Woche 7:

Freitag, 04. August 1995 Dar-es-Salaam - Sansibar
Samstag, 05. August 1995 Sansibar
Sonntag, 06. August 1995 Sansibar
Montag, 07. August 1995 Sansibar - Dar-es-Salaam
Dienstag, 08. August 1995 Dar-es-Salaam - Songwe River
Mittwoch, 09. August 1995 Songwe River - Lilongwe
Donnerstag, 10. August 1995 Lilongwe - Mulanje

Freitag, 04. August 1995

Nach einer ruhigen angenehmen Nacht stieg bei uns beim Frühstück die Spannung ins Uner- meßliche: Denn mit Dar-es-Salaam erreichten wir wieder eine „Poste Restante" Stadt. Natürlich ging es deshalb heute sofort nach dem Frühstück auf die Post. Der Weg dahin war allerdings etwas mühselig, denn trotz Trockenzeit regnet es seit Stunden in Strömen. Nun kapieren wir auch endlich, warum es schon in Nairobi Bordsteine von fast einem halben Meter Höhe gibt. Wegen der fehlenden Kanalisation kann das Wasser in den Straßen kaum abfliessen. Daher verwandeln sich die Straßen mit der Zeit in wahre Bäche. Die Passanten bleiben solange vom Naß verschont, solange sie nicht die Straße überqueren müssen. Denn dann heißt es „abtauchen" und durch die „Fluten" das „rettende" Ufer erreichen. Völlig durchnäßt kamen wir am GPO an. Unsere Anspannung löste sich, als die Dame mehr und mehr Briefe und Postkarten unter unseren Namen fand. Überglücklich schauten wir natürlich zuerst auf die Absender. Danach wurde der Brief erst mal überflogen, denn eigentlich haben wir gar keine Zeit, denn wir möchten heute noch raus aus dieser Stadt, die außer dem GPO für uns nichts Attraktives bietet.

Ein freundlicher Tansanier bietet uns im GPO seine Hilfe an. Uns war mittlerweile klar, wenn uns hier jemand seine Hilfe andient und tatsächlich ein Problem lösen kann, dann macht er dies nicht kostenlos und aus reiner Menschenliebe. Diese Menschen haben einfach keine andere Einnahmequelle und wenden sich deshalb an Fremde, vorzugsweise Weiße wie wir. Da wir einiges zu organisieren hatten, und gleichzeitig nicht viel Zeit dafür investieren wollten, nahmen wir seine Hilfe dankbar an. Als erstes wollten wir für die nächste Woche unsere Weiterfahrt nach Malawi sichern. Unser Helfer fand schnell die richtige Busstation. Denn in Dar-es-Salaam (wie auch in Kairo und Nairobi) gibt es keinen zentralen Busbahnhof. Vielmehr gibt es kleinere Bahnhöfe für verschieden Ziele oder Abfahrpunkte verschiedener Busgesellschaften. Deshalb hat sich unserer Helfer von daher schon bezahlt gemacht. Heute war mal wieder das Glück auf unserer Seite. Der wöchentlich verkehrende Bus von Dar nach Mzuzu in Malawi fährt ausgerechnet nächsten Dienstag morgens um 06h00 ab. Damit nicht genug, denn die letzten 3 freien Plätze gingen für 19500 TSh (umgerechnet etwa 25€) p. P. schließlich auch noch an uns.

Danach holten wir unsere Sachen aus dem Hotel und eilten an den Hafen. Nach mehreren Wochen Fahrt durch das afrikanische Hinterland, kamen wir nun endlich wieder mal ans Meer. Da es weiterhin regnete sah das Meer hier allerdings alles andere als paradiesisch aus. So stelle ich mir eher einen Tag an der Nordseeküste im „deutschen" Sommer vor. Alles grau in grau und Nässe am Körper von oben bis unten. Aber wir sind nicht an der Nordseeküste sondern am Indischen Ozean, und statt nach Sylt, geht es nun nach Sansibar. Eine halbe Stunde später saßen wir schon an Bord der „Flying Horse", einem modernen Katamaran, der für rund 100 km Überfahrt etwa 3h benötigen soll. Unser Helfer hatte sich seinen Lohn redlich verdient. Natürlich verlangte er nicht direkt Geld für seine Hilfe. Vielmehr erzählte er uns, das jemand in seinem Bekanntenkreis verstarb und er kein Geld hatte, um zur Beerdigung zu fahren. Ob diese Geschichte nun stimmte oder nicht, er hatte uns viel Arbeit abgenommen, und wir hatten ein gutes Gefühl, jemandem ein bißchen geholfen zu haben.

Für 15 US$ ging es nun in der VIP Class der Trauminsel entgegen. Tansania versucht übri- gens aus seinen Gästen wirklich jeden US$ rauszupressen. Für etwa ein Drittel des Preises gab es natürlich auch eine „2nd Class" aber die ist den Einheimischen vorbehalten. „Foreigners" müssen die teurere VIP Class bezahlen und „genießen". Leider zeichnen sich in Afrika diese Klassen immer durch den selben „Komfort" aus: Eine leider funktionstüchtige Klimaanlage, damit auch der Hartgesottenste danach einen Schnupfen bekommt, und ein Fernseher, der kulturell „hochwertige" Filme zeigt. Wenigstens ist dieses Mal die VIP Kabine mit bequemen Sofas und Sesseln ausgestattet, so daß wir das Sitzen ausnahmsweise richtig ge- nießen konnten, ohne daß jemand seinen Ellbogen in unserer Magengrube parkt, oder der Kopf des Hintermanns uns auf die Schulter fällt, da die Person hinter uns eingeschlafen ist, wie es sonst in Matatus oder Sammeltaxis üblich ist. Der Film, der heute vorgeführt wurde, kam uns übrigens äußerst bekannt vor: Wir durften ihn vor ein paar Wochen schon einmal in Syrien „genießen" .Während der Überfahrt konnten wir uns allerdings für solch kulturell hochtrabende Events nicht richtig begeistern, da der Wellengang hoch war, und das Schwan- ken des Schiffes in uns ein ungutes Gefühl erzeugte. Zu diesem Gefühl gesellte sich mit der Zeit noch der Eindruck, daß auch unser Magen sich am Entscheiden ist, ob die zugeführte Nahrung verdaut oder der freien Welt „zurückgegeben" werden sollte. Glücklicherweise hat- te Meik sogenannte „Pepsin" Dragées parat, die sehr schnell wirkten, so daß schließlich doch alles an seinem Platze blieb. Nachdem sich unser Magen beruhigt hatte, konnten wir das „Hüpfen" von Welle zu Welle richtig genießen und schließlich erreichten wir das magische Sansibar.

Bei unserer Ankunft war von Magie oder einer Trauminsel nichts zu spüren. Vielmehr mußten wir ein weiteres Mal afrikanische Bürokratie über uns ergehen lassen. Da Sansibar innerhalb der Republik Tansania einen gewissen Autonomiestatus innehat, gibt es bei der Ankunft eine Paß- und Zollkontrolle. Am Ende der Prozedur hatten wir einen Stempel mehr im Paß und einen Kreidestrich mehr am Rucksack. Die Cholera- und Gelbfieberimpfstempel waren dieses Mal kein Stein des Anstoßes, und somit konnten wir uns nun auf Hotelsuche begeben. In Erinnerung an gestern waren wir schon froh, überhaupt ein Hotel gefunden zu haben, denn die Situation sieht in der „Stone Town", der Altstadt der Stadt Sansibar, nicht wesentlich besser aus als in Dar. Allerdings lag der Preis mit 10 US$ für uns schon etwas über unserem engen Budget. Von daher machten wir uns, nachdem wir dieses Hotel für eine Nacht klar gemacht hatten, sofort auf Hotelsuche für den folgenden Tag. Dabei konnten wir gleich auch in das Labyrinth von Stone Town abtauchen. Die verwinkelten Gassen, in denen man sich wirk- lich schnell verlaufen kann, hatten es uns angetan. Endlich befinden wir uns wieder in einer Stadt, in der aufgrund der Enge der Gassen, Autos Fehlanzeige sind, und eine angenehme Atmosphäre herrscht. Gleichzeitig kann man hier nachts in aller Ruhe durch die Gassen ziehen, ohne befürchten zu müssen, Opfer eines Überfalls zu werden. Am Abend genossen wir zu- dem die Aktivitäten der Einheimischen im „Jamituri Garden" .Diese packen nach Sonnenuntergang ihre Grills aus und braten die halbe Nacht Fleischspießchen für 50 TSh. Man kauft sich ein paar Spieße und kann dann in aller Ruhe am Ufer auf der Wiese diese verzehren und dem Rauschen des Meeres lauschen. Danach ging's noch auf ein paar „Castle-Lager" auf die Dachterrasse des „Africa Hotels" .Von dort kann man den weiten Blick auf den Indischen Ozean und den wunderschönen Sternenhimmel genießen. Besonders viele Sterne lassen sich immer zwischen 21h und 22h entdecken, da in dieser Zeit der planmäßige Stromausfall wegen Energieknappheit stattfindet. Deshalb machen die Händler in Stone Town mit Kerzen ein prima Geschäft. Ein Hauptabnehmer scheint das „Africa Hotel" zu sein, denn die gesamte Terrasse ist mit Kerzen übersät, und dabei entsteht eine wunderschöne Atmosphäre.

Samstag, 05. August 1995

Nach einem ausgiebigen Frühstück zogen wir in das 3 US$ pro Person und Nacht günstigere „Warere Guest House", damit unser Budget nicht weiter notleidet. Denn seitdem wir in Kairo den nichtgeplanten Flug von Kairo nach Asmara zahlen mußten, haben wir keine andere Wahl als ein bißchen zu sparen, wenn wir nicht total abgebrannt nach Hause kommen wollen. Natürlich muß man auf einer solchen Reise immer mit gewissen unkalkulierbaren (finan- ziellen) Risiken rechnen. Gerade deshalb schauen wir nun besonders aufs Geld, da wir ja nicht wissen, ob uns nicht noch einmal ein finanzieller Alptraum bevorsteht.

Nach unserem Umzug hatten wir heute mal große Lust, nicht besonders aktiv zu sein. Wir kauften jede Menge Postkarten, um uns bei den Lieben zu Hause für die vielen Briefe, die wir in Dar erhielten, zu bedanken. Auch aus philatelistischer Sicht weiß Tansania den Touris das Geld aus der Tasche zu locken. Das „Philatelic Bureau" hatte wunderschöne Briefmarken zu so ziemlich jedem Thema und Ereignis dieser Welt auf Lager. Schließlich entschieden wir uns für so bizarre Blöcke wie „Marilyn Monroe", „Bruce Lee" und „Elvis". Die 3 Persönlichkeiten haben sicherlich gemeinsam, daß sie nie in Tansania waren. Aber das ist den Tansaniern wohl ziemlich egal. Hauptsache, man kann einen Briefmarkensatz daraus machen. Da es in Tansania ja eine große indisch-stämmige Minderheit gibt, kann man hier auch sehr gut indisch essen gehen. Wobei Martin und Meik an dieser Stelle wahrscheinlich intervenieren würden, was die Qualität des Essens betrifft. Die Schärfe des Essens war, neutral ausge- drückt, für mitteleuropäische Kehlen sicherlich etwas gewöhnungsbedürftig. Von daher konnte ich die Abneigung verstehen, die die beiden gegen das heutige Mittagessen hatten.

Der Nachmittag wurde bei Nieselregen lediglich mit Postkartenschreiben verbracht. Abends ging es natürlich wieder in den „Jamituri Garden", aber leider verschwand die Sonne statt im Meer, dieses Mal hinter einer großen dunklen Wolke. Danach zogen wir wieder auf die Terrasse des „Africa Hotels" und genossen Bier (Meik: Bitter Lemon), Meeresrauschen, Stromausfall und Sternenhimmel!

Sonntag, 06. August 1995

Heute kam beim Frühstück ein bißchen Wehmut auf. Denn, wenn es tatsächlich etwas geben sollte, das es praktisch nur in Deutschland gibt, dann gutes Brot. Die Qualität des Brots, das wir heute versuchten, irgendwie hinunter zu bekommen, ist leider in den meisten Ländern der Welt, der Normalstandard. Aber nur um des Brotes Willen nach Deutschland zurückkehren? Die Antwort fiel uns leicht: Keine Frage, wir reisen weiter. Ich war wirklich überrascht, daß wir nun seit 7 Wochen fern der Heimat sind, und wirklich kein Gefühl des Heimwehs in uns aufkommt. Natürlich hatten wir auch bisher großes Glück gehabt. Niemand ist ersthaft krank geworden, wir wurden nicht groß beklaut etc. Aber es ist das 1. Mal, daß wir solange fern der Heimat sind; dazu noch in ständig wechselnden, völlig fremden Kulturen. Anscheinend ist in uns das Reisevirus aktiviert worden. Ich bin schon gespannt, ob wir am Ende der Tour noch genauso denken werden oder es kaum noch aushalten können nach Hause zu fahren.

Nachdem wir das Knautschbrot irgendwie hinunter bekommen hatten, machten wir heute mal einen richtigen „Sightseeing-Trip" über die Insel. Sansibar ist unter anderem für seine Gewürze bekannt. Der Handel mit diesen Schätzen brachte der Insel im Mittelalter Reichtum und Wohlstand. Wahrscheinlich war der Lebensstandard damals höher als er heute ist. Die sogenannten „Spice-Tours" unterliegen auf Sansibar fast einem Monopol. Mitu hatte damit vor vielen Jahren angefangen, und noch heute gehen fast alle Touris mit ihm auf Tour. Da wir auch keine Ahnung hatten, ob es tatsächlich andere Anbieter gibt, begaben wir uns auch auf den Weg zu Mitu. Aber auf halben Weg wurden wir von einem Engländer angesprochen, ob wir nicht mit seiner Gruppe die Tour machen wollten. Da wir kein Argument dagegen fanden, waren wir dabei. Die Entscheidung war wahrscheinlich die richtige, denn wir waren nur 11 Leute auf einem Kleinlaster, während bei Mitu die Touris in großen Bussen und entsprechend großen Gruppen durch die Gegend gekarrt wurden.

Ali, unser Führer, fuhr mit uns bald aufs Land, nachdem er einen kleinen geschichtlichen Überblick über Sansibar gegeben hatte. Auf den Gewürz- und Früchteplantagen machten wir zahlreiche Stops, um die Pflanzen aus der Nähe zu betrachten. Es ist wirklich interessant einmal zu sehen, wie Pfeffer, Chilischoten, Nelken etc. in der Natur gedeihen, ehe sie für uns zu Gewürzen veredelt werden. Daß Litschis auf einem Baum wachsen und anfangs grün, dann gelb und schließlich rot werden, hatte ich auch nicht gewußt. Ali zeigte uns auch Pflanzen, die wir noch nie im Leben gesehen hatten. Diese sind meist die Grundlage für einheimische Medikamente oder Kosmetika. In einer Kokospalmenplantage konnten wir dann Kokosnüsse bis zum Abwinken ausschlürfen und das wabbelige Kopra verspeisen. Ein sehr stark gewürz- tes Mittagessen rundete diesen schönen Vormittag ab.

Den Nachmittag verbrachten wir auf Prison Island, einer vorgelagerten Koralleninsel. Das Klischee von weißem Strand, Palmen, blauen Himmel und türkisblauen Wasser wurde hier zur Realität. Da heute Sonntag ist, haben wir uns natürlich einen relaxten Nachmittag verdient. Den Abend verbrachten wir wieder im Jamituri Garden und im Africa Hotel…

Montag, 07. August 1995

Nachdem wir 3 erholsame Tage auf Sansibar verbrachten, hieß es heute leider schon wieder Abschied nehmen. Das ewige Packen, Aufbrechen, die Fahrt ins Ungewisse, Hotelsuchen nagt eventuell ein bißchen an unseren Nerven. Jedenfalls gerieten Martin und ich zum ersten Mal so richtig aneinander. Die Rückfahrt nach Dar mit dem Katamaran verlief noch ganz harmonisch. Aber nachdem wir wieder in unser Hotel vom Donnerstag eingezogen sind, bekamen wir einen großen Krach. Rückblickend denke ich, daß es sicher „normal" ist, wenn man sich mal nach fast 7 Wochen streitet. Wir beiden Streithähne hatten leider in diesem Augenblick nur uns im Visier. An Meik, der an dem Streit nicht beteiligt war und sich bestimmt nicht gerade wohlfühlte dachten wir gar nicht. Glücklicherweise sagte jeder dem anderen was ihm auf den Keks geht, bzw. die letzten Wochen auf den Keks ging, denn der Streit entpuppte sich als aufgestauter Ärger, der sich in den letzten Wochen sammelte. Nachdem jeder sich auf sein Zimmer verkrümelt hatte, dachten alle Parteien wohl über sich und die anderen nach. Abends sah die Situation schon wieder wesentlich besser aus. Wir beschlossen, die Reise wie geplant gemeinsam fortzusetzen, nachdem vorher Drohungen im Raum standen, die Reise getrennt zu Ende zu führen. Interessanterweise äußerte keiner die Möglichkeit, die Reise abzubrechen. Dafür waren wir wohl schon zu weit gekommen.

Abends im Hotel trafen wir Roland, einen Afrikanisten aus Hamburg, der sich gerade für mehrere Monate in Tansania zu Forschungszwecken aufhielt. Er ist auf dem Weg in ein ent- legenes Dorf im Landesinneren in der Nähe der neuen Hauptstadt Dodoma. Dort möchte er die Sprache der Einheimischen studieren. Am Ende des Abends hatten wir sehr viel über Afrikanistik und insbesondere die unterschiedlichen Sprachfamilien auf diesem Kontinent gelernt. So werden z. B. die verschiedenen afrikanischen Sprachen in 4 Familien zusammen- gefaßt: Niger-Kongo, Nilo-Sahari, Afro-Asiati und eine vierte, die ich nicht aus meinen Aufzeichnungen nicht mehr entziffern kann. Das Suaheli, das in weiten Teilen Tansanias und Kenias (neben Englisch als Amtssprache) gesprochen wird, gehört zur Niger-Kongo-Sprach- familie. Die Sprache der Masai, die ja ebenfalls in Tansania und Kenia leben, gehört hingegen zur Nilo-Saharischen Sprachfamilie. Das Amharisch, das in Äthiopien gesprochen wird, und ein eigenes Silbenalphabet besitzt, gehört mit dem Altägyptischen zur Afro-Asiatischen Sprachfamilie, zu der auch das Arabische zählt. Die vierte Sprachfamilie umfaßt Sprachen des südlichen Afrikas in das wir nun reisen möchten. Eine Unterfamilie bilden dabei die „Click-Sprachen", deren Töne und „Wörter" mehr oder weniger aus „Clicks" bestehen. Nach einem langen Abend mußten wir nun mal wieder mit einer eher kurzen Nacht mit sehr wenig Schlaf zurecht kommen.

Dienstag, 08. August 1995

Da wir sahen, wie die Hotelbesitzer gestern Abend die Tür verrammelten, damit ja kein Bösewicht eindringen kann, machten wir sie schon gestern darauf aufmerksam, daß wir heute sehr früh aufstehen müssten, um den Bus nach Malawi nicht zu verpassen. „No problem" war natürlich die Standardantwort. Als wir dann heute Morgen um halb sechs versuchten, aus dem Hotel zu kommen, war dies unmöglich, da ja alles verschlossen war. Zum Glück wurde von unserem Lärm der Nachtwächter wach, und nach einigem Schlüsselausprobieren gelangten wir schließlich doch in die „Freiheit". Den Bus, der uns heute durch halb Tansania und Malawi rund 1500 km bringen sollte, erkannten wir schon von weitem. Er war wie ein kitschiger Weihnachtsbaum bunt mit Lämpchen um das gesamte Dach verziert. Als Prellbock diente vorne ein Kinderfahrrad, an dem später noch mehrere Hängel Bananen befestigt wurden. Unser Gepäck wollten wir wie gewohnt in die Staufächer laden, doch man sagte uns, diese seien schon voll, und wir sollten unsere Rucksäcke doch mit in den Bus nehmen. Jene Antwort gab man anscheinend allen Passagieren. Um nun zu unseren Plätzen zu gelangen, die sich im hinteren Teil des Busses befanden, mußten wir über Berge von Koffern und Saatgut klettern, das sich im Mittelgang befand. Schließlich fanden wir eine besonders effiziente Technik, indem wir von Stuhllehne zu Stuhllehne uns entlanghangelten, denn auf den Gepäckbergen saßen auch schon Menschen, die nur noch einen „Stehplatz" ergattert hatten. Eigentlich befand sich der Bus in keinem schlechten Zustand, doch dadurch, daß er so überladen war, zweifelten wir, ob wir er uns je bis nach Malawi bringen würde. Im Falle eines Unfalls, dachten wir, haben wir Glück, denn die Fensterscheiben lassen sich horizontal bewegen, so daß man schnell aus dem Fenster springen kann. Mit etwas ungutem Gefühl verließen wir pünktlich um sechs Uhr in der Morgendämmerung Dar-es-Salaam.

Der Zustand der Straßen muß sich in Tansania in den letzten Jahren sehr verbessert haben. Laut Reisführer sollten wir ins 1000 km entfernte Mbeya kurz vor der Grenze zu Malawi 20 Stunden brauchen. Doch unser Bus fuhr permanent 100 km/h, so daß wir schon gegen halb fünf Uhr nachmittags die tansanisch-malawische Grenze am Songwe River erreichten. Von hier sind es noch 500 km bis nach Mzuzu am Malawisee. Wir machten nun mal wieder einen entscheidenden Fehler: Wir planten! Wenn die Straßenverhältnisse weiterhin so gut sind, müßten wir heute Abend noch Mzuzu erreichen. So könnten wir dann einen Tag in Mzuzu am Malawisee verbringen, nachdem wir praktisch einen Tag durch die guten Straßenverhältnisse gewonnen hatten. Denn mittlerweile waren wir zwar nicht in Zeitnot, doch wir mußten in 3 Wochen in Kapstadt sein. Deshalb waren wir um jeden Tag froh, an dem es so gut und komplikationsfrei lief wie heute. Daß diese Planung völlige Utopie war, stellte sich erst im Laufe des Abends aus unterschiedlichen Gründen heraus.

Die Ausreise aus Tansania verlief ohne Komplikationen. Doch die Einreise nach Malawi zog sich mal wieder in die Länge, da der Zoll natürlich viele Gepäckstücke inspizieren wollte! Da ja heute Dienstag ist, hatten wir noch nichts gegen die Wartezeit an der Grenze. Denn wir konnten in aller Ruhe mal wieder die Deutsche Welle und die Top 10 in Deutschland hier mitten im Busch empfangen. Diese Sendung geht allerdings nur eine Stunde. Danach wurden wir langsam ungeduldig. Doch die Zöllner machten ihre Arbeit sehr sorgfältig, so daß unsere Planung nun langsam revidiert werden mußte. Nach geschlagenen dreieinhalb Stunden durften wir endlich nach Malawi einreisen. Wir fühlten uns nun schon wieder ein bißchen heimischer, da wir die Uhr wieder eine Stunde zurückstellen mußten, und nun bis Kapstadt Mitteleuropäische Zeit mit Sommerzeit haben. Somit gibt es keinen Zeitunterschied mehr zwischen uns und Deutschland. Nach 7 km Fahrt durch Malawi wurde unsere Planung nun völlig zunichte gemacht, denn wir mußten einen zweiten Zollcheckpunkt passieren. Dieses Mal interessierten sich die Zöllner für das Gepäck, das unter (!) dem Bus befestigt war. Wahrscheinlich war dies Schmuggelware. Zu diesem Zeitpunkt wußten wir davon aber noch nichts, denn wir dachten, es wäre nur eine Routinekonntrolle. Alle blieben im Bus und schauten sich den 3. Videofilm an, der heute gezeigt wurde. Während unten anscheinend durch die Inspektion der Schmuggelware einige Kabel zerrissen wurden, fing bei uns oben der Fernseher plötzlich an zu rauchen. Dann ging alles blitzschnell. Wir dachten noch, wer raucht denn plötzlich so stark da vorne im „No Smoking" Bus? In derselben Sekunde gab der Fernseher seinen Geist auf und es fing vorne an zu blitzen. Meik, unser Elektrotechnikspezialist meinte nur noch: „Raus hier!" Nun erwies es sich wirklich als Glücksfall, daß wir ohne große Probleme die Scheiben öffnen konnten und wir sprangen allesamt aus dem Bus. Die Afrikaner wußten ebenfalls nicht, was hier geschah und gerieten nun in Panik und sprangen ebenfalls aus dem Bus. Wir befürchteten, daß der gesamte Bus nun anfinge zu brennen, da der Motorenraum schon Feuer gefangen hatte. Inzwischen waren die meisten Menschen aus dem Bus gesprungen. Wir waren erst mal froh, hier heil rausgekommen zu sein. Völlig aufgeregt beobachteten wir die Szene aus sicherer Entfernung. Das Feuer im Motorenraum war schnell gelöscht. Doch dem Bus gaben wir keine Chance mehr. So machten wir uns nun auf eine lange Nacht gefaßt, denn mittlerweile war es stockfinster.

Da Pannen bei afrikanischen Transportmitteln nicht ungewöhnlich sind, fährt meist ein Bord- mechaniker mit, der das Transportmittel im Falle eines Falles wieder fitmachen soll. Doch was soll er nach einem Motorbrand anstellen? Diese Frage ging uns nicht aus dem Kopf, obwohl der Mechaniker sofort anfing, den Motor zu inspizieren. Irgend jemand kam mittlerweile auf die Idee, die Bustür abzuschließen, damit keiner mehr in oder aus dem Bus gelangte. Der Sinn dieser Aktion blieb mir verborgen. Für uns und unsere Mitfahrer bedeutete dies, daß wir nicht an unser Gepäck kamen und somit die Nacht unter freiem Himmel und ohne Decken o. ä. verbringen mußten. Zudem gab es hier viele Moskitos und wir konnten uns vor diesen Viechern nicht schützen. Uns blieb nichts als warten. Aber worauf? Für uns stand fest, daß der Bus hier unter diesen Bedingungen nicht zu reparieren war. Andere Transportmittel gab es auch nicht, denn die Grenze macht nach Sonnenuntergang dicht, und wir befinden uns ja noch mehr oder weniger direkt an der Grenze. Die Zollstation hatte zudem weder Elektrizität noch Wasser. Es gab hier auch nichts zu kaufen. Also warten auf Morgen in der Hoffnung, daß jemand uns mitnehmen würde.

Der Mechaniker war ein Meister seines Fachs und hatte auch einige Ersatzteile auf Lager. Der Motorinnenraum wurde zunächst mit einem Ersatzreifen durch Öffnen des Ventils und den Luftstrahl gesäubert. Danach wurde die Batterie ausgewechselt. Nach vier Stunden tat sich allerdings immer noch nichts. Wir warteten in der afrikanischen Nacht und betrachteten abwechselnd den Sternenhimmel und den dunklen Bus, der nur durch den Lichtstrahl der Taschenlampe des Mechanikers erhellt wurde. Unterdessen waren wir für die Moskitos ein gefundenes Fressen, denn wir hatten ja nur T-Shirts an, bevor wir aus dem Bus sprangen. Ich war heilfroh, daß wir Lariam als Malariaprophylaxe einnahmen, das noch immer als wirksamste Prophylaxe gilt. Wir hofften inständig, daß nicht jeder Stich Malaria übertragen würde, denn eine Malariaprophylaxe hilft auch immer nur bis zu einer gewissen Menge an Stichen. Mit dem Erreichen von Malawi befanden wir uns außerdem in einem akutem Malariagebiet, in dem Medikamente wie Resochin schon unwirksam sind. Kurz vor Mitternacht hatten wir die Nase nun wirklich voll, denn trotz der Bemühens des Mechanikers tat sich überhaupt nichts, und wir waren langsam todmüde und total zerstochen. Gerade versuchten wir unbemerkt wieder in den Bus zu klettern, als plötzlich der Motor ansprang! Der Mechaniker hatte es doch tatsächlich geschafft, die Kiste wieder flott zu kriegen. Wir konnten nun alle wieder in den Bus hinein. Nach einer weiteren Stunde brannte sogar wieder das Licht im Bus, und gegen ein Uhr morgens setzte der Bus seine Fahrt fort.

Mittwoch, 09. August 1995
Die Weiterfahrt von der Grenze nach Mzuzu verlief ohne weitere Zwischenfälle. Eigentlich, so dachten wir, sei in Mzuzu Endstation, doch als wir aussteigen wollten, sagten uns die Ein- heimischen, der Bus fahre weiter bis in die Hauptstadt Lilongwe. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen, und wir zahlten den Fahrpreis von hier nach Lilongwe. Denn was wir von Mzuzu zu sehen bekamen wir nicht allzu berauschend. Zudem war es gerade erst sechs Uhr morgens. Und wer weiß, wann in dieses gottverlassene Städtchen wieder ein Bus kommt. Also auf nach Lilongwe!

Nach weiteren vier Stunden Fahrt hatten wir den Marathon-Trip von fast 1900 km in 28 Stunden hinter uns gebracht. Entsprechend fühlten wir uns auch. Total kaputt kämpften wir uns von der Busstation zum Lilongwe Golf Club durch. Golf Club? Ja, denn Malawi hat eine große Zahl schottischer Einwanderer, die gerne ihre Traditionen pflegen. Da ein Golf Club natürlich ein weites Areal an Grünflächen bietet, vermieten die „geizigen" Schotten einen kleinen Teil als Campingplatz an Backpacker wie uns. Für 60 Kwacha (1 US$ = 15 Kw.) pro Person durften wir deshalb im Golf Club zelten! Mit Lilongwe erreichten wir auch wieder eine sog. „Poste-Restante-Stadt". Deshalb machten wir uns natürlich sofort auf den Weg zum General Post Office (GPO). Aber Lilongwe ist eine etwas ungewöhnliche (Haupt-)Stadt! Sie besteht aus zwei Teilen. Alt Lilongwe mit dem Golf Club ist nichts anderes als ein Straßenkaff, wie man es an jeder großen Piste in Afrika sieht. Neu Lilongwe ist hingegen wohl auf einem Reißbrett geplant worden. Aus Geldmangel errichtete man dann aber anscheinend nur einige neue Häuser. Zwischen den verstreut liegenden Häusern befindet sich Buschland. Eines der wenigen Gebäude, das schon fertiggestellt war, ist das neue GPO. Leider erhielten wir lediglich 2 Briefe auf diesem GPO. Aber wir hatten ja noch die 2. Chance auf dem Postamt in Altlilongwe. In der Tat bekamen wir noch einmal einige Briefe ausgehändigt. Den Rest des Tages verbrachten wir mit Briefelesen, nachdem wir vergeblich nach einer potentiellen Wei- terfahrtmöglichkeit in Richtung Sambia Ausschau gehalten hatten. Der Tag wurde mit gutem, in Lizenz gebrauten Tuborg (Meik ausgenommen) beendet.

Donnerstag, 10. August 1995

Um die letzten paar Tausend Kilometer nach Kapstadt zurückzulegen, haben wir nun noch fast 3 Wochen Zeit. Deshalb entschieden wir uns in Malawi etwas länger zu bleiben. Von Lilongwe aus ging es in 5 Stunden Busfahrt in die Metropole Blantyre im Südosten des Landes. Busfahrten in Afrika dienen übrigens nicht nur dem Personen- und Viehtransport. Während der Busfahrt läßt es sich vom Sitz aus auch bequem einkaufen. Bei den zahlreichen Stops in den zahlreichen Straßendörfern entlang der Verbindungsachse Lilongwe-Blantyre bieten Händlern durch die Fenster den Fahrgästen ihre Waren an. Aus diesem Grund brauchten wir auch praktisch keinen Proviant auf Fahrten mitzunehmen. Früchte, Gemüse, Erdnüsse und Cola gehören zur Standardausstattung eines Straßenhändlers. Die Cola-Flaschen sind wegen des Rohstoffmangels übrigens alles Pfandflaschen. Deshalb müssen wir manches Mal unsere Cola ein bißchen schneller herunterstürzen, damit der Händler die leere Flasche rechtzeitig durch das Fenster wieder gereicht bekommt.

Theoretisch hätten wir von Blantyre in einigen Tagen durch Moçambique hindurch direkt nach Simbabwe gelangen können. Doch der sogenannte „Korridor" durch Moçambique war vor Überfällen nicht ganz sicher. Deshalb entschieden wir uns später durch Sambia nach Simbabwe zu fahren. In Blantyre kauften wir uns eine Wanderkarte des Mount Mulanje- Gebiets. Denn nachdem unsere Ambitionen zum Wandern am Mount Kenya gescheitert waren, wollten wir dies nun hier im Grenzgebiet zu Moçambique nachholen. Von Blantyre ging es auf einer schlaglochübersäten Piste nach Mulanje. Da es in Mulanje unseres Wissens nach kein Hotel gab, dafür aber einen Golf Platz, ging es wieder zum Zelten dorthin. Wir waren die einzigen Gäste und durften unser Zelt direkt am Pool aufstellen. Welch ein Luxus für 35 Kw. pro Person. Leider gab es heute im Golf Club außer Peanuts nichts zu essen. Dafür war die Getränkekarte reichlich mit Scotch u. ä. Getränken bestückt…

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