DA LIEGT DER HUND BEGRABEN!

VON GIZEH BIS NACH MOSKAU

[Gizeh]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

Wer auf eine Text-Fassung dieser Seite gestoßen
ist, kann eine bebilderte Fassung hier aufrufen.

Welch eine Überschrift, die Dikigoros da verwendet - dabei sind sich die Gelehrten noch nicht mal einig, woher der Satz kommt und was er ursprünglich genau bedeuten sollte. Aber das ficht ihn nicht an, denn er meint ihn ganz wörtlich. Gräber gibt es viele auf der Welt, auch Grabmäler, die nach Dikigoros' persönlicher Auffassung eine Reise wert sind; aber oft stand er vor denen ganz alleine. (Leser seiner Indien-Seite werden sich vielleicht an seinen Besuch am Grabmal der Rānī von Jhānsī erinnern.) Nur wenige haben es zu einer solchen Berühmtheit gebracht, daß viele Millionen Menschen zu ihnen gepilgert sind und wohl noch weiter pilgern werden - ob "zu Recht" oder "zu Unrecht", das ist Geschmackssache. Meist sind sie Herrschern gewidmet; und was ein kluger Herrscher ist, der sorgt schon zu Lebzeiten dafür, daß ein entsprechendes Bauwerk errichtet wird (was freilich keine Garantie dafür ist, daß die Nachwelt es nicht wieder abreißt - jüngstes Beispiel ist Santa Cruz del Valle de los Caídos, das von Franco errichtete Denkmal für die Gefallenen des Spanischen Bürgerkriegs - oder daß irgendwann niemand mehr anreist :-); denn wie schon Errol Flynn alias General Custer in dem Film They Died With Their Boots On sagt: "You can take glory with you, when it is time for you to go". Aber Dikigoros meint wie gesagt keine kleinen Kriegs- oder sonstigen Helden, denen in der Regel allenfalls ein Denkmal gewidmet wird, sondern Grabanlagen, die regelrecht zu Zwecken des Pilger-Tourismus angelegt worden sind, sei es von ihrem Insassen selber, sei es von einer dankbaren Nachwelt. Für uns heutige ist das schwer vorzustellen, denn wir leben in einer Zeit der Unzufriedenheit mit jeglicher Obrigkeit. "Herrscher" sind heute kein Gegenstand der Verehrung mehr, sondern nur noch der Kritik an allen möglichen Mißständen, denen abzuhelfen man von ihnen erwartet als seien sie gottgleiche Kaiser und König mit "gutem Draht" nach oben - bei allem vordergründigen Geschwafel von "Demokratie" und "Herrschaft durch das Volk" verlangt doch gerade jenes Volk nicht nach rationellem Regieren, sondern eben nach solchen wundertätigen "Heilsbringern" (noch Iesos von Nazareth trug neben dem Beinamen "der Pomadisierte [christos]" auch den Beinamen "der Heilsbringer [soter]" - von Martin Luder alias Martinus Lutherus ungenau mit "Heiland" übersetzt), auch wenn dieses Wort heute in der BRDDR stigmatisiert ist - anders als in allen anderen Ländern der Welt, wo der Gruß "heil (jay, salam, shalom, salut, saludo, salute usw.)" nach wie vor eine Selbstverständlichkeit ist.

Keinem einzigen "demokratischen" Staatsoberhaupt der Welt würde man heute noch ein großartige Grabanlage bauen (allein der Gottkönig von Thailand hätte vielleicht eine Chance, vorausgesetzt, das derzeitige Regime würde nach seinem Tode weiter bestehen, was Dikigoros indes bezweifelt); den meisten würde das Volk, wenn es wirklich frei wäre, das nachrufen, was die Römer laut Sueton ihrem Kaiser Tiberius nachriefen: "Tiberius in Tiberim!" Tiberius in den Tiber, Obama in den Kongo (Dikigoros meint den Fluß, nicht den Staat: Obama ist ja gebürtiger Kenyaner, wie sich mittlerweile auch in den USA herum gesprochen hat, und nur mit Hilfe einer falschen Geburtsurkunde überhaupt zur Präsidentschaftswahl zugelassen worden :-), Wulff in den Saleph (das schreibt Dikigoros nicht, um in das aktuelle Gezetere über "Türken-Wulff" einzufallen, sondern weil dort dessen Vor-vor-vor-etc.-gänger endete, dem ein längerer Abschnitt dieser Reise gewidmet ist, und weil neuerdings auch dessen Gesicht eine jener Terracotta-Kopien verunziert, von denen gleich die Rede sein wird) usw. Aber wir wollen nicht vergessen, daß die Staats- und Gesellschaftsformen, die sich heute über die Erde ausgebreitet haben, bisher nur von kurzer Dauer waren und es aller Voraussicht nach von noch kürzerer Dauer weiter sein werden; über die meiste Zeit der menschlichen Geschichte - jedenfalls in den Jahrtausenden, die wir aus der historischen Überliererung einigermaßen erfassen können - war es anders: Da verehrte das Volk nicht nur seine Herrscher, solange sie lebten, sondern auch über ihren Tod hinaus; und den beliebtesten errichtete es nicht nur Grabmäler, sondern es pilgerte auch in Scharen dorthin. Dikigoros hätte viel zu tun, wenn er sie alle beschreiben wollte; aber er will hier mal von den nationalen "Helden" absehen (über die er an anderer Stelle schreibt) und sich auf diejenigen beschränken, die erstens sowohl im eigenen Lande als auch im Ausland, und zwar weltweit, und zweitens sogar in dieser herrschaftsungläubigen, kritischen Zeit anhaltende Verehrung genießen in der Form, daß ihre Gräber zu Anziehungspunkten für Millionen Menschen geworden sind, auch für solche, die wenig oder so gut wie gar nichts über sie wissen. Dem abzuhelfen schreibt Dikigoros diese Seite. (Und zu welchem Ergebnis er dabei gelangt ist... nun, das nimmt die Überschrift doch schon vorweg, auch wenn die Hunde Betroffenen von der Nachwelt in der Regel nicht liegend, sondern vielmehr sitzend dargestellt wurden :-)

* * * *

Wie ist Dikigoros auf dieses Thema und auf die Liste der zu bereisenden Orte gekommen? Darf er etwas weiter ausholen? Er erinnert sich nicht mehr genau, es war wohl Anfang der 1990er Jahre, als er in Köln unweit des Verwaltungsgerichts zum ersten Mal ein merkwürdiges "Kunstwerk" sah: ein altes Auto, mit Goldfarbe bemalt und mit überdimensionalen Adlerschwingen versehen auf einem Gebäudedach. Er fand das zwar etwas unpassend, aber er dachte nicht weiter darüber nach - die Kölschen Jecken waren halt ein merkwürdiges Völkchen, das so etwas duldete... Hatte nicht anno 1958 sogar ihr oberster Jeck, der Kohleklau Erzbischof Kardinal Frings (der ein gebürtiger Neusser war und deshalb von Hause aus eigentlich der karnevalistischen Konkurrenz aus Düsseldorf näher stand - vielleicht war das der wahre Grund für das kühl-distanziertes Verhältnis zwischen ihm und dem anderen berühmten Kölner Jecken jener Zeit, Adenauer ;-), 25 von der Volkswagen AG gestiftete "Käfer" vor dem Kölner Dom auffahren lassen und sie dort feierlich eingesegnet, bevor er sie den Missionaren nach Afrika schickte, damit die den Negerlein den Glauben an das liebe Jesulein besser vermitteln konnten? (Ja, was glaubt Ihr denn, weshalb er wenig später die Gründung von "Misereor e.V." initiierte? Wirklich nur aus Nächstenliebe, wie es als Vereinszweck in der Satzung stand, "um gegen Hunger und Krankheit in der Welt zu kämpfen"? Weit gefehlt: Damals verschenkte die katholische Kirche noch nichts ohne missionarischen Hintergedanken, schon gar nicht in die "Dritte Welt" - ebenso wenig wie es der Islam heute tut!)

Viele Jahre später, anno 2006, war Dikigoros wieder mal in Köln, und da dort immer Parkplatznot herrscht, fuhr er wie fast immer mit der Bahn. Wer Köln kennt, weiß, daß der Hauptbahnhof direkt unterhalb des Kölner Doms liegt, dem Dikigoros denn auch immer einen Besuch abstattet - nicht aus Frömmigkeit, auch nicht zum Andenken an jene denkwürdige Autoeinsegnung, sondern um zu sehen, wie sich das Zahlenverhältnis zwischen Touristen und Schäfchen gestaltet. Aber diesmal kam noch eine dritte Kategorie hinzu: ein Haufen bunter, aus gepreßtem Müll bestehender Figuren.

Wie es der Zufall wollte, lernte Dikigoros auch den "Künstler" kennen, der diese Machwerke verbrochen hatte. Höflich, wie er manchmal sein kann, behielt er seine Meinung über ihn und seine Schöpfungen zurück und fragte ihn nach den näheren Umständen dieses "Events". So erfuhr er, daß es sich um insgesamt 1.000 "Trash People [Schrott-Leute]" handelte, und auf die Frage, wie er denn auf diese bahnbrechende Idee gekommen sei, antwortete der "Künstler": "Durch die Terracotta-Armee des Kaisers von China, von der neulich einige Exponate in den Bonner Rheinauen ausgestellt waren, deshalb nenne ich sie alternativ auch 'Schrott-Armee'." Dikigoros erinnerte sich dunkel: Richtig, anno 2003 war der Japanische Garten in den Rheinauen durch ein paar billige Kopien jener Terracotta-Soldaten verschandelt worden, für deren Besichtigung viele Dummköpfe Kulturinteressierte, denen man sie als echt verkauft hatte, hohe Eintrittspreise gezahlt hatten. Nun ja, selbst die Kopien sahen noch besser aus als die Schrott-Soldaten... "Was gedenken Sie denn, damit anzustellen, wenn Sie hier fertig sind?" fragte er weiter. "Oh, mit denen gehe ich auf Welt-Tournee." Dikigoros konnte sich ein müdes Lächeln nicht verkneifen; doch der "Künstler" fuhr unbeirrt fort: "Sie mögen es nicht wissen, aber mit denen habe ich schon die halbe Welt bereist, und glauben Sie mir: die andere Hälfte schaffe ich auch noch!" Dikigoros Staunen wuchs, als Hans-Jürgen S. - der sich ihm bei der Gelegenheit auch als Schöpfer des geflügelten Goldautos vorstellte - erzählte, wo er schon überall mit seinem Schrott aufgetreten war; und als er erfuhr, mit wieviel Verstand er jene Orte ausgewählt hatte, begann er seine Meinung über ihn wenigstens teilweise zu revidieren. Nein, Dikigoros will das hier nicht länger ausführen; aber seine Leser werden sicher schon ahnen, daß die "Trash People" schon vor allen Grabstätten, zu denen Dikigoros sie jetzt auf eine virtuelle Reise mitnehmen will, gestanden haben.

* * * * *

Es gibt Grabstätten, die sind so berühmt, daß viele Menschen sogar ihr Leben riskieren, um sie aufzusuchen. Jeder weiß - oder müßte es nach Dikigoros' eingehenden Warnungen vor Reisen in islamische Länder eigentlich wissen -, daß man als westlicher, nicht-muslimischer Tourist nur noch unter Lebensgefahr nach Ägypten reisen kann; und gerade an Orten wie den Pyramiden von Gizeh ist diese Gefahr besonders groß. Und, um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Die meisten Menschen riskieren ihr Leben am völlig falschen Objekt, denn was Ihr da oben liegen seht, ist nicht die Sfinx, sondern der Sfinx; und was Ihr dahinter stehen seht, ist nicht die Cheops-Pyramide, sondern vielmehr die Chefren-Pyramide. Eine Cheops-Pyramide gibt es überhaupt nicht, denn der 2. Farao der 4. Dynastie hieß gar nicht Cheops (das war nur ein Spitzname, den ihm Heródot verpaßte :-), sondern vielmehr Chufu, und dessen Pyramide seht Ihr ganz oben auf dem Titelbild klein und unscheinbar in der rechten hinteren Ecke.
(...)

* * * * *

Exkurs. An dieser Stelle fehlen zwei Abschnitte - für den einen ist es noch zu früh, für den anderen schon zu spät. Dikigoros bedauert das in beiden Fällen sehr, denn der erste betrifft einen Ort, den er früher besucht hat als alle anderen hier vorgestellten, noch bevor er zum großen Touristen-Rummelplatz wurde, und der andere betrifft ein Grabmal, das in der Antike zu den "sieben Weltwundern" gezählt wurde und lange Zeit so berühmt war, daß man imposante Grabmäler in aller Welt nach ihm benannte. Also will Dikigoros ihnen hier wenigstens ein paar Zeilen widmen. Bis vor kurzem wurde man von den so genannten "Wissenschaftlern" - so nennen sich widersinniger Weise meist Leute, die kein neues Wissen schaffen, sondern nur altes, vermeintliches Wissen, wiederkäuen - bestenfalls milde belächelt, wenn man als interessierter Laie die Pyramiden in Ägypten mit denen in Mexiko verglich. Die "Ägyptologen" pflegten einen dann zu belehren, daß die so verschieden seien, daß sie eigentlich nicht mal den selben Namen tragen dürften: Die "echten" Pyramiden Ägyptens waren viel größer, hatten eine beinahe glatte Oberfläche und einen sehr löblichen Zweck, sie dienten nämlich als Grabmale großer Faraonen; die Dinger in Mexiko dagegen seien seien ja nur primitive "Stufen-Pyramiden", die wahrscheinlich einem viel profaneren Zweck dienten, nämlich Menschenopfern auf ihrer stumpfen Spitze, damit diese den Himmelsgöttern, denen sie mußmaßlich dargebracht wurden, näher waren. Ach, liebe Leser, das zeigt nur, wie weit die Fachidiotie heuer voran geschritten ist, und wie wenig Ahnung die Ägyptologen von Mexiko haben. Zunächst einmal wollt Ihr bemerken, daß Dikigoros selber nie von "mexikanischen Pyramiden" spricht, sondern immer nur von "Pyramiden in Mexiko". Denn die "Meschika", nach denen wir das Land heute so nennen, waren ein Stamm der Azteken, und die haben nie Pyramiden gebaut, sie kamen erst viel später und zerstörten die alten Kulturen, kurz bevor die Spanier kamen und sie hätten retten können - aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle. Um die Pyramiden zu zerstören, kamen freilich auch sie zu spät, denn die Maya-Kultur, die jene auf Yucatán errichtete, war längst untergegangen - warum und wieso, darüber rätseln die Gelehrten bis heute, und auch Dikigoros hat keine schlüssige Antwort auf diese Frage -; und über die Erbauer von Teotihuacán weiß man gleich gar nichts, außer daß ihre Pyramiden wahrscheinlich um die 2.500 Jahre alt sind, also nicht viel weniger alt als die in Ägypten.

Ende des 20. Jahrhunderts begann ein Team japanischer (!) Archäologen, unter der Ruinenstätte zu graben (mühsam, mit von außen angelegten Tunneln, um das Tourismus-Geschäft an der Oberfläche nicht zu stören :-). Im November 2004 wurden sie erstmals fündig: Unter der "Mond-Pyramide" - der zweitgrößten am Ort - lag ein Grab mit 12 menschlichen und 41 tierischen Skeletten. Na ja, dachte man, das ist zwar interessant, aber wahrscheinlich waren das die Leichen irgendwelcher Opfer-Zeremonien... O sancta simplicitas! So können doch nur "Wissenschaftler" denken! Ein paar Leute "opfern", und dann ein solches Bauwerk über ihren Leichen errichten? Wer soll denn so etwas glauben? Man buddelte weiter, und im August 2010 stieß man, unweit der "Tempel des Quetzalcoatl" genannten drittgrößten Pyramide vor Ort - oh Wunder - auf einen anderen Tunnel, und zwar einen, den schon die Erbauer von Teotihuacán angelegt haben mußten, und an dessen Ende fand man... eine Grabkammer, hinter der sich die in den Pyramiden der ägyptischen Faraonen verstecken konnte. Leider haben die Forschungsarbeiten noch nicht ernsthaft begonnen, denn dieser Fund zählt zu denen, welche die sprichwörtlichen Bibliotheken zur Makulatur werden läßt, d.h. die "Wissenschaftler" müssen ganz von vorne beginnen, ohne abschreiben zu können, und bis die sich etwas ausgedacht haben, etwa wer jener Herrscher war, der dort begraben wurde, und was er so getrieben hat... Und bevor man gar die Fundstätte der Öffentlichkeit zugänglich macht, um wieder mehr Touristen anzulocken (die sich in letzter Zeit wegen der innenpolitischen Lage und der steigenden Kriminalität in Mexiko etwas rar gemacht haben) wird wohl noch einige Zeit vergehen.

Erkennt Ihr das Ding da oben, liebe Leser? Wahrscheinlich nicht, denn ist steht nirgends, sondern ist bloß eine modellhafte Rekonstruktion anhand von Beschreibungen.

* * * * *

(...)
Doch nicht jeder wohnt in Bonn am Rhein, deshalb kann sich nicht jeder falsche Terracotta-Soldaten made in Hongkong oder Schanghai anschauen.

* * * * *

[Kärbälâ] [Kärbälâ]

Dikigoros hat lange gezögert, an welcher Stelle dieses Berichts er die folgenden Absätze einordnen soll - ist es doch erst wenige Jahre her, daß das Grabmal, um das es hier geht, wieder als Pilgerziel frei gegeben und durch umfangreiche Renovierungsarbeiten in einen besuchenswerten Zustand versetzt worden ist. Aber der krumme Hund, der dort angeblich begraben liegt (um die Ehre, seine diversen Körperteile zu beherbergen, streiten sich ein halbes Dutzend Grabstätten in Nahost, aber die Pilger haben sich halt mehrheitlich für diese entschieden), starb schon anno 680 (jedenfalls nach christlicher Zeitrechnung - die damals freilich noch nicht galt, aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle), deshalb wollen wir bei der Chronologie bleiben - und zunächst bei der offiziellen Version, wie sie hunderte Millionen seiner Anhänger glauben. Wie weit soll Dikigoros ausholen? Vielleicht etwas weiter als sonst, denn die meisten seiner Leser werden von der Geschichte des Islâm noch weniger Ahnung haben als von der des Christentums und in allerlei dümmlichen Vorurteilen befangen sein. (Nein, Dikigoros hat sich sein negatives Urteil über den Islâm nicht aus Unwissenheit gebildet, wie so viele andere; er bemüht sich, die Dinge sachlich zu sehen :-) Zum Beispiel dem, daß muslimische Frauen nichts zu sagen hätten und von den Männern unterdrückt würden. Das ist eine unzulässige Verallgemeinerung, die überwiegend auf juristische Spitzfindigkeiten zurück geht wie die, daß Töchter weniger erben als Söhne und daß die Aussagen von Zeuginnen vor Gericht weniger gelten als die von Zeugen. Aber verlaßt Euch drauf, der Einfluß muslimischer Frauen ist wenn nicht auf dem Papier, so doch in der Realität des täglichen Lebens ganz gewaltig, und das beschränkt sich nicht bloß auf Küche und Kinder! Die Spaltung des Islâm im 7. Jahrhundert resultierte aus der Feindschaft zweier Frauen aus dem engsten Kreise des Profeten Muhamäd: seiner Lieblingsfrau Âïscha (die er als 6-jährige heiratete) und seiner Lieblingstochter Fâtimah (die von einer anderen Frau stammte und erheblich älter war als ihre Stiefmutter :-) Letztere sah es als selbstverständlich an, daß sie nach dem Tode des Profeten und seiner ersten beiden Nachfolger, pardon Stellvertreter (wir wollen das Wort "Chalîfa" doch richtig übersetzen; die Päpste sind ja auch keine Nachfolger, sondern nur Stellvertreter Gottes auf Erden :-) - die noch seiner eigenen Generation angehört hatten - die politische und religiöse Macht (die im Islâm bekanntlich untrennbar sind) erben würde. Schließlich hatte sie einen tüchtigen Ehemann - einen gewissen Alî -, der auch seinerseits schon Söhne gezeugt hatte, während Âïscha kinderlos, pardon söhnelos war. Das sah die letztere freilich ganz anders, zumal ihr Vater schon Muhamäds erster Chalîf gewesen war und ihrer Familie die heiligen Städte Mäkka und Mädina gehorchten. Aber wie sagt das Sprichwort: Wenn zwei sich streiten, dann freut sich der Dritte, genauer gesagt der dritte Nachfolger des Profeten. Das war ein gewisser Uthmân - und gegen den verbündeten sich die beiden Frauen nun, aber nur kurzfristig, d.h. bis er wie sein Vorgänger ermordet wurde (von wem, oder auf wessen Befehl, ist bis heute umstritten :-), dann gingen sie wieder aufeinander los. Das ist ganz wörtlich zu nehmen: Âïsha schwang sich persönlich aufs Kamel und leitete die Entscheidungsschlacht gegen die Truppen Alîs - die sie verlor. Aber wieder müssen wir das Sprichwort bemühen, denn von diesem Bruder- Schwestern- Zicken-Krieg profitierte erneut der Dritte Mann, nämlich Muâwiya - ein Verwandter des ermordeten Uthmân, der Blutrache suchte. Der war Gouverneur der reichen Provinz Syrien, und Dikigoros stellt sich nicht ohne Wehmut vor, was geschehen wäre, wenn es zwischen ihm und den Anhängern Alîs tatsächlich zu einem langwierigen Krieg gekommen wäre: wahrscheinlich hätten die beiden Seiten einander bis an den Rand der Ausrottung bekämpft, der Islâm wäre zusammen gebrochen, und wir hätten heute eine Menge Probleme weniger auf der Welt. Aber ach, irgendein Idiot brachte - ebenfalls qua Blutrache - Alî um, als der gerade in die Moschee gehen wollte, um für seinen Sieg im kommenden Kampf gegen Muâwiya zu beten; und da verliefen sich die Anhänger des ersteren nach und nach. Sein Sohn Ħusäin konnte anno 680 gerade noch 72 Krieger um sich scharen, wenn man den Quellen glauben darf (Dikigoros hegt da gewisse Zweifel, denn 72 ist eine "magische" Zahl - 2³x3²), um bei Kärbälâ gegen Yazîd, den Sohn Muâwiyas, anzutreten zur letzten Schlacht - "Massaker" dürfte die bessere Bezeichnung sein, und Alîs Parteigänger ("Shî'iten", von "Shî'â [Partei]" - denkt immer an den Satz des großen Historikers Ronald Syme: "Auch die beste politische Partei ist im Zweifel nichts weiter als eine Verschwörung gegen den Staat!") nannten es schlicht "Mord". Ħusäin wurde von ihnen zum Martyrer hoch stilisiert, und von da an wuchs auch die Zahl ihrer Anhänger wieder an - es gibt sie bis heute, und sie haben inzwischen den Irân, den Irâq und weitere Gebiete des Nahen Ostens unter ihre Fuchtel gebracht.

Um einen solchen Martyrer-Kult am Leben zu halten, bedarf es großer Anstrengungen, und am besten geeignet ist noch immer ein pompöses Grabmal am Ort des (angeblichen) Heldentodes - nicht umsonst versuchen bis heute alle Sieger, die eine nachträgliche, posthume Niederlage fürchten, die Leichen der von ihnen Besiegten zu zerstückeln, zu verbrennen oder sonstwie verschwinden zu lassen. Alles vergebens, liebe Sieger, denn gerade dadurch gebt Ihr Anlaß zur Mythenbildung! Denn so beeindruckend sich die Moschee mit dem Schrein von Ħusäin ibn Alî auch ausnehmen mag - begraben liegt er dort wahrscheinlich nicht. Ist Euch der vorige Abschnitt kompliziert oder gar verworren vorgekommen? Seid versichert, Dikigoros hat sich bemüht, die Geschehnisse so gut wie möglich zu vereinfachen, denn es kommt noch schlimmer, und er kann die Lücke zwischen dem 7. Jahrhundert und heute nicht einfach offen lassen, wenn wir uns auf die Suche nach der Leiche von Ħusäin begeben wollen. So wie es im Christentum nicht nur Orthodoxe, Katholiken und Protestanten gibt (sondern hunderte "protestantische" Sekten), so gibt, pardon gab es auch im Islâm nicht nur Sunniten und Shî'iten, sondern hunderte Sekten, wenngleich insbesondere bei den Shî'iten nur noch wenige übrig geblieben sind. Eine davon waren die Ismâïliten. (Nie gehört? Aber doch sicher vom Agha Khan, oder? Das ist ihr Oberhaupt. Und von den Drusen in Syrien und im Libanon, oder? Das sind die letzten MohikanerIsmâïliten.) Eine besonders faszinierende Persönlichkeit dieser Sekte war Ubaidallâh, der sich als "Mahdî" ausgab und der eine ihrer Unter-Sekten (also gewissermaßen einer Unter-Unter-Sekte der Shî'iten :-) gründete, wobei er sich nicht sehr auf Alî, sondern vielmehr auf dessen Ehefrau Fâtimah berief, die Tochter des Profeten. Er war der einzige Muslim, dem es je gelang, ein Land hauptsächlich nicht mit dem Schwert, sondern mit der Zunge zu unterwerfen; die "Fâtimiden" sollten Ägypten - und das westlich davon gelegene Nordafrika - mehr als zwei Jahrhunderte lang beherrschen. Verständlicher Weise suchten auch sie nach einem "National-Heiligen", und wer war da besser geeignet als Fâtimahs Sohn Ħusäin?
(...)
Deshalb pilgern fromme Shî'iten zwar auch nach Mäkka und Mädina (aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle mehr), doch das tun sie nur einmal im Leben; dagegen pilgern sie, so oft sie können, nach Kärbälâ.

* * * * *

Als Dikigoros noch ein Kind war, pflegte sein Vater ihm regelmäßig seine beiden Lieblingsgedichte von Ludwig Uhland vorzutragen: Zum einen das vom Apfelbaum ("Bei einem Wirte wundermild, da war ich jüngst zu Gaste..."), und zum anderen die "Schwäbische Kunde":

"Als Kaiser Rotbart lobesam
ins Heil'ge Land gezogen kam,
erhob sich dort gar große Not:
Viel Steine gab's und wenig Brot [...]
Zur Rechten sah man, wie zur Linken
ein' halben Türken nieder sinken."

Irgendwann viel später schlug Dikigoros den genauen Wortlaut nach und stellte fest, daß er von dem, den sein Vater ihm beigebracht hatte, etwas abwich; aber erstens hat er sich ihm nun mal so eingeprägt, und zweitens weiß er nur zu gut um die ständigen Verfälschungen alter Texte, selbst bei den harmlosesten Inhalten, um die Fassung seines Vaters für falsch zu halten, bloß weil sie von der heute gedruckten abweicht. Aber wie war das mit Kaiser Rotbart - war der wirklich mal im Heiligen Land und hat dort die Türken entzwei gehauen? Oder war das bloß ein Märchen, etwa wie die Geschichte von Jonas im Walfisch? Nun, den Kaiser Rotbart gab es tatsächlich; es war der Staufer Friedrich I, dem die Italiener den Spitznamen "Barbarossa [Rotbart]" gegeben hatten. Das war allerdings lange bevor er sich zur Reise ins Heilige Land anschickte, denn da war er schon uralt, und wenn er überhaupt noch Haare auf dem Kopf oder am Kinn hatte, dann dürften die längst schneeweiß gewesen sein. Und er ist nie bis ins "Heilige Land" gekommen (jedenfalls nicht lebend :-), sondern nur bis in die heutige Türkei; dort gewann er zwar zwei Schlachten gegen die Türken (oder, wie sie damals noch hießen, Selçuken - bitte nicht "Seldschuken" schreiben, liebe Leser, der mittlere Konsonant ist nicht weich, sondern hart, wie ein deutsches "tsch"!); doch ob er dabei auch dem einen oder anderen seiner Gegner eigenhändig das Haupt und mehr gespalten hat, wissen wir nicht - aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle. Jedenfalls ertrank er danach im Saleph, und da seine von den Kreuzfahrern mitgeschleppte Leiche bald zu faulen anfing, begrub man ihn peu à peu, je nach Fäulnisstadium: erst die Eingeweide in Tarsos, dann das Fleisch in Antiochia, und die Knochen, pardon Gebeine, schließlich in Tyros.

Der Ärger war nur, daß das "Heilige Land" damals nicht wieder erobert wurde, weshalb Pilgerfahrten zu seinem Grab bzw. seinen Gräbern schlecht möglich gewesen wären; man mußte also irgendwie und -wo Ersatz in der Heimat schaffen. Was lag da näher, als ein schönes Märchen zu erfinden und es in Zusammenhang mit einem gut geeigneten Pilgerort zu bringen? So behauptete man einfach, daß Barbarossa im Kyffhäuser-Gebirge (für Nicht-Ossis: das liegt südöstlich vom Harz in Sachsen-Anhalt) schlafe und, wenn Deutschland eines Tages in Not geraten sollte, wieder aufwachen und den Karren aus dem Dreck ziehen würde. Und deshalb baute man ihm zu Ehren anno 1890 dortselbst das schöne Denkmal, das Ihr oben abgebildet seht.

Habt Ihr das auch so gelernt, liebe Leser? Dann muß Dikigoros Euch enttäuschen, denn kein Wort aus dem letzten Absatz ist wahr (außer der Beschreibung, wo der Kyffhäuser liegt :-).
(...)

Exkurs. Da wir gerade bei Barbarossa waren, muß Dikigoros an dieser Stelle noch ein - angebliches - Grabmal von drei - angeblichen - Königen erwähnen, das er nicht gleich an den Anfang dieser Betrachtung stellen wollte, obwohl sie ja in Köln ihren Ausgang genommen hat. Aber es ist in mehr als einer Hinsicht nur einen Exkurs wert, denn bei ihnen stimmt beinahe gar nichts: Weder die Zahl "3" noch daß sie "Könige" waren (in der Bibel steht "Magier aus Anatolien", d.h. Zauberer - oder Priester oder Sterndeuter - aus dem Orient) noch woher sie kamen (der "Orient" ist groß; und daß einer von ihnen ein Mohr war, geht auf einen Übersetzungsfehler zurück - das "schwarz" bezog sich nicht auf seine Haut-, sondern auf seine Haarfarbe :-) noch wie sie hießen (die Zahl ihrer Namen ist Legion - "Caspar, Melchior und Balthasar" ist nur eine von vielen Varianten), und daß sie "Heilige" gewesen sein sollen macht die Wahrscheinlichkeit, daß ihre Gebeine echt sind, noch geringer. Denn wenn man Ziele für Pilger-Wallfahrten zu Heiligengräbern schaffen wollte, machte man es sich für gewöhnlich leichter als wenn es um Herrscher geht: Man baute irgendwo ein Grabmal, möglichst noch eine Kirche daneben (oder drum herum :-), legte ein paar alte Knochen hinein und behauptete einfach, dort liege der Heilige Sankt Jacob (wie in Compostela), der Heilige Sankt Florian, der Heilige Sankt Nimmerlein oder eben die drei heiligen Könige. Nur deshalb reiste man freilich auch im Mittelalter nicht nach Mailand; dafür gab es viel handfestere Gründe, wie den Reichtum der lombardischen Hauptstadt, mit der man Geschäfte machen - oder sie bekriegen, erobern und ausplündern - wollte. Barbarossa wollte letzteres, und zu seiner Beute gehörten halt auch die - angeblichen - Reliquien jener komischen Heiligen, die er anno 1164 dem Erzbischof von Köln schenkte - den heutige Geschichtsbücher etwas ungenau auch als seinen "Kanzler" bezeichnen. Das macht die Knochen aber nicht echter, und um ihnen etwas mehr Glanz - und Glaubwürdigkeit - zu verleihen, bettete man sie in einen kostbaren Schrein und begann überdies mit dem Neubau des Kölner Doms. (Es sollte freilich ein schlappes, pardon knappes Dreiviertel-Jahrtausend dauern, bis er endlich fertig wurde :-)

Es gibt allerdings auch eine Theorie, wonach die Gebeine nicht so sehr die "heiligen" Geburtstagsgäste des lieben Jesuleins meinten, sondern vielmehr für "die ersten Könige der Christenheit" standen, also auch eine politische Bedeutung hatten. Das ist zwar Blödsinn - aber was ist nicht alles für Blödsinn an politischer Propaganda geglaubt worden (nicht nur im Mittelalter :-)?! Dikigoros läßt das also dahin stehen; aber eines wollte er noch am Rande erwähnen, da gerade von politischen Motiven und einem Kanzler die Rede war: Als anno 1919 die edlen Alliierten, pardon, damals nannte man sie ja noch "Entente-Mächte", ins Rheinland einzogen, um es zu besetzenbefreien, da wollten sie die Kölner auch von jener Reliquie befreien - sie hatten bekanntlich auch deutsche Privatleute von ihren Patenten und Rechten nicht nur an geistigem Eigentum befreit, warum also nicht auch die deutschen Kirchen? Der Kölner Oberbürgermeister Adenauer hätte ihnen nur zu gerne Beihilfe geleistet - er versprach sich im Gegenzug ihre Hilfe bei seinen Plänen, die Rheinlande vom Reich abzutrennen und einen eigenen Staat aufzumachen - ein Zwischending von "Rheinbund" und "BRD". Zu seinem großen Ärger verbuddelten einige Klerikalfascisten jedoch den ganzen Domschatz mitsamt dem Dreikönigsschrein und rückten ihn erst wieder heraus, als die BesatzerBefreier 1926 abgezogen waren. Adenauer schnaubte innerlich vor Wut, aber er machte gute Miene zum bösen Spiel, hielt eine salbungsvolle Rede und tat so, als sei es sein Verdienst, daß die Reliquie wieder aufgetaucht war; und als er 1967 - 6 Jahre, nachdem er den Bau der Berliner Mauer angezettelt hatte - endlich starb, wurde er... nein, nicht im Kölner Dom neben den "Heiligen Drei Königen" beigesetzt, auch nicht im Kyffhäuser neben Barbarossa, sondern der krumme Hund wurde in Rhöndorf verscharrt - und zu seinem Grab pilgern im Schnitt nichtmal mehr 100 Unverbesserliche pro Jahr. In Köln sieht es etwas besser aus. Zwar reisen auch dorthin längst nicht mehr Millionen, sondern nur noch ein paar tausend Touristen pro Jahr, jedenfalls wenn man diejenigen abrechnet, wie eigentlich zum Karneval oder zu einem Fußballspiel des 1. FC Köln kommen und eher nebenbei auch noch den Dom belatschen. (Aber das ist ja in Mailand ganz ähnlich; insofern ist es also egal, wo die - angeblichen - Reliquien jetzt liegen :-)

Was, Ihr meint, die Leute kämen doch eh nicht wegen der Knochen (die man ja gar nicht zu Gesicht bekommt), sondern vielmehr wegen des prächtigen Schreins? Dann seid Ihr ja noch cynischer als Dikigoros! Aber das kann man so bestimmt nicht verallgemeinern. Gewiß, Adenauers alliierte Freunde mögen in erster Linie hinter dem wertvollen Schrein her gewesen sein - und bei dem weiß man wenigstens, woher er stammt (von einem Lothringer Goldschmied; deshalb meinen die Franzosen ja auch, wenn sie sich schon ganz Lothringen unter den Nagel gerissen haben, stünde ihnen schon deshalb auch der Schrein zu) -; aber ein gläubiges Schäfchen dürfte doch eher (oder zumindest auch) danach fragen, was drin ist. So war es jedenfalls noch im 19. Jahrhundert, zur 700-Jahr-Feier des Reliquien-Raubsder Reliquien-Überführung nach Köln. Da wurde der Schrein geöffnet und der Inhalt von 35 hochgelehrten Wissenschaftlern untersucht. Drinnen lagen - wer hätte das gedacht - drei mehr oder weniger vollständige männliche Skelette. Seitdem streiten die Gelehrten, wessen Gebeine das wohl sind. Fromme Katholiken sehen sich - bzw. den Evangelisten Matthäus - bestätigt. Andere meinten oder meinen (2014, anläßlich des 850. Jahrestages, flammte die Diskussion noch einmal kurz auf), es seien die des Heiligen Felix, des Heiligen Nabor und des Heiligen Gregor von Spoleto. Aber warum diese drei Heiligen (wenn der letzte denn überhaupt einer war) nun besser oder echter sein sollten als die drei Geburtstagsgäste aus dem Orient vermag Dikigoros nicht nachzuvollziehen. Exkurs Ende.

* * * * *

Wer kennt sie nicht, die märchenhafte Geschichte vom Tāj Mähäl im indischen Āgrā? Der "Großmoghul" Shah Jahān ließ es in Jahre langer Arbeit als Grabmal für seine Lieblingsfrau Mumtaz Mähäl bauen; später wurde auch er selber dort beigesetzt, und am Ende erklärte es die UNESCO gar zum "Weltkulturerbe" - aber schon vorher war es die Pflicht eines jeden braven Touristen, es zu besuchen, und so tat es auch Dikigoros auf seiner ersten Indien-Reise, noch in den 1970er Jahren. Kaum hatte die UNESCO ihr Kultursiegel vergeben (damals noch eine begehrte Auszeichnung, die längst nicht jeder Schrotthaufen bekam, bloß weil das zuständige Fremdenverkehrsamt die richtigen Funktionäre geschmiert hatte), da veröffentlichte das rote Wochenblatt Der Spiegel unter Berufung auf einen gewissen P. N. Oak einen boshaften Artikel, wonach das alles mehr Märchen als Geschichte war; in Wahrheit sei das Gebäude ein Hindu-Tempel oder der Palast eines Hindu-Fürsten gewesen, den der muslimische "Großmoghul" zweckentfremdet habe. Dikigoros recherchierte kurz (damals gab es zwar noch kein Internet, aber das Indologische Seminar der Universität Bonn war recht gut bestückt, und die Bücher, die P. N. Oak seit den 1960er Jahren veröffentlicht hatte, gehörten dazu), dann war seine Meinung gefaßt: Oak war ein Spinner, der nicht nur den Tāj Mähäl für ein Werk der Hindūs hielt, sondern auch den Schwarzen Stein von Mäkka, den Felsendom in Jerusalem und den Petersdom im Vatikan sowieso, und alles auf der dünnen Basis von scheinbaren sprachlichen Ähnlichkeiten, die einer sauberen linguistischen Analyse schwerlich stand hielten. (Oak war kein Historiker oder Archäologe, sondern ein studierter Jurist, der im Propaganda-Ministerium arbeitete, und bestenfalls Amateur-Filologe, etwa auf dem Niveau des Vaters der Braut in "My Big Fat Greek Wedding", der ja auch alles Bedeutende auf die Griechen zurück führt, wenn die Bezeichnungen ähnlich klingen - aber der Film war damals noch nicht gedreht. Kleine Kostprobe gefällig? Bitte sehr: "Vatikan" führt Oak auf indisch "Wātikā" zurück, was "[Kloster-]Garten" bedeutet; aber abgesehen davon, daß es mehr "Garten" als "Kloster" bedeutet, verwechselt er da Gustaf mit Gasthof, denn das erste "a" in "Vatikan" ist nicht lang, sondern kurz, und indisch "Watikā" bedeutet "Pille", "Tablette", "Bällchen" :-) Doch Dikigoros bedachte damals nicht, daß auch große Gelehrte, die viele gute und richtige Theorien aufgestellt haben, mal einen Fehler machen, und daß umgekehrt auch ausgemachte Spinner mal einen guten Gedanken haben und eine richtige Theorie aufstellen können - wie sagt das Sprichwort? Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn... Wie dem auch sei, einstweilen vergaß Dikigoros P. N. Oak, und er behielt auch Āgrā weniger wegen des Tāj Mähälas in Erinnerung als vielmehr wegen der fürchterlichen Monsun-Regen, die er dort erlebte, den schlimmsten seines Lebens. Er kehrte nie wieder dorthin zurück, denn ein Ort, wo sich Millionen ausländischer Touristen auf die Fuße traten, reizte ihn nicht mehr; zumal nachdem er Hindī gelernt hatte, zog er solche Gegenden vor, die sich ihm auch ohne englischsprachige Fremdenführer erschlossen. Seine treuen Leser wissen ja schon, wo für ihn das Herz Indiens schlägt: in Mālwā, wo Indaur, Ujjain, Dhār, Mandu, Maheshwar und Omkāreshwar liegen; und seine Hauptschlagader ist für ihn nicht der Indus, der Ganges, der Brahmaputra oder irgendein anderer berühmter Fluß, sondern der Narmadā, der außerhalb Indiens so gut wie unbekannt ist. Deshalb verirren sich dorthin fast nie ausländische Touristen und nur ganz selten mal indische, genauer gesagt alle 12 Jahre, nach Ujjain, um das Fest des Wassermanns (Kumbh melā) zu feiern. Und hinter jenen Massen von Wallfahrern könnten sich zahlenmäßig sogar die in Kärbälâ verstecken - aber dann macht Dikigoros um die Gegend einen weiten Bogen.

[Kumbh mela - das Fest des Wassermanns]

Als Dikigoros wieder mal in Indaur war, traf er dort in seinem Stammhotel... nein, nicht P. N. Oak, der zwar dort geboren, aber gerade im stolzen Alter von 90 Jahren gestorben war, sondern einen seiner Fans, und das eher durch Zufall, als er diesem über einem Pott Tee erzählte, daß er in den nächsten Tagen nach Jalgaon fahren wolle, und von dort aus weiter zu den Höhlen von Ajanta und Elūra. Da meinte sein Gesprächspartner: "Dann kommen Sie doch in Burhānpur vorbei?!" - "Keine Ahnung." (Was nicht im South Asia Handbook, dem wohl besten Indien-Reiseführer, stand, war für Dikigoros nicht existent, auch nicht eine Stadt von einer Viertelmillion Einwohnern - was ist das schon in Indien :-) - "Dort müssen Sie unbedingt Station machen. Wenn Sie wollen, komme ich mit und zeige Ihnen, wo die Begum Arjumand Bano wirklich begraben liegt." - "Wo wer begraben liegt?" - "Die Frau von Shah Jahān." - "Die Frau? Hatte der nicht ein paar Dutzend?" - "Sogar ein paar hundert; aber Arjumand Bano war angeblich seine Lieblingsfrau." - "Ich dachte, das war Mumtaz Mähäl?!" - "Das war doch bloß ein Beiname, Auserwählte des Palasts; ihr richtiger Name war Arjumand Bano, so wie der richtige Name ihres Mannes Khurram war; Shah Jahān bedeutet doch bloß Herrscher der Welt." Und nun kam Dikigoros langsam die Erinnerung zurück an das Buch von P. N. Oak. 20 Jahre zuvor wäre er auf das Angebot seines Fans wohl nicht eingegangen; aber inzwischen hatte er etwas mehr von der Welt gesehen, das ihn für seine Theorie aufgeschlossener machte, vor allem die vielen Gotteshäuser, die vom Islam usurpiert und zu Moscheen "umgewidmet" worden waren, von der "Mesquita" in Córdoba über die orthodoxen Kirchen in Konstantinopel bis zur Rām-Tempel in Ayodhya - den die Muslime "Babri-Moschee" nennen. Also, warum nicht? Wäre Dikigoros allein, d.h. ohne fachkundigen Führer, nach Burhānpur gefahren, wäre er sicher enttäuscht gewesen: Die Stadt ist das, was V. S. Naipaul "shoddy" nennt (aber der nennt ja ganz Indien so :-) - herunter gekommen, halb verfallen, überhaupt nicht attraktiv. Ausgerechnet hier soll ein Groß-Muģal seine Lieblingsfrau begraben haben? Doch Burhānpur war nicht immer so, wie ihm sein Begleiter versichert. Bis die Muslime es herunter wirtschafteten, war es ein blühender Knotenpunkt von Verkehr und Handel, und sogar eine Art Residenzstadt. Unstreitig starb Mumtaz Mähäl - wie Dikigoros sie der Einfachheit halber weiter nennen will, ebenso wie ihren Mann Shah Jahān - hier, und unstreitig sollte sie hier zunächst auch begraben werden, in angemessenem Rahmen. Aber nach herrschender Meinung kam es aus irgendwelchen Gründen nicht dazu, statt dessen wurde dann das Tāj Mähäl in Āgrā erbaut. "Und eben das ist falsch," sagt der Oak-fan, "das Grabmal wurde sehr wohl hier gebaut; aber es entsprach halt dem Niveau der Muslime, wenn nichts vorhanden war, das sie zweckentfremden konnten, so daß sie selber etwas schaffen mußten. Schauen Sie mal, wir stehen direkt davor!"

[Das Grabmal der Mumtaz Mähäl in Burhanpur]

Zugegeben, da besteht keine große Ähnlichkeit zum Tāj Mähäl! "Aber das ist noch nicht der springende Punkt," meint der Fan, "es könnte ja sein, daß Shah Jahān dieses Grabmal irgendwann nicht mehr fein genug war und er deshalb in Āgrā ein besseres, größeres bauen ließ. Aber jetzt denken Sie mal an dessen beiden Nebengebäude!" Dikigoros muß zu seiner Schande gesthehen, daß er auf die damals nicht besonders geachtet hatte. "Äh... Sie meinen die Moschee und das Gästehaus? Na ja, sooo bemerkenswert erschienen die mir nicht." - "Wenn heute eine Moschee gebaut wird, wohin wird die ausgerichtet?" - "Nach Mäkka; aber früher gab es wohl auch welche, die nach Jerusalem ausgerichtet wurden." - "Aber nicht mehr im 17. Jahrhundert. Und die neben dem Tāj Mähäl ist weder nach Mäkka noch nach Jerusalem ausgerichtet." - "Nun ja, die meisten von den Muslimen usurpierten Gotteshäuser anderer Religionen sind das doch auch nicht." - "Eben. Und was schließen Sie daraus?" - "Hmm... die Lage dort am Jumna war und ist sehr schön; es könnte ja sein, daß dort vorher etwas anderes stand und daß Shah Jahān das hat abreißen lassen, um ein pompöses Grabmal für seine Lieblingsfrau neu zu bauen." - "Ja, aber dann hätte er den Neubau doch bestimmt nach Mäkka ausgerichtet. Und überhaupt, warum hätte er denn etwas Vorhandenes abreißen und einen kostspieligen und langwierigen Neubau beginnen sollen? Wie lange hätte die Leiche denn noch vermodern sollen? Es mußte doch wenigstens so schnell gehen, daß er selber noch etwas davon gehabt hätte. Aber nach ein paar Jahren war er schon abgesetzt und eingekerkert worden. Und sein Sohn und Nachfolger hätte etwaige Bauarbeiten sofort stoppen lassen, denn die Begum war nicht seine Mutter, sondern nur eine von vielen hundert Stiefmüttern! Nein, der Tāj Mähäl wurde so, wie er war, übernommen, und wir wissen sogar von wem: von Jai Singh aus Amber. Wenn Sie mal seinen dortigen Palast gesehen haben (Dikigoros hat :-) dann wissen Sie doch, daß der eine vergleichbare Qualität hat - ganz im Gegensatz zu diesem Schrotthaufen hier. Und es gibt sogar einen Beweis, daß der Tāj Mähäl viel älter ist: Ein Radiokarbon-Test einer Holztür im Palast ist auf das 13. Jahrhundert datiert worden." Dikigoros denkt nach: Der Radiokarbon-Test ist gerade bei Holz nicht sehr zuverlässig; außerdem pflegte man Holz früher, bevor es verbaut wurde, ordentlich, d.h. ziemlich lange, abzulagern - allerdings wohl keine 400 Jahre. Aber schöne alte Türen - auch solche aus Holz - wurden gerne schon mal bei Neubauten übernommen, genau wie schöne alte Steine aus einem abgerissenen Altbau gerne wieder verwendet wurden. Das Alter des Materials sagt also nicht notwendiger Weise etwas über den Zeitpunkt der Bauarbeiten aus. So fragt er erstmal nur vorsichtig: "Woher weiß man denn das mit dem Voreigentümer?"

"Aus dem Akbarnama, der Chronik seines Großvaters; da steht klipp und klar drin, daß Akbar die Anlage von Jai Singh übernommen hat, im Austausch gegen irgendwelche anderen Gebäude. " - "Aber gibt es nicht auch eine andere Chronik, das Badshahnama, in der steht, daß Shah Jahān das Tāj Mähäl hat bauen lassen?" - "Ja, aber wem würden Sie eher glauben, einem Chronisten, der Jahrzehnte zuvor, also ganz neutral darüber berichtet, oder jemandem, der seinem Herrscher, diesem Möchtegern-Architekten - er behauptete ja, noch viele andere Bauwerke persönlich entworfen zu haben - schmeicheln wollte? Daß das Badshahnama ein Märchenbuch ist, gerade in diesem Punkt, sehen Sie doch schon daran, daß Shah Jahān angeblich zur gleichen Zeit auch ein Grabmal für sich selber bauen ließ, gegenüber vom Tāj Mähäl. Angeblich wurde es dann bloß nicht fertig gestellt und verfiel; aber man hat die Ruinen Jahrzehnte lang gesucht und gesucht und gesucht - und rein gar nichts gefunden." - "Aber wenn das alles ein Märchen ist, wer hat es dann erfunden und warum?" - "Ganz einfach: Die Briten; denn für die waren wir Hindūs doch Heiden, während sie glaubten, daß die Muslime an den selben Gott glaubten wie sie selber, nur daß sie ihn eben Allah nannten. Diese Narren!" Da konnte Dikigoros dem Oak-fan nur beipflichten; und seitdem ist auch er überzeugt, daß im Tāj Mähäl nur der Hund - nämlich Shah Jahān - begraben liegt, nicht aber Mumtaz Mähäl.

[Mumtaz Mähäl und Shah Jahan - Miniatur]

[Nachtrag: Inzwischen hat Dikigoros auch Autoren gelesen, nach denen man das gleiche sogar aus dem Badshahnama interpretieren könnte; aber auf dieses Glatteis will er sich nicht begeben, denn er selber kann kein Persisch, Übersetzungen mißtraut er grundsätzlich, und in solch heiklen Punkten erst recht - die Übersetzung der Memoiren von Babar, dem ersten Groß-Muģal von Indien, stehen bis heute größtenteils ungelesen in seinem Bücherschrank, und die beiden anderen hat er sich gar nicht erst angeschafft. Er folgt hier der These, daß der Tāj Mähäl ursprünglich der Palast eines Hindū-Fürsten war - und allenfalls eines der beiden Nebengebäude ein Hindū-Tempel. Er will seinen Lesern jedoch nicht vorenthalten, daß bis heute auch die auf den von Oak erfundenengefundenen sprachlichen Ähnlichkeiten beruhende Theorie vertreten wird, daß das Hauptgebäude ursprünglich ein Tempel Shiwas gewesen sei. Er teilt diese Theorie nicht, 1. weil so kein Shiw-Tempel aussah oder aussieht und 2. weil ihn die filologische Herleitung nicht überzeugt - und im Gegensatz zu Persisch beherrscht er Hindī doch einigermaßen. Lesern, die sich für die Einzelheiten jener Theorie interessieren, aber des Hindī nicht mächtig sind, empfiehlt er den englischsprachigen Artikel "Taj Mahal" auf Vedic Knowledge Online, einem Lexikon, das ähnlich wie Wikipedia aufgemacht ist - aber wie bei letzterem empfiehlt er zugleich, nicht alles blind zu glauben, was dort steht. Daß das Tāj Mähäl auf wedische Zeiten zurück gehe - womöglich sogar Vorbilder in der vor-wedischen Harappa-Zeit habe - und daß man seinen Namen aus dem Sanskrit erklären könne, hält er schlicht für abwegig. Im übrigen geht es hier ja in erster Linie um die Frage, wer dort begraben liegt oder nicht, und dafür spielt es keine Rolle, ob Ex-Tempel oder Ex-Palast - das kann also letztlich dahin stehen. Nachtrag Ende.]

* * * * *

Wenn Ihr mal einen schönen, im Original erhaltenen Säulen-Tempel antiker Bauart sehen wollt, liebe Leser, dann müßt Ihr nicht nach Griechenland oder Rom fahren (dort stehen nur noch Ruinen oder "restaurierte" Nachbauten herum :-), sondern in die USA. Nein, Dikigoros meint nicht nach Las Vegas (obwohl man dort mittlerweile alles mögliche besichtigen kann, was groß und protzig ist, von den ägyptischen Pyramiden nebst Sfinx über den Pariser Eiffelturm bis zum Campanile von Venedig - freilich nur in Kopie :-), sondern in die Südstaaten. Die Leute hatten dort lange Zeit einen gediegen altmodischen Geschmack, gaben nicht nur ihren Kindern alt-testamentarische Namen - wie z.B. Abraham -, sondern pflegten sich auch Säulen im griechischen Stil vor ihre Häuser zu bauen. Die meisten davon wurden im Bürgerkrieg 1861-65 zerstört, aber einige wieder aufgebaute Reste kann man dort mit etwas Glück heute noch entdecken, abseits der Downtowns der Großstadt-Moloche. Auch Washington D.C., die Hauptstadt der Nordstaaten, gehörte ursprünglich zu den Südstaaten, denn es wurde bekanntlich von Virginia abgeknapst, dem nördlichsten Staat der "Confederation". Und als der gerade erwähnte Bürgerkrieg vorbei war, waren alle glücklich und zufrieden - vor allem die Neger, die er ja befreit hatte - und bauten seinem Sieger, Abraham Lincoln, aus Dankbarkeit dortselbst das schöne große "Memorial" im Stil eines griechischen Tempels, das Ihr oben abgebildet seht, Amen.

Aber ach, auch in der US-amerikanischen Geschichte ist vieles nicht so, wie man denkt, und was Lincoln anbelangt schon gar nicht, und so gilt denn wiederum: Kein Wort aus dem letzten Satz ist wahr (außer dem "Amen" :-).
(...)

* * * * *

Zum Abschluß dieser "Reise durch die Vergangenheit" muß Euch Dikigoros doch wenigstens einen krummen Hund vorstellen, der von der Nachwelt nicht sitzend, sondern liegend dargestellt wird. (Ausnahmen bestätigen die Regel - dafür ist er nicht begraben :-) Als Dikigoros und seine Frau in den 1980er Jahren zum ersten Mal nach Moskau reisten, war das im Rahmen einer Gruppenreise, d.h. da mußte man noch ein obligatorisches Besuchsprogramm absolvieren, das die wodka-, pardon rumruhmreiche Sowjetunion dem Veranstalter vorschrieb. Und wenn man sich vor einem Programmpunkt nicht drücken konnte, dann war das der Besuch des Lenin-Mausoleums auf dem Roten Platz, direkt an der Außenmauer des Kreml.
(...)


weiter zu Ein Paß kann [k]eine Brücke sein

zurück zu In vollen Zügen genießen

heim zu Reisen durch die Vergangenheit