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Simon und die Heimatlieder

Simon: Sounds Like Home


Simons Band "The Koalas" hat einen Auftritt im Gasthaus "Zur wilden Sau". Als sie merken, dass sich ihr Publikum aus den Bewohnern eines Altenheims zusammensetzt, wird ihnen klar, dass sie das falsche Repertoire haben. Blitzschnell müssen sie umdisponieren.

Simon's band "The Koalas" have a gig at the "Wild Sow" pub. When they see that their audience have come straight from the old people's home, they know they don't have a suitable repertoire. They'll have to improvise.


Daniel Roy, Bruehl, Deutschland
Malcolm McGookin, Asterisk, Brisbane (Queensland), Australien
Ki.Ka, Erfurt, Deutschland

Hi Mitkids!

Diejenigen von euch, die lesen können, wissen ja, dass ich vor einigen Monaten mit ein paar anderen aus meiner Klasse (Sepp Tember, Hewwi Mättel, Maria Killmich, Stracciatella Gerstenkorn, Marius Gröhlemeier und Tino Spätzle) eine Band gegründet habe. Wir nennen uns: "The Koala Band". Und inzwischen sind wir ja echte Weltstars - na ja, zumindest hier in Sehnde. Sehnde liegt übrigens östlich von Hannover im Bundesland Niedersachsen. Für diese Geschichte ist das nämlich wichtig zu wissen.

Aber nicht alle unsere bisherigen Auftritte waren große Erfolge. Manche "Gigs" (wie wir Musiker das nennen) waren ganz schön schwierig. Das lag manchmal an uns selbst (wenn wir einfach mies drauf waren), manchmal aber auch am Publikum. Und von so einem Problem-Auftritt will ich euch heute erzählen:

Wir waren für einen Auftritt im Gasthaus "Zur alten Sau" in Sehnde-Wassel engagiert worden. Alles war ganz normal - bis wir auf die Bühne kamen. Der Saal war voll - aber keiner klatschte, keiner johlte, keiner sagte überhaupt irgendetwas, keiner bewegte sich - und keiner war unter achtzig.

Das war jetzt ungewöhnlich. Normalerweise sind unsere "Fans" so alt wie wir selbst oder zumindest nicht viiiel älter. Die Leute im Publikum hier waren seeeeehr viel älter.

Trotzdem - Engagement ist Engagement. Wir "Koalas" guckten uns nur gegenseitig an und dachten uns: Das müssen wir jetzt durchziehen. Ich begrüßte also erst einmal unser Publikum: "Schönen guten Nachmitt ... äh, Tag. Ich bin Simon Flunkert, wir sind 'The Koala Band', und wir wurden eingeladen, heute für Sie zu spielen." Daraufhin sagte eine Männerstimme: "Ich bin Gustav Schneidezahn, wir sind die Bewohner des Altenheims Röschenhof, und wir wurden hergebracht, damit euch jemand zuhört." Ääääh ja - also, wir fingen erst mal an.

Als erstes spielten wir "Poison" von Alice Cooper. Ein Hard Rock Song - normalerweise gut geeignet, um dem Publikum erst einmal einzuheizen. Aber unseren Senioren NICHT! Keiner klatschte. Gut, es buhte auch keiner. Dann sang ich "Perfect Gentleman", eine Heavy-Nummer von Helloween - die Reaktion des Publikums war dieselbe wie vorher. Also gar keine. Dann sangen Maria Killmich und ich im Duett "Dead Ringer for Love" - von Meatloaf und Cher. Das Publikum schwieg. Die Stille war unerträglich. Grelle Pfiffe und fliegende Tomaten hätten uns weniger verwirrt.

Ich beriet mich mit den anderen. Stracciatella Gerstenkorn schlug vor: "Vielleicht sollten wir ein typisches Rentnerlied einstreuen. 'Can't Wait Until Tonight' zum Beispiel. Dafür ist niemand zu alt." Sepp Tember meinte: "Gute Idee, aber i hob noch a bessere. Schauts und hörts zu." Ihr müsst wissen, Sepp stammt ursprünglich aus Bayern, und bevor er zur richtigen Musik gefunden hat, hatte er jahrelang Volksmusik gemacht. Blasmusik, Jodelmusik, Zitherspiel und Alphorn - Sepp hat alles hinter sich.

Er trat ans Publikum und sagte - sogar auf Hochdeutsch, das er inzwischen kann, wenn er will: "Grüß Gott. Ich bin der Sepp Tember, obwohl wir ja gerade erst Frühling haben." Keiner lachte, aber Sepp blieb konzentriert: "Wir haben für Ssie natürlich auch ein Spezialprogramm - unsere individuellen Heimatklänge." Er schaute eine Dame in der zweiten Reihe gezielt an und fragte sie: "Wo ssind Ssie denn geboren, meine Dame?" Sie war zuerst etwas erschrocken, aber dann antwortete sie ihm: "Ich bin in Dungelbeck im Landkreis Peine geboren, mein Junge." Sepp tat erfreut: "In Dungelbeck? Wie schön! Ein Dorf zum Verlieben." Dann stellte er sich an sein Keyboard und begann, eine Melodie zu spielen, die mir bekannt vorkam. Dazu sang er sanft: "Ich hab' mein Herz in Dungelbeck verloren ..." Das kam an bei unserem Publikum! Okay, das Lied heißt eigentlich: "Ich hab' mein Herz in HEIDELBERG verloren" und nicht in "Dungelbeck", aber das sah niemand so eng. Schon nach der ersten Strophe schunkelte das Publikum mit.

Die Leute klatschten begeistert, als das Lied zu Ende war, und ein Herr aus der fünften Reihe rief: "Habt ihr auch ein Lied über Lehrte? Da komme ICH nämlich her." Sepp überlegte einen Moment - und strahlte. "Na klar!" rief er, und er begann wieder, zu spielen und dazu zu singen. Und zwar das Kufstein-Lied. Allerdings ohne Kufstein: "Kennst du die Steerneee, die Steeerneeee Tirooools? Das Stääääädtchen Leeeehrte, das kennst du woooohl." Das war natürlich Blödsinn. Lehrte liegt nicht in Tirol - es liegt noch nicht einmal in der Nähe von Tirol - und ein Stern ist Lehrte nun wirklich ganz bestimmt nicht. Und auch unser Publikum wusste natürlich, dass das Unsinn war - aber es hatte Spaß daran, schunkelte, lachte, freute sich und applaudierte begeistert.

"Habt ihr auch etwas über Vöhrum?", fragte eine begeisterte Dame. "Da habe ich über 85 Jahre gelebt." Sepp dachte nach, aber hatte Mühe, etwas zu finden. Doch Marius kam ihm zu Hilfe: "Oh, da kenne ICH ein schönes Lied. Ist aber ein bisschen moderner - ich hoffe, das stört Sie nicht." Er zupfte an seiner E-Gitarre und sang inbrünstig: "Vöhrum, ich komm aus dir - Vöhrum, ich häng an dir - Vohrum, ich bin aus dir - Vöhrum, ich liebe dir ..." Wir wissen nicht, was Herbert Grönemeyer zu dieser Verballhornung seines Hits "Bochum" gesagt hätte, aber egal - unserem Publikum gefiel auch dieses Heimatlied sehr.

Ein Herr Dampfmann, der in der achten Reihe saß, hatte einen ganz besonderen Wunsch: "Ich war fast fünfzig Jahre bei der Eisenbahn. Erst bei der Reichsbahn und dann bei der Bundesbahn. Habt ihr auch ein Eisenbahnerlied hier aus der Gegend?" Knifflig. Sehr knifflig - allerdings nicht für Tino Spätzle, unseren Schlagzeuger. "Kein Problem", sagte er, legte einen Trommelwirbel hin, der sich gewaschen hatte, und sang dazu: "Auf der niedersächsischen Eisenbahne werden viele Statione angefahre - Braunschweig, Peine, Hildesheim - Celle, Wolfsburg, Haferschleim." ("Haferschleim" ist nicht wirklich ein Ortsname, aber Tino hatte Mühe, in der Schnelle einen besseren Reim auf "Hildesheim" zu finden.)

Und so ging's weiter. Unser Publikum war nun wirklich in bester Stimmung, und auch wir hatten Spaß an diesem ... äh ... Spaß. Die Leute erzählten uns, woher sie kamen, und irgendeinem von uns fiel immer ein Lied dazu ein. So sangen wir zum Beispiel: "Wonderful, Wonderful Langenhagen", "I Lost My Heart in Herrenhausen", "I'm On My Way to Algermissen", "Es war in Schmedenstedt im Monat Mai", "Ich fand das ganz große Glück mit dir im Zug nach Osnabrück", "It Never Rains in Southern Altwarmbüchen", "In Hannover steht ein Landtagshaus - Oans, zwoa, g'suffa", "Mer losse den Dom in Königslutter", "Ölsburger Nächte sind lang", "Wenn bei Eixe die rote Sonne im See versinkt", "Sur le pont d'Adenstedt", "Mehrum Mehrum, ba di bi di bi", "Wärst du nur in Immensen geblieben - blöder Cowboy", "Zwei kleine Italiener - die träumen von Ilsede", "Sweet Home Hohenhameln", "Die Piroschka, die Piroschka, aus Vechel Vechelde", "Bültener Wein", "Streets of Peine", "Erbarmen - zu spät - die Arpker kommen", "Ich hab' so Heimweh nach dem Altenbekener Damm", "Wenn es Frühling wird, dann schick ich dir Tulpen aus Klein Bolzum", "Ganz Gifhorn träumt von der Liebe", "Ich hab' noch einen Koffer in Schwarmstedt", "In Hämelerwald ist Holzauktion" und "Country road - bring me home to the place where I belong: Isenbüttel". Tino Spätzle fand sogar ein Lied, in das Hannovers Stadtteil Calenberger Neustadt passte. Er sang auf Spanisch: "Y yo quiero bailar en la Calenberger Neustadt, si, yo quiero bailar en la Calenberger Neustadt, si, yo quiero bailar en la Calenberger Neustadt, coooon Maaacareeeena!"

Dann fragte eine ältere Dame: "Habt ihr denn gar kein Lied über Sehnde?" Das war meine große Stunde. Ich stimmte mich mit den anderen ab, und dann sang ich: "Klau'n, klau'n, Äppel woll'n wir klau'n, Ruckzuck über Zaun - ein tscheeeder aber kann das nich', aus Sehnde muss er sein..." - "Ach, ihr wart das!" rief plötzlich ein alter Mann aus der letzten Reihe. "Wie - ihr wart das?" fragte ich verwundert. Er brüllte: "IIIIIHR habt mir also jahrelang die Äpfel aus meinem Garten geklaut, ihr Lauser!" Das war natürlich Unsinn, und die anderen Leute im Publikum konnten ihn dann auch beruhigen: "Ist doch nur ein Lied, Ernst-Albrecht."

Es war ein rundherum gelungenes Konzert - trotz der fürchterlichen Musik.

Es grüßt euch gutgelaunt

Euer SIMON FLUNKERT

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