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Das Weihnachtsgewichtel


Daniel Roy, Brühl, Deutschland
Malcolm McGookin, Asterisk *Animations, Brisbane (Queensland), Australien
Ki.Ka, Erfurt, Deutschland

Hallo, ihr Weihnachtswichtel!

Hi hi hi! Kleiner Spaß von mir, euch so anzusprechen, Kiddies. Aber es gibt einen Grund, warum ich euch so nenne, und der heißt: Weihnachten. Ja genau, ich will euch nämlich erzählen, was ich vergangenes Jahr in der Vorweihnachtszeit erlebt habe. Und falls ihr es noch nicht gemerkt habt: Hier ist wieder Claudia Flunkert, Simon Flunkerts kleine, aber sehr viel lebhaftere Schwester. Während Simon noch überlegt, was er dieses Jahr seinen Freundinnen Sirpa und Sophie schenken könnte, erzähle ich euch, was ich selbst vor einem Jahr mit der Schenkerei erlebt habe.

Also: Es war der Montagmorgen des 4. Dezembers des Jahres 2000 nach Christi Geburt. Unser Klassenlehrer, der Herr Krummwerner, stürmte wie immer in den Klassenraum, um uns mit seiner guten Laune zu ärgern. Obwohl, so gut konnte seine Laune gar nicht sein, denn er erzählte uns: "Kinder, Kinder, mir ist am Wochenende vielleicht etwas hochgradig Dämliches passiert. Die Polizei hat mich in einer Radarfalle mit knapp Tempo 100 geblitzt." Aha. Meine Tischnachbarin Isabelle Karamel, die immer alles wissen möchte, fragte auch sogleich: "Wie schnell hätten Sie denn nur fahren dürfen?" Herr Krummwerner meinte: "Auf dem Schild stand 50. Aber ich dachte, das seien Euro." Ha ha. Solche Witze reißt er ständig. Wahrscheinlich hatte er den im Radio gehört.

Aber was er dann sagte, meinte er ganz ernst: "Kinder, ich denke, wir stricken dieses Jahr 'ne Sonderlocke." Das versteht ihr jetzt sicher nicht. Wenn Herr Krummwerner sagt, wir stricken eine Sonderlocke, meint er einfach, dass wir etwas Besonderes tun sollen. Eine Sonderlocke eben. Er erklärte: "Diese Weihnachtszeit wichteln wir uns was. Wir machen einen Jul-Klub, wie man in Schweden sagt. Das ist hochgradig weihnachtlich. Kann jemand den anderen verklickern, was das ist?" Es meldete sich Beat Lächerli, der alte Klugsch ... der alte Streber: "Hatschi! Oh, entschuldigcht, ichch habe michch erkchältet, oder? Also: Ichch komme zwar nichcht aus Schweden, sondern uus der Schweiz, oder, aber ichch weiß es trotzdem, oder? Wichchteln bedeutet, dass jeder in der ... hatschi ... Klasse einem anderen vor Weihnachtchen etwas schenkt, oder? Wem man das ... hatschi ...schenkcht, sucht man sichch nichcht selber aus, sondern ... hatschi ... das wird ausgchelost, oder? Lässigch, oder? Hatschi! Unkchule Erkchältung, oder?" Einige Kinder waren gleich ganz begeistert. Thomas Magerquark und Ella Keller jubelten: "Cooooool!", und Maike Theißen, die Schlägerin unserer Klasse, drohte: "Wehe, mir schenkt einer 'ne CD von André Rieu. Diesem geigenden Wischmob aus Holland! Wer mir sowas schenkt, dem hau' ich euch eins auf die Nuss!"

Herr Krummwerner ließ uns abstimmen, ob wir wichteln wollten oder nicht. Nur Frieder Nietzsche, Mies van Ekel, Nathalie Nörgel, Lorenz Leckmidoch und Daniel Motzenberg waren dagegen. Also würden wir wirklich wichteln. Jeder von uns schrieb seinen Namen auf einen kleinen Zettel und faltete den Zettel zusammen. Der Herr Krummwerner machte selbst übrigens auch mit. Dann ließen wir einen Hut herumgehen (genaugenommen war es der Fahrradhelm von Wolfgang Golfklang) und legten die Zettel mit unseren Namen hinein. Als der Helm bei Beat Lächerli angekommen war, musste der wieder ein paarmal niesen: "Hatschi! Hatschi! Hatschi, oder?" Wolfgang Golfklang machte ihn zur Schnecke: "Kannst du den Schweizkram ... äh, Schweinskram nicht lassen, du Ferkelfrosch?! Halt dir doch wenigstens die Hand vor die Nase, wenn du niest! Jetzt habe ich deinen Schnodder in meinem Helm!" Anstatt sich zu entschuldigen, wurde Beat rotzfrech: "Also, wem mein Nasenschleim nichcht passt, der kchann ja gehen, oder?" Damit war Herr Krummwerner natürlich nicht einverstanden. Nachdem der Helm einmal die Runde gemacht und jeder seinen Namenzettel hineingetan hatte, ging der Hut erneut herum. Diesmal zog jeder einen Zettel heraus. Das war sehr spannend, denn wessen Namen man zog, dem musste man ja das Geschenk machen. Dabei passierte Franz-Josef Wandbetong ein Missgeschick. Er grummelte: "Mist. Ich habe meinen eigenen Zettel gezogen. Na, ja. Dann schenke ich mir eben selbst etwas. Irgendwas, das nicht wieder explodiert." Auch ich zog einen Zettel. Aufgeregt rollte ich ihn auf und las den Namen: Ooooooooooh! Ausgerechnet! Ich hatte den Zettel von Bo Friesenkuß gezogen. Ihr müsst wissen: Bo Friesenkuß ist der coolste Junge in der gesamten Klasse. Der ist ja soooo süüüüühüüüühüüüß! Ich schwärmte schon lange für ihn. Aber das wusste er natürlich nicht. Das wäre mir nämlich peinlich gewesen. Der Herr Krummwerner erklärte noch: "Wir stricken uns noch eine Sonderlocke. Wir machen uns die Geschenke anonym. Niemand wird wissen, von wem er sein Geschenk bekommt. Der Schenker muss in jedem Fall geheim bleiben. Dann ist das hochgradig geheimnisvoll."

In den nächsten Tagen überlegte ich, was ich Bo schenken könnte. In einem Spielzeugladen entdeckte ich dann, was ich suchte: Eine Harry-Potter-Puppe. Ziemlich teuer, aber für meinen ... für Bo gerade gut genug. Zu Hause sprühte ich die Harry-Potter-Puppe noch mit meinem Lieblingsparfum ein ("La mort du rat", ein französisches Parfum), um mein Geschenk für Bo noch etwas persönlicher zu machen.

An einem der darauffolgenden Schultage fragte mich Herr Krummwerner: "Na, Claudia? Was bekommst du denn dieses Jahr am Heiligen Abend vom Weihnachtsmann?" Seine Neugier störte mich etwas, und ich antwortete schnippisch: "Keine Ahnung. Ich wäre schon froh, wenn ich dieses Jahr ausnahmsweise überhaupt mal 'was bekomme." Herr Krummwerner lachte. Und er fragte mich: "Was hättest du denn gerne?" Ich überlegte und sagte: "Am liebsten hätte ich Pferde." Ich rechtfertigte mich noch vor ihm dafür: "Ich bin halt auch nur ein Mädchen. Dafür kann ich schließlich nichts."

Und dann kam der große Tag. Die letzte Schulstunde am letzten Schultag vor Weihnachten. Als wir das Klassenzimmer betraten, war der Herr Krummwerner schon da. Alle Geschenke, die wir zuvor abgegeben hatten, hatte er auf dem Lehrertisch ausgelegt. "Ich weiß schon, was ich bekomme", murmelte Franz-Josef Wandbetong. Er hatte ja bei der Verlosung seinen eigenen Namen gezogen. Dann ging es los. Herr Krummwerner sagte: "Ich werde jeden von euch einzeln aufrufen. Und er - oder sie - holt sich das Geschenk dann ab."

Als erste wurde Maike Theißen aufgerufen. Sie rastete aus, als sie ihr Geschenk sah: Eine CD von André Rieu. Sie war hellauf begeistert. Sie brüllte: "Ich weiß ja nicht, wer von euch das war. Aber ich komme dir auf die Schliche, Witzbold! Und lass' dir gesagt sein: Du bist so gut wie tot!" Einige andere bekamen ganz vernünftige Geschenke. Beat Lächerli jedoch, der immer noch verschnupft war, bekam etwas ganz Abgefahrenes. Er wunderte sich. "Nanu, oder? Was ist das denn? Ein Toilettenreiniger, oder?" Plötzlich begann Wolfgang Golfklang ganz laut zu singen: "Wenn der Beat mal verschnupft ist, ja, was ist denn schon dabei? Dann nimmt er Abflussfrei, das macht die Nase frei, da nimmt man Abflussfrei, das macht den Beat hei!" Und er fügte noch hinzu: "Wenn's dir nicht passt, kannste ja gehen." Das tat Beat dann übrigens auch. Auch der Herr Krummwerner bekam ein Geschenk. Einen Eimer mit kaputtem Spielzeug. Er fand's lustig: "Da hat wohl jemand seine Mülltonne ausgeräumt." Er lachte ganz irre. Komisch war, dass Stefanie Pfeffernie nicht nur ein, sondern gleich drei Geschenke bekam. Es stellte sich heraus, dass Nathalie Nörgel und Mies van Ekel statt dessen gar keines kriegten.

Dann wurde Bo Friesenkuß aufgerufen. Mein Herz schlug ganz schnell. Wie würde ihm die Harry-Potter-Puppe wohl gefallen? Er ging nach vorne ... packte sie aus ... guckte sie sich an ... und fragte verwundert: "Was soll'n das sein?" - "Das ist Harry Potter", antwortete die halbe Klasse im Chor. "Das sagt mir jetzt gar nichts", meinte er gelangweilt. Er ging zurück an seinen Platz, roch noch an der Puppe und meckerte: "Bjäch! Und wie das Vieh stinkt! Bah! Wie 'ne tote Ratte!" Na, das war ja ein Reinfall! Gut, dass er nicht wusste, von wem er sein Geschenk hatte.

Ich bekam mein Geschenk als Letze. Ganz typisch übrigens. Ich packte aus - und war sehr erstaunt. Und enttäuscht. "Was ist denn das für'n Dreck?" fragte ich entgeistert. Es sah nämlich wirklich aus wie Dreck. Isabelle Karamel steckte ihre Nase in mein Geschenk, schnupperte daran, nahm etwas davon in den Mund und meinte: "Komisch. Riecht und schmeckt auch wie Dreck." Ich war verwirrt: "Wer schenkt mir denn zu Weihnachten Dreck?" Herr Krummwerner grinste und belehrte mich: "Wieso denn Dreck? Das sind Pferde. Du magst doch Pferde. Das da sind Blumento-Pferde. Eine ganz besondere Pferderasse." Isabelle, die noch kaute, sagte: "Quatsch. Das sind keine Blumento-Pferde. Das ist Blumentopf-Erde." Und Herr Krummwerner lachte hysterisch. Mir war nun klar, dass er es war, der mir diesen Streich gespielt hatte. Und ich beschloss, ihm nächstes Jahr ein Lehrbuch zu schenken: "Wie spiele ich einen Streich? - Ein Anfängerlehrgang in zehn leicht verständlichen Lektionen".

Hoffentlich habt ihr mit euren Geschenken mehr Glück.

Frohe Weihnachten wünscht euch

Eure Claudia Flunkert

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