Woche 9:

Freitag, 18. August 1995 Chipata - Livingstone
Samstag, 19. August 1995 Livingstone - Victoria Falls
Sonntag, 20. August 1995 Victoria Falls
Montag, 21. August 1995 Victoria Falls - Hangwe National Park
Dienstag, 22. August 1995 Hangwe National Park - Plumtree
Mittwoch, 23. August 1995 Plumtree - Mafikeng
Donnterstag, 24. August 1995 Mafikeng - Kimberley

Freitag, 18. August 1995

Nach zwölfeinhalb Stunden „Schlafen-Unmöglich" - Fahrt erreichten wir morgens um halb fünf Sambias Hauptstadt Lusaka. Da Lusaka außer einer hohen Kriminalitätsrate nicht sonderlich viele Attraktionen zu bieten hat (ähnlich Dar, Nairobi etc.) entschieden wir und Jonathan sowie Phil und seine Jungs aus den Staaten, die ebenfalls in der Blechbüchse hier ankamen, daß wir sofort weiter fahren. Unser Ziel war die Attraktion Sambias schlechthin: Die Viktoria-Fälle, die gleichzeitig die Grenze zu Simbabwe bilden. Glücklicherweise kamen wir in der Hauptbusstation Lusakas an und fanden einen leider noch leeren Minibus nach Livingstone, das nur knapp 10 km von den Vic-Falls entfernt liegt.

Gegen 7h00 morgens war dann endlich der Minibus nach sambischen Maßstäben voll. Wir merken langsam, daß wir das tiefste Afrika verlassen, denn der Füllgrad in Sambia ähnelt schon fast dem in Europa wieder. Für 6000 Kwacha sollten wir heute nachmittag schon im 450 km entfernten Livingstone sein. Leider mußten wir natürlich die Kwacha schwarz tauschen und wir hatten über den Wechselkurs überhaupt keine Ahnung. Aber wir wurden nicht so sehr verarscht. Normalerweise bekommt man für 1 US$ 900 Kw. Wir bekamen morgens um halb fünf in der Busstation 750 Kw. Angesichts der Uhrzeit und der Location kein allzu schlechter Deal, zumal wir keine größere Summe tauschten. So hofften wir einmal mehr nun ohne große Probleme die letzte große Distanz per Bus hinter uns zu bringen. Denn ab den Vic-Falls sollte es per Bahn bis nach Kapstadt gehen. Die Hoffnung hielt ganze 100 km, denn dann wurde unser Fahrer bei den in Sambia häufig stattfindenden Polizeikontrollen angehalten. Die verlangten Papiere besaß unser Fahrer anscheinend überhaupt nicht. So wurde das Problem wieder einmal auf afrikanische Art und Weise geregelt: Man diskutiert erst einmal lange und gründlich, ehe es dann aufs Polizeirevier geht. Die Passagiere werden über die Vorgänge einfach nicht informiert und im Minibus zurückgelassen. Nach einer halben Stunde Aufenthalt auf der Polizeistation war dann alles gütlich geregelt!!!

Nach weiteren 50 km Fahrt war es dann nicht die Polizei, die unseren Plänen eventuell einen Strich durch die Rechnung machen sollte, sondern die sich verabschiedende Kupplung des Minibusses. Wir dachten uns, es ist noch früh am Tag und „Carpe diem" wurde mittlerweile unser Motto der Tour. Deshalb gaben wir nicht mehr viel auf den Minibus und versuchten einen „Lift" zu bekommen. Denn eine defekte Kupplung sollte eigentlich jedes Fahrzeug an der Weiterfahrt hindern. Nach einigen Minuten hielt ein Minibus der staatlichen Touristenorganisation. Da dieser noch richtig freie Plätze hatte, entschieden wir drei und Jonathan, die 3 US$ pro Person an den Fahrer des Touribuses zu zahlen, um uns mitzunehmen. Phil und die anderen waren anscheinend noch abgebrannter als wir, und entschieden sich, auf die Mechanikerkunst der Afrikaner zu vertrauen. Natürlich war unsere dekadente Aktion einfach den Bus zu wechseln typisch für Touristen. Aber wir wollten unbedingt heute noch an die Vic- Falls gelangen, denn dies würde sicherlich einer der Höhepunkte der Tour werden, auf den wir in keinem Fall verzichten wollten. Schließlich mußten wir in 11 Tagen in Kapstadt sein. Bei den vielen Pannen und unvorhergesehenen Ereignissen konnten wir gar nicht schnell genug die Bahnstrecke Vic-Falls - Kapstadt erreichen.

In den 3 US$ Fahrpreis waren dann sogar Sandwiches und Cola inbegriffen. Ein Service, der uns Vieren besonders entgegenkam. Schließlich hatten wir gestern Mittag in Lilongwe das letzte Mal etwas Vernünftiges gegessen. Die restlichen 300 km genossen wir als eine angenehm unspektakuläre Fahrt inmitten von amerikanischen Touris. Natürlich hatten wir ein schlechtes Gewissen Phil, die anderen Jungs und die afrikanischen Mitfahrer im Stich zu gelassen zu haben. Um so erfreuter waren wir, als sich später herausstellte, daß der Bus mit Gummischläuchen wieder auf Vordermann gebracht wurde, und die Jungs am Abend ebenfalls in Livingstone ankamen.

Nachdem wir noch schnell etwas in Livingstone gegessen hatten, ging es mal wieder in eine Traveller - Herberge der besten Kategorie. Ian, ein etwas abgedrehter und anscheinend oft alkoholisierter, aber total netter und hilfsbereiter Engländer, der in einem „früheren" Leben Devisenhändler in Frankfurt war, und dem dann plötzlich alles „f..… up" in Europa vorkam, ist der stolze Besitzer dieses Backpacker Hostels. Für 5000 Kw. konnten wir endlich wieder einmal in richtigen Betten schlafen, nachdem wir in Malawi ja den Golfclub-Urlaub im Zelt vorzogen. Für mich war dies eine ganz besondere Erholung, war doch meine Therm-a-Rest Matte seit Palmyra in Syrien leicht beschädigt, so daß ich jeden Morgen auf einer platten Matte aufwachte. Ian wollte uns unbedingt überzeugen, Rafting und Bungee Jumping an den Vic-Falls mal auszuprobieren. Aber eigentlich wollten wir keinen Action-Aufenthalt hier verbringen, denn den hatten wir ja schon in Malawi auf der Lychenia Hütte kostenlos bekommen. Vielmehr wollten wir die spektakulären Wasserfälle anschauen. Deshalb hatte Ian zunächst keine Chance, und wir nahmen ein Sammeltaxi hinunter zur sambischen Seite der Fälle.

Es ist unbeschreiblich, welch schönes Wunder der Natur sich hier uns dargeboten hat. Die Wasserfälle sind so hoch, daß das Wasser, ehe es unten ankommen kann schon völlig zerstäubt ist. Es bilden sich immer wieder Regenbogen, und die Kraxelei oberhalb oder neben den Fällen entlang ist echt atemberaubend. Nachdem wir lange einfach dem Rauschen des Sambesi zugehört haben, ging es dann nach Sonnenuntergang wieder heimwärts nach Livingstone.

Dort hieß es in Ian's Hostel ein letztes Mal das Moskitonetz aufbauen, denn morgen auf der zimbabwischen Seite der Fälle schliefen wir nochmals (leider) im Zelt. Danach verlassen wir das Malariagebiet und können endlich wieder ohne Moskitos die Nächte verbringen. Die Ma- lariatabletten hingegen müssen wir noch 4 Wochen einnehmen, da die Inkubationszeit für Malaria bis zu einem Monat beträgt. Ian hat sich abends dann noch einmal bemüht, uns zu einem Rafting-Trip mit Hilfe von spektakulären Videos zu überreden. Doch er ist noch einmal damit bei uns gescheitert.

Samstag, 19. August 1995

Heute hieß es wieder Abschied nehmen von Ian's Backpacker Hostel. Er gab uns noch ein paar wertvolle Tips zum Übernachten in Kapstadt, und wir sollten uns noch die Vic-Falls vom Upper Sambesi anschauen, bevor wir Sambia verlassen. In der Tat war die Sicht von oben auf die Wasserfälle aus einer ganz anderen Perspektive wirklich wunderschön. Danach nahmen wir auch Abschied von Sambia und es ging über die alte Victoria-Falls Bridge, von der sich todesmutige Bungee-Jumper stürzen, nach Simbabwe. Dadurch, daß wir dieses Mal nicht mit einem Bus die Grenze überquerten, gingen die Formalitäten schnell voran und nach ein paar Minuten war schon alles erledigt. Das nächste Dorf mit dem gleichen Namen wie die Wasserfälle liegt nur wenige hundert Meter hinter der Grenze.

Nachdem wir das Zelt auf dem Campingplatz aufgestellt hatten, ging es zum „Whimpy's" Fast Food futtern. Hier merkten wir zum ersten Mal, daß wir das chaotische, unorganisierte, spontane, lebhafte, und liebgewonnene Afrika auf der anderen Flußseite zurückgelassen hatten. Alleine die Tatsache, daß es hier eine Dependance einer amerikanischen Fast Food Kette gibt (den letzten Mc Donald's gab's in Kairo) machte uns klar, daß wir langsam wieder in die westliche „Kultur" hineinreisten. Dies merkten wir auch an der Zusammensetzung der Tou- risten. Waren es seit Ägypten eigentlich nur Rucksacktouristen oder Studienreisende, die uns begegneten, trafen wir nun bei „Whimpy's" wieder die typische (deutsche) Pauschaltourifamilie mit Kind und Kegel. Dies soll keinerlei Abwertung dieser Menschen bedeuten, wir merkten lediglich, daß sich unsere Tour langsam aber sicher dem Ende zuneigte, und wir bald wieder in unseren Alltag treten mussten.

Die Tatsache, wieder in der „Zivilisation" zu sein, hat aber auch seine guten Seiten. Mittlerweile sind wir nämlich wirklich knapp bei Kasse. Ian hatte uns mit seiner Rafting-Video-Show schon ziemlich heiß gemacht. Aber auf dieser Seite der Fälle liegt das Paradies des Aktion-Natur-Liebhabers schlechthin. Meik und ich erlagen den Versprechungen der Veranstalter einer Kanu Tour auf dem oberen Sambesi. Diese Entscheidung ist uns natürlich wesent-ich leichter gefallen, als wir erfuhren, daß die bisher völlig wertlosen Plastikkarten nun plötzlich akzeptiert wurden. Denn Cash-mäßig war unsere Lage äußerst ernst geworden. Somit mußten alle nicht notwendigen Ausgaben nun entweder unterlassen werden oder per Kreditkarte beglichen werden. Da die Kanu Tour erst am Montag stattfinden würde, und am Sonntag noch nichts geplant war, ließen Martin und ich uns auch zu einem Rafting-Trip auf dem Sambesi unterhalb der Fälle überreden.

Sonntag, 20. August 1995

Gespannt und auch ein wenig ängstlich ging's zum White-Water-Rafting Treffpunkt. Bei Croissants und Tea gab es die theoretische Einweisung in diesen Actionsport. Danach fuhren wir mit einem Lastwagen wieder auf die sambische Seite der Falls. An der Grenze lernten wir wieder einmal, daß mit Geld alles geht, denn unser sambisches One-Entry Visum war ja bereits benutzt. Gegen eine Gebühr von ein paar Dollar, organisierten unsere Veranstalter sofort ein neues (Tages-)Visum alleine um in Sambia Raften zu gehen!!! Mit Life-Jacket und Schutzhelm bewaffnet wanderten wir dann hinunter in die Sambesi-Schlucht direkt unter die imposanten Wasserfälle. Bevor es richtig losging, machten Saimon und wir 8 Rafting-Newcommer noch einige Übungen, die das große Schlauchboot im Gleichgewicht halten sollen, wenn es droht, bei einer Stromschnelle (Rapid) sich zu überschlagen.

Dann nahmen wir den ersten von insgesamt 18 Rapids in Angriff. Vor dem Rapid gleitet das Boot gemächlich den Sambesi entlang. Die Schlucht ist direkt unter den Wasserfällen besonders eng und tief eingeschnitten. Es war schon ein komisches Gefühl in einem großen Schlauchboot „direkt ins Verderben" reinzuschwimmen. Denn plötzlich geht alles ganz schnell: Das Boot wird in den Rapid praktisch hineingezogen, es beschleunigt auf einmal und schon befindet man sich direkt in dem Rapid, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Das Boot taucht kurz nach vorne unter ehe es im nächsten Augenblick noch oben gerissen wird und fast senkrecht in der Luft steht. Haben sich die vorderen Rafter genug weit genug aus dem Boot nach vorne gehängt, um es zu stabilisieren, fällt es im nächsten Augenblick nachdem es den Rapid durchbrochen hat nach vorne. Wurde nach vorne hin nicht genug stabilisiert, überschlägt sich das Boot und alle fallen heraus bzw. unter das Boot. Daher sind Helm und Schwimmweste überlebenswichtig. Begleitet wird das Schlauchboot übrigens von erfahrenen Kanuten, die die krassesten Actionszenen filmen, aber auch verschollene Rafter wieder aufspüren. Diese Art von Action zog uns mit jedem weiteren Rapid in unseren Bann. Die ersten sechs Rapids überstanden wir ohne Probleme, doch bei Rapid Nummer 7 standen wir tatsächlich für einige Zehntel Sekunden senkrecht mit dem Boot im Wasser, ehe es das Schicksal doch noch einmal gut mit uns meinte, und das Boot dann doch im letzten Moment nach vorne über kippte.

Jonathan, den wir zufällig heute Morgen beim Briefing wieder trafen, raftete schon zu Hause in den Staaten den Colorado hinunter. Deshalb war er mit einem Boot der „Experienced Rafter" unterwegs. Während in unserem Anfängerboot nur Saimon, unser Guide, ein riesiges Ruder am Heck des Bootes zu Steuerung und zum Paddeln hat, müssen auf Jonathan's Boot alle paddeln und können sich im Zweifelsfalle nicht am Bootsrand festhalten. Deshalb versuchen die Jungs durch die Rapids möglichst schnell hindurch zu paddeln, bevor sie durch zu geringe Geschwindigkeit, so wie wir, durch die Luft gewirbelt werden. Denn sie müssen schließlich auf ihr Paddel aufpassen und fliegen im Moment, in dem das Boot in der Senkrechten steht, natürlich aus dem Boot. Dadurch wird der Trip von Jonathan's Gruppe nicht gerade langweiliger. Anfangs waren wir mit unserer Methode des Ausbalancieren und Festhaltens genug beschäftigt, doch mit der Zeit änderten wir unsere Meinung und sagten uns: „Next time paddeling!" .Und in der Tat flippte dann auch wenig später Jonathan's Boot und alle wurden durch die Luft gewirbelt. Aber alle kamen hinter dem Rapid wieder wohlbehalten an und tauchten wortwörtlich wieder auf.

Nachdem wir alle 18 Rapids (mit einer Ausnahme, da dieser Rapid als zu gefährlich gilt) überstanden hatten, waren wir total kaputt. Doch nun mußten wir auch noch unser Boot die Sambesi-Schlucht wieder nach oben bringen. Nach einem langen Rafting Tag war dies absolut kein Vergnügen. Aber oben wurden wir mit einigen Castle-Lager für das Boothinaufschleppen belohnt. Mit dem LKW ging's dann auf einer Holperpiste auf sambischen Territorium wieder zurück zur Vic-Falls-Bridge. Da sich fast alle auf den ersten LKW zwängten, blieben lediglich wir und ein paar andere Jungs für den zweiten LKW zurück. Weil auf diesem auch die Kühltruhen für das Castle-Lager sich befanden, wurde die Rückfahrt durch die afrikanische Savanne zu einem feucht-fröhlichen Partygelage der besonderen Art.

Abends in der Ilala-Lodge wurden die Videosequenzen des Raftingtages dann zu einem Ac- tion-Thriller professionell zusammengeschnitten. Dazu lief zum ersten Mal, seitdem wir in Damaskus israelische Radio hörten, wieder für unsere Ohren anständige Musik; ein weiteres Zeichen, daß wir das wahre Afrika langsam verlassen. Wir waren von der Aufmachung des Abends wirklich überrascht und wir empfanden diese dekadente Videoparty, um ehrlich zu sein, als angenehme Abwechslung vom Tour Alltag.

Montag, 21. August 1995

Nachdem Meik gestern den Tag alleine an den Fällen verbrachte, war heute Martin derjenige, der an den Fällen alleine verblieb. Meik und ich gingen zusammen mit Jonathan und 9 anderen Touris auf Kanufahrt auf dem Upper Sambesi, d. h. auf dem Flußteil oberhalb der Fälle. Mit dem Jeep ging es über eine Buckelpiste 20 km flußaufwärts. Auf der Fahrt dorthin sahen wir glücklicherweise zum ersten Mal Hippos (Flußpferde oder Nilpferde) in voller Größe am Fluß herumlungern. Diesen Anblick konnten wir ja in der Masai Mara in Kenia nicht bekommen, da diese Dickhäuter bekanntlich die meiste Zeit des Tages im Wasser verbringen.

Nach einigen Instruktionen gab es erst einmal ein gutes English Breakfast in kolonialer Tradition direkt am Fluß unter freiem Himmel. Mit vollem Magen bestiegen wir anschließend unsere Boote und übten im seichten Gewässer, bevor es dann im Hauptstrom richtig losging. Es war eine wunderbare Zeit, den Fluß in gemütlicher Geschwindigkeit hinunterzupaddeln und die abwechslungsreiche Uferlandschaft zu genießen. Wir sahen viele verschiedene Vogelarten und ständig Hippo-Ohren aus dem Wasser ragen. Die Hippos waren für uns und die Boote dann auch die größte Gefahr, denn wären wir auf ein Hippo drauf gefahren, hätte dies sicherlich nicht begeistert reagiert. Doch unser Guide, der ständig vorneweg fuhr, hatte alles im Griff und umpaddelte immer wieder die lauernde Hippogefahr im Wasser. Was wir erst später erfuhren war der Konzentrationsgrad an Krokodilen im Oberlauf des Sambesi. Statistisch gesehen lebt hier alle hundert Meter ein Krokodil am Ufer!!! Diese sind ungefährlich solange man sich im Boot befindet. Deshalb mußten wir vor allem darauf achten, nicht zu kentern. Ab und zu mußten wir allerdings auch durch einige Minirapids hindurch, die unsere kleinen Kanus ganz schön heftig durchschüttelten. Dies erinnerte mich ziemlich an den Rafting-Trip von gestern. Nachdem wir den Sambesi bis kurz vor die Falls durchgepaddelt sind, ging es dann wieder zurück ins Dorf.

Heute hieß es nun Abschied nehmen von Jonathan, der uns die letzten Tage seit Lilongwe begleitet hat. Er war ebenfalls auf einem Afrika-Trip von Nairobi nach Kapstadt. Leider mußten wir ja schon bald wieder nach Hause, so daß wir uns leider nicht noch einmal irgendwo unterwegs treffen konnten. Abends am Bahnhof von Viktoria Falls stand dann unser Ziel der Reise zum ersten Mal auf einem Schild: Cape Town 2651 km! Nachdem wir ca. 15000 km zurückgelegt hatten, war dies natürlich nur noch ein Katzensprung. Zumal wir nun eigentlich nur noch mit der Bahn unterwegs sein würden. Ob der Rest der Reise wirklich so easy sein würde, stellte sich dann bald heraus. Von Victoria Falls aus ging es heute Nacht mit dem Zug ins 451 km entfernte Bulawayo, die zweitgrößte Stadt Simbabwes. Der Zug ist noch ein Relikt aus der Kolonialzeit. Für umgerechnet 15 DM fuhren wir im Schlafwagen erster Klasse Bulawayo entgegen. Die Abteile waren holzvertäfelt und wir kamen uns ein bißchen vor, wie im Orientexpress. In gemütlichem Tempo (ca. 30 km/h) zuckelten wir in den Sonnenuntergang im Hangwe-Nationalpark, ohne allerdings noch einmal die imposanten Bewohner der afrikanischen Savanne zu Gesicht zu bekommen.

Dienstag, 22. August 1995

Pünktlich um sieben Uhr morgens erreichten wir Bulawayo. Als erstes mußten wir uns hier wieder um die Weiterfahrt kümmern, ähnlich wie vor 9 Wochen in Budapest oder Bukarest. Keiner wußte nämlich in Victoria Falls, ob und wie wir nun mit dem Zug die letzten 800 km bis zur südafrikanischen Grenze hinter uns bringen könnten. Glücklicherweise fuhr um 14h35 ein Zug nach Lobatse in Botswana, dem Grenzort nach Südafrika. Wir waren wirklich nur noch ein Zugticket von unserem Zielland entfernt! Doch der Preis für das Ticket in Höhe von 70 DM brannte ein noch größeres Loch in die schon leere Reisekasse, denn wir mußten wieder 1. Klasse fahren, da die günstige 2. Klasse schon ausgebucht war. Die letzten Simbabwe Dollar gaben wir in Bulawayo für ein gutes Frühstück aus. Die Stadt hat leider außer einem riesigen Kraftwerk nicht sonderlich viel zu bieten. Aber Martin fand für seine sich an die Tour anschließende Ausbildung ein paar gediegene Schuhe für umgerechnet 20 DM! Nach diesem kurzen Shopping Trip auf Kreditkarte ging es wieder zum Bahnhof zurück.

Pünktlich um fünf nach halb drei fuhr der Zug in Richtung botswanische Grenze. Die Wagen der ersten Klasse waren dieses Mal leider keine Relikte aus der Kolonialzeit, sondern moderner Art. Die nüchtern gestalteten Abteile behagten uns zwar nicht, aber dafür gab es in jedem Wagen eine Dusche, die von uns natürlich sofort belagert wurde. Nach 2 Stunden Fahrt erreichten wir die Grenze bei Plumtree. Nach weiteren zwei Stunden Aufenthalt waren dann die Einreiseformalitäten für unser vorletztes Land erledigt, und wir fuhren in die botswanische Nacht hinein. Da wir wieder einen Schlafwagen gebucht hatten, wurde die Nachtfahrt, wie die Fahrt zuvor zu einer angenehmen Nacht, die uns unserem Ziel wieder 800 km näher brachte.

Mittwoch, 23. August 1995

Als wir erholt um halb acht aufwachen, dachten wir, der Zug brauchte noch mindestens eineinhalb Stunden bis nach Lobatse, da er dort eigentlich erst um 09h00 eintreffen sollte. Deswegen ließen wir uns beim Packen richtig Zeit. Doch plötzlich hielt der Zug an. Meik schaute aus dem Abteilfenster und sah das Schild „Lobatse". Der Zug hatte doch tatsächlich Verfrühung. So etwas waren wir aus Deutschland natürlich nicht gewohnt und mußten uns beei- len, noch aus dem Zug zu gelangen, bevor dieser auf ein Abstellgleis weiterrollte.

Lobatse ist ein typisches Grenzkaff am Rande der Kalahari Wüste. In dieser Einöde gab es rein gar nichts Interessantes zu entdecken. Wir saßen nun in der Morgensonne auf dem Bahnsteig und warteten auf den Anschlußzug, der uns über die Grenze nach Mafikeng in Südafrika bringen sollte. Nach einer halben Stunde rollte dann der 3. Klasse Zug in den Bahnhof ein. Die 3. Klasse war für uns im Gegensatz zu den Matatus in Kenia der reinste Luxus. Auf Holz- bänken hatte tatsächlich jeder ein bißchen Platz, seine Beine auszustrecken. Um 9h00 setzte sich der Zug in Richtung Grenze in Bewegung. Nach etwas mehr als einer Stunde Fahrt hat- ten wir die letzte Grenze unserer langen Reise erreicht: Wir trafen in Südafrika ein!!!

Die Grenzbeamten waren freundlich, gaben uns aber nur eine Aufenthaltserlaubnis bis zum 30. August, da auf diesen Tag unser Flugticket nach Deutschland ausgestellt ist. Nun wurde uns bewußt, daß die Reise wirklich langsam aber sicher zu Ende ging. Im Grenzbahnhof von Mafikeng erwartete uns dann auch das Schild: Cape Town 1400 km!!!

Dort wollten wir unsere Weiterfahrt in Richtung Johannesburg organisieren. Doch, der Technik sei dank, erfuhren wir, daß ab Jo'burg kein Platz im Zug nach Cape Town bis zum 26. August frei sei. Daher entschieden wir uns heute in Mafikeng zu bleiben, um morgen nach Kimberley ins Herz Südafrikas mit dem Zug zu fahren. Von dort konnten wir dann am Freitag Abend die letzte Reise antreten: Mit dem Trans Karoo Zug nach Kapstadt, wo wir dann im Laufe des Samstags eintreffen sollten. Allein anhand der Tatsache, daß wir plötzlich wieder für mehrere Tage im Voraus planen können, merken wir, daß wir das wahre Afrika nun endgültig verlassen haben. Außerdem begegnen uns in den Straßen von Mafikeng nun plötzlich viele Weiße, die natürlich keine Touristen sind, sondern Afrikaner, die hier geboren sind und hier leben. Dieser plötzliche Wandel machte uns ein bißchen traurig, denn die letzten Wochen im Herzen Afrikas waren doch insgesamt ein wunderschönes Erlebnis gewesen.

Insgesamt habe ich von Südafrika den Eindruck, daß es sehr amerikanisiert ist. (Glücklicherweise) kann man überall mit Plastikgeld zahlen, es gibt riesige Shopping Malls und Motels etc. In Mafikeng wollten wir natürlich auf dem Campsite übernachten, doch dieser war wegen Renovierung geschlossen. Der örtliche Golfclub hätte uns sicherlich nicht wie in Malawi akzeptiert. So mußten wir heute die teuerste Übernachtung der Tour in Kauf nehmen, denn in der südafrikanischen Einöde gibt es natürlich keine billigen Travellerlodges. Das Protea-Hotel war das einzige Hotel der gesamten Reise, das einem gewissen „Standard" entsprach: Sauberes Zimmer, hygienisch einwandfreies eigenes Bad, Halbpension und Fernseher! Um ehrlich zu sein, genossen wir diesen puren Luxus und wir hatten keine Gedanken daran verschwendet, diesen Luxus irgendwie abzulehnen. Wir sind Wohlstandkids, und wenn wir diesen unfreiwillig bekommen, nutzen wir ihn auch aus. Nur das wunderschöne Afrika mit seinen netten Bewohnern, das natürlich nicht immer einfach zu bereisen war, dieses Afrika ist nun Vergangenheit. Die westliche Zivilisation mit allen ihren Annehmlichkeiten hat uns wieder erreicht.

Martin verbrachte dementsprechend den Nachmittag vor dem Fernseher, während Meik und ich noch einmal auf Baden Powells Spuren wandelten. Wer ist Baden Powell? Diesem sind wir auf unserer Tour schon einmal in Kenia an seinem Grab begegnet. Hier in Mafikeng steht ein Gedächtnisstein, dem Gründer der Pfadfinderbewegung zu Ehren. In der Gegend von Mafikeng hatte B.P. als englischer Soldat gegen die Buren (Niederländer) gekämpft und lange Zeit seines Lebens hier verbracht.

Danach ließen auch wir uns von der Konsumwelt überrumpeln und glotzten im Hotelzimmer MTV und südafrikanisches Glücksrad bei Cola und Sprite.

Donnerstag, 24. August 1995

Da das frühe Aufstehen leider nicht ein Relikt ist, das dem „wahren" Afrika vorbehalten ist, fing auch in Mafikeng der Tag mit dem Sonnenaufgang an. Um 7h00 morgens fuhr unser Zug ins 350 km entfernte Kimberley los. Heute morgen merkten wir auch, daß mit dem Malaria-Gebiet der Tropen auch die Zone des Tageszeitenklimas verlassen wurde, denn es war saukalt! Schließlich befinden wir uns hier auf der Südhalbkugel im tiefsten Winter. Nun ist Kälte auch eine Definitionssache. Es waren vielleicht 10°C! Solch einen Winter würden wir in Deutschland natürlich nicht als kalt bezeichnen. Das Protea Hotel machte uns ein kleines Frühstückspaket, mit dem wir den ersten Hunger im Zug bekämpfen konnten.

Für die 350 km lange Zugfahrt hätten wir im „Chaos-Afrika" mit dem Sammeltaxi rund 4 bis 5 Stunden gebraucht. Rechnet man eventuelle Pannen dazu, wäre man vielleicht nach 6 bis 7 Stunden am Ziel angekommen. Wir sind aber nicht mehr in „Chaos-Afrika" sondern im „geregelten" Südafrika. Daher braucht der Zug für diese unglaublich lange Strecke neuneinhalb Stunden!!! Dabei hatte der Zug keinerlei Verspätung. Er fuhr halt wirklich nur mit 30 bis 40 km/h durch die Einöde des nördlichen Südafrikas. Überall gab es nur Felder soweit das Auge reichte. Ab und zu stand dann einmal ein Kornspeicher in der Landschaft herum. Diese Zugfahrt war wirklich total ätzend. Der Zug war zwar weder überfüllt noch hatte er eine Panne, doch gerade die Leere des Zuges machte die Fahrt zu einer äußerst langweiligen Reise. Lediglich der Schaffner ließ sich ab und zu blicken und fragte uns über unsere Reise aus. Dies war praktisch die erste einheimische Person, die sich für die zurückgelegte Strecke interessierte. Die Afrikaner weiter nördlich hatten sicherlich andere Probleme als irgendwelchen Abenteuerstories weißer Touris zuzuhören.

Das Frühstückspaket vom Protea Hotel hielt leider nicht lange an. So hatten wir schon nach kurzer Zeit wieder Hunger. Im „wahren" Afrika wäre dies kein Problem gewesen, denn spätestens beim nächsten Halt hätten wir aus dem Fenster wieder etwas zum Essen kaufen können. Aber wir haben uns noch nicht auf die neue (alte) Kultur eingestellt und somit vor Fahrtantritt nichts gekauft. Einen Speisewagen hatte dieser Zug allerdings auch nicht. So dauerte es tatsächlich 5 Stunden, ehe wir doch noch einmal merkten, daß wir uns immer noch in Afrika befanden. Denn gegen Mittag konnten wir endlich Sandwiches durch das Fenster erstehen.

Um halb fünf nachmittags erreichten wir pünktlich Kimberley das so ziemlich in der Mitte Südafrikas liegt. Eigentlich waren wir nun ganz froh, um Jo'burg einen Schlenker gemacht zu haben. Denn von dieser Stadt hört man immer wieder, daß sie den wenig schmeichelhaften Namen der „Welthauptstadt der Kriminalität" trägt. Leider war Johannesburg eine Stadt auf unserer Poste-Restante-Liste. Ob wir nun die Briefe, die an uns dorthin geschickt wurden, je bekommen würden, war andererseits nun äußerst ungewiß. Aber wir hatten auf Jo'burg nach dieser langen Reise, die doch relativ unproblematisch verlaufen war, keine Lust mehr. Sich jetzt noch ausrauben zu lassen, wollten wir nicht riskieren. Kimberley, wo wir nun eingetroffen sind, ist eine Kleinstadt, die auch im mittleren Westen der USA liegen könnte. Hier lebt man für südafrikanische Verhältnisse noch relativ sicher. Der Campingplatz war für uns wegen der hygienischen Bedingungen wieder der pure Luxus gewesen. Dort konnten wir uns nach der allzu „strapaziösen" Bahnfahrt von heute so richtig erholen!!! Abends ging es mal wieder in einem richtigen Restaurant essen. Außerdem fanden wir unser Lieblingsbier der Tour „Castle Lager", das uns mehr oder weniger seit Sansibar immer mal wieder begleitete. Im Bierladen war es heute sogar im Sonderangebot als 6-Pack für 10R50 (ca. 3,- DM). Wir haben die europäischen Verhältnisse des Shoppens etc. doch relativ schnell wieder adaptiert, wie man an unserem Kaufverhalten erkennen kann.

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