Ich habe die Geschichte mehrmals gehört und gelesen, bevor sie mir selbst passierte, und Sie werden sie kennen.
Der Taxifahrer in New York fragt mich nach meiner Nationalität, und als ich ihm sage, dass ich Schweizer sei, sagt er, er habe eine Schwester in Stockholm. Stockholm sei in Schwedern, sage ich. Das wisse er, sagt er. Schweden und die Schweiz lägen weit auseinander, sage ich. Das wisse er, sagt er, aber er habe eine Schwester in Schweden und ich käme doch aus der Schweiz und das sei doch in Schweden. Mein Englisch reicht nicht aus. Höflich formuliert er für mich und liest aus meinem hilflosen Gesicht, dass es sich umgekehrt verhalten müsse, dass also nicht die Schweiz in Schweden, sondern Schweden in der Schweiz liege. Immerhin, ich habe auch Taxifahrer angetroffen, die trotz geographischer Einordnungsschwierigkeiten etwas mehr über die Schweiz wussten: Fondue, Banken, Uhren.
Dabei ist absolut unvervorstellbar, dass ich einem Menschen aus Obervolta sagen würde, dass ich auch jemanden kenne in Kenya und dass er sagen würde, das sei nicht dasselbe, und ich ihm antworten würde, das wisse ich, aber - usw. usw. Ich habe die Länder, die ich hier wahllos aufgeschrieben habe, von einer Weltkarte, die ich mir letzte Woche gekauft habe.
Ich habe die Weltkarte gekauft, weil ich wissen wollte, wo denn die Südmolukker leben.
Ohne ihren Terrorakt hätte ich wohl nie von ihnen erfahren. Offensichtlich kann man mich nur mit Gewalt und Gewaltakten dazu bringen, mich für die Geographie zu interessieren. Terrorismus ist zu einem Informationsmittel geworden.
Ich frage mich, ob ich durch meine Unkenntnis in Geographie nicht irgendwie mitschuldig bin am Terrorismus, denn wenn Terrorismus ein Mittel der Information ist, dann dient es ja dazu, die Uninformierten zu informieren und ich bin ein Uninformierter.
leggermente abbreviato da: Peter Bichsel, Geschichten zur falschen Zeit, Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1979: 44-45
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