt hat er darauf und die Aufgabe dazu, schneller zu sein als ein Telefongespräch, das in jeder Minute die Verhaftung des Gemeindevorstehers Reimers dem Landjäger in Haselhorst anbefehlen kann.
Aber er rechnet mit der Verwirrung in Stolpe, er hofft, rechtzeitig bei Reimers zu sein. Er ist immer rechtzeitig gewesen in solchen Fällen.
Die Straße hebt sich, senkt sich, hebt sich. Eine Kurve. Und wieder: auf – ab – auf. Knicks. Felder. Wiesen. Weiden. Ein paar Bäume. Eine Ecke Wald. Felder. Ein Dorf. Und wieder freie Fahrt.
Unklar denkt Henning: »Das Leben läßt sich gut an. Ich fühle mich.«
Haselhorst!
Er weiß nicht, in welchem Hause der Oberlandjäger wohnt, aber er hält scharf Ausschau nach dem Schild mit dem gerupften Geier. Vielleicht sieht er ihn. Alles ist still im Dorf, kaum ein Mensch zu sehen, auch der Bahnhof liegt ausgestorben.
»Treffe ich den Gendarm auf seiner Tretkarre kurz vor Gramzow, rassele ich ihn einfach über einen Haufen«, denkt Henning. »Franz Reimers muß Zeit haben, Sachen zu packen, sich mit Geld zu versorgen, Papiere zu zerreißen.«
Etwas später: »Sachen packen kann fortfallen. – Den Stuff muß ich am Abend unbedingt noch erwischen. – Und dann zur Bauernschaft. Die sind bis acht oder neun auf der Redaktion. Dann zum Thiel. Na, ihr werdet staunen heute nacht, ihr Stolper!«
Die ersten Häuser Gramzows tauchten vor ihm auf. Im Vorbeisausen schaut er in die Hecken, in den Graben, ob dort noch Stroh hängt. Kaum noch etwas zu sehen. Helleres Gras ist nachgewachsen, wo das Strohfeuer sengte. »Hier nahm es seinen Anfang. Wartet, ihr Bonzen, ich will euch schon ...«
Endlich der Hof. Er lehnt das Rad gegen das Stallgebäude, springt eilig die Stufen zum Haus empor. Im dunklen Vorraum prallt aufkreischend eine Magd zurück. »Sachte, Marie«, ruft er, faßt sie um und drückt ihr einen Kuß auf.
Dann klopft er kurz und tritt in die Stube des Bauern.
Es ist nicht mehr die Vorkriegsstube mit Mahagonimöbeln, Säulchen und Muschelaufsatz und einem spiegelgeschmückten Vertiko. Es ist das Bauernzimmer aus der Inflationszeit. Schwere moderne Möbel mit unruhigen Maserungen, große Klubsessel, ein Ledersofa, ein Schreibtisch, eine Bibliothek, aus deren Mittelabteil ein Gewehrschrank wurde.
Der Bauer sitzt in seinem großen Schreibtischstuhl und raucht nach dem Mittagessen langsam seine Zigarre. Vor ihm steht Kaffee und Kognak.
Er grüßt: »Tag, Georg.«
»Tag, Franz. Ah, du hast Kaffee. Laß mir auch eine Tasse geben. Und wenn du noch Mittagessen hast ...«
Der Bauer geht hinaus und sagt Bescheid. Die Tasse bringt er selbst mit. »Da. Misch dir, wie du magst.« Und während Henning die Mischung vollzieht: »Es läßt sich gut an, in diesem Jahr zur Heuernte.«
»Ach leck! Es läßt sich schlecht an in diesem Jahr mit dem Melkmaschinengeschäft. – Übrigens wirst du heute noch verhaftet.«
Der Bauer sieht auf seine Zigarre: »Wegen der Ochsen?«
»Ja, wegen der.«
»Also hat das Aas von der Chronik doch Bilder gemacht?«
»Hat er«, bestätigt Henning.
»Man hätte mehr Geld bieten müssen.«
»Weiß ich. Aber auf Stottern hätt er die Bilder nicht verkauft.«
»Immer das Geld. Wir wären zehnmal weiter ... na ja ...« Der Bauer geht auf und ab, auf und ab. Raucht. Die Magd kommt, stellt auf den Schreibtisch das Essen, verschwindet.
Henning beginnt zu essen, langsam, mit Genuß. Einmal steht er auf, holt sich selbst aus der Küche Senf, man hört draußen die Mägde juchzen.
Der Bauer geht auf und ab.
Schließlich ist Henning fertig, er gießt sich noch einen Kaffee ein, trinkt, brennt eine Zigarette an. »Willst du eigentlich nicht packen, Franz?«
»Nein.«
»Oder für Geld sorgen? Oder Papiere verbrennen?«
»Bei mir können die immer kommen.«
»Richtig.«
»Wieso weißt du es überhaupt und wieso sind die noch nicht da?«
»Als ich heute nacht von dir fortfuhr, fing es wieder an zu bohren: doch hat er Bilder. Gleich heute früh rief ich den Stuff an, der hatte den Tredup nicht gesehen.«
»Laß dich nicht mit dem Stuff ein.«
»Ich erzähle ihm schon nichts, was er nicht wissen darf. – Dann überlege ich mir: wer kann die Bilder kaufen? Die Staatsanwaltschaft gibt kein Geld, die ladet einfach als Zeugen vor. Der rote Gareis von Altholm, der darf nicht so mit dem Geld, wie er möchte. Dem schauen die Bürgerlichen zu sehr auf die Finger. Bleibt der Wallach in Stolpe.
Ich nach Stolpe. Richtig, kurz nach zwölf kommen sie angerasselt. Weißt du, der hochnäsige Frerksen, der sich von der Klippschule zum Oberinspektor raufgeleckt hat. Und der Tredup. Der Tredup sieht mich noch, wie ich grade um die Ecke will.«
»Paß auf, daß
du nicht verhaftet wirst.«
»Morgen sicher. Heute nacht steigt eine ganz große Sache. Aber morgen bin ich weg. – Ich warte fünf Minuten, dann klingle ich den Temborius an. Von so 'nem Automaten im Postamt. Erst sollte ich ihn nicht kriegen, aber dann sagte ich, sein Leben wäre bedroht, und da bekam ich ihn.«
»Und was sagtest du?«
»Machte gehorsamst Meldung, daß sein Bildlieferant und sein Polizeikater gekommen seien, antichambrierten ...«
»Und?«
»Und daß in fünf Minuten die Bude in die Luft fliegen würde. Du, ich sage dir, ich habe ihn schnaufen hören durch den Draht. Ich hab's gerochen, wie sich seine Hosen füllten.«
»Und dann?«
»Na, als ich die Maschine zu dir startete, zog grade die gesamte Schupo aus.«
»Nicht schlecht. Aber es gibt wieder Krakeel in den Zeitungen, und du weißt, diese Art Krakeel wollen die Bauern nicht.«
»In den Zeitungen? Ich fresse einen Besen, daß in den Zeitungen höchstens fünf Zeilen davon stehen. Etwa so, daß sich ein Witzbold einen Scherz hat ... Oder nein, daß das Ganze nur eine Übung war für den Fall eines Falles ...«
»Möglich. Aber nimm dich in acht, Georg, laß diese Dinger. Wir haben eine gute Sache, wir wollen keinen Klamauk.«
»Ihr nicht. Aber glaub's schon, Franz, es geht nicht ganz ohne Klamauk.« Hastig, als der andere unterbrechen will: »Keiner von euch soll damit zu tun haben. Niemand soll etwas wissen. Ich mach es allein.«
Pause. Dann: »Und noch ein paar. Ganz allein funkt es nicht. Aber du wirst sie nie kennen.«
Der Bauer steht da: »Vielleicht hast du recht. Ich bitte dich nicht, ich hindere dich nicht. Aber ...« Mit erhobener Stimme: »Liegst du im Dreck, ich hebe dich nicht auf. Keiner von uns soll dir helfen. Es geht um die Sache.«
Henning sagt trocken: »Ich habe nie einen um Hilfe gebeten. Wenn einmal einer über mir lag, habe ich eben meine Dresche bezogen. Erledigt. – Wann türmst du?«
»Ich reiße nicht aus.«
»Du hast es bequem. Ich fahre dich mit meiner Karre nach Stolpermünde. Du fährst acht Wochen, ein Vierteljahr auf einem Fischkutter als Fischerknecht. Dann ist soviel geschehen, daß du zurückkommen kannst.«
»Aber ich darf nicht verschwinden. Die Bewegung braucht mich.«
»Nutzt du ihr im Kittchen?«
»Viel. Mehr vielleicht, als wenn ich draußen bin. Ich will dir etwas sagen: mich verhaftet heute kein Landjäger. Heute kommt die Schupo selbst. Sorge, daß die Bauern Bescheid wissen. Telefoniere von den umliegenden Dörfern heran, was Beine hat. Sag den Sendboten Bescheid, daß sie es im Bezirk erfahren. Oh, Georg, wenn sie mich fesseln würden, wenn sie mich in Ketten ins Auto schaffen würden! Einen Fotografen her und Bilder in die nächste Ausgabe der Bauernschaft!«
»Du hast recht. Nach heute mittag kommt die Schupo selbst.«
Der Bauer denkt nach: »Ich werde hier im Zimmer sitzen und Gewehre putzen. Vielleicht schicken sie einen jungen Leutnant, der wird gleich wild, wenn er sieht: andere haben auch Waffen. Die von der Schupo haben heute alle deswegen einen Fimmel. Wild müssen sie werden! Du weißt es nicht, wie schwer es ist, die Bauern in Gang zu bringen. Sie knirschen mit den Zähnen, wenn ihnen der Hof Stück bei Stück aus der Hand gewunden wird, aber sie ducken sich. Das ist die Obrigkeit, das liegt ihnen im Blute. Aber wenn so was kommt, dann wirkt es vielleicht doch ...«
»Ob es wirkt!«
»Noch eins, Georg. Sprich heute mit dem Rehder aus Karolinenhorst, der wird mein Nachfolger in der Führung. Laß am Sonntag Burschen aus vier, fünf Dörfern durchs Land reiten, die den Rechtsbruch kundtun. Den Wortlaut setzt dir der Padberg von der Bauernschaft auf. Sie sollen Things einberufen und eine große Protestversammlung nach Altholm. Vor dem Gefängnis müßt ihr demonstrieren. Ich werde euch hören in meiner Zelle.«
»Alles wird geschehen.«
»Und vergiß nicht, laß Geld sammeln. Wir brauchen Geld. Die Bauernschaft muß zu einem Notopfer aufrufen. Ich muß den ersten Verteidiger von der Welt haben. Es muß ein politischer Prozeß werden.«
»Ich weiß einen. Ich werde in Berlin anfragen.«
»Den ersten! Georg, ich sage dir, wenn sie mit Schupo kommen, wenn sie mich in Ketten legen, wenn sie mich schlagen: es wird der schönste Tag meines Lebens!«
4
Henning hat nur die Verhaftung von Reimers abgewartet. Dann ist er nach Altholm gefahren, um Stuff zu sprechen.
Als er dort ankommt, ist es dunkel geworden, aber er findet Stuff rasch. Altholm hat vierzig bis fünfzig Kneipen, in einer von ihnen wird Stuff schon sitzen. Er findet ihn in der dritten.
Stuff ist trübe und wortkarg. Henning hat ihm von Tredup erzählt, aber Stuff scheint heute nichts zu stören. Er trinkt hastig und Henning hat das Gefühl, als höre er nicht recht zu. Die Ereignisse in Stolpe quittiert er nur mit den Worten: »Fauler Witz!« Er fragt ungeduldig: »Sonst noch was?«
Henning beginnt neu. Erzählt von der Verhaftung von Reimers. »Ich habe nicht selbst dabei sein dürfen, ich sollte mich nicht sehen lassen, aber ich habe vom Knick aus beobachtet, hinterher die Leute befragt und die Frau Reimers.«
»Na, was war das schon groß! Eine gewöhnliche Verhaftung! Und zu Recht.«
»Erlauben Sie mal: zu Recht! Besteht denn Fluchtverdacht?«
»Verdunklungsgefahr.«
»Wo die Bilder vorliegen! Was ist denn da zu verdunkeln? – Aber egal.« Henning lenkt ein. »Wozu sollen wir uns streiten? – Kurz nach sechs kamen sie, zwei von der Kriminalpolizei und ein Lastauto mit Schupo. Solch ein Aufgebot! Die Regierung macht sich ja lächerlich! Um
einen Mann. Na, ich hatte vorgesorgt. Die Dorfstraße war gleich voll von Leuten. Und immerzu kamen noch frische.«
»Also nicht um
einen Mann.«
»Aber ich bitte Sie! Das sind doch friedliche Bauern. Die sehen zu, da hebt nicht einer die Hand. – Die Schupo zog eine Kette um den Hof. Ein halb Dutzend gingen in das Haus mit dem Offizier und der Schmiere.«
»Welcher Offizier?«
»Ja, denken Sie, wir hatten gehofft, es würde ein Leutnant kommen. Da war es Oberst Senkpiel selbst. – Das andere weiß ich von der Frau und den Leuten. Die kommen ins Zimmer, da steht Franz, der Reimers, am Tisch und hat ein Gewehr in der Hand. Und fünf Gewehre liegen vor ihm auf dem Tisch. Es fuhr ihnen nicht schlecht in die Knochen. Die jungen Kerls griffen gleich nach ihrer Kanone und die Kripo nahm Deckung hinter dem Ofen.«
»Keiner läßt sich gern die Knochen zerschießen.«
»Sechs gegen einen!«
»Ändert das was? Und?«
»Der Oberst blieb ruhig. Er machte einen Witz und setzte sich in den Sessel. Reimers nahm ihm den Sessel weg, weil er ihn nicht zum Sitzen gebeten hatte, und verlangte, alle hätten die Hüte und Mützen abzunehmen in seinem Zimmer.«
»So ein Quatsch. Soldaten und Mützen abnehmen!«
»Grade darum. – Na, der Oberst wurde auch so langsam warm und die Kripo wollte erst einmal den Waffenschein für die vielen Waffen sehen. Der Reimers sagt:
›Den hat der Franz.‹
›Wer ist der Franz?‹ fragen die.
›Das ist mein Sekretär‹, antwortet Reimers.
Er soll ihn rufen. Aber er kann ihn nur selber holen. Das wollten sie nicht, haben Angst, daß er türmt, sie wollen ihn holen.
›Wo der Franz ist?‹
›Auf dem Boden.‹
›Auf welchem Boden? Auf dem Futterboden?‹
›Nein, auf dem Hausboden.‹
›Ob er ihn nicht rufen kann?‹
›Wenn sie meinen, daß es Zweck hat, kann er das.‹
›Ja, er soll es nur tun.‹
Alle gehen auf den Vorplatz und da steht der Reimers und brüllt auf den Boden: ›Der Franz soll runter kommen. Die Polizei will es.‹ Na, nichts rührt sich. Reimers brüllt und brüllt, hat dabei immer noch seine Knarre im Arm, aber nichts rührt sich.
›Ob der Franz vielleicht schläft?‹
Und Reimers: Das weiß er nicht, ob der Franz schläft oder ob er wach ist.
Sie wollen einen rauf schicken. Welche Tür es ist?
›Die geradezu, wenn man auf den Boden kommt.‹
Ein Schupo turnt rauf und kriecht rum und kommt wieder: vor der Tür wäre ein Vorhängeschloß. Und der Reimers tut mächtig erstaunt, ob sie das denn nicht gewußt hätten, Böden ließe man doch überall nicht so offenstehen.
Nun merken sie doch, daß er sie zum Narren hat und die Mädchen in der Küche, die den Bauern haben ›Franz‹ schreien hören, lachen auch so laut. Sie gehen wieder mit ihm in die Stube und fragen grob und kurz, was das für ein Franz ist, den er da unter Verschluß hat.
›Nun, meinen Sekretär Franz.‹
›Wieso? Man schließt doch keine Menschen ein?‹
›Wohl, das tut man auch. Darum sind sie doch grade hier, die Herren.‹
›Ob er hier Gefangene hält?‹
›Gefangene? Kann man auch einen Sekretär gefangennehmen, einen Schreibsekretär? Einen rotgestrichenen? Den er schon seit eh und je Franz genannt hat?‹
Und das ist wahr. Der Reimers hat Namen für seine Anzüge, für seine Möbel, für seine Ackerwagen und für jedes Gerät, das wissen alle.«
»Ein blöder Witz! Wenn die Bauern damit was werden wollen!«
»Sie meckern heute immerzu. Aber es macht Ihnen doch Spaß, Sie haben mich eben reden und reden lassen.«
»Spaß? Wo Sie sich nun mal an meinen Tisch gesetzt haben und nicht fortgehen wollen?«
»Sie können sich denken, wie wild die waren. Zwei Mann müssen vortreten und nehmen ihm die Büchse ab. Und die andern müssen die Verschlüsse zusammensetzen, die er grade auseinandergenommen und geölt hat. Und drei Mann müssen mit ihm auf den Boden und schauen ihm über die Schulter, wie er den ganzen Sekretär umdreht Schublade für Schublade. Bis ihm einfällt, daß er den Waffenschein doch unten hat, in seinem Schreibtisch.
Da erklären sie ihm dann, der Waffenschein interessiert sie nicht mehr. Die Waffen sind sowieso beschlagnahmt. Netter Rechtsbruch, was?«
»Sie sind ein Äffchen«, sagt Stuff.
»Na ja, so sagt man doch. Ein Rechtsbruch ist es jedenfalls. Und dann fangen sie mit der Vernehmung an und wollen wissen, wer die Strohfuhre gefahren hat. Und er antwortet ihnen, da sollen sie sich an den Otsche wenden. Nun, sie sind ja mißtrauisch geworden, der Otsche interessiert sie nicht, er soll erzählen, was er weiß. Und er sagt: ›Nein, sie sollen erzählen, was sie wissen, dann wird er sagen, was stimmt.‹ Nun, das wollen sie auch wieder nicht. Und nun sagen sie ihm, daß er verhaftet ist, daß er mitkommen soll. Und er sagt:
›Gleich kann ich nicht. Ich muß erst meine Umsatzsteuererklärung schreiben. Und die Gemeindekasse muß auch übergeben werden.‹
Und sie werden immer wilder. Und das ganze Dorf ist schwarz von Leuten und auf der Koppel parken schon Autos und Fotografen machen Aufnahmen. Und Reimers sitzt in seinem Schreibtischsessel und rührt sich nicht. Er solle ihnen die Kasse übergeben. – Das will er nicht. Es ist schon mehr Geld weggekommen. Und ob sie nicht von den Unterschlagungen gehört haben bei der Reichswehr und der Schupo und von den Munitionsschiebungen und all dem Dreck?«
»Na und –?«
»Ja, nun müssen Sie sich das so denken. Ich sehe das alles vor mir. Ich bin nicht dabei gewesen, aber so sehe ich es. Da stehen nun die Schupowachtmeister an der Wand lang und an der Tür, mit dem Gummiknüppel in der Hand und die Pistolentasche schon aufgeknöpft. Und die Kripo steht da und der Herr Oberst Senkpiel und sie kochen vor Wut. Und wenn sie ihn allein gehabt hätten, ich sage Ihnen, kein Knochen wäre in seinem Leibe heil geblieben. Aber draußen stehen Hunderte von Bauern ...«
»Fünfzig.«
»Hunderte und aber Hunderte. Keine Frau, nur Männer. Keine Frau haben die Bauern auf die Straße gelassen. Ohne ein Wort, stumm. Und die Kette von dreißig Schupos. Und drinnen sitzt der eine, einzige Mann und zieht sie seit einer Stunde durch den Kakao und sie sind wehrlos.«
»Hübsche Phantasie, die Sie haben. Aber Schupo und Kripo sind so was gewöhnt, das trifft jeder Ganove.«
»Gekocht haben sie vor Wut. Schwarzblau angelaufen war der Oberst.
›Kommen Sie mit!‹
›Rufen Sie meinen Stellvertreter an, daß ich die Kasse übergeben kann!‹
›Mitkommen sollen Sie! Wenn Sie jetzt nicht aufstehen, müssen wir Sie mit Gewalt transportieren.‹
Und drei Mann stellen sich zu ihm, zwei an seinen Seiten, einer im Rücken.«
»Und ist er gegangen?«
»Da spielt der Reimers einen Trumpf aus. Er kommt gutwillig mit, aber erst will er den Verhaftbefehl sehen. Und nun die Riesenblamage: die Kripo hat sich auf den Oberst verlassen und der Oberst hat sich auf die Kripo verlassen und alle haben keinen roten Schein.
Und sie kriegen das Streiten miteinander und die jungen Kerls, die Schupos, die sind kreideweiß gewesen vor Wut, und der Reimers hat in seinem Schreibtischsessel gehockt und hat die Beine angezogen und hat mit den Händen geklatscht und hat Ksst! Ksst! gemacht, um sie aufeinander zu hetzen und hat sich ausgeschüttet vor Lachen.«
»Na und? Haben sie ihn mitgenommen?«
»Sie sind gleich still geworden und der Oberst hat gesagt, es ist egal. Die Verhaftung ist rechtsgültig und er hat mitzukommen.
Und er hat geantwortet, er weiß auch, was Recht im deutschen Land ist und er kann seinen Verhaftbefehl verlangen. Und wenn sie etwas verbockt haben, dann müssen sie es eben machen wie die ganz gewöhnlichen Zivilisten und müssen noch mal gehen nach dem Wort: was man nicht im Kopf hat, das muß man in den Beinen haben.
Und der Oberst hat angefangen zu toben: er soll mitkommen. – Ohne Verhaftbefehl kommt er nicht. – Und sie haben ihn aufgefordert, zweimal, dreimal, aber er ist nicht aufgestanden. Da haben sie zugefaßt und haben ihn hochgerissen.
Und er hat geschrien – und ich sage Ihnen, es ist mir draußen am Knick durch Mark und Bein gegangen – da hat er geschrien: ›Wehe Recht in deutschen Landen! Wehe Recht!‹ Und dann haben sie ihm die Handfessel angelegt und haben ihn an der Kette geführt zu den Autos.
Reimers ist gutwillig mit ihnen gegangen durch die Bauernmassen durch.
Und kein Mensch hat ein Wort gesprochen, aber die Hüte haben sie abgerissen vor ihm. Und dann haben sie ihn fortgebracht.«
»Und dann? Und Sie?«
»Ich? Dann bin ich hierher gefahren und habe Ihnen dies alles erzählt und habe keinen Dank, scheint's, dafür geerntet.«
»Dank? Sie kommen doch nicht um Dank. Sie kommen, weil Sie was wollen. – Aber das ist egal. Nur eine Frage: wäre es nicht schlauer gewesen, Sie wären hinter der Schupo dreingefahren und hätten aufgepaßt, ob die ihn nicht an einer hübschen dunklen Stelle so solo ein bißchen vertrimmt haben?«
Henning ist blaß geworden. Er beugt sich über den Tisch und sein Gesicht ist Falten und Falten: »Gott verdamme mich!« knirscht er. »Gott verdamme mich und meine Alten. Die Krätze soll ich kriegen und das große S, daß ich daran nicht gedacht habe!«
»Sie sind jung«, sagt Stuff und ist plötzlich alt und weise. »Sie denken, es sind alles Husarenstückchen. Auch in dieser Branche muß gearbeitet und nachgedacht werden, so ein bißchen Tollkühnheit, das ist Mist. Alles, was Sie heute gemacht haben, ist Mist. Ihr Reimers ist schon nicht schlecht, da gehört etwas zu, solchen Haß, wie der im Bauch hat, und bezähmt sich eine Stunde und macht sie toben und bleibt kalt. Ich möchte ihn nicht heulen hören heute nacht in seiner Zelle vor Scham, daß er den Affen die Fresse nicht lackiert hat. – Nein, Ihr Reimers ist schon gut, aber Sie haben Mist gemacht.«
»Es war gut, daß ich den Präsidenten anrief. Hätte er sonst Zeit gehabt zur Vorbereitung?«
»Was braucht so ein Mann für Vorbereitung? Der hat seinen Haß immer auf Lager. – Und Mist ist es auch, daß Sie zu mir gefahren sind. Was soll ich mit den Geschichten? Das sind Bauerngeschichten, keine Sachen für Städter.«
»Ich dachte«, sagt leise Henning, »Sie würden heute nacht noch mit mir nach Stolpe fahren. Wir haben da eine Besprechung mit der Redaktion der Bauernschaft.«
»Was gehen mich die Revolverjournalisten von der Bauernschaft an! Altholm ist eine Industriestadt! Bringen Sie mir Material gegen die Roten, gut!«
»Aber dies ist Material gegen die Roten!«
»Mist! Dies ist gegen die Regierung, gegen die Staatsautorität. Glauben Sie, meine Abonnenten lesen gern, daß das Haus, in dem sie sitzen, gleich einstürzen wird? Sie haben mir mal was gesagt von Oberschlesien und dem Baltikum, aber Sie sind ...«
Stuff besinnt sich: »Also, Sie haben gedacht, Sie können mich vorspannen. Ich will Ihnen was sagen! Ich werde Sie vorspannen, wenn ich Sie brauchen kann. Damit werde ich Ihnen auch 'nen Dienst tun. Und nun für heute atjüs. Ich sehe, Sie haben noch 'ne Masse vor. Wenn Sie zehn Gramm Vernunft im Hirn hätten, würde ich Ihnen sagen: fassen Sie heute nichts an, Sie haben heute keinen guten Tag. Aber Sie werden heute noch mehr Mist machen.«
Henning verbeugt sich und geht aus der Gaststube.
Stuff sieht ihm trübe nach, trinkt hastig ein Glas Bier und einen Schnaps und beginnt zu schreiben: »Unglaubliche Blamage der Regierung. – Die Bombe im Präsidium. – Polizei verhaftet ohne Haftbefehl.«
Er schreibt und schreibt.
»Für die Provinz ist das nicht zu brauchen«, denkt er. »Aber Berlin nimmt es schon. Hundert Mark bringt das mindestens. Netter Junge, dieser Henning, er kann so bleiben. Na, ich will den Salm erst mal telefonisch durchgeben auf die Nachtredaktionen.«
5
In dieser Nacht kommt die Wirtschafterin des Regierungspräsidenten Temborius erst gegen halb eins nach Haus. Sie ist am Abend im Kino gewesen, dort hat sie Bekannte getroffen und mit denen war man noch Stunden im Café Koopmann zusammen.
Wirtschafterin Klara Gehl ist in Stolpe eine bekannte und angesehene Persönlichkeit. Jedermann weiß, daß sie einmal ein ganz einfaches Küchenmädchen war. Tüchtigkeit und Klugheit im Umgang mit Menschen haben sie emporgeführt, so daß sie jetzt den großen Haushalt des Junggesellen Temborius leitet. Und jeder in der Stadt und auf dem Lande weiß, daß über die Gehl der inoffizielle Weg zu Temborius geht: wenn der Bürokratismus seine Siege feiert, weiß sie ihm immer noch das eine oder andere Zeichen von Menschlichkeit abzulocken.
Sie hat sich im Café verschwätzt. Immer wieder hat sie erzählen müssen, wie der rohe Scherz am Morgen auf den Regierungspräsidenten gewirkt hat, daß er schwer erkrankt gleich zu Bett gegangen ist und mindestens drei Pyramidon genommen hat.
»Ich habe ihn schwitzen lassen. Lindenblütentee hat er mir trinken müssen, und um acht habe ich dunkel bei ihm gemacht und gesagt, daß ich weg muß. Sonst klingelt er den ganzen Abend nach mir.« –
Nun geht sie nach Haus, es ist gegen halb eins. Aber sie fürchtet sich nicht, trotzdem sie der Weg in eine wenig beleuchtete Villenstraße führt. Hier stehen Bäume, an der Straße und in den Gärten, an manchen Stellen ist der Weg fast ganz dunkel.
Zweihundert Schritt vor ihrem Heim gehen zwei Männer an ihr vorbei. Der eine lüftet den Hut und sagt höflich und halblaut: »Guten Abend.«
Sie dankt ihm und geht weiter. Als sie die Tür zum Vorgarten aufklinkt, hat sie ein Gefühl, als werde sie beobachtet, und sie schaut auf die Straße zurück. Undeutlich sieht sie zwei Schatten, die Männer sind nicht weitergegangen.
»Immer steht nur«, denkt sie. »Ich bin nichts mehr für euch. Als ich zwanzig Jahre jünger war ...«
Sie geht über den knirschenden Kies des Vorgartens und macht sich leise und vorsichtig an der Haustür zu schaffen, denn das Schlafzimmer des Präsidenten mündet auf den Vorplatz. Sie will ihn nicht stören.
Überraschend geht die Tür auf. Sie ist gar nicht verschlossen gewesen. »Diese Mädchen«, denkt sie. »Sie brauchen mal wieder eine Kopfwäsche. Und die Erna muß mir aus dem Haus und ihren Willem umgehend heiraten. Noch zwei Wochen und selbst Temborius sieht, was da in seinem Stubenmädchen wächst.«
Als sie vorsichtig das Licht auf dem Flur anknipst, hat sie neuen Grund, mit den Mädchen unzufrieden zu sein. Mitten auf dem Vorplatz steht eine Kiste, eine schlichte, weiße Margarinekiste. »Also hat der Mahlmann doch noch die Konserven geschickt! Daß die Mädchen das hier stehenlassen!«
Die Gehl nimmt die Kiste unter ihren Arm und geht den langen Gang hinter zur Küche, die in einem Anbau liegt. Sie stellt die Kiste in die Speisekammer, sieht nach, ob der Gashahn gut geschlossen ist, knipst auf dem Rückweg überall das Licht aus und steigt die Treppe hinauf zu ihrem Schlafzimmer.
Als sie den Vorhang zuzieht, schaut sie noch einmal auf die Straße. Seltsam, die beiden Männer sind zurückgekommen, sie kann sie deutlich drüben im Schatten der Bäume stehen sehen, dunklere Schatten.
»Ob eine von den Mädchen einen neuen Kerl hat?« Sie ist überzeugt, daß sie keinen von den beiden kennt, obgleich sie die Gesichter nicht sah.
Dann geht sie ins Zimmer zurück, schaltet das Licht ein und will das Bett aufdecken.
In diesem Augenblick ist ihr, als bräche ein Sturmwind ins Zimmer. Sie fühlt sich bei geschlossenen Augen wie hochgehoben, hoch ... hoch ...
Gleich muß die Zimmerdecke kommen ...
Aber nun fällt sie ... es kracht, als wolle die Welt untergehen. Es ist ihr, als höre sie ihr eigenes Geschrei ...
Aber nun weiß sie, daß sie daliegt. Es ist so totenstill ...
Und dann rieselt es immerzu, in den Wänden, in ihren Ohren ...
Und nun ist alles schwarz. Dumpfes bitteres Schwarz.
Viertes Kapitel: Ein Gewitter zieht sich zusammen
1
Ein Mann tippelt auf dem Sandweg von Dülmen nach Bandekow-Ausbau. Eigentlich ist an Kleidung und Schuhwerk alles beisammen, daß dieser Mann ein Herr sein könnte. Aber irgendwo fehlt es doch: kein Dienstmädchen, das ihn anzumelden hätte, hielte ihn für einen Herrn.
Es ist heiß und der Mann läßt sich Zeit. Er schlendert so dahin, bleibt dann und wann stehen und betrachtet tiefsinnig die Spuren im Sande.
»Reinwärts ist ein Motorrad gefahren«, denkt er. »Das ist klar. Und wieder rückwärts nicht. Nach der Karte gibt's überhaupt nur diesen einen Weg zum Hof. Eine nette gottverlassene Gegend. Fünfzehn Kilometer zur nächsten Bahnstation.«
Der Mann bleibt stehen und betrachtet schnaufend die Gegend. Sie ist nichts Besonderes, eine povere Dreckgegend aus Sand, Kiefernkuscheln, Heidelbeerkraut und genügend Wacholder.
»Eigentlich hab ich mir immer gedacht, daß so Grafen wohnen müßten. Ich glaube, das ist auch so ein Graf von Habenichts, der vor Hunger nicht in Schlaf kommt. – Neugierig bin ich, was ich ausrichte.«
Ist man 52 und immer noch Kriminalassistent, trotz Tüchtigkeit, so knüpfen sich an solche Erwägungen leicht Hoffnungen. Kriminalassistent Perduzke (Altholm) hat seit der Revolution viele Kollegen Kriminalsekretär, Kriminalobersekretär, sogar Kriminalkommissar werden sehen. Er blieb, was er war, trotz Tüchtigkeit.
»Und wenn ich diesen Bombenschwindel aufdecke, so müssen sie mich befördern und wenn ich zehnmal das Parteibuch nicht habe.«
Er glotzt: »Quatsch! Wenn die täten, was die müßten, hätte ich schon nach dem Kapp-Putsch Kommissar sein sollen. Die scheißen einem was, die Gareis und Frerksen, die rote Kumpelbande.«
Perduzke ist der geborene Jagdhund. Jagen ist seine Leidenschaft. Die Aussicht auf Ausbleiben der ihm gebührenden Wurst kann ihm nicht die Luft für die Spur nehmen. Er ist schon bei dem Zettel, der heute in seinem Briefkasten steckte, mit nur zwei Worten: »Bomben – Bandekow.«
Er hat seinen Vorgesetzten nichts von dieser Spur gesagt. Kriegt er was raus, so macht er direkt Bericht an die Regierung oder den Minister, sonst unterschlagen die seine Berichte und rühmen sich mit seinen Verdiensten. Er geht hier offiziell-inoffiziell auf den Spuren eines Viehdiebstahls. »Beste Einführung bei dem Bandekow, diesem Habenichts!«
Es ist Juli, stille Zeit für den Landmann. Auf den Feldern, die jetzt die Heide ablösen, ist kein Mensch zu sehen. Die Wiesen sind verödet. Mit dem Roggenschnitt hat es noch vierzehn Tage Zeit und die Heuernte ist vorbei.
»Blöd, daß man niemand sieht. Von den Mädels hört man immer das meiste.«
Nun kommt ein Auto hinter ihm des Wegs, ein offener Opel-Viersitzer. Perduzke tritt gegen den Straßenrand, aber es staubt nicht sehr. Der Wagen schleicht, kriecht, der Sand ist zu locker. So kann der Kriminalist gemütsruhig die vier Herren anschauen.
Hinten sitzen zwei, das sind Bauern, soviel ist heraus, und die kennt er nicht. Bauern aus dieser Gegend kennt er nicht. Aber vorn ...
Und nun wird ihm warm. Es war Dusel, es war Glück, daß er gleich losgelaufen ist auf diesen Zettel hin! Wer hätte auf Bandekow geraten! Aber daß es in Bandekow stinkt, soviel ist jetzt sicher.
Den am Steuer kannte er schon gut, das war der Padberg, der Hauptschriftleiter von der Zeitung »Bauernschaft«, die so herrlich schimpfen konnte und es den Roten faustdick gab. (Nur las sie kein Mensch.)
Und der andere daneben, der Junge, das war der Thiel, und wenn er zehnmal das Gesicht wegwandte. Das war der Thiel, nach dem seit fünf Wochen netto die ganze Provinz still umgedreht wurde. Der Ochsenführer vom Finanzamt Altholm, verschwunden und wieder aufgetaucht im Auto bei Bauernschaft und Bauern.
»Stolper Wagen«, notiert sich Perduzke. »Die Erkennungsmarke kennen wir. Wird dem Padberg seiner sein. Also die haben sich den Jungen gekauft! Komisch das, hätte ich nie drauf geraten. Erst ihn verhöhnen, anbraten, in einen Graben schmeißen und nun im Auto mit ihnen auf Kopp und Arsch. – So was gab's nicht vor dem Kriege.«
Er tippelt und überlegt, wie er das Ding drehen soll.
»Vielleicht haben die mich erkannt. So einer wie der Zeitungshengst, der Padberg, die wissen immer, wie ein Krimscher ausschaut. In der halben Stunde, bis ich auf dem Hof bin, ist der Junge natürlich längst fort. Aber die Spur weiß ich nun.«
Mühsam mahlt er sich durch den Sand weiter zum Hoftor, an dem das Schild hängt: »Hier wohnt Graf Bandekow. Kauft nichts. Verkauft nichts. Und empfängt auch keine Besuche.«
Perduzke nickt anerkennend: »Hübsch ist das! Und wenn man dazu die Hunde rasen hört, die lieben Viecher ...«
Die drängen sich mit offenen Mäulern, hängenden Lefzen hinter dem Gitter, entschieden entschlossen, den Besucher zu zerreißen.
»Hier geht es nicht durch«, erkennt Perduzke. »Da hat das Auto für gesorgt. Also vielleicht auf der andern Seite.«
Er klettert über den Graben.
2
Der Hof Bandekow-Ausbau ist nur ein kleiner Ableger vom Rittergute Bandekow. Und sein Besitzer, Graf Ernst Bandekow, ist seinem älteren Bruder, Bodo Graf Bandekow auf Rittergut Bandekow, aus mancherlei Gründen, unter denen die materiellen nicht unwichtig sind, nicht sonderlich grün. Er lebt, ein alter Junggeselle, als Einsiedler auf dem Hof, hat sich ganz zu den Bauern geschlagen und fühlt sich als Bauer.
Es ist auch kaum mehr als ein Bauernhaus, in dem die Herren jetzt sitzen: die vier aus dem Auto, der Graf mit dem graumelierten Teppichbart und der schlanke Henning.
Die Herren sind eben gekommen. Das Auto steht auf dem Hof, neben der Dunggrube, und die Hunde sind aus dem Zwinger gelassen worden. Dann hat Graf Bandekow zwei Mädchen und die Haushälterin in den Garten geschickt und hat für Schnaps und einen Mosel gesorgt.
»Nun kann niemand lauschen«, erklärt er. »Also legen Sie los, Padberg.«
»Dann das letzte zuerst: Henning, du wirst abhauen müssen. Kripo ist im Anmarsch.«
»Ach, was! Wie soll Kripo hierherkommen?«
»Drei Kilometer vorm Hof strolchte so ein Hund uns vors Auto. Am liebsten hätte ich ihn überfahren.«
»Das wird ein Viehhändler gewesen sein. Die sehen meistens so aus wie die Krimschen.«
Thiel läßt sich vernehmen:
»Und es war doch Kripo! Es war der Perduzke aus Altholm!«
»Gott!« spottet Henning. »Gießt doch dem Jungen einen Kognak ein. Er hat eine ganz weiße Nase.«
»Sie können tun, was Sie wollen«, beharrt Thiel. »Ich ziehe Leine.«
»Warum eigentlich? Glauben Sie, daß hier ein Mensch lebend durch die Hundemeute kommt?«
»Und wenn er die Hunde abknallt?«
»Dann knalle ich ihn ab«, erklärt der Graf. »Aber all das ist Mumpitz. Wieso kommt der auf Bandekow, Padberg?«
»Sehen Sie! Wieso kommt der auf Bandekow? Das ist die Frage. Und das ist der zweite Punkt. – Heute morgen komme ich auf die Redaktion, steht mein Schreibtisch offen. Abgeschlossen hatte ich ihn. Ich sehe alles nach, nichts fehlt. Nur die Karte, die Sie mir geschrieben, Herr Graf, daß wir heute morgen zu Ihnen kommen sollten: die fehlt.«
Bauer Rehder-Karolinenhorst:
»Sie werden nicht abgeschlossen haben. Und die Karte liegt irgendwo anders.«
»Wenn ich mir in meinem Leben etwas habe angewöhnen müssen, so war es auf Papiere aufpassen.«
»Also hat die Kripo nachts revidiert. Die sind ja aus der Tüte wegen der Bombe.«
»I wo, die machen so was offiziell und verderben die Schlösser und schmeißen alles durcheinander.«
Henning erklärt gelangweilt: »Also schieß schon los. Du hast doch längst deine Vermutung, Padberg. – Übrigens Prost!«
»Ja. Wir können alle ruhig mal anstoßen. Prost!«
Padberg holt einen Brief aus der Tasche und läßt ihn zirkulieren. »Bitte, sehen Sie sich diesen Brief an. Der Text tut nichts zur Sache. Irgend so ein verhungerter Journalist. Aber sehen Sie sich den Brief gut an. Was meinen Sie?«
Alle betrachten den Brief, zögernd, unentschlossen, verlegen.
»Na, nun sagen Sie doch!« drängt Padberg.
»Mach dich nicht wichtig, Padberg«, sagt Henning. »Wir haben anderes zu tun als den Meisterdetektiv zu spielen.«
»Na, keiner?« fragt Padberg.
»Halt! Einen Augenblick!« fängt Thiel an. »Ich will nur fragen. Vielleicht ist es blöd. Ist der Brief in der Setzerei gewesen?«
»Na also!« sagt Padberg anerkennend. »Wenigstens einer. – Nein, der Brief ist nicht in der Setzerei gewesen, mein Sohn.«
»Aber ein Setzer hat ihn in den Pfoten gehabt?«
»Offiziell nicht.«
»Dann hat der Brief obenauf in Ihrer Schublade gelegen?«
»Richtig, mein Sohn, bei der verschwundenen Karte.«
»Dann hat«, sagt Thiel atemholend, »auch ein Setzer die Karte geklaut. Da sind Fingerabdrücke drauf auf dem Brief von Druckerschwärze.«
»Wenn es weiter nichts ist«, sagt Henning. »Das hätte ich dir längst sagen können, daß alle Setzer rot sind. Die sind alle in so einer Gewerkschaft.«
»O du Goldjunge!« spottet Padberg. »Was du nicht alles weißt. Im Buchdruckerverband sind sie. Aber deswegen klauen sie noch lange keine Postkarte, noch dazu eine so bedeutungslose, auf der mir irgendein Herr schreibt, er möchte mich mal sprechen.«
Der Graf kämmt seinen Fußsack mit den Nägeln. »Also, ich denke, wir haben auch noch anderes zu reden. Machen Sie's kurz, Herr Padberg.«
»Also kurz und schlecht: wir haben in der Setzerei einen Kerl, der auf Anweisung mit tadellosen Nachschlüsseln bestimmte Schriftstücke stiehlt. Der Kerl ist ein bißchen doof, sonst hätte er erstens an die Fingerspuren gedacht und zweitens nicht vergessen, das Fach abzuschließen.
Der die Anweisung erteilt hat, muß genau Bescheid wissen. Sonst wäre nicht heute schon der Perduzke im Anmarsch.«
Langsam sagt der Bauer Rehder in die beklommene Stille: »Ich weiß, der Franz Reimers wäre dagegen gewesen. Ich bin dagegen gewesen. Der Rohwer ist dagegen gewesen. Wir drei bestellten Führer von der Bewegung sind dagegen gewesen. Und du hast es doch getan, Henning!«
»Gut, daß ich es getan habe! Was glaubst du, denen geht der Arsch mit Grundeis!« sagt rasch und trotzig Henning.
»Wir haben eine gute Sache«, sagt langsam der Bauer Rohwer aus Nippmerow. »Du hast Krach um sie gemacht und Gestank. Was meinst du, wie das Land voll ist von Gerede, seit die Küche in die Luft flog?«
»Und du hast gelogen«, sagt Rehder wieder. »Es war nur Glück, daß nichts wie die Küche in die Luft ging. Du hattest es anders gewollt.«
Henning sieht böse auf Thiel: »Es gibt eben Weiber, die den Sabbel nicht halten können.«
Thiel wird rot und wendet das Gesicht ab.
»Ich bin anderer Ansicht«, sagt Padberg geläufig. »Ich bin Zeitungsmensch. Zeitung ist Reklame, von der ersten bis zur letzten Zeile. Reklame für eine bestimmte Sorte Politik oder Waschseife. Aber immer Reklame. Ich verstehe etwas von Reklame. Ihre Bewegung war gut, aber sie war im Luftleeren. Es geschah nichts, sie hatte keine Wirkung. Der Regierung war sie piepe. Dem Finanzamt war sie piepe. Der Schupo war sie piepe. Dem Bürger in der Stadt war sie schnurz.
Henning hat Reklame gemacht. Es hat geknallt. Ich gebe zu, es war große Reklame, hundertprozentige, es hat sehr laut geknallt. Aber plötzlich ist Leben um die Bewegung, alle horchen: was tun die Bauern? Ihre Bewegung wird beachtet. Ihre Bewegung wird gefürchtet. Ihre Bewegung kann etwas durchsetzen.«
»Wir Bauern wollen das nicht«, sagt Rohwer. »Wir mögen so etwas nicht.«
Der Graf sagt: »Und Sie haben nichts damit zu tun. Keiner von Ihnen war beteiligt, keiner hat etwas gewußt. Es sind Fremde«, sagt er mit erhobener Stimme, »wenn es zum Schlimmsten kommt, sind es Fremde gewesen, Abenteurer, Dunkelmänner.«
»Es ist«, sagt Padberg beifällig und grinsend, »das unvermeidliche Geschmeiß, von dem nicht energisch genug abgerückt werden kann.«
»Wir danken«, sagt Henning und grinst ebenfalls. »Das Geschmeiß schmeißt weiter. Bomben.«
»Aber was machen wir mit der Kripo?«
»Ich«, erklärt Henning, »habe im Augenblick keine Zeit, mich verhaften zu lassen. Ich muß zur Demonstration.«
»Was du nicht denkst«, höhnt Padberg. »Offen im Demonstrationszug auf Altholms Straßen. Daß wir eine hübsche Verhaftung am Tageslicht haben? Nein, mein Jungchen, du bleibst hier.«
»Und ich gehe mit. Und ihr braucht mich.«
»Wieso brauchen? Keiner ist unersetzlich.«
»Kommt. Ich werde euch was zeigen.«
»Was denn?«
»Ihr werdet schon sehen. Kommt nur.«
3
Henning führt die fünf Mann über den Hof in die Scheune. Auf der halbdunklen Tenne, in die von außen ein breiter Streifen Sonnenlichts schießt, zeigt er das Machwerk seiner Tage freiwilliger Haft: eine Fahne.
Es ist ein weißer ungehobelter Schaft, ein Stiel, wie für eine Heugabel, sehr lang, der in eine aufrecht stehende Sense ausläuft. Das Fahnentuch –
Henning erklärt eifrig: »Ich habe mir alles überlegt. Das Fahnentuch ist schwarz. Das ist das Zeichen unserer Trauer über diese Judenrepublik. Drin ist ein weißer Pflug: Symbol unserer friedlichen Arbeit. Aber, daß wir auch wehrhaft sein können: ein rotes Schwert. Alles zusammen die alten Farben: schwarzweißrot.«
»Was für ein Junge du bist«, sagt Padberg spöttisch.
»Wieso Junge?« fragt Henning eifrig. »Ist das nicht gut? Sagen Sie? Rehder? Was meinen Sie, Rohwer? Machen Sie doch den Mund auf, Thiel! Wie denken Sie, Herr Graf? Es ist eigentlich, natürlich mit Abänderungen, die Fahne von Florian Geyer. Ihr wißt«, sagt er erläuternd zu den Bauern, die es nicht wissen, »Florian Geyer war der Führer in den Bauernaufständen. Im Mittelalter.«
»Gegen den Großgrundbesitz, freilich«, spottet Padberg. »Aber das alles ist Unsinn. Womit vertrödeln wir unsere Zeit?«
»Erlauben Sie mal«, sagt Rohwer. »Die Fahne ist gut. Schwenke sie mal, Henning.«
»Nein, nicht auf dem Hof«, sagt der Graf hastig. »Hört!«
Das rasende Gebell der Hunde ertönt.
»Das ist der Perduzke, laßt sehen.« Thiel schielt durch einen Türspalt auf der andern Seite der Tenne.
Unterdes schwenkt Henning die Fahne. Flatternd, knatternd entfaltet sie sich. Stolz steht er da. Schwenkt sie, läßt sie kreisen.
»Du mußt«, sagt begeistert Rehder, »unser Fahnenträger sein am Montag.«
Thiel berichtet: »Der Perduzke streicht über den Graben.«
»Wo ich doch verhaftet werden soll«, sagt Henning.
»Der kann lange suchen, bis er einen Eingang auf den Hof findet«, bemerkt spöttisch Graf Bandekow.
»Diese Fahne im Zug«, erklärt energisch Padberg. »Und ihr seid in fünf Minuten aufgelöst.«
Rehder: »Wir stellen Jungbauern in die Spitzengruppe. Wehe dem, der die Fahne antastet.«
Rohwer: »Aber die Sense muß stumpf gemacht werden. Sonst richtet sie Unheil an.«
Henning: »Meinethalben. Ich nehme die Schneide mit einer Blechschere weg.«
Und Padberg erstaunt: »Ihr Bauern scheint ja für dieses Requisit zu sein?«
Der Graf: »Ich finde es sehr gut. Das macht kolossale Wirkung.«
Und Thiel: »Ich glaube, es wird fabelhaft wirken.«
Und wieder Padberg: »Wer trägt sie? Da doch der Henning verhaftet wird.«
Rehder energisch: »Henning ist unser Fahnenträger.«
Padberg, sehr ungeduldig: »Aber seid nicht blöd. Den Henning verhaften sie doch in der ersten Minute. Sie wissen doch, er hat die Bilder kaufen wollen von dem Tredup. Und war vorm Präsidium, als der Tredup mit dem Frerksen reinging. Und wird schon der gewesen sein, der angerufen hat und von der Bombe gequatscht. Und wer von der falschen Bombe weiß, wird auch die echte gelegt haben. – Also?«
»Ich wüßte schon einen Ausweg«, sagt der Henning langsam. »Daß ich dabei sein kann und nicht verhaftet werde.«
»Na bitte? Aber sag's rasch, sonst bist du schon verhaftet, eh du's gesagt hast.«
»Auf den Hof kommt keiner. Hier ist er sicher«, beharrt der Graf.
»Wenn einer ...« beginnt Henning und besinnt sich. Dann langsam, direkt zu Thiel: »Sagen wir mal, du packtest so um acht dein Köfferchen und tippeltest los im Halbdunkel. Und kämst in die Nähe von diesem Perdauzke-Perduzke-Perdummske. Und rissest aus wie Schafleder. Und ließest dich verhaften. Und sagen wir, morgen geständest du. Und sagtest, dein Komplice, das wäre, nun, der Bilderidiot von der Chronik und bliebest dabei bis zum Montag ...«
Alle sehen auf Thiel, der zögernd sagt: »Na, ich weiß nicht ... Ich schlittere hier so rein ... Wissen Sie, ich kenne mich nicht so recht aus ... Bin ich der Affe eigentlich, der die Kastanien aus dem Feuer holt?«
»Ich will Ihnen was sagen«, fängt Henning wieder an. »Ich habe einen Freund, den Strafanstaltshilfswachtmeister Gruen in Altholm. Der ist halb verdreht, dem kann nie was passieren. Und wenn der nun mal so eine Leiter an der Gefängnismauer stehenläßt? Und dann sind da die Fischer in Stolpermünde. Und nach der Insel Möen segelt man bei gutem Wind höchstens sechs, sieben Stunden. Und Möen ist Dänemark. Und die Bombe politisch.«
Plötzlich ganz rasch: »Sagen Sie: Ja!«
Thiel steht unschlüssig, verlegen: »Nein, ich möchte doch lieber nicht ... Sehen Sie, meine Eltern ... Und warum soll ich den Tredup in die Pfanne hauen? Das ist doch auch nur so ein armes Aas ...«
Padberg sagt: »Na, jedenfalls sind noch zwei Stunden bis zum Dunkelwerden. Bis dahin können wir uns das ja überlegen. Gehen wir jetzt wieder in die Stube und besprechen die Demonstration? Tausend Bauern kommen sicher.«
»Dreitausend.«
4
Morgens, gegen halb zehn, zehn Uhr, wenn Stuff die Politik und den Spiegel seiner Zeitung gemacht hat, geht er auf die Jagd nach lokalen Neuigkeiten.
Auf seinen immer schmerzenden Plattfüßen trabt er, ein kleines unförmiges Walroß, den Burstah entlang, sieht, durch seine Klemmergläser blinzelnd, jede Veränderung bis zum neuen Firmenschild, spricht Bekannte an, wird angesprochen, und bleibt stehen, Notizen machend.
Altholm hat 40 000 Einwohner, und drei, mindestens zweieinhalb Spalten »Lokales« muß er bringen, dazu zwingt ihn schon die Konkurrenz. Und eine Zeile in seinen Spalten ist lang, die Chronik bricht noch dreispaltig um.
Ist Stuff den Burstah hinunter, so kommt er auf den Marktplatz, einen langen, mit zwei Alleen gezierten Ort. Kriegerdenkmal 1870/71, Post, Bedürfnisanstalt und das Rathaus liegen daran.
Es ist zehn und schon verdammt heiß, als er an diesem Julivormittag das Rathaus betritt. Stuff trieft. Zum soundsovielten Male beschließt er, von jetzt an zweimal wöchentlich frische Socken anzuziehen. Die Füße brennen vor Schweiß. »Und waschen tu ich sie jetzt auch einmal.«
Stuff klopft kurz und tritt in die Rathauswache, durch die Tür »Eintritt verboten«. Es ist der Ruheraum der Stadtsoldaten. (Altholm hat keine Schupo, hat städtische Polizei.) Ein paar Beamte aalen sich auf ihren Pritschen und begrüßen Stuff mit dem Zuruf: »Na, Männe, gibst du einen aus?«
»Ihr mir! Was gibt's Neues?«
»Neues? Einen Berg. Aber erst ...«
»Maurer, ich habe euch neulich erst eine Lage bezahlt! Was glaubt ihr denn, wie der Wenk seinen Daumen auf die Kasse hält? Wenn ich im Monat zwanzig Mark Spesen habe, fällt er in Ohnmacht.«
»Wendest du dich an Schabbelt!«
»Schabbelt? Ich höre immer Schabbelt. Wer ist Schabbelt?«
»Witz! Was ist mit dem Chef?«
»Glaubst du, ich habe den gesehen seit Mai?«
»Sollte auf seine Frau mehr aufpassen. Vorgestern hat sie am hellen Tage gesungen auf dem Burstah. Man kann's bald nicht mehr übersehen.«
»Die säuft sich auch noch zu Tode.«
»Schade um so 'ne Frau.«
»Na, wir sterben alle einmal, so oder so. Und totgesoffen ist besser als totgehungert.«
»Deine Ansicht. – Also, was gibt es Neues?«
»Mensch, Männe, wie sollen wir das wissen? Frag drinnen in der Wachstube den Maak. Der sieht im Buch nach.«
»Ist der Rote nicht um den Strich?«
»Herr Polizeioberinspektor Frerksen ist bei seiner roten Herrlichkeit, Herrn Bürgermeister Gareis. Die Luft ist rein. Der Perduzke ist auch oben. Die brüten was.«
»Also los! – Tjüs derweilen. Wir trinken bald einen zusammen.«
»Vergiß dein Wort nicht, Männe.«
»Neues?« knurrt Maak. »Weiß nichts. Will mal im Wachtbuch nachsehen. Und, ach ja, Männe, eh ich das vergesse. In Stettin ist doch so ein Schulkurs für uns. Kannst ja mal anfragen unter ›Eingesandt‹, warum da nur Herren mit dem Parteibuch hingeschickt sind? Wir andern dürfen Dienst machen und sind Neese.«
»Wird gemacht. Hilft zwar nichts, ärgert aber doch. Also los, daß der Rote nicht kommt.«
»Schreib zu, ein Autozusammenstoß. Die alte Gefahrenecke. Das Nähere kann dir Soldin erzählen, der war dabei. Dann heute nacht wieder mal Schlägerei im Bananenkeller, wir waren mit sechs Mann da. Sprich mit dem Wirt, der inseriert ja wohl, daß du nichts schreibst, was ihn ärgert. Und ein Kinderwagen mit Kind gefunden. Na, weißt du ...«
Die Tür geht auf. Beide fahren herum. Herr Polizeioberinspektor Frerksen steht in der Tür.
»Stuff! Stuff! ich habe dich mindestens ein dutzendmal gebeten, die Nachrichten von mir und nicht von den Subalternbeamten zu holen!«
»Und wenn ich komme, hast du keine Zeit.«
»Es ist für deine Leser vollkommen unwichtig, ob sie die Sachen einen Tag früher oder später erfahren.«
»Das verstehst du nicht.«
»Jedenfalls ersuche ich dich, den Wachtraum sofort zu verlassen und nicht wieder zu betreten. – Sie, Maak, werde ich Herrn Bürgermeister melden.«
»Ich habe Herrn Stuff nichts gesagt!«
»Er hat mich an dich verwiesen.«
»Selbstverständlich, die Chronik verrät ihre Gewährsleute nicht. Sollte bei ihren Angestellten lieber ein bißchen auf Sauberkeit ...«
»Frerksen, ich verbitte mir!«
»Erledigt! Also, du verläßt sofort die Wachtstube.« Und die Tür schließt sich hinter dem Polizeioberinspektor.
Stuff tobt los: »Das Schwein! Die eingebildete Sau! Der Bengel hat bei mir das Fußballspielen gelernt! Diese stakige Schreiberseele, seine Brille schlage ich ihm kaputt!«
Und Maak: »Da siehst du mal wieder! Ich habe meinen Wischer weg.«
»Aber ich besorge es dir, Freundchen, warte nur! Du kommst mir auch mal. Kein Mensch mag diesen eingebildeten Laffen leiden. Dem ist das zu Kopf gestiegen, daß er vom Schreiber zum Oberinspektor raufgefallen ist.«
»Männe, es ist besser, du gehst jetzt. Ich fresse die Suppe nachher aus.«
»Ja, ich gehe schon, Maak. Aber warte, dem besorgen wir's.«
Eine Treppe höher, vor der Tür zur Kriminalpolizei: »Hier müßte er mich noch mal erwischen, dann wäre erst der Topp entzwei. – Na, egal, meine Nachrichten muß ich haben. – Guten Morgen, die Herren Kriminalisten! Nun, warum strahlst du so, Perduzke?«
Perduzke strahlt schon nicht mehr und sein wie seiner Kollegen »Guten Morgen« klingt kühl.
Stuff zieht sich einen Stuhl an den Tisch und greift nach einem Bündel Akten.
Eine Hand hält es fest.
»Nanu, was habt ihr denn heute? Ihr seid wohl von euerm Chef angesteckt?«
»Wieso Chef? Was hast du mit dem Chef? Welchen Chef meinst du überhaupt, Gareis oder Frerksen?«
»Frerksen natürlich. Was geht mich Gareis an?«
»Und was ist mit Frerksen?«
»Also ...« Und Stuff berichtet.
»Das sieht ihm ähnlich, dem eingebildeten Narren!«
»Seine Arbeit soll er machen, statt Leute schikanieren.«
»Vor den Chefs katzbuckeln und uns treten! Aber ich habe es ihm gegeben«, sagt Perduzke. »Habe ich dir schon erzählt, wie er reingefallen ist, neulich, als die Kommission mit den großen Tieren kam?«
»Ja. Aber erzähl es nur noch mal. So was höre ich immer wieder gerne.«
»Also du weißt Bescheid: die große Kommission aus Stettin, alle die großen Tiere. Der Oberbürgermeister führt. Kommen sie auch hier herein. Ich sitze allein beim Schreiben. Ich stehe auf, sage ›Guten Morgen‹ und setze mich wieder an meine Arbeit. Der Ober erzählt irgend etwas. Ich schreibe. Da kommt der rote Filou zu mir: ›Herr Perduzke, warten Sie so lange auf dem Gang vor der Tür.‹
›Herr Oberinspektor›, sage ich. ‹Ich mache hier meine Arbeit und störe niemanden.‹
›Herr Perduzke, ich befehle Ihnen hiermit dienstlich, auf den Gang zu treten.‹
›Ich habe keine Zeit. Der Bericht muß zur Staatsanwaltschaft.‹
Na, mein Frerksen schwillt rot an: ›Herr Oberbürgermeister! Herr Oberbürgermeister! Herr Perduzke befolgt meine dienstlichen Anweisungen nicht!‹
›Nun, Herr Frerksen, was tut er denn nicht?‹
›Er soll auf den Gang treten.‹
›Lassen Sie den Mann doch sitzen. Der stört ja niemanden.‹«
Beifälliges Gelächter: »Gib ihm Saures!«
»So Kattun muß er öfters haben.«
»Na, Stuff, daß er heute auf euch eine Stinkwut hat ...« fängt der Kriminalsekretär Bering an.
»Halt's Maul, Karl, du weißt doch, der Männe kann den Sabbel nicht halten.«
Und Stuff, erstaunt durch den Klemmer blinzelnd: »Also was ist los? Daß etwas los ist, habe ich lange gemerkt.«
Und Perduzke: »Lieber Männe, es ist wirklich besser, du erfährst es noch nicht.«
»Morgen kann er's erfahren, nicht wahr?« sagt Obersekretär Reinbrecht.
»Daß es die Konkurrenz wieder früher erfährt!« protestiert Stuff.
»Ich gebe dir mein heiliges Ehrenwort, weder Pinkus von der Volkszeitung noch Blöcker von den Nachrichten erfahren es früher als du.«
»Na ja. Aber kannst du es wirklich nicht gleich sagen?«
»Ausgeschlossen!« schneidet Perduzke kurz ab.
Und von der andern Seite sagt Hebel: »Was anderes! Ihr habt doch da auf der Chronik so einen Kerl, wie heißt er doch? Tretloch, Tretab, Tredup. Was ist das für eine Nummer?«
Es ist ein bißchen still nach dieser Frage, zu still, scheint Stuff. Er denkt müde blinzelnd nach. Plötzlich fängt er an zu lachen. »Oh, ihr Affen! Ihr Idioten! Jetzt kapiere ich. Wütend seid ihr, wegen der Bilder. Daß ihr nicht die große Entdeckung gemacht habt mit dem Ochsenstrohfeuer, sondern unser Annoncenwerber. Das hätte ich euch lange sagen können.«
Die andern sehen sich an: »Na, also, wenn du es schon weißt, Männe. Wie ist er denn, der Tredup?«
»Na, soweit er Geld hat«, fängt Stuff bereitwillig an, »ist er ein ganz anständiger Kerl ...«
5
Eine Stunde später ist es dem Stuff klargeworden, daß sie doch nicht stimmt, seine Lösung mit den Bildern. Und zwei Stunden später, am Mittagstisch, sagt er: »Die Brüder haben mich angeschissen, soviel ist klar. Der Frerksen weiß doch seit Wochen, daß die Bilder vom Tredup stammen. Warum sagen die denn, daß er heute eine Stinkwut auf uns hat?«
Er grübelt. Und das Ergebnis: »Irgendwas muß der Tredup ausgefressen haben, wovon die Polizei weiß. Ich werde ihn mir heute abend kaufen. Mit ihm saufen gehen.«
Aber Tredup hat keine Lust, muß arbeiten.
»Adressen schreiben? Du hast doch das Geld für die Bilder. Das hat doch eine Masse Moos gegeben.«
»Die Bilder? Sei mir von den Bildern ruhig, Stuff! Kein Wort auch heute abend davon.«
»Also um neun im Tucher?«
»Neun ist mir zu spät. Da ist es schon dunkel. Sagen wir acht.«
»Also schön, um acht. Acht ist auch viel besser. Da bummeln wir erst noch mal über den Strich und sehen uns die kleinen Mädchen an.«
Stuff entwirft sich einen Schlachtplan: »Ich werde Tredup zu trinken geben, bis er schwatzt, und ihn aushorchen.«
Aber am Nachmittag kommt Stuff mit Landwirtschaftsrat Feinbube vom Verband der schwarzbunten Rindviehzüchter und dem Syndikus Plosch vom Kreishandwerkerbund zusammen und ins Saufen. Stuff findet nicht fort. Er schickt einen Jungen zum Tucher: Tredup soll zu ihm kommen.
Doch Tredup kommt nicht, und Stuff trinkt weiter.
Nach einer Weile erinnert er sich wieder an die Verabredung und ruft den Kellnerjungen vom Büfett: »Was sagt der Tredup?«
»Er kommt nicht rein. Er steht vorm Lokal.«
»Und das sagst du mir erst jetzt? – Also, meine Herren, dann am Montag wieder. Sie sehen sich doch auch die Bauerndemonstration an?«
Tredup geht draußen auf und ab, auf und ab.
Der Burstah und der Bahnhofsplatz sind um diese frühe und milde Abendstunde voller Menschen. Viele helle Kleider und in jedem Türgang stehen Pärchen, natürlich auch bei der Chronik.
»Sieh mal, Tredup«, sagt Stuff und hängt sich schwerfällig bei ihm ein. »Da im Gang an der Chronik, da steht die Jüngste von unserer Reinmachefrau, die Grete Schade, und hat wahrhaftig wieder ihren Kavalier.«
»Was der Mensch braucht ...«
»Ja, stramm ist die, aber noch keine fünfzehn ...«
»Sie wird es ihrem Kavalier nicht erzählen ...«
»Der weiß doch auch, daß die erst zu Ostern aus der Schule gekommen ist. Da gibt es nichts, wenn es schnappt, fällt der rein.«
»Deine Sorge.«
»Meine? Vielleicht schon. Wenn sie lügt. Man weiß ja nicht. Ich will es dir erzählen, aber du mußt deinen Sabbel halten.«
»Natürlich.«
»Ehrenwort?«
»Ehrenwort!«
»Also vor einem Vierteljahr – wir heizten noch – komme ich morgens direkt vom Suff auf die Redaktion. Nicht aus den Augen konnte ich sehen. Die Grete ist grade beim Reinemachen und plötzlich sitzt mir die Kröte auf dem Schoß. Ich sage dir: eine Wärme! Mir wurde ganz anders. Über ihrem Hemd hatte sie nur ein Jumperkleidchen. Eine Wärme! Und eine Brust hat das Mädel!«
»Du wirst doch nicht, Stuff? Oder doch?«
»Na und wenn? Kann mir das einer verdenken? Und ist das gerecht, wenn ich dann wegen Verführung Minderjähriger –? So angesoffen wie ich war und diese Formen. Nein, aber ...« Und Stuff geht unvermittelt in eine andere Tonart über: »Aber man muß Mann sein, man muß sich beherrschen können. Nichts, sage ich dir, nichts ist passiert. Weggestoßen habe ich sie. – So, und jetzt gehen wir in die Grotte.«
»In die Grotte? Da möchte ich aber nicht gerne hin. Das ist mir wegen meiner Frau nicht recht.«
»Stehst du unter dem Pantoffel?«
»Und wenn? Jeder vernünftige Mann ist froh, wenn er unter dem Pantoffel ist, unter einem vernünftigen, natürlich.«
»Der Mann muß immer der Herr sein«, doziert Stuff.
»Quatsch, sei du mal zehn Jahre verheiratet! Sei du nur ein Jahr verheiratet! Immer der Herr! Solltest dich umsehen, wie das dir und deiner Frau bekommt!«
»Weißt du, was du bist!« schreit Stuff. »Dekadent bist du!«
»Ach was«, sagt Tredup verächtlich. »Du redest eben wie ein Blinder von der Farbe! Wenn du verheiratet wärst, würdest du auch anders reden. Dich hat eben keine gewollt.«
»Keine gewollt!« knurrt Stuff empört. »Willst du nun eigentlich mit mir ausgehen oder nicht?«
»Ich mit dir? Du mit mir! Du hast mich aufgefordert!«
Sie bleiben stehen, grade auf der Brücke, und sehen einander herausfordernd an.
Links liegt der Teich, in den die Blosse mündet, rechts rauscht auf dem Wehr leise und eindringlich das Wasser. Es ist dunkel hier unter den Bäumen. Ein paar Gaslaternen werfen ihren Schein auf die Fahrbahn, malen glimmende zitternde Reflexe auf die schwarze Fläche des Teichs. Im Hintergrunde leuchtet die bunte Lichtreklame über dem Eingang zur Grotte.
»Ich dich aufgefordert«, sagt Stuff verächtlich. »Ich dich!« Und plötzlich wütend: »Willst du, daß ich dich ins Wasser schmeiße?! Du Lump, du! Du Verräterchen!«
Tredup sieht auf Stuff, auf die leere Straße, die ins Dunkel der Baumgänge sich verliert. Er schiebt seinen Arm wieder in den Stuffs. »Komm man, Stuff, was machst du für Geschichten? Da ist die Grotte.«
Und Stuff erinnert sich plötzlich, daß er von diesem Manne was wollte. Irgendwie hatte es mit der Kripo zu tun und mit diesen verfluchten Bildern. Oder grade nicht mit den Bildern. Er weiß es nicht mehr recht. Es wird ihm einfallen, wenn er erst vor seinem Bier sitzt.
Und nun geht drüben auch die Tür zur Grotte auf. Jazzmusik klingt in die Sommernacht. Die Wasser rauschen plötzlich leiser.
Stuff faßt den Tredup fester: »Komm, mein Junge. Jetzt wollen wir aber tüchtig einen heben. Ich habe einen schrecklichen Durst.«
6
Nach zwei Stunden sitzen die beiden noch immer in der Grotte. Sie haben stramm getrunken und Stuffs Gesicht glüht dunkelrot gedunsen, Tredup ist blaß und muß häufig raus.
Stuff, der dicke, illusionslose Stuff, kaut noch immer an einer Bemerkung von Tredup, die ihn ins Herz getroffen hat: daß ihn keine gewollt habe. Darum ist er jetzt dabei, Tredup von seinen Siegen zu erzählen, seinen früheren Siegen.
»Ich sage dir, Tredup, da ist keine Bank im Stadtpark und kein Gebüsch, wo ich nicht mal ein Mädchen gehabt habe. Und der dunkle Bürgermeistergang ... ach, ich muß dir erzählen, wie ich da einmal überrascht worden bin ...«
Und er erzählt seine Geschichte, verweilt bei den Details und schließlich: »Das waren damals noch Mädchen, Tredup. Nicht solche verhungerten Spatzen wie heute! Und die schöne weiße Wäsche, die im Dunkeln leuchtete! Wenn ich heute diese beige und lila Schinkenbeutel sehe, ist der ganze Reiz weg.«
»Was ich fragen wollte«, beginnt Tredup zerstreut. »Du hast da vorhin was von Verräter gesagt. Richtig: Verräterchen. Hast du damit die Bilder gemeint?«
»Laß das, Tredup. Laß das!« ruft Stuff gerührt. »Wir sind alle keine Engel. Wenn bekannt wäre, was ich alles ausgefressen habe, ich säße Jahre und Jahre im Zuchthaus.«
»Es wird halb so schlimm sein. – Glaubst du, daß noch jemand was davon weiß, daß ich die Bilder verkauft habe?«
»Halb so schlimm! Ich sage dir, Tredup, in Stettin, auf der Kleinen Lastadie, in einem Hinterhaus, wohnt eine Frau, wenn die reden wollte und meinen Namen wüßte! Da war damals ...«
Stuff verliert sich und Tredup findet Zeit, zu fragen: »Glaubst du, daß die Bauern von meinen Bildern wissen? Da ist seit ein paar Tagen einer ...«
»Zum ersten Male bin ich mit der Henni bei ihr gewesen. Henni wollte und wollte nicht. Ich sollte sie nicht heiraten, ich sollte kein Geld zugeben, sie würde das Kind schon alleine großziehen. Ich gehe natürlich doch mit ihr hin. Wir kommen rein. – Ich hatte der Henni gesagt, mit meiner Liebe wäre es aus, wenn sie es nicht täte. ›Laß mir das Kind, Männe‹, hat sie geflennt.
Wir kommen rein, nur so eine Wohnküche, weißt du, zwei große Söhne von ihr. Die gehen raus, weißt du, wie wir kommen, ohne ein Wort. Sie ist so eine kleine gelbe Person, früher Hebammenschwester gewesen. Hat schon ein paarmal deswegen Zuchthaus gehabt. Man braucht gar nichts zu sagen, sie weiß sofort Bescheid. ›Legen Sie sich mal da über den Tisch!‹ Und zu mir: ›fünfundzwanzig Mark.‹«
Stuff schnauft und sieht vor sich hin.
»Na, es geht ganz schnell. Sie macht es mit Wasser und einer Spritze, nur der richtige Zeitpunkt muß es sein. Zwei Tage oder vierundzwanzig Stunden später ist das Kind da. Keiner hat's bei der Henni gemerkt. Sie hat es nachts abgemacht und am nächsten Tage ihren Dienst getan. Dienstmädchen.
Aber wie sie mir davon erzählt hat, Tredup, ich träume heute noch nachts davon. ›Ich habe nachgesehen, ehe ich es weggeworfen habe‹, sagt sie. ›Es wäre ein Mädchen gewesen.‹ Ich habe geheult, Tredup, richtig geheult, wie sie mir das gesagt hat.«
»Na, das ist sicher schon lange her«, horcht Tredup.
»Gar nicht so lange«, prahlt Stuff. »Und seitdem bin ich noch dreimal bei der Frau gewesen. Und einmal habe ich auch eine dazu gebracht, daß sie falsch geschworen hat ...
Ja, wir sind Schweine, Tredup, wir alle sind Schweine. Am Tage läuft man so rum und macht denselben Schweinkram wie die andern, aber nachts, wenn man lange in den Lokalen gesessen hat und der Pint steigt einem grade nicht zu Hirn, da sieht man, was man für ein Schwein ist: ich, du, alle.«
»Stuff«, sagt Tredup plötzlich entschlossen, ganz bleich vor Erregung. »Stuff, mir geht immer einer nach.«
»I wo, das bildest du dir ein.«
»Es ist, glaube ich, wegen der Bilder ...«
»Wegen welcher Bilder? Ach so, wegen der Bilder? Nee, das ist erledigt, da geschieht dir nichts. Lieber gehst du aber am Montag, wenn die Bauern demonstrieren, nicht dazwischen. Aber sonst, da geschieht nichts.«
»Nein, nein, so ist das nicht. Es ist auch die Bombe losgegangen beim Präsidenten.«
»Wegen der Bilder? Du Idiot!« lacht Stuff. »Wegen der Steuern ist die losgegangen, daß die Regierung Angst kriegt. Und die haben auch schon die Hosen randvoll, da sei man sicher.«
»Und es geht mir doch einer nach.« Tredup beharrt. »Nicht schon damals. In den letzten Tagen erst.«
»Weiß jemand vielleicht was von dem Gelde? Wieviel hast du übrigens gekriegt?«
»Dreihundert. – Nein, da weiß niemand von.«
»Also fünfhundert. Du hast viel davon ausgegeben?«
»Zehn Mark!«
»Und deine Frau?«
»Weiß auch nichts. Das Geld ist nicht im Haus.«
»Dann sage du man lieber rechtzeitig jemandem, wo das Geld ist. Es kann einem schließlich mal was passieren.«
»Siehst du, du glaubst es auch! Siehst du! Nein, das erfährt niemand, das ist eingegraben. Und wenn du mich totschlägst, ich verrate es nicht.«
»Schwätz nicht. Du bist ja besoffen. Wer soll dich totschlagen?«
»Nun, der Kerl von der Illustrierten, der mit dir bei mir war, nachts. Oder der mir immer nachläuft.«
»Wer läuft dir denn immer nach?«
»So ein kleiner Dicker. Mit krausem Haar. Schwarz.«
Stuff fällt plötzlich was ein: »Sag mal, kennst du Perduzke?«
»Perduzke? Nein. Wer soll das sein?«
»Höre mal, Tredup«, sagt Stuff und lehnt sich über den Tisch. »Hast du vielleicht in letzter Zeit was ausgefressen? Irgend etwas Großes, meine ich, nicht so etwas Kleines mit der
la main, wenn du allein im Laden bist, Annoncen werben.«
»Du bist ein Schwein«, sagt Tredup, »du bist wirklich ein Schwein. Aber, damit du es weißt: weder was Kleines mit der
la main noch was Großes.«
»Totsicher nicht?« Stuff glotzt beschwörend.
»Totsicher nicht. Weder geklaut noch Verführung zum Meineid, noch Abtreibung, noch Bomben, noch sonst was.«
»Ich glaube, er lügt diesmal wirklich nicht«, sagt Stuff. »Dann ist Perduzke ein Idiot. Laß ihn ruhig nachlaufen, Tredup, der tut dir nichts. Der meint wen anders.«
»Aber ich habe Angst, Stuff. Immer, wenn ich mich umdrehe, ist da jemand. Und am schlimmsten ist es, wenn keiner da ist, dann habe ich den Kopf ewig im Nacken, bis ich ihn wiedersehe.«
»Feigling! Du solltest bei uns im Felde ...«
Aber Tredup fährt unbeirrt fort: »Es ist da eine Stelle auf meinem Hinterkopf, die fühle ich ständig. Weißt du, quer über den Schädel, ein schmaler Streifen. Hier, vom Wirbel ab. Das ist kein Scherz. Da sitzt ewig ein Druck und ich weiß, da kriege ich mal einen mit der Hacke über den Schädel. Das fühl ich schon. So von hinten über den Schädel. Und dann liege ich da und bin weg.«
Er starrt Stuff erwartungsvoll an.
»Wir hatten da einen Vizefeldwebel im Felde«, setzt Stuff ein. »Mit dem fing es auch so an.«
»Rede nicht«, unterbricht Tredup. »Du sollst mir sagen, was ich tun kann. So werde ich noch verrückt.«
»Der Vizefeldwebel«, widerspricht Stuff hartnäckig, »kam auch in eine Anstalt ...«
Tredup steht brüsk auf. »Guten Abend, Stuff. Du machst wohl die Zeche in Ordnung.«
Nimmt seinen Hut und geht.
7
Es ist immer noch Sommernacht draußen, eine dunkle, mondlose Sommernacht, in der sich die Baumblätter leise bewegen. Das Wasser über dem Wehr rauscht noch immer, und auf der schwarzen Fläche des Teichs liegen die glänzenden Reflexe der Gaslaternen.
Tredup lehnt mit seinem Rücken gegen einen Baum und mustert aufmerksam den Weg in die Stadt. Die Fahrbahn liegt unbewegt und klar im Schein der Laternen da, und auch der Bürgersteig ist leer und fast schattenlos.
Aber die Bäume stehen auf jeder Seite in zwei Reihen, und hinter den starken Lindenstämmen kann ein Mann sich verstecken, oder zwei, man weiß es nicht. Und dann springen sie zu, und da ist die Stelle am Hinterkopf ... Haben sie erst geschlagen, dann ist es nicht so schlimm, aber der Augenblick der Erwartung muß grauenhaft sein.
»Am besten ginge ich noch mal ins Lokal und telefonierte mir eine Taxe vom Bahnhof her«, überlegt er. »Aber nein, da ist Stuff. Und ich komme nicht los von ihm, und das Saufen fängt wieder an und die Weibergeschichten ...«
Tredup tritt in die Mitte der Fahrbahn und beginnt langsam und zögernd vorwärts zu gehen. Ist er auf der Stammhöhe zweier Bäume, so späht er erst lange und vorsichtig hinter sie. Dann geht er weiter.
Zehn, zwölf Bäume sind schon vorbei, und vor ihm tauchen am Ende der Allee die Lichter des Marktplatzes auf, da bewegt sich rasch aus dem schwärzesten Schatten ein kleiner kugliger bärtiger Mann auf ihn zu ... jener, den er gestern schon sah, heute ...
Tredup sieht etwas wie eine ausgestreckte Hand auf sich zu ... Er macht einen ungeheuren Satz, nach dem Marktplatz hin, stößt einen Schrei aus, beginnt zu laufen.
Hinter sich hört er eiliges Schrittetrapsen, nun sind es schon zwei. Einer ruft: »Stehenbleiben oder ich schieße!«
Tredup rast.
Eine andere Stimme ruft: »Laß, Perduzke. Den kriegen wir auch so.«
»Perduzke?« denkt Tredup flüchtig. »Perduzke? Wer ist Perduzke?« Aber er muß laufen, sie kriegen ihn sonst, sie schlagen ihn sonst auf die schmerzende Stelle am Hinterkopf.
Er ist über den erleuchteten Marktplatz fortgelaufen, der jetzt, nach Mitternacht, menschenleer liegt. Dann gegenüber in die Probstenstraße.
»Das ist ein Umweg nach Haus«, denkt er. »Ach, wäre ich doch bei Elise!« Und läuft rascher.
Hinter ihm scheint jetzt nur noch einer zu sein, Tredup bekommt Hoffnung zu entrinnen, der Mann keucht so. Und ganz in der Nähe von hier sind die städtischen Anlagen, wenn er dahin kommt, da ist es dunkel, da finden sie ihn nicht.
Er schlägt einen Haken. Der Verfolger ist mindestens zwanzig Schritt hinter ihm.
Dann knirscht der Kies unter seinen Füßen. Hier ist es herrlich schwarz und Nacht. Tredup überspringt einen Rasenstreifen, wirft sich prasselnd durch ein Gebüsch, läuft ein Stück lautlos auf Gras – und sieht, während er auf der andern Seite in die Calvinstraße einbiegt, ganz hinten den Verfolger mit einer Taschenlampe suchen.
Als Tredup eine Viertelstunde später seine Wohnungstür öffnet, sitzt auf dem Stuhl an der Kommode der schwarzbärtige Dicke. Elise hockt verweint, in ihre Decke geschlagen, auf der Bettkante. Die Köpfe der Kinder zeigen sich und verschwinden wieder.
»Kommen Sie man rein, Herr Tredup«, sagt der Dicke. »Draußen ist noch einer. Jetzt hauen Sie mir nicht wieder ab. Mein Name ist Perduzke von der Kriminalpolizei. Es sollte mich wundern, wenn Herr Stuff Ihnen heute nicht von mir erzählt hätte.«
»Sie waren es doch«, fragt Tredup gespannt, »der mir vorhin bei der Grotte nachlief?«
»Ich und mein Kollege«, bestätigt Perduzke. »Meinen Kollegen scheinen Sie ja wieder losgeworden zu sein.«
»Und Sie sind es gewesen, der mir auch in den letzten Tagen nachgelaufen ist?«
»Seit vorgestern abend.«
»Na, wenn ich das gewußt hätte«, sagt Tredup aufatmend. »Dann hätte ich mir diesen Dauerlauf erspart.«
»Na, na«, meint Perduzke ungläubig. »Das sagen Sie jetzt, wo wir Sie haben. – Jedenfalls muß ich Sie verhaften.«
»Und warum?«
»Warum? Überlegen Sie sich mal.«
»Ich weiß nichts.«
Perduzke sagt bestätigend: »Jeder stellt sich so dumm, wie er kann. Aber darüber sprechen wir dann morgen. Das sieht alles ganz anders aus, wenn man erst einmal eine Nacht in der Zelle gesessen hat.«
»Max«, flüstert Frau Tredup. »Max, wenn du etwas getan hast, vielleicht wenn du gleich gestehst, daß der Herr dich hierläßt.«
»Überlegen Sie es sich«, sagt Perduzke. »Ihre Frau ist vernünftig.«
»Nichts, Elise, sorge dich nicht. Es ist Unsinn. Aber geh morgen gleich auf das Rathaus zu Bürgermeister Gareis und sage ihm, daß ich verhaftet bin und ihn sprechen müßte.«
»Gareis? Was haben Sie mit dem Bürgermeister?«
»Also, nicht wahr, Elise, du tust es bestimmt? Nicht vergessen, nicht aufschieben, dann bin ich morgen abend wieder bei dir.«
»Das bringt nun nicht einmal ein roter Bürgermeister fertig. Dann kommen Sie man, Herr Tredup.«
»Und dem Stuff Bescheid sagen. Nicht dem Wenk. Dem Stuff. Gute Nacht, Elise.«
»Gute Nacht, Max. Ach, Max, wie werde ich denn schlafen können ... und die Kinder ... Ach, Max.«
»Nichts. Nichts, Elise. Es ist sogar gut, daß er mich verhaftet hat. Hab ich doch wieder eine ruhige Nacht.«
»Ach, Max ...«
8
Bei Bürgermeister Gareis sitzen an einem klaren sonnigen Julinachmittag des folgenden Tages vier Herren beisammen. Durch die großen Fenster brechen Fluten fröhlichen Lichtes und beleuchten das liebenswürdige fette Gesicht des schwersten Mannes von Altholm, die beweglichen, jetzt etwas betrübten Züge von Assessor Meier, Vertreter der Regierung in Stolpe, das recht verkniffene unzufriedene Gesicht von Polizeioberst Senkpiel und die beflissen aufmerksame Miene des Polizeioberinspektors Frerksen.
Gareis sieht noch liebenswürdiger aus, lächelt noch freundlicher: »Aber, meine sehr verehrten Herren aus Stolpe, warum in aller Welt soll ich diese Bauernkundgebung verbieten?«
Und Assessor Meier, etwas gereizt: »Ich sagte Ihnen schon mehrfach: weil Zusammenstöße zu befürchten sind.«
»Bei unsern Bauern? Die denken nicht daran, tätlich zu werden.«
Assessor Meier sagt betont: »Die Bewegung Bauernschaft ist gefährlicher als KPD und NSDAP zusammen. Ich wiederhole wörtlich einen Ausspruch des Präsidenten, nicht wahr, Herr Oberst?«
Oberst Senkpiel nickt brummig: »Hier
muß am Montag Schupo her.«
Gareis lächelt noch strahlender: »Doch nicht gegen meinen Willen, Herr Oberst?«
Und Assessor Meier eilig: »Was ich Ihnen vortrug, sind Wünsche des Präsidenten. Aber ich muß Sie doch auf die erhöhte Verantwortung aufmerksam machen, wenn Sie diese Wünsche außer acht lassen.«
Meier fingert in seiner Westentasche und befördert einen Zettel ans Licht: »Bei allen ...« beginnt er und schielt kurzsichtig durch sein Klemmerglas.
Der Bürgermeister lehnt sich zurück und faltet gottergeben die Hände über seinem Bauch.
»Bei allen Demonstrationen sind zwei Gesichtspunkte zu beachten: die Stimmung der Demonstrierenden und die Stimmung der Bevölkerung.
Im hier vorliegenden Falle ist die Bauernschaft entschieden erregt, wenn nicht gar aggressiv gestimmt. Ich darf an die Ochsenpfändung in Gramzow erinnern, an die Bombe in der Villa des Regierungspräsidenten.
Dieser Gefahrenmoment wird dadurch erhöht, daß die Bauernschaft kein festes Gebilde ist, sondern etwas Fließendes, Ungreifbares. Sie kennt keine eingeschriebenen Mitglieder, keine Führer.
Bei andern Demonstrationen lassen sie sich, Herr Bürgermeister, die Führer kommen. Sie besprechen mit ihnen das Nötige, vereinbaren Route, Aufmarschart, Sie haben Verantwortliche. Hier nichts. Jeder ist autorisiert und keiner.
Kommt Punkt zwei: die Stimmung der Bevölkerung. Stark sind hier am Orte nur die Parteien SPD und KPD. Daß diese Leute einem Bauernaufmarsch nicht sympathisch gegenüberstehen, versteht sich. Es gibt tausend Reibungsmöglichkeiten, unabsehbare. Ein Zuruf kann eine Schlägerei entfesseln, eine Schlägerei eine Schlacht.
Sie haben hier etwa achtzig kommunale Polizeibeamte –«
»Achtundsiebzig«, sagt der Polizeioberinspektor.
»Eben. Achtundsiebzig. Zwanzig davon dürften auf Urlaub sein.«
»Einundzwanzig.«
»Schon gut, Herr Frerksen. Es kommt mir wirklich nicht auf die Einser an.«
Frerksen knickt zusammen.
»Also ... ich subtrahiere ... Wie war das doch? Ich bitte Sie, Herr Oberinspektor ... einundzwanzig weniger ...«
»Es würden siebenundfünfzig Mann zur Verfügung sein.«
»Richtig. Siebenundfünfzig. Das heißt praktisch höchstens fünfzig, denn Sie können nicht alle Verkehrsposten aufheben.«
»Nur vierzig«, sagt der Bürgermeister.
»Also vierzig. Vierzig! Herr Bürgermeister, Herr Gareis, ich bitte Sie! Da sind dreitausend, da sind ihrer viertausend, da sind vielleicht fünftausend Bauern, die demonstrieren, und in einer feindlichen Umgebung, in einer roten Stadt – Verzeihung! ich gehöre ja selbst der Partei an! –, und Sie wollen mit vierzig Mann kommunaler ungeübter Polizei ... Wenn das nicht Wahnsinn ist! Sagen Sie selbst, Herr Gareis, sagen Sie selbst!«
»Ich will Ihnen kurz und klar antworten:
Ich verbiete die Demonstration nicht!
Ich verbiete sie erstens nicht, weil ich keine rechtliche Handhabe besitze. Ich erlaube hier jeden Tag Umzüge aller Parteien, ich kann keiner Partei eine Sonderstellung einräumen ...
Ich verbiete sie zum zweiten nicht, weil ich keine Gründe für ein Verbot sehe. Die Bewegung Bauernschaft mag sein, wie sie will: ihre Mitglieder sind nicht aggressiv. Gramzow ist grade ein Beweis dafür. Man hat passiven Widerstand geübt, man hat auch Ochsen geschlagen, keinem Menschen ist ein Haar gekrümmt worden.
Ich verstehe ja, daß man wegen der Bombengeschichte in Stolpe nervös ist ...«
»Nervös, Herr Bürgermeister ...«
»Also nicht nervös ist. Nichts spricht dafür, daß dies Attentat von der Bauernschaft ausgeht. Der erste Verhaftete ist ein Angestellter des Finanzamts, der angegeben hat, sich an dem Regierungspräsidenten rächen zu wollen, den er aus idiotischen Gründen für schuldig an seiner Entlassung hält. Der zweite Verhaftete – nun, der ist erst recht kein Bauernschaftsmann, wie grade Sie wissen sollten, Herr Assessor.«
»Auch ich halte diese Verhaftung für einen Mißgriff.«
»Wir sind einig. Darin. Also: die Bauernschaft ist nicht aggressiv. Bleibt die Haltung unserer Arbeiterschaft. Die Demonstration findet wahrscheinlich zu einer Zeit, wo unsere Arbeiter in den Fabriken sind, statt.
Und zum Schluß, grundsätzlich: man muß Demonstrationen ins Leere stoßen lassen. Je mehr Aufwand, je mehr Reibungsmöglichkeiten. Stellen Sie zwei Hundertschaften auf und den Bauern fällt erst ein, daß sie gefährlich werden könnten. Vierzig Mann sind nicht viel, aber vierzig Mann sind vollkommen ausreichend. Ich sage Ihnen: es passiert nichts.
Und ich sage Ihnen: ich tue nichts.«
Der Bürgermeister macht eine rasche Bewegung: »Ins Leere stoßen. So. Ich bin fertig. Ich bedauere; es ist etwas lang geworden. Aber ich denke, jetzt ist alles geklärt.«
Und Gareis sieht strahlend auf die andern Herren. Dabei tastet seine Hand nach hinten. In seinem Rücken hängt vom Schreibtisch die Birne einer Klingel. Er drückt einmal, zweimal, dreimal.
Assessor Meier gibt sich einen Ruck: »Nein, Herr Bürgermeister, ich muß Ihnen wiederholen: es ist noch nichts geklärt. Ihre Entscheidung ist unmöglich. Ihre Entscheidung nehme ich nicht nach Stolpe mit. Herr Regierungspräsident hat mich angewiesen –«
Die Tür tat sich auf und Sekretär Piekbusch erscheint eilig und erregt: »Herr Bürgermeister! Herr Oberbürgermeister läßt fragen, ob Sie einen Augenblick abkommen können. Es ist dringend wichtig.«
Der Bürgermeister erhebt sich: »Sie hören, meine Herren. Sie entschuldigen mich. Ich bin sofort zurück. Vielleicht sprechen Sie mit Frerksen über die Lage. Herr Frerksen kann Ihnen auch jede Auskunft geben.«
Und Gareis verschwindet.
9
Gareis steht prustend im Vorzimmer: »Laß sie schwätzen drinnen, Genosse Piekbusch, es war höchste Zeit, daß ich den Klingelknopf zu fassen kriegte. Diese Stolper – ein Knallbonbon geht los und bloß weil ihr bißchen Leben in Gefahr war, möchten sie gegen alle Welt Ausnahmegesetze machen.«
»Drüben bei Assessor Stein sitzt auch der Bauer Benthin. Ich hab ihn drüben hingesetzt, daß die hier ihn nicht zu sehen kriegen.«
»Gut. Das paßt grade.«
Und Gareis läuft über den Gang, schwankend, prustend, zum Zimmer des Assessors.
Auf dem Gang steht unschlüssig eine Frau, deren Gesicht bei seinem Anblick heller wird. Der Bürgermeister, in dessen Vorzimmer alles sitzt, was Hilfe braucht – er hat auch das Wohlfahrtsdezernat –, der Bürgermeister bleibt stehen und fragt: »Na, wollen Sie zu mir, junge Frau?«
»Ja, Herr Bürgermeister. Ja doch. Und dann hörte ich, Sie wären nicht zu sprechen. Und sie haben doch meinen Mann verhaftet.«
»Ihren Mann? Das ist schlimm. Wer ist denn Ihr Mann?«
»Der Tredup, Herr Bürgermeister, der Tredup von der Chronik, der bei Ihnen war wegen der Bilder.« Rasch und sich überstürzend: »Und wenn er jetzt vielleicht auch was ausgefressen hat und wenn das mit den Bildern nicht recht war: er ist doch ein guter Mann. Es ist ja doch nur, daß wir kein Glück haben und daß immer was Neues bei uns kommt. Und fleißig ist er und trinkt nicht und spielt nicht, und nach jeder Annonce läuft er zehnmal, und abends sitzt er bis in die Nacht und schreibt Adressen. Nur, daß alles nichts hilft und die zwei Kinder da sind, und man kommt nicht vorwärts.«
»Na, jetzt muß es Ihnen doch aber besser gehen, wo er die tausend Mark für die Bilder bekommen hat?«
»Tausend Mark? Mein Max? Aber Herr Bürgermeister, das ist doch wohl nicht möglich, davon müßte ich doch wissen. Wo die letzten Tage kaum Geld im Haus war, bis ihm Wenk, das ist der Geschäftsführer, zehn Mark Vorschuß gab.«
Gareis blinzelt ein wenig: »Na, vielleicht hat er das Geld auch noch nicht bekommen. Aber er bekommt es gewiß. Ich werde mich mal erkundigen.«
Und die Frau: »Ist es denn sicher mit den tausend Mark? Oh, Herr Bürgermeister, wenn das wahr ist! Tausend Mark ... Und man könnte endlich einmal Wäsche kaufen für die Kinder und Schuhe, und Max braucht auch so viel ...«
»Es ist ganz bestimmt, Frau Tredup. Und jetzt hat man also Ihren Mann verhaftet?«
»Ja, Gott, ich vergesse es ja. Es ist nur, weil ich so aufgeregt bin. Und Sie möchten so gut sein und ihn besuchen. Wenn Sie es tun wollten? Wenn es keine Frechheit wäre zu bitten?«
»Nein, nein, ich werde ihn schon besuchen. Wahrscheinlich heute noch. Und dann ängstigen Sie sich nicht. Ihr Mann hat nichts ausgefressen. Ihr Mann ist bald wieder bei Ihnen.«
»Ich danke auch schön, Herr Bürgermeister. Und die tausend Mark?«
»Sind Ihnen sicher. – Also dann, ich werde ihn grüßen, Ihren Max.«
»Ich danke auch schön, Herr Bürgermeister. Und dann ...«
Aber Gareis ist schon drinnen im Zimmer vom Assessor Stein, die Tür klappt grade hinter ihm zu.
Am Fenster steht der Bauer Benthin, der einzige Landwirt in Altholm, bekannt unter dem Namen »Mottenkopp«, weil in seinen grau und blond gescheckten Haarwuchs eine Flechte runde »Mottenlöcher« gefressen hat. Er dampft aus einem urmächtigen Knösel.
»Behalten Sie die Piep im Mund, Vadder Benthin, immer dampfen Sie ruhig weiter. Nun, was macht das liebe Leben? Frau munter? Ist der Junge schon da?«
»Danke der Nachfrage, Herr Burgemeister. Das geht ja alles soweit. Auf den Stammhalter warten wir noch. Das kann ja nun wohl jeden Tag losgehen.«
»Na, bei uns hier auch, nicht wahr?«
»Bei uns auch? Wie meinen Sie denn das, Herr Burgemeister?«
»Ich habe so was gehört, ihr wollt hier großen Trara machen. Massendemonstrationen. Zehntausend Bauern. Widerstand gegen die Staatsgewalt. Aufruhr. Revolution.«
»Gott, Herr Burgemeister, seh ich so aus? Ich bin man auch ein ruhiger Mann.«
»Und die andern? Die Bauernschaft? Die Bewegung?«
»Das sind doch auch alles Leute wie ich, Herr Burgemeister.«
»Aber was wollt ihr denn? Ihr müßt doch hier was wollen? Umsonst zieht ihr hier doch nicht auf die Straße?«
»Wir wollen doch unserm Franz Reimers unsere Sympathie kundgeben. Sehen Sie mal, Herr Burgemeister, da sitzt der Mann nun, und alles wegen der verfluchten Steuern. Es ist schwer mit den Steuern, Herr Burgemeister, glauben Sie mir das.«
»Weiß ich, weiß ich, Vadder Benthin. Wir müssen mal wieder eine feine Ausstellung machen, wie wir beide sie voriges Jahr gedeichselt haben. Das bringt Leben in die Bude.«
»Die Ausstellung war gut, Herr Burgemeister, da gibt es nur eine Stimme.«
»Na ja, und am Montag, wird es da auch gut?«
»Gott, warum soll es nicht gut werden? Wir sind friedlich. Da wird ein Lied gesungen, und da werden ja dann wohl Reden gehalten. Und sehen Sie, Herr Burgemeister, es sind auch Junge unter uns und Verbitterte, manchen geht es sehr dreckig. Nun, Sie brauchen ja nicht zuzuhören, was da geredet wird. Es wird soviel geredet. Darum fällt noch lange nichts um.«
»Ich will Ihnen mal was sagen, Benthin, und darum habe ich Sie kommen lassen. Sie sind ein oller Altholmischer und ich denke, Sie haben was übrig für die Stadt, wenn es auch nur ein olles Fabriknest ist. Also, Vadder Benthin, wir haben zusammen die schöne Ausstellung gemacht und nun sehen Sie mich an und sagen mir ins Gesicht, daß am Montag nicht gestänkert werden soll und nichts zerschlagen.«
»Herr Burgemeister, es wird eine ruhige Sache, ich kenne doch uns Bauern.«
»Und Sie versprechen mir in die Hand, Vadder Benthin, daß Sie am Montagvormittag noch mal mit den Führern zu mir kommen, damit wir besprechen, wie und wann und wo marschiert wird?«
»Versprech ich, Herr Burgemeister.«
»Und Sie versprechen mir auch heilig, daß Sie am Montag von selbst zu mir kommen, wenn Sie merken, es soll gestänkert werden. Es wäre doch eine Schande, wenn es hieße, in Altholm hat es Stänkerei gegeben mit den Bauern!«
»Versprech ich, Herr Burgemeister.«
»Na, dann ist ja alles in Ordnung, Vadder Benthin. Und grüßen Sie die Frau. Und daß der Stammhalter bald und gut kommt.«
»Dank auch schön, Herr Burgemeister.«
»Und Sie versprechen, daß ich ruhig schlafen kann, Vadder Benthin, und ohne Sorgen?«
»Wie mein Sohn in seiner Wiege schlafen soll, Herr Burgemeister, wie mein Sohn.«
10
»Ich will Ihnen etwas sagen«, erklärt unterdes Assessor Meier mit ungewöhnlichem Nachdruck. »Ich denke gar nicht daran, mit diesem dickköpfigen Bescheid von Gareis nach Stolpe zurückzukommen. Sie wissen Bescheid, Herr Oberst. Mein verehrter Herr Chef, die Ohren reißt er mir ab.«
Meier steht auf, der Klemmer fällt von seiner Nase und schlägt am Bande schaukelnd ein paarmal gegen die Weste. »Ohren abreißen? Ich bin erledigt, einfach erledigt, wenn ich mit diesem Bescheid nach Stolpe komme. Und ich werde es Ihrem Bürgermeister sagen, Herr Polizeioberinspektor, ich werde es ihm mit aller Deutlichkeit sagen: die Demonstration wird verboten!«
Er stand da, sein fettes Gesicht zitterte, Haare hingen ihm in die Stirn.
»Auch ich bin der Ansicht ...« begann der Oberst.
Aber Meier war von Energie ergriffen, er sah seine Karriere bedroht, er rief: »Es handelt sich hier nicht um Ansichten, es handelt sich hier um Staatsnotwendigkeiten! Die Demonstration wird verboten!«
»Soweit ich meinen Chef kenne ...« beginnt vorsichtig und verbindlich der Polizeioberinspektor ...
»Auch ich kenne meinen Chef!« ruft der Assessor. »Glauben Sie, er vergißt je die Bombengeschichte? Die haben Sie uns eingebrockt! Sie, Herr Frerksen, und Ihr famoser Chef, Genosse Gareis. Glaubt er, er ist Mussolini? ›Ich sehe keine Bedenken.‹ Herrlich, vorzüglich, da
mein Chef ...«
Er bricht ab und starrt vor sich hin. Mit neuer Kraft: »Sie haben diesen Bilderonkel zu uns gebracht, mit diesem Bilderonkel fing das Unheil an. Ohne die Bilder keine Bombe. Temborius verzeiht nie! Und er hat Verbindungen im Ministerium!«
Der Polizeioberst räuspert sich mißbilligend.
Der Assessor, eilig und leise: »Wir sind unter uns. Herr Frerksen, wenn Sie auch diese Uniform tragen: Sie sind ein ziviler Mensch. Im Vertrauen gesagt: Herr Regierungspräsident hat mir vor meiner Abreise hierher gesagt: ich verlange ein exzeptionell scharfes Vorgehen gegen diese Bauernlümmel.«
Der Oberst räuspert sich, stärker.
Und der Assessor noch eiliger und leiser: »Wir sind unter uns, Herr Oberst. Wollen Sie, daß hier Blut fließt? Die Bauern sind übermütig –« Mit Elan: »Sie spotten des Staates! Schlimmeres bleibt verhütet, wenn die Demonstration unterbleibt. Zwei Hundertschaften Schupo, unter bewährter Führung, und die ankommenden Demonstranten werden sofort aufgelöst, Herr Oberinspektor!«
Frerksen bewegt bedauernd den Kopf: »Ich bin einflußlos, Herr Assessor ...«
»Sie sind
nicht einflußlos. Ich bin im Bilde! Sie sind der Mann seiner Wahl, seines Vertrauens. Er hat Sie zum Oberinspektor gemacht, gegen die Bürgerlichen, gegen den Oberbürgermeister, gegen den Magistrat, fast gegen die eigenen Genossen. Er hört auf Sie.«
»Er hört nur auf sich.«
»Sagen Sie ihm: die kommunale Polizei ist zu schwach. Sagen Sie ihm, daß Sie die Verantwortung nicht tragen können. Setzen Sie ihm die Pistole auf die Brust, gehen Sie auf Urlaub – nur, verhindern Sie die Demonstration. Gareis braucht Sie zur Ausführung seiner Befehle. Verweigern Sie ihm die Hilfe und verhindern Sie diese wahnwitzige staatsfeindliche Demonstration.«
»Es liegt außer meiner Macht ...«
»Wer ist schon Gareis? Ein zufällig gewählter Vertreter einer zufällig gewählten kommunalen Mehrheit. In diesem Herbst sind neue Wahlen. Die Verbindungen des Oberpräsidenten ...«
»Meine Herren«, sagt Polizeioberst Senkpiel und erhebt sich mit einem Ruck: »Dies geht nicht.«
Die beiden andern starren ihn an.
»Außerdem ist Gareis, soviel ich weiß, eng mit dem Minister befreundet.«
»Wir sind unter uns, Herr Oberst, seien Sie ganz unbesorgt, wir sind unter uns. Was ist schon ein Bürgermeister? Nicht wahr, Sie wollen doch weiter, Herr Oberinspektor? Verhindern Sie diese Demonstration!«
»Meine Herren«, beginnt flüsternd und hastig der Polizeioberinspektor und schaut scheu zur Tür. »Ich verstehe Ihren Standpunkt, ich kann fast sagen: ich teile ihn. Aber Ihre Voraussetzung ist falsch. Ich bin machtlos, ich bin ohne Einfluß. Suchen Sie ihn zu überzeugen, Herr Assessor, ich will gerne, soweit es meine Stellung erlaubt, in die gleiche Kerbe hauen. Mehr zu tun, ist mir unmöglich.«
»Soweit es Ihre Stellung erlaubt!« Des Assessors Stimme klingt verärgert. »Man muß sich manchmal entscheiden können, mein lieber Oberinspektor. Man muß manchmal Opfer bringen, wenn man etwas erreichen will.«
»Trotzdem! Trotzdem! Meine Stellung hier. Ich bin nicht beliebt in der Stadt.«
Senkpiel trommelt gegen die Scheiben. »Sind Sie nun bald fertig, meine Herren? Es hört sich nicht sehr hübsch an. Außerdem kann Gareis jeden Augenblick wiederkommen.«
Der Assessor springt auf, läuft erregt hin und her: »Und es soll bei dieser Entscheidung bleiben? Unmöglich! Vollkommen unmöglich! Es muß ...« Er bleibt stehen, seine Züge erhellen sich. »Kommen Sie her, meine Herren. Auch Sie bitte, Herr Oberst. Ein anderer Vorschlag:
Die Demonstration findet statt. Sie wird gestattet. Sie staunen, meine Herren? Sie wundern sich? Ja, wir gestatten die Demonstration der Bauern, wir sind großzügig. Aber –
Aber Sie, Herr Oberinspektor Frerksen, Sie haben die Führung der kommunalen Polizei. Sie ordnen den Zug. Sie besichtigen ihn. Sie haben ein Auge auf ihn, ein exzeptionell scharfes Auge.«
Ganz langsam: »Und wenn Sie irgend etwas merken, etwas Anstößiges, Aufreizendes, Staatsfeindliches – ein Zuruf, ein Lied schon kann es sein –, so schreiten Sie ein, so lösen Sie den Zug auf.«
Der Assessor schaut triumphierend, der Oberst meint skeptisch: »Mit vierzig dMann kommunaler Polizei. Ich beglückwünsche Sie zu dieser Aufgabe, Herr Frerksen.«
Der Assessor lächelt: »Richtig, das sagte ich noch nicht. Eine ganz kleine Konzession wird mir unser lieber Gareis doch machen, da ich ihm soweit entgegenkomme. Zwei Hundertschaften legen wir hier in Bereitschaft, ganz unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Etwa auf den Rathaushof, in der Marbedeschule, die ja auch zur Hand ist. Das tut er doch, nicht wahr, Herr Frerksen?«
»Ich weiß nicht ... es ist schon möglich ... ich zweifle allerdings ...«
»Die Leute sollen ja nicht zum Einsatz kommen. Nur für den äußersten Fall der Not, Herr Oberinspektor, das muß ihm doch recht sein!«
Er wendet sich rasch zu dem eintretenden Gareis: »Also, Herr Bürgermeister. Wir haben alles noch einmal durchgesprochen. Herr Frerksen hat mir wertvolle Aufschlüsse gegeben:
Unsere Bedenken sind nicht zerstreut, aber wir wollen sie zurückstellen. Sie mögen den besseren Kontakt mit den Bauern haben seit Ihrer vorzüglich gelungenen landwirtschaftlichen Ausstellung. Also, die Demonstration findet statt, sie wird freigegeben.«
»Ich habe das bereits eben einem Führer der Bauernschaft mitgeteilt.«
Meier verzieht das Gesicht ein wenig: »Nun also. Ist auch das in Ordnung. Nur eine Konzession müssen Sie uns machen: für den schlimmsten Fall legen wir Ihnen ein oder zwei Hundertschaften Schupo her, auf den Rathaushof, in eine Schule.« Sehr rasch: »Nein, nein, niemand erfährt davon, die Leute kommen nachts. Es ist nur, daß Sie Hilfe zur Hand haben. Ich würde sogar, nun, ich will es verantworten, die Leute unter Ihren Befehl stellen.«
Der Oberst grunzt.
Der Assessor lächelt nervös: »Unser lieber Oberst Senkpiel scheint zu protestieren. Aber Sie verstehen doch, Herr Oberst, so schwierig, wie der Fall gelagert scheint. Nicht wahr, Herr Bürgermeister, wir sind einig?«
Der Bürgermeister lächelt: »Ich bin längst einig und zwar mit mir selber. Schupo kommt nicht nach Altholm. Was Sie da sagen von ›heimlich‹, ›niemand erfährt davon‹, ist, entschuldigen Sie, Herr Assessor, Unsinn. Auf den Rathaushof gehen hundert Fenster, ganz abgesehen davon, daß auch in Altholm Leute manchmal nachts auf sind und die Schupo kommen sehen.
Nein, all das kommt nicht in Frage. Es gibt keine Zusammenstöße.«
»Herr Bürgermeister, ich bitte Sie, der Regierungspräsident ...«
»Auch der Regierungspräsident kann an meiner Entscheidung nichts ändern.«
»Wir werden Ihnen einen Befehl geben!«
»Ich wende mich dann an den Minister. – Aber, lieber Herr Assessor, was erregen wir uns? Ich trage die Verantwortung, ich allein. Der Fall ist erledigt.«
»Er ist
nicht erledigt. Er kann und darf nicht so erledigt sein.«
»Ich versichere Ihnen, er ist erledigt.«
»Dann«, ruft der Assessor verzweifelt aus, »dann bleibt uns nichts, als die Schupo nach Grünhof zu legen, nach Ernsttal. In die Vororte.«
»Was außerhalb meines Amtsbezirks geschieht, kann ich nicht hindern. Gut ist es nicht, denn auch dort wird die Schupo gesehen.«
»Und Sie werden diese Schupo benutzen, Herr Bürgermeister. Ich prophezeie Ihnen ...«
»Prophezeien Sie nicht, Herr Assessor, man hat nie den Propheten geglaubt. – Eine andere Frage: wissen Sie zufällig, ob der Tredup seine tausend Mark bekommen hat?«
»Gewiß doch«, sagt der Assessor übellaunig.
»Sie sind sicher?«
»Wo ich doch dabei gestanden habe, wie er sich das Geld genommen hat!«
»Genommen hat, ist gut. Aber das ist wirklich seltsam ...«
»Ja, Herr Bürgermeister, meine Obliegenheiten sind also dann erledigt. Ich verhehle Ihnen nicht, ich gehe mit sehr schwerem Herzen. Herr Regierungspräsident wird äußerst ungehalten sein.«
»Sie werden am Dienstag wissen, daß ich recht hatte.«
»Ich hoffe es, aber ich kann nicht daran glauben. Adieu, Herr Bürgermeister.«
»Adieu, Herr Assessor. Es hat mich sehr gefreut.«
Der Assessor schüttelt dem Oberinspektor die Hand: »Adieu, Herr Frerksen.« Leise: »Wir verlassen uns ganz auf Sie.«
Die Herren von der Regierung gehen ab.
Der Bürgermeister sehr scharf: »In was verläßt sich Stolpe ganz auf Sie, Herr Frerksen?«
Frerksen fährt zusammen: »Oh, die haben mir nur die Ohren voll geblasen, daß ich Ihnen wegen der Schupo zureden soll.«
Gareis mustert seinen Oberinspektor lange: »Na ja, Frerksen, wie Sie meinen. Das mit der Schupo war ja wohl schon erledigt. Nein, bitte erzählen Sie mir nichts. Aber ...« sehr scharf: »... hier gelten meine Befehle.«
Plötzlicher Übergang, sanft lächelnd: »Und Sie haben ja wohl aus der Bildergeschichte gelernt, was für Dank man sich aus Stolpe holt. Ich bin nur ein kleines Pferd«, er bewegt seinen ungeheuren Körper, »aber vielleicht mache ich doch das Rennen.«
11
Das Zentralgefängnis der Provinz liegt etwas außerhalb Altholms. Mit seiner roten Backsteinarchitektur, dem Grauweiß der zementgeputzten Mauern, nur unterbrochen von den monotonen vergitterten Fensterlöchern der Zellen, macht es selbst an einem strahlenden Julinachmittag einen trostlosen Eindruck.
Bürgermeister Gareis weiß Bescheid, er ist schon öfter dort gewesen. Als auf sein Klingeln ihm ein Wachtmeister die Tür des Einfahrthauses aufschließt, sagt er kurz: »Zu Direktor Greve. Ich weiß den Weg.«
Der Wachtmeister sieht ihm nach, wie er langsam und ohne Hast, schwerfällig aus dem Torhaus hinaustritt, auf den Hof, in die Sonne. »Der sollte man gleich hier bleiben, der rote Bonze«, denkt er und schiebt krachend die Riegel wieder zu.
Auf dem Hof ist mit zwanzig Quadratmetern Rasen, zwei Beeten Geranium und vier Rosenstöcken ein schüchterner Versuch gemacht worden, Anlagen zu schaffen, aber es bleibt ein Steinhof, eine trostlose Häufung von Granit, Ziegelsteinen, Zement und Eisen. Links das Untersuchungsgefängnis, rechts das Jugendgefängnis, gradezu der Bürobau, in dessen oberem Stockwerk, gekrönt von einem goldenen Kreuz, der »Betraum«, die Kirche untergebracht ist.
Gareis kann nicht anders, als er dieses blitzende goldene Kreuz betrachtet, muß er die Unterlippe vorschieben, die Schultern bewegen und »Na ja« sagen.
Ein Wortwechsel, laute und polternde Stimmen ziehen seinen Blick vom Kreuz auf ein Auto, einen geschlossenen Privatwagen, der vor dem Untersuchungsgefängnis hält. An dem Wagen stehen zwei uniformierte Wachtmeister, ein Zivilist, in dem er seinen eigenen Kriminalkommissar Katzenstein erkennt, und ein zweiter Zivilist, auf den von den andern dreien heftig eingeredet wird.
Der Zivilist soll irgend etwas tun, scheinbar den Wagen besteigen, aber er steht dort, den Rücken fest gegen die Mauer gelehnt, die Hände schlagbereit vor sich. Die Wachtmeister schelten auf ihn ein, abwartend, ruhiger redend, mehr im Hintergrund, Kommissar Katzenstein.
Einen Augenblick steht Gareis unschlüssig, da erinnert er sich plötzlich, wer der Zivilist ist. Er überquert den Steinplatz, geht eilig auf den Bedrängten zu und streckt ihm die Hand hin: »Guten Tag, Herr Reimers. Freut mich, Sie zu sehen. Ausfahrt machen, was?«
Reimers sieht ihn mit seinen kalten grauen Augen prüfend, aber nicht ganz mißbilligend an: »Ganz zufällig, Herr Bürgermeister, was, daß wir uns hier wiedersehen?«
Gareis lacht: »Man wird mißtrauisch, wenn man in so einem Käfig tagaus, tagein mit seinem eigenen Ich zusammenhockt? Alle andern draußen halten gegen einen zusammen, wie?«
»Sie reden aus Erfahrung?«
»Als ob ich auch schon gesessen hätte? Hab ich, hab ich. Pressevergehen. Aber man konnte mir nichts beweisen und so durfte ich denn noch Bürgermeister von Altholm werden.«
»Sie haben Schwein gehabt. Mir kann man was beweisen.«
»Aber Sie haben mildernde Umstände. Schlimm wird es nicht. Und Bürgermeister wollen Sie ja nicht werden.«
»Ich bin Bauer.«
»Das Beste«, bestätigt Gareis. »Übrigens, was macht Ihr schwarzbunter Stier, der auf unserer Ausstellung den ersten Preis bekam?«
Reimers lächelt, er lächelt wirklich: »War in diesem Frühjahr auf der Großen landwirtschaftlichen Ausstellung in Stettin, hat den Ehrenpreis der Landwirtschaftskammer bekommen.«
»Nun also«, sagt Gareis. »Übrigens sehe ich Sie wirklich zufällig, Herr Reimers. Ich will hier jemand anders besuchen, der übrigens auch mit Ihnen – vielleicht – zusammenhängt. Einen Tredup. Einen gewissen Tredup.«
»Tredup –? Dieses Schwein, das die Bilder verraten hat! Zu dem gehen Sie?!«
»Richtig! Zu dem gehe ich.« Gareis lächelt. »Er steht nämlich in dem Verdacht, die Bombe gelegt zu haben, in der Nacht, als Sie verhaftet wurden.«
»Der –?? Die Polizei – –«
Reimers kommt nicht weiter. Einer der Wachtmeister hat die Unterredung des Bürgermeisters mit dem Häftling unter steigender Mißbilligung angehört. Jetzt explodiert er fast: »Es ist verboten, mit den Gefangenen ohne Sprecherlaubnis zu reden. Gehen Sie weg!«
Der Bürgermeister strahlt: »Richtig, Sie sind ein pflichttreuer Beamter. Sagen Sie mal, hat Ihnen der da, der Katzenstein, auch seine Sprecherlaubnis vorgezeigt?«
»Das geht mich nichts an. Das ist ein Kriminalbeamter.«
»Richtig. Und ich bin der Vorgesetzte dieses Kriminalbeamten. Also –?«
Der andere Wachtmeister, da sein Kollege wortlos dasteht, beginnt: »Es ist etwas anderes. Herr Bürgermeister, verzeihen Sie, aber, nicht wahr, es ist doch etwas anderes? Die Form?«
»Richtig. Die Form. Und deshalb bitte ich Sie oder Ihren pflichtgetreuen Kollegen, sich einmal zu Herrn Direktor Greve zu bemühen und ihm zu melden, daß ich hier mit einem Untersuchungsgefangenen rede.«
Die Beamten sehen einander an, flüstern miteinander. Der Barsche entfernt sich. Unterdes hat sich der Bürgermeister längst wieder an den Gefangenen gewendet: »Und was war das für ein Disput, der gerade losging, als ich vorbeikam?«
Für den Gefangenen, der schweigt, antwortet Kriminalkommissar Katzenstein: »Herr Reimers sollte von mir zu einer Vernehmung in der Bombensache nach Stolpe gebracht werden. Er will nicht ins Auto.«
»Vernehmung in der Bombensache ist lächerlich. Ich soll nicht hier sein, wenn die Bauernschaft demonstriert.«
»Das glaube ich auch«, sagt Gareis bieder. »Man will Sie gerne von hier weg haben. Finden Sie das so dumm?«
»Nein, schlau sind die. Aber ich bin ebenso schlau.«
»Schließlich«, beginnt der Bürgermeister langsam, »könnte man Sie mit Gewalt abtransportieren. Hier sind viele, Sie sind einer. Sie könnten schreien, hier ist schon mehr geschrien worden. Es ist immer dumm, sich aussichtslos zur Wehr zu setzen, weil es zwecklos ist.«
»Aber man soll sich nicht fügen, man soll sich zur Wehr setzen.«
Plötzlich kommt Leben in Gareis: »Selbstverständlich soll man kämpfen, Herr Reimers. Kämpfen Sie um Ihren Hof, für die Bauernschaft, gegen den Staat meinethalben, wenn Sie müssen – das ist Kampf. Aber einer gegen zwanzig körperlich sich rumhauen – das ist Idiotie.«
»Ich gehe nicht weg«, sagt trotzig der Bauer.
»Natürlich gehen Sie weg«, sagt Gareis wieder sanft. »Natürlich gehen Sie. In diesem Gefängnis«, er sieht an den Mauern empor, »liegen achthundert bis tausend Gefangene. Am Montag ist Demonstration unter diesen Fenstern, Musikkapellen, Reden, Gebrüll – glauben Sie, Mann, ich bin ein Narr, das zu gestatten, damit achthundert Gefangene nächtelang toben, weinen, brüllen, sich verzweifelt raussehnen? Bloß weil es Ihre Eitelkeit kitzelt?«
»Ich bin nicht eitel.«
»Dann sind Sie dumm. Haben Sie geglaubt, unter Ihren Fenstern wird demonstriert?«
»Sie verbieten die Demonstration?!«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Reimers. Man hat von zehn Seiten verlangt, daß ich diese Demonstration verbiete. Ich erlaube sie, weil ich euch Bauern kenne. Ich erlaube Sammlung auf dem Marktplatz, Marsch durch die Stadt, jedwede Rede in Ihrer Auktionshalle, aber – unter die Mauern dieses Gefängnisses stellt sich kein Bauer, dafür stehe ich Ihnen!«
»Sie werden sich nicht abhalten lassen. Sie werden doch kommen.«
»Sie werden nicht kommen. Ich werde am Montagmorgen verbreiten lassen durch die Stadt, daß Sie nicht mehr hier sind. Ganz gleich, ob Sie nun hier sind oder nicht.«
»Das ist eine Gemeinheit!«
»Eine Gemeinheit gegen Sie und eine Wohltat für siebenhundertundneunundneunzig. Seien Sie doch vernünftig, Mann, kämpfen Sie, schlagen Sie mich ins Gesicht, auch ich bin ein Bonze. Ich werde Sie wieder schlagen, ich werde gegen Sie ankämpfen. Aber seien Sie kein Narr. Seien Sie kein Flachkopf.«
Gareis steht noch einen Augenblick, als überlegte er sich etwas. Dann zieht er den Hut, drückt dem Bauern überraschend die Hand, sagt »Guten Tag, Herr Reimers« und geht auf einen Herrn zu, der vor einigen Minuten mit dem Wachtmeister in die Nähe trat und zuhörend stehenblieb.
Der Bauer sieht ihm einen Augenblick nach, dann zum Himmel hoch, dann auf die Gesichter um sich.
»Also fahren wir«, sagt er und steigt in den Wagen.
12
Gefängnisdirektor Greve und Bürgermeister Gareis schütteln einander die Hand, kühl und doch vertraut.
Der Direktor sagt lächelnd: »Wo Sie hinkommen, Herr Bürgermeister, schlichtet sich das Widerhaarige, das Unebene wird glatt. Nun, jedenfalls haben Sie mir einen großen Dienst getan, es wäre nicht angenehm gewesen, gegen den Mann Gewalt anzuwenden.«
»Wie macht er sich denn?«
»Gott, was soll man sagen, nach den paar Tagen! Alle diese Leute sind ja ein Problem. Behandelt man sie so oder so: allemal wird ein Märtyrer daraus. Also behandle ich sie gar nicht.«
»Und er ist nicht aufsässig?«
»Nein, noch nicht.«
»Und was werden Sie später mit ihm machen, wenn er erst verurteilt ist? Tüten kleben? Matten flechten? Netze stricken?«
Der Direktor zögert: »Ich weiß noch nicht. Es bleibt kaum was anderes.«
»Aber Sie haben eine Gartenarbeiterkolonne?«
»Ja, mein Lieber, aber da gibt es Vorschriften. Zur Gartenarbeit darf ich nur Leute abordnen, die mindestens ein halbes Jahr Strafhaft sich einwandfrei geführt haben. Gartenarbeit ist Belohnung.«
»Ich würde da ein Auge zudrücken.«
»Ich nicht. Ich danke, mein lieber Herr Gareis. Zu Anfang macht man in meinem Beruf mal Ausnahmen. Aber das läßt man rasch. Nicht nur, weil keiner dem andern so sehr Vergünstigungen mißgönnt wie der Gefangene selbst. Auch dem Wachtpersonal ist nichts recht und die sind die ersten, die bei der Vollzugsbehörde Klage führen. Grade auch Ihre Leute aus der Partei, Herr Bürgermeister.«
»Ja, gewiß. Es gibt immer Übereifrige. Dabei fällt mir ein ...«
Die Herren bleiben stehen. Gareis taucht in die Tasche seines Jacketts und holt ein Stück Papier hervor, einen Brief, wie sich zeigt.
»Das hat auch ein Übereifriger auf meinen Tisch gelegt, anonym natürlich, und es stammt aus Ihrem Haus, Herr Direktor.«
Der Direktor entfaltet den Brief. Es ist ein Schreiben auf den Vordrucken des Gefängnisses mit Zellennummer und Absendernamen. Absender ist der Untersuchungsgefangene Franz Reimers. Zelle U 317. Es ist kein unwichtiges Schreiben, nein, es ist ein Brief, der den Direktor sehr interessiert. Reimers gibt aus der Haft heraus einem gewissen Georg Anweisungen für die Demonstration am Montag. »Filmapparate, Geldsammlungen. Sich nicht schrecken lassen. Kalter Hohn. Wir müssen zur Macht, diese Regierung ist unmöglich.«
»Nun ja«, sagt der Direktor. »Dies ist auch als Brief nicht uninteressant. Interessanter ist freilich die Frage, wie dieser Brief statt auf meinen auf Ihren Schreibtisch kam.«
»Es scheint«, sagt der Bürgermeister, »ein Original zu sein. Den Empfänger hat der Brief also nicht erreicht. Sie müßten feststellen, Herr Direktor, wo dieser Brief in Ihrem Betrieb verschwand.«
»Er trägt keinen Zensurvermerk. Ist also nicht in die Büros gekommen. Entweder hat ihn ein Wachtmeister unterschlagen oder ein Gefangener hat ihn gestohlen. Es gibt viele Möglichkeiten. Leichter wäre es vielleicht festzustellen, wer ihn auf Ihren Schreibtisch legte.«
»Er kam mit der Post. In einem gewöhnlichen, an mich persönlich adressierten Umschlag. Heute morgen.«
»Und der Umschlag? Haben Sie ihn vielleicht auch hier?«
»Nein. Eine Schreibmaschinenschrift. Daraus ist nichts zu sehen.«
Eine Pause entsteht.
»Jedenfalls muß ich der Sache nachgehen. Es ist schon wieder eine bildschöne Schweinerei. Ich sage Ihnen, dieses ganze Haus, gedrängt voll Menschen, ist eine einzige Hölle von Lügen, Mißgunst, Verrat, Unzucht, Neid. Hier«, sagt er und lächelt trübe, »bessern wir die Gefährdeten.«
»Und Sie werden den Brief dem Empfänger noch zustellen?«
»Sicher. Da er unversehrt in meine Hände gelegt ist?«
»Es bleibt die Möglichkeit, daß der Dieb sich eine Abschrift nahm.«
»Was sollte er damit? Hat es viel Sinn? Empfänger ist ein Georg Henning auf Bandekow-Ausbau. Mir ganz unbekannt.«
»Ein Bauer«, rät der Bürgermeister.
»Sicher ein Bauer. Also es bleibt mir, Ihnen ein zweites Mal zu danken.«
»Sie können rasch mit mir quitt werden, Herr Greve. Ich habe den Wunsch, einen gewissen Tredup, der heute nacht ins Untersuchungsgefängnis eingeliefert wurde, einen Augenblick zu sprechen.«
Der Direktor verzieht sein Gesicht: »Sie wissen, Herr Bürgermeister, es liegt außer meiner Kompetenz. Untersuchungsgefangene dürfen nur mit Erlaubnis des Untersuchungsrichters gesprochen werden.«
»Es handelt sich um den Übereifer eines meiner Kriminalbeamten. Es ist ein Irrtum, den ich in zehn Worten aufklären kann. Es ist ein menschlich bedauerlicher Fall. Frau und zwei Kinder des Verhafteten vergehen vor Angst.«
Der Direktor: »Warum wenden Sie sich nicht an den Untersuchungsrichter?«
»Es lag außer meiner Kompetenz, Reimers zum Abtransport zuzureden, Herr Direktor. Es lag außer meiner Kompetenz, Ihnen diesen Brief zurückzubringen.«
»Ich weiß. Ich weiß. Ich bin Ihnen auch sehr dankbar.«
»Das ist ein Wort. Sie sind kein Mann der Redensarten ...«
»Nein. Aber Sie ahnen nicht, wie diese blödsinnige Bombe bis nach Berlin erregt hat. Rund um Ihren Tredup habe ich alle Zellen ausräumen müssen. Unter seinem Fenster steht ein Posten.«
»Sie könnten der Unterredung beiwohnen, Herr Direktor.«
»Nein. Auch dann nicht. Ich bin fest entschlossen. Es ist unmöglich. Nein.«
»Also, dann muß ich verzichten. Armer Tredup, er wird ein paar ungemütliche Tage verleben. – Und im übrigen, also auf Wiedersehen, Herr Direktor.«
»Auf Wiedersehen, Herr Bürgermeister. – Es tut mir leid. – Warten Sie, ich bringe Sie noch zum Tor.«
»Ich möchte Sie nicht bemühen, Herr Direktor.«
»Es ist mir wirklich keine Mühe, Herr Bürgermeister.«
13
In seinem Amtszimmer angekommen, setzt sich der Bürgermeister einen Augenblick in seinen Sessel und denkt nach. Er stützt den Kopf in die Hände und bewegt sich nicht. Das große Haus ist totenstill, Bürozeit längst vorbei. Er denkt nach, denkt nach.
Er hat Wünsche, Hemmungen. Er sieht die Szenen eben wieder vor sich: den Wortwechsel mit Reimers, dann kam der Greve. Der ist von oben gekommen, aus gutem Bürgerhause. Er selbst hat sich seinen Weg von unten bahnen müssen. Wer von unten kommt, darf nicht empfindlich sein gegen Schmutz.
Der Bürgermeister geht an einen Wandschrank, läßt das Wasser aus dem Leitungshahn in das Becken laufen. Er läßt es lange laufen. Das Geräusch tut ihm gut. Es schläfert seine Gedanken ein, er braucht nicht mehr nachzudenken.
Dann trinkt er ein Glas Wasser und nun geht er auf und ab, auf und ab, und denkt wieder nach.
Er hat nie bedingunglos an den Satz geglaubt, daß der Zweck die Mittel heiligt, heute meint er beinahe, daß er nie richtig ist.
Gleichgültig, er kann nicht mehr umlernen. Was schlimmer ist: er will es nicht mehr.
Er geht zum Telefon und greift nach dem Hörer.
Und hebt ihn nicht ab, geht wieder hin und her, lange, lange.
Der Himmel draußen vor den Fenstern wird durchsichtig grün und die Vögel lärmen nicht mehr in den Baumkronen.
Dann nimmt er den Hörer ab und verlangt eine Verbindung.
»Hier der Bürgermeister. – Ist Pinkus dort von der Volkszeitung? – Nein? Aber er kommt doch noch? – Schön. Sagen Sie ihm, er kann den Brief morgen bringen. Auf der ersten Seite. – Den Brief. – Jawohl. – Den Brief, er weiß schon. – Und er soll zu mir kommen in meine Wohnung, heute abend noch. – Ich will die Aufmachung mit ihm besprechen.«
Der Bürgermeister legt den Hörer zurück.
In seinem Amtszimmer ist es dunkel geworden.
Fünftes Kapitel: Der Blitz ist in der Wolke
1
Es ist Sonntag gewesen und nun ist es Montag geworden, auch in Altholm. Die Sonne ist um 4 Uhr 14 aufgegangen, der Himmel ist hellblau. Es verspricht ein schöner Tag zu werden, auch in Altholm.
Für Stuff ist der Montag ein schlimmer Tag, nicht nur dieser, jeder Montag. Am Sonntag wird es stets später, als es werden soll, und sein Herz hält das Trinken nicht mehr recht aus. Trotzdem ist es kaum sechs vorbei, als er den Burstah entlang schlurft, zuerst zum Hauptbahnhof, um dort die Stettiner Blätter zu kaufen, aus denen er mit seinem »Solinger Mitarbeiter« den Sportteil der Chronik zusammenstellt: reine Scherenarbeit.
»Hoffentlich ist nicht zu viel los«, denkt er, als er die Tür zur Chronik aufschließt und noch einmal den Burstah hinunterschaut. Die Straße ist fast menschenleer, sie sieht so kümmerlich aus im frischen, jungen Morgenlicht. Die Reklamen an den Läden alt und verwittert. »Als hätten wir alle zu sterben vergessen«, denkt Stuff.
Polizeihauptwachtmeister Maak kommt von der Bahnhofswache, wo er wohl Nachtdienst gehabt hat. Stuff winkt ihm. Vielleicht kann er ein paar Neuigkeiten aus der Sonntagnacht erfahren, irgendeinen fetten Lokalriemen.
Aber Maak hat nichts. Es ist alles still gewesen. Vielleicht auf der Rathauswache?
»Da komme ich noch um zehn hin. Au verdammt, wie mein Schädel schmerzt! Was wird das heute mit den Bauern?«
»Nichts. Vielleicht demonstrieren sie gar nicht. Der Reimers ist noch am Freitagabend nach Stolpe gebracht worden.«
»Ist das sicher? Woher weißt du das? Wer hat das gemacht? Euer dickes Schwein von Bonze?«
»Sicher ist es. Katzenstein hat ihn selber im Auto fortgefahren. Und der Bürgermeister war am Freitagabend im Gefängnis, das weiß ich bestimmt.«
»Die Woche fängt gut an. Denkt man, es ist endlich ein bißchen Leben in Altholm bei diesen bescheidenen Zeiten, jagen die Bürgermeister noch die Kundschaft aus dem Laden. Nun, zu einer Lokalnotiz langt es.«
»Ich hab sie dir aber nicht gegeben.«
»Nee, natürlich nicht. Ich weiß Bescheid. Morgen.«
Der Stadtsoldat schlendert weiter die Straße hinunter. Die Verkehrsposten sind noch nicht besetzt, nur ein paar Milchwagen sind unterwegs. Er ist herrlich müde und freut sich erstens auf sein Bett, zweitens auf den Morgenkaffee vorher mit frischen Semmeln und Honig, drittens, daß er die Kinder noch zu sehen bekommt, ehe sie in die Schule gehen. –
Stuff erschrickt, als er auf die Redaktion kommt, und dort sitzt ein weißschopfiger rotglänzender Zwerg: sein Chef.
»Guten Morgen, Herr Schabbelt.«
»Quatsch. Was ist mit dem Tredup?«
»Der sitzt. Er soll die Bombe gelegt haben bei dem Präsidenten.«
»Quatsch. Und was ist mit den Bauern?«
»Fällt aus. Die haben heimlich den Oberbauern am Freitag nach Stolpe gebracht.«
»Hör mal, die wollen uns die Anzeigen wegnehmen vom Magistrat. Es lohnt sich nicht mehr, haben die geschrieben, und sie müssen sparen.«
»Wer hat es unterschrieben?«
»Der Gareis.«
»Definitiv?«
»Es läßt sich vielleicht noch einrenken. Geh heute morgen mal zum Bürgermeister und sag ihm, daß wir fromm sein wollen. Vielleicht läßt er uns dann noch die Anzeigen.«
»Kann das der Wenk nicht?«
»Der kann nicht. Das ist kein Mann, das ist ein besoffener Kleiderständer.«
»Gerne tue ich es nun grade nicht, Herr Schabbelt.«
»Gerne verkauf ich den Käse auch nicht und muß doch.«
»Welchen Käse?«
»Nun den hier!« Der Gnom schlägt erbost auf die Schreibtischplatte. »Den ganzen Käse hier. Mit Rupps und Stupps. Setzerei, Redaktion – eben alles!«
»Herr Schabbelt!«
»Ich weiß. Ich weiß. Da sind Wechsel, und die Schweine haben mir die Hypotheken gekündigt, das ist ein Komplott.«
»Und wer kauft?«
»Meier aus Berlin oder Schulze aus Stettin oder Müller aus Pforzheim.«
»Irgendwer?«
»Natürlich irgendwer, für den kleinen Intriganten von den Nachrichten, den Gebhardt, der so nach Geld stinkt.«
»Herr Schabbelt!«
»Tut mir leid, Stuff. Ist bitter, von der Konkurrenz geschluckt zu werden, ich weiß das. Mußt sehen, daß du noch ein bißchen in letzter Stunde vor denen kriechst, damit sie dich übernehmen. Deswegen hab ich es dir gesagt. Morgen.«
»Na, diese Woche ...« sagt Stuff und starrt vor sich hin. –
Auch der Hauptwachtmeister Maak hat seine Überraschung auf der Wache.
Polizeimeister Kallene empfängt ihn: »Sie können heute nicht nach Haus. Wir liegen in Alarmbereitschaft. Schlafen Sie ein paar Stunden nebenan auf der Pritsche. Um neun Uhr ist Dienstausgabe.«
Auf der Mannschaftsstube sind schon mehr vergrätzte Kollegen.
»Weswegen ist denn das? So eine verfluchte Sauerei!«
»Nun weswegen denn? Auf dem Arbeitsamt wollen die Kommunisten stänkern.«
»Quatsch! Das ist wegen der Bauern.«
»Bauern kommen heute nicht in Frage. Gareis hat den Reimers höchstselbst nach Stolpe expediert.«
»Wer hat diesen Scheiß angerührt?«
»Ich wollte Frühkartoffeln aufnehmen in meinem Garten.«
»Und meine Frau sitzt und wartet mit dem Kaffee.«
»Wer soll das gemacht haben wie dieser Affe Frerksen? Dieser Hund mit seinen ewigen Schikanen.«
»Seine eigenen Eltern besucht er nicht mehr, so fein ist der Schreiberstift geworden. Weil der Vater mit Lumpen rumgezogen ist.«
»Mist. Knöppe hat er verkauft auf den Dörfern und Hosenträger.«
»Wer soll denn hier schlafen, wenn ihr alle so sabbelt? Haltet den Rand gefälligst!«
»Du kommst noch früh genug zum Schlaf bei deiner Ollen.«
»Ruhe endlich!«
»Ruhe!«
»Halt doch selber die Fresse!«
»Ruhe!!!!«
2
Polizeioberinspektor Frerksen steht auf. Es ist kurz nach sieben Uhr. Die Frau hat ihm schon Rasierwasser bereit gesetzt. Der Zivilanzug vom Sonntag ist weggehängt, die Uniform liegt überm Stuhl.
Er ist grämlich, mürrisch. Geärgert sieht er in den Sonnenschein. Als die Kinder nebenan lärmen, stößt er einen Fluch aus und wirft den Schuh gegen die Tür.
Dann fängt er langsam mit dem Anziehen an.
Die Frau kommt.
»Warum hast du mir die Uniform rausgehängt? Ich gehe in Zivil.«
»Aber ...«
»Zum Donnerwetter, ich will Zivil tragen!«
Es wird ihm hingehängt.
Frerksen fängt an, sich zu rasieren. Dazwischen murrt er: »Am liebsten meldete ich mich krank.«
»Krank! Bist du krank?«
»Wieso soll ich krank sein? Solch ein Unsinn! Krank melden möchte ich mich.«
»Was hast du heute? Hast du dich geärgert, Fritz?«
Frerksen wirft den Rasierapparat hin, schreit: »Frag mich nicht! Ich sage dir, frag mich nicht! Geh raus in deine Küche!«
Frau Frerksen geht lautlos ab.
Die Vögel lärmen in den Bäumen und nun kommt auch noch so ein Aas von Motorradfahrer mit knatterndem Auspuff vorbei.
»Schade, die Nummer ist nicht zu erkennen. Dem hätte ich es gerne besorgt. – Wäre ich doch erst auf Urlaub!«
Am Kaffeetisch wird kein Wort gesprochen. Bub und Mädel, durch die Mutter gewarnt, sitzen lautlos da und sehen nicht von ihren Tellern auf. Die Frau legt dem Mann Semmel auf Semmel gestrichen vor. Er ißt gedankenlos, den Blick zum Fenster hinaus, eine senkrechte Falte auf der Stirn.
Die schüchterne Stimme der Frau: »Möchtest du noch Kaffee?«
»Wie? Ja natürlich. – Übrigens kannst du mir doch lieber die Uniform hinhängen.«
Die Frau will es sofort tun.
»Nein. Das hat Zeit. Nachher.« – Pause. – »Übrigens, heute geht es schief.«
»Schief –?«
»Ja, schief! Heute setze ich mich zwischen zwei Stühle.«
»Fritz ... sag mir doch ...«
»Der Bürgermeister will Hü und der Präsident will Hott. Wie ich's mache, mach ich's falsch.«
»Wo wir doch dem Bürgermeister alles verdanken?«
»Himmelherrgott, dieser verfluchte Weiberklatsch! Diese elende Sentimentalität! Was hat das damit zu tun? Ja, bitte, bitte, nun noch Tränen. Statt daß man eine Hilfe hat ...« Und plötzlich: »Kinder, in die Schule, macht, daß ihr fortkommt!«
Als sie allein sind: »Verzeih mir doch, Anna, verzeih! Meine Nerven, du weißt. Und heute, wenn die Bauern kommen ... Und ich soll womöglich mit dem Säbel oder der Pistole ... Die haben mich doch so gedrängt von der Regierung. Ich habe davon geträumt. So was kann ich doch nicht. Nein, du hast natürlich recht. Ich tue, was Gareis will. Ich kann gar nicht anders.«
3
Das Zimmer des Oberpräsidenten ist halbdunkel und kühl, wie immer. Es gibt keine Welt außer dieser, der dunklen Bücherschränke, der schalldämpfenden Teppiche, der schwarzbraunen Eichenmöbel.
Assessor Meier hat eben die Reinmacheweiber hinausgejagt. Schon kommt Temborius, es ist noch nicht acht.
»Wo bleibt denn der Tunk?«
»Muß sofort kommen. Es ist noch nicht ganz acht.«
»Es
ist acht. Meine Uhr ist acht. – Was haben die Landräte gemeldet?«
»In allen Kreisen gestern Versammlungen. Viel junge Burschen auf schwarzen Pferden in schwarzer Kleidung mit schwarzen Trauerfloren unterwegs, die zum Landthing in Altholm aufriefen.«
»Diese Versammlungsfreiheit für Staatsverbrecher ist ein Wahnsinn. Ich muß mit dem Minister sprechen.«
Meier verbeugt sich.
»Nun, berichten Sie schon! Was sonst? Hat der Brief in der Volkszeitung nicht gewirkt?«
»Die Bauern lesen nicht die Volkszeitung. Und wenn sie sie lesen, sagen sie, es ist alles erlogen.«
»Woher stammt er?«
»Von Gareis.«
»Von Gareis? Ausgeschlossen!«
»Ich weiß es von Pinkus. Gareis hat ihm den Brief selbst gegeben.«
»Verstehen Sie das? Die Demonstration erlaubt er und dann hetzt er dagegen?«
»Vielleicht ist ihm doch etwas schwül. Will sorgen, daß sie ihm nicht zu stark wird.«
»Schwül? Das ist ein Bulle, sage ich Ihnen! Siebzehn Landräte aller Parteischattierungen machen mir nicht so viel Sorgen wie dieser Gareis, der mein Parteigenosse ist. Das ist ein Bauernfreund!«
Kriminalkommissar Tunk wird gemeldet.
»Soll reinkommen. – Sie kommen reichlich spät, Herr Tunk. Es ist fünf Minuten nach acht.«
»Die Uhr auf dem Präsidium wird gleich schlagen.«
»Es ist fünf Minuten nach acht.«
Die Uhr auf dem Präsidium schlägt.
»Herr Assessor, sagen Sie dem Hausmeister, daß er die Uhr richtig stellt. Eine schöne Bummelei reißt da ein. Ja, bitte sofort ... Herr Kommissar, Sie kennen Ihren Auftrag?«
»Zu Befehl, Herr Präsident. Ich habe mit dem Neun-Uhr-Zuge nach Altholm zu fahren und die Bauern zu beobachten.«
»Beobachten –! Sie mischen sich unter die Bauern. Machen sich bekannt mit den Führern. Erfahren ihre Namen. Merken sich ihre Reden. Man kann das. Jawohl, man kann das, man kann immer unauffällig mal rausgehen, um sich Notizen zu machen. Sie begleiten den Zug. Sind in der Halle. Merken sich Reden und Redner. Vor allen Dingen auch, was vor dem Gefängnis geschieht.«
Der Kommissar verbeugt sich.
»Das alles ist aber erst in zweiter Linie wichtig. Wichtig ist vor allen Dingen, daß Sie ... Sie kennen die Haltung von Bürgermeister Gareis?«
»Jawohl, Herr Präsident.«
»Gareis ist der Ansicht, daß die Bauern nichts Staatsgefährliches planen, ich bin – anderer Ansicht. Ich habe ihm Schupo zur Verfügung gestellt, er hat sie abgelehnt. Von zehn Uhr an liegen zwei Hundertschaften in Grünhof.«
»Jawohl, Herr Präsident.«
»Sie sind ein alter Kriminalbeamter, Herr Tunk. Sie haben seit Jahren in der politischen Abteilung gearbeitet.«
Der Kommissar sieht seinen Chef erwartungsvoll an.
»Sie können beurteilen, wann eine Lage gefährlich wird. Der Staat, hören Sie gut zu, der Staat darf keine Schlappe erleiden. Herr Kommissar, Sie stehen mir dafür, daß die Schupo nicht untätig in Grünhof liegt – wenn die Lage gefährlich wird.«
»Jawohl, Herr Präsident.«
»Sie haben mich
gut verstanden, Herr Kommissar?«
»Ich habe Sie
gut verstanden, Herr Präsident.«
»Sie nehmen weder mit dem Polizeiherrn noch mit Ihren Kollegen in Altholm Verbindung auf. Sie sind dort als mein Spezialbeobachter. – Nun, Herr Assessor, geht die Uhr jetzt richtig?«
»Jawohl, Herr Präsident.«
Und der Präsident, freundlich lächelnd: »Finden Sie nicht auch, Herr Assessor, daß unser Kommissar in diesem grünen Loden mit den Stulpenstiefeln und dem Gamsbarthütchen eine vorzügliche Figur macht? Was kosten die Eier, Bauer?«
Und die drei Herren lachen herzlich.
4
Auf Bandekow-Ausbau sind die Leute früh auf an diesem Morgen. Sie sitzen am offenen Fenster, das nach dem Garten geht, einem kleinen, ein bißchen spaßigen Bauerngarten mit Buchsbaum, Beerenobst, Schwertlilien und brennender Liebe. In der Mitte steht eine Art Regal mit Schilf bekleidet, etwa zwanzig strohgeflochtene Bienenstöcke drauf. Die Bienen schwirren scharenweise herein zum Fenster, angelockt vom Duft der Kreude, eines Obstmuses aus Äpfeln und Zuckerrüben.
»Die Bienen summen hoch«, sagt Bauer Rohwer. »Das gibt ein gutes Wetter heute.«
»Berufen Sie es bitte noch«, sagt Henning. »Das können wir grade noch brauchen bei dieser mißlungenen Demonstration.«
Und der Rohwer: »Wo die Bienen hoch summen, was ist da zu berufen?«
»Wollen wir«, sagt Padberg ziemlich nervös, »uns eigentlich über das Wetter unterhalten oder klarwerden, ob der Henning heute mitkommt oder nicht?«
Rohwer: »Der Henning kommt mit.«
Und Rehder: »Kommt mit.«
Und Henning: »Selbstverständlich trage ich die Fahne.«
Und Graf Bandekow: »Wer denn sonst?«
»Ich«, sagt Padberg, »scheine überstimmt zu sein. Trotzdem rede ich weiter. Was ihr machen wollt, ist Mist. Von vornherein Mist. Wenn es Schlägerei gibt, wenn es Blut gibt, springen uns die Bauern ab. Ihr wißt, wie schon die eine Unglücksbombe gewirkt hat.«
»Es ist möglich, daß es Schlägerei gibt –« beginnt Graf Bandekow ...
»Ihr seht!« triumphiert Padberg. »Geben Sie mir noch mal die Eier, Rehder.«
»– Aber nicht«, vollendet der Graf, »weil der Henning die Fahne trägt, sondern weil die Regierung nervös ist. Ich hab horchen lassen: der Henning ist ganz unverdächtig, weil sie den Thiel haben und den Tredup.«
»Und das glauben Sie?«
»Das weiß ich. Die liebe gottverfluchte Regierung will ja nun mal, daß die Bombe
nicht von den Bauern stammt, denn dann könnte Deutschland doch aufhorchen. Das sind Abenteurer, das müssen Abenteurer sein. Darum, solange Henning bei uns ist, ist er auch unverdächtig.«
»Warum soll es Blut geben?« fragt Bauer Rohwer aus Nippmerow. »Wir schlagen nicht.«
»Das ist es eben«, bestätigt der Graf. »Wir schlagen nicht. Warum sollen uns da die andern schlagen?«
Henning sagt: »Ich weiß, es wird überhaupt nicht geschlagen. Der dicke Gareis ist viel zu bequem. Ol Vadder Benthin in Altholm hat mir erzählt, der Gareis hat nur eine Angst, daß was passieren könnte.«
»Daß ihr für dreitausend Bauern einstehen wollt!« spöttelt Padberg. »Drei Stänker dazwischen und es fließt Blut.«
»Jawohl.
Wir verhauen die Stänker«, sagt Rehder.
»Na ja. Ihr seid Kinder. Ihr wißt gar nicht, was da Unvorhergesehenes alles passieren kann.«
»Nun hören Sie bloß auf mit Ihrem Unken, Padberg.«
»Wie ihr meint. Wie ihr meint. Ich sage nichts mehr. Ich verlange nur ein Versprechen von dir, Henning, du gehst ohne Waffe, du wehrst dich nicht.«
»Wieso ohne Waffe? Soll ich mir wehrlos in die Fresse schlagen lassen?«
»Grade das sollst du.«
»Eher fresse ich einen Besen.«
»Diesmal hat Padberg recht«, sagt der Graf. »Wenn Sie eine Waffe haben, geben Sie sie her, Henning.«
»Ich denke ja nicht daran.«
»Ich verlange dein Versprechen. Sonst bleibst du hier.«
»Ihr seid alle flau«, sagt Henning. »Ich tue und ich tue es nicht.«
»Hier wird pariert«, sagt der Graf.
»I wo, warum wird denn hier pariert? Ich denke, es gibt keine Führer?«
»Im Namen der Bauernschaft verlange ich von Ihnen die Waffe«, sagt Rehder.
Henning steckt die Hände in die Tasche und schweigt.
»Was«, sagt Bauer Rohwer, »wollen Sie eigentlich mit einer Pistole? Die Fahne ist doch groß und schwer. Wollen Sie die Fahne wegschmeißen und knallen?«
»Das ist«, bemerkt der Graf, »richtig. Ein Fahnenträger steht und fällt mit seiner Fahne. Ihre Waffe wäre nutzlos.«
»Na also«, und Henning wirft die Pistole auf den Tisch, »da habt ihr sie. Aber das sage ich euch, rührt mich so ein Männeken an, ich renne ihm die Fahne durch und durch.«
»Grade deswegen möchte ich nun noch dein Wort.«
»Das ist nun wirklich ausgeschlossen.«
»Lassen Sie ihn schon. Er wird mit seiner Fahne genug zu tun haben.« –
Sie fahren los. Das Land ist still und friedlich.
»Wenig Betrieb eigentlich.«
»Die meisten kommen mit der Bahn.«
»Wer von den Bauern hat denn noch ein Auto?«
»Bitte, viele. Aber sie haben Angst vor der Heimfahrt, wenn sie duhn sind.«
Die vier Männer lachen, nur Henning bleibt mürrisch. Dafür ist er aber elektrisiert, als sie durch Grünhof kommen. »Was ist das? Schupo? Vier Wagen!« Und sich zurücklehnend, triumphierend: »Da seht ihr! Heute machen sie aus uns Rollfleisch!«
Auch die andern sind aufgeregt, doch schließlich meint der Graf: »Warum liegt die Schupo in Grünhof und nicht in Altholm? Reine Reserve. Vorsicht. Aber daß wir Ihre Pistole haben, Henning, ist ein wahrer Segen. Und nun geben Sie mir auch noch Ihr Wort, daß Sie nicht tätlich werden.«
5
Bürgermeister Gareis sitzt auf seiner Amtsstube. Er ist in Feiertagsstimmung. Morgen beginnt sein Urlaub, morgen fährt er mit dem Schiff ans Nordkap.
Heute –: »Die Demonstration fällt ins Wasser. Ich habe eben mit dem Landwirtschaftsrat, diesem Feinbube, telefoniert, er ist verzweifelt, daß der Reimers fort ist.«
»Aber die Bauern wissen das nicht«, meint Frerksen.
»So erfahren sie es. Die Volkszeitung und die Nachrichten bringen es.«
»Bleibt die Chronik, die am frühesten herauskommt und die die Bauern noch am meisten lesen.«
»Ich werde mit dem Stuff sprechen. Ich denke, auch er wird zu haben sein.«
»Stuff ist ein gefährlicher Mensch.«
»I wo, Sie mögen ihn nur nicht leiden, weil er Sie ein paarmal angegriffen hat.«
Frerksen macht eine Bewegung.
»Na ja. Schon gut. Übrigens mag ich ihn auch nicht. Sein Gefühl läuft ihm immer mit seinem Verstand fort. Trotzdem wird etwas zu machen sein. Grade jetzt. Nun, das später. – Haben Sie schon gehört, wann Benthin mit den Führern kommen will?«
»Nein. Nichts.«
»Bis ein Uhr bin ich noch hier. Nachmittags bin ich für den höchsten Notfall in meiner Wohnung zu erreichen.«
»Jawohl, Herr Bürgermeister.«
»Die Kriminalpolizei soll in den Wirtschaften unauffällig beobachten. Sieht irgend etwas gefährlich aus, so berichtet sie sofort.«
»Ach, Herr Gareis, auf die meisten Herren ist auch kein Verlaß. Die sind genauso rechts wie die Bauern.«
»Die machen schon ihren Dienst. – Der Zug wird unter allen Umständen geschützt, Frerksen, verstehen Sie mich? Unter allen Umständen!«
»Jawohl, Herr Bürgermeister.«
»Aufstellung der Kräfte, wie ich angeordnet. Polizei gänzlich im Hintergrunde, nur beobachtend. Vor dem Gefängnis darf keine Ansammlung sein.«
»Ja – aber wie? Meine Polizeikräfte ...«
»Keine Polizeikräfte. Das machen wir so: Sie nehmen sechs, acht Leute, Zivilisten aus Altholm, die nicht so bekannt sind. Ein paar kriegen Strafanstaltsbeamten-Uniform an. Kommen zufällig aus dem Tor, erzählen den Bauern, die sich sammeln, daß Reimers nicht da ist. Ein paar andere werden wie Gefangene entlassen, erzählen dasselbe. Immer neue Gesichter, nie dieselben Gestalten, daß kein Verdacht kommt bei den Bauern.«
»Dazu brauchen wir das Einverständnis von Direktor Greve.«
»Jawohl. Sie rufen ihn in einer halben Stunde an und erzählen ihm davon. Der Vorschlag kommt von Ihnen. Ich bin seit Sonnabend auf Urlaub. Verstanden?«
»Nicht ganz.«
»Sie möchten Gründe wissen? Nun, denken Sie an einen gewissen Brief, der in der Volkszeitung erschien. Kapiert?«
Frerksen lächelt etwas verlegen: »Ja, so ungefähr.«
»Ungefähr ist gut. Kapieren Sie halb? – Was ist los, Piekbusch?«
»Oberleutnant Wrede von der Schupo ist draußen.«
»Wrede –? Na ja, der liebe Genosse Temborius. Ich sage Ihnen, Frerksen, der hat schon jetzt seine Schupo in Grünhof und zieht daheim in Stolpe rastlos die Leine am Klo.«
Der Polizeioberleutnant tritt ein.
»Nun, lieber Herr Wrede, was verschafft uns das Vergnügen?«
»Ich habe zuerst zu melden, daß zwei Hundertschaften Schupo in Grünhof zu Ihrer Verfügung liegen, Herr Bürgermeister.«
»Hoffentlich wird Ihnen die Zeit nicht lang.«
»Ich habe ferner hier einen Geheimbefehl für Sie. Der Geheimbefehl ist nur in dem Falle zu öffnen, daß Sie die Hilfe der Schupo benötigen.«
»Ich danke Ihnen, Herr Oberleutnant. Holen Sie sich das Briefchen heute abend wieder ab?«
»Wenn es nicht benutzt wird?«
»Es liegt hier. Jedenfalls, damit Sie Bescheid wissen. Ich sage es auch Piekbusch. Ich selbst gehe heute mittag in Urlaub. So viel gebe ich auf diese Demonstration.«
Wrede verbeugt sich lächelnd.
»Na also, dann auf Wiedersehen nach meinem Urlaub. – Was ist schon wieder, Piekbusch?«
»Herr Stuff von der Chronik möchte Herrn Bürgermeister sprechen.«
»Stuff? Kommt wie gerufen. Verschwinden Sie hier durch, Frerksen. Ihr Anblick soll dem Stuff nicht die Stimmung verderben.«
6
»Nun, Herr Stuff, was ist geschehen, das die Leserschaft der Chronik unbedingt wissen muß und das nur von mir zu erfahren ist?«
Stuff sagt mürrisch: »Ich sah eben Ihren Herrn Frerksen. Würden Sie vielleicht einmal diesem hohen Herrn sagen, daß er die Presse etwas besser behandelt? Auch Kollege Blöcker von den Nachrichten klagt. Wenn wir etwas wissen wollen, hat er nie Zeit, winkt hochmütig ab. Nächstens sind wir auch mal nicht zu finden, wenn die Polizeiverwaltung etwas von uns will.«
»Frerksen hochmütig? Das habe ich nie gefunden. Ich fand ihn immer diensteifrig, freundlich.«
»Ihnen gegenüber.«
»Nein, nicht nur mir gegenüber. Aber ich verstehe schon, man kann in Altholm nicht verzeihen, daß der Volksschüler Polizeioffizier geworden ist. Man denkt noch immer an seinen Vater, der ja wohl städtischer Gartenarbeiter war.«
»Hausierer.«
»Sehen Sie. Man denkt immer daran.«
»Andere sind mehr geworden und es ist recht. Dieser Frerksen ist nicht recht, weil er weder moralisch noch fachlich zum Offizier geeignet ist.«
»Er hat alle ihm auferlegten Aufgaben vorzüglich erledigt.«
»Auf glatter Straße können wir alle fahren. Warten Sie, bis es einmal holprig wird. Lassen Sie es heute bei der Bauerndemonstration nicht gut gehen ...«
»Es wird keine Bauerndemonstration geben. Der Reimers ist nicht mehr hier im Zentralgefängnis, kann ich Ihnen vertraulich sagen. Ich gehe heute mittag in Urlaub.«
»Und wer vertritt Sie?«
»Frerksen!«
»Na ja. Ich kann Ihnen vertraulich oder nicht vertraulich sagen, Herr Bürgermeister, daß trotz des von Ihnen abtransportierten Führers demonstriert wird.«
»Katzenstein hat den Transport gemacht. Das nebenbei. Und wird die Chronik nun heute mittag die Nachricht bringen, daß Reimers nicht mehr hier und die Demonstration zwecklos geworden ist?«
»Reimers ist jedenfalls im Gefängnis. Wo, ist gleichgültig, ob in Altholm oder Stolpe – daß man dagegen demonstriert, ist wichtig. Auch diese Auffassung ist vertretbar.«
»Was haben Sie von den Bauern? Ihre Leserschaft ist das nicht. Übrigens, wie kann man mit Bombenlegern sympathisieren?«
»Man kann alles. Aber vorläufig ist durch nichts erwiesen, daß es Bauern waren.«
Der Bürgermeister sagt rasch und warm: »Herr Stuff, warum sind Sie mein Feind?«
Und Stuff überrumpelt: »Ich bin Ihr Feind nicht.«
»Doch. Sie sind es seit immer gewesen. Ich habe Sie stets geachtet als Mensch, wenn wir auch politisch oft verschiedener Ansicht gewesen sind. Seien Sie gerecht gegen mich. Sagen Sie, was Sie gegen mich haben.«
»Zeitungsleute haben mit Gerechtigkeit nichts zu tun. Im übrigen habe ich nichts gegen Sie.«
»Dann bin ich beruhigt.«
Der Bürgermeister lehnt sich zurück.
»Man muß klar sehen. Ich hatte den Eindruck, als seien Sie von vornherein überzeugt, ich sei gegen die Bauerndemonstration. Ich bin für sie, nicht weil es eine Bauerndemonstration ist, sondern weil es eine Demonstration ist und gleiches Recht für alle gilt.«
»Man kann offiziell etwas sein und inoffiziell etwas anderes tun. Der Abtransport von Reimers ...«
»Geschah im Auftrag der Justizverwaltung durch Katzenstein. Wenn ich Reimers zuredete, so nur dann, um ihm die Anwendung von Gewalt zu ersparen.«
»Und der Brief in der Volkszeitung?«
»Was geht mich die Volkszeitung an! Übrigens sollte auch Sie dieser Brief bedenklich machen. Für die Führer der Bauernschaft ist alles schließlich nur Geschäft, Geld.«
»Der Brief ist gefälscht.«
»Kaum. Die Erklärung der Zeitung Bauernschaft war nur Verlegenheit.«
»Wir sehen alles verschieden«, sagt Stuff. »Über keine Kleinigkeit sind wir einig.«
Und der Bürgermeister: »Wir können im Sachlichen differieren, wenn wir im Menschlichen einig sind. Ich habe Ihre Zusicherung, daß keinerlei persönliche Animosität mitspricht?«
»Spricht nicht mit.«
»Also! Und wie stellt sich die Chronik heute mittag ein?«
»Ich kann es noch nicht sagen. Ich muß erst mit Herrn Schabbelt sprechen.«
»Schabbelt! Die Chronik sind Sie, Herr Stuff!«
»Sie irren, Herr Bürgermeister. Aber davon abgesehen, wundert es mich doch, daß Sie solchen Wert auf die Chronik legen. Ein Blatt, in dem die Stadtverwaltung ihre Bekanntmachungen nicht mehr veröffentlichen will, weil es zu unbedeutend ist!«
»Nicht darum! Um Gottes willen, nicht darum! Aber wir müssen sparen. Unsere Stadtväter, na, Sie wissen ja ... Sparen. Sparen. Sparen. Das sind auch ein paar tausend Mark. Und die Chronik ist nun einmal die kleinste Zeitung am Ort. Es tut mir leid, aber das kann ich nicht ändern.«
»Unsere Auflage ist siebentausendeinhundertundsechzig. Die Volkszeitung wird in Altholm nur in fünftausend Exemplaren ausgegeben.«
»Sie irren, Herr Stuff. Sie irren wirklich. Fünftausend? Neuntausend!«
»Ich würde Ihnen raten, Herr Bürgermeister, sich einmal mittags um halb zwölf auf den Burstah zu stellen und die Zeitungspakete nachzuzählen, die aus dem Stettiner Auto der Volkszeitung an der Auslieferung abgegeben werden. Ich sage Ihnen: Fünftausend, inklusive Propagandamaterial.«
»Sie müssen sich irren, Herr Stuff, ich bin genau unterrichtet. Aber wie prüfe ich die siebentausend der Chronik nach?«
»Indem ich Ihnen eine notarielle Bescheinigung von Notar Pepper vorlege, die diese Auflage auf Grund der Bücher und der Abonnentenlisten bestätigt.«
»Diese notarielle Bescheinigung existiert, Herr Stuff?«
»Ich schicke Sie Ihnen zur Einsicht.«
»Das ist unnötig. Ihr Wort genügt mir. Also die Chronik hat siebentausend Auflage?«
»Siebentausendeinhundertundsechzig.«
»Gut. Sie bestätigen mir das noch schriftlich und erhalten weiter die Anzeigen der Stadtverwaltung.« Mit Nachdruck: »Natürlich setzt das voraus, daß die Stadtverwaltung nicht direkt von der Chronik angegriffen wird. Unser Veröffentlichungsorgan kann nicht unser Feind sein.«
»Wir können nicht alles blanko im voraus billigen.«
»Lieber Herr Stuff! Wir verstehen uns doch. Sachliche Kritik ist uns immer recht.« Lächelnd: »Und wie denken Sie über die heutige Bauerndemonstration?«
Und Stuff, ebenfalls lächelnd: »Ich vertrat schon vorhin Feinbube gegenüber die Ansicht, daß sie ins Wasser fällt.«
Der Bürgermeister ganz sanft: »Sie sehen, Berührungspunkte finden sich immer. Auf gedeihliche Zusammenarbeit, Herr Stuff!«
»Wir wollen es hoffen. Guten Morgen, Herr Bürgermeister.«
7
Herr Gebhardt, der kleine Zeitungsnapoleon von Hinterpommern, wie ihn seine Freunde – er hat aber keine – spöttisch nennen, ist wie immer um neun Uhr auf seinem Büro. Prokurist Trautmann steht schon bereit, denn das Wichtigste ist, jeden Tag über Zahl und Umfang der fälligen Anzeigen Bericht zu erstatten.
»Wissen Sie«, pflegt Gebhardt zu äußern, »ich lese meine Zeitung von hinten. Was vorne drin steht, ist mir ganz egal. Die Anzeigen, die machen's.«
Heute ist Montag, ein schlechter Tag, zwei Seiten Anzeigen kaum, man wird stopfen müssen. »Nehmen wir noch mal die halbe Seite Persil mit. Wenn wir doch füllen müssen ...«
Trautmann ist anderer Ansicht: »Nein, wenn wir stopfen, dann etwas, was der Inserent selbst nicht zu Gesicht bekommt. Wir verderben uns sonst die Preise. Nehmen wir Ford, die haben keinen Vertreter hier.«
Der Chef ist einverstanden. »Übrigens, Herr Trautmann, mit der Chronik ist es nun auch soweit. Der Kauf ist perfekt. Schabbelt hat heute nacht unterschrieben.«
»Was für Bedingungen?«
»Nichts haben wir konzediert. Ich bitte Sie, wo ihm das Wasser so weit steht! Er kann froh sein, wenn ich ihm die Wohnung lasse.«
Und Trautmann: »Außerdem ginge es nicht ohne Wohnungsamt, ihn hinauszusetzen.«
»Eben. Was machen wir nun? Bestellen wir Stuff her?«
»I wo. Der kann uns kommen.«
»Wir behalten ihn doch?« erkundigt sich der Chef.
»Natürlich behalten wir ihn. Keiner hat so viel Verbindungen hier. Und er kann schreiben.«
»Wieviel Gehalt meinen Sie, Trautmann?« fragt ängstlich der Chef.
»Bisher hat er, glaube ich, fünfhundert bekommen.«
»Fünfhundert! Was denken Sie sich denn! Fünfhundert trägt die Chronik nie.«
»Nein. Vielleicht trägt sie es, aber jedenfalls geben wir das dem Stuff nicht. Dreihundertundfünfzig und, damit wir ihm die Pille versüßen, zwanzig Mark Spesen im Monat.«
»Aber wenn er dazu nicht abschließt?«
»Was will er machen? Er ist bald fünfzig und geht nicht mehr aus Altholm fort.«
»Jedenfalls muß alles so gemacht werden, daß die Leute nicht merken, daß uns jetzt die Chronik gehört. Das schadet sonst dem Absatz.«
»Nein, eben. Aber dem Heinsius und dem Blöcker müssen wir es sagen.«
»Meinen Sie? Wollen Sie das tun oder tu ich es?«
»Natürlich Sie! Sie haben die Zeitung doch gekauft.«
»Also, Herr Trautmann, rufen Sie dann die beiden. – Bitte.«
»Gut. Ich schicke sie Ihnen.«
Heinsius, der Hauptschriftleiter der größten Zeitung Altholms, ein großer kahlköpfiger Mann in einem Lüsterjackett, kommt zuerst gestürmt, ein paar Druckfahnen in der Hand.
»Guten Morgen, Herr Gebhardt! Gut geruht? Gut geruht? Wir haben da heute eine lokale Spitze zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum der Glaserinnung ... ich habe einige Worte geschrieben, im vaterstädtischen Interesse ... wenn Sie hören möchten, wenn Sie Zeit haben ...«
»Nicht jetzt. Was macht die Bauerndemonstration?«
»Die Bauern!« Heinsius ist Verachtung. »Ich bitte Sie, die Bauern demonstrieren doch nicht. Wo der Reimers in Stolpe ist. Sie wissen doch, daß der Reimers nach Stolpe ist?«
»Ja. Aber der Oberbürgermeister ist heute früh verreist, auf drei Tage, höre ich ...«
»Und –?«
»Ob da nicht was im Busch ist? Ob wer sich nicht drücken will?«
»Glauben Sie, Herr Gebhardt? Ich werde mich erkundigen, werde horchen. Und wenn – werde ich etwas schreiben, etwas Bissiges, Satirisches. Wir hier werden es Herrn Oberbürgermeister Niederdahl schon nicht vergessen, daß er Sie nicht zum Festessen bei der Einweihung des Säuglingsheimes eingeladen hat.«
»Er hat es vielleicht doch vergessen?«
»Er hat es nicht vergessen. Mir ist hinterbracht ... Nein, ich sage es doch lieber nicht, es ist zu häßlich –«
»Was denn nun schon wieder! Nein, bitte, sagen Sie es gleich. Ich kann diese Andeutungen nicht vertragen. Reden Sie schon.«
»Er soll gesagt haben, ich weiß es aus bester Quelle, daß der Gebhardt, und wenn er hundert Zeitungen kauft, ein kleiner Mann bleibt, der gerne groß sein möchte.«
»Das ist –! Zu wem hat er das gesagt?«
»Ich habe zwar mein Ehrenwort gegeben, den Namen nicht zu nennen, aber das gilt natürlich nicht für Sie.«
Und der Zeitungskönig gequält: »Sagen Sie es doch schon!«
»Stadtrat Meisel.«
»Gut. Wir werden uns das merken. Dieser Akademikerdünkel! – Herr Heinsius, wir kommen in eine immer schwierigere Lage. Die Politik von Niederdahl können wir nach all den Kränkungen, die er mir angetan, unmöglich unterstützen. Mit dem roten Gareis können wir nicht gehen, sonst springen unsere Inserenten, die Mittelständler ab, und den Mittelstand können wir unmöglich vertreten, weil die Mehrzahl unserer Abonnenten Arbeiter sind. Was machen wir bloß?«
Der Hauptschriftleiter tröstet: »Wir winden uns durch. Von Fall zu Fall. Überlassen Sie das mir. Ich habe das im Gefühl. Ich stoße nirgends an. Und die Spitze heute gegen den Niederdahl – ich werde mich erkundigen, warum er verreist ist. Wenn aus Verantwortungsscheu, dann soll er was erleben!«
»Erkundigen Sie sich bei Stuff. Der weiß alles.«
»Bei Stuff –? Außerdem weiß er längst nicht alles.«
»Doch! Bei Stuff.«
»Sie meinen doch Stuff von der Chronik?«
»Eben.«
»Aber Herr Gebhardt!«
»Herr Stuff ist ab heute mein Angestellter.«
»Ihr –? So ist –?«
»Die Chronik ist heute nacht in meinen Besitz übergegangen.«
Die Fahnen flattern zu Boden. Heinsius hebt die Arme, die stets geröteten Augen zum Himmel. »Herr Gebhardt! Herr Gebhardt!! Daß ich das erlebe! Die Konkurrenz ist besiegt. Stuff ist unser Angestellter! Herr Gebhardt! Ich danke Ihnen. Ich danke Ihnen. Unser Angestellter Stuff ...«
Er schüttelt dem Chef immer wieder die Hand.
»Aber es bleibt geheim, Herr Heinsius. Das Publikum erfährt vorläufig nichts. Es könnte dem Absatz der Chronik schaden, die natürlich streng rechts bleibt.«
»Geheim? Das ist schade. Immerhin, man wird dem Stuff Anordnungen geben können. Sein Material dürfen wir verwerten. Er kommt zwei Stunden früher heraus. Ich schneide ihn ab heute ständig aus. Und wir schicken ihn vor. In allen bedenklichen Fällen ...«
Heinsius ist in einem Taumel des Entzückens. Er schwelgt in Träumen. »Ich werde es ihm anstreichen, dem Stuff, daß er auf dem letzten Michaelismarkt zweihundert Exemplare von meinem Roman ›Deutsches Blut und deutsche Not‹ mit fünfzig Pfennigen verramschen ließ.«
Gebhardt räuspert sich: »Immerhin werden wir sachlich bleiben. Sie sind jetzt Kollegen, die nur den Vorteil des Betriebes im Auge haben.«
»Ihren Vorteil, selbstverständlich, Herr Gebhardt. Bei mir kommen nur sachliche Erwägungen in Frage. Sie werden sehen, welchen neuen Aufschwung jetzt die Nachrichten nehmen.«
»Sagen Sie auch vertraulich dem Blöcker Bescheid. Warum ist er übrigens nicht gekommen, der Blöcker? Er kommt etwas selten zu mir. Ich sehe meine Herren gerne täglich.«
»Ich weiß nicht. Er hatte da jemanden sitzen in seinem Zimmer. Immerhin, Sie wissen ja, er sollte nicht soviel abends ausgehen, Herr Gebhardt, in seinen Gesangverein. Ein Redakteur führt kein Privatleben.«
»Blöcker trifft ja heute irgendwo sicher den Stuff. Er soll ihn zu acht hierher bestellen. Der Stuff wird schon wissen, warum. Er soll durch den Hofeingang kommen, damit die Leute nichts merken.«
»Jawohl, Herr Gebhardt.«
»Und die Spitze gegen den Ober lassen Sie heute noch. Wir wollen erst die Bestätigung abwarten.«
»Ich erkundige mich schon.«
»Gut. Und jetzt rufen Sie mir Trautmann.«
Trautmann kommt. Der Chef ihm entgegen: »Hören Sie zu, Trautmann, Sie haben mich eingeführt in den Zeitungsbetrieb. Sie haben mich vom ersten Tage an beraten. Eben erzählt mir das Klatschweib, der Heinsius, der Ober hätte von mir gesagt, ich bliebe ein kleiner Mann und wenn ich hundertmal groß sein wollte. Wie erledigen wir den Ober?«
»Den kriegen wir auch noch. Aber zu wem soll er das gesagt haben? Dem Heinsius darf man auch nicht alles glauben.«
8
Als Stuff gegen halb zwölf Uhr aus dem Rathaus auf den Marktplatz tritt, herrscht dort nicht mehr der gewöhnliche spärliche Vormittagsverkehr mit wenigen Fußgängern und ein paar Autos, die auf dem Wege von Stettin nach Stolpe die Stadt eilig durchqueren.
Überall stehen Gruppen von Menschen und ihre Kleidung, die Art, sich bedachtsam mit schweren Knochen zu bewegen, laut und langsam zu reden, läßt sie als Bauern erkennen, selbst wenn Stuff nicht ein ganz Teil von ihnen bei Namen rufen könnte.
Aber er hat jetzt keine Lust, einen anzusprechen, er ist müde und lebenssatt, die Freundschaftsversicherungen mit dem dicken Schmuser, dem Gareis, kotzen ihn an. Er sehnt sich nach dem dunklen Winkel bei Tante Lieschen, nach Bier und Schnaps, nach Vergessen.
Im Weitertrotten denkt Stuff: »Ich werde doch mal hingehen, wenn die Bauern demonstrieren. Man kann nie wissen. Um drei soll er losgehen, der Zug, das sind noch vier Stunden. Da läßt sich noch was saufen. Und jetzt sehe ich mir erst mal die Aushängebilder am Ostseekino an, damit ich noch meine achtzehn Zeilen Kritik zusammenphantasieren kann über den neuesten Film.«
Vor den Bilderkästen steht ein bekannter Rücken.
»Blöcker, was machst du hier? Altes Aas, gestern auch nicht im Kino gewesen?«
Die feindlichen Kollegen von Nachrichten und Chronik schütteln sich die Hände.
Zeitungen mögen sich befeinden, Zeitungsbesitzer mögen einander anspeien, Chefredakteure mögen sich hassen: unzerstörbar ist die Freundschaft zwischen Lokalreportern. Sie tauschen Nachrichten untereinander aus, sie stehlen sich »Neueste«, sie helfen einander: »Geh für mich zum Schöffengericht.« – »Gib mir dein Schadenfeuer in Juliusruh.« –
»Auf der Kripo gewesen, Männe? Was Neues?«
»Ein Laubeneinbruch. In der Gastwirtschaft von Krüger eine Schlägerei. Ein Besoffener auf dem Hofe vom Kaufhaus mit blutigem Schädel. Na, ich geb es dir dann. Und du?«
»Zwei Autos auf der Stolper Chaussee zusammengerannt.«
»Tote?«
»Nee.«
»Mist. Verletzte?«
»Zwei schwer.«
»Hiesige?«
»Nein, Stettiner.«
»Dann kann ich es nicht brauchen. Aber du kannst es mir immer geben.«
»Zehn Zeilen werden es doch.«
»Fünf, mehr mach ich nicht draus. – Wie ist das, bringt ihr heute was von den Bauern?«
Der Mann von den Nachrichten blinzelt: »Bauern? Danke. Kein Interesse. Das wird nichts.«
»Denke ich auch. Höchstens fünfhundert Mann hier.«
»Dreihundert.«
»Vielleicht auch nur. Ich gehe um drei nicht hin«, verkündet Stuff.
»Um drei? Du bist blöd. Um drei schlafe ich.«
»Siehst du! Ich auch.«
Und Blöcker: »Wie ist es? Trinken wir noch einen? Ich gebe einen aus.«
»Du gibst einen aus? Am Vormittag? Du bist doch nicht krank?«
»Heiß ist es und ich habe Durst.«
»Komisch. Heute ist ein komischer Tag. Na, du erzählst mir schon, was du willst.«
»Nein, nicht hier herein. Da ist jetzt alles voll Bauern. Wir gehen in die Weinstube von Krüger. Da ist es kühl und ruhig und er kann uns von seiner Schlägerei erzählen.«
Sie gehen schweigend weiter, Blöcker druckst, wie er dem Stuff beibringt, daß er zu Gebhardt zu kommen hat.
»Na, Vadder Benthin, wen suchst du denn?« ruft Stuff den mottenköpfigen Bauern an.
»Tag ook, Stuff. Hast du den Rohwer aus Nippmerow nicht gesehen?«
»Keine Ahnung. Ist ja alles voll Bauern. Was soll er denn? Soll ich ihm was sagen, wenn ich ihn sehe?«
»Ich habe doch dem Burgemeister versprochen, ich will heute mit den Führern zu ihm kommen. Nun finde ich ihn nicht.«
»Zum Bürgermeister? Was wollt ihr Bauern bei dem Roten?«
»Der Gareis ist nicht schlecht, wenn er auch rot ist. Ich muß Rohwer finden.«
»Na, ich werde ihm sagen, daß du ihn suchst, Vadder Benthin.«
»Schön, Stuff, hör dir heute nachmittag man unsere Reden an. Das wird schlimm für Finanzamt und Staat.«
»Ich bring euch auf die erste Seite!« spottet Stuff. »Ihr Bauern! Und nun komm, Blöcker.«
Sie treten in das Lokal von Krüger.
9
Es gibt einen Hof Stolpermünde-Abbau, sieben Kilometer vom Fischerdorf Stolpermünde entfernt. Der Weg, ein jämmerlicher Sandweg, zieht sich durch Dünen und über brackige Wiesen, auf denen mehr Rohr und Schachtelhalm als Gras wächst. Hier sind die Möwen zu Haus und die wilden Kaninchen. Es kann nichts Verlasseneres und Abgelegeneres geben als Stolpermünde-Abbau.
Es ist eigentlich kein Hof, mehr eine Kätnerstelle mit vierzig, fünfzig Morgen magersten Bodens. Von dem bißchen Korn und Hafer, die gebaut werden, bekommen die Kaninchen das meiste. Die Familie des Bauern lebt von Kartoffeln.
Dort gibt es keine Knechte und Mägde. Bauer Banz und Frau und neun Kinder besorgen alle Arbeit allein. Wenn die Frau manchmal, vier-, fünfmal im Jahre, nach Stolpermünde kommt, mit ihren Kindern, so klagt sie wohl, daß die so klein geblieben sind: »Das macht die schwere Arbeit von früh auf und daß sie nicht satt zu essen kriegen.«
Der Bauer ist groß und stattlich, die Frau groß und hager, aber die Kinder sind breite knorrige Zwerge, schweigsame Zwerge mit ungeheuren Händen.
Manchmal hat der Bauer ein Pferd, manchmal hat er keines. Dann werden Frau und Kinder vor Pflug, Egge und Kartoffelhäufler gespannt. All so etwas gibt es noch.
Zur Schule kommen die Kinder fast nie. Welches Kind kann vierzehn Kilometer Schulweg gehen? Aber einmal vor anderthalb Jahren fand ein Vollstreckungsbeamter den Weg nach Stolpermünde-Abbau: seitdem gibt es dort auch nicht mehr periodisch ein Pferd. Damals verschwand auch der Bauer für einige Zeit, es war nicht glatt abgegangen bei der Pfändung, so durfte er sich ausruhen ein paar Monate im Gefängnis.
Als er wiederkam, hängte er ein Schild an die Hauswand: »Dieser Hof wurde im Winter 1927 von Landjägern und Vollstreckungsbeamten der deutschen Republik räuberisch überfallen.«
Ein lächerliches Schild, es hing dort, rein für niemanden.
Das nächste große Ereignis war, daß ein Auto ein paarmal den Weg nach dem Abbauhof gemacht hat, in der letzten Zeit, des Nachts. Die Frau und die Kinder haben es nicht gehört, aber sie sahen die Spur am andern Tage im Sandberg. Waren es Leute, die etwas vom Bauern wollten, nun, der Vater hat sie selbst abgefertigt. Der Vater ist viel nachts unterwegs.
Seitdem ist die Scheune verschlossen mit einem Vorhängeschloß. Wenn der Bauer es so will, man wird nicht fragen. Wer viel fragt, bekommt viel Antwort.
»Ich brauche auch Stroh für die Kuh«, sagt an diesem Morgen die Frau zum Bauern.
»Mach mir Brot auf den Weg«, sagt der Bauer und geht aus der Küche.
Nach einer Weile kommt er wieder. »Wo ist das Brot? Das ist alles? Ich brauche Brot für den ganzen Tag.«
»Die Kuh kommt zum Kalben heute«, sagt die Frau.
»Die Kuh kommt nicht zum Kalben«, sagt Bauer Banz.
»Schließ die Scheune auf. Ich hole mir das Stroh selbst.«
»Wenn der Franz«, sagt jähzornig der Bauer, »sich noch einmal an der Scheune zu schaffen macht, schlage ich ihn über den Brägen.«
Der Bauer geht wieder hinaus und klopft die Sense. Nach einer Weile stellt sich die Frau vor den Dengelamboß: »Was ist das für eine Art, die Scheune abzuschließen?«
»Du mähst nachher Klee für die Sau«, sagt der Bauer und wetzt die Schneide.
»Du treibst es so lange, bis sie dich tot nach Haus bringen.«
»Hast du auch viel verloren. Zu zehnen verhungert es sich nicht schlechter als zu elfen.«
»Was ist in der Scheune?« fragt die Frau böse.
»Was dich nicht beißt.«
»Ich breche das Tor mit der Axt auf.«
»Wer in die Scheune kommt, ist tot. Dann ist der Hof weg mit allem, was darauf lebt.«
»Ich will nicht, daß du ins Zuchthaus kommst, Banz.«
»Lies in der Bibel, daß du untertan zu sein hast, Frau.«
»Auch du hast untertan zu sein deiner Obrigkeit.«
»Diese Obrigkeit ist nicht von Gott.«
»Und was tue ich allein hier, wenn du tot bist?«
Der Bauer sieht auf, fährt noch einmal mit dem harten Daumen über die Schneide: »Eine Karre Klee für die Sau, nicht mehr. Und in der Futterkiste steht ein Sack Weizenschrot. Mach ihr das Futter fertig für einen Tag. Es ist möglich, daß ich erst morgen früh komme.«
»Ich will wissen, wohin du gehst.«
»Jetzt komm mit.«
Der Bauer geht voran, die Frau zwei Schritte hintennach. Er geht durch zwischen Scheune und Haus, gradeaus, den Feldrain entlang, zwischen Roggen und Kartoffeln. In den Kartoffeln jäten die Kinder.
»Neun«, zählt der Bauer.
Als sie am Waldrand sind: »Sieh dich um und zähle, ob uns auch keiner nachkam.«
»Neun«, sagt die Frau.
Sie gehen weiter. Der Boden ist glatt von Kiefernadeln, die Brandung der See wird lauter. Unter einer alten Föhre bleibt der Bauer stehen.
»Wenn ich nicht wiederkomme, und sie halten mich nur fest, kommt einer und sagt es dir. Dann lebt ihr so weiter. Fremde nimmst du nicht auf den Hof. Was in der Scheune ist, bekommt der Mann, der die Botschaft brachte.«
»Ja.«
»Wenn ich gar nicht wiederkomme, ziehst du fort vom Hof in eine Stadt, möglichst weit von hier. Du kannst Nähen oder Aufwartung tun und die Kinder können auch arbeiten. Was hier liegt, im Kaninchenloch, gibst du nicht aus. Erst in der Stadt. Und langsam, daß kein Verdacht kommt. Es sind neunhundertneunzig Mark. Alles Zehnmarkscheine.«
»Wie kommst du zu dem Gelde?« fragt die Frau.
»Gefunden«, sagt der Bauer. »Es ist in Wachstuch. Die Kaninchen hatten es vorgewühlt.«
»Gefunden, Banz –?«
»Es ist, wie ich sage. Einer hat's hier versteckt, vielleicht für einen Notfall. Es bleibt liegen. Ist Notgeld! Nur wenn du in Not kommst, rührst du es an.«
»Ich will kein Geld, ich will dich«, sagt die Frau.
»Und paß auf den Franz auf, daß er nicht in die Scheune geht. Der Franz ist neugierig.«
»Er kommt nicht in die Scheune.«
»Geh gleich zurück, daß er es jetzt nicht tut. Ich mache mich hier unten am Strand lang.«
»Gehst du gleich?«
Der Bauer Banz geht schon, zwischen den Stämmen durch, nach den weißen Dünen hin.
Die Frau sieht ihm nach. Eine Minute. Zwei Minuten.
Sie macht eine Bewegung, einen Schritt. Dann dreht sie um und geht langsam nach dem Hof Stolpermünde-Abbau zurück.
Vadder Benthin hat den Rohwer doch noch gefunden, an der Theke bei Tante Lieschen stand er und liebäugelte mit der Mamsell. Er findet, alles ist Unsinn, was Benthin mit Gareis besprochen hat.
»Ich will dir was sagen, Benthin, was sollen wir bei dem Roten? Sollen wir seine Arbeit machen? Demonstrieren dürfen wir, das ist Gesetz. Und wie er mit der Demonstration fertig wird, das ist seine Arbeit, dafür wird er bezahlt.«
»Da hast du nicht unrecht«, nickt Vadder Benthin.
»Mit den Führern zu ihm kommen?« fragt Rohwer. »Ich will dir was sagen, Benthin, wer ist denn hier Führer? Du oder ich oder der Junge da mit der Schülermütze von der landwirtschaftlichen Schule?«
»Du«, sagt Benthin.
»Quatsch. Wieso ich? Bin ich gewählt?«
»Nein. Gewählt bist du nicht.«
»Oder hat mich jemand ernannt? Der rote Gareis vielleicht? Oder der Hampelmann aus Papier in Stolpe?«
»Das nun auch nicht.«
»Wir sind keine Partei, Benthin, laß dir sagen, wir sind kein Verein. Und Führer gibt es schon gar nicht.«
»Aber wo ich es ihm in die Hand versprochen habe, daß ich mit den Führern zu ihm komme? Tu mir den Gefallen, Rohwer es dauert nur zehn Minuten.«
»Was hast du ihm in die Hand versprochen?«
»Daß ich mit den Führern zu ihm komme.«
»Und wenn es keine Führer gibt –?«
Benthin betrachtet ihn unruhig.
»Dann kannst du auch nicht mit den Führern zu ihm kommen, das ist doch klar. Dann hast du dein Wort nicht gebrochen.«
»Aber wenn er mich suchen läßt?«
»Das wollen wir schon kriegen. Der soll dich nicht finden. Bleib du man hier hübsch bei Tante Lieschen, im Dunkeln hinter der Theke. Jungbauer!«
»Ja, Bauer?«
»Geh mal in die Lokale und sag Bescheid, daß, wenn einer von den Polizeileuten kommt und nach Vadder Benthin hier aus Altholm fragt, daß ihm dann gesagt wird: er ist gerade ins nächste Lokal gegangen. Verstehst du, Jungbauer!«
»Wird gemacht, Bauer«, und der Jungbauer verschwindet.
Am Tisch an der Tür sitzen zwei Männer in schlichten halbstädtischen Anzügen, ohne weiße Wäsche, Handwerksmeister oder so was.
»Hast du das gehört?« fragt Perduzke den Kriminalsekretär Bering.
»Ich höre überhaupt gar nichts«, sagt der. »Ich trinke hier Bier.«
»Die wollen uns von der Polizei in den April schicken.«
»Laß sie doch. Dafür schicken wir das fette Schwein, den Gareis, und den Frerksen in die Hölle, wenn wir unsere Spesenrechnung einreichen und haben nichts gehört.«
»Recht hast du«, bestätigt Perduzke. »Dem Frerksen, dem Schwein, gönne ich den Rotlauf. Tante Lieschen, bring uns noch einen Halben.«
Die Männer trinken weiter.
Auf geht die Tür und hastig tritt in voller Uniform der Oberinspektor Frerksen ein. Sein helles Haar kommt wirr und feucht unter der Dienstmütze hervor, sein Gesicht ist gerötet, seine Augen blicken ärgerlich hinter der Brille. Er streift seine beiden Kriminalbeamten mit einem Blick, sieht in das Gewühl von Bauern, umwölkt vom Dampf zahlloser Pfeifen und Zigarren, er setzt an, will sprechen, setzt wieder ab. Er ruft: »Ist hier vielleicht der Landstellenbesitzer Benthin aus Altholm?«
Eine Art Stille entsteht, die Bauern drehen sich um nach dem Polizeioffizier und beglotzen ihn. Aber niemand antwortet.
»Ich frage«, ruft Frerksen von neuem, »ob hier der Landstellenbesitzer Albert Benthin ist?«
Weiter Schweigen.
Dann ruft eine ganz hohe Stimme: »Hier gibt es keinen Benthin.«
Und eine andere knarrt langsam. »Vadder Benthin ist eben in 'nen Bananenkeller gestolpert!«
»Von da komme ich«, ruft ärgerlich Frerksen.
»Dann ist er im roten Kabuff!«
»Nee, im Tucher!«
»Bei Krüger!«
»Nee, bei Tante Lieschen!«
»Der hat seine Kleine in der Grotte!«
»Seine Alte hat eben 'nen Zwilling hintennach gekriegt.«
»Ruhe!« brüllt eine Stimme. Es wird still.
Frerksen steht auf der Schwelle und sieht in das Gewühl. Er ist blaß geworden. Dann dreht er sich kurz um und geht aus dem Lokal.
In das Gesumme der wieder einsetzenden Unterhaltung sagt Bering: »Junge, Mensch, Perduzke, diesmal haben wir es verschissen. Das durften wir unserm Chef nicht bieten lassen.«
»Was du nur willst! Wir sind doch hier geheim, zur Beobachtung. Da dürfen wir doch nicht mit einem Schutzmann in Uniform sprechen!«
»Na, hast du gesehen, wie er käsig wurde? Die Bauern haben einen hübschen Groll auf die Polizei.«
An der Theke sagt Rohwer zum erregten Benthin: »Jawohl, Vadder Benthin, sie haben es zu toll gemacht.«
»Gemein sind sie gewesen«, ruft Vadder Benthin. »Frerksen ist auch ein guter Altholmischer.«
»Das macht, du bist die blaue Stadtsoldatenuniform gewöhnt. Unsereiner vom Lande, was ein richtiger Bauer ist, dem wird von dem Blau gleich rot vor den Augen.«
»Die Schweine sollen meine Frau in Ruhe lassen! Der Junge ist meiner.«
»Wissen wir alle, Vadder Benthin. Du hast 'ne gute Frau. Und nun komm mit ins Tucher. Da haben wir jetzt Führerbesprechung.«
»Führerbesprechung?«
»Na ja, was man so nennt. Richtige Führer sind das nicht. Also mach schon. Komm!«
11
Rohwer und Benthin gehen still und langsam nebeneinanderher, ihre schweren Arme hängen ungeschickt herunter.
»Hast du eigentlich einen Handstock?« fragt Rohwer.
»Nein, ich ...« fängt Benthin an.
»Nun weiß ich nicht«, setzt Rohwer fort, »habe ich meinen mitgenommen heute früh oder nicht? Dann hängt er in einer Kneipe. Aber in welcher?«
»Ich habe keinen mitgenommen, weil ...«
»Ein Bauer ohne Stock ist ein Mädchen ohne Rock. Wollen uns einen kaufen beim Schirmmacher Zemlin.«
»Im Zuge dürfen wir keine Stöcke tragen.«
»Dürfen wir nicht? Was du nicht alles weißt! Wer verbietet denn das?«
»Die Regierung. Die Polizei. Stöcke im Zuge sind verboten.«
»Aber doch nicht für die Bauern? Wenn ein Arbeiter mit einem Stock geht, dann will er sich prügeln. Wenn ein Bauer mit einem Stock geht, dann will er was in der Hand haben. Also komm schon.«
»Ich kauf keinen.«
»Wie du willst. Geh immer schon voran ins Tucher.«
Und Rohwer geht in den Laden.
Benthin wandert vor dem Laden auf und ab. Er sieht alle Bauern an, die vorbeikommen: fast alle tragen Stöcke. »Das dürfen wir doch nicht«, denkt er. »Aber wenn es alle tun? Es ist wirklich nichts so ohne was in der Hand.«
Er möchte sich auch einen kaufen.
»Da sind Sie ja, Herr Benthin«, sagt eine Stimme hinter ihm und Polizeioberinspektor Frerksen reicht ihm die Hand.
Benthin erschrickt tüchtig: »Ja, hier bin ich ... Ich war nur mal ...«
»Bei der jungen Frau? Beim Jungen?«
»Nein. Nicht. Ich war ...«
»Also, Herr Benthin, warum sind Sie nicht aufs Rathaus gekommen, zum Bürgermeister?«
»Weil keine Führer da sind.«
»Keine Führer?«
»Nein. Keiner. Der Reimers sitzt ja.«
»Also der Reimers ist doch ein Führer?«
»Nein, nein, das habe ich nicht gesagt, Herr Oberinspektor. Der Reimers ist auch nicht Führer. Keiner ist Führer.«
»Aber Sie sagten doch ...«
Vadder Benthin ist sehr erregt: »Fangen dürfen Sie mich nicht wollen, Herr Oberinspektor. Das ist nicht anständig. Fangen, das gilt nicht.«
»Keiner will Sie fangen. Ich frage nur so. Wer läßt denn antreten?«
»Das weiß ich nicht.«
»Lauft ihr denn so los? Wie eine Herde? Bald ein paar und dann wieder ein paar?«
»Wir haben doch«, sagt Benthin gekränkt, »die Stahlhelmkapelle aus Stettin. Und dann haben wir eine Fahne und wenn die Fahne herauskommt, dann treten, wir an.«
»Eine Fahne habt ihr auch?«
»Eine feine Fahne haben wir. Da werden die Altholmschen glotzen.«
»Dann ist der Fahnenträger wohl der Führer? Wer ist es denn?«
»Das weiß ich nicht. Fragen Sie mich nicht, Herr Oberinspektor, ich weiß gar nichts. Da habt ihr mich schon aufs Rathaus geholt, aber ich bin gar nichts, ich habe nichts zu melden bei den Bauern.«
»Das hast du auch nicht«, sagt Bauer Rohwer und stellt sich daneben.
»Vielleicht Sie?« fragt Frerksen. »Wie heißen Sie denn?«
»Danach fragen Sie mich man, wenn der Hahn Eier legt. Ich hab Sie auch nicht nach Ihrem Namen gefragt.«
»Sie haben doch vorhin an der Theke gestanden, als ich nach Herrn Benthin fragte?«
»Ich seh mich nicht um, wenn ein Blauer schreit. Da guck ich weg und da geh ich weg. – Komm denn auch bald, Vadder Benthin.«
Bauer Rohwer geht langsam weiter. Frerksen lächelt mühsam: »Das sind erregte Leute, Ihre Freunde, Herr Benthin. Das sind unsere Freunde nicht.«
»Das sind Bauern. Die meinen das nicht so. Und sie mögen die Uniform nicht sehr gerne.«
»Aber ich habe ihnen doch nichts getan!«
»Sie?! Alle Uniform hat uns was getan. Der ganze Staat hat uns was getan. Früher hatten wir zu leben, heute ... Ich möchte mal wissen, wie Ihnen das ist, wenn einer kommt in Uniform und holt Ihnen das Vieh aus dem Stall.«
»Ich habe noch keinem sein Vieh aus dem Stall geholt.«
»Aber Sie haben ihn nach seinem Namen gefragt auf der Straße, so was tut ein anständiger Mensch nicht.«
»Ich habe es nicht so gemeint. Aber alle sind heute so schrecklich aufgeregt.«
»Sie sind so aufgeregt, Herr Oberinspektor.«
»Ich? Keine Spur. Ich gehe morgen in Urlaub, ich denke überhaupt nur an meine Reise.«
»Das merkt man nicht, Herr Oberinspektor.«
»Das ist aber so. – Also, Herr Benthin, wir sind doch zwei alte Altholmer und wir wollen doch beide nicht, daß in unserer Vaterstadt was passiert?«
»Das wollen wir nicht.«
»Also, Vadder Benthin, kommen Sie, wir geben uns hier offen die Hand darauf, daß wir alles tun wollen, damit es glatt geht.«
»Das kann ich wohl versprechen. Wir Bauern machen keinen Stank.«
»Und wenn Sie was hören, Herr Benthin, daß es nicht glatt geht, daß da welche sind, die wollen stänkern, dann kommen Sie zu mir. Dann machen wir es ohne Aufheben schlicht, daß kein Krach wird.«
»Das kann ich sagen. – Wenn ich Sie finde.«
»Also«, sagt Oberinspektor Frerksen und atmet tief auf, »also haben wir uns hier unser Versprechen gegeben als Altholmer und wollen's halten. Für unsere Vaterstadt.«
»Woll, woll, Herr Oberinspektor. Und nun laufen Sie nicht mehr so in der Sonne rum, das bekommt Ihnen nicht. Trinken Sie ein Bier, das kühlt schön ab. Herrgott, Mann, was schwitzen Sie!«
»Also denn alles Gute, Herr Benthin!«
»Auf Wiedersehen, Herr Oberinspektor!«
12
Es ist die ruhige Stunde im Zentralgefängnis Altholm, mittags eine Weile nach dem Essen. Die Eisenstege in den ungeheuren fünfstöckigen Schächten der vier Zellengefängnisflügel liegen verödet da. Der Hauptwachtmeister sitzt in seinem Glaskäfig und schreibt, jetzt hebt er nicht den Blick. Um diese Stunde ist nichts zu beaufsichtigen in all den Gängen, die man von seinem Bauer aus übersehen kann: das Gefängnis schläft.
Aus der Wachtmeisterstube von Station C 4 kommt sachte ein Wachtmeister gegangen. Er bleibt ein Weilchen am Gitter seines Steges stehen, schaut in den Schacht hinunter, nach dem Hauptwachtmeister hin. Nichts rührt sich.
Er steht da, er ist kalt entschlossen, auch wenn der Hauptwachtmeister aufsieht, wird er in Zelle 357 gehen. Hilfswachtmeister Gruen geht zehn Schritt weiter, bleibt vor der Tür von Zelle 357 stehen. Er macht eine jämmerliche Figur, ein Hering mit dem rosaweißen Gesicht eines Säuglings, hellblauen Basedowaugen, einem viel zu blonden Spitzbärtchen und auf dem blanken Eischädel kein Haar. Wegen seiner schlechten Uniform kotzt ihn der Hauptwachtmeister jeden Tag an, in seinen Schuhen sind Risse, die Schnürsenkel sind Bindfäden, die von der Schuhwichse nur stellenweise gefärbt sind.
Da steht er, Hilfswachtmeister in Diensten der preußischen Justizverwaltung, Empfänger von 185 Mark monatlich, von denen er sich, die Frau und drei Kinder zu ernähren hat, zur Zeit Herr über Wohl und Wehe von Station C 4, das sind 40 Zellengefangene. Unter ihnen liegt der Untersuchungsgefangene Tredup, den Gruen für einen Bombenleger hält. Man hat ihn aus dem Untersuchungsgefängnis ins Strafgefängnis verlegt, damit jede Verständigung mit der Außenwelt unmöglich ist.
Gruen wirft noch einen Blick auf das Glasbauer mit seinem Feind, dem dicken Hauptwachtmeister. Ihm ist etwas wirr im Kopfe, er weiß noch nicht, was er tun will, aber er hat wohl gesehen, was am Tor geschieht. Wenn sie auch denken, er ist mall, er weiß doch: sie wollen wieder den Bauern eins auswischen, es ist wieder etwas Rotes im Gang, wie damals, als sie ihn an die Wand stellten.
Er schiebt den Riegel von Zelle 357 ganz leise zurück. Dann schaut er durch den Spion: der Gefangene liegt auf dem Bett und pennt. Gruen nickt vor sich hin und lacht. Er schließt vorsichtig das Schloß, einmal, zweimal. Nun macht er die Tür auf.
Jetzt kann er den Hauptwachtmeister nicht mehr sehen, wenn der aber jetzt dreimal mit seinem Schlüssel auf das Eisengitter klopft, hat er gemerkt, daß der Wachtmeister trotz des Verbotes die Zelle aufgeschlossen hat.
Es bleibt alles still. Es ist, als atme das Haus ruhig weiter. Gruen lacht wieder, tritt in die Zelle und zieht die Tür sachte hinter sich zu.
Draußen vor dem Gefängnis ist den ganzen Vormittag ein lebhaftes Kommen und Gehen gewesen. Wohl ist am Vormittag von Feinbube, von Rehder und Rohwer, von Benthin und Bandekow in den Lokalen immer wieder die Parole ausgegeben worden: der Reimers ist nicht mehr in Altholm, die Demonstration vor dem Gefängnis fällt fort.
Aber da sind Bauern, die neugierig sind, sie wollen das Haus sehen, in dem ihr Führer geschmachtet hat. Und dann ist da ein fremder Bauer aus dem Hannoverschen gewesen, einer mit Stulpenstiefeln und einem Gamsbart auf dem Hut, ein Delegierter, ein ganz Eingeweihter in die Bauernschaft, der hat hinter der Hand geflüstert: es ist alles nicht wahr, der Reimers ist doch hier in Altholm und sie halten ihn wie einen Hund.
Manche von den Bauern haben einfach am Tor geklingelt und haben den Reimers zu sprechen verlangt. Andere haben auf dem Platz gestanden und haben hinübergeschaut, wo sich jenseits der hohen roten Mauer die graue Zementfassade des Gefängnisses auftürmt, eine glatte trostlose graue Wand, nur gegliedert von dem Einerlei der Gitterlöcher.
Sie haben davon gesprochen, hinter welchem dieser Hunderte von Löchern der Franz wohl sitzen mag. Dann hat das Gefängnistor geknarrt und ein Beamter ist herausgekommen, mit seinem Kaffeetopf unterm Arm, nach beendigtem Dienst, oder so ein blasser halbverhungerter Gefangener mit einem Pappkarton, in dem er wohl seine sieben Zwetschgen hat, am Bändel.
Jetzt ist wieder eine Gruppe von Bauern da, die stehen stumm und sehen nach der grauen Wand hin. Es sieht alles so tot aus, unmöglich, sich vorzustellen, daß darin Leben ist, hinter jedem Loch ein Mensch, der in die Freiheit will.
Die großen Schlösser am Tor krachen, die Bauern sehen sich um. Es kommt ein Mann heraus, ein großer, starkknochiger Mann in Manchester mit geschmierten Schuhen. Er redet noch ein paar Worte mit dem Wachtmeister, der ihn hinausläßt. Dann geht das Tor zu und der Mann steht da mit seinem braunen Pappkarton an der Schnur, und sieht auf den weiten Platz, der blendend in der grellen Julinachmittagssonne liegt.
Er schiebt das Paket unter den Arm, macht ein paar Schritte, schaut sich um und bemerkt die Bauern. Er zögert wieder, dann geht er piel auf sie los.
»Tach ook, ji Buern«, sagt er und zieht an der Mütze. »Brauch keiner von euch einen Dienstknecht?«
Die Bauern betrachten ihn stumm.
»Es ist nicht«, sagt der Große, Starkknochige, »daß ich nicht arbeiten kann. Ich hab vorgemäht im Wickgemenge beim Grafen Bandekow und trage meine zwei Zentner auf den Boden wie 'nen Klacks.«
Die Bauern sagen nichts.
»Daß ich geklaut habe«, sagt der Mann, »das ist nicht an dem. Ich klaue nicht. Es war wegen einem kleinen Mädchen. Sie wollte. Aber weil zufällig Leute dazu kamen, fing sie an zu kreischen. Und da mußte sie ja dabei bleiben, daß ich ihr Gewalt angetan hätte.«
»Da bist du«, fragt der Bauer Banz, »wohl lange im Kittchen gewesen?«
»Es geht an«, sagt der Mann. »Neun Monate. Wie ist's, will keiner von euch einen starken Mann haben zur Roggenernte?«
»Da kennst du wohl alle drinnen im Bau?« fragt wieder Bauer Banz.
Der Mann lacht schallend. »Alle kennen? Na, du bist gut. Die von meiner Station und auch die noch nicht mal alle.«
»Ich weiß nicht Bescheid von solchen Dingen«, sagt der Bauer verlegen. »Aber kennst du wohl einen Franz Reimers?«
»Reimers?« fragt der Mann. »Warte mal. Da waren so viele. Lange ist der nicht drin gewesen, was?«
»Ist er denn nicht mehr drin?«
»Jetzt weiß ich. Das ist so ein Langer, bartlos, schon mit grauem Haar?«
Die Bauern nicken eifrig.
»Der hat irgend etwas gemacht, mit Steuern, er hat es mir erzählt in der Freistunde. Es war etwas mit Ochsen, was?«
Die Bauern nicken eifrig. »Das ist er«, sagt Banz.
»Ja, liebe Leute. Der Mann ist aber weg. Der ist nicht mehr hier. Der ist in Stolpe.«
»Weißt du das sicher?« fragt nach einer Weile des Schweigens Banz.
»Wenn ich es dir sage«, widersetzt der Lange. »Er hat in der Zelle neben mir gelegen, noch vor einer Woche. Dann kam er nach Stolpe.«
»Hat er es dir gesagt, daß er nach Stolpe geht?« fragt wieder Banz.
»Sie wollen mich befragen in Stolpe, hat er gesagt, weil es in Stolpe geknallt hat. Dabei war ich schon drin, hat er gesagt, als es knallte.«
Die Bauern sehen sich untereinander an, auf den Langen, auf die graue öde Zellenwand.
In diesem Augenblick kommt von dort oben ein Geräusch. Eines der Klappfenster hat sich schräg gestellt, ist aufgegangen. Etwas Weißes erscheint: eine Hand, die von drinnen um die Gitterstäbe faßt. Etwas größeres Weißes, etwas rundes Weißes: in der Ecke, gegen die Wand gepreßt, ein Gesicht.
Sie sehen es deutlich, die Bauern, von unten: ein Loch tut sich im Weißen, Runden auf, ein kleines schwarzes Loch, und nun schreit es zu ihnen herunter, eine grelle atemlose Stimme: »Helft mir, ihr Bauern! Sie bringen mich um! Helft, ihr Bauern!«
Die Bauern machen einen hastigen Schritt gegen die Umfassungsmauer, dann sehen sie auf den Langen – von oben gellt weiter die Stimme um Hilfe –, auf den Langen, der fassungslos glotzt.
»Was ist das«, schreit Banz. »Du Räuber, ich frage dich, was ist das?«
»Das ist er nicht. Das kann der Reimers nicht sein. Der Reimers ist doch fort im Auto!«
»Doch, das ist der Reimers!«
»Wer soll es sonst sein?!«
»Das ist Franz!«
»Du Lügner!«
Und Banz plötzlich: »Du Spitzel! Du Räuber, warte, ich will dir ...«
Die Stimme von oben schreit, kreischt: »Hilfe, ihr Bauern! Hilfe! Ich hab's für euch getan. Helft mir auch! Helft!«
Und plötzlich ist es, als erbrauste das Haus, das tote. In allen Gitteröffnungen stellen sich die Scheiben schräg, überall weiße Hände, weiße Gesichter mit schwarzen Mundlöchern, ein Gebrüll der Hölle: »Helft uns, ihr Bauern! Helft uns, ihr Bauern!«
Dahinein gellt unaufhörlich eine Glocke, Pfiffe, Gejohl, scharfes Klingeln.
Der Lange rafft sich zusammen, flieht vor den Händen von Banz zu dem Gefängnistor, hämmert dagegen. Zwei, drei Bauern laufen ihm nach, halten ihn sinnlos fest, heben die Fäuste gegen ihn.
Zwei starren auf die Wand, auf die Brüllenden, auf den weißen Fleck, der zuerst schrie.
»Kommt rasch. In die Stadt. Alle müssen hierher!«
Und Banz: »Alle müssen kommen! Schrecklich, was hier geschieht!«
»Alle müssen hierher. Alle!«
Und im Laufen: »War das der Franz wirklich?«
»Wie kannst du das sagen aus der Entfernung! Aber er wird es schon gewesen sein.«
Sie stürzen zur Stadt.
13
Das Tucher ist das Lokal in Altholm mit dem größten Saal.
Hunderte von Bauern sitzen hier, stehen herum, trinken, rauchen oder lehnen abwartend an der Wand.
Eine dichte Gruppe umsteht Henning und Bandekow, die dabei sind, die für den Transport auseinandergenommene Fahne wieder zusammenzusetzen. Henning hantiert, ohne aufzusehen, mit einer Zange, er dreht die Muttern an, die eine Blechschlaufe um den Schaft zusammenziehen. An ihr sitzt die Sense.
»So. Das mag halten.«
»Es sitzt noch ein bißchen wacklig«, meint Bandekow.
»Weil ich den Schraubenschlüssel vergessen habe. Aber es hält.«
»Gestatten Sie«, ertönt eine Stimme, »gestatten Sie, daß ich mich vorstelle: Landwirt Megger aus dem Hannoverschen. Bei Stade her. Meggerkoog.«
Vor Henning steht ein untersetzter Mann, in Stulpenstiefeln, mit grünem Flausch, einem Gamsbart auf dem Hut.
Henning will seinen Namen nennen, als er von hinten einen Stoß bekommt: »Was soll denn das?!«
Er dreht sich um. Hinter ihm steht Padberg, sieht ihn bedeutungsvoll an, sein Mund formt das Wort: »Schmiere!«
Henning lächelt: »Haben Sie vielleicht den Schraubenschlüssel? Würden Sie vielleicht dem Friedrich sagen ... Ach, richtig ja, verzeihen Sie, die Sense will nicht festsitzen.«
»Sie haben da eine Fahne ...« sagt der Landwirt aus dem Hannoverschen, freundlich lächelnd.
»Ja? Meinen Sie? Richtig, eine Fahne«, sagt mit Ernst Henning.
»Eine ungewöhnliche Fahne. Eine symbolische Fahne. Würden Sie sie erklären? Wir Hannoveraner Bauern nehmen starken Anteil daran.«
»Ja? Ich erkläre sie am besten, indem ich sie Ihnen zeige. – Platz, ihr Bauern, Platz!«
Ein freier Raum entsteht um Henning. Er hebt die Fahne hoch, schwenkt sie mit einer Hand, fängt sie mit der andern wieder. Brausend entfaltet sich das Fahnentuch: der weiße Pflug, das rote Schwert im schwarzen Felde.
»Antreten! Antreten!« rufen viele Stimmen. »Antreten! Es geht los. Antreten!«
Sechstes Kapitel: Das Gewitter bricht los
1
Aus allen Lokalen strömen die Bauern. Die weite Fläche des Marktplatzes ist voll von ihnen, manche laufen noch hin und her, aber andere formen sich schon zur Masse, zum Zug, einem Zug, dessen Spitze achtgliedrig vor dem Eingang des Tuchers Aufstellung genommen hat.
Dahinter wird angeschlossen. Dörfer bleiben zusammen, es regelt sich von selbst, Padberg, der hin und wieder eilt, braucht kaum ein Wort zu sagen.
Auf den Bürgersteigen bleiben Neugierige stehen, nicht eben viele, aber doch alle, die in einer Industriestadt von 40 000 Einwohnern an einem wolkenlosen heißen Julinachmittag unterwegs sind: Arbeitslose, Kinder, Frauen, ein paar Geschäftsleute. Die Fenster, die auf den Marktplatz gehen, öffnen sich, drin liegen die Dienstmädchen, ein Fenster weiter die Hausfrauen. Sie tauschen miteinander Eindrücke und Beobachtungen aus.
»Kiek es! Da kommt auch noch die Fahne!«
»Gott, wo swatt!«
»Die reine Seeräuberflagge!«
Alles reckt die Hälse.
»Das geht nicht, Henning«, sagt Padberg, »die Sense wackelt ja. Wenn sie runterfällt, haben wir zum Schaden den Spott.«
»Herr Haas«, sagt Henning zum Wirt des Tuchers, »wo bleibt Ihr gottverfluchter Friedrich mit seinem Schraubenschlüssel? Mit der Zange kriege ich die Muttern nicht fester.«
»Gleich. Gleich, Herr. Treten Sie nur in den Gang. Ich habe den Franzosen zur Hand.«
Henning verschwindet wieder mit der Fahne.
»Der hat Angst gekriegt mit seinem schwarzen Lappen«, verkündet ein Arbeitsloser.
»Na, so rot wie der Lappen, dem du am Abend nachläufst, kann nicht alles sein.«
»Besser als euer schwarzscheißgelber Fetzen.«
»Wenn du ...!«
»Ruhe, meine Herren«, sagt Perduzke, der sich durchs Gewühl schiebt. »Warum sich erhitzen? Es ist doch schon heiß genug!«
Alle lachen.
Unterdes hantiert Henning an der Fahne.
»Sag mal, Padberg, wo bleibt eigentlich die Musik?«
Padberg grunzt. »Hab ich die ganz vergessen! Die Brüder sitzen beim Obermeister Besen am Teich und saufen sich voll, die Löcher.«
»Schick doch einen Jungbauern.«
»Natürlich. Sie da! Wollen Sie mal so gut sein und dem Kapellmeister von der Stahlhelmkapelle sagen, er soll sofort kommen mit seinen Leuten? Sitzt bei Besen am Teich. Sie kennen das? Und wenn Sie ein wenig laufen wollten –?«
Der Jungbauer läuft.
»Du, der von der Schmiere, der wollte nur deinen Namen wissen.«
»Als du mir den Stupps gabst und ich seine dreckige Visage ansah, wußte ich schon Bescheid.«
»Beinahe hätte er das Fahnentuch in die Fresse gekriegt.«
»War die Absicht. – So, die sitzt jetzt fest und wenn ich sie zehn Leuten durch den Bauch renne.«
»Du solltest solchen Stuß nicht einmal denken.«
»Tu ich auch nicht. So was redet sich von alleine.«
»Jedenfalls haben wir dein Wort.«
»Das habt ihr. Leider. Ich hebe keine Hand.«
Sie treten wieder hinaus auf den Marktplatz. Der Zug ist endlos geworden, nicht mehr abzusehen, weit in der Stolper Straße noch stehen die Bauern.
»Nun, das tut gut, wenn man so was sieht.«
»Dreitausend! Und wie viele sitzen noch in den Lokalen am Burstah!«
»Die nehmen wir mit, wenn wir vorbeiziehen. – Du hast doch recht gehabt, Henning, ohne die Fahne wäre es nichts.«
»Die macht Laune!«
Sie sehen beide hinauf zur Fahne, die im leichten Sommerwinde sich entfaltet. Der Pflug scheint sich zu bewegen, regungslos schwebt das rote Schwert darüber.
»Laß doch abrücken jetzt«, drängt Henning.
»Wieso? Erst die Musike!«
»Die Leute werden ungeduldig.«
»I wo. Bauern werden nicht ungeduldig.«
Durch die Leute auf dem Bürgersteig drängt ein ganzer Trupp Stadtpolizei, voran ein Uniformierter mit dicken Epauletten und Schnauzbart. Die Mannschaften haben den Riemen der Tschakos unter dem Kinn.
»Wollen die was von uns?« fragt Henning.
»Abwarten! Was sollen die denn wollen? Wir sind doch friedlich.«
»Gewiß doch«, sagt Henning.
Aber die Stadtpolizei ist schon vorbei. Alle Mann haben zur Fahne emporgeschaut, der Führer hat etwas gesagt und die Nachbarn haben gegrinst.
»Siehst du«, sagt wiederum Henning und meint diesmal die Fahne.
»Man kann nie wissen«, sagt Padberg trocken. »Grszesinskis Wege sind wunderbar.«
2
Über den Marktplatz kommt ein Mann geschritten, in blauer Uniform, die Brille auf der Nase, die Dienstmütze etwas zurückgeschoben, so daß eine Strähne des rotblonden Haares sichtbar wird.
Polizeioberinspektor Frerksen geht nach dem Mittagessen seinem Dienstzimmer zu. Er ist ruhig, entschlossen, die Anordnungen seines Bürgermeisters zu befolgen, die Bauern demonstrieren zu lassen und morgen in die Sommerfrische zu fahren.
Er sieht die Ansammlung, den Zug, die Zuschauer. Er bleibt stehen.
Es ist ein ungeheurer Haufe Menschen, ein Heer, er hat nie gedacht, daß es so viele sein könnten.
Er sieht die Fahne. Langsam mit den kurzsichtigen Augen blinzelnd, kommt er näher. Es ist ein schwarzes Tuch, es sieht düster aus. Rot darauf und irgend etwas Weißes. Langsam flattert die Fahne im leichten Winde, enthüllt sich nicht ganz, bleibt irgendwo immer in Falten.
Der Inspektor bleibt auf der Kante des Bürgersteiges stehen. Er sieht hinüber zu der Fahne, zu dem jungen Mann, der sie hält, einem älteren Bebrillten, der daneben steht.
Er sieht auf zu den Fenstern, in denen Leute liegen. Altholm hat sein Ereignis, Altholm hat eine Sensation.
Jemand sagt in dem Gedränge hinter ihm und er fühlt, dies war nur für ihn gesprochen: »So 'ne Störtebekerfahne, das sollte man gar nicht dulden!«
Und eine andere Stimme läßt sich, auch für die Öffentlichkeit bestimmt, vernehmen: »Es geht ja immer nur auf die Arbeiter!«
Plötzlich fängt sein Herz heftig an zu klopfen. Er schwitzt, fühlt er.
»Schade«, denkt es in ihm, »hätte ich fünf Minuten länger geschlafen, wäre der Zug vorbei gewesen.«
Er sieht zum Rathaus, das mit seinen roten Giebeln dort hinten liegt: »Dort könnte ich sitzen«, denkt er. »Schade!«
Und denkt schon an ein anderes Dienstzimmer, dunkel, mit Butzenscheiben, schweren Eichenmöbeln, »Ihr Gareis hat mir diese Suppe eingebrockt« – hatte es nicht so geklungen?
So. Oder ähnlich.
Auf dem Fahrdamm, acht Meter ab, stehen Henning und Padberg.
»Was ist das für ein Laffe?« fragt Padberg.
»Das ist der Polizeiobermuckermuck von Altholm. Ein Riesenroß.«
»So sieht er auch aus.«
»Du, der will was von uns.«
»Aber wir nichts von ihm.«
Der Oberinspektor kommt langsam die acht Meter Weg auf sie zu. So langsam er geht, seine Stimme klingt atemlos, als er zu den beiden sagt: »Meine Herren, diese Fahne ... das geht doch nicht.«
Und Henning: »Was geht nicht?«
Aber der Oberinspektor: »Sie sehen ein ... Wollen Sie die Fahne nicht in das Lokal zurückbringen?«
Frerksen spricht leise, bemüht, jedes Wort sorgfältig zu artikulieren.
»Die Fahne ist im Zug. Die Fahne bleibt im Zug«, sagt Padberg grob.
Der Inspektor streckt die Hand gegen die Fahne aus. Henning hebt sie mit beiden Händen hoch an der Brust empor.
Einmal. Zweimal. Dreimal.
Die vordersten Bauern heben das linke Bein und setzen es wieder nieder, machen den ersten Schritt. Alles setzt sich in Bewegung.
Frerksen sieht, wie der Abstand zwischen seiner Hand und dem Fahnenschaft größer wird und größer. Er fühlt sich geschoben, gestoßen. Große, geschlossene Gesichter kommen nahe auf ihn zu, Schultern stoßen ihn an.
»Hätt ich«, denkt er atemlos ...
Er findet sich auf der freien Fahrbahn wieder.
»Hätten Sie uns nicht rufen können?« fragt vorwurfsvoll Oberwachtmeister Maurer, der unter den Bäumen mit seinem Kollegen Schmidt patrouilliert.
»Ja, natürlich«, sagt der Oberinspektor und starrt auf die Fahne, die schon zehn Meter weiter ist.
»Drauflos! Laufschritt!« schreit er plötzlich. »Wir müssen die Fahne haben.«
3
Der Zug ist noch nicht zwanzig Schritte weitergekommen, als Frerksen sich mit seinen beiden Leuten in Trab setzt. Verständnislos starren die Bauern auf die vorbeilaufenden Polizisten. Nur die vordersten acht oder zehn Mann haben den Zwischenfall gesehen, aber auch die haben kaum verstanden, um was es sich handelte, so leise hat der Oberinspektor gesprochen.
Frerksen hält beim Laufen den Griff des Säbels in der Hand, damit ihm die Scheide nicht zwischen die Beine kommt. Die Uniform behindert ihn. Er hat das Gefühl, als sähen alle Leute ihn an, der da auf der Fahrbahn läuft: die Bauern, die Leute auf den Gehsteigen, die Bürger Altholms in den Fenstern ihrer Wohnungen. Er glaubt, er sehe sehr weiß aus, und versucht im Laufen, sein Gesicht zu befühlen (es ist rot), ihn friert. Plötzlich erinnert er sich, daß ihn die ganze Stadt nicht ausstehen kann, daß ihn nur Gareis hält.
»Daß Gareis schon in Urlaub ist! Daß er in seiner Wohnung sitzt! Er sollte mich nur sehen, er würde mir helfen.«
Und, immer im Laufen, versucht er sich vorzustellen, wie Gareis diese Aufgabe lösen würde: »Dieser Dickbauch, würde er so laufen? Dieses fette Schwein, da sitzt er in seiner Wohnung. Klugscheißen würde er, die Leute mit dem Schmus kriegen ... Ich, ich schmuse nicht. Ich mag so was nicht ...«
Hinter seinem Vorgesetzten läuft Oberwachtmeister Maurer. »Was für ein Blödsinn!« meditiert er. »Frerksen macht doch immer solchen Käse. Wo sind denn die andern? Sollen wir drei etwa alleine –? Schmidt ist auch nicht mehr hinter mir. Na, jetzt ist es schon egal. Diese Dickköppe ... Die Fahne wollen wir schon kriegen.«
Und Oberwachtmeister Schmidt, dick und maßlos schwitzend, in weitem Abstand hinterdrein. »Natürlich ich, ausgerechnet ich darf wieder so laufen. Die Herren Kollegen lassen es sich auf dem Burstah wohl sein, und ich renne, daß ich einen Herzschlag kriege. Der dürre Langschinken Maurer kann so was mit seinen einhundertdreißig Pfunden, aber ich mit zwei Zentnern zehn. Ich muß was für mein Gewicht tun, eine Zitronenkur ...«
Überraschend taucht an der Spitze des Zuges Frerksen auf. Er schaut sich nicht um, stürzt auf Henning zu, faßt den Schaft der Fahne, schreit atemlos: »Ich beschlagnahme die Fahne! Hören Sie, ich beschlagnahme die Fahne!«
Henning hört kaum hin, er hält mit beiden Händen die Fahne fest vor der Brust.
»Die Fahne gehört uns!«
Die Gruppe vorne will anhalten, aber der Zug ist in Marsch, drückt nach. Die nächsten Glieder wollen auch sehen, was da eigentlich los ist, die Fahne schwankt, alles strömt über, ein Gedränge, durch das sich grade noch Oberwachtmeister Maurer pressen kann. Er greift instinktiv nach dem Fahnenschaft, den Frerksen hält, die Fahne kommt ins Schwanken, neigt sich, fällt. Blechern klirrt auf dem Pflaster die aufschlagende Sense.
Frerksen bekommt von hinten einen Stoß, dreht sich halb um, zwei zornglühende Augen starren ihn an, zwei Fäuste drohen, eine Stimme droht: »Weg mit deinen dreckigen Händen von unserer Fahne!«
Wieder ein Stoß. Ein Schlag. Viele Schläge auf die Schulter. Da ist Maurer, er zerrt vorne an der Fahne, die Henning hinten hält. Nun fällt er über ein Bein. Maurer liegt am Boden, immer noch den Fahnenschaft, an dem mit Henning drei, vier Bauern hängen, in den Händen. Halb fällt das Fahnentuch über ihn.
»Wo ist Schmidt? Wo ist die Kriminalpolizei? Dies geht schief«, denkt Frerksen. Schläge fallen auf ihn.
Er wirft sich mit dem Rücken gegen die Andrängenden, bekommt einen Augenblick Luft, reißt den Säbel aus der Scheide ...
Eine Hand umklammert seinen Arm, er sieht in das wutweiße Gesicht jenes Mannes, der ihn vorhin vom Fahnenträger wegjagte, wegstieß. Padberg befiehlt: »Weg mit der Plempe, Mann!«
Sie zerren. Frerksen will den Arm freibekommen, um zuzuschlagen. All diese Gesichter sind voll Haß und drüben die Gesichter in den Fenstern voll Neugier. Der Mann dreht an seinem Gelenk, die Knochen knacken: der Säbel klirrt auf dem Pflaster. Noch sieht er ihn blinken zwischen den Füßen, nun tritt ein Fuß darauf, ein Bein schiebt sich davor.
Frerksen hat die Hand freibekommen. Er greift in die Pistolentasche. Drüben steht Maurer mit gerötetem Antlitz. »Pistolen raus!« schreit Frerksen mit überschlagender Stimme. »Bahn frei!«
Irgendwie öffnet sich eine Gasse vor ihm, er stolpert entlang, halb blind hinter der verrutschten, beschlagenen Brille, keuchend vom Kampf. Nun ist er auf dem Bürgersteig der andern Seite, die Leute treten auseinander. Ihre Gesichter werden scheu, wenn sie ihn ansehen ...
Er lehnt gegen eine Hauswand ...
Zu ihm kommt Maurer: »Das ging schief. Wir sind zu wenige.«
»Wo ist Schmidt?« keucht der Inspektor.
»Den hat hinten schon einer in der Mache gehabt. Da geht er. Ach, er hat mit Perduzke einen verhaftet, einen Bauern, sie gehen zur Wache.«
Über dem Bauernzuge erscheint, hoch, mit flatterndem schwarzen Tuch, die Fahne. Verbogen die Sense, aber die Fahne weht. Und der Zug marschiert weiter.
4
»Sie haben«, schreit der Bauer Rohwer erregt, »Sie haben mich loszulassen, Herr! Sie haben mich geschlagen, ich werde mich beschweren über Sie, bei Ihrer Behörde.«
»Beruhigen Sie sich nur erst«, sagt Perduzke höflich. »Trinken Sie ein Glas Wasser bei uns auf der Wache.«
»Ich scheiße auf Ihr Wasser. Sie haben kein Recht, mich festzuhalten.«
»Hast du gesehen«, sagt der dicke Schmidt zu Perduzke, »wie er mir beinahe den Arm gebrochen hätte am Laternenpfahl? Junge, Junge, das ist auch nicht die erste Klopperei, die du mitmachst.«
»Glauben Sie, ich lasse mich von Ihnen schlagen? Wenn Sie mich schlagen, wehre ich mich!«
»Ich habe«, keucht der dicke Wachtmeister, unendlich schwitzend, »mehrfach ›Bahn frei‹ gerufen. Wenn Sie da nicht weggehen, müssen Sie eben mal an meinem Gummiknüppel riechen.«
»Wo soll ich denn weggehen, wenn alles vollsteht? Konnten Sie denn weggehen?«
»Sie haben«, bemerkt weise Schmidt, »Platz zu machen, wenn die Polizei ›Bahn frei‹ ruft. Wie Sie das machen, ist Ihre Sache.«
»Das nächste Mal, wenn ich in euer verfluchtes Altholm komme, lasse ich mir Augen in den Arsch setzen, damit ich dich von hinten sehe, mein Junge«, knirscht wütend Rohwer.
»Immer ruhig«, sagt gelassen Perduzke. »Auf der Wache schreiben wir das alles schön auf, dann wollen wir die Köppe wohl klar kriegen.«
»Kiek mal«, sagt ein Bauer zum andern im Zug. »Da führen sie einen Kommunisten ab.«
»Die roten Hunde wollen uns unsere Fahne nicht lassen.«
»Hast du gesehen, eben war die Fahne weg. Aber jetzt ist sie wieder da.«
»Die Polizei schützt den Zug.«
»Was ist da groß zu schützen! Die Sowjetbrüder sollen nur mit uns anfangen!«
Durch das Gewühl drängt eifrig der kleine Pinkus von der Volkszeitung.
»Sag mal, Genosse Erdmann, was war da eben? Ich bin zu spät gekommen.«
»Ich weiß auch nicht. Frerksen hatte was mit dem Fahnenträger. Dann gab es Gedränge und Schlägerei. Und dann, ich weiß nicht. Dort steht er an der Wand, frag ihn doch.«
Pinkus drängt sich durch die Leute, die den Zug anschauen. An der Wand, in einem Winkel, fast unbeachtet, steht Frerksen, immer noch keuchend, die leere Säbelscheide in der Hand.
»Was war da eben, Frerksen? Was war da los?«
»Du, Pinkus? Ich beschlagnahme die Fahne. Sie ist aufreizend, ihr Mitführen im Zuge ist nicht gestattet.«
»Aber sie sind weg mit der Fahne?«
»Trotzdem. Ich beschlagnahme sie trotzdem. Wo bleibt der Entsatz? Ich habe Maurer nach Entsatz geschickt.«
»Wo sind die andern?«
»Auf dem Burstah.«
»Warte, ich schicke einen Radler. – Und auch du, wenn du die Fahne noch haben willst, solltest dem Zuge vorauslaufen. – Was ist mit deinem Säbel?«
Frerksen steht da. Er hat das Koppel losgeschnallt, sieht darauf: die leere Scheide.
»Was ist mit dem Säbel?«
»Sie haben mir den Säbel weggenommen, die Hunde! – Warte, schicke den Radler.«
Frerksen sieht sich um, er weiß nicht genau, was er tun soll, aber diese leere lächerliche Scheide, Symbol seiner Schande vor der ganzen Vaterstadt, muß er loswerden.
Er steht vor einer Ladentür. Vorsichtig klinkt er die Tür auf, späht in den Laden. Er scheint leer zu sein. Strickwaren. »Trikotagen«, denkt Frerksen mechanisch.
Mit einem plötzlichen Ruck schleudert er die Scheide in den leeren Laden, hört, wie sie klirrend niederfällt. Er schließt die Tür, er atmet auf.
Dann setzt er sich in Trab. Läuft am Zuge entlang, an Gesichtern vorbei, gleichgültigen, neugierigen, bekannten. Er, der ruhige, gesetzte Beamte, läuft im Hundetrab durch die Stadt. »Die Fahne«, denkt er. »Die Fahne!«
5
Der Oberinspektor läuft durch die Stadt. Zuerst den Marktplatz entlang, den der Zug der Demonstranten fast leer von Bürgern der Stadt gesaugt hat, dann am Burstah, an der Seite des Zuges, beglotzt und belächelt, gleichgültig angesehen und betuschelt. Seit seinen Jungenjahren hat er keinen solchen Dauerlauf mehr gemacht, seine Brust keucht sein Herz hämmert. Hinter der schmutzigen, beschlagenen Brille kann er kaum noch etwas sehen, er rennt Leute an, stößt sie, und sie fahren hoch, setzen mit Schimpfen an und verstummen, wenn sie ihn erkennen.
Bauern über Bauern, ein seltsamer Demonstrationszug, ohne Takt, ohne Musik immer noch. Sie gehen nebeneinander, in Gliedern zu achten, doch geht jeder für sich allein, langsam, schwer, als ginge es durch gepflügten losen Boden.
Sie sehen nicht auf ihn. Noch ist er am Ende, noch in der Mitte des Zuges, dort weiß man noch gar nicht, was vorgefallen ist. Wer ihn sieht, sagt höchstens: »Kiek, der Polizeibrillenmensch läuft. Was der sich wichtig hat! Wir sorgen für uns selber!«
Nun geht es gegen die Zugspitze. Er hat sie lange schon wehen sehen darüber, entfaltet vom Wind und der Bewegung des Marsches: schwarzes Feld, weißer Pflug, rotes Schwert. Und die mattglänzende Sense darüber, zweimal umgeknickt, doch immer noch mit der Spitze aufwärts weisend, ein aufrührerisches Signal.
»Unmöglich, diese Sense«, denkt er fieberhaft im Laufen, »ich durfte sie nicht dulden, das kann Gareis gar nicht wollen. Außerdem gibt es eine Ortspolizeiverordnung, nach der ungeschützte Sensen nicht im Stadtgebiet getragen werden dürfen. Ich muß diese Verordnung nachsehen, ehe ich mit Gareis spreche. – Da sind die ...«
Durch eine Menschenlücke sieht er den Fahnenträger und den bebrillten Mann daneben. Plötzlich kommt es ihm vor, als lache einer dem andern zu.
»Sie haben mich gesehen. Sie verhöhnen mich. Weil ich die Fahne nicht gekriegt habe. Wartet, ihr!«
Sie haben ihn nicht gesehen, die beiden an der Spitze des Zuges. Henning ist voll beschäftigt, die Fahne, die er ganz ohne Bandelier trägt, zu halten. Sie lehnt sich gegen seine Brust, er fühlt, wie der Wind an ihr reißt, manchmal kommt sie leise ins Schwanken.
Er sieht hinauf an ihr, kann die verbogene Sense sehen und denkt flüchtig: »So sieht sie eigentlich noch besser aus. Nach Kampf. Dieser Polizeikuli! Denkt sich, er kann so eine Fahne einfach wegnehmen wie ein Kegelklubbanner oder ein KPD-Plakat. Er wird die Neese plein haben.«
Padberg ist mit der Ansprache beschäftigt, die er in der Auktionshalle halten wird. »Diesen Übergriff der Polizei kann ich verwenden«, denkt er. »Das charakterisiert die heutige Regierung. Die Ultraroten und die Nazis dürfen alles, wir Bauern stehen unter Ausnahmerecht.«
6
Dort, wo die Grünhofer Straße den Burstah schneidet, steht ein Verkehrsposten. Von neun Uhr morgens bis acht Uhr abends ist die Kreuzung besetzt. Der Burstah erweitert sich hier: es ist ein Grünplatz da, der Stolper Torplatz, mit dem obligaten Heldenmal.
Gewöhnlich sehen Verkehrsposten und nackter Heros einander an. Heute, der Hauptwachtmeister Hart, sieht den Burstah abwärts, dem nahenden Zuge entgegen. Vor einer Viertelstunde sind zwanzig seiner Kollegen unter Führung von Polizeimeister Kallene vorbeigezogen, sie werden den Bahnhof besetzen und die Straßen vom Bahnhof zur Auktionshalle, an denen die Fabriken liegen.
Dann, vor fünf Minuten ist ein Radler angeprescht gekommen, schwitzend, im Vorbeitrampeln schreit er: »Deine Kameraden haben die Bauern niedergeschlagen. Ich hole die andern.«
Und der Mann ist vorbei. Hart versucht, sich vorzustellen, was geschehen ist: haben die Bauern, hat die Polizei niedergeschlagen? Oder ist es einfach so ein Arbeiter gewesen, der ihn hat foppen wollen?
Er möchte fort, möchte helfen, vielleicht geht es den Kameraden schlecht? Wer hat auf dem Marktplatz Dienst? Mechanisch gibt er den paar Autos Signale und ist immer froh, wenn er sich so stellen kann, daß er den Burstah abwärts sieht.
Dort erscheint, ganz ferne noch, ein dunkles Gewimmel.
Ein Herr mit einem Lodenhütchen, einen Gamsbart darauf, kommt eilig anmarschiert. Seine eisenbeschlagenen Stulpenstiefel hauen knallend auf das Pflaster. Er stürmt auf Hart zu.
»Wachtmeister, geht es hier heraus zur Auktionshalle? – Danke schön. Soso. Ja, danke schön. Finde schon. – Na, machen Sie sich man auch dünne wie Ihre Kollegen.«
In zehn Schritten Abstand: »Sonst kriegen Sie auch die Schnauze lackiert wie Ihre Kollegen.«
In zwanzig Schritt Abstand, grölend: »Von uns Bauern! Bauern!«
»Halt!« schreit Hart. »Halt! Bleiben Sie stehen! Ich befehle es Ihnen!«
Er will ihm nach, aber zwei Autos kommen, er schwenkt die Arme, und als er sich wieder umsieht, ist der Herr mit dem Gamsbart verschwunden.
»Der ist doch nicht zum Bahnhof rauf gegangen! Sonst müßte ich ihn noch sehen. Wenn ich dich wiederfinde! Diese Mistbauern! Fresse lackieren, warte, mein Junge, ob wir euch nicht die Fresse lackieren! So ein Mistbauer, gottverdammter, beschissener!«
Ein Mann kommt angelaufen, mit den letzten Kräften, keuchend, stolpernd, läuft gerade auf ihn zu. Hart erkennt, tief erstaunt, seinen Vorgesetzten, Frerksen.
»Die Leute!« keucht er. »Kallene soll kommen mit den Leuten! Die Bauern ...«
Er steht da und ist zu nichts mehr imstande.
»Zu Befehl, Herr Oberinspektor! Melde, daß ich hier Verkehrsposten bin. Ein Radfahrer holt, glaube ich, schon die Mannschaften.«
»Holen Sie die Leute!« schreit Frerksen. Seine Stimme versagt. »Laufen Sie, Hart, rennen Sie. Die Bauern ... Die Fahne ...«
Hauptwachtmeister Hart wirft einen letzten Blick in das fahle verzerrte Gesicht seines Vorgesetzten, läuft schon, trabt schon, dem Bahnhof zu. »Fresse lackieren ...« denkt er. »Wem heute wohl die Fresse lackiert worden ist ...«
Frerksen steht da, auf der Verkehrsinsel des Burstah, breitet die Arme aus, gibt Signale. »Wenn die Leute nur kommen«, denkt er. »Die Bauern sind ganz nahe. Keine drei Minuten ...«
Ein Radfahrer kommt den Burstah hinauf, vom Marktplatze her. Vor der Verkehrsinsel bremst er scharf, springt ab. Frerksen erkennt ihn: es ist Matthies, Funktionär der KPD, ein ewiger Stänkerbold.
»Herr Inspektor«, sagt der, freundlich lächelnd. »Herr Oberinspektor, ich wollte ihn Ihnen doch bringen. Ich habe ihn gefunden. Ich bringe ihn Ihnen ...«
Und er reicht Frerksen den Säbel, den verbogenen, beschmutzten, nackten Säbel.
Frerksen starrt darauf. Er steht auf der Verkehrsinsel. Schon sammeln sich die Leute, die Bauern sind nahe. Vor ihm steht Matthies, die verdreckte Plempe in der Hand, schleimig grinsend.
»Worein soll ich ihn denn stecken?« fragt Frerksen ängstlich und verwirrt. »Ich habe doch keine Scheide.
»Stecken sie ihn fort«, flüstert er. »Stecken Sie ihn fort, sogleich. Dort, hinter den Sockel vom Denkmal. Stecken Sie ihn hin ...« Und seine Augen folgen gequält dem Kommunisten, der gewollt langsam, den Säbel wie ein Gewehr über der Schulter, nach den Leuten sich mit Grinsen umschauend, über die Einfassung steigt, langsam mit Genuß den Fuß in ein Geraniumbeet setzt, weitergeht, sorgfältig die Blumen zermatschend, und mit einem höhnischen Grinsen hinter dem Sockel verschwindet, als wolle er dort, unter den Augen der Polizei, aus den Hosen.
»Ich kann das nicht mehr«, denkt Frerksen verzweifelt. »Ich halte das nicht mehr aus. Das ist nicht menschlich. Über die Kraft. Wäre ich doch fünf Minuten später von Haus fort. Wo bleiben die Leute?«
7
Sie kommen schon.
Im Laufschritt traben über zwanzig Blaue vom Bahnhof her. Auf die ersten verwirrten Nachrichten hat Polizeimeister Kallene alles an Leuten zusammengeholt, was im nördlichen Stadtteil Dienst machte.
Aber auch die Bauern sind nahe. Hundert Meter, achtzig Meter ist der Zug nur noch entfernt, in Achterreihen geordnet. Die schwarze Fahne an der Spitze, immer noch ohne Musik, kommen sie angerückt.
Polizeimeister Kallene macht Meldung, aber Frerksen hört nicht zu. »Die Bauern haben uns überfallen. Ihre Kollegen sind niedergeschlagen worden. Jetzt muß die Fahne geholt werden. Sie ist beschlagnahmt. Sie, Soldin, Meiderfeld, Geier haben die Fahne zu holen. Die andern helfen.«
Er sieht noch einmal die kurze Strecke, die ihn von der Zugspitze trennt. Von der erhöhten Verkehrsinsel springt er hinunter auf das Pflaster. »Los, Leute! Los!«
Er hebt die Hände. Waffenlos läuft er gegen den Trupp, seine Leute neben ihm, schon vor ihm. Manche haben den erhobenen Arm des Führers für ein Zeichen zum Säbelziehen gehalten, im Laufen bemühen sie sich, die Waffe ungewohnte Arbeit – aus der Scheide zu reißen. Andere haben den Polizeiknüppel vom Koppel losgemacht und schwingen ihn drohend. Drohend sitzen eng über den Brauen die vom Sturmband gehaltenen Tschakos.
Nur die vordersten Bauern bemerken den Ansturm, stutzen, wollen halten, werden von hinten geschoben.
Henning verhält jäh den Schritt. Und in einem Gefühl spottenden Trotzes hebt er die Fahne noch höher, lehnt mit dem Rücken gegen die Nachdrängenden. Während er stehenbleibt, quellen sie vor.
Die anstürmende Polizei sieht ihn entschwinden, das vorderste Glied schloß sich schon vor ihm. Nun ist er hinter der zweiten, hinter der dritten Reihe.
»Die Fahne!« schreit Frerksen. »Die Fahne!«
Der erste Polizist, der auf die Bauern prallt, ist Geier. Wie eine Wand sind sie vor ihm, eine Wand von drohenden, gleichgültigen, finsteren, weißen, braunen Gesichtern. Hände heben sich gegen seine erhobenen Hände, Stöcke werden hochgehalten, ob zur Abwehr, ob zum Angriff, wer weiß es.
»Straße frei!« brüllt er.
Dort weht die Fahne, nicht weit ab, zehn Meter, zwanzig Meter. Er muß sie haben. Wo sind die Kollegen? Gleichgültig, die Bauern geben nach, sein Gummiknüppel schlägt gegen die erhobenen Hände. Irgendwie entsteht eine Gasse vor ihm, ein kürzestes Stück freier Weg, in das er eindrängt. Und wieder gibt der Mann vor ihm nach, entschwindet nach der Seite. Er kann weiter, er kommt der Fahne näher.
Halb von hinten schlägt etwas dumpf knallend auf seinen Tschako, dann trifft ein Schlag seine linke Schulter.
Um so entschlossener schlägt er ein auf die vor ihm. Wollen sie nicht nachgeben, diese doofen Bauern, diese Scheißkerle, diese Hunde, gottverdammten! Die Fahne ...
Er stößt seinen linken Ellbogen mit voller Wucht einem Dicken in den Bauch. Der fällt rückwärts, die Leute weichen, pressen sich fester gegen die Nachbarn. Mit einem Satz, halb stolpernd, halb schon fallend, ist Polizeihauptwachtmeister Geier bei der Fahne, greift taumelnd nach dem Fahnenschaft, lehnt einen Augenblick Brust an Brust mit dem Fahnenträger und reißt mit dem Schrei »Fahne her!« die Fahne an sich.
Henning schaut ihn an. Sein Blick loht. »Die Fahne ist unser«, sagt er. Reißt sie zu sich.
Die linke Hand am Fahnenschaft führt Geier einen Schlag mit dem Gummiknüppel gegen die haltenden Hände Hennings.
Der hält fest.
Und Geier will zum zweiten Male schlagen, als eine Hand von hinten um seine faßt. Ein kurzer Kampf, ein stechender Schmerz, und die halb ausgedrehte Hand gibt den Gummiknüppel frei.
Drinnen im dichtesten Gewirr der Bauern zerren sie an der Fahne. Henning und Geier, stoßend, fallend, in einem ständig sich bewegenden Wirbel von Leibern, gestoßen, schon an der Erde.
»Nimm den Säbel, Oskar!« schreit es über Geier. »Die Schweine verdienen es nicht anders.«
Der riesenhafte Soldin ist da und mit ihm der wieselhafte Meierfeld. Mit der flachen Plempe verteilen sie knallende Schläge an die Umstehenden, auf ihre Rücken, ihre Gesichter, ihre Hände. Die Masse weicht, ein kleiner freier Kreis entsteht und taumelnd steht Geier auf, der Fahne einen gewaltigen Ruck gebend.
An ihrem anderen Ende hängt Henning, auf dem Pflaster liegend, aber sein weißes Gesicht, die fest verkrampften Kinnbacken verraten: er läßt nicht los.
»Laß los, du!« schreit Meierfeld wütend und führt einen Säbelhieb gegen den Liegenden.
Am andern Ende zerren Soldin und Geier vereint an der Spitze. Die Fahne bekommt einen gewaltigen Ruck, zwei Meter rutscht, fest an ihr hängend, über das Pflaster, Henning. Der Säbel streift seinen Arm. Der dunkle Stoff des Anzuges tut sich auf wie ein Mund, der weiße Hemdenstoff – und nun, sich langsam ausbreitend, Rot, helles strömendes Rot.
Fester nur die Hände um den Schaft führt Henning einen wütenden Fußtritt gegen den Schläger.
Der hebt wieder den Säbel. »Ob du losläßt, du Schwein!« Und er schlägt zu, über die haltende Hand, die sofort nichts ist wie ein purpurner Fleck.
Und auch Soldin, auch Geier lassen die Fahne los, heben die Säbel, schlagen zu. Henning hat sich auf die Seite gewälzt, mit seinem Körper deckt er die Hand, die noch halten kann, in die andere dringen die Hiebe.
Die Polizisten schlagen zu, atemlos, wutbleich, und um dies kleine Zirkusrund treibt immer wechselnd, dreht sich der Strom der Bauern, nachdrückend, weiter marschierend, immer neue.
8
Den weiten Weg zum Zentralgefängnis in die Stadt läuft hastig ein Mann. Er hat vor der grauen toten Wand gestanden, die plötzlich Stimme bekam, ein weißes Gesicht erschien, Hilfegeschrei ertönte: sie martern den Reimers, die Schergen dieser Regierung, die Büttel der Republik, die Gott verdammen möge, alle!
Banz läuft, als gelte es sein Leben: es gilt das Leben eines andern. Die befreundeten Bauern hat er längst verloren. Wo sind sie abgeblieben?
Aber hier tun es nicht zwei, nicht zehn, nicht hundert Bauern. Im Laufen hat er eine Vision von Tausenden von Bauern, die vor der toten Zementwand mit ihren Gitterlöchern stehen. Und wenn diese Tausende den Mund auftun werden zu einem gewaltigen Geschrei, dann wird es nicht sein um Hilfe, nicht aus Schwäche, sondern die Tore werden sich auftun, die Mauern werden fallen, heraus werden kommen die Verdammten der Republik.
Er läuft – und dazwischen huscht durch sein Hirn die Erinnerung an die drei Margarinekisten mit Sprengstoff in der verschlossenen Scheune daheim. Auch diese Kisten haben die Kraft von zehntausend Bauern, sie öffnen Tore, ändern den Sinn der Köpfe, machen aus Bonzen feige kriechende Tiere, sind wahre Wegbereiter.
Jetzt aber holt er die Bauern. Er wird es ihnen zuschreien, wie man ihnen mitspielt, wie sie wieder einmal betrogen worden sind, daß der Reimers doch hier sitzt.
Der Marktplatz ist leer, als er ihn keuchend erreicht. Banz sieht sofort: sie sind schon auf dem Marsch, verödet die Gehsteige, leer die Stühle hinter den Glasscheiben der Bierlokale.
Er läuft, erreicht den Knick des Burstah und sieht die Straße angefüllt von einer strudelnden, endlosen Menge.
»Was ist los?« ruft er atemlos. »Warum marschiert ihr nicht?«
»Vorn ist eine Stockung.«
»Es soll Keilerei sein mit den Kommunisten.«
»Wo ist Rohwer? Wo ist Padberg? Wo ist Henning?«
»Keine Ahnung, die werden doch wohl an der Spitze sein.«
Zu ihnen muß Banz. Er überlegt einen Augenblick. Die Schlucht Burstah ist nicht passierbar. Hier steckt alles voll, rettungslos verkrampft mit Autos, Wagen, Passanten. Aber es gibt eine Parallelstraße, und durch eine Torfahrt erreicht er sie.
Nun hat er wieder freie Bahn. Er läuft und er hält den Knotenstock fester in der Hand: diese Kommunisten, er wird es ihnen besorgen!
Er biegt in die Grünhofer Straße ein, erreicht den Stolper Torplatz, sieht den Engpaß Burstah nun von der andern Seite, blickt auf die Spitze des Zuges.
Er steht bewegungslos, sein Atem stockt.
Durch den Aufprall der Polizei sind die vordersten Glieder zum Halten gekommen, aber die nachrückenden haben sich seitlich geschoben: die ganze Breite der Straße ist erfüllt von einem Bauerngewimmel, dicht wie eine Wand.
Und vor dieser Wand, in Abständen von zwei bis drei Metern, steht eine blaue Kette von Polizisten, schlägt mit Gummiknüppel und Säbel auf die Leute ein, versucht die Vordersten zurückzutreiben, die doch immer wieder von den Hinteren vorgedrückt werden.
Mit erhobenen Händen, mit vorgehaltenen Stöcken schützen sich die Bauern gegen die Schläge, versuchen sich an den Hauswänden entlangzudrücken, um die freien Ausgänge nach der Grünhofer Straße zu erreichen, und werden immer wieder zurückgedrängt, mit neuen Schlägen zu neuen Schlägen.
Banz stößt einen Wutschrei aus. Das ist der Staat! Das ist dieser Staat, da sieht man ihn, so hat er ihn sich immer gedacht.
»Bluthunde!« denkt er. »Bluthunde! Sinnlos eintrommeln auf Wehrlose.«
Banz ist schon viel weiter. An der Straßenseite hat er einen riesenhaften Polizisten aufs Korn genommen, der mit seinem flachen Säbel auf die Köpfe der Leute von oben eindrischt, wobei er immer wieder den sinnlosen Ruf: »Straße frei!« ausstößt.
Er ist schon ganz nahe an ihm, erreicht ihn von hinten, den umgedrehten Knüppel in der Faust. Da dünkt es ihm feige, den Mann von hinten niederzuschlagen, er versetzt ihm einen kräftigen Tritt gegen das Schienbein.
Der Polizist fährt herum, sieht ihn wild an. »Straße frei!« blökt er.
»Straße frei!« höhnt Banz zurück. »Du Bluthund! Straße frei ...«
Und trifft ihn mit der Stockkrücke gegen die Schläfe, daß der Mann, mit hoch erhobenen Armen, sich wild um die eigene Achse dreht und dann krachend niederstürzt.
Seltsam ernüchtert schaut Banz auf ihn nieder. Er sieht auf die Gesichter um sich, durch einen leichten Schleier bemerkt er, daß sie ihn anschauen, wie vorwurfsvoll.
»Na ja«, murmelt er, »das hätte er auch nicht tun sollen, das mit dem Säbel.«
Und schleicht fort gegen die Gastwirtschaft von Tante Lieschen zu.
»Ich werde mich«, denkt er bedrückt, »hier nicht mehr einmengen. Ich werde ein Glas Bier trinken.«
Er hebt den Fuß, um ihn auf die erste Stufe zu setzen. Der Lärm, das Toben sind hinter ihm.
Da trifft ihn etwas mit voller Schärfe, dringt in sein Hirn wie ein glühendes Eisen. Feurige Funken wirbeln, und er stürzt vornüber mit zerschlagenem Schädel.
9
Das Postamt Altholms liegt am Burstah, in nächster Nähe des Stolper Torplatzes. Sein Souterrain ist hoch und in zwei Absätzen führt eine Außentreppe zu den Schalterräumen hinauf.
Auf dieser Treppe stehen zur Stunde des Kampfes dicht gedrängt Neugierige, blicken über das Gewoge und erleben was. Auch im Schalterraum steht es dicht an dicht, man hat die Fenster zur Straße geöffnet und schaut hinaus. Diskutierend, erregt, spricht alles durcheinander, Postbeamte und Publikum.
Zum Publikum gehört auch der ländliche Mann mit dem Gamsbarthut, den er übrigens jetzt abgenommen hat. Der geheime Gesandte der Regierung in Stolpe hat den günstigsten Platz erobert, mit dem halben Leib liegt er zum Fenster hinaus und sieht so das, was die andern nicht sehen können, schräg von oben, in hundert Meter Abstand: den Kampf um die Fahne.
Er ist beinahe vorbei jetzt. Man hat Henning, der den Schaft noch immer nicht losließ, an der Fahne hängend, über das Pflaster gegen den Bürgersteig geschleift, hat weiter auf ihn eingeschlagen, bis die zehnfach durchschlagenen Arm- und Handmuskeln nachgaben.
Dann hat man ihm die Fahne entrissen, und nun stehen Polizeimeister Kallene, ein paar Polizisten und Kriminalsekretär Hebel mit der Beute auf dem Bürgersteig, umbrandet von dem sinn- und ratlosen Hin- und Hertreiben der Bauern.
Vom Bahnhof her kommt ein kleiner bärtiger Mann in grauem Straßenanzuge, ein Köfferchen in der Hand. Der Stolper sieht ihn, das rastlose Männchen amüsiert ihn, das nichts mit dem Getriebe anzufangen weiß, sich hier hineinschiebt, dort wieder zurückläuft, hier vordringt, dort steckenbleibt.
Das Männchen läuft unermüdlich Sturm gegen die eingekeilten Massen, wie eine Ameise versucht er unermattet stets von neuem den Durchbruch, der ihm doch nicht gelingt, diesmal aber in die Nähe der Fahnengruppe bringt.
Kriminalkommissar Tunk verfolgt den weichen, breitrandigen, grauen Filzhut, der nun plötzlich zielbewußt auf die Gruppe zuhält. Es ist eine Zone freier Luft um diese Schar, schweigend stehen die Bauern und glotzen und werden wieder vorbeigedrängt.
In den freien Raum stürzt der Kleine, lüftet schon den Filzhut, bewegt schon die Lippen. – Tunk meint ihn sprechen zu hören, eine höfliche Frage, mit piepsiger Stimme. Aber niemand beachtet ihn, die Beamten stehen mit dem Rücken gegen das Volk, um ihre Siegesbeute geschart.
Da faßt der kleine Bärtige Mut, er streckt die Hand aus und zupft von hinten einen Beamten am Rock.
Was geschieht, ist wie das Einschlagen eines Blitzes.
Der Beamte, ein Polizist, fährt herum, als sei ihm ein Messer durch den Leib gestoßen. In seiner Hand blitzt es, weiß und glänzend. Der Säbel fährt durch die Luft, quer in das Gesicht des Kleinen. Einen Augenblick meint Tunk, den breiten, klaffenden Riß zu sehen, der schräg über Nase und beide Backen läuft. Dann hebt das Männchen die Hände zum Gesicht, sein gurgelndes tiefes »Oh« ist über alles Geräusch hin bis zum Fenster des Postamtes zu hören. Und der Mann stürzt vornüber, verschwindet im Getriebe der Leiber.
Zugleich ziehen sich die Beamten mit ihrer Fahne weiter gegen die Hauswand zurück, in der Ferne wird Musik laut, ein lauteres Gemurmel läuft durch die Reihen.
Tunk mit dem Gamsbart wirft sich mit seinem Rücken gegen die Leute hinter ihm. »Platz hier!« schreit er, sich Bahn brechend. »Ist das hier ein Postamt oder ein Theater? Platz! Ich muß telefonieren!«
Die Tiefe der Schalterhalle ist leer, alles steht an den Fenstern. Der Kommissar eilt auf die nächste Telefonzelle zu. »Jetzt wird es Zeit«, murmelt er.
Die Tür schlägt hinter ihm zu, er legt einen Groschen bereit, nimmt den Hörer ab. Wirklich meldet sich ein Fräulein.
»Dreihundertzweiundsiebzig. Aber rasch. Es brennt.«
»Bitte zahlen!«
Der Apparat läutet, es meldet sich das Mädchen von Bürgermeister Gareis.
»Schnell, der Bürgermeister! Es geht um Leben und Tod!«
»Herr Bürgermeister ist in Urlaub.«
»Sie Pute, Sie! Sie Idiotin, Sie!« schreit der Kommissar.
»Hören Sie nicht, daß es um Leben und Tod geht!? Wollen Sie den Bürgermeister rufen, Sie Gans, Sie verfluchte!«
»Einen Augenblick, bitte! Einen Augenblick, ich rufe Herrn Bürgermeister sofort«, haucht es drüben.
»Aber ein bißchen dalli, ja, hören Sie!«
Der Kommissar grinst wie ein Affe, den Hörer in der Hand fängt er plötzlich an, Kniebeugen zu machen, in irrem Tempo, auf, ab, auf, ab, immer rascher, immer wilder, während das Herz schneller klopft, die Lunge hastig, versagend atmet.
So gelingt es ihm, als der Bürgermeister sich fett, verschlafen (und sehr ungehalten) meldet, mit atemloser Stimme, aussetzend, völlig naturgetreu zu stammeln: »Herr Bürgermeister! Herr Bürgermeister! Genosse Gareis! Die Bauern kämpfen mit der Polizei! Der Inspektor ist niedergeschlagen, zwei Wachtmeister sind gefallen. Eben ziehen zehn, zwölf Bauern ihre Pistolen. Retten Sie ...«
Seine Stimme ist weg. Und während am andern Ende der Strippe Gareis tobt, legt Tunk sachte den Hörer auf den Telefonkasten, hängt nicht ab, schleicht leise aus der Zelle, schließt leise die Tür.
Und er betritt die Zelle daneben, fordert mit seiner gewöhnlichen Stimme Nummer 785.
Es meldet sich der Gastwirt Mendel in Grünhof.
»Hier Kriminalpolizei. Rufen Sie mir sofort den Oberleutnant Wrede an den Apparat. Er sitzt in Ihrem Gastzimmer.«
Und dann: »Also, Wrede, ich ... ja, Sie wissen schon ... lieber keine Namen. Ich habe es also geschafft. Lassen Sie Ihre Leute sich fertig machen. In fünf Minuten fordert Sie der Gareis an. Sie wissen natürlich von nichts.«
Ruhig tritt Kriminalkommissar Tunk aus der Zelle. Aus der Nebenzelle, in der er vor drei Minuten telefonierte, taucht ein Postbeamter auf, sieht ihn zögernd an.
»Was ist denn?« fragt ermunternd Tunk.
»Sie haben wohl nicht«, fragt der Postbeamte zögernd, »von dieser Zelle aus telefoniert?«
»Ich? Haben Sie nicht gesehen, aus welcher Zelle ich kam?«
»Natürlich. Entschuldigen Sie bitte. Aber vielleicht haben Sie gesehen, wer eben in dieser Zelle war?«
»Gesehen? Warten Sie. Ja, die Zelle war besetzt, als ich kam. Bin noch reingerammelt aus Versehen. Das war so irgendwas. Ein Arbeiter, ja ein Arbeiter in blauer Jacke. Schien schrecklich aufgeregt.«
»Also ein Arbeiter? In blauer Jacke? Ich danke Ihnen. Ich will gleich Bescheid sagen. Danke schön.«
Und der Postmensch taucht in der Zelle, der Kriminalist in der Menge unter.
10
Die Einhorn-Apotheke hat in Altholm keinen guten Ruf. Lieber gehen die Leute, und sei der Weg noch dreimal weiter, in die Salomon-Apotheke oder in die Apotheke zum Wassermann.
Das kommt daher, weil der Apotheker Heilborn jener milden Art von Verrücktheit verfallen ist, die man in plattdeutschen Gegenden Mallheit nennt. Er denkt gar nicht daran, den Leuten das zu geben, was sie haben wollen, sondern er verkauft nur, was er für richtig hält. Will Frau Marbede Pyramidon für ihre rasenden mordenden Kopfschmerzen, so verabfolgt er ihr einen Irrigator, »damit Sie endlich mal den Dreck aus Ihren Därmen loswerden«. Und den jungen Männern und Mädchen legt er gern zu ihren Einkäufen Präservativs: »Dann kommt ihr wenigstens nicht ewig nach Gonosan und Tripperspritzen bei mir angelaufen.«
In der letzten Zeit ist die Einhorn-Apotheke fast völlig verödet. Apotheker Heilborn hat seine erzieherische Tätigkeit auch auf die Ärzte Altholms ausgedehnt: er genehmigt noch lange nicht jedes Rezept, verstärkt und schwächt ab, wie er es für gut hält, und ist darum angezeigt worden.
Lange wird er seine »Abdeckerei«, wie Altholm rachegierig sagt, nicht mehr haben. Aber bis sie ihm das Privileg entziehen, steigt er noch in seinem Laden herum und füllt seine Zeit damit aus, immer konzentriertere Morphinlösungen für sich anzusetzen. Er ist voll beschäftigt, denn die Nadeln seiner Injektionsspritzen müssen stets ausgekocht werden, und dann sind die langen schönen Dämmerzustände da ...
Nicht immer ist er allein. Im Provisorzimmer sitzt oft stundenlang neben ihm Frau Schabbelt. Zwei haben sich gefunden.
Dort sitzen sie beide, alt, schmierig, schmutzig, mit grauen, ungekämmten Haarzotteln, verdreckten Fingern, blaß, graugelb, mit zitternden Lippen. Manchmal legt Frau Schabbelt den Kopf auf den Tisch und schläft ihren tiefen Totenschlaf nach den schweren Schnäpsen, die ihr Heilborn braut. Manchmal sinkt sein Kopf vornüber auf die Brust, der Speichel tropft fädig auf Weste und Hemd: sie sind fort aus Altholm, beide, haben keine Familie mehr, keine Freunde, kein bekanntes, verhaßtes Bett, kein Grab, gekauft und schon eingezäunt, auf dem Friedhof.
Er sagt zu ihr: »Nein, gehen Sie jetzt noch nicht. Jetzt trinken Sie noch einen, und ich nehme eine schöne vierprozentige Lösung.« Er geht in die Apotheke.
Sie starrt auf den Hof, auf das faulende, grau gewordene Stroh der Verpackungen, das häßliche Kistenholz, aus dem rostige Nägel starren.
Nach einer Weile fällt ihr auf, daß er gar nicht wiederkommt, sie fängt an, nach ihm zu rufen: »Herr Heilborn! Herr Heilborn!«
Aber sie wird dessen müde, sie versucht aus den Neigen der Flasche und des Glases einen vollen Geschmack in den Mund zu bekommen, und dann steht sie auf und geht mühsam, taumelnd, sich an Tisch, Stuhl, Schrank und Wand haltend, gegen den Laden hin.
Dort steht Heilborn, an die Wand gelehnt und lauscht nach draußen. Die hohen Fensteraufbauten verwehren den Blick, aber es dringt herein ein wildes drohendes Brausen.
»Pssst!« flüstert Heilborn und legt den Finger auf den Mund.
»Pssst! Ganz leise sein! Sie wollen mich holen, in die Klappsmühle, aber sie finden mich nicht.«
Auch die Frau lauscht: »Unsinn«, sagt sie mit schwerer Zunge. »Das sind viele. Da ist etwas passiert.«
Sie geht zur Ladentür und öffnet sie.
Grade vor dem Schaufenster der Apotheke steht die Gruppe der Beamten mit der eroberten Fahne. Die Menge ist weit ab, und so sieht Frau Schabbelt den Henning im Rinnstein liegen, blutend, blaß, mit geschlossenen Augen.
Fünf Schritte weiter sitzt auf dem Kantstein ein kleines Männchen, das Gesicht in den Händen, zwischen deren Fingern unaufhörlich Blut hervorströmt.
Leute stehen umher, in größerem Abstand, denn noch immer patrouillieren die Polizisten mit blanker Waffe auf und ab und rufen: »Weitergehen! – Nicht stehenbleiben! Weitergehen!«
Frau Schabbelt läuft eilig und torkelnd über die Stufen zu dem liegenden Verletzten. Sie beugt sich über ihn, sie ruft ihn, in ihrem Hirn hat es sich verwirrt: sie meint, ihren gestorbenen Sohn zu sehen.
»Was hast du gemacht, Herbert? Warum liegst du hier? Du sollst hier nicht liegen!«
Sie sieht böse zu dem Apotheker hin, der versucht, den kleinen grauen Mann auf die Beine zu bekommen: »Kommen Sie hierher. Der ist nicht wichtig. Hier ist Herbert. Herbert hat sich verletzt.«
Jetzt bekommen auch Bauern Mut, einige treten heran, helfen der Betrunkenen, Henning aufzuheben. Sie hält seinen Kopf. »Dorthin«, sagt sie eifrig, »dorthin, in die Apotheke!«
Die Leute schleppen los. Zwei andere führen den kleinen Bärtigen, den der Apotheker von hinten hält.
Durch die Menge drängt der Polizeioberinspektor: »Halt!« ruft er. »Diese Leute sind verhaftet. Keiner darf mit ihnen sprechen. Halt, sage ich!«
Die alte Frau dreht sich um. Aus dem grauen Gesicht mit den tausend Falten leuchten die grauen Augen.
»Gehst du weg, du Rotzjunge«, sagt sie. »Dein Vater hat die Bauern betrogen, und du wirst dein Lebtag auch nur ein Leutebetrüger sein!«
Von dem Stolper Torplatz her ertönt fröhliche Marschmusik. Die Kapelle hat endlich auf Umwegen die Spitze des Zuges erreicht, der sich neu sammelt, wieder in Bewegung kommt.
»Los! Marschiert! In die Auktionshalle!« schreit Padberg. »Alles andere findet sich nachher. Nur erst fort von hier!«
In der Tür der Apotheke verschwinden die Träger mit den Verletzten.
Siebentes Kapitel: Die Regierung greift durch
1
Die Musik an der Spitze des Zuges spielt den Fridericus Rex, dann das Deutschlandlied, dann das Lied von der Judenrepublik, die wir nicht brauchen.
Die Bauern trotten stumm hinterdrein, zuerst über den Burstah, am Bahnhof vorbei, und weiter durch die locker bebauten Vorstadtstraßen, wo zwischen Gärten und Villen die großen Fabriken liegen.
Polizei eskortiert den Zug rechts und links, vorn und hinten. Es ist, als führten diese dreißig, vierzig Polizeibeamten die drei- viertausend Bauern ihren Zellen zu.
Padberg, wieder an der Spitze des Zuges, neben Graf Bandekow, Rehder und Vadder Benthin, empfindet es bitter.
»Wie schmählich ist das alles!« denkt er. »Wenn wir Bauern die Hand gehoben hätten, die paar Stadtsoldaten hätten in der Blosse gelegen. Wie das Land über uns lachen wird! Das hätte die Polizei der Roten Front, Hitlerleuten, selbst dem Reichsbanner bieten sollen: weggefegt wäre sie! Und wir ... es ist nichts mit den Bauern!«
»Heiliger Himmel!« sagt er laut. »Ich möchte nur wissen, was ich morgen über dies in meiner Zeitung schreiben soll?!«
»Sie müssen mit Ihren Kollegen hier reden«, sagt Bandekow vorsichtig.
»Kollegen –? Wer für die Bauernschaft schreibt, hat keine Kollegen. Ich allein sitze in der Tinte, die andern kümmert es nicht, die haben wenigstens Stoff! Soll ich schildern, wie wir uns die Fahne von drei Männekens haben klauen lassen?! Es ist schmählich.«
»Ihr lieben Leute«, jammert Vadder Benthin. »Wie soll ich noch durch Altholm gehen hiernach?«
»Konnten Sie denn nicht«, fragt Graf Bandekow, »versuchen, die Fahne durchzubekommen? Oder sie zurückzubringen ins Lokal? Warum haben Sie sich auf einen Kampf eingelassen?«
»Habe ich nicht von der ersten Minute an gegen die Fahne geredet?« fragt Padberg böse. »Nun bin ich natürlich schuld. Übrigens war ich gar nicht vorn, als das passierte.«
»Wo waren Sie denn?« fragt Rehder. »Ausgemacht war, Sie sollten auf Henning aufpassen.«
»Aufpassen! Wer denkt denn, daß diese Bullen solch irrsinnige Attacke machen! Ich war hinten, wollte erfahren, was mit Rohwer los war.«
»Natürlich«, sagt der Graf spitz. »So ein bißchen erkundigen. In der kritischsten Minute. Damit man nur nicht dazwischenkommt, was?«
»Ich will Ihnen etwas sagen«, erklärt Padberg erregt. »Bin ich Führer? Oder ist es Rohwer und Rehder? Und auch Sie, Herr Graf, wo waren Sie denn alle, wenn ich fragen darf? Ja, bitte! Landsfremde vorschicken und sich die Kastanien aus dem Feuer holen lassen, was?«
»Männer!« sagt Vadder Benthin verwirrt. »Streitet euch doch nicht. Der Graf war aus mit mir und hat die Kapelle holen wollen.«
»Nein«, sagt Rehder. »Der Graf hat recht. Du hattest den Henning übernommen, du trägst allein die Schuld.«
»Ich die Schuld? Ich will euch was sagen! Scheißen will ich euch was! Glaubt ihr, ich räume euern Mist nach? Erst laßt ihr Briefe von euerm Reimers veröffentlichen, die zum Himmel stinken ...«
»Der Brief ist eine Fälschung!«
»Die Berichtigung stammt von mir, ich weiß Bescheid! – Dann setzt ihr eine Demonstration an und wißt nicht einmal, daß der Führer längst abtransportiert ist –«
»Haben Sie es denn gewußt?«
»Dann nehmt ihr eine blödsinnige Fahne mit, trotzdem jeder Affe sieht, daß es Stank gibt ...«
»Sie haben ja die Sense selbst mit rauf geschraubt.«
»Dann laßt ihr eure Leute in den Klumpatsch hauen, und ich, ausgerechnet ich, bin an allem schuld. Wenn ihr glaubt, ich mache das mit – nee, ich scheiße euch was! Am Arsch könnt ihr mir lecken, alle, wie ihr da hinschusselt. Ich gehe! Ich lege die Redaktion nieder! Ich will nichts mehr mit euch zu tun haben. Da gibt es noch ganz andere Sachen in deutschen Landen, wo der Laden klappt, wo man sich nicht von solchen Stadtsoldaten mit ihren Stinkefingern in die Fresse schlagen läßt. – Danke schön! Guten Morgen, meine Herren! Ich empfehle mich. Versammelt euch alleine, ihr Arschlöcher allesamt!«
Und Padberg, wutgeschwollen, drängt nach rechts, hinaus aus dem Zug, auf den Bürgersteig.
»Halt!« sagt ein Polizist zu ihm. »Treten Sie in den Zug zurück. Hier darf keiner ausscheiden.«
»Was?« brüllt Padberg. »Ich soll hier nicht fortgehen dürfen? Wo ich freier Staatsbürger bin in eurer gebenedeiten Republik? Habe ich meine Steuern bezahlt? Ist dies ein öffentlicher Weg? Wollen Sie mich durchlassen, Herr!!!«
»Gehen Sie zurück«, sagt der Stadtsoldat. »Es ist eine Anordnung, daß keiner weg darf. Gehen Sie weiter.«
»Wer gibt denn hier solche Anordnungen? Wer ist das? Zeigen Sie mir mal den Mann! – Ich will zur Bahn. Ich muß meinen Zug erreichen. Ich bin überhaupt Presse! Hier ist mein Ausweis! Wollen Sie jetzt ...«
»Einen Augenblick doch nur! Gehen Sie doch nur die zwei Minuten zur Halle mit. Es findet sich dann schon alles.«
»Komm doch, Padberg«, ruft Rehder. »Wir müssen dir was sagen.«
Und Padberg, ganz wild: »Habt ihr das gehört? Wir werden hier eskortiert wie die Zuchthäusler. Solche Schande ...«
»Hier ist ein Herr«, sagt Rehder, »der alles mit angesehen hat, den Kampf um die Fahne. Er ist empört über die Polizei. Er will es den Bauern schildern in der Versammlung ...«
Padberg dreht sich um nach dem Herrn, der ihm das bittere Referat in der Auktionshalle abnehmen will. Er schaut sich den Herrn an.
Plötzlich ist seine Wut fort, er grinst höhnisch.
»Ach, der Herr Kommissar von der Politischen Abteilung hat Anstoß genommen? Darf ich die Herren vielleicht bekannt machen? Herr Kriminalkommissar Tunk aus Stolpe. Herr Müller, Herr Meier, Herr Schmidt, Herr Schulze. Und Sie haben Anstoß genommen, Herr Kommissar? Da haben Sie verdammt recht getan!«
»Mein Name ist Megger. Aus dem Hannoverschen. Sie müssen mich verwechseln.«
»O nein, ich verwechsle Sie nicht. Sie kann man nicht verwechseln, Herr Kommissar.«
»Auch ich kämpfe um die Sache der Bauernschaft!«
»Ja«, sagt Padberg. »Nur auf der andern Seite. – Gehen Sie weg!« brüllt er plötzlich wütend. »Sie gewöhnlicher Achtgroschenjunge, Sie! Sie Spitzel, gehen Sie weg!«
»Es muß ...« beharrt mit eiserner Stirn der andere.
»Sieh dort, Padberg«, ruft Rehder erregt, »der Gareis!«
Der Bürgermeister von Altholm fährt im offenen Auto vorbei. An seiner Seite sitzt blaß, eifrig redend, der Polizeioberinspektor.
»Na, da sind sie ja wieder beisammen, die roten Bonzen«, konstatiert Padberg. Hupend, summend drückt sich der Wagen vorbei.
»Die brüten noch ein Kuckucksei aus, diese Herzchen«, erklärt Padberg. »Na, wo ist denn unser Biedermann aus dem Hannöverschen?«
Aber der Biedermann ist fort.
2
Man kann Bürgermeister Gareis totschlagen, seine Aktivität lähmen kann man nicht.
Einen Augenblick hat er im Sessel gesessen am Telefon. »Die Bauern gehen mit Pistolen auf die Polizei los? Was ist das? Das ist unmöglich!«
Doch schon sein nächster Gedanke ist: »Wer hat da Mist gemacht?«
Und sein folgender: »Erst einmal Schlimmeres verhüten.«
Er ruft die Rathauswache an. »Wer ist dort? Soldin? Hier ist Gareis. Sagen Sie mir kurz, was passiert ist.«
»Herr Bürgermeister, es ist schrecklich. Eben bringen sie den Kollegen Hart, schwer verletzt ... Die Bauern ...«
»Danke«, sagt der Bürgermeister und hängt ab. »Fräulein! Fräulein, geben Sie mir sofort den Piekbusch! Und dann passen Sie auf: sobald ich das Gespräch trenne, verbinden Sie mich mit der Gastwirtschaft von Mendel in Grünhof. – Noch eins, Ihre Kollegin soll unterdes die Bahnhofswache anrufen und dort Bescheid sagen, daß Frerksen oder Kallene mich in zehn Minuten erwarten. Und dann recherchieren Sie, wer mich eben angerufen hat. – Alles verstanden? Also los!
Piekbusch? Sind Sie dort? Gut. Schicken Sie sofort den nächsten besten, der im Vorzimmer sitzt, zum Chauffeur. Der Wagen hat in drei Minuten vor meinem Haus zu halten. – Keine Quackelei, wörtlich ausführen. Ich warte am Apparat. – Erledigt? Im linken oberen Fach meines Schreibtischs liegt ein gelber Brief vom Regierungspräsidenten, holen Sie den mal an den Apparat ...
Haben Sie ihn? Gut, lesen Sie ihn vor. Sie sollen vorlesen! Mensch, wo sind Sie?! Was machen Sie für Sachen, Fräulein?! Verfluchter Idiotenkram! – Wer ist dort? Oberleutnant Wrede?
Also, mein lieber Herr Oberleutnant, fahren Sie los mit Ihren Männekens. In zehn Minuten auf dem Jugendspielplatz. Nicht vorher eingreifen, ehe ich mit Ihnen gesprochen habe. – Der Geheimbefehl? – Ja, den lese ich auch noch. – Ja, natürlich. Fahren Sie nur schon.
Fräulein! Fräulein! – Na, da hupt das Auto schon. – Also los. Der Geheimbefehl scheint geheim bleiben zu sollen.«
Er steht ächzend auf, sieht sich noch einmal um. »Na ja«, seufzt er schwer. »Morgen zum Nordkap? Wir werden ja sehen.«
Fett und langsam schiebt er seine Masse durch die Tür, steigt stöhnend die Treppe hinab. »Los, Wertheim, zur Bahnhofswache.«
Die Straßen sind leer. Der Wagen stürmt los.
»Halt!«
Der Sanitätswagen der Feuerwehr fuhr vorbei, Gareis stoppt ihn mit Winken.
»Wen haben Sie drin?«
»Zwei schwerverletzte Bauern.«
»Wie verletzt?«
»Säbelhiebe. Arme und Gesicht.«
»Noch mehr Verletzte?«
»Noch ein Bauer. Und ein Wachtmeister.«
»Schwer?«
»Der Wachtmeister wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung meint Doktor Zenker. Der Bauer einen Säbelhieb über den Arm.«
»Noch mehr?«
»Soviel uns bekannt ist, nein, Herr Bürgermeister.«
»Keine Schußverletzungen?«
»Davon haben wir nichts gehört.«
»Gut, fahren Sie weiter.«
Gareis klettert prustend wieder in sein Auto, senkt die Lider, dreht über dem Bauch die Daumen.
Die Leute auf der Straße sagen: »Kiek es, unser Bürgermeister. Er ist zu fett, er schläft schon wieder. Freilich ist es heute heiß.«
Gareis denkt: »Drei schwerverletzte Bauern, ein leichtverletzter Polizist. – Die Bauern sind nicht sehr aggressiv gewesen. – Ich hätte den Wrede noch in Grünhof lassen sollen. Vielleicht habe ich eben auch Mist gemacht.«
Als er in die Bahnhofswache tritt, sieht er am Tisch hinten, im Halbdunkel, seinen Oberinspektor hocken, das Gesicht in den Händen, mit hochgezogenen Schultern.
»Na also!« denkt er.
Und ganz strahlend: »Nun, Kinder, erzählt mal. Möglichst der Reihe nach. Sie zuerst, Kallene!«
Aber der Oberinspektor springt auf: »Ich melde gehorsamst, Herr Bürgermeister, wir haben die Fahne! Die Fahne ist beschlagnahmt und zur Hauptwache abtransportiert.«
»Was für 'ne Fahne?«
»Die Bauernfahne. Die schwarze Fahne mit der Sense darauf.«
»Eine Sense darauf?«
»Eine hochgeschmiedete Sense darauf. Ein Aufruhrzeichen. Ich habe sie beschlagnahmt.«
»Also, berichten Sie, Frerksen, der Reihe nach.«
Und Frerksen berichtet.
»Die Fahne war bedenklich. Das Publikum nahm Anstoß. Die Sense war gefährlich.«
Er schildert, wie er vorging. Einmal bat, ein zweites Mal forderte. Wie man ihn wegstieß, prügelte, den Säbel entriß.
»Sollte ich da nachgeben? Sollten die Bauern sie nun behalten dürfen? Ich habe sie dann holen lassen. Die Bauern leisteten erbitterten Widerstand. Hart ist schwer verletzt ...«
»Ich weiß.«
»Nun, erzählen Sie, Polizeimeister. Haben Sie die Fahne auch gesehen? Vor dem Kampfe, meine ich.«
»Ja.«
»Schien sie Ihnen bedenklich?«
»Ich habe Sie, offengestanden, gar nicht beachtet. Sie hing da so runter, als ich mit meinen Leuten vorbeikam am Tucher. Man sieht ja so viele Fahnen ...«
»Na ja. Und wie ist das mit Ihnen, Pinkus? Herr Pressemensch, was sagt das Publikum?«
»Die Arbeiterschaft ist empört. Was wollen die Bauern bei uns! Sie waren derartig aggressiv, diese Bombenschmeißer! Genosse Gareis, ich sage Ihnen, die Arbeiterschaft wird sich das nicht bieten lassen. Wir sind links hier in Altholm, hier ist kein Platz für rechtsradikale Demonstrationen ...«
»Gut. Gut. Danke schön. Also –« Der Dicke versinkt in Nachdenken. Die Uhr in der Wache geht laut: Tick ... Ticke ... Tacke ... so still ist es.
»Sie haben die Suppe angerührt«, denkt der Bürgermeister. »Wir müssen weiter davon essen. Stehen bleiben darf sie jetzt nicht.«
Trübe: »Was soll ich untersuchen, ob alles richtig war? Wir machen alle Fehler. Was ist es schließlich? Ein kleiner Zwischenfall bei einer Demonstration, eine Holzerei! Berlin hat das alle Tage. Es darf kein Pressegeschrei geben, dann ist es in einer Woche vergessen. Aber das Angefangene muß zu Ende geführt werden. Ich kann die Schupo nicht zurückpfeifen.«
Er fragt: »Wo sind die Bauern jetzt?«
»Sie werden grade in die Auktionshalle einrücken. Zu ihrer Versammlung. Ich lasse den Zug polizeilich eskortieren.«
»Schön. Schön.«
Tick ... Ticke ... Tacke geht die Uhr.
»Sie glotzen auf mich, als wäre ich der Weihnachtsmann. Frerksen starrt wie ein abgestochenes Kalb. Dabei ist es so einfach. Man muß nur immer weitergehen. Wer stehenbleibt, hat schon unrecht gehabt.«
Und laut: »Ich werde die Versammlung auflösen, da sie unfriedlich geworden ist. Wir schicken die Bauern nach Haus. Schupo trifft jetzt grade auf dem Jugendspielplatz ein. – Sie, Kallene, fahren sofort dorthin, setzen sich mit Oberleutnant Wrede in Verbindung und riegeln die Auktionshalle ab. – Wir fahren direkt. Kommen Sie, Frerksen.«
3
Das Viehhofgelände des Verbandes schwarzbunter Rindviehzüchter ist von einer hohen Backsteinmauer umgeben. Ein breites Tor führt hindurch, und an diesem Tor nimmt die Polizei Aufstellung, während der Zug, die Kapelle an der Spitze, einrückt. An diesem Tor hört die Gewalt der Polizei auf. In der Viehhalle, auf dem Hof herum haben die Bauern Hausrecht, das ist ihr Eigen. Die Polizisten stehen dort am Tor, rechts und links, in Gruppen oder einzeln. Je weiter der Zug einrückt, um so mehr werden ihrer.
Die Bauern gehen ein, manche mit gesenkten Köpfen, andere sehen die Polizisten herausfordernd an und fassen die Handstöcke fester. Die Kunde von der Beschlagnahme der Fahne, von dem Zusammenstoß hat sich verbreitet. Alle Bauern haben die Gruppe der Polizeibeamten mit der erbeuteten Fahne auf dem Burstah stehen sehen. Man spricht von Schwerverletzten, von Toten, der Name Hennings, vor kurzem in der Masse noch unbekannt, ist in aller Munde.
Ein paarmal fliegen Schimpfworte zu den Polizisten. »Bluthunde«, »Mörder«, »Räuber« werden sie genannt, aber das Stillesein überwiegt.
Die dunkle düstere Auktionshalle ist sofort überfüllt. Hier, in ihren vier Wänden, fühlen sich die Bauern unter sich. Eine Welle von Lauten brandet, ein babylonisches Durcheinandergeschwätz.
Dann leuchten die Bogenlampen auf und werfen ihr Licht auf die Versammlung.
Es ist kein Saal, diese Halle, die zum Vorführen von Rindvieh erbaut wurde, eher ein Zirkus, mit einem sandgefüllten Rund in der Mitte, mit aufsteigenden Seitenrampen, mit Galerien und Treppchen, und einer Empore an der Stirnwand, wo sonst die Körkommission oder die Versteigerer sitzen.
Zu dieser Empore, vor der die Stahlhelmkapelle sich aufgebaut hat, schauen die Bauern. Aber sie bleibt noch leer.
Im Zimmer dahinter steht eine Gruppe von Männern, unentschlossen, was zu tun sei, unentschlossen, welche Parole auszugeben sei, was über das Geschehene berichtet werden kann.
Sie reden alle durcheinander, wieder überhäufen sie sich mit Vorwürfen.
»Und ich spreche kein Wort!« schreit Padberg. »Was soll man über diesen Bockmist sagen? Alles ist falsch angefangen, falsch durchgeführt. Und ich soll es jetzt decken? Danke, nein.«
»Es handelt sich nur darum, den Bauern über das Geschehene zu berichten«, sagt Graf Bandekow. »Dafür sind Sie der Mann. Sie werden es morgen in Ihrer Zeitung auch müssen.«
»Hier berichten? Öl ins Feuer gießen? Ich danke! Hat einer von euch Ahnung, was die dreitausend tun werden, wenn sie hören, wie wir überfallen, niedergeschlagen, beraubt worden sind? Ich danke. Ich habe ein Verfahren wegen Rädelsführerschaft hinter mir, mein Bedarf ist gedeckt.«
Er dreht sich um und sieht sich einem Mann gegenüber, der, ein Pinselhütchen auf dem Haupt, im Gedränge der Versammelten aufmerksam zuhört.
»Gott verdamme uns alle!« tobt Padberg. »Hat denn keiner von uns Murr in den Knochen und schmeißt die Schmiere raus? Feinbube, Sie haben hier Hausrecht, wollen Sie dem Herrn den Weg zeigen?«
Landwirtschaftsrat Feinbube ist etwas verlegen: »Ja, bitte, Sie dürfen hier wirklich nicht sein. Nicht wahr, bitte, Sie sind von der Kriminalpolizei? Wollen Sie mir folgen oder haben Sie einen speziellen schriftlichen Auftrag?«
»Auch noch Höflichkeiten«, brüllt Padberg. »Raus mit dem Sch...«
»Sie haben Schwein gesagt«, stellt der Stulpenstiefel fest. »Sämtliche Herren sind Zeugen.«
»Ich habe Sch... gesagt, das ist keine Beleidigung. Und nun machen Sie, daß wir Sie nicht mehr sehen, Sie Sch... Sch... Sch...!«
»Also gehen wir. Eine beleidigende Absicht liegt zweifelsohne vor. Kommen Sie, Herr Landwirtschaftsrat. Ich habe genug gehört. Mehr als genug.«
Der dürre Feinbube und der unechte Agrarier gehen nebeneinander einen Gang entlang, eine Treppe hinunter, wieder einen Gang entlang.
»Ich weiß schon Bescheid«, sagt der Eindringling. »Jetzt noch über die Treppe dort hinten und der lange Gang ... ich möchte Sie nicht länger bemühen ...«
»Ich bringe Sie schon«, sagt trocken Feinbube.
»Ein schönes Haus, das sich hier die Landwirtschaft geschaffen hat. Das Ministerium gab Zuschüsse?«
»Das möchten Sie wissen«, stellt der Rat fest.
»Ganz belanglos. – Ob man hier irgendwo austreten kann? Diese Tür ...«
»Halt!« ruft Feinbube. »Da geht es in den Saal.«
Aber der Eskortierte ist ihm schon entschlüpft. Feinbube will ihm nach, aber der Saal ist gedrängt voll, in den Massen ist der Kriminalist untergetaucht, und als Feinbube nach ihm fragen will, rufen die Bauern empört nach Ruhe.
Auf der Bühne steht einer und spricht ...
Es ist Vadder Benthin, ol Mottenkopp, wie sie ihn nennen, der den Sprecher macht. Da steht er, mit seinem scheckigen Schädel, einer schmutzigen Joppe, einer Zwirnhose, schmierige Stiefel an den Füßen. Er ist ein alter Mann und die Leute lachen über ihn, weil seine junge Frau noch ein Baby gekriegt hat, das sicher nicht von ihm ist.
Aber er spricht.
Er ist der einzige, der sich hinausgewagt hat vor die dreitausend Bauern. Er spricht langsam und mühsam, in kurzen Sätzen, zwischen denen er mit halbgeschlossenen Augen dasteht und nachzudenken scheint oder zu schlafen. Aber er spricht grade recht für sein Auditorium, das Eile nicht liebt.
»Er hat mir«, sagt er grade, als Feinbube in den Saal kommt, »die Hand geschüttelt, er hat mir gesagt: ›Wir wollen uns beide als Altholmsche in die Hand versprechen, daß nichts geschieht.‹ Dann hat er es so gemacht.
Den jungen Mann haben sie zum Krüppel gehauen. Und andere haben sie auch blutig gehauen. Und warum? Um eine Fahne.
Liebe Bauersleute, ich wohne nun mein Leben in Altholm und Altholm ist vor dem Kriege schon rot gewesen. Na, laß sie, habe ich gedacht, jeder muß wissen, wohin er gehört...
Und in diesen letzten Jahren nach der Revolution habe ich viele Fahnen gesehen. Rote ... Andere ...
Und was die Kommunisten sind, die haben Strohpuppen rumgetragen. Die eine war der Oberbürgermeister und eine unser Feldmarschall Hindenburg. An einem Galgen haben sie die getragen.
Wir haben hier eine schwarze Fahne gehabt. Und schwarz war sie, weil wir trauern um unser liebes deutsches Vaterland. Und ein weißer Pflug ist darauf, weil wir Bauern sind und pflügen das Land, und der Pflug ist das Beste auf der Welt. Und ein rotes Schwert, weil nur vom Kampf der Sieg kommen kann ...
Die mit dem Galgen sind frei rumgezogen, aber uns haben sie die Fahne genommen.
Ja, fragt ihr mich, liebe Landleute, warum haben wir denn unsere Fahne nicht verteidigt? Wir sind doch so viele und Polizei sind so wenige und Jungbauern mit starken Knochen haben wir auch genug.
Bauern von Pommern, ich sage euch, wir haben uns die Fahne wegnehmen lassen, weil wir gehorsam sind unserer lieben Regierung. Weil wir uns alles wegnehmen lassen von ihr.
Unsern Bruder Reimers haben sie uns genommen und heute auch den Rohwer weggeführt ins Kittchen.
Und das Vieh holen sie aus den Ställen und die Pferde. Und die Ernte auf dem Halm pfänden sie und von unsern Höfen jagen sie uns fort.
Ja, fragt ihr wieder, warum lassen wir denn das zu? Haben wir nicht Vertreter? Kreistagsabgeordnete? Landtagsabgeordnete? Reichstagsabgeordnete? Eine Landwirtschaftskammer und einen Deutschen Landwirtschaftsrat? Warum wehren sich die denn nicht? Warum schreien sie denn nicht?
Liebe Bauern, die schreien schon. Wenn sie hier sind. Aber dann gehen sie nach Berlin. Und dann kommen sie wieder. Und dann ist plötzlich alles ganz anders geworden. Wir müssen es dann einsehen, daß es so nicht geht, wie wir es uns gedacht hatten. Und daß die Steuern sein müssen und noch viel mehr Steuern.
Und wir sehen es ja dann auch ein ...
Und wenn ihr mich fragt, so sage ich euch: liebe Landleute, Steuern müßt ihr zahlen und noch viel mehr Steuern müßt ihr zahlen. Freuen müßt ihr euch, daß ihr soviel Steuern zahlen dürft und daß sie euch euer Vieh fortnehmen und die Höfe ...
Je weniger ihr habt, um so geringer wird dann auch eure Steuerlast. Und wenn ihr gar nichts mehr habt, dann sorgt die liebe Regierung für euch, wie sie für eure Eltern gesorgt hat, die sich ein paar Tausender gespart hatten, und die jetzt aufs Wohlfahrtsamt gehen und sich einen feinen Titel erworben haben: Sozialrentner!
Zahlen müßt ihr Steuern, bis zum Weißbluten, das sage ich euch. Bis ihr nicht mehr könnt, bis ihr keinen Murr habt in den Knochen, bis ihr halb verhungert seid. Dann macht ihr der lieben Regierung in Berlin keinen Kummer mehr, dann seid ihr fromm ...
Und darum hat sie nur recht gehabt, die Polizei in Altholm, euch die Fahne wegzunehmen. Arbeiter dürfen Fahnen haben.
Aber ihr, ihr Bauern, ihr dürft gar nichts haben.
Blutig schlagen lassen dürft ihr euch vom Verwaltungsapparat.«
Er steht da, Vadder Benthin, und augenblicklich scheint er nicht weiterreden zu wollen. Er wischt sich die Stirn ab. Hinter ihm stehen die Führer, mit gesenkten Köpfen oder in die Menge spähend, von der es aufbraust, lauter, brüllender, immer wilder ...
Und in diesem Moment tut sich die Tür links auf der Estrade auf: Polizeimeister Kallene mit der Hindenburgfigur tritt ein, im blauen Waffenrock mit roten Aufschlägen ...
Er geht die Bühne längs, bis er neben Vadder Benthin steht, und macht gegen die tobende Versammlung ein Zeichen, daß sie ihn anhören soll.
Es ist ein Moment – – – den Männern auf der Bühne bleibt das Herz stehen.
Vielleicht ist dieser Polizeimensch nur dumm, aber vielleicht ist er auch mutig.
Jedenfalls ...
Plötzlich heben sich Hunderte von Stöcken gegen ihn, man hört wilde drohende Ausrufe aus dem Gelärm gellen, gleich werden die ersten Stöcke gegen die Bühne fliegen ...
Der Kapellmeister vom Stahlhelmtrupp hat schon manche wilde Versammlung mitgemacht. In diesem Augenblick gibt er ein Zeichen mit dem Taktstock, die Kapelle setzt ein und das Deutschlandlied ertönt.
Durch die Versammlung geht ein Ruck. Plötzlich stehen alle Bauern, sie singen es mit, sie sind begeistert, sie schleudern es dem Polizeimenschen dort, dem Vertreter der deutschen Regierung, ins Gesicht:
»Deutschland, Deutschland, über alles ...«
Polizeimeister Kallene steht mit gesenktem Kopf. Er sieht nicht um sich. Vielleicht fühlt er den Gegensatz gar nicht: der kleine, dreckige, verbrauchte Bauer an seiner Seite mit dem häßlichen Kopf, und er, der Zweizentnermann, wohlgenährt, mit rosigen Wangen, sauber und heil gekleidet.
Als der erste Vers fertig ist, entsteht eine kleine Pause. Kallene macht wieder seine Bewegung, will wieder reden, aber der zweite Vers beginnt.
Er wartet weiter.
Nach dem zweiten Vers dasselbe.
Nach dem dritten Vers dasselbe.
Nach dem vierten Vers, als der erste neu beginnt, geht Polizeimeister Kallene langsam und gemächlich ab. Er gibt es auf, sie lassen ihn doch nicht zu Worte kommen.
Die Bauern sehen ihm nach.
Nun tritt eine Stille ein. Die Kapelle spielt nicht weiter. Die Bauern sehen auf Vadder Benthin, wird der weitersprechen?
Und wieder tut sich die linke Tür zur Estrade auf, aber diesmal kommt ein Bauer hindurch, ein großer, stattlicher Mensch, den Hut tief ins Gesicht gezogen.
Er bleibt stehen. Aus dem Hutschatten starrt er auf die Menge dort unten, als hätte er sie nicht erwartet. Er geht weiter, der Estradenmitte zu, mit einem seltsam torkelnden Gang, als wäre er betrunken.
Die Bauern starren auf ihn, kaum einer, der den Bauern Banz aus Stolpermünde-Abbau kennt. Sie starren auf diesen großen torkelnden Mann, ein Gefühl verbreitet sich im Saale wie Angst, als werde gleich etwas geschehen.
Der Mann hält an, hart vor Vadder Benthin. Er bewegt den Mund, aber kein Wort ist zu hören.
Und plötzlich wirft er die Arme hoch, reißt den Hut vom Schädel, schleudert ihn in die Menge. Sein Kopf ist entblößt, ein Kopf, der nichts ist wie eine furchterregende, grausige Blut- und Fleischmasse.
Die Bauern brüllen auf.
Und als habe dieser Schrei dem Mann dort oben Sprache gegeben, brüllt er: »Bauern! Bauern! Das ist die Gastfreundschaft von Altholm! Bauern! Bauern! Das sind die Taten der Regierung!«
Die Menge brüllt auf wie ein tausendmäuliges Tier.
Der Mann bricht mit einem durchdringenden Geschrei zusammen.
Alle Türen zum Saal fliegen auf.
Schupo und Polizei mit hochgeschwungenen Gummiknüppeln dringen ein. Sie rufen:
»Der Saal wird geräumt!«
»Die Versammlung ist aufgelöst!«
»Alle ruhig den Saal verlassen!«
4
»Also gehen wir«, sagt Stuff zu Blöcker.
»Ja, gehen wir«, stimmt Blöcker zu. »Das mag kein Schwein ansehen.«
Schupo und Stadtpolizei im Verein haben einen entscheidenden Sieg über die Bauern davongetragen. Die Leute sind einzeln aus dem Saal getrieben worden, haben sich aufstellen müssen wie die Puppen und nach Waffen abtasten lassen. Ihre Gehstöcke sind ihnen abgenommen. Dann sind sie auf die Straße getrieben worden, haben wieder zu einem Zuge antreten müssen, der wieder aufgelöst worden ist. Sie sind in die, in jene Straße abgedrängt worden, haben denselben Weg zwei-, dreimal laufen müssen, nach dem Sinn irgendeines Wachtmeisters. Man hat ihnen den Bürgersteig verboten und man hat ihnen aufgegeben, die Fahrbahn für die Autos freizuhalten.
Stuff wirft noch einen Blick zurück. Da steht der Bürgermeister, im schwarzen Rock, inmitten von Uniformen. Wachtmeister eilen ab und zu, und die letzten Bauern schleichen scheu, mit gesenkten Köpfen zum Ausgang.
»Wie dieses rote Schwein sich vorkommt!« stöhnt Stuff. »Sieh nur, Blöcker, wie unser Kollege von der Arbeiterpresse um ihn schwänzelt.«
Wirklich der Berichterstatter von der Volkszeitung in Stettin, vom Blatt des klassenbewußten Proletariats, ist hoch in Form. Jetzt schwänzelt der Pinkus mit lächelndem Antlitz vor einem Schupooffizier, wirft seinem Genossen von der Bürgermeisterei ein paar Worte zu, und fährt schon herum, mit ausgestrecktem Zeigefinger auf einen Bauern weisend, helle Empörung in seinem Antlitz.
»Dieser elende Abschreibling!« knurrt Stuff.
»Alles Schweine«, bestätigt Blöcker kurz. »Na, wartet ihr nur auf morgen!«
Sie sind beinahe am Tor, die beiden Pressevertreter der bürgerlichen Zeitungen Altholms, als hinter ihnen ein rascher Schritt laut wird. Sie drehen sich um.
Polizeioberinspektor Frerksen kommt ihnen nach: »Meine Herren, verzeihen Sie! Herr Bürgermeister läßt Sie bitten, morgen früh um neun Uhr zu einer Pressebesprechung zu ihm zu kommen.«
»So?« fragt Blöcker.
»Jetzt braucht ihr uns wohl?« fragt Stuff bissig.
»Ich werde einen amtlichen Bericht über die bedauerlichen Vorgänge den Herren übermitteln.«
»Bedauerlich für dich!« höhnt Stuff.
»Ich verstehe dich nicht, Stuff. Meine Vorgesetzten, Regierung und Polizei stehen hinter mir.«
»Ich nicht«, sagt Stuff.
»Du darfst nicht auf beeinflußte Zeugen hören.«
»Deine Zeugen sind unbeeinflußt.«
»Ich nehme an«, wendet sich der Oberinspektor verbindlich lächelnd an Blöcker, »daß die Nachrichten wie immer den Weg finden werden, der unserer Stadt günstig ist.«
Blöcker bewegt zweifelnd die Schultern.
»Aber, meine Herren«, ruft der Oberinspektor überrascht aus. »Die Polizei
mußte einschreiten. Die Staatsautorität wurde verhöhnt Die Verfassung ist mißachtet Die Gesetze übertreten! Sollte die Polizei sich niederschlagen lassen? Kampflos von Aufrührern?«
Einen Augenblick Stille, Frerksen wartet auf Antwort.
»Also gehst du mit?« fragt Stuff. »Ich habe keine Zeit mehr. Ich habe zu tun.«
»Warte doch, Stuff. Ich komme schon mit. Guten Abend, Herr Oberinspektor.« Frerksen ruft den beiden nach: »Also morgen früh auf Wiedersehen. Um neun Uhr Pressebesprechung.«
Sie zotteln die Straße hin.
»Ach was!« ruft plötzlich Stuff. »Jetzt in die Stadt? Komm, Blöcker!«
Sie kehren um, gehen wieder am Eingang des Viehhofes vorbei, ein Stück Chaussee, dann durch ein Hecktor, über eine Weide, an Korn entlang. Durch eine Wiese, zu einem Bach.
»Hier setzen wir uns«, sagt Stuff. »Ach, das tut gut! Wie frisch es hier riecht!«
»Die Wiese muß Benthin gehören. Früher standen hier am Wasser längs Pappeln.«
»Die Wiese gehört schon zu Grünhof«, belehrt Stuff. »Und der Bach ist die Scheide zwischen Altholm und Grünhof. Wir sind schon nicht mehr auf Altholmer Boden.«
»Ich wollte, wir wären für immer fort. Was das wieder für einen Stank geben wird!«
»Hast du noch Zigarren?« fragt Stuff. »Danke, ich nehme mir eine. Ich werde hier wohl erst einmal einen Schlaf tun. Ich bin noch halbduhn.«
»Daß wir uns grade dann festsaufen müssen, wo so was passiert. Nun haben wir nichts von dem ganzen Trara gesehen.«
»Danke, ich habe genug gesehen in der Viehhalle. Ich weiß Bescheid. Und für das andere gibt es Augenzeugen genug.«
»Du hast den Frerksen ganz hübsch abfallen lassen, Männe.«
»Warum auch nicht? Mir haben sie gesagt, er hat den ganzen Mist angerührt. Ich werde ihn ausschmieren, den Schleimscheißer, den elenden!«
»Willst du nicht erst die Pressebesprechung abwarten?«
»Abwarten? Was soll ich denn abwarten?« schreit Stuff. »Daß sie um den Dreck herumlügen? Ich habe genug gesehen. Ich weiß Bescheid. Wehrlose Bauern schlagen, wartet, meine Freundchen! Jetzt geht die Chronik los.«
»Erlaubt das Schabbelt?«
»Schabbelt? Was hat der schon zu erlauben? – Ich will es dir sagen, im strengsten Vertrauen, Blöcker, Schabbelt hat verkauft.«
Stille.
Und Blöcker: »Ich will es dir sagen, Stuff, im strengsten Vertrauen: Gebhardt hat gekauft.«
»Was?!« Stuff fährt hoch. »Das weißt du schon? Das weiß wohl schon das ganze Nest und mir sagt es keiner?«
»Das weiß niemand als wir paar von der Redaktion: der Trautmann, der Heinsius und ich. Und es soll auch geheim bleiben.«
»Ich bin erledigt. Ich bin tot, Blöcker. – Stoß mich um, ich bin tot. – Warum soll es geheim bleiben?«
»Weil es dem Geschäft schadet, wenn die Leute wissen, daß die Konkurrenz keine Konkurrenz ist.«
»Na also. Zwischen zwei Stühlen. Wie immer. Die liebe Chronik. Redet dir der Gebhardt viel drein?«
»Der –? Der versteht doch nichts! Wenn es Geld bringt, darfst du mir und mich verwechseln.«
»Also! Dann läßt er mich auch die Roten anmisten!«
»Denke ich auch. Du hast doch Rechtsleser. Sprich heute abend mit ihm drüber.«
»Heute abend?«
»Ja, ob du nicht heute abend zu ihm kommen könntest? Um acht. Hinten rum, daß die Leute nichts merken.«
»O Blöcker, Blöcker, Blöcker!« schreit Stuff. »Darum hast du heute vormittag das Bier ausgegeben! Ich wußte doch ... Und wärest du etwas schneller zu Stuhle gekommen, dann hätten wir den großen Rummel nicht verpaßt!«
»Also heute abend, ja?«
»Um acht. Zur Nacht. Hintenrum. Das ist von nun an meine Devise. Anderthalb Stunden kann ich noch schlafen. Und ich werde schlafen, sage ich dir, Blöcker. Die ganze Welt stinkt mich an.«
Er legt sich zurück ins Gras, zieht den Hut ins Gesicht und schläft ein. Leise rauscht und spielt das Wasser.
Blöcker wandert der Stadt zu. Horchen.
5
Es ist Abend. Gegen acht Uhr.
Viele Leute sind noch unterwegs in Altholm. Am liebsten läsen sie schon gedruckt, was geschehen, was sie gesehen, und eine handfeste Meinung dazu. Darum drängt es sich so beim Hause der Nachrichten am Stolper Torplatz. Aber im Aushangkasten sind nur die Bilder aus aller Welt, sonst nichts. Auch die Fenster sind dunkel. Nur nach dem Hof zu sind die vier Fenster des Setzersaales hell, dort arbeiten die Setzmaschinen für den nächsten Tag voraus.
In seinem Büro der Gebhardt, er hört sie klappern. Die Vorhänge sind dicht zugezogen und nur auf dem Schreibtisch brennt eine Lampe und wirft ihr Licht auf einen Bogen mit Zahlen.
Gebhardt rechnet, er rechnet wieder einmal. Er prüft nach, er kontrolliert, er sieht sich Belege an, macht Statistik. Ihn interessieren nur Zahlen. Dieses Haus, mit seinen Maschinen, seinen dreißig Arbeitern und Angestellten, es ist nur dazu da, die Zahlen größer werden zu lassen.
Zahlen sind Sicherheit. Große Zahlen heißt große Macht. Noch wagen Leute, ihn nicht wichtig genug zu nehmen, trotzdem er schon der reichste Mann von Altholm ist, aber das liegt nur daran, daß die Zahlen noch nicht groß genug sind.
Draußen ist ein Geräusch. Jemand pusselt an der Tür, stolpert auf dem dunklen Gang herum.
Gebhardt macht die Tür auf, so daß Licht auf den Flur fällt, fragt halblaut: »Ist da jemand?«
»Ja, ich. Stuff«, und Stuff taucht auf aus dem Finstern.
»Ich habe Sie erwartet«, sagt Gebhardt und gibt ihm die Hand.
Einen Augenblick sieht Stuff erstaunt den gebeugten Nacken seines neuen Brotherrn mit krausen, schwarzen Krollhaaren, sieht in den Kragen hinein bis zum Nackenwirbel und denkt verblüfft: »Gott! Der macht ja einen ordentlichen Diener vor dir!«
Dann bittet ihn Gebhardt Platz zu nehmen: »Rauchen Sie? Eine Zigarre? Das hier ist etwas Leichtes. Diese ist schwerer. Ganz, wie Sie es lieben. Bitte, hier ist Feuer. Nein, danke, ich rauche nie.«
Stuff sitzt bequem vor dem Schreibtisch, in einem tiefen Sessel, seine Zigarre ist gut in Brand. Hinter dem Schreibtisch, auf seinem Stühlchen, hockt der Zeitungskönig, blickt in Papiere.
»Ich habe Sie hierhergebeten, Herr Stuff«, sagt Gebhardt und spielt mit seinem Bleistift, »weil ich einiges mit Ihnen zu besprechen habe. Daß ich die Chronik gekauft habe, wird Ihnen Herr Schabbelt gesagt haben.«
»Nein«, sagt Stuff.
»So. Nun, das ist sonderbar. Aber Sie wissen es jedenfalls.«
»Ja. Ich habe es gehört.«
»Ich habe die Chronik gekauft, weil das Gegeneinanderarbeiten zweier bürgerlicher Zeitungen in Altholm unsinnig ist. Wir müssen gegen die rote Front zusammenstehen.«
»Das müssen wir«, sagt Stuff, um etwas zu sagen, denn Gebhardt hat eine Pause gemacht.
»Ich wollte Sie nun fragen, ob Sie bereit sind, auch unter meiner Leitung Ihre Kraft der Chronik zu widmen.« Rasch: »Aber verstehen Sie mich recht, meine Leitung beschränkt sich auf das Kaufmännische, berührt Sie also kaum. Im Redaktionellen sind Sie frei. Das heißt, wir besprechen gelegentlich die großen Richtlinien. Aber Sie sind sonst völlig frei, kennen ja auch Ihren Leserkreis am besten.«
»Ich könnte also über die heutigen Unruhen schreiben, wie ich dürfte?«
»Unruhen? Ach so, da sind einige Zusammenstöße gewesen. Bauern, nicht wahr? Haben Sie Interesse an Bauern?«
»Doch. Ja.«
»Ich meine finanzielles Interesse. Sind Bauern wesentlich Abonnenten der Chronik?«
»Wesentlich. Nein.«
»Warum also? Wollen Sie denn gegen die Bauern Partei ergreifen?«
»Ich will über das unerhörte Vorgehen der Polizei berichten.«
»Lieber Herr Stuff! Mit der Polizei sollte es eine Zeitung nie verderben!«
»Aber es betrifft nur die Polizeileitung. Und die ist rot.«
»Ja, schon. Aber es ist städtische Polizei, nicht wahr? Eine städtische Einrichtung. Wissen Sie übrigens, warum der Oberbürgermeister jetzt grad verreist ist?«
»Er fährt jedes Jahr um diese Zeit. Seine Schwiegereltern haben Hochzeitstag.«
»So. Sie meinen also nicht, daß er diesen Zusammenstößen hat aus dem Wege gehen wollen?«
»Nein. Nicht doch. Davon hat er keine Ahnung gehabt.«
»Nun gut. Wenn Sie sicher sind –? Sie meinen also, es waren nur die Roten?«
»Die ganze Geschichte ist von den Roten angezettelt. Und im Herbst haben wir Kommunalwahlen.«
»Also gut, Herr Stuff, schlagen Sie los. Nicht zu scharf, nun, Sie wissen schon. Wir in den Nachrichten werden wohl eine abwartende Haltung einnehmen, wir haben zu viele Arbeiterleser.«
»In der Hauptsache.«
»Nein, nein, nicht so. Aber viele.«
Sie sehen sich beide an, freundlich lächelnd. Dann taucht der dicke Stuff aus seinem Ledersessel auf, etwas keuchend: »Ich werde dann also zu mir gehen und meinen Riemen für morgen schreiben.«
»Ja? – Und noch eins, Herr Stuff: offiziell haben wir natürlich nichts miteinander zu tun. Es muß das geheim bleiben. Streng geheim.«
»Wenn ich Sie sprechen will ...«
»... so kommen Sie am Abend wie heute. Nein, kein Telefon. Alles spricht sich herum.«
»Gut«, sagt Stuff, und streckt, schon an der Tür, seinem Chef die Hand entgegen.
»Richtig«, sagt der. »Da fällt mir noch etwas ein. Wir haben noch gar nicht über die Gehaltfrage gesprochen. Wie man so etwas vergessen kann!« Und er lacht, etwas gepreßt.
»Gehaltfrage –?« fragt Stuff erstaunt. »Gibt es da eine Frage? Ich bekam bei Schabbelt fünfhundert und Vertrauensspesen.«
»Lieber Herr Stuff!« Gebhardt lächelt. »Sie müssen verstehen, daß das nicht geht. Grade daran ist Schabbelt kaputt gegangen.«
»Wieso?! An meinem Gehalt? Das ist doch lächerlich.«
»Nicht an Ihrem Gehalt allein – bitte, erregen Sie sich nicht –, aber überhaupt an der aufgeblähten Unkostenseite. Fünfhundert Mark und Vertrauensspesen. Nein, nein, das kommt nie in Frage!«
Stuff ist finster geworden. »Was kommt denn in Frage?«
»Nun, was soll ich sagen? Ich bin wahrhaftig kein Jude, ich will Sie nicht drücken. Ich gehe bis an die Grenze des Tragbaren, ja, darüber hinaus. Ich sage dreihundert.«
»Unsinn!« sagt Stuff. »Quatsch. Ich denke gar nicht daran.«
»Lieber Herr Stuff. Ich bin natürlich gerne bereit, Sie mit Ablauf der gesetzlichen Kündigungsfrist aus Ihrem Vertrage zu entlassen. Das wäre der erste Oktober.«
»Ich habe überhaupt keinen Vertrag mit Ihnen! Ich kann jede Stunde Schluß machen.«
»Es gibt so viele junge federgewandte Menschen. Das schreibt schließlich jeder. Und das meiste liefern ja doch die Korrespondenzen.«
»Also, reden wir nicht lange«, erklärt Stuff. »Was ist Ihr äußerstes Wort?«
»Ich will Ihnen entgegenkommen. Mein Prokurist, Herr Trautmann wird empört sein, aber ich sage: dreihundertzwanzig!«
»Fünfhundert!« verlangt Stuff. »Und die Spesen.«
»Sie sind nicht mehr ganz jung«, sagt Gebhardt vorsichtig. »Und aufgeblüht ist die Chronik unter Ihrer Redaktion auch nicht grade.«
»Die Leute«, bemerkt Stuff träumerisch, »meinen, daß Sie, Herr Gebhardt, Ihren Namen nicht zu unrecht tragen. Wortspiele über Geben und Hartsein stellen sich zwanglos ein.«
»Dreihundertdreißig.«
»Wäre es Ihnen denn angenehm, Herr Gebhardt, wenn ich jetzt ausschiede? Die Übernahme der Chronik könnte dann kein Geheimnis mehr bleiben.«
»Aber das grenzt an Erpressung«, schreit Gebhardt. »Verlangen Sie, daß ich Ihnen Ihr Maul vergolde?«
»Verzeihen Sie, meine Herren«, klingt eine fette Stimme vom Eingang her. »Das Saumtier sucht im Nebel seinen Pfad. Ich fand niemanden, der mich anmeldete. Guten Abend, meine Herren.«
»Guten Abend, Herr Bürgermeister«, sagt Stuff.
6
Gareis streckt, würdig lächelnd, seine kleine fette Hand aus dem Ellbogengelenk den Herren hin, und Stuff darf feststellen, daß sein neuer Chef nicht nur vor ihm solch schuljungenhaft tiefe Tanzstundendiener macht. Er bewundert erneut das krause schwarze Krollhaar im Nacken.
»Die feindlichen Brüder einmal unter einem Dach?« fragt der Bürgermeister und blickt von dem verlegen-wütenden Verleger zum mürrischen Stuff. »In der Abendstunde finden wir unsern Weg? Oh, das liebe Publikum sollte wissen ...«
»Es war eine ganz belanglose, uninteressante Besprechung«, sagt kurz Gebhardt.
»Sie war sehr laut und uninteressant fand ich sie nicht. Nun, gleichviel ...« Des Bürgermeisters Gesicht verändert sich, wird ernst. Zwischen den Fettwülsten liegen kluge Augen. »Ich komme zu guter Stunde, da ich die Vertreter der maßgebenden Presse beisammen finde. Ich komme selbst zu Ihnen, mich Ihrer Unparteilichkeit zu versichern. Sie, Herr Stuff, schienen heute meinem Oberinspektor sehr voreingenommen.«
»Voreingenommen? Nein.«
»Nennen Sie es, wie Sie wollen. Sie mögen ihn nicht, gut. Aber, meine Herren, überlegen Sie genau, was Sie tun, ehe Sie was tun. Die Polizei steht voll zu dem, was geschehen ist. Sie hat die Regierung hinter sich. Sie hat aber auch die Arbeiterschaft – und die Arbeiterschaft, das ist Altholm – für sich. Stellen Sie sich gegen die Polizei, so stellen Sie sich gegen Ihre eigene Stadt – Vaterstadt sagt man gerne in diesem Hause –, so stellen Sie sich gegen die eigenen Interessen.«
»Ich glaube, Herr Bürgermeister, Sie überschätzen die heutigen Ereignisse. Das wird morgen eine lokale Spitze geben, dann noch zwei oder drei Notizen, in einem halben Jahre eine Gerichtsverhandlung – und alles ist vergessen.«
»Das glaube ich nicht«, widerspricht Stuff seinem Chef. »Der Kampf fängt erst an.«
»Und auf welcher Seite werden wir Sie sehen, Herr Stuff?«
»Ich bin einfacher Redakteur«, sagt Stuff.
»Ein Redakteur, gewiß«, nickt der Bürgermeister mit Mißbilligung. Und zum Zeitungsbesitzer gewendet: »Nebenbei: Sie wissen, daß der Magistrat beschlossen hat, der Chronik die amtlichen Bekanntmachungen zu entziehen?«
»Unmöglich!« schreit Gebhardt. »Davon hat mir Schabbelt kein Wort beim Verkauf gesagt.«
Und Stuff, zwei Sekunden zu spät: »Das ist kein Magistratsbeschluß!«
Der Bürgermeister lächelt, er sieht klar. Er wendet sich ganz an Gebhardt, und auf der andern Seite, im Dunkeln, bleibt Stuff: »Also, Gebhardt, Ihre Zeitung nennt sich Heimatblatt und Ihre Leser sind Arbeiter. Ich denke doch, Sie werden sie im Interesse der Heimatstadt unterrichten?«
»Im Interesse der Heimatstadt, ja«, sagt vorsichtig Gebhardt.
»Das heißt ... verstehen Sie wohl, es ist im Augenblick so leicht, einem gewissen Stimmungsdruck nachzugeben. Man muß auch einmal unpopulär sein können. Sie bekommen morgen unsern amtlichen Bericht. Halten Sie sich an ihn.«
»Wir werden zweifelsohne den amtlichen Bericht veröffentlichen.«
»Ich übe«, sagt der Bürgermeister, »ungern einen Druck aus. Aber diese Sache wird durchgefochten werden. Ich hoffe es, aber ich bin mir nicht sicher, daß ich diesmal Sie auf meiner Seite finden werde. Es ist nicht die Seite der SPD, die rote Seite, die Bonzenseite, wie Sie vielleicht jetzt glauben. Es ist die Seite der Ordnung, des Aufbaus, der Arbeit. Die Wahl müßte leicht sein ...«
Die beiden Herrn schauen vor sich hin. Der Bürgermeister sieht kummervoll von einem zum andern.
Schon erhebt er sich, und in ganz verändertem Ton: »Also, gute Nacht, meine Herren. Gute Nacht. – Über Gehaltsfragen wird man sich am Ende immer einig, wenn man im Prinzipiellen so einverstanden ist wie Sie beide.«
Schon auf dem Gange: »Bitte, bemühen Sie sich nicht, Herr Stuff. Ich finde auch ohne Licht. Und man könnte Sie sehen. Wirklich. Gute Nacht!«
Stuff wieder zu Gebhardt: »Herrgott, was für ein Schwein! Was für ein Schwein!«
Und Gebhardt sauersüß lächelnd: »Etwas stachlig, der rote Herr, was?«
7
Tredup hatte geschrien aus dem Fenster des Gefängnisses, bis ihn Hände von hinten packten, hinunter zerrten.
Man hatte ihn aus seiner Zelle in den Arrestraum geschafft, der je nach Bedarf mal Arrestraum, mal Tobzelle heißt.
In jedem Gefängnis gibt es zwei Arten von Wachtmeistern: diejenigen, welche Tredup transportierten, gab es nach der Strafvollzugsordnung des preußischen Justizministeriums eigentlich gar nicht mehr.
Sie hatten ihn unter den Armen gefaßt und mit Hallo durch das brüllende Gefängnis über Gänge und Treppen geschleppt. Dabei hatten sie es so eingerichtet, daß seine Schienbeine möglichst häufig und möglichst heftig gegen eiserne Stufen und Geländerteile schlugen. Am Ende der Treppe, als nur noch zehn, zwölf Stufen übrig waren, hatten sie den Aufrührer plötzlich losgelassen, und er war wie ein Sack, sich überschlagend, die Stufen hinabgerollt auf den Zementboden des Flurs, wo er endgültig liegenblieb.
Dann hatten sie ihm dienstlich befohlen, aufzustehen, ihn ermahnt, nicht zu simulieren, auf die Folgen seiner Weigerung aufmerksam gemacht, und ihn schließlich, als alles nichts half, in die Tobzelle geschleppt, auf die Pritsche geworfen, ihm die Hosenträger abgeknöpft, damit er nicht auf törichte Ideen komme, und allein gelassen.
Tredup hatte dagelegen, halb besinnungslos, stundenlang. Eben noch schien er, ungeduldig wohl, aber doch einigermaßen untergebracht, in seiner Zelle gesessen zu haben. Dann war der komische spitzbärtige Wachtmeister gekommen und hatte ihn überredet, nach den Bauern zu schreien, was sofortige Freilassung zur Folge haben sollte. Dann hatte das Haus losgetobt wie ein wahnsinnig gewordenes Tier und dann hatten sie ihn behandelt ... sie hatten ihn kaputt gemacht ... das waren also diese Gefängnisse ...
Aufruhr hatten sie gesagt, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Meuterei ... Gab es Gefängnisse dafür? Zuchthaus? Wie lange?
Es ist eine Art Vogelbauer, in dem er liegt, mit lächerlich dicken Eisenstäben, halbdunkel, und mit nackten Wänden, die Eiseskälte atmen. Nur eine Holzpritsche, auf einem Steinfundament festgemacht, keine Decke, kein Schemel, nichts.
»Wenn ich hier«, denkt er, »einen Tag bleiben muß, eine Nacht, ich werde verrückt.«
Ein Doppelschlag gegen die Tür läßt ihn auffahren. Eine Stimme sagt irgend etwas.
»Ja, bitte?« fragt er verwirrt.
»Ob du scheißen willst?« brüllt es von draußen.
»Was? Wie? – Nein, ich will nicht.«
Draußen hört er reden. Dann klirren Schlüssel, ein Wachtmeister kommt herein, aber er steht in der andern Hälfte des Raumes, jenseits der Gitterstangen.
»Wollen Sie nicht Ihre Notdurft verrichten?« fragt der Wachtmeister freundlich. Und zum Gefangenen in Blau, der mit einem Kübel in den Händen eingetreten ist: »So fragt man das. Wie Sie das machen, ist es keine Art.«
»So ein Schwein«, murrt der Mitgefangene bösen Blicks. »Hier den ganzen Bau rebellisch zu machen!«
»Das geht
Sie gar nichts an«, sagt der Wachtmeister entschieden. »Also, wie ist es mit Ihnen? Nein? Versuchen Sie es vielleicht? Wir kommen erst morgen früh wieder. Einen Kübel dürfen wir Ihnen nicht lassen, weil Sie getobt haben.«
»Nein, ich danke wirklich. Aber wenn ich eine Decke haben könnte? Hier ist es so kalt.«
»Ja, natürlich. Ihnen stehen zwei Decken zu. Böge, holen Sie die gleich.« Und als der Gefangene aus der Zelle ist: »Sie haben da ein Ding in der Wand, wir nennen es eine Flagge. Die brauchen Sie nur rauszuschieben, wenn es nötig ist, nachts.« Leise: »Aber tun Sie es nur, wenn es ganz nötig ist. Der Nachtdienst wird auch nicht gerne gestört. So, hier haben Sie Ihre Decken.«
Es ist wieder still in der Zelle, langsam wird es dunkler. Tredup möchte an sein vergrabenes Geld denken, wie er von hier fort will, sich eine andere Zukunft machen. Ob dieser nette Wachtmeister ihn rausließe, wenn er ihm fünfhundert Mark böte?
Plötzlich flammt das Licht auf an der Zellendecke. Wieder klirrt der Zellenschlüssel. Ein dicker Mann mit einem Gesicht wie eine Bulldogge tritt ein, gefolgt von einem Wachtmeister, beide in weißen Mänteln.
»Das ist der Kerl«, sagt der Dicke, »der den Krach gemacht hat. Na, sehen Sie, Troschke, das ist ein Simulant, wie er im Buch steht. Geben Sie Ihre Hand her«, grobst er. »Hier durch das Gitter!
Ganz ruhiger Puls, jetzt natürlich ein bißchen Herzpuppern. Haben wir Angst, was? Müssen wir die Suppe nun ausfressen, wie? Nun kommen die Folgen, heh?«
Wieder: »Warum haben Sie aus dem Fenster gebrüllt?«
»Ich weiß nicht ... ich hielt es nicht mehr aus ...«
Der Arzt höhnend zum Lazaretthauptwachtmeister: »Hielt es nicht mehr aus! Das Söhnchen! Ging nicht mehr, was? Na, mein Lieber, solche wie Sie, die kriegen wir hier schon klein. Mit solchen fahren wir hier ab ...«
Gesteigert: »Schlitten werden wir mit Ihnen fahren! Kommen Sie mir nur, daß Sie krank sind, Sie Simulant, Sie! Arrest werde ich gegen Sie beantragen! Sie sollen mir nicht mehr aus diesem Loch.«
Zum Hauptwachtmeister, plötzlich ganz ruhig: »Sehen Sie es sich an, dieses Jammergestell. So was bringt das ganze Gefängnis in Aufruhr. Nun hat er Tränen in den Augen. Schmach! So was will ein Deutscher sein! Zum Kotzen ist das!«
Die Tür schrammt wieder zu. Das Licht geht aus.
Im Dunkeln liegt Tredup, das Gesicht in den Decken, ein Heulen in der Kehle, das nur die Angst nicht laut werden läßt.
»Wie gehen sie mit mir um? Wie kann ich je einem Menschen wieder ins Gesicht schauen? Oh, ich halte es nicht aus, ich will heim, in die kleine Hofstube, zu Elise und den Kindern.
Willi hat seine kleine Hand in meine gesteckt, hat sich an meinem Finger festgehalten. Er hat Vertrauen zu mir gehabt. Wer soll noch Vertrauen zu mir haben? Alles ist vorbei.
Hätten sie mir nur nicht die Hosenträger fortgenommen. Ich müßte die Decke zerreißen.«
Er muß geschlafen haben, denn jetzt steht an seinem Bett wieder ein Mann in der graugrünen Uniform und rüttelt ihn an der Schulter.
»He, Sie! Wie heißen Sie?«
»Tredup.«
»Kommen Sie mit, zum Direktor. Halt, gehen Sie auf Strümpfen, nehmen Sie Ihre Schlappen in die Hand. Die andern brauchen nicht aufzuwachen, es ist heute genug Klamauk gewesen.«
Es ist ein stilles Gehen durch das schlafende Gefängnis, mit den Hunderten von Türen, hinter deren jeder einer schläft oder still wach liegt.
Leise schlurft auf Hausschuhen der Wächter hinter ihm.
»Dort die Treppe hinauf«, sagt er leise. »Hier den Gang entlang.«
»Was wird bloß mit mir?« fürchtet sich Tredup. »Werde ich schon bestraft? Hätten sie mich doch schlafen gelassen.«
»So, hier.«
Der Wachtmeister klopft gegen eine Tür, heller Lichtschein.
»Na, denn gehen Sie nur rein. – Ziehen Sie erst Ihre Schuhe an.«
Hinter einem Schreibtisch sitzt ein großer, glattrasierter Mann mit frischen Farben, einem freundlichen Gesicht, kahlem, glänzendem Schädel. Das Zimmer ist sehr hell und sauber. Da sind Blumen ...
Tredup kommt sich alt, grenzenlos müde und sehr schmutzig vor.
»So. Sie sind also Tredup.« Der Mann sieht ihn sehr lange an. »Sagen Sie, Herr Tredup, was war heute nachmittag mit Ihnen?«
Tredup sieht den Herrn einen Augenblick an. »Der ist anders«, denkt er. Und laut: »Es kam einer rein in meine Zelle und sagte mir, draußen ständen Bauern. Und wenn ich um Hilfe riefe, würden sie kommen und mich frei machen.«
Gefängnisdirektor Greve betrachtet ihn aufmerksam und sein helles Gesicht wird irgendwie matter. »Sie haben geschlafen?« fragt er. »Sie haben geträumt?«
»Ich habe nicht geschlafen. – Doch ja, ich hatte geschlafen«, sagt Tredup. »Aber es war ein Wachtmeister, ein Mann mit einem kleinen gelben Spitzbärtchen.«
»Ein Mann mit einem kleinen Bärtchen«, wiederholt der Direktor langsam.
»Wie alt sind Sie, Herr Tredup?
Sie sind verheiratet, nicht wahr?
Sie haben Kinder?
So, zwei. Sind Sie alle gesund?«
»Ich habe nicht geträumt«, beharrt Tredup. »Der mit dem Bärtchen war da und hat es mir gesagt.«
»Sie haben nicht geträumt, nun schön. Aber wenn einer kommt und sagt Ihnen so etwas, tun Sie das dann gleich, ohne zu überlegen?«
Tredup steht stumm.
»Sehen Sie, schließlich sind Sie doch in einem Gefängnis. Sie sind schon ein paar Tage hier, nicht wahr? Sie haben die Mauern gesehen und die Schlösser und die Beamten mit ihren Waffen?«
Tredup schweigt.
»Wenn der Hellbärtige Ihnen nun wirklich von Bauern gesprochen hat, wie dachten Sie sich das dann? Meinten Sie, die Bauern würden das Gefängnis überfallen und Sie frei machen? Wieviel Bauern standen denn vor Ihrem Fenster, als Sie schrien?«
»Ich habe keine gesehen. Ich habe nur gerufen.«
»Sie haben nur gerufen. Ohne Hoffnung. Bloß, weil es Ihnen einer gesagt hat?«
»Weil er von Freiwerden gesprochen hatte.«
»Ja so. Natürlich.« Der Mann senkt plötzlich den Blick. Nimmt Papiere in die Hände. Dann in einem andern Ton: »Weswegen ich Sie rufen ließ. Die Staatsanwaltschaft hat Ihre Außerhaftsetzung verfügt.«
»Ja?« fragt Tredup ängstlich.
»Ja. Heute abend kam die Verfügung. Und da Ihnen die Haft nicht zu bekommen scheint, wollte ich es Ihnen gleich mitteilen.«
»Und ich darf ...« fragt stockend Tredup. »Wann darf ich fort?«
»Morgen früh. Heute abend. Wann Sie wollen.«
»Es ist wahr? Trotzdem ich geschrien habe?«
»Trotzdem. Ja. Ich denke, es wird keine Folgen haben, das Schreien.« Der Direktor nimmt ein Blatt Papier, betrachtet es einen Augenblick mit hochgezogenen Brauen, zerknüllt es und wirft es in den Papierkorb. »Sie wollen gleich nach Haus?«
»Wenn ich darf?«
»Es wird gehen. Was Sie an Privatsachen noch hier beim Hausvater haben, können Sie sich eventuell morgen abholen.«
»Ich danke ... ja, ich danke so sehr ... nie vergessen«, flüstert Tredup.
»Ich klingle nach der Nachtwache«, sagt der Direktor. »Sie wird Sie fortbringen.«
Eine Klingel schlägt ganz fern und leise irgendwo an. Dann ist eine Weile Stille.
»Übrigens«, sagt der Direktor plötzlich. »Vor ein paar Tagen wollte Sie auch Herr Bürgermeister Gareis besuchen.«
»Ja?«
»Ich durfte es damals nicht gestatten, aber vielleicht gehen Sie jetzt einmal zu ihm, nicht? Er schien sehr viel Interesse an Ihnen zu nehmen. – Wachtmeister, führen Sie den Mann zur Abfertigung. Zenker wird noch da sein. – Gute Nacht, Herr Tredup.«
Er gibt ihm die Hand.
8
Es ist Nacht geworden, eine gute klare Julinacht ohne Mond. Über der kleinen Menschensiedlung Altholm, locker gebaut, zwei Kilometer hin, zwei Kilometer her, ist der Himmel voll ausgestirnt.
Man kann sie sehen die Sterne, klar flimmern sie herab, und Gareis, der noch mit Assessor Stein spazierengeht, blickt zu ihnen empor:
»Sie müssen sich das merken, Stein: die Hinterräder des Wagens verlängert und Sie finden den Polstern. Und die drei dort zusammen, das ist der Gürtel des Orion. Sie waren immer Städter, aber mich nahm mein Vater bei der Hand. Wir gingen über Land, heim von irgendeiner Hausschlachtung, bei der er geholfen. Barbier sein bringt auf dem Lande nicht viel ein.«
»Alles schläft«, sagt der Assessor. »Und morgen fängt der Kampf wieder an.«
»Und ist das schlimm? Es ist gut, daß wir kämpfen müssen.«
»Lohnt es sich?«
Der Bürgermeister bleibt stehen. Den Hut schiebt er in den Nacken und aus dem Dunkel wuchtet seine große Masse über das befreundete Assessormännchen. »Manchmal frage ich mich, warum Sie überhaupt in der Partei sind? Lohnt es sich –? Gewiß lohnt es sich.«
»Die Genossen sind genauso borniert wie die andern.«
»Und –? Übrigens ist auch das falsch. Sie sind unzufrieden und Unzufriedenheit ist mehr wert als Genügsamkeit.«
»Ich glaube, Sie werden allein stehen im Kampfe, der kommt.«
»Werde ich? Sie kennen die Arbeiter nicht. Die Arbeiter werden wissen, daß ich für ihre Sache kämpfe.«
»Ihre Sache? Frerksen hat
doch Mist gemacht.«
»Nein. Nein. Ich gebe das nicht zu. Auch Ihnen nicht. Recht hat er getan.«
Und plötzlich ganz lebhaft: »Halt! Sehen Sie! Sehen Sie doch! – Da fiel eine Sternschnuppe. Haben Sie sich was gewünscht? Natürlich haben Sie sie nicht gesehen. Ich habe mir was gewünscht.«
Der Assessor fragt: »Und was?«
»Das sage ich Ihnen erst in vier Wochen. Oder in einem Monat. Oder in einem halben Jahr.«
»Aber Sie sagen es mir?«
»Das tue ich. Bestimmt.«
Auch Tredup, der vom Zentralgefängnis heimtrottet, sieht zu den Sternen empor. Aber die Sternbilder kümmern ihn nicht. Er will nur die Gegend sehen, in der er auf dem Heimweg damals von Stolpe sein Geld vergrub. Am liebsten liefe er gleich jetzt durch die Nacht dorthin, grübe es aus dem Kiefernsand, nahe den Dünen. Ginge fort aus Altholm, aus Pommern, aus Deutschland, in die weite Welt. Irgendwohin, in einen Winkel, am besten dorthin, wo man die Sprache nicht kennt, das Land nicht kennt, wo niemand je erfahren wird, was ihm geschehen ...
Aber da sind Frau und Kinder ...
Mit kummervoll hochgezogenen Schultern, den Blick scheu hinter sich nach Verfolgern, schleicht er der riechenden heißen Hofwohnung zu.
Stuff geht mit gesenktem Kopf. Sieht er die Sterne, sieht er sie höchstens im Wasser, im Teich, den entlang er der Kneipe zustrebt. Aber er denkt nicht an sie, er denkt an seinen neuen Chef, an das um hundert Mark verkleinerte Gehalt (sie haben sich loyal die Differenz geteilt und er hat auf Spesen verzichtet). Er denkt der Kette, an die sie ihn jetzt gelegt haben. Oh, daß er nicht beißen darf! Daß ein feiger Chef ihm den offenen Angriff auf die rote Rotte verbietet. Es wäre der schönste Lebensabend gewesen, noch einmal, verbrauchter, glaubensloser Pressehengst, der er ist, mit gutem Glauben den Kampf für eine gute Sache führen zu dürfen.
Er darf es nicht. Er muß zahm sein, wie immer. Kleine Stiche vielleicht, aber die Rücksicht auf die rote Mehrheit im Stadtverordnetenkollegium ...
»Und ich schmiere dich doch aus! Es mag gehen, wie es will!«
Er blinzelt nach einem Fenster, das hell durch Gebüsch zu ihm blinkt. »Krankenhaus«, denkt er. »Die krepieren und gebären, immer feste weiter. Was das für einen Sinn hat ...«
Der im Licht der blinkenden Lampe liegt, denkt nicht daran zu krepieren. Henning liegt, halb beduselt von etwas Morphium, in Wachträumen. Wieder schwenkt er die Fahne. Sie rauscht herrlich durch den blaugoldenen Tag.
Und plötzlich sind viele Männer da, das Zimmer ist so voll von Schatten. Richtig, sie halten Wache, sie haben ihm ja gesagt, daß er hier als Polizeigefangener liegt. Keine Kleider im Zimmer, nichts wie das Nachthemd auf dem Leibe.
»Aber es eilt noch nicht. Wenn es soweit ist, ich türme immer, auch aus dem Z. G. Man wird Wachtmeister Gruen sagen müssen, daß er auf Tredup ein Auge hat Es wäre schlecht, wenn sie jetzt erführen, daß ich auch in der Bombengeschichte hänge.«
Gruen aber ist suchen. Er streicht über die Schuttabladeplätze der Stadt, er sucht, ein verdrehter Hexerich, drei Dinge: eine Konservenbüchse, einen Karton und einen zerbrochenen Wecker. Er grinst wie ein Affe und das Bärtchen am Kinn zittert und tanzt.
›Nehmen Sie das auf Ihren Beamteneid?‹
›Gewiß nehm ich das auf meinen Beamteneid, Herr Direktor.‹
›Der Untersuchungsgefangene Tredup behauptet bestimmt, Sie hätten ihm eingeredet, die Bauern zu alarmieren.‹
›Der träumt ja. Ich war unten auf C 1, habe Wasser ausgegeben.‹
»Beamteneid. Wahrhaftig! Wie die sich haben mit ihrem bissel Republikeid, und ganz ohne den lieben Gott. Verfassung ... na ja, was man so Verfassung nennt ... Die Konservenbüchse wäre da.«
Im Ehebett, der Polizeioberinspektor Frerksen, hält seine Frau im Arm.
»Es war ein schrecklicher Tag, Änne. Aber ich habe richtig gehandelt. Alles steht hinter mir.«
»Und Gareis? Was hat Gareis gesagt?«
»Gareis zählt nicht. Einer von der Regierung, ein ganz Geheimer, hat mir gesagt, ich habe den Laden geschmissen.«
»Und die Verletzten? Sind sie schwer verletzt?«
»Die sind alle verhaftet. Aufrührer, wer soll mit denen Mitleid haben? – Was raschelst du, Hans? Warum schläfst du nicht?«
»Ich muß mal, Vater.«
»Man muß nicht müssen, mitten in der Nacht. Man beherrscht sich. Na, geh schon aufs Klosett. Aber leise, daß keiner was merkt.«
Leise müht sich auch Thiel zu sein, der im Stolper Gerichtsgefängnis den letzten Grat an den Gitterstäben seiner Zelle durchsägt. Wer durch den Schlund jenes Bücklings, den es einmal die Woche als Beikost gibt, Stahlfeilen gespießt findet, versteht schon den Wink. Nur, daß es ein wenig lange dauerte, bis er zum Ziele kam.
Heute nacht aber ist es soweit. Die Decken, zerrissen und zu einer Leine aneinander geknüpft, liegen schon auf seinem Bett. Und ist er erst auf dem Hof, ist er auch schon in Freiheit. Er ist noch lange nicht verurteilt wegen Bombenschmeißens.
Er hebt vorsichtig die ausgesägte Ecke Gitter aus, genau berechnet nach seinem Leibesumfang, legt sie auf sein Bett. Am stehengebliebenen Stummel knüpft er die Leine fest und schwingt sich in die Öffnung.
Er lauscht. Sein Herz klopft so schnell nicht, wie er gefürchtet hatte, seine Hände sind fest.
Ganz dunkel ist die Nacht. Ganz still sind die Straßen. Und oben funkeln die Sterne.
»Ja, ich war ein kleiner Angestellter und wußte nichts wie Zahlen. Und plötzlich bin ich etwas ganz anderes und es ist auch so recht. Aber dem Henning werde ich Bescheid stoßen, daß er mich hat sitzenlassen. Wenn nicht die Feilen von ihm waren. – Also los!«
Er faßt das Seil und läßt sich hinab ins Dunkel.
Im Dunkeln steht auch Padberg, in einem dunklen Hausflur gegenüber der Redaktion der Bauernschaft. Er späht nach den Fenstern seines Arbeitszimmers, die auch dunkel sind. Dunkel scheinen. Aber zweimal hat er jetzt dort ein Licht aufblitzen sehen, ein feines Strählchen, er hat sich nicht getäuscht.
»Der Kerl ist wieder beim Stöbern. Wie er nur reinkommt? Durch den Vordereingang bestimmt nicht, durch die Hintertür auch nicht, bleibt –? Dach oder Keller! Dann wohnt er in diesem Block, wahrscheinlich sogar in den Nebenhäusern ... Warte!«
Aber er kann sich nicht erinnern, wo seine Setzer wohnen.
»Halt!«
Eben hat der Kerl nicht aufgepaßt, ein weißer Lichtstrahl fuhr gegen die Decke, erlosch blitzschnell.
»Der geniert sich verdammt wenig. Gut, daß ich das Manuskript für morgen in der Tasche habe, sonst wäre es womöglich auch flöten. Bin doch neugierig, ob er den Hundertmarkschein klaut. Das wäre ein Fingerzeig.«
Padberg zuckt die Achseln.
»Es ist sinnlos, daß ich hier noch stehe. Schließe ich unten auf, ist er verschwunden. Aber morgen nacht, morgen, Freundchen, packe ich mich unter den Schreibtisch.«
Noch an einem andern Schreibtisch wird in dieser Nacht heimlich gearbeitet. Im Rathaus Altholms, längst verlassen, völlig verödet, öffnet sich die Tür zum Arbeitszimmer des Bürgermeisters.
Ein kleiner Schatten steht einen Augenblick im Rahmen, lauscht. Dann huscht er gegen den Schreibtisch, beweglich, jugendlich, rasch, macht sich zu schaffen daran, zieht das linke obere Schubfach auf. Er tastet mit seinen Händen. Obenauf liegt ein Schreiben, ein Stück Papier, in Folio. Starkes Papier, in der Mitte gebrochen, also in einem langen Folioumschlag gewesen. Die Hände tasten weiter. Siehe da, darunter liegt der Umschlag, hastig aufgerissen, aber die spürenden Finger fühlen doch die Siegelmarke, die ihn verschloß.
»Der Geheimbefehl«, flüstert der kleine Mann. »Ich habe ihn. Nun warte, Genosse Gareis, jetzt haben wir dich an der Strippe.«
Durch das schlafende Land fährt langsam, schleudernd, mahlend ein Auto. Manchmal, wenn es stille hält, und Bandekow und Rehder beraten über den Weg, hören sie zur Linken deutlich die Brandung der See.
Als das Auto heute morgen ausfuhr, waren darin fünf: Padberg, Henning, Rohwer, Rehder, Bandekow. Wo sind sie jetzt?
Henning zum Krüppel geschlagen und gefangen, Rohwer verhaftet und im Gefängnis, Padberg im Zorn geschieden.
Zwei nur sind übriggeblieben, aber sie haben einen dritten mitgenommen: er liegt hinten im Wagen, der Bauer Banz, den sie vor der Schupo im Keller des Auktionshauses verbargen. Meistens liegt er still, aber manchmal spricht er auch, und was er spricht, das zeigt, wie gut es war, daß sie ihn nicht der Polizei auslieferten.
»Wir müssen sehen, daß wir den Sprengstoff aus der Scheune kriegen. Bei seinem jetzigen Zustand dürfen wir ihn nicht hier lassen.«
»Den kann ich zu mir nehmen«, sagt Bandekow.
»Ja, vielleicht. Aber nicht heute nacht. Heute ist alles Unglück.«
»Das mögen Sie wohl sagen.«
Im Licht der Scheinwerfer taucht der Katen auf.
»Hoffentlich kriegen wir die Frau bald wach.«
»Und hoffentlich erschrickt sie nicht zu sehr.«
Aber die Frau erschrickt nicht: »Kommt ihr allein,
das holen, oder bringt ihr ihn?«
»Wir haben ihn im Wagen, aber ...«
»Lebt er?«
»Ja, aber er ist verletzt.«
»Kann ich ihn aufs Bett legen oder sucht ihn die Polizei?«
»Die Polizei weiß nichts von ihm. Vielleicht später, jetzt noch nicht.«
»So faßt an, Männer.« Sie hält den mißhandelten Kopf mit festen Händen.
Sie legen ihn in der Stube aufs Bett.
»Können wir etwas helfen? Brauchen Sie Geld?«
»Gehen Sie nur. Ich komme zurecht.«
»Und besser holen Sie keinen Arzt.«
»Arzt –?« fragt sie verächtlich. »Ich habe alle Kinder bekommen und groß gemacht ohne Arzt. Das bißchen Wunde? Das wasche ich mit Rinderurin. Und gegen das Fieber gibt es Umschläge. In einer Woche häufelt er Kartoffeln.«
»Aber ...«
»Nein, nun geht man!«
Den Burstah, auf dem nur noch jede dritte Laterne brennt, schlendert ein Mann entlang. Fast kein Mensch ist mehr unterwegs, und so hat der Mann die ganze Straße für sich allein. Er schlendert in der Mitte des Fahrdamms, die Hände tief in den Taschen, und pfeift sich eins.
Auf der Verkehrsinsel an der Grünhofer Straße bleibt der Mann stehen. Er ist nicht ganz so gleichgültig und unbekümmert, wie er tut. Sehr genau mustert er Straße und Häuser, den Grünplatz, die Anlagen um das Heldenmal.
Auf einer Bank hinten entdeckt er ein Liebespaar, im tiefsten Schatten der Büsche.
Er zögert einen Augenblick, überlegt sich den Fall, aber dann geht er doch auf das Heldenmal zu.
»Die sehen nichts. Die haben kein Auge«, sagt er.
Diesmal geht Matthies, der Funktionär der KPD, sachte um das Geraniumbeet herum, bemüht sich, seinen Fuß nur auf festen Rasen zu setzen.
Dann kommt er in den Schatten des Denkmals, hinter den Sockel. Er braucht nur einmal zu tasten, schon faßt er den Griff des Säbels.
»Dacht ich mir doch! Hat zuviel zu tun gehabt, der liebe Frerksen, hat seinen Säbel ganz vergessen.«
Er zieht ihn aus der Erde und steckt ihn vorsichtig von oben in ein Hosenbein. Macht dann den Säbelkorb am Hosenträger fest.
»So. So kriege ich ihn schön nach Haus. Und ich möchte wohl sehen, was du für ein Gesicht machst, Genosse Frerksen, wenn wir ihn beim nächsten Umzug mit rumführen unter einem Plakat: ›Der Bluthund Frerksen‹.«
Matthies schlendert gemütlich an dem Liebespaar vorbei.
»Na, Mädchen, kriege ich auch einen ab?«
Das Liebespaar, ein dunkler Knäuel, gibt nicht Laut.
»Seid man recht fleißig, es gibt noch lange nicht genug Proleten.«
Er entschwindet um die Ecke bei den Nachrichten. Das Paar nimmt sich fester in den Arm, unterm Sternenzelt.
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