Woche 5:

Freitag, 21. Juli 1995  Addis Abeba - Nairobi
Samstag, 22. Juli 1995 Nairobi
Sonntag, 23. Juli 1995 Nairobi
Montag, 24. Juli 1995 Nairobi - Chogoria
Dienstag, 25. Juli 1995 Chogoria - Chogoria Gate (Mt. Kenya Ntl. Parc)
Mittwoch, 26. Juli 1995 Chogoria Gate - Chogoria
Donnerstag, 27. Juli 1995 Chogoria - Nairobi

Freitag, 21. Juli 1995
 Nachdem wir ein bißchen von Addis und der Regenzeit die Nase voll hatten, standen wir mal wieder vor Sonnenaufgang auf, um zum Flughafen zu gelangen. Dieses Mal hielten die Reifen und ansonsten verlief auch sonst alles unspektakulär: Denn heute wußten wir ja, wohin wir fliegen wollten. Beim Immigration Officer bekamen wir auch anstandslos unsere Pässe wieder, und schon ging's mit einer betagten Boeing 737-100 von Kenya Airways in unser erstes afrikanisches Land, das von uns kein Visum verlangte. Daß die Einreise dadurch einfacher wäre, ist allerdings ein großer Irrtum. Wegen meines Impfpasses hatte ich sehr große Probleme bekommen: Für zahlreiche Länder Afrikas sind Gelbfieberimpfung und Choleraimpfung Pflicht, wobei letztere laut WHO (Weltgesundheitsorganisation) relativ unwirksam ist. Daher stempeln Ärzte in Deutschland häufig nur den Impfpaß voll, ohne tatsächlich zu impfen, da sie die Tücken der afrikanischen Bürokratie kennen. Deshalb war ich um so erstaunter, daß der Health Officer meinen vollgestempelten Impfpaß bemängelte:

Dummerweise sind die Kästchen für die Choleraimpfung relativ klein, die Stempel deutscher Ärzte hingegen relativ groß. Logische Konsequenz: Die Stempel hatten sich überlappt! Welch ein Vergehen! Deswegen sollte ich nicht nach Kenia einreisen dürfen!!! Aber ich hatte schon viel über afrikanische Bürokratie und Korruption gehört. Mein Gegenüber wollte mich wahrscheinlich nur einschüchtern und ein kleines Geldgeschenk erhalten, damit ich einreisen könnte. Zusätzlichen Druck übte er aus, indem er meinte, ich müßte die Impfung an Ort und Stelle sofort nachholen, wegen Seuchengefahr. Er dachte sicher, daß nicht sterile Nadeln mit der verbundenen Gefahr der Übertragung von Hephatitis B oder AIDS mich einschüchtern würden. Für diesen Fall hatten wir zum Glück steriles Impfgeschirr dabei, so daß diese Drohung bei mir nicht den erhofften Erfolg brachte. Schließlich hatten wir anscheinend genug diskutiert und mit einem „Go ahead" konnte ich nach Kenia einreisen.

Leider erreichten wir mit Kenia nun erstmals ein Land, wo man nicht nur Straßenkindern be- gegnet, die mal kurz alle Hosentaschen leeren und sich dann davon machen. Hier geht's schon eine Stufe härter ab, glaubt man den Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, zahlreichen Zeitungsberichten und vielen Horrorgeschichten anderer Traveller. Deshalb verzichteten wir auch auf den günstigen Stadtbus, um nach Downtown Nairobi zu gelangen, und nahmen statt dessen ein Taxi. Unsere Herberge, das New Kenya Lodge in der River Rd. ist der Treffpunkt von Afrikareisenden in Ostafrika schlechthin. Waren wir bis jetzt oft die einzigen ausländischen Gäste in den Herbergen von Istanbul bis Addis, so gab's hier ausschließlich Backpacker. Dies war für uns nach knapp einem Monat Tour mal eine angenehme Abwechslung. Leider durften wir nicht, wie 2 Jahre vorher auf dem Dach nächtigen, um die Kosten wieder mal zu drücken, sondern in 3-4 Bett Zimmern, in denen wir nun erstmals unsere Moskitonetze ausbreiten konnten.

Mit der Ankunft in Nairobi erfüllten sich auch 2 Hoffnungen. Erstens bekam Martin von Thomas Cook nun endlich seine geklauten Schecks zurück, nachdem nun eine Woche vergangen war. Zweitens bekamen wir dieses Mal reichlich Post aus der Heimat. Viele der Brief lasen wir zwei- oder dreimal, da es ungeheuer spannend war, im fernen Afrika Geschichten aus dem deutschen Alltag, und die neuesten Storries mitgeteilt zu bekommen.

Samstag, 22. Juli 1995

Heute trennten sich zum 1. Mal auf unserer Tour für einige Stunden unsere Wege. Während Martin und Meik in den Nairobi National Park aufbrachen, verbrachte ich die meiste Zeit im Bett, da ich ziemlich erkältet war und leichtes Fieber hatte. Die Nächte in Addis Abeba haben mir doch ziemlich zugesetzt. Da Addis auf rund 2500m Höhe liegt, und die Zimmer nicht geheizt, und wir von Ägypten noch „verbrüht" waren, holte ich mir dort eine richtige Erkältung. Natürlich denkt man im tiefsten Afrika bei Fieber gleich an die Malaria, aber ich konnte mich anhand von Fakten selbst beruhigen. Erstens beträgt die Inkubationszeit bei Malaria mindestens 2 Wochen, und vor 2 Wochen befanden wir uns noch nicht in akutem Malaria-(tropica) Gebiet. Zweitens nehmen wir seit Ägypten Lariam ein, das zwar ein ziemlicher Medikamentenhammer ist, aber gegen Malaria tropica (noch) äußerst wirksam ist. Deshalb harrte ich im Bett aus und las den SPIEGEL, den Martin im Flugzeug von Asmara nach Addis gefunden hatte, von der ersten bis zur letzten Seite durch.

Sonntag, 23. Juli 1995

Nachdem aus dem Nachbarhaus ich seit etwa 15 Stunden mit Reggae Musik kuriert wurde, war ich eindeutig auf dem Wege der Genesung. Trotzdem blieben wir heute noch in Nairobi, denn für unser nächstes Abenteuer wollten wir alle 3 wirklich fit sein. So blieb genug Zeit, mal wieder ausgiebig Postkarten und Briefe in die Heimat zu schreiben. Doch eines ließen wir uns heute nicht entgehen. Den „Modern Green Day&Night Club", besser bekannt unter dem Namen „Green Bar". Diese Bar hat seit ihrer Eröffnung keine Türen, denn sie ist 24 Stunden am Tag für die schrägsten Gestalten der Szene Nairobis geöffnet: Abgebrannte Fremdenlegionäre, durchgeknallte Transafrikareisende und spacige, oft etwas angetrunkene Kenianer. Dieses Ambiente genossen wir mit vielen Einheimischen bei einigen guten „Tusker Lager". Da angetrunkene Kenianer anscheinend oft die Bars plündern, sind hier übrigens alle Theken wie Gefängniszellen verrammelt. Hier geht es oft noch ein bißchen zu, wie in den alten Wildwest Filmen, die wir aus dem Fernsehen kennen. Bei dieser Zusammensetzung kamen hierher natürlich auch viele Kenianerinnen des horizontalen Gewerbes. Auf diese hatten wir es allerdings nicht abgesehen. Die Situation der Prostituierten ist echt bedauernswert. Viele finanzieren ihr Studium oder ihre Ausbildung mit dieser Tätigkeit, wie wir in Gesprächen mit ihnen erfahren haben. Hier wird das Elend Afrikas für uns zum 2. Mal richtig deutlich, nachdem uns schon die Straßenkids in Addis aus dem Traum „Afrika" in die Realität geholt hatten.

Montag, 24. Juli 1995

Heute geht es nun endlich wieder in die Natur. Denn die letzten Tage hatten wir fast ausschließlich in Großstädten verbracht. Die Millionenstädte Addis und Nairobi sind zudem nicht gerade sehr attraktiv. Deshalb waren wir bester Stimmung und, nachdem wir den Bus nach Nyeri gefunden hatten, ging es auch schon raus aus der Stadt in Richtung Norden direkt an den Äquator. Vor lauter Fliegerei hatten wir total vergessen, daß wir mittlerweile schon die Südhalbkugel erreicht hatten. Nach 3 Stunden Fahrt in einem sehr sehr alten Bus erreichten wir die Kleinstadt Nyeri, in der ein berühmter Engländer seine letzte Ruhe fand. Da Meik und ich ja alte Pfadfinder sind, mußten wir natürlich, wenn wir schon mal hier in der Nähe sind, dem Gründer der Pfadfinderbewegung, Robert Baden Powell einen Besuch abstatten. Zwei kenianische Pfadfinder empfingen uns am Friedhof und erzählten uns einige Geschichten über die letzten Jahre, die Baden Powell mit seiner Ehefrau hier verbracht hat. Nyeri als Alterssitz auszuwählen ist sicher keine schlechte Idee, denn die Landschaft hier ist wunderschön. Wer kennt nicht die Bilder aus „Jenseits von Afrika"? Große weite Ebenen, und hier in Nyeri thront in der Nähe ein majestätischer Berg: Der Mount Kenya. Dies ist auch der ei- gentliche Grund, warum wir in diese Region aufgebrochen sind.

Nachdem wir für 5 Tage Proviant eingekauft hatten, ging es von Nyeri zuerst in östliche Richtung um das gewaltige Bergmassiv herum. Da ab hier keine großen Busse mehr fahren, mußten wir auf sogenannte Matatus umsteigen. Ein Matatu ist nichts anderes als ein japanischer Kleinbus, in den in Deutschland 8 Menschen passen. Daß diese Auslastung für kenianische Verhältnisse ungenügend ist, haben wir uns schon gedacht, nachdem auch in Jordanien und Ägypten leicht 12 Menschen darin Platz fanden. In Nyeri paßten nun schon 19 Menschen in das Auto hinein. 3 „Glückliche" inklusive Fahrer fanden vorne Platz, danach gab es 4 einfache Bänke, auf denen jeweils 4 Leute „Platz" hatten. Zu dem menschlichen Frachtgut kamen dann natürlich noch unsere Rucksäcke und das Gepäck der Einheimischen dazu. Leider war die Fahrt von Nyeri nach Embu im Nachhinein als „komfortabel" zu bezeichnen, im Gegensatz zu dem, was uns nun auf unserer Fahrt am Rande des Bergmassivs nach Norden in Richtung Chogoria erwartete.

In Embu stiegen wir in das halbvolle Matatu ein und wunderten uns, daß es kurz darauf schon losfuhr, denn eigentlich fahren diese Autos erst dann ab, wenn alle Plätze besetzt sind. Wir dachten noch, daß wir heute aber besonderes Glück hätten. Doch wir irrten mal wieder. Während der 100m langen Fahrt zur BP-Tankstelle wurden unsere Rucksäcke schon einmal prophylaktisch unter die Sitze gequetscht. An der Tankstelle stiegen nun weitere Passagiere ein. Bald hatten wir die magische Zahl von 19 Leuten erreicht und nun hofften wir, daß es jetzt losginge. Doch nun fing das Matatu an zwischen der Tankstelle und der Busstation hin- und herzupendeln, in der Hoffnung noch mehr Mitreisende aufzunehmen. Nach längerem „Shutteln" befanden sich nun 5 Leute auf den 4 hinteren Sitzbänken, während vorne immer noch 3 „Glückliche" manchmal mitleidig nach hinten schauten. Mit 23 Menschen an Bord kam das Matatu natürlich nur noch ächzend von der Stelle. Ich kam mir vor wie bei der „Versteckten Kamera" oder bei „Wetten daß...?" aber es kam kein Moderator auf unser Matatu zu, der dem Spuk ein Ende bereiten würde!!! Aber wenigstens wurde der Pendelverkehr nun eingestellt, und es ging endlich los. An der Straße Richtung Chogoria standen dann aber noch 3 Mitreisewillige, die sich irgendwie noch in die Schiebetürseite quetschten und halb aus dem Matatu heraushingen. Mit 26 Menschen an Bord war nun endgültig auch in Kenia das Limit erreicht, und wir starteten auf eine 2-stündige Horrorfahrt über Berg und Tal im rollen- den „Viehtransporter". Mit zunehmender Fahrtdauer wurde die Geschwindigkeit auch immer selbstmörderischer. Jetzt wunderte ich mich nicht mehr über die vielen Meldungen von Matatuunfällen mit zahlreichen Toten und Verletzten. Als Konsequenz dieser Fahrt beschlossen wir, Matatus künftig zu meiden, da wir ja eigentlich nicht gleich neben Baden Powell beerdigt werden wollten.

In Chogoria waren wir mehr als glücklich, lebend dort angekommen zu sein. Die Nacht vor dem Aufstieg in Richtung Mount Kenya verbrachten wir endlich mal wieder auf einem Hoteldach in Schlafsäcken. Nach dem anstrengenden Tag genossen wir die Dämmerung auf dem Dach und die Weite der Landschaft hier am Mount Kenya.

Dienstag, 25. Juli 1995

Mit dem Sonnenaufgang machten wir uns fertig für unser nächstes Abenteuer, die Besteigung des Mount Kenya. Anders als der Kilimanjaro ist dieses Bergmassiv noch nicht von Wandertouristen übervölkert. Die kenianischen Behörden haben glücklicherweise auch noch nicht die unangenehme Art, Touris an diesem Berg total zu schröpfen, wie die Tansanier am Kili, die mehr als 250 US$ Eintrittsgebühr für 5 Tage verlangen. Berichten zufolge sollte die Vegetation und die Landschaft am Mt. Kenya sogar schöner und abwechslungsreicher sein als beim höchsten Berg Afrikas. Außerdem kann man am Mt. Kenya ohne bürokratische Hindernisse verschiedene Auf- und Abstiegsrouten wählen und man bekommt nicht von vornherein ein Zeitlimit. Daher entschieden wir uns für die Tour hier am Mt. Kenya. Wenn man natürlich persönliche Höhenrekorde aufstellen möchte, ist der Mt. Kenya ziemlich frustrierend, da der höchste, ohne Kletterausrüstung erreichbare Gipfel „nur" 4965m hoch ist, im Gegensatz zum Uhuru Peak auf dem Kili mit 5995m! Da wir aber mehr Lust auf eine schöne Tour, denn auf posige Höhenrekorde hatten, ging's nun hier den Berg hinauf.

Natürlich war der Aufstieg ein bißchen ein Vabanquespiel, da ich ja noch vor 3 Tagen krank im Bett lag. Aber wir dachten, wenn wir alles selber organisieren, sind wir auch eher bereit, im Notfall umzukehren, wenn nichts mehr geht. Denn finanziell wäre der Aufstieg kein Desaster, im Gegensatz zu organisierten Touren, die hier weit mehr als 200 US$ p. P. kosten. Ich fühlte mich wieder fit für den Trip, und außerdem war uns klar, daß der erste Tag der anstrengendste sein würde, da wir bei 26 km Weglänge durch den tropischen Regenwald 1500 Höhenmeter zurücklegen mußten. Leider fühlte sich Meik nicht ganz fit, aber er war der Überzeugung es heute zu packen. Mit vollgepackten Rucksäcken (17 Weißbrote, 2,5 kg Spaghetti, 1 kg Bonbons, 1000 Tütensuppen von Knorr made in Kenya, 1,2 kg Baked Beans und 4 Beck's Bier aus Bremen, die wir im Duty Free in Addis Abeba fanden) ging es nun endlich los.

Die ersten 6 km des Fahrwegs, der uns bis zum heutigen Etappenziel leitete, führten durch Dörfer und an Feldern vorbei, auf denen hauptsächlich Bananen und Tee angebaut werden. Danach ging es in den tropischen Regenwald hinein, der wie ein Tunnel sich links und rechts des Weges auftürmte. Da wir von der abwechslungsreichen Flora und den vorüberfliegenden Schmetterlingen ständig abgelenkt wurden, bemerkten wir kaum daß es allmählich ziemlich steil bergauf ging. Finanziell wohl situierte Touris sparen sich oft diesen Marathonmarsch bis auf 3000m zur Nationalparksgrenze, da der Weg angeblich recht eintönig sei. Dem kann ich aber nicht zustimmen. Außerdem liefen wir die Strecke nicht nur des Geldsparens wegen, sondern vor allem um die Höhenkrankheit zu vermeiden. Denn Chogoria liegt schon auf 1500m Höhe; die Nationalparksgrenze, die zugleich das Ende des Fahrwegs bedeutet, liegt hingegen auf 3000m Höhe. Fängt man in dieser Höhe erst an zu starten, und dies eventuell auch noch ohne vorher die Nacht auf dieser Höhe verbracht zu haben, kann man sicher sein, daß die Höhenkrankheit bald ausbricht, da der Körper keine Chance hat sich an die verringer- te Sauerstoffkonzentration in der Luft zu gewöhnen. Das einzige Mittel, diese tückische Krankheit zu verhindern, die mit Kopfschmerzen, Übelkeit und Gleichgültigkeit beginnt, ist möglichst weit unten mit dem Wandern anzufangen und viel Flüssigkeit zu trinken, so daß das Blut sich nicht verdickt. Schlimmstenfalls kann es bei Höhenkrankheit zu Lungenödemen kommen, die oft tödlich sind!

Darauf hatten wir heute keine Lust, deshalb ging's gemächlich den Weg immer weiter bergauf. Den ganzen Tag sind uns noch nicht mal eine Handvoll Autos begegnet und zu Fuß trafen wir eh niemanden. So konnten wir dem exotischen Vogelgezwitscher stundenlang zuhören, ohne gestört zu werden. Leider sah es die ganze Zeit danach aus, als ob es jeden Moment zu regnen anfangen würde. Mit zunehmender Höhe wurde der Weg immer glitschiger und die Klamotten wurden auch ohne Regen naß, denn langsam liefen wir in die Wolken hinein. Wir kamen uns vor, wie im Mittelgebirge auf einer Herbsttour, die Nebelschwaden ständig um uns herum. Die letzten 4 km Wegstrecken waren dann wirklich kein Vergnügen mehr. Der Fahrweg erinnerte mich eher an ein Schlammbad und wir schwammen mehr oder weniger in unseren feuchten Klamotten. Da half auch kein Gore-Tex mehr. Außerdem wurde uns langsam ein bißchen unheimlich. Spätestens als wir das Schild „DANGER WILD ANIMALS - Please make noise!" lasen, kamen wir uns ein bißchen verloren mitten im Nebel bei ca. 3°C vor. Und das direkt auf dem Äquator! Später erfuhren wir, daß es auf diesem Weg tatsächlich nicht mit rechten Dingen zugeht. Auf den 26 km sind schon mehrere Menschen spurlos verschwunden. Weder Kleidung noch Gepäck wurden von diesen Leute je gefunden. Deshalb versuchen die Behörden auch Einzelreisende von der Strecke fernzuhalten. Innerhalb des Na- tional Parks darf man sowieso nur als Gruppe von mindestens 2 Personen unterwegs sein.

Völlig erschöpft erreichten wir nach 7,5 Stunden das Chogoria Gate des Mt. Kenya National Parcs. Unsere etwas gedämpfte Stimmung erhellte sich wieder, als wir von einem freundlichen Ranger empfangen wurden, und dieser uns erlaubte unser Gepäck in der Ranger Station zum Trocken stehen zu lassen. Draußen hingegen war alles aufgeweicht und versüfft. Trotzdem bauten wir unser Zelt auf der Wiese auf, denn die Ranger Station war zu klein, um dort drinnen zu dritt zu übernachten. Beim Bezahlen der Übernachtung erlebten wir ein weiteres Highlight afrikanischer Bürokratie. Um die Quittung, die wir gar nicht wollten, ausstellen zu können, war natürlich der Reisepaß notwendig. Da hier natürlich Kreditkarten so viel nützen wie auf dem Mond, mußten wir natürlich cash in harten US$ zahlen. Auf der Quittung wurde nun die Seriennummer jedes einzelnen Dollars notiert. Da wir in 1 Dollar Scheinen zahlten, hatte unser netter Ranger nun endlich mal allerhand zu tun…

Leider ging es Meik heute Abend gar nicht gut, und so blieb abzuwarten, was wir morgen un- ternehmen würden. Trotzdem genossen Martin und ich (Meik trinkt kein Bier) erst einmal schön gekühltes Beck's bei 3°C auf dem Äquator!!!

Mittwoch, 26. Juli 1995

Der Gesundheitszustand von Meik besserte sich über Nacht leider kaum. Entweder hatte ich ihn die letzten Tage angesteckt, oder er hatte nun auch unter den eiskalten Nächten in Addis im Nachhinein zu leiden. Jedenfalls stand für uns fest, daß wir die Tour abbrechen und umkehren würden. Für Meik war dieser Abstieg sicherlich eine Qual, denn das Wetter hatte sich über Nacht auch nicht gebessert. Vielmehr ging es die meiste Zeit erst einmal durch Nieselregen wieder talwärts. Einen Tag Pause bei diesem Novemberwetter im Zelt hätte Meik sicher auch nicht viel geholfen und so waren wir eher froh, daß Meik noch so fit war, hier wieder runter zu kommen. Der Regen machte aus der Wanderung auf einem Fahrweg nun eine Rutschpartie im Regenwald. Diese Art des Abstiegs war fast anstrengender als der Aufstieg, da wir mit unseren schweren Rucksäcken natürlich noch mehr Probleme hatten bergab das Gleichgewicht zu halten als beim Aufstieg. Aber die Tortur wurde belohnt: Zum ersten Mal sahen wir Colobus-Affen in freier Wildbahn in Action von Baum zu Baum springen. Dieses schöne Erlebnis hellte unsere getrübte Stimmung wieder auf, und die letzten Kilometer nahm uns ein Bergführer in seinem Jeep mit nach Chogoria. Bald darauf saßen wir wieder auf dem Hoteldach, das wir erst gestern Morgen verlassen hatten. Im Nachhinein hatte sich aber diese Zweitage-Dschungeltour durchaus gelohnt, da die Fauna und Flora für uns ein großes Erleb- nis waren. Abends trafen wir Pharry, einen Träger auf dem Dach. Die meisten Einheimischen verdienen in der Wandersaison einen Großteil ihres Jahreseinkommens als Führer oder Träger für die Touris, die den Mt. Kenya in Angriff nehmen. Dies ist auch ein Kriterium, wenn man Ferntourismus und Reisen in Ferne Länder kritisch betrachtet. Ohne diese zusätzliche Einnahmequelle hätten hier viele Familien nicht genügend Geld, um zu (über)leben. Der Abend mit Pharry wurde noch lange, und wir erzählten viel über das gar nicht so wunderbare Leben im „Paradies" Europa, das es in den Träumen der Afrikaner oft darstellt. Aber vielleicht ist ein Leben, ohne die Sorge, wie ich den nächsten Tag genügend Geld für meine Fa- milie zusammenbekomme schon für afrikanische Verhältnisse traumhaft. An diesem Abend wurde mir mal wieder bewußt, wie viel sorgenfreier unser Leben in Europa sein kann, wenn man sich nicht ständig wegen Lappalien aufregt (Stau, verpaßter Bus, langweilige Party, früh- aufstehen müssen, schlechtes Wetter etc.).

Donnerstag, 27. Juli 1995

Heute haben wir mal wieder richtig Zeit, angenehm zu frühstücken. Da Kenya früher eine englische Kolonie war, übernahmen die Einheimischen z. T. die kulinarischen Eigenheiten der Kolonialherren. So findet sich fast überall in den Restaurants z. B. Porridge, ein breiartiges weißes Zeug, das man mit viel Zimt und Zucker „genießen" sollte. Natürlich gibt es auch Ham & Eggs und Baked Beans zum „gesunden" English Breakfast. Nur der Kaffee und der Tee, der ja eigentlich hier produziert wird, ist leider nichts Besonderes. Gab es in Eritrea und Äthiopien wirklich den besten Kaffee, den ich je getrunken habe, kommt hier der Kaffee aus der Nescafé-Dose.

Während des Frühstücks machten wir uns Gedanken, wie denn unsere Tour weitergehen sollte. Bis Nairobi hatten wir immer im Hinterkopf so schnell wie möglich um das Krisengebiet Sudan herum zu gelangen. Dadurch reisten wir manchmal mit einem enormen Tempo durch die auf dem Weg liegenden Länder. Nachdem wir nun südlich des Sudans angekommen sind, und dazu noch die geplante Wandertour mehr oder weniger buchstäblich „ins Wasser fiel", befanden wir uns jetzt in der angenehmen Situation, in aller Ruhe zu entscheiden, ob wir Kenya sofort in Richtung Tansania (und Kilimanjaro) verlassen, in Mittelkenya durch die wunderschöne Landschaft zu reisen (Thompson Falls, Aberdares Ntl. Park), oder das zu tun, was die meisten Touristen in Kenya tun, wenn sie nicht gerade in Mombasa am Strand rumliegen: Auf Safari gehen. Ich hatte in unserem Reiseführer gelesen, daß Mitte Juli bis Mitte August im „Masai Mara Game Reserve", dem kenianischen Teil der berühmten tansanischen Serengeti, die sogenannte „Migration" stattfindet. Dabei ziehen Millionen von Zebras und Gnus aus der trockenen Serengeti in die Masai Mara, um noch nicht ausgetrocknete Wasser- löcher zu finden. Martin und Meik waren von dem Vorschlag noch nicht sonderlich begeis- tert, da wir eigentlich vorhatten, später in Südafrika im „Kruger National Park" auf Safari zu gehen. Dort kann man mit einem Mietwagen durch den Park fahren und auf Campsites relativ günstig übernachten. Die Masai Mara hingegen kann man aufgrund der exorbitanten Mietwagenpreise hier in Kenya nur mit organisierten Veranstaltern besuchen.

Wir entschlossen uns, nun erst einmal nach Nairobi zurückzufahren, um uns umzuhören, was denn so eine Safari kosten würde, und wann eine in Richtung Masai Mara starten würde. Dazu stellten wir uns in Chogoria mit Pharry, dem Träger an den Straßenrand und warteten auf einen Bus. Pharry meinte nämlich, es gäbe auf dieser Strecke Busse direkt nach Nairobi, die uns die, auch seiner Meinung nach, gefährlichen Matatus ersparen würden. Wann die Busse fahren, weiß man in Afrika, wenn man mitten im Busch hockt, natürlich nicht genau. Lediglich, daß ein Bus kommt stand fest. So blieb uns nur das Warten in der prallen Sonne Afrikas direkt auf dem Äquator. Während das Wetter hier unten wieder dem Afrika-Klischee entsprach, sah es in den Bergen immer noch nicht besser aus. Unsere Entscheidung, die Tour abzubrechen, hatte sich wohl auch im Nachhinein als richtig erwiesen. Nach nur 20 Minuten Wartezeit kam eine auf 4 Rädern rollende Blechkiste, die ihre besten Tage wohl noch in der Kolonialzeit gesehen hatte, um die Ecke geprescht. Das Gepäck wurde angenehmerweise auf dem Dach festgebunden, und nun ging's wieder zurück in Kenias Hauptstadt. Zurück ließen wir Pharry, der nun im Hotel so lange warten wird, bis ihn irgendwann ein Tourist als Träger zum Mt. Kenya anheuert. Zum Glück tauschten wir noch die Adressen aus, und knapp 4 Jah- re später 1999 hat es Pharry geschafft, in Tansania eine Bergführerausbildung zu bestehen. Mittlerweile arbeitet er nun als Führer am Mt. Kenya, was natürlich ein großer Karrieresprung für Pharry bedeutete.

Nach viereinhalb Stunden Fahrt erreichten wir Nairobi. Die Fahrt kam uns im Gegensatz zum Matatu-Trip vom Montag wie ein First-Class-Flug vor. Von der Busstation ging es dann direkt wieder ins Backpacker-Zentrum New Kenya Lodge in der River Rd. Das Zimmer teilten wir uns dieses Mal mit Girr, einem Israeli, der auch quer durch den Kontinent reist, und eigentlich schon längst wieder zu Hause sein sollte, da seine Schwester heiratet. Aber irgendwie kriegt er dies nicht auf die Reihe. Statt dessen räuchert er permanent unser 4 Bett- Zimmer ein und kifft sich die letzten Krümel seines Hirns heraus. Malaria hatte er angeblich schon und war nicht so schlimm, wie alle meinten. Billharziose (eine Wurmkrankheit) hatte er sich am Malawisee ebenfalls geholt, aber die sei nur ein bißchen lästig, da man zu ihrer Bekämpfung ständig Pillen schlucken müsse. Diese Art der Gesundheitsvorsorge war mir nicht so ganz „koscher" .Trotzdem waren die Unterhaltungen mit ihm sehr lustig, und bei seiner Trägheit hat er sicher noch viele Traveler nach uns unterhalten, denn eine Woche später als wir wieder hier vorbeikamen, war er immer noch „halbwegs" anwesend.

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