Kein Bier ohne poulet - Tourismus und Revolution auf Kuba

Anton in der Schweinebucht

von Reimar Paul (WoZ-Online, 16.08.2001)

Anmerkungen und Links: Nikolas Dikigoros

Auch im Angesicht der Revolution kann man auf Kuba den einen oder anderen Dollar los werden.

"Wo Kommunisten leben, sterben die Probleme." Ein sch�ner Satz ist das, er stammt von Che Guevara h�chstselbst. Der Satz prangt auf einer Tafel an der Strasse, die von Havanna zu den Hausstr�nden der Hauptstadt f�hrt, den Playas del Este. �berall auf der Strecke stehen junge Frauen und winken. Die meisten sind Prostituierte, �Jineteras�. Am Strand gibt es stundenweise Zimmer zu mieten. Mit einer Matratze drin und manchmal einem Waschbecken, f�r 20 oder 25 Dollar. Die Jineteras bieten ihren K�rper f�r denselben Preis an. Am sp�ten Nachmittag, wenn das Gesch�ft bis dahin schlecht gelaufen ist, auch schon mal f�r die H�lfte.

�Was soll ich denn sonst machen?�, fragt eine Neunzehnj�hrige zur�ck, von der wir wissen wollen, warum sie sich prostituiert. Sie m�chte etwas Sch�nes zum Anziehen kaufen f�r sich und ihr anderthalbj�hriges Kind, das tags�ber von den Grosseltern versorgt wird. Mit den 200 kubanischen Pesos, die sie fr�her als Krankenschwester verdient hat, ging das nicht. Die Pesos liessen sich zwar in Dollars umtauschen, doch der Wechselkurs steht bei 1:20. Und die Preise in den neuen L�den, wo es die schicken Klamotten gegen Dollars zu kaufen gibt, sind nicht ohne.

Prostitution ist in Kuba verboten. Gelegentlich f�hrt die Polizei mit Lastwagen an den Playas del Este und in den anderen Touristengebieten vor. Die Polizisten �berpr�fen die Personalien aller mutmasslichen Prostituierten. Wer bereits als Prostituierte registriert ist, muss mit Gef�ngnis rechnen. �Oder die Polizisten bestechen�, sagt die junge Frau. Pesos und Perspektivlosigkeit, Prostitution und Polizei - Schuld an der ganzen Misere, das ist f�r die Neunzehnj�hrige klar, hat die Regierung. Vor allen anderen nat�rlich �El Barbudo�, der B�rtige. Der Tag war lang, und sie hat noch nichts verdient.

Jorge ist ganz anderer Ansicht. Verantwortlich f�r die zugegebenermassen noch nicht bew�ltigte �konomische Krise sind die Yankees und ihr verfluchter Wirtschaftsboykott. �Basta.� (Anm. Dikigoros: Dieser "Boykott" stand und steht blo� auf dem Papier. Lebensmittel und Medikamente sind ausgenommen; und �berweisungen in die USA migrierter Verwandten in die alte Heimat ebenfalls.) Fidel versuche sein Bestes und werde die Karre aus dem Dreck ziehen. In letzter Zeit sei es auch viel besser geworden. Stromsperren zum Beispiel gebe es kaum noch, auch mit dem Wirtschaftswachstum gehe es voran. Jorge ist Angestellter des kubanischen Staats. Er betreibt eine aus Brettern und Balken zusammengezimmerte Kneipe am Playa Para�so auf Cayo Largo, einer Ferieninsel vor der kubanischen S�dk�ste. Fr�her eine Milit�rbasis, wurde Cayo Largo vor zwanzig Jahren f�r den internationalen Tourismus erschlossen. Playa Para�so liegt weitab der Hotels, daf�r geh�rt der Strand allen.

Allen - das heisst auch Jorge. Das ist keine Selbstverst�ndlichkeit. Denn zu den Hausstr�nden der Hotels auf Cayo Largo hat er keinen Zutritt. Ausser den TouristInnen d�rfen sich nur Kellnerinnen, Zimmerm�dchen und lizenzierte Souvenirverk�ufer im Bereich der Ferienanlagen aufhalten. Die Regierung rechtfertigt den Ausschluss der Einheimischen von vielen Str�nden mit dem Kampf gegen Prostitution und Kriminalit�t.

Anton aus Tirol

�Seine erste grosse Niederlage in Lateinamerika erlitt der Imperialismus in Playa Gir�n.� So steht es geschrieben auf einem grossen Transparent in der Schweinebucht. Am 17. April 1961 waren an mehreren Stellen 1.500 schwer bewaffnete Exilkubaner gelandet. (Anm. Dikigoros: Nein, die waren leider nur leicht bewaffnet, und sie hatten vor allem keine Luftunterst�zung, weil der Schweinehund Kennedy ihnen die in letzter Minute entzogen hatte, ohne sie dar�ber zu informieren, um sie bewu�t ins Messer seines Freundes und Zigarren-Lieferanten Castro laufen zu lassen - sonst h�tten sie das Unternehmen n�mlich noch abgeblasen!) Die Truppe sollte in den umwegsamen Zapata-S�mpfen einen Br�ckenkopf bilden, nach ein paar Tagen w�rde eine von der CIA zusammengestellte Exilregierung einfliegen. Kubanische Milizen schlugen die Angreifer unter hohen eigenen Verlusten zur�ck. 1.200 Gefangene wurden sp�ter gegen Arzneien und Lebensmittel ausgetauscht. (Anm. Dikigoros: Das ist unzutreffend. Die Gefangenen wurden allesamt hingerichtet; Kennedy lieferte die Medikamente und Lebensmittel vielmehr im Austausch f�r 1.200 kubanische Zigarren seiner Lieblingssorte, die allesamt an ihn pers�nlich gingen.)

Der Ort Playa Gir�n besteht aus ein paar heruntergekommenen H�usern und einer Hotelanlage mit Bungalows. Vor allem UrlauberInnen aus Deutschland und �sterreich tummeln sich hier. Das Essen ist schlecht, Bier und Rum werden in Styroporbechern ausgeschenkt. Zur abendlichen Animation versammeln sich die G�ste auf der Freifl�che am Pool. Zu Anfang spielt eine kubanische Combo, dann wird ein Theaterst�ck gegeben. Am Schluss ist Disco, das Sauflied �Anton aus Tirol� dr�hnt pl�tzlich durch die Bucht.

Zehn Millionen TouristInnen

Die Kolonialstadt Trinidad ist so sch�n wie im Reisef�hrer beschrieben, jedenfalls das mit UNESCO-Geldern (Anm. Dikigoros: also haupts�chlich mit deutschen Steuergeldern) herausgeputzte Stadtzentrum. Die H�user haben kleine Erker und Gitter aus Holz oder Eisen vor den Fenstern, nicht zur Abschottung, sondern als �ffnung nach draussen. Bleichgesichtige Touristen mit kurzen Hosen und langen Objektiven schnaufen kurzatmig durch die Gassen und fotografieren ohne zu fragen die Menschen in ihren Wohnzimmern. In den Aussenbezirken ist die Armut erdr�ckend. Aus einigen H�tten quellen F�kalien. Auf einem H�gel am Stadtrand sitzen Frauen vor einer verrammelten Kirche. Eine bietet Ketten aus vertrockneten Samen feil, die andere verschrumpelte Kokosn�sse. Sie w�rden nicht viel los hier oben, klagen die beiden. Unten im Zentrum profitierten alle vom Tourismus, doch hierher verirrten sich die Gringos nicht. Eine Tochter der Frau mit den Kokosn�ssen schleppt sich den Berg hoch. Sie habe Grippe oder Fieber, sagt die Mutter und fragt, ob wir nicht zuf�llig Medikamente dabeih�tten.

Die Preise im schicken staatlichen Restaurant im Zentrum von Trinidad grenzen an Wucher. Neun Dollar kostet eine kleine Portion Crevetten, zwei Dollar eine Dose Bier, ein Dollar eine Minipackung vertrockneter Salzkekse. Auch im Museum und im Botanischen Garten wird heftig abkassiert. Die kubanische Regierung will, dass 2010 zehn Millionen TouristInnen auf die Insel kommen. Im vergangenen Jahr waren es knapp 1,8 Millionen UrlauberInnen; die Verantwortlichen hatten mit zwei Millionen gerechnet. Wirtschaftsminister Carlos Lage f�hrt externe Gr�nde wie den schwachen Euro oder Dumpingangebote anderer Reisel�nder daf�r an, dass die Entwicklung den Pl�nen hinterherhinkt. Die hohen Preise, den teilweise miserablen Service in den staatlichen Hotels und Restaurants nennt er nicht.

Die Familie, die uns beherbergt, klagt �ber die hohen Steuern, die registrierte Betreiber von Privatunterk�nften und -restaurants unabh�ngig vom real erwirtschafteten Umsatz zahlen m�ssen. 500 Dollar im Monat zieht der Staat von den �Paladares� - kleinen Familienrestaurants mit begrenztem Platzangebot und eingeschr�nkter Speisekarte - ein, hundert Dollar pro Zimmer von den Herbergen. Wer Fr�hst�ck und Abendessen serviert, muss auch daf�r Steuern zahlen. Werbung auf einem Schild an der Haust�r oder auf Visitenkarten kostet extra.

Der Gendarm wird geschlagen

In unserem Leihwagen sind wir sofort als TouristInnen zu erkennen. Schon auf der Einfallstrasse nach Camag�ey heftet sich ein halbes Dutzend jugendliche Radfahrer an unser Fahrzeug. F�r die Vermittlung ausl�ndischer G�ste erhalten sie von Pensions- oder Restaurantbesitzern eine Provision: in der Regel einen Dollar, manchmal aber auch mehr. So viel verdienen Besch�ftigte in vielen staatlichen Fabriken oder Krankenh�usern an einem ganzen Tag nicht.

Aus den ge�ffneten Fenstern dringt Unterrichtsl�rm. Der Schulbesuch ist kostenlos, auch f�r B�cher und Uniformen brauchen die Eltern nichts zu bezahlen. Bei der Aufz�hlung der revolution�ren Errungenschaften in Kuba darf der Hinweis auf das Bildungssystem nicht fehlen. Tats�chlich ist der Analphabetismus so gut wie ausgerottet. Das allgemeine Bildungsniveau ist gleichwohl niedrig. Ausserhalb der Schulen und Universit�ten findet Volksbildung kaum statt. Wohl gibt es in vielen St�dten �ffentliche B�chereien, doch sie sind schlecht ausgestattet. Die �konomische Krise hat die kubanische Buchproduktion praktisch zum Erliegen gebracht, gedruckt werden nur noch Schulb�cher. Ein Presseangebot ist nicht vorhanden. Ausserhalb Havannas und einiger Grossst�dte sind noch nicht einmal die lausigen Parteibl�tter �Granma� und �Juventud Rebelde� erh�ltlich. Das Kinoprogramm in der Provinz ist d�rftig. In Camag�ey bietet das �Casa de Video� ein t�glich wechselndes Programm an - drei von sieben Filmen sind Gewaltstreifen wie �Rambo 3�, ein weiterer ist ein Sexfilm.

In der Salsa-Diskothek Varan geht nach Mitternacht die Post ab. Tanz, Anmache, Geschiebe und Gedr�ngel. Auf der Tanzfl�che entwickelt sich eine Eifersuchtsschl�gerei. Der einzige uniformierte Polizist im Lokal will schlichten, doch pl�tzlich richten sich die Aggressionen der Beteiligten gegen den Gendarmen. Er wird heftig geschlagen und unter lautem Gejohle nach draussen gedr�ngt. So etwas lassen sich PolizistInnen in keinem Land der Welt bieten, denken wir und warten auf die Fortsetzung. Es gibt aber keine, die Polizei kommt nicht zur�ck.

Schwarz und gut drauf

Hinter der Ortschaft Media Luna sind die Stellen, an denen Juan Almeida und Ra�l Castro am 16. und 17. Dezember 1956 mit ihren auseinander gesprengten Guerillagr�ppchen die Strasse �berquert und sich in die Sierra Maestra abgesetzt hatten, mit Tafeln markiert. Zwei Wochen vorher waren sie mit ihrem Schiff, der �Granma�, bei Los Colorados gelandet, nur 15 der rund 90 Insassen �berlebten den Hinterhalt der Truppen des damaligen Diktators Batista. Mitte Januar war die kleine Rebellenarmee schon wieder auf 32 Mann angewachsen. Ihre erste offensive Aktion unternahm sie gegen einen kleinen Armeest�tzpunkt in den s�dlichen Ausl�ufern der Sierra, an der M�ndung des Rio de la Plata. Wo die Kaserne stand, erinnert heute ein kleines Museum an die Schlacht. Wir sind seit �ber einer Woche die ersten BesucherInnen. Die drei Angestellten des Museums r�umen ein, dass das mangelnde Interesse mit dem Fehlen von Hinweistafeln an der Strasse zu tun haben k�nnte. Bislang hat aber noch niemand angeordnet, dass ein Schild aufgestellt werden soll.

Rastas und Strassenmusiker, sch�ne Frauen und M�nner mit Sonnenbrillen, die meisten schwarz und gut drauf, alle tanzen, und die Ausl�nderInnen beobachten von der Terrasse des Hotels Casa Grande aus das Treiben. Das ist der erste Eindruck von Santiago de Cuba. Der zweite ist: Bis auf den zentralen Platz - den Parque C�spedes mit Kathedrale und Rathaus, von dessen Balkon Fidel am 1. Januar 1959 den Sieg der Revolution verk�ndete und Santiago vor�bergehend zur Hauptstadt ernannte - und bis auf ein paar Seitenstrassen und Aussenbezirke ist Kubas zweitgr�sste Stadt ziemlich heruntergekommen.

In den Vierteln zwischen Zentrum und Hafen hausen die Menschen in d�steren Verschl�gen auf Hinterh�fen und in Ruinen. Das Abwasser steht kn�chelhoch in den Gassen, im Rinnstein liegen tote Ratten. Die breite Promenade am Wasser, die Avenida Jes�s Menendez, verbreitet d�stere, gewaltt�tige Stimmung. Klapperd�rre Pferde m�hen sich mit voll besetzten Kutschen ab und kriegen, wenn sie nicht schnell genug laufen, die Peitsche �bergezogen. An der Strasse stehen verfallene Lagerschuppen und ein paar zwielichtige Kneipen mit nicht minder zwielichtigem Publikum. Ein Leben in W�rde, wie es die Revolution den KubanerInnen versprochen hat, ist zumindest hier nicht m�glich.

Das Restaurant �El Caribean� wird ganz offensichtlich illegal betrieben. Aussen gibt es keine Reklame und kein Licht, die Rekrutierung der G�ste erfolgt mehrere Strassenecken entfernt, ein paar Halbw�chsige kontrollieren den Einlass. Die Crevetten in Tomatensauce sind exzellent, das Bier ist eiskalt, der Sitzplatz auf einer Dachterrasse und unter dem Sternenhimmel bietet einen Rundumblick �ber das erleuchtete Santiago. Nachts k�hlt es kaum ab, viele Menschen sind auf den Strassen unterwegs. Auf der Dachterrasse des �Casa Grande�, im �Casa de la Trova�, im �Casa del Arte� und in anderen Kneipen spielen Bands. Unbeschr�nkten Einlass haben auch hier nur TouristInnen. Teils wegen der hohen Eintrittspreise, teils wegen ��berf�llung� m�ssen kubanische M�nner draussen bleiben. Die kubanischen Frauen dr�cken sich die Nasen an den vergitterten Fenstern platt, klimpern mit den getuschten Wimpern (Anm. Dikigoros: Wimperntusche gibt es also?!?) und hoffen, dass einer der Gringos sich erweichen l�sst und sie mit hineinnimmt.

In einer kleinen Seitenstrasse finden wir doch noch einen Saal, in den alle d�rfen. Eine aus ganz alten und ganz jungen M�nnern zusammengesetzte Son-Combo heizt m�chtig ein, der Trompeter spielt atemberaubend. Hier haben sich viele Prostituierte eingefunden, auch die Rastaleute sind da und betteln um Getr�nke, Zigaretten und M�nzen. Das Abschlussbier trinken wir in einer staatlich betriebenen, d�steren Eckkneipe, in der Betrunkene �ber den schmutzigen Tischen eingeschlafen sind und abgerissene M�nner letzte Gesch�fte machen wollen.

Brieftaubenz�chter in Baracoa

Das Dorf am Strand scheint letzte Gelegenheit f�r eine Rast zu bieten, bevor es die Pa�strasse �La Farola� hinauf und weiter nach Baracoa geht. Im einzigen Caf� des kleinen Ortes bekommen wir ohne Probleme ein Glas Wasser. Bier oder Limonade gibt es aber nur in Verbindung mit Poulet. Es ist unglaublich heiss, wir haben keinen Hunger, und Poulet wollen wir schon gar nicht essen. Also bekommen wir hier auch kein Bier, sagt die Wirtin, tut ihr Leid.

Eingebettet in eine sch�ne Landschaft aus Palmenhainen, Regenwald, Bananen- und Kakaoplantagen, H�geln und Fl�ssen mit kristallklarem Wasser ist Baracoa so etwas wie das letzte Paradies auf Kuba. Die Stadt mit den 40.000 EinwohnerInnen wirkt gesch�ftig, aber nicht hektisch. Der knapp 20 km entfernte Strand Maguana ist wundersch�n und - abgesehen von einem idyllischen Vierzimmerhotel - noch unverbaut. Die Strategen des Tourismus-Ministeriums haben das Gel�nde aber schon vermessen. Durch ein ge�ffnetes Fenster werden wir eines Abends Augen- und Ohrenzeugen der Sitzung eines der ber�hmt-ber�chtigten Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR). Vielleicht tagt hier auch nur die �rtliche Partei-Organisation. Egal, wir erleben kubanische Basisdemokratie pur. Es wird leidenschaftlich diskutiert, die Redner unterbrechen, Stimmen �berschlagen sich, immer wieder ert�nt das Wort �comida�. Steht wom�glich eine Hungerrevolte bevor? Es dauert einige Minuten, bis wir merken, dass wir einer Zusammenkunft der Brieftaubenz�chter-Vereinigung von Baracoa beiwohnen.


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