Tarda fluit pigris, velox operantibus hora. 
Langsam verstreicht die Zeit für die Faulen, schnell für die Beschäftigten.

HOME

Lebenslauf

Kontakt


Wissen:


Publikationen (Liste)

neuere Publikationen (Volltext) /
по-нови публикации 
на В. Зорге


Chemnitzer Imagologie-Forschung



Schule:


5eg-Schülerseiten


DSD_Lehrer



Web:


NEU
- mehr als die Wikipedia!!!: www.zeno.org 

Google-Deutschland

yahoo
-Deutschland

Wikipedia
- deutsch



Fernweh/Reise:


V. Sorge's Fotos - weltweit

Restaurant/Pension Buschmühle bei Dresden


Borneo Eco Tours


Rotel Tours


Amazon Rainforest Tours Manaus - Brazil


El Dorado Travel - Individualreisen nach Südamerika


Die progymnasiale und gymnasiale Pflichtausbildung im Fach Musik am Gymnasium in Bulgarien und im deutschen Bundesland/Freistaat Sachsen

 

Veit Sorge

(publiziert in bulgarischer Sprache in: Obrazovanie i izkustvo. Tom II. [Konferenzband] Shumen: universitetsko izdatelstvo Episkop Konstantin Preslavski, 2004. S. 530ff.)

 

1. Einleitung

 

1.1 Motivation.

Als Deutsch- und Musiklehrer, seit mehreren im Fach Deutsch als Fremdsprache an einem auf Fremdsprachen spezialisierten Gymnasium in Bulgarien tätig, stelle ich seit längerer Zeit beim Unterricht in den für den Erwerb des Deutschen Sprachdiploms vorgesehenen Leistungsgruppen vor allem der Klassenstufen 11 und 12 fest, dass die Schüler in den landeskundlichen Teilbereichen Musik und Kunst sehr lückenhafte Kenntnisse aufweisen. Mit diesem Beitrag möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit das System der Musikausbildung an der bulgarischen Schule möglicherweise dazu beiträgt, dass Schüler am Ende ihrer Schullaufbahn kaum oder nur wenig über handhabbare Kenntnisse und Fertigkeiten auf dem Gebiet der Musikkultur verfügen.

 

1.2 Zielstellung.

Grundlage allen schulischen Unterrichtens ist die Unterrichtsdokumentation, für den Lehrer und seine Unterrichtsplanung in erster Linie der Lehrplan, der auf der Basis der jeweiligen Schulgesetzgebung erarbeitet wird. Mit der vergleichenden Untersuchung der Lehrpläne für das Fach Musik im bulgarischen sowie im sächsischen Schulsystem[1] verfolge ich das Ziel, anhand der normativen Unterrichtsdokumentation in Form der Lehrpläne festzustellen, inwieweit beim Beginn eines Hochschulstudiums, z. B. an einer deutschen Universität, die Ausgangsposition der Absolventen eines bulgarischen Sprachgymnasiums bezüglich der musikalischen Bildung, d. h. der erzielten Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten auf dem Gebiet der Musik, mit der ihrer deutschen Altersgenossen vergleichbar ist. Der Vergleich mit dem Pflichtprogramm der Musikausbildung im Schulsystem des Freistaates Sachsen bietet dabei die Möglichkeit, die zu erzielende Ausgangsposition deutscher Schüler zu beschreiben und mögliche Vor- und Nachteile der Lehrpläne in beiden Ländern aufzudecken.

 

1.3 Materiallage.

Was die Materiallage an geht, so steht auf der einen Seite das Lehrplanwerk für das Fach Musik des bulgarischen Ministeriums für Bildung und Wissenschaft aus dem Jahr 2001 zur Verfügung, der im Ergebnis der in Bulgarien in den Jahren 1999 bis 2001 durchgeführten Lehrplanreform entstanden ist. Auf der deutschen Seite existiert infolge der föderalen Bildungspolitik eine Vielzahl von Lehrplänen und Bildungskonzeptionen, von denen hier der Lehrplan des Freistaates Sachsen ausgewählt sei. Dabei müssen wiederum zwei sächsische Lehrpläne in Betracht gezogen werden: der gegenwärtig noch gültige aus dem Jahr 1992 und der Entwurf des im Moment zu diskutierenden neuen Lehrplanes vom Januar 2004, der den 1992er Lehrplan ersetzen wird. Die im Moment laufende Lehrplanreform in Sachsen basiert dabei „auf der Verfassung des Freistaates Sachsen, dem Schulgesetz, verbindlichen Regelungen der Kultusministerkonferenz, Erfahrungen aus Schulpraxis und Schulaufsicht sowie der Evaluation von Schulversuchen.“ [1]

 

 

 

2. Analyse.

 

2.1.1 Aufbau der Lehrpläne.

Die untersuchten bulgarischen Lehrpläne umfassen

A)                    die Pflichtausbildung für die progymnasiale Etappe, Klassen 5 bis 8 [9]

B)                     die Pflichtausbildung für die gymnasiale Etappe, Klasse 9 [8]

C)                    [die profilierte Ausbildung für die Klassen 9 bis 12 [8] - bleibt hier unberücksichtigt]

 

Der sächsische Lehrplan von 1992 [2] sowie der Entwurf von 2004 [3] gliedern sich jeweils in

A)                    den Unterricht von Klasse 5 bis 10

B)                     den Unterricht im Grundkurs Klasse 11/12

C)                    [den Unterricht im Leistungskurs Klasse 11/12 – bleibt hier unberücksichtigt]

 

Zum besseren Verständnis des Vergleiches muss erwähnt werden, dass die Ausbildung am sächsischen Gymnasium mit der Orientierungsstufe (Klasse 5/6) beginnt und über die Sekundarstufe I (Klassen 7 bis 10) zur Abiturstufe/Sekundarstufe II (Klassen 11 und 12) geführt wird. Die sächsischen Lehrpläne für die Mittelschule und die gymnasiale Sekundarstufe I von 1992 stimmen weitgehend überein. Daher wird zum Vergleich auch der Lehrplan für die progymnasiale Etappe (Klassen 5 bis 8) der bulgarischen Schule hinzugezogen.

Dem sächsischen Lehrplan vorangestellt ist ein Text, der die allgemeinen Aufgaben des Gymnasiums und die besonderen Zielstellungen des gymnasialen Musikunterrichts auf der Grundlage der schulischen Gesetzgebung erläutert. Diese Ziele und Aufgabenstellungen werden in den bulgarischen Lehrplänen nicht explizit berührt.

Sowohl in den sächsischen als auch in den bulgarischen Lehrplänen sind die inhaltlichen und methodischen Anforderungen an den Unterricht im jeweiligen Jahrgang tabellarisch dargestellt, den Tabellen gehen jeweils einführende Erläuterungen zu den Zielen für die betreffende Klassenstufe voraus.

 

2.1.2 Aufgaben des Gymnasiums

Ein klare Definition der Aufgaben des Gymnasiums im bulgarischen Schulsystem konnte in den normativen Dokumenten nicht erkannt werden. Das bulgarische „Gesetz über die Volksbildung“ legt lediglich fest: „§ 22 Abs. 2: Die Schulbildung gilt nach ihrer Stufe als Grund- und als mittlere Bildung, nach ihrem Inhalt als allgemeine und Berufsbildung. Abs. 3: Die Allgemeinbildung sichert die Aneignung des Minimums der Allgemeinbildung und, nach Möglichkeit, die Berufsvorbereitung entsprechend den staatlichen Bildungsstandards. ... § 24: Die mittlere Bildung wird erworben nach abgeschlossener Klasse 12 und erfolgreich bestandenen Reifeprüfungen und wird bestätigt durch ein Diplom über die erworbene mittlere Bildung. Das Diplom ist endgültig und verleiht das Recht zur Fortsetzung der Bildung oder zur Berufsausbildung.“ [4] Das „Gesetz über die Ausbildungsstufen, das Minimum der Allgemeinbildung und die Stundentafel“ [5] regelt die Klassenstufengliederung der einzelnen Ausbildungsstufen, aber macht keine aussagekräftige Feststellung zur konkreten Aufgabe der gymnasialen Bildung. Die „Anordnung Nr. 2 des bulgarischen Bildungsministeriums über den Unterrichtsinhalt“ [6] legt mit den staatlichen Bildungsstandards zwar die Niveaustufen und Erwartungshorizonte für die einzelnen Fächer fest, lässt aber ebenso wie die anderen Gesetzestexte die allgemeinen Aufgaben der gymnasialen Stufe außer Acht. Die dem „Gesetz über die Volksbildung“ folgenden Stufen der Ausbildung werden hier noch einmal in Etappen differenziert: die Grundstufe teilt sich in Anfangsetappe (Kl. 1 bis 4) und progymnasiale Etappe (Kl. 5 bis 8), die Mittelstufe erhält die zusätzliche Bezeichnung „gymnasiale Etappe“ (Kl. 9 bis 12).

Ein Papier des bulgarischen Bildungsministeriums über die „Strategie der weiteren Entwicklung der mittleren Schulbildung“ vom Januar 2004 [7] deutet an, dass die Aufgaben der Ausbildungsstufen künftig weiter präzisiert werden, danach zielt die mittlere Bildung neben staatsbürgerlichen Aufgaben u. a. auf das Formieren von Bedürfnissen, Interessen und Einstellungen zum Lernen, Studieren und zur lebenslangen Selbstvervollkommnung sowie auf die Sicherung einer allgemeinen und beruflichen Bildung der Persönlichkeit, die ihr eine ununterbrochene lebenslange sowie selbstständige Bildung erlaubt.

Im sächsischen Lehrplan werden die allgemeinen Aufgaben des Gymnasiums ausführlicher präzisiert: Das Gymnasium ermöglicht demzufolge „... eine vertiefte allgemeine Bildung, die für ein Hochschulstudium vorausgesetzt wird; es schafft auch Voraussetzungen für eine berufliche Ausbildung außerhalb der Hochschule. Der achtjährige Bildungsgang am Gymnasium ist wissenschaftspropädeutisch angelegt und führt nach zentralen Prüfungen zur allgemeinen Hochschulreife. Der Abiturient verfügt über die für ein Hochschulstudium notwendige Studierfähigkeit. Die Entwicklung und Stärkung der Persönlichkeit sowie die Möglichkeit zur Gestaltung des eigenen Lebens in sozialer Verantwortung und die Befähigung zur Mitwirkung in der demokratischen Gesellschaft gehören zum Auftrag des Gymnasiums.“ [3, 7] Deutlich wird hier die klare Ausrichtung auf die sich an das Gymnasium anschließenden Bildungswege formuliert, was nicht ohne Folgen auf die methodisch-didaktische Gestaltung des gymnasialen Unterrichts bleiben kann.

 

2.1.3 Aufgaben des Musikunterrichts.

Im Vorwort der staatlichen bulgarischen Bildungsstandards für den Musikunterricht wird als  Aufgabe des Musikunterrichts im Sinne eines Gesamtkonzeptes für alle Bildungsstufen u. a. formuliert: „Der Musikunterricht entwickelt eine musikalische Kultur auf der Grundlage vielseitiger musikalisch-sozialer Erfahrung und schafft die Bedingungen für die Entfaltung der persönlichkeitsbedingten Anlagen und Interessen. ... Der musikalische Lernprozess ... schafft die Voraussetzungen dafür, dass die Schüler Freude durch musikalische Kommunikation empfinden, provoziert deren Phantasie und künstlerisches Talent, ... entwickelt Fertigkeiten in den Hauptbereichen der musikalischen Tätigkeit – im Musizieren, Musikhören und Musikschaffen.“ [6, 62]

Das sächsische Lehrplanprojekt von 2004 differenziert die Aufgaben des Musikunterrichts für das Gymnasium in dieser Weise: „Musik gehört zu den kulturellen Grunderfahrungen jedes Menschen. In der Begegnung mit ihr werden Gefühl, Verstand und Körperempfinden angesprochen. Auf Grund ihrer ganzheitlichen Wirkung erfüllt sie eine geistig und körperlich fördernde und ausgleichende Funktion. ... Musizieren und Musikhören [tragen] zur Werteorientierung und zur Herausbildung kultureller Identität bei. ... Gemeinsames Singen und Musizieren fördern den sozialen Zusammenhalt. Die Schüler ... erfahren die Beschäftigung mit Musik als notwendige Voraussetzung für eine befriedigende Lebensführung und für eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. ... Der handelnde Umgang mit Musik bildet den Ausgangspunkt des Wissenserwerbs. ... Aufgabe des Musikunterrichts ist darüber hinaus das Erkennen und Fördern musikalischer Begabungen.“ [3, 15f.] Weiter wird darauf hingewiesen, dass der gymnasiale Musikunterricht auf die Erfahrungen der Schüler mit Musik aus der Grundschule aufbaut und diese erweitert. Insgesamt wird im Lehrplanprojekt von 2004 „ ... die Neuorientierung auf die Musizierpraxis als Fundament des Musikunterrichts deutlich. Für den Fachlehrer ergibt sich daraus die pädagogische Verantwortung zur Auswahl geeigneter Lieder und Musikstücke.“ [3, 15f.] Es lässt sich feststellen, dass die allgemeinen Ziele in ihrer Grundrichtung übereinstimmen, im sächsischen Lehrplan jedoch ausführlicher, präziser und detaillierter formuliert sind.

Während im Vorwort zum bulgarischen Lehrplan für die Klasse 9 allgemein die Rede davon ist, dass „... die Rolle der Kenntnisse, die die Schüler über den Zustand und die Entwicklung der Musikkultur in Bulgarien und der Welt erwerben, [wächst]“ [8, 4], präzisiert das sächsische Lehrplanprojekt 2004 neben der Feststellung, der in den Lernbereichen verwendete Begriff „Musizieren“ fasse in ganzheitlicher Weise Kognitives, Emotionales und Körperliches zusammen, dass „der Anteil musikpraktischer Tätigkeiten ... in den Klassenstufen 5 und 6 ca. 70% der Unterrichtszeit [beträgt] und ... sich bis Klassenstufe 10 auf ca. 50% [ändert].“ [3, 15] Damit deuten beide Lehrpläne an, dass sie der altersspezifischen Entwicklung des Denkvermögens zu entsprechen versuchen.

Der zunehmenden Tendenz des fachübergreifenden Unterrichts widmet der erste Teil des sächsischen Lehrplanes einen ganzen Abschnitt, wobei die Verbindungen zu nahezu allen Fächern des schulischen Kanons, einschließlich Mathematik, Physik und Biologie, aus den Inhalten des Musikunterrichts heraus begründet werden. Zudem wird in den tabellarischen Übersichten zu den Unterrichtsinhalten der einzelnen Klassenstufen auf Lehrplaninhalte der anderen Fächer hingewiesen. Der bulgarische Lehrplan für die Klasse 9 verweist im Vorwort auf die Rolle der Musik als Komponente der allgemeinen Kultur und ihre Verbindung zu kulturellen Prozessen und dem sozialen Leben, eine als fachübergreifender Ansatz interpretierbare Aussage. Die tabellarische Übersicht stellt dementsprechend auch die fächerübergreifenden Verbindungen zu den geisteswissenschaftlichen Disziplinen her, wobei das Potential, das der Fremdsprachenunterricht bei Inhalten wie World Music, Pop- und Rockmusik sowie Multimedia in Klasse 9 einbringen könnte, erstaunlicherweise völlig außer Acht gelassen wird. [8, 4ff.]

 

2.2 Stundentafel.

Die Wochenstundenanzahl für das Fach Musik ergibt von Klasse 5 bis zum Ende der Klasse 10 in Sachsen wie in Bulgarien einen Durchschnitt von 1,33 Stunden pro Woche. Dabei sind die Stunden folgendermaßen auf die Schuljahre verteilt:

 

Land/Klasse

5

6

7

8

9

10

gesamt

11

12

Bulgarien [8/9]

2

2

1,5

1,5

1

-

8

-

-

Sachsen [1, 11] [2]

2

1

1

2

1

1

8

G2/L5

G2/L5

 

Die übereinstimmende Anzahl der durchschnittlichen Wochenstunden sollte dabei nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Musikunterricht wie auch der Kunstunterricht im bulgarischen Pflichtprogramm bereits mit der Klassenstufe 9 abgeschlossen werden. Die Verteilung des Pflichtunterrichts in Musik auf alle Klassenstufen bis zur Klasse 10 nach der sächsischen Stundentafel hat den Vorteil, dass die bio-psycho-soziale Weiterentwicklung und Reifung der Lernenden auch für den Musikunterricht um ein weiteres Jahr nutzbar gemacht werden kann, zudem bietet der Musikunterricht in Klasse 10 auch weitere Ansätze zur Einbeziehung der ästhetischen Bildung in den fachübergreifenden Unterricht. Im Pflichtbereich der sächsischen Abiturstufe (Kl. 11/12) muss der Schüler eine Wahl zwischen der Weiterführung der Ausbildung im Fach Kunsterziehung oder Musik treffen. Je nachdem, ob sich der Schüler für dem Grund- oder den Leistungskurs[3] entscheidet, belegt er während der Jahrgangsstufen 11 und 12 jeweils entweder 2 oder 5 Stunden wöchentlich in seinem gewählten Fach [1]. Über die Möglichkeiten der bulgarischen Schüler, im Rahmen der wahlobligatorischen Ausbildung den Musikunterricht bis zur Klasse 12 fortzuführen, konnte ich bisher keine ministeriellen normativen Dokumente oder Lehrwerke ausfindig machen, aus Gesprächen mit Kolleginnen wurde jedoch klar, dass in Abhängigkeit vom Schultyp bzw. -profil entsprechende Möglichkeiten angeboteen werden können.

 

2.3.1 Gliederung des Unterrichts im Fach Musik in Lernziel-, Lern- bzw. Kernbereiche

Die Unterrichtsdokumentation des sächsischen Gymnasiums konzipiert den Musikunterricht in zwei Dimensionen, einerseits an den Lernzielbereichen, im Entwurf von 2004 didaktische Grundsätze genannt, ausgerichtet, andererseits an den Lernbereichen im Sinne der Lerninhalte.

Die Lernzielbereiche der beiden untersuchten sächsischen Lehrpläne sollen in der folgenden Übersicht verdeutlicht werden:

 

Lehrplan von 1992 [2, 8]

Lehrplanprojekt 2004 [3, 17]

Musik produzieren und reproduzieren

Musik erfinden, wiedergeben und gestalten

Musik rezipieren

Musik wahrnehmen, verstehen und deuten

Musik integrieren

Musik umsetzen, verbinden und in Beziehung bringen

 

Der neue sächsische Lehrplan weist im Gegensatz zum Lehrplan von 1992 grundlegend nur noch zwei statt drei Lernbereiche aus: 1. Musizierpraxis und 2. Musik hören und erschließen. Dazu kommt ein dritter, anwendungs- und projektorientierter Lernbereich mit Wahlpflichtcharakter, der jeweils unterschiedliche Wahlmöglichkeiten in jedem Schuljahr anbietet.

Die staatlichen bulgarischen Bildungsstandards [6, 6ff.] nennen folgende Kernbereiche des Lerninhaltes für die progymnasiale Etappe (Klassen 5 bis 8):

-         Musikpraxis: Musizieren, Wahrnehmen von Musik

-         Elemente des musikalischen Ausdrucks

-         Funktionieren von Musik; Musik und Gesellschaft

-         Formen und Genres

-         Stile

Für die gymnasiale Etappe werden die Kernbereiche modifiziert. Interessant ist, dass dazu ein Erwartungshorizont in zwei Niveaustufen zu Kenntnissen, Fertigkeiten und Einstellungen formuliert wird, der auf den Abschluss der gymnasialen Etappe, also das Ende der Klassenstufe 12 ausgerichtet ist. Aus dem Vergleich mit dem Lehrplan ist zu schließen, dass die erste Niveaustufe den Pflichtunterricht betrifft. Dieser wird allerdings bereits mit dem Abschluss der Klasse 9 abgeschlossen. Die zweite Niveaustufe beschreibt den Erwartungshorizont für Schulen mit ausgewiesenem musikalischen Profil, an denen der Unterricht in mehreren musikspezifischen Fächern (einschl. Instrumentalunterricht, Musiktheorie und -geschichte) mit einer Wochenstundenzahl von 7 und mehr Stunden durchgeführt wird. Fraglich ist, inwieweit die hier angeführten Erwartungen bezüglich der Kenntnisse, Fertigkeiten und Einstellungen der ersten Niveaustufe durch jene Schüler, die den Pflichtunterricht in Klasse 9 abschließen, am Ende der Klasse 12 tatsächlich noch realisierbar sind. Die Kernbereiche lauten nun:

-         Musikpraxis: Musizieren, Wahrnehmen und Analysieren von Musik

-         Funktionieren von Musik; Musik und Gesellschaft

-         Stile

-         Globale und lokale Tendenzen der modernen Musik

-         Bulgarien in der Musikkultur der Welt

Der in tabellarischer Form gestaltete Lehrplan nimmt diese Kernbereiche sowie den Erwartungshorizont aus den Bildungsstandards in seinen Spalten 1 und 2 auf und ergänzt die Angaben um einen Erwartungshorizont bezüglich der Themen (Spalte 3), ein erwartetes Minimum an Grundbegriffen (Spalte 4), Kontext und Tätigkeiten im didaktischen Sinn (Spalte 5) sowie fachübergreifende Bezugsmöglichkeiten (Spalte 6).

Beim Vergleich fällt auf, dass die im Prinzip ähnlichen Lern- und Lernzielbereiche jeweils unterschiedlich gruppiert sind: Der bulgarische Lehrplan fasst produktive und rezeptive bzw. rezeptiv-produktive Zielstellungen in einen Kernbereich zusammen und verleiht musiktheoretisch sowie formenkundlich akzentuierten Bereichen gesonderte Bedeutung. Der sächsische Lehrplan differenziert zwischen rezeptiven und produktiven Lernzielbereichen, die jeweils die notwendigen musiktheoretischen Inhalte in sich aufnehmen. Dem sächsischen Bereich ‚Musik integrieren’ entsprechen die in den Standards für die bulgarische Klasse 9 eher redundant formulierten Kernbereiche ‚Musik und Gesellschaft’, ‚globale und lokale Tendenzen ...’, ‚Bulgarien in der Musikkultur der Welt’.

Der bulgarische Lehrplan sowie der sächsische Entwurf von 2004 vermeiden konkrete Werkempfehlungen für die einzelnen Klassenstufen, im sächsischen Lehrplan von 1992 erscheinen diese jedoch als eine durchaus praktikable Anregung für die Gestaltung des Unterrichtsmaterials.

 

 

2.3.2 Zur Systematik der Inhalte im gymnasialen Musikunterricht

In einem knappen Überblick sollen hier die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Lehrpläne in Bezug auf die Inhalte dargestellt werden. Die Inhalte und ihre Verteilung auf die Schuljahre scheinen auf den ersten Blick weitgehend übereinzustimmen, bei näherem Hinsehen werden jedoch auch einige Unterschiede deutlich.

In der Klassenstufe 5 werden in beiden Lehrplänen die Instrumentengruppen eingeführt und einfache musikalische Formen behandelt, wobei das Spektrum der Formen im bulgarischen Lehrplan größer ist und von der einsätzigen Form über die mehrsätzige und die Variation bis hin zur Suite geführt wird. Der sächsische Lehrplan geht hier nur bis zur Rondoform, führt statt der anderen Formen jedoch bereits Elemente des Musiktheaters ein und weist darüber hinaus auf handlungsorientierte, spielerisch-theatralische Formen im Umgang mit Musik hin, z. B. Pantomime, Puppenspiel, Schattenspiel.

Während nach dem sächsischen Lehrplan in Klasse 6 die Einführung der Formen bis zur Suite fortgesetzt wird, Programm- und Filmmusik in das Programm einfließen und unterschiedliche Formen der Lied- und Tanzkunst behandelt werden, sieht der bulgarische Lehrplan die bulgarische Folklore mit ihren melodisch-rhythmischen Besonderheiten, die internationale Volksmusik, das Autor-Interpret-Werk-Verhältnis sowie die Thematik ‚Musik und Tanz’ vor.

In Klasse 7 werden bereits größere Unterschiede sichtbar: der bulgarische Schüler beschäftigt sich hier mit Themen wie Musik und Medien, Persönlichkeit und Musik; das Programm sieht weiter die Sonatenhauptsatzform und ihre Elemente sowie musikalisch-szenische Genres wie Oper, Operette, Musical und Ballett vor, dazu werden bulgarische Komponisten und bulgarische Genres behandelt. Bei den Tätigkeiten in Spalte 4 fällt auf, dass vor allem rezeptive Tätigkeiten wie Hören und Wahrnehmen genannt werden. Der sächsische Lehrplan von 2004 scheint weniger Fracht in Bezug auf die Kenntnisse zu transportieren, viel mehr sieht er ein reichhaltiges Spektrum an Musizierpraxis in Form von vielfältigem Liedgut, Tanzformen, Spielen auf Instrumenten und Improvisationsübungen vor. Ausdrücklich wird im Lehrplan für diese Klassenstufe auf stimmphysiologisch richtiges Singen hingewiesen. Das Musikhören beschränkt sich auf Musiktheater, Filmmusik sowie Variationstechniken, interessant ist dabei die Übung im vielfältigen Darstellen und Visualisieren der Wahrnehmungseindrücke. An dieser Stelle ist auch auf einen wesentlichen unterschied in den sächsischen Lehrplänen von 1992 und 2004 hinzuweisen: Im Lehrplan von 1992 beginnt von der Klasse 7 an die systematische Einführung der musikhistorischen Epochen mit ihren Komponisten, musiktheoretischen Besonderheiten und Genres, einsetzend mit der Musik des Barock. Dieses Prinzip wird im Lehrplanentwurf von 2004 verändert.

So setzt der sächsische Lehrplanentwurf von 2004 für die Klasse 8 beim Musikhören den Schwerpunkt auf die Musik des 19. Jahrhunderts. Im Lehrplan von 1992 wird in der Klasse 8 die Systematisierung der Epochen mit der Musik der Wiener Klassik fortgesetzt, die Formen- und Gattungslehre beschäftigt sich folgerichtig mit Sonate und Sinfonie bzw. Messe/Requiem. Breiter Raum wird im Entwurf 2004 wiederum der Musizierpraxis eingeräumt, dabei wird dem Umgang mit der mutierten Stimme und der Orientierung in der neuen Stimmlage große Bedeutung beigemessen. Der Schwerpunkt des bulgarischen Lehrplanes für die Klasse 8 – und hier scheint der wesentliche Unterschied zum sächsischen Lehrplan deutlich zu werden – liegt auf der Systematisierung der Epochenfolge der europäischen Musikentwicklung. Dementsprechend weist die Spalte 4, grundlegende Begriffe, in einer Folge die Begriffe Renaissance, Barock, Wiener Klassik, Romantik und Avantgarde aus. Hier muss die Frage gestellt werden, ob die Schüler der Klassenstufe 8 mit einem solchen Pensum nicht überfordert werden.

Das bulgarische Schulsystem lässt den Musikunterricht im Pflichtfachbereich mit der Klasse 9 seinen Abschluss finden. Der Lehrplan sieht hier als wesentliche Themen vor: Folklore und professionelle Komponisten, World Music und Showbusiness, „seriöse“ und populäre Musik, Symbolik in der Folklore und in der populären Musik des 20. Jh., moderne populäre Musik, Lokales - Globales, bulgarische Musikkultur, bulgarische Musik und die Welt. Die empfohlenen Tätigkeiten beziehen sich wiederum vor allem auf Hören, Kommentieren, Beobachten usw. Die diesem Lehrplan zu entnehmende Themenabfolge scheint sehr bunt und lässt nur schwer eine klare thematische Linie erkennen. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass damit ein Zugeständnis an die musikalischen Freizeitinteressen der Jugendlichen versucht wird. Dem Lehrplan nach ist keine abschließende und die Erwartung der staatlichen Bildungsstandards sicherstellende Systematisierung des Musikunterrichts vorgesehen, zeitlich wäre sie angesichts der Themenvielfalt sicher auch kaum möglich. Der sächsische Lehrplan von 1992 bündelt die Jugendinteressen im Lernbereich 1 mit den Themen Musik und Freizeit, Musik der Völker sowie Musik und Medien. Schwerpunkt des Musikhörens ist im Sinne der Weiterführung der Musikgeschichte aus Klasse 7 und 8 das 19. Jahrhundert mit entsprechenden Formen und Komponisten. Im sächsischen Projekt 2004 wird der Blick auf die Musikgeschichte umgekehrt und das 18. Jahrhundert zum Schwerpunkt des Musikhörens erhoben, möglicherweise lässt sich durch die Schüler in Klasse 9 die barocke Polyphonie bewusster und leichter erfassen als im früheren System in Klasse 7, der angeführte Gegenwartsbezug erfordert, beispielsweise beim Erschließen von Rock-Adaptionen barocker Musik, ebenso eine reifere Einstellung des Hörers zur populären Musik. Neben der gesanglichen Repertoirepflege werden im musikpraktischen Bereich Tanz, Spiel, Ensemblespiel und Improvisation in den Vordergrund gerückt.

Für die Klasse 10 setzt 1992er Lehrplan den Akzent auf die Ausdrucksmittel der Musik des 20. Jahrhunderts. Da die Klasse 10 für einen Teil der Gymnasialschüler den Abschluss der Musikausbildung darstellt – ab Klasse 11 muss sich der Schüler zwischen Kunst- und Musikunterricht entscheiden – erfolgt hier nach dem Lehrplan von 1992 eine systematisierende Wiederholung, Ergänzung und Anwendung der Musikgeschichte vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, hinzu kommen unterschiedliche Strömungen und Gattungen der Musik des 20. Jahrhundert. Der Lehrplanentwurf von 2004 setzt beim Musikhören den Schwerpunkt auf die Musik des 20. Jahrhunderts ohne eine Systematisierung vorzuschreiben. Im musikpraktischen Bereich stehen Stimmbildung, Erweiterung des Stimmumfangs sowie wiederum Tanz und Improvisation im Vordergrund.

In der Abiturstufe, den Jahrgangsstufen 11 und 12, wird der Unterricht studienvorbereitend als Kursunterricht durchgeführt. Musizierend werden im Grundkurs das gesangliche Repertoire sowie die Improvisationsfähigkeit erweitert, beim Erschließen von Musik wird die regionale Musikentwicklung Sachsens einbezogen, Instrumental- und Vokalmusik werden als historischer Längs- bzw. Querschnitt betrachtet, methodisch dominiert die Projektarbeit, dabei werden die thematischen Wahlpflichtbereiche und die Bezüge zu anderen Fächern ausgeweitet. Hinzu kommt die eingehende Betrachtung musikalischer Tendenzen der Gegenwart in ihrer stilistischen Vielfalt. Vor allem in der Abiturstufe trägt auch der Musikunterricht zur wissenschaftspropädeutischen Funktion der Gymnasiums bei. Der Unterschied der Lehrpläne von 1992 und 2004 besteht hier vor allem darin, dass der ältere Lehrplan konkretere thematische Hinweise gibt, man kann sich darüber streiten, ob sie den Lehrer unterstützen oder ihn einschränken. Der Lehrplanentwurf von 2004 überträgt dem Lehrer eine höhere Verantwortung für die Auswahl des konkreten Materials und lässt im dabei gleichzeitig eine größere Freiheit.

 

3. Fazit

Der Vergleich der Lehrpläne lässt die Schlussfolgerung zu, dass dem sächsischen Lehrer mit dem Lehrplan ein für die Planung und Gestaltung des Unterrichts durchaus brauchbares Instrument in die Hand gegeben wird, auf dessen Grundlage er neben planerischen Entscheidungen auch die Unterrichtsmaterialien gezielt auswählen kann. Mit der Lehrplanreform in Sachsen ist dort eine wesentliche Stärkung des musikpraktischen Bereiches zu erwarten, die intensivere Verzahnung von Musikhören, Musizieren und vielfältigem Darstellen von Musik lässt eine tiefere Verankerung der musikalischen Fähigkeiten und Fertigkeiten im Bewusstsein erwarten.

Der bulgarische Lehrplan erscheint in seinem Informationsgehalt und seiner Gestaltung weniger praktikabel, was vielleicht die gängige Praxis erklärt, dass die Lehrer als Grundlage für ihre Stoffverteilungspläne eher das ausgewählte Lehrbuch verwenden als die Unterrichtsdokumentation. Möglicherweise liegt die Ursache für einige Unzulänglichkeiten im bulgarischen System in einer übereilten Bildungsreform in den Jahren 1999 bis 2001. Sollte die aktuelle Strategie des Ministeriums tatsächlich dazu führen, dass in den nächsten Jahren eine Überarbeitung der Standards und der Lehrpläne bevorsteht, ist es sicher empfehlenswert, sich mit den Erfahrungen anderer Länder bei der Einführung von Lehrplänen und besonders deren vorheriger langfristiger Erprobung auseinander zu setzten, um dann eine eigene, konkurrenzfähige und brauchbare Unterrichtsdokumentation zu entwickeln. Die Struktur der obligatorischen Musikausbildung sollte dabei gründlich überdacht werden, angefangen von einer klaren Formulierung der Zielstellungen bis hin zum Hinterfragen der formalen und inhaltlichen Struktur des Musikunterrichts.  

Der bulgarische Musikunterricht im Pflichtprogramm sollte sorgfältig daraufhin evaluiert werden, inwieweit er dann wirklich die gestellten Ziele und Standards erfüllen kann, denn beim derzeitigen Zustand sind die eingangs genannten Absolventen des Sprachgymnasiums kaum in der Lage, nach drei Jahren ihre bis Klasse 9 erworbenen musikalischen Fertigkeiten zu reaktivieren.

 

Literatur:

 

1.      Comenius-Institut: Reform der sächsischen Lehrpläne. Leistungsbeschreibung des Gymnasiums. Entwurf. Radebeul: Dezember 2002.

2.      Sächsisches Staatsministerium für Kultus: Lehrplan Gymnasium. Musik. Klasse 5 bis 12. Dresden, 1992.

3.      Sächsisches Staatsmnisterium für Kultus: Lehrplan Gymnasium. Musik. Klassenstufen 5 bis Jahrgangsstufen 11 und 12 (Projekt). Dresden, 2004. (http://www.sn.schule.de/~ci/1024/bg_lp_abs_gy.html)

4.      Закон за народната просвета, ДВ бр. 29 от 2003 г., в сила от 31 март 2003 г., изм., бр. 71 от 2003 г., доп., бр. 86 и бр. 114 от 2003 г.

5.      Закон за степента на образование, общообразователния минимум и учебния план. Обн. ДВ. бр.67 от 27 Юли 1999г., изм. ДВ. бр.95 от 8 Октмври 2002г.

6.      Министерство на образованието и науката: Наредба № 2 от 18 май 2000 г. за учебното съдържание. София, 2000 г.

7.      Министерство на образованието и науката: Стратегия за развитие на системата на средното образование в Република България. Проект. София, 05.01.2004

8.      Министерство на образованието и науката: Учебни програми VІ част. София 2003 г.

9.      Министерство на образованието и науката: Учебни програми. София: http://www.minedu.government.bg/normativni_doc/proecto_doc/pr3_8/muzika/5KLASS.rtf (- 8KLASS.rtf)

 

 


[1] Aufgrund der föderalen Struktur des deutschen Bildungswesens existiert in Deutschland kein einheitliches Bildungssystem, jedes Bundesland verfügt über eine eigene Gesetzgebung auf der Grundlage verbindlicher Regelungen der Kultusministerkonferenz.

[2] Die Stundentafeln der einzelnen deutschen Bundesländer unterscheiden sich und differieren um bis zu einer ganzen Stunde pro Schuljahr.

[3] Auswahl in Abhängigkeit von den Profilen und den Wahlpflichtangeboten der konkreten Schulen.

© V. Sorge, Varna, 2004       dr_sorge@yahoo.com

 
Hosted by www.Geocities.ws

1