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Hallo, Rübennasen!
Hier ist wieder eure Claudia Flunkert. Meine heutige Geschichte begann eigentlich in den Herbstferien in Holland. Weil wir nämlich abends mal Langeweile hatten, guckten wir eine Quizsendung im Fernsehen:
Dort stellte der Quizmaster dem Kandidaten gerade die alles entscheidende Frage: "Wie viel ist 2 mal 3?" Der Kandidat erschrak, kratzte sich am Kopf, und nach einigem Überlegen antwortete er: "Hmm - 8?" Jetzt erschrak der Quizmaster. Er wollte dem Kandidaten wohl gerade mitteilen, dass er verloren hatte, aber das Publikum brüllte im Chor: "Gib ihm noch eine Chance! Gib ihm noch eine Chance! Gib ihm noch eine Chance!" Der Quizmaster gab nach und sagte: "Nun gut, ich bin ja nicht so. Ich wiederhole die Frage noch einmal: Wie viel ist 2 mal 3?" Der Kandidat überlegte wieder und überlegte und überlegte und piepste dann: "Äh - 5?" Der Quizmaster schlug sich verzweifelt vor den Kopf, aber das Publikum brüllte im Chor: "Gib ihm noch eine Chance! Gib ihm noch eine Chance! Gib ihm noch eine Chance!" Der Quizmaster ließ sich erweichen und meinte: "Okay, okay. Ich wiederhole meine Frage ein weiteres Mal: Wie viel ist 2 mal 3?" Dem Kandidaten stand der Schweiß auf der Stirn. Er grübelte und grübelte und antwortete dann nach ewig langem Rechnen: "Tjääh - 6?" Der Quizmaster atmete erleichtert auf, aber das Publikum brüllte im Chor: "Gib ihm noch eine Chance! Gib ihm noch eine Chance! Gib ihm noch eine Chance!"
"Kosmocool!" dachte ich mir. "Wenn solche Blödtröten an einem Fernsehquiz mitmachen und Geld gewinnen dürfen, kann ich das schließlich auch!" Und wie es der Zufall so wollte, hatte ich dazu auch Gelegenheit, als wir wieder zurück in Deutschland waren. Für das berühmte Fernsehquiz "Ich wär' so gerne Millionär" mit dem noch berühmteren Quizmaster Gerd Gülle wurde nämlich eine Ausgabe für Kinder geplant. Also nur Kinder würden daran teilnehmen dürfen! "Kosmofett", meinte ich. "Da bewerbe ich mich! Da kann man, frau oder kind 1 Million Euro gewinnen, wenn man fünfzehn Fragen richtig beantwortet, und 1 Million Euro ist mehr, als ich jemals an Taschengeld bekommen werde." Ich schickte eine Postkarte an den Sender und schrieb, dass ich mich gerne für die Sendung bewerben würde - und ich wurde tatsächlich ausgewählt. Ich würde unter den zehn jungen Kandidaten sein, die zu Beginn der Sendung im Studio sein würden, und wer von denen eine Aufgabe am schnellsten richtig löst, würde um die Million kämpfen dürfen.
Ich war in den Wochen, Tagen und Stunden vor der Sendung natürlich tierisch aufgeregt, aber damit will ich euch jetzt nicht langweilen.
Jedenfalls saß ich irgendwann mit den anderen neun Kandidaten im Studio des Senders in Köln bei Düsseldorf, Publikum war auch da, die Scheinwerfer leuchteten, alle waren auf ihren Posten und der Aufnahmeleiter brüllte: "Hurra, wir fangen an!" Herr Gülle, der Quizmaster, trat wie ein Profi vor die Kamera und begrüßte die Zuschauer zu dieser "ganz besonderen Kinderausgabe" von "Ich wär' so gerne Millionär".
Dann wurde es ernst: "Um zu ermitteln, wer mit mir um die Million spielen wird, stelle ich unseren zehn Kandidaten eine Aufgabe. Übrigens sind unsere Kandidaten heute Heike Hass aus Hassbach, Willi Wöste aus Wetter-Wengern, Claudia Flunkert aus Sehnde, Lothar Lügt aus Leichlingen, Veronika Willnich aus Willich, Richard the Third aus England, Katja Kannja aus Bad Cannstadt, Erwin Derwisch aus Berlin-Kreuzberg, Renate Rastlos aus Rastatt und Thomas Drömmelda aus Sömmeda. Eure Aufgabe lautet: Ordnet die folgenden Zahlen in der richtigen Reihenfolge: a) 7 b) 4 c) 9 d) 5. Los!"
Na, das war ja einfach. Aber okay, schließlich spielten wir ja auf Zeit. "Gut - Schuhe beschlagen, äh, Ruhe bewahren!" dachte ich mir. Erst kommt die 4, also b eintippen. Dann 5, das ist d. Gefolgt von 7, sprich: a, und der 9 unter c. Fertig! Irgendwann brach der Moderator dann auch ab und sagte: "Na ja, das war ja eine lösbare Aufgabe. Wir woll'n mal schauen, wer das richtig hatte. Was? Nur drei? Richard the Third aus England in 24,3 Sekunden, Katja Kannja aus Bad Cannstadt in 4,5 Sekunden und Claudia Flunkert aus Sehnde in 4,4 Sekunden. Das heißt: Um die Million spielt mit mir: CLAUDIA FLUNKERT AUS SEHNDE!"
Wau, das war ja kosmogei... gut! Begeistert, aber gleichzeitig unheimlich nervös stand ich auf, und der Herr Gülle schüttelte mir die Hand: "Herzlichen Glückwunsch, Claudia. Du bist meine Kandidatin!" Unter dem Applaus des Publikums und den bösen Blicken der neun Kandidaten, die ich gerade aus dem Rennen geworfen hatte, führte mich der Herr Gülle zu meinem Stuhl und setzte sich selbst auf den Stuhl gegenüber. Ich nippte aufgeregt an dem Glas Wasser, das man mir netterweise hingestellt hatte, und der Herr Gülle stellte mich dem Publikum erst einmal vor: "Du bist also Claudia Flunkert ... " - "Stimmt." - "... du wohnst in Sehnde in der Nähe von Hannover ..." - "Stimmt." - "...du bist zwölf Jahre alt ..." - "Fast dreizehn!" - "... und deine Hobbys sind Leute ausschimpfen, anderen Kindern in den Hintern treten und Gummibärchen in Essig einlegen." Waaas? Das ärgerte und es wunderte mich: "Wer hat Ihnen das denn erzählt?" - "Das steht leider nicht auf der Karte, die ich hier habe. Hast du Geschwister?" meinte der Herr Gülle. "Na warte, Simon, du großer Bruder!" sagte ich wütend.
Aber um mich zu ärgern hatte ich jetzt gar keine Zeit. Der Herr Gülle legte nämlich sogleich los: "Die ersten fünf Fragen sind mehr zum Warmwerden gedacht. Ich hoffe, du wirst mit ihnen keine Probleme haben. Frage 1: Wie heißt die Hauptstadt von Russland? A) Moskau? B) Moskuh? C) Moskito? Oder D) Moschus?" - "Die Antwort ist A) Moskau." - "Richtig. Zweite Frage: Welche der folgenden Sportarten ist kein typisch amerikanischer Nationalsport? A) American Football? B) Baseball? C) Basketball? Oder D) Teebeutelweitwurf?" - "Das wird wohl der Teebeutelweitwurf sein." - "Stimmt. Dritte Frage: Welche der folgenden Pflanzen ist keine Blume? A) Rose? B) Tulpe? C) Grünkohl? Oder D) Veilchen?" - "Der Grünkohl, den würde ich mir nie in eine Vase stellen." - "Ich auch nicht. Richtige Antwort! Frage 4: Wer schrieb den Roman EMIL UND DIE DETEKTIVE? A) Erich Kästner? B) Erich Kistler? C) Erich Schachtler? Oder D) Erich Honecker?" - "Das war der gute alte Erich Kästner. Ist aber leider auch schon tot." - "Stimmt, stimmt. Frage 5: Was ist keine Musik? A) Hip Hop? B) Rap? C) Sherry? Oder D) Deutscher Schlager?" - "Das ist alles keine richtige Musik, aber was Sie meinen, ist C) Sherry. Das ist Schnaps." - "Genauso hätte ich es auch formuliert", sagte der Herr Gülle.
Puh, der Anfang war erst einmal gemacht. Gerd Gülle sagte zu mir: "So, jetzt kannst du erst einmal verschnaufen, denn die 500 sind dir schon mal sicher. In Ordnung, genug verschnauft, wir kommen zur 1000-Frage: Welcher Verein wurde 2002 Deutscher Rugbymeister bei den Herren? A) ASV Köln? B) DRC Hannover? C) Rugby-Klub Heusenstamm? Oder D) Heidelberger Ruderklub? Hä hä." Puh, Schwein gehabt. Ich antwortete: "Ich habe Glück, denn ich spiele selber Rugby. Die Antwort ist B) der Deutsche Rugby-Club Hannover." Der Herr Gülle staunte vor sich hin, aber er lobte mich.
Aber nicht lange, denn er meinte: "Kommen wir zur 2000-Frage: In welchem Land liegt die Stadt Genk? A) In den Niederlanden? B) In Belgien? C) In Luxemburg? Oder D) In der Schweiz?" - Ich hatte schon wieder Schwein: "Oh, cool, Genk, da ist meine Mutter geboren! Das liegt in Belgien!" -"Schon wieder richtig!"
Der Herr Gülle verlor keine weitere Zeit: "4000-Frage: Aus welchem Lande kommt Pan Tau? A) Aus Polen? B) Aus Tschechien? C) Aus der Ukraine? Oder D) Aus der Schweiz?" Auch das war für mich kein echtes Problem: "Die richtige Antwort ist Bäh - Tschächiän." - "Korräktä Aussagä!" bestätigte der Herr Gülle.
Und er fuhr fort: "Die 8000-Frage: Wer oder was ist Emmenthaler? A) Schweizer Käse? B) Ein schweizerischer Computerspezialist? C) Die schweizerische Geldeinheit? Oder D) Eine norwegische Giraffenart?" Ich dachte kurz nach und meinte dann: "Also, die schweizerische Geldeinheit heißt ‚Fränkli', norwegische Giraffenarten gibt es nicht, schweizerische Computerspezialisten wahrscheinlich auch nicht, und außerdem weiß ich, dass Emmenthaler Käse aus der Schweiz ist. A ist die richtige Antwort."
Der Herr Gülle grinste: "Genau. Du beginnst also langsam zu zocken. Der Käse ist natürlich richtig. Und schon sind wir bei der 16000-Frage: In welchem Land lebt das Schnabeltier? A) In Kanada? B) In Indien? C) In Australien? Oder D) In der Schweiz?" Ich meinte arrogant: "Es kann ja nicht alles in der Schweiz sein. Das Schnabeltier heißt auf Englisch Platypus und lebt in Australien."
Anstatt gleich "Richtig!" zu sagen, blickte der Herr Gülle plötzlich in die Kamera und sagte: "Das Schnabeltier? In Australien? Nicht in der Schweiz? Wohin es doch eigentlich passen würde. Ist jetzt schon alles vorbei? Oder kann Claudia Flunkert weiter um die Million kämpfen? Nach einer kurzen Werbepause erfahren Sie es."
Während der Werbepause räusperte sich der Herr Gülle ausgiebig und ließ sich die Nase putzen, und dann nach sieben Minuten begrüßte er die Zuschauer erneut: "Schön dass Sie wieder dabei sind, verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer. Das Schnabeltier sei in Australien beheimatet, sagte Claudia Flunkert. Und - das ist richtig. Herzlichen Glückwunsch, Claudia! 16000 sind dir jetzt nicht mehr zu nehmen." - "Ja, bisher war es auch noch gar nicht soooo schwer", meinte ich etwas hochnäsig. Er erinnerte mich: "Vergiss nicht, dass du noch deine drei Joker hast, Claudia. Außerdem erkläre ich dich spätestens ab jetzt zur gefährlichen Person."
Und dann ging's auch schon weiter: "Die 32000-Frage: Auf welcher Seite beginnt im Videotext des Ki.Ka die Gute-Nacht-Geschichte. A) 280? B) 459? C) 556? Oder D) 760?" Ich musste lachen und sagte: "Das wurde in den vergangenen Jahren zwar ständig geändert, aber im Moment ist es ab Seite 556. Also ist C die richtige Antwort." Herr Gülle versuchte noch fleißig, mich zu verunsichern ("Sicher? Wirklich sicher? Willst du nicht deinen großen Bruder anrufen? Der weiß es doch bestimmt ganz genau."), aber ich ließ mich nicht beirren. Und die Antwort war richtig.
Auch die 64000-Frage war nicht allzu schwer: "In welchem Land war bis ungefähr 1990 der private Autobesitz verboten? A) In Albanien? B) In Indonesien? C) In Bolivien? Oder D) In der Schweiz?" Ich sagte unbeirrt: "Albanien", und der Herr Gülle musste mir wieder Recht geben.
Mit der 125000-Frage hatte ich dann aber mehr Mühe: "Wer gilt als The King of Rock'n Roll? A) Johannes Heesters? B) Neil Diamond? C) Elvis Presley? Oder D) Albert Schweitzer?" Ich überlegte hin und her und entschloss mich dazu, das Publikum zu befragen. Der Herr Gülle wiederholte die Frage ganz laaaangsam für das Publikum, und die Leute stimmten per Knopfdruck ab: 0 Prozent waren für Johannes Heesters, 0 Prozent für Neil Diamond, 23 Prozent für Elvis Presley und 77 Prozent für Albert Schweitzer. Ich überlegte und meinte dann: "Nein, das kann nicht sein. Albert Schweitzer war Urwaldarzt. Ich nehme C - Elvis Presley." Herr Gülle gratulierte mir zu meiner Besonnenheit.
"Wir sind bereits bei der vorletzten Frage, Claudia - das ist die 500000-Frage: In welcher südafrikanischen Provinz liegt die Stadt Johannesburg? A) In Gauteng? B) Im Mphumalanga? C) In Kwazulu-Natal? Oder D) In der Schweiz?" Ich grübelte: "Das Publikum würde wahrscheinlich wieder ‚Schweiz' sagen, aber das glaube ich nicht. Ich bin mir aber unsicher, deswegen nehme ich den Fifty-Fifty-Joker." Auf meinem Monitor verschwanden "Mphumalanga" und "Kwazulu-Natal", und es blieben "Gauteng" und "Schweiz". Ich entschied mich für Gauteng, und Herr Gülle sagte traurig, betreten, ja geradezu deprimiert: "Das ist richtig. Und deswegen stelle ich dir jetzt die Millionenfrage. Konzentriere dich gut, Claudia!" Und ich konzentrierte mich gut.
Er sprach ganz langsam: "Wer wohnt seit dem 25. Oktober 2002 in der Wohnung im 3. Stock links in der Stefan-Steinbeißer-Straße 17 in Staßfurt? A) Karl Nacke? B) Jo Gurt? C) Jens-Peter Perlig? Oder D) Nicole Schweizmüller?" Ich atmete tief durch. Das war schwer! Sollte ich aufhören? Ich sagte: "Das ist schwer, Herr Gülle. Das ist sehr schwer, Herr Gülle. Das ist sehr sehr schwer, Herr Gülle. Deswegen rufe ich jetzt meinen Telefonjoker an. Und zwar ist mein Telefonjoker meine Brieffreundin Anita Bayermeier. Anita hat erstens eine sehr gute Allgemeinbildung - und zweitens wohnt sie in der Wohnung im 3. Stock RECHTS in der Stefan-Steinbeißer-Straße 17 in Staßfurt." Jetzt war es der Herr Gülle, der tief durchatmete. Aber wir riefen die Anita an. Ich las ihr die Frage vor, und sie sagte: "Na, das ist D, die Nicole Schweizmüller. Die hat 'nen ganz süßen Rauhhaardackel. Neulich hat sie mir erzählt, dass er mal in der Waschmaschine nach alten Knochen gesucht hat, und ..." Weiter kam sie nicht, denn nach dreißig Sekunden wurde die Leitung gekappt. Das machen die bei dieser Sendung so.
Egal, ich sagte also: "Antwort Deeeeh ist richtig", und Herr Gülle applaudierte: "Herzlichen Glückwunsch, Claudia! Du hast 1 Million Punkte gewonnen!" Ich war verwundert: "Wie - Punkte? Ich dachte: 1 Million Euro." Der Herr Gülle war belustigt: "1 Million Euro? Nein, nein. Das ist nur bei den Erwachsenen. Hier in der Kinderausgabe spielen wir nur um Punkte. Dachtest du etwa, du hättest auaaaa ....! " Das "Aua" ist ihm heraus herausgerutscht, weil ich ihm "versehentlich" vors Schienbein getreten hatte. (Ich hatte mir für die Sendung extra schicke Cowboystiefel mit Stahlkappen gekauft.)
Und so ging die Sendung zu Ende, und ich hatte das Gefühl, 1 Million Euro verloren zu haben.
Es grüßt euch arm wie eine Kirchenmaus
Eure Claudia Flunkert
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