Mein Austauschjahr in Irland

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Geschichte des "CanadianRugbyGirl"

Die Gastfamilie Teil 2

Augen auf. Mach die Augen auf.
Ich blinzele ein paar mal und versuche den Wecker auf meinem Nachttisch zu fokussieren. Ich erkenne eine 9, also haben wir wohl kurz nach 9, vielleicht halb zehn. Das Zimmer in dem ich bin wirkt ungewohnt, ich sehe �ber mir eine unbekannte Dachschr�ge. Ich h�re Ger�usche von unten, leise Stimmen, das Kratzen der Hundekrallen auf dem Linoleum, Geschirrklappern.
Mein Zimmer ist leer. Ein paar meiner pers�nlichen Dinge stehen auf der Kommode neben meinem Fenster, meine Koffer versperren den letzten Platz auf dem Fu�boden. Ich beschlie�e aufzustehen, und diesen Tag in Angriff zu nehmen.

Die erste Dusche in meinem neuen Zuhause! Erfreut stelle ich fest, dass der Duschkopf so hoch h�ngt, dass ich fast aufrecht darunter stehen kann. Fast.
Ich achte unbewusst darauf, dass ich nicht zu lange im Bad brauche - keinen schlechten Eindruck machen.
Ich hoffe dass ich nicht viel zu lange geschlafen habe, aber es war wieder relativ sp�t letzte Nacht, Sandy und ich haben noch lange geredet, und ich kann mich nicht genau erinnern, wann ich eingeschlafen bin.

Als ich in die K�che komme, hat Sandy schon das Fr�hst�ck gemacht. Ron ist bereits seit ein paar Stunden weg, er hat mir am Abend vorher aufgeregt erz�hlt, dass er heute morgen mit seinem Schwager angeln gehen wollte.
Ich fr�hst�cke Toast und trinke ein Glass Wasser dazu - noch habe ich zu grosse Angst vor der Gewichtszunahme, die sich sp�ter bis zur v�lligen Verweigerung von Fr�hst�ck oder lunch steigern wird.

MJ ruft mich gegen Mittag an um zu fragen, ob wir gemeinsam unsere Kurse aus dem dicken Kursbuch, das wir Freitag bekommen haben, w�hlen wollen. Ich freue mich, und mir f�llt nach dem Auflegen ein, dass MJ vermutlich auch einen anderen Grund als die Kurswahl hatte, mich zu fragen ob sie vorbeikommen k�nnte. Ich bin mir selbst nicht so sicher, ob ich grade gl�cklich oder ungl�cklich bin, ob ich lachen oder weinen m�chte. Es ist ein merkw�rdiges Gef�hl - als w�rde man zwischen den Dingen schweben, und obwohl ich bereits mitten in meinem Austauschjahr drin bin, f�hle ich mich wie eine au�enstehende Beobachterin.

Das Warten auf MJ f�lle ich mit Einr�umen meines Zimmer. Es geht schneller als ich gedacht h�tte: Meine Kleidung f�llt ein paar B�gel im Wandschrank und die Kommode neben dem Fenster. Die kleinere Kommode unter dem Fenster benutze ich f�r Schulsachen, Unterlagen, all die Dinge die ich normalerweise in meinem Schreibtisch lagern w�rde. Die Regalbretter, die neben meinem Bett angebracht sind, dekoriere ich mit Fotos und Andenken von zu Hause. Es ist merkw�rdig wie ein paar Dinge von zu Hause das Gef�hl von zu-Hause-sein mit sich bringen k�nnen. Aber als ich an die Schicht in meinem dicht gepackten Koffer komme, wo ich die Abschiedsgeschenke meiner Freunde verstaut hatte, kriege ich einen ziemlichen Klo� im Hals. Da ist das Poster von Stefanie (Gummib�rchen mit "Ich vermiss' dich so sehr"), das selbstgemalte Bild von Friederike (Pinkes Herz auf schwarzgrauem Hintergrund, mit gro�em Schriftzug "Jemand liebt dich"), das Poster von den Jungs mit Snoopie und Schokoladenkeksen (es gibt da so eine unsch�ne Geschichte von mir, drei Packungen Schokoladenkeksen und etwa einer halben Stunde Zeit ), die vielen Fotos, die Ketten und Armb�nder, die ich jeden Tag tragen soll damit sie immer bei mir sind, usw. Es ist hart. Es ist hart diese Zeichen meiner Freunde in dieser neuen Welt aufzuh�ngen und hinzustellen und anzuziehen, in dieser Welt in der sie nie waren und niemals seien werden. Ein Jahr liegt vor mir. Ein Jahr! Ein Jahr bis sie mich wieder in die Arme nehmen werden. Es fehlt mir... sie fehlen mir! Wenn meine Mama mich jetzt
-STOP-
Nicht weiterdenken. Solche Gedanken bringen nichts. Lieber wieder runtergehen, fragen wo ich meine Koffer unterbringen kann und mir die Angelabenteuer meines Dads berichten lassen.
Ron und Sandy sind freudig �berrascht dass ich schon alles einger�umt habe - sie erw�hnen, dass die anderen ATS teilweise wochenlang aus ihren Koffern gelebt haben, da sie sich nie sicher waren, ob sie nicht doch wieder kurzfristig nach Hause fahren wollten. Ich erkl�re meinen Gasteltern, dass ich jetzt mehr das Gef�hl habe, zu Hause zu sein, und Sandy guckt ganz ger�hrt.
Ron geht ins Wohnzimmer und holt aus dem Schr�nkchen eine kleine Stereoanlage: "Wir dachten uns, du k�nntest Musik in deinem Zimmer gebrauchen. F�r uns reicht es ja, wenn wir das alte Radio hier unten haben, aber du hast doch bestimmt CDs und so dabei, nimm lieber die hier mit zu dir nach oben. Ach was, warte, ich bau sie dir schnell auf - falls ich in dein Zimmer darf?" W�hrend also meine neue Anlage installiert wird, kommt Sandy mit einem W�schekorb in mein Zimmer und stellt ihn in den Wandschrank: "Da tust du einfach deine dreckige W�sche rein, und ich wasch es dann zusammen mit unseren Sachen am Wochenende, falls dir das nichts ausmacht; bring sie einfach Freitags oder Samstags runter."

Als MJ schlie�lich kommt, sieht sie sich mein Zimmer ein paar Minuten schweigend an. Dann meint sie "Du bist dir also sicher, dass du hierbleiben willst?" Da sie nichts von dem Gespr�ch von gestern abend wei�, wundert mich diese Frage. Dann gesteht sie mir, dass sie es bei Don und Joan, der temporary family, zu der wir beide urspr�nglich kommen sollten, nicht sehr mag, und dass sie auch nicht dableiben wollen w�rde, wenn sie sie behalten wollen w�rden. Joan hat ihr aber erz�hlt, dass sie morgen in der Kirche �ffentlich machen will, dass MJ eine Familie sucht, also hat sie Hoffnung auf eine anderen endg�ltige Plazierung.
MJ wirkte von Anfang nicht auf mich wie ein Mensch, der sich mit dem zufrieden gibt, was er hat.

Wir versuchen Kurse zu w�hlen, da aber MJ halb an ihrer Hundeallergie (hab wohl vergessen zu erw�hnen dass ich jetzt zwei K�ter habe) verreckt und ich noch tausend offene Fragen �ber meine Einstufung in Klasse 11 oder 12 habe, sind wir nicht sehr produktiv. Wir h�ren bald wieder auf, MJ l��t sich abholen und meine Mom schlie�t die T�r hinter ihr mit den Worten: "Bin ich froh dass ich sie nicht ein Jahr lang ertragen muss" - und als die T�r mit einem mir schon fast vertrauten Ger�usch schlie�t, muss ich das erste Mal lachen, und gehe mit einem angenehmen Gef�hl ins Wohnzimmer um den zweiten Abend mit meinen Gasteltern zu verbringen.

Sonntag, 02. September 2001
Mein erster Sonntag mit meiner Gastfamilie - warum eigentlich erster Sonntag?! H�rt sich an, als w�re es etwas besonderes... Dabei ist, bzw. war es das eigentlich gar nicht. Nichts besonderes... aber am Anfang ist einfach alles besonders, glaube ich. Und schlie�lich gab es jeden Tag mehr zu entdecken... Und an diesem Sonntag w�rde ich entdecken, dass ich noch einiges vor mir hatte - sowohl gutes, als auch eher weniger gutes.

Nach einem sch�nen Fr�hst�ck mit Sandy und Ron (mir f�llt auf: Er tut irgendwie nicht viel im Haushalt - merkw�rdig) schl�gt mein Gastvater mir vor, dass wir spazieren gehen k�nnten, damit ich die Gegend kennen lerne und mich 'ein bisschen' auskenne. Nach zwei Stunden waren wir wieder zu Hause, und ich hatte einen ersten (bleibenden) Eindruck von Ron. Lieb ist er, keine Frage, aber irgendwas st�rt mich... Ich kann es nicht genau benennen; noch bin ich mir nicht sicher, was es ist, aber ich glaube, auch das wird bald kommen. Alles wird bald kommen.
Kurz nachdem wir zu Hause eingetroffen waren, kam der 'Rest' meiner neuen Familie: Mein �ltester Bruder Doug und seine Frau Tracie und mein Bruder Greg. Eine merkw�rdige Situation, diesen bis jetzt noch v�llig fremden Menschen pl�tzlich gegen�ber zu stehen und mit ihnen keine andere Gespr�chsgrundlage zu haben au�er "So, how's Germany?"....
Schnell stelle ich jedoch fest, dass Doug wirklich ein total netter Kerl ist, richtig interessiert (und nach meinem ersten Eindruck das 'Gehirn' der Familie!) und voller Fragen und Geschichten. Seine Frau wirkt allerdings recht abweisend, au�er kurzen Geschichten �ber ihren deutschen, l�ngst verstorbenen Urgro�vater kommt nicht viel von ihr. Greg, der j�ngere der beiden Br�der, ist eine Nummer f�r sich - ein knuffiger Teddyb�r von der s��esten Sorte, mit viel Herz und einem guten Sinn f�r Humor. Schon beim ersten gemeinsamen Mittagessen (es gibt den Fisch den Ron am Vortag geangelt hat) zoffen wir uns zum Spa�, die ganze Familie lacht herzlich mit.
Sandy strahlt mich immer wieder mit ihren blauen Augen an und ich kann ihr ansehen, dass sie bis jetzt ganz zufrieden mit mir ist. Ein sch�nes Gef�hl (auch wenn ich mich wie Ware aus einem Katalog f�hle, die zur Besichtigung geschickt worden ist...)
Nach einem sch�nen Familiennachmittag in der Sonne auf der kleinen Holzveranda verabschieden sich meine 'Geschwister' wieder. Ich sp�re, ich bin akzeptiert, und das Gef�hl verst�rkt sich, als Doug mir in den leuchtendsten Farben ausmalt, wie wir alle im Winter zusammen ski fahren werden. Er lebt in Kitchener, wenige Stunden n�rdlich, und da gibt es wohl einen kleinen niedlichen Skih�gel. Ich kann mich nicht vor dem Gedanken retten, dass ich die Alpen sehr, sehr stark vermissen werde....
Ein sch�ner Tag geht zu Ende.

Montag, 03. September
Das Leben besteht IMMER NOCH aus warten!!!! Es kann doch nicht wahr sein. Irgendwann muss hier doch endlich mal was passieren... Meine Eltern sind zu Hause, da es Labour Day ist (nationaler Feiertag), und ich bin mit MJ an der Schule verabredet, da wir ja heute unsere Kurse offiziell w�hlen sollen. Das zweite Mal in der leeren, totenstillen Schule, in dem fremden Sekret�riat, und schon habe ich den Eindruck, das Welten zwischen meinem ersten Zusammentreffen mit all diesen Menschen, die im n�chsten Jahr einen gro�en Teil meines Lebens ausmachen werden, und dem heutigen Tag.
Als MJ und ich im B�ro der Vize-Direktorin Platz nehmen, weist sie uns zuerst auf den 'dress code' der Schule hin, da MJ bauchfrei tr�gt und ihr Bauchnabelpiercing zeigt. Bei dem Gedanken, dass man kein bisschen Haut zwischen T-Shirt und Jeans sehen darf, wird mir ganz anderes - nicht weil ich das dringende Bed�rfnis habe, der Welt meinen Bauch zu zeigen, sondern weil es bei meiner L�nge ziemlich kompliziert ist, ein Top zu finden, dass auch im Sitzen bis �ber den G�rtel reicht. Wieder macht sich diese ungewohnte Angst, zuzunehmen und mit deutlich sichtbaren Fettpolstern aus meiner Kleidung zu quellen, breit. Eigentlich unverst�ndlich - mit meinen 63 kg bei 1,85m bin ich eher auf der d�nnen Seite und kann es mir sehr wohl erlauben, zuzunehmen. Aber ich glaube, was eigentlich dahinter steckt, ist diese Angst, in eine Statistik zu passen. So formuliert MJ es sp�ter, und es stimmt! Ich will nicht so den 90% aller ATS geh�ren, die zwischen 5 und 15 kg zugenommen haben; ich will nicht dass alles, was mir passieren wird, vorraussagbar ist und dass ich ein 'Standartjahr' verbringen werde. Das wichtigste, was ich mir im Moment vorstellen kann, ist Einzigartigkeit. Ich will einzigartig sein.
Aber zur�ck in das B�ro! Nach einigem Herumtippen f�llt unsere Vize Direktorin auf, dass wir leider noch gar nicht in den Computer eingegeben wurden, und das wir deshalb leider, leider auch keine Kurse w�hlen k�nnen. MJ und ich grinsen uns erleichtert an - das erspart uns die Situation, Mrs Jilderda erkl�ren zu m�ssen, warum wir leider noch keinen einzigen Kurs gew�hlt haben.
Einfach diese wahnsinnige Auswahl! Das Kursbuch liest sich wie ein Volkshochschulkursbuch gemischt mit dem Vorlesungsverzeichnis einer Uni. Von Schreinern und 'Autowerkstatt' �ber Sozialwissenschaft und Jura bis hin zu Theater und N�hen ist alles dabei. Und dieses Gef�hl, dass ich die absolute Wahl habe, was ich tun m�chte, macht mir die Entscheidung sehr schwer. Mir ist bewu�t, dass die Wahl von bestimmten Kursen den Ablauf meines Jahrs sehr festlegt - die Kurse bestimmen die Menschen, mit denen ich zusammenkommen werde, sie bestimmen wie motiviert ich in die Schule gehen werde; und da ich nat�rlich alles richtig machen will und die beste von allen Entscheidungen treffen m�chte und mein Schicksal so positiv wie m�glich beeinflussen m�chte - treffe ich keine Entscheidung...
Nach dem sehr erfolglosen Gespr�ch wird MJ von ihrer Gastmutter Joan abgeholt, die mich zum Mittagessen einl�dt. Ich sage kurz zu Hause Bescheid und gehe mit MJ in ihr temporary home. Ein sch�nes Haus, deutlich gr��er und vollgestopfter als meins, auf der anderen Seite des Highway 24, der gleichzeitig die Hauptstra�e von Simcoe ist.
Nach dem Essen verr�t MJ mir unter vier Augen, dass sie am Morgen mit ihren Gasteltern in der Kirche war, und das es wohl sehr sektenartig war. MJ ist streng katholisch und schw�rt mir direkt an Ort und Stelle, dass sie nie wieder einen Fu� in diese Sektenkirche setzen wird - und erz�hlt mir im gleichen Atemzug, dass es dort wohl eine Familie gibt, die sich f�r sie interessiert. Joan hat eine Ansage nach dem Gottesdienst gemacht, und die Familie von Kristen und Mark hat sich gemeldet. Jetzt dr�cken wir also MJ die Daumen, dass sie von Don und Joan wegkommt. Ich fange an, zu verstehen, was so schlimm an der Familie ist. Don ist selbstst�ndig und daher die meiste Zeit arbeitslos, und verbringt seine Freizeit am liebsten nur in Shorts im Wohnzimmer. Ekelfaktor ist ziemlich hoch.
Zu Hause w�lze ich noch einmal das Kursbuch, und vergleiche es mit dem Kopplungsplan, auf dem alle Klassen mit ihrer Zeit eingetragen sind, so dass ich sehen kann, welche F�cher ich �berhaupt kombinieren k�nnte. Ich mache mir schlie�lich zwei Beispiel-Stundenpl�ne, die mir gefallen, und lege die Schulsachen mit einem guten Gef�hl weg.
Nach dem Abendessen mit meinen Eltern beschlie�e ich, noch ein bisschen joggen zu gehen. Joggen gehen. Ha, sagt sich eigentlich ganz einfach! Ziemlich �berrascht merke ich, dass meine Gasteltern mir abkaufen, dass joggen f�r mich das Normalste dieser Welt ist. Also ziehe ich meine Shorts und Laufschuhe an, nehme meinen Walkman in die Hand und lasse die Fliegengitterhaust�r hinter mir zufallen. Die Sonne steht schon schr�g, aber es ist noch ziemlich hei�. Mir fallen die fremden Ger�che auf, die ich schon am Vortag beim Spaziergang aufgefallen sind. Die Blumen und das Gras duften anders, glaube ich.
Als ich auf die Stra�e trete und die Richtung einschlage, die Ron und ich gestern abgelaufen sind, wird mir bewusst, was ich grade tue: Dadurch, dass niemand mich wirklich kennt und wei�, wie ich 'wirklich' bin, nehmen sie alles hin, was ich vorgebe zu sein; das hei�t, wenn ich so tue als sei ich sportlich und gehe gerne joggen, dann glauben sie mir das. Anhand dieses kleinen, unbedeutenen Beispiels wird mir pl�tzlich bewu�t, wieviele M�glichkeiten mir offenstehen, mein Leben zu ver�ndern. Mit einem guten Gef�hl beginne ich das erste Mal au�erhalb vom Sportunterricht zu joggen - und �ndere mit dem ersten Schritt mein Leben.

Zur�ck
 
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