Woche 2:

Freitag, 30. Juni 1995 Aleppo - Palmyra
Samstag, 01. Juli 1995 - Sonntag, 02. Juli 1995 Palmyra - Damaskus
Montag, 03. Juli 1995 Damaskus - Amman
Dienstag, 04. Juli 1995 Amman - Petra
Mittwoch, 05. Juli 1995 Petra - Suezkanaltunnel
Donnerstag, 06. Juli 1995 Suezkanaltunnel - Kairo

Freitag, 30. Juni 1995
Nachdem wir endlich mal wieder an einem festen Platz eine geruhsame Nacht über den Dächern von Aleppo verbrachten, ging es heute weiter nach Südosten in die Wüste. Da wir uns ja jetzt in einem arabischen Land befinden, fühle ich mich oft als Analphabet, weil die Mehrzahl der Schilder etc. in arabischen Schriftzeichen verfaßt ist. Trotzdem hatten wir keine Probleme, den richtigen Bus zu finden, der uns nach Homs, einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, brachte, da die Route des Buses durch einen professionellen Schreier hinaus posaunt wird. In Homs gibt es zum Glück nur einen einzigen Busbahnhof, anders als z. B. in Istanbul. Kaum steigt man aus, wird man von einer Menschenmenge umringt, die fragt, wohin man weiterreisen möchte. So ist es selten ein Problem einen direkten Anschluß zu bekommen. Allerdings fahren in vielen Ländern die Busse, japanische Minibusse oder Sammeltaxis erst ab, wenn sie voll sind.

Unser Anschluß nach Palmyra ließ dieses Mal nicht lange auf sich warten, und schon ging es hinein in die Wüste, die im Osten bis in den Irak zu den Flüssen Euphrat und Tigris reicht. Der Ort Palmyra an sich ist völlig unbedeutend und langweilig. Aber die römischen Ausgrabungen, an deren Rande der Ort liegt, sind mit die bedeutendsten im gesamten Mittelmeerraum. Im Gegensatz zu den Ausgrabungen in Rom zum Beispiel, haben wir hier diese Relikte aus vergangen Zeiten völlig für uns alleine, da sich hierher nur selten Reisende verirren. Lediglich ein Kamelführer bietet seine Dienste an. Wie wir später gemerkt haben, wurde hier sogar schon mal eine Werbung für C&A gedreht, die im deutschen Fernsehen lief. Natürlich mußten wir ebenfalls dann ziemlich posige Photos von uns und unserer geschichtsträchtigen Umgebung machen. Hinter den Ausgrabungsstätten liegt auf einem Berg eine Burgruine. Nachdem es etwas abgekühlt war (40°C am Nachmittag) kletterten wir auf den Berg und genossen das Panorama: Von oben erkennt man, daß Palmyra wirklich eine Großstadt zur Zei- tenwende gewesen sein muß. Die Paradestraßen, durch Säulen abgegrenzt, sind immer noch erkennbar. Hinter der Stadt erstreckt sich die Wüste bis zum Horizont. Die untergehende Sonne taucht die Landschaft in einen angenehm warmen, rötlich braunen Ton und beendet einen weiteren wunderschönen Reisetag.

Samstag, 01. Juli 1995 - Sonntag, 02. Juli 1995

Heute verließen wir leider schon wieder das beschauliche Palmyra in Richtung Damaskus, der Hauptstadt von Syrien. Wenn wir in Deutschland von Syrien hören, denken wir eigentlich an ein arabisches Land, das sich immer noch im Konflikt mit Israel befindet, und das gegenüber „amerikanischer Kultur" sicher nicht sehr aufgeschlossen ist. Doch wir wurden auf der Fahrt mit dem Bus in die Hauptstadt eines besseren belehrt. Statt der sonst typischen Van-damme-Filme gab es zu unserer Verwunderung tatsächlich den amerikanischen Kultfilm „Nackte Kanone 33 1/3" in englischsprachiger Originalfassung mit arabischen Untertiteln. Auf der anderen Seite war (und ist) Syrien das einzige Land, das wir auf unserer Tour durchquerten, in dem der Name „Coca-Cola" ein Fremdwort war. Nirgends gab es diese süße Brause zu kaufen, die uns sonst tagtäglich auf unserem Trip wie ein Schatten begleitete. Auch sonst waren unsere Eindrücke von diesem Land von gespaltener Natur. Einerseits waren die Einheimischen sehr gastfreundlich uns gegenüber. Als sich jedoch herausstellte, daß wir Deutsche waren, kamen wir oft in peinliche Situationen: Wir wurden wegen der jüngeren deutschen Vergangenheit gelobt, und die Syrer sahen nicht ein, daß das Deutschland von 1933-1945 nicht nur Juden, sondern auch Araber vernichten wollte. Wir wußten wirklich nicht, wie wir auf solche Äußerungen richtig reagieren sollten, und waren immer froh, wenn das Gesprächsthema wechselte.

In Damaskus angekommen, hörten wir wie fast jeden Abend die Deutsche Welle auf unserem Kurzwellenempfänger. Denn nichts ist wichtiger auf dieser Reise, als immer auf dem neuesten Stand der politischen Situation unserer nächsten Reiseländer zu sein. Unglücklicherweise fand gerade in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba ein solch bewegendes Ereignis statt. Der ägyptische Staatspräsident Mubarak entging gerade noch einmal einem Attentasversuch wäh- rend eines Gipfeltreffens der Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU). Die Hintermänner dieser mißglückten Aktion sollen, ägyptischen Quellen nach, aus dem Sudan stammen. Da wir alle 3 Länder Ägypten, Sudan und Äthiopien besuchen wollten, mußten wir nun über die Situation in dieser Region Genaueres erfahren, bzw. eventuell Alternativrouten erarbeiten. Deshalb unternahmen wir in Damaskus einen ersten Versuch, ein Transitvisum für Saudi-Arabien zu bekommen. Denn eventuell hätten wir von Jordanien aus mit dem Bus nach Jeddah (Saudi-Arabien) fahren können, um dann von dort mit dem Flieger nach Eritrea weiterzufliegen. Doch Saudi-Arabien duldet keine Touristen in seinem Land. Die Einreise ist nur Geschäftsleuten und muslimischen Mekka-Pilgern gestattet. Deshalb blieb es auch nur bei einem Versuch, ein Visum zu ergattern. Wir wurden in Damaskus einfach solange von der Botschaft zum Konsulat und zurück geschickt, bis wir aufgaben. Da die Situation im Sudan und Umgebung noch nicht allzu gefährlich erschien, gaben wir unseren Plan mit Saudi-Arabien auf und erkundeten vielmehr die faszinierende syrische Hauptstadt mit ihren vielen Moscheen und dem labyrinthartigen Souk.

Politisch gesehen liegen zwischen Syrien und Israel wirklich Welten. Beide Länder befinden sich seit vielen Jahren offiziell immer noch im Kriegszustand. Aber rein geographisch gesehen lag in Damaskus die Grenze zu Israel nur rund 50 km weit weg. Daher konnten wir israelisches Radio empfangen. Die musikalischen Beiträge sagten uns wesentlich mehr zu als das syrische Radioprogramm. Heute abend wurde z. B. ein Live-Kozert der Gruppe „Faith No More" direkt aus Tel Aviv übertragen. Doch wir mußten vorsichtig sein. Denn Syrien sanktioniert alles, was irgendwie auch nur im geringsten mit dem Erzfeind zu tun hat aufs Schärfste. Deswegen saßen wir am Fenster und hatten, während wir der Musik lauschten, immer eine Hand am Lautstärkeregler, um den hebräischen Kommentator immer schnell genug abwürgen zu können. Denn das Hören israelischen Radios ist in Syrien sicher nicht gestattet. Traveller nehmen das Wort Israel auch deshalb in Syrien nie in den Mund. Unter Travellern hat Israel deshalb den Codenamen „Disneyland" .Gerade weil viele Traveller von Syrien aus über Jordanien nach Israel reisen. Würden das die Syrer erfahren, hätten die Traveller große Probleme. Deshalb fragte man immer, wenn es um Reisepläne ging: „Fahrt Ihr auch später noch nach Disneyland?", denn Syrien hat einen gut funktionierenden Geheimdienst mit vielen IM's!

Unsere Weiterreise verzögerte sich um einen Tag, da der nächste buchbare (!) Bus nach Amman, der Hauptstadt von Jordanien erst montags fuhr. So konnten wir seit Istanbul zum ersten Mal wieder zwei Nächte an einem Ort verbringen, was manchmal auch ganz angenehm sein kann.

Montag, 03. Juli 1995

In aller Herrgottsfrühe ging es heute in Richtung „Haschemitisches Königreich Jordanien". Nach ca. 1 Stunde Busfahrt hatten wir die syrisch-jordanische Grenze erreicht. Zum ersten Mal wurde nun unsere Geduld beim Passieren einer Grenze auf die Probe gestellt. Die Ausreise aus Syrien erwies sich noch als unproblematisch, doch die Einreiseprozedur nach Jordanien zog sich wie ein Kaugummi in die Länge. Erst einmal wurden uns die Pässe abgenommen. Zum Glück hatte ja jeder noch einen bei sich. Danach mußte das ganze Gepäck aus dem Bus ausgeladen und dem Zöllner präsentiert werden. Nach einer weiteren Stunde durften wir das Gepäck, das letztendlich von niemanden inspiziert wurde, wieder in den Bus einladen. Doch dies war einfacher gesagt als getan, da alle Passagiere schon völlig genervt waren und ihr Gepäck einfach in den Laderaum warfen, so daß natürlich nicht mehr alles richtig in den Bus hineinpaßte. Danach ging's in die Amtsstube der Grenzpolizei. Dort drängelte jeder so gut wie er konnte sich vor, aber diese Taktik erwies sich als sinnlos, denn der Bus wartete natürlich bis auch der letzte Passagier abgefertigt wurde. Schließlich hielten auch wir wieder die richtigen Pässe in der Hand mit dem Einreisestempel und der Aufforderung, sich innerhalb einer Woche bei der Polizei zu melden. Da wir nur wenige Tage in Jordanien blieben, konnten wir uns dieser sinnlosen Prozedur zum Glück entziehen. Inzwischen hatte sich die Arbeitseinstellung der Zöllner anscheinend geändert, denn plötzlich wurden alle syrischen Autos streng gefilzt. Die Rückbank eines Autos mußte ausgebaut werden, die Motorhaube geöffnet, die Scheinwerfer abgeschraubt werden und man nahm eine Kostprobe aus dem Tank! Nach 2 Stunden waren wir nun alle abgefertigt, und es ging weiter nach Amman, der Hauptstadt Jordaniens.

Diese Stadt liegt wie Rom auf mehreren Hügeln, hat aber den kleinen unbedeutenden Unterschied aufzuweisen, daß es hier, rein touristisch gesehen, absolut nichts zu sehen gibt. Deshalb hatten wir genügend Zeit, es mal wieder bei den Saudis zwecks Visa zu probieren. Aber leider haben Botschaften sehr kundenunfreundliche Zeiten, was wir später in Ägypten noch mehrmals erfahren mußten. Deshalb kamen wir vor verschlossenen Türen an der Botschaft an und wir wollten keinen Tag nur mit Botschaftsbesuchen vergeuden und entschlossen uns daher, das Projekt Saudi-Arabien an den Nagel zu hängen. Abends konnten wir dann zum ersten Mal seit Istanbul wieder ein Bierchen genießen, da Syrien eine „Dry Area" war. Gut gekühltes, in Lizenz gebrautes „Amstel" Lager, floß reichlich in unsere ausgedörrten Kehlen. Dazu gab es Felafel, das ja mittlerweile auch in Deutschland populär geworden ist. Das Kulinarische kommt auf dieser Reise insgesamt gesehen bis jetzt wirklich nicht zu kurz. Waren es in Istanbul vor allem die superleckeren türkischen Pizzas (und Kebab), ist seit Syrien jetzt Felafel unser absoluter Renner. Felafel besteht aus fritierten Bällen, die aus Kichererbsenpüree geformt werden. Diese werden zusammen mit Salat und Tomaten in ein Fladenbrot gewickelt und mit einer scharfen Sauce serviert. Nachdem wir uns ausreichend gesättigt hatten, ging es wieder einmal auf einem Hoteldach zum Schlafen, da das wiederum die preiswerteste „Location" war.

Dienstag, 04. Juli 1995

Um 07h00 waren wir heute Morgen schon wieder auf der Piste. Unser Transportmittel dieses Mal: Ein Sammeltaxi. Diese Art öffentlicher Verkehrsmittel existiert in Deutschland leider nicht. Denn eigentlich sind Sammeltaxis die optimale Alternative zum privaten PKW. Statt einen (Mini) Bus zu füllen, müssen sich bei diesem Transportmittel je nach Land zwischen 4 und 7 (!) Menschen finden, die mehr oder weniger zum gleichen Ziel wollen. Es gibt demnach keine Zwischenstops, es sei denn, das Reiseziel eines Passagiers liegt auf der Route. Dann wird natürlich das Sammeltaxi wieder aufgefüllt. So kann man relativ schnell, ziemlich preiswert lange Distanzen zurücklegen. So auch heute morgen. Unser Ziel, die weltberühmten Ruinen von Petra, liegen rund 300 km südlich von Amman. Nach ca. 3 h Fahrt waren wir auch schon an unserem heutigen Zielpunkt angelangt. Schnell ein Hotel finden, und ab ging's hinab in das Reich der Nabathäer. Leider mußten wir, um diese einzigartige Sehenswürdigkeit zu bewundern, 20 Jordanische Dinar (=20 Euro!) hinblättern, und diesmal waren (falsche) Studentenausweise auch nutzlos. Aber falls ihr mal hier in der Nähe seid, zahlt den Wucherpreis und gebt Euch diese einmalige Sehenswürdigkeit.

Um in das Reich der Nabathäer zu gelangen, muß man zuerst rund eine halb Stunde durch ein Wadi wandern, das z. T. nur rund einen Meter breit ist. Dafür ragen die Felsen über uns mehrere hundert Meter in die Höhe. Am Ende des Wadis befanden wir uns dann in einer rund 500m tiefen Schlucht und plötzlich kamen wir uns wirklich vor, wie bei „Indianer Jones und der letzte Kreuzzug", der übrigens tatsächlich u. a. hier gedreht wurde. Auf einmal tat sich die enge Schlucht auf, und vor uns wurde ein riesiger Tempeleingang sichtbar. Der gesamte Tempel ist in den rötlich schimmernden Fels gehauen. Die Fassade des Gotteshauses, die ca. 40m hoch ist, wurde aus dem Fels heraus gehauen. Wie dieser Tempel sind alle Gebäude Petras, die man heute noch bewundern kann, in den rötlichen Fels gehauen. Die freistehenden Bauten sind längst eingestürzt oder zerstört worden. Nachdem wir den gesamten Tag durch die trockene Hitze gewandert waren, fielen wir ziemlich fertig auf unsere Betten, und schafften es nicht mehr, Indie auf seinen Abenteuern per Video zu begleiten. Denn natürlich wird dieser Film hier jeden Abend voller Stolz vorgeführt.

Mittwoch, 05. Juli 1995

Langsam wird das frühe Aufstehen zur Gewohnheit. Denn von Petra fährt nur einmal am Tag ein Bus zum einzigen Hafen des Landes, nach Aquaba am Roten Meer. Und dieser Bus fuhr nun einmal leider um 06h00 morgens. Denn die Menschen in diesem Teil der Welt, in dem die Sonne mehr oder weniger das ganze Jahr um 06h00 aufgeht, und gegen 18h00 wieder untergeht, orientieren sich einfach am Tageslicht. Deshalb fängt das Leben relativ früh an zu pulsieren, und es endet dementsprechend schon wenige Stunden nach Sonnenuntergang. So mußten wir halt unseren mitteleuropäischen Lebensstil langsam aber sicher an die Gewohnheiten unseres jeweiligen Gastlandes anpassen. Heute wurde uns auch zum ersten Mal bewußt, was wir für ein Glück bisher mit der Qualität der Straßen hatten. Seitdem wir Istanbul verließen, waren sämtliche Straßen in einwandfreiem Zustand, und dadurch verbrachten wir relativ kurze Zeit mit dem Reisen von Ort zu Ort. Für die rund 100 km nach Aquaba hingegen brauchten wir auf einer Schlaglochpiste nunmehr 2 Stunden.

Da wir ja immer noch nicht wußten, wie unsere Tour eigentlich schon hier weitergehen sollte, entschlossen wir uns, Israel in jedem Falle keinen Besuch abzustatten, um später eventuelle Probleme bei der Einreise in ein islamisches Land von vornherein zu verhindern. Denn mittlerweile wußten wir, daß die Sudanesen gegenüber israelischen Paßeintragungen die reinste Phobie entgegenbrachten. Fand man einen israelischen Stempel führt dies in jedem Falle zur Einreiseverweigerung. Da die Israelis dies wissen, stempeln sie nunmehr ihre Ein- und Ausreiseinformationen auf ein separates Blatt, um dem Paßinhaber spätere Probleme zu ersparen. Aber die Sudanesen sind ziemlich schlau. Deshalb wird die Einreise auch denjenigen verweigert, die einen jordanischen-ägyptischen Ein- bzw. Ausreisestempel von einem jordanisch-israelischen oder ägyptisch-israelischen Grenzübergang im Paß vorzuweisen haben (es gibt nur vier, deshalb können die Sudanesen das leicht nachkontrollieren). Fehlt ein jordanischer oder ägyptischer Ausreise- oder Einreisestempel, wird die Einreise in den Sudan ebenfalls verweigert. Nun gibt es ganz schlaue Traveller, die ihren Paß einfach in Ägypten wegschmeißen, und einen neuen Paß in Kairo beantragen. Aber der Sudan war wieder schlauer! In Ägypten ausgestellte Reisepässe fremder Nationalitäten werden nicht akzeptiert. So bleiben nur 2 Möglichkeiten übrig. Entweder man fliegt von und nach Israel und erhält dann nur jordanische oder ägyptische Einreisestempel vom Flughafen und läßt sich die israelischen auf einen Zettel stempeln, oder man umgeht Israel, und besucht es auf irgendeiner späteren Reise. Wir entschlossen uns aus finanziellen Gründen für die letzte Möglichkeit. Deshalb buchten wir in Aquaba eine Fähre, die uns am selben Nachmittag nach Nuveiba im Sinai bringen sollte.

Jordanien ist neben Ägypten das einzige arabische Land, das mit seinem Nachbarn Israel einen Friedensvertrag abgeschlossen hat. Aber irgendwie haben wir den Eindruck, daß die israelischen (und andere) Touristen dafür auf dem finanziellen Wege büßen müssen. Nicht nur, daß die Sehenswürdigkeiten von Petra sehr heftig in das Budget eines jeden Travellers reinschlagen, nein, wenn man das Hashemitische Königreich wieder verlassen möchte, muß man zu guter Letzt noch eine Ausreisesteuer entrichten, die sich nach der Art des Transportmittels richtet. So mußten wir noch Mal 6€ am Hafen entrichten. (Ein Jahr später war ich wieder in Jordanien und verließ das Land zu Fuß und mußte trotzdem etwa denselben Betrag berappen!). Nachdem nun alle ihre Ausreisesteuer gezahlt hatten, und jeder seinen Ausreisestempel im Paß hatte, ging's an Bord unserer Fähre, die sich in einem noch ziemlich vertrauenerweckenden Zustand befand. Die Mehrzahl der Reisenden kam übrigens gerade aus Mekka, von der für Muslime mindestens einmal im Leben durchzuführenden Pilgerreise. Die Grenze zu Saudi-Arabien lag auch nur wenige Kilometer südöstlich des Fährhafens. Aber für uns war sie eine unüberwindbare Barriere, genauso wie die Grenze zu Israel, die sich wiederum nur wenige Kilometer weiter westlich befand. Der angespannten politischen Lage in dieser Region, dankt unsere Fähre alleine ihre Existenz. Denn es wäre wesentlich praktischer für alle Beteiligten gewesen, einfach die Küstenstraße nach Westen in Richtung Eilat/Israel und weiter in den Sinai zu nehmen, als mit dem Schiff rund 50 km nach Südwesten zu tuckern, um dann im ersten größeren ägyptischen Ort anzulegen. Aber was nützen diese Gedankenspiele. Hoffentlich wird man in einigen Jahren über eine solche Zustandsbeschreibung ungläubig den Kopf schütteln, wie wir es heute schon mit Grenzgeschichten zur DDR-Zeit tun.

Nachdem die Kapazität der Fähre zu mindestens 110% ausgelastet war, ging unsere nicht gerade luxuriöse Kreuzfahrt durch das Rote Meer los. Bei 40° C Hitze „genossen" wir den weiten 4 Länderblick von Bord aus. Ganz im Westen der ägyptische Sinai, dann Eilat als israelischer Stützpunkt am roten Meer sich anschließend. Weiter östlich das gerade verlassene jordanische Aquaba, und ganz im Osten, die saudi-arabische Halbinsel. Nach 3 Stunden ruhiger „Überfahrt" kamen wir in unserem ersten afrikanischen Land an. Doch geographisch gesehen waren wir noch gar nicht auf dem schwarzen Kontinent, denn der Sinai zählt noch zu Asien. Aber die afrikanische Bürokratie empfing uns schon in Nuveiba. Wir brauchten alleine eine geschlagene Stunde, um unser schaukelndes Schiff wieder zu verlassen. Die ägyptischen Einreiseprozeduren stellten dann aber alles Bürokratische was wir bisher erlebt hatten in den Schatten. Erst einmal wurden alle Passagiere mit einem Bus zu einer Wechselstube gefahren, bis jeder der rund 1000 Menschen seine „Kohle" in ägyptische Pfund getauscht hatte. Danach ging es dann zur Zollkontrolle (die Paßkontrolle fand glücklicherweise schon auf dem Boot statt). Es verging erst einmal eine geraume Zeit, bis sich die Herren vom Zoll überhaupt für die einstürzende Menschenmasse interessierten. Das gesamte Gepäck mußte nun durch einen Röntgenapparat geschoben werden. Danach mußten wir ebenfalls durch einen Metalldetektor hindurch. Aber ob man schließlich durch den Detektor lief, oder um ihn herum, schien letztendlich keinen so richtig zu interessieren. Dann hieß es wieder warten, bis plötzlich ein Uniformierter ein Zeichen machte, das wohl hieß: „Ihr könnt gehen." Mittlerweile waren schon zweieinhalb Stunden seit unserer Ankunft vergangen. Mit dem Bus sollte es nun eigentlich sofort weiter nach Kairo, Ägyptens Hauptstadt, gehen. Noch sahen wir eine theoretische Chance, heute Abend schon auf afrikanischem Boden zu schlafen. Doch wir hatten leider nicht zum letzten Mal die Rechnung ohne unsere ägyptischen Freunde gemacht. Denn es dauerte noch einmal zweieinhalb Stunden, ehe sich der Bus in Bewegung setzte, da die Ägypter auch noch die Schikanen des Zoll passieren mußten. Anscheinend schienen sich die Zöllner höllisch dafür zu interessieren, was ihre Landsleute denn so von ihrer Pilgerfahrt mitbrachten. Bei der Abfahrt des Busses rechnete ich aus, daß wir so gegen 3h00 morgens in Kairo ankommen mußten. Dies war sicher nicht gerade die beste Zeit, um in der 12 Millionen Ein- wohner Metropole anzukommen. Doch seit diesem Abend stellte ich eh keine Berechnungen mehr an, was unsere Ankunft irgendwie betraf, da diese Berechnungen der blanke Hohn waren. Für die 464 km lange Fahrt von Nuveiba nach Al Kahira (arab. Kairo) brauchten wir schließlich 12 Stunden, da wir natürlich nicht bedachten, daß der Suezkanaltunnel nachts abgeschlossen ist, und wir vor dem Tunnel übernachten mußten. Unser Zugang nach Afrika war heute Abend also einfach abgeschlossen!!!

Donnerstag, 06. Juli 1995

Nachdem frühmorgens der Suezkanaltunnel geöffnet wurde, fuhren wir ohne nennenswerte Ereignisse nach Kairo. Wir waren viel zu kaputt, um zu realisieren, daß wir nach knapp 2 Wochen Fahrt endlich in Afrika angekommen waren. Der profane Übergang von Asien nach Afrika durch einen Tunnel war ja auch eigentlich dem Ereignis recht unwürdig. Wenigstens waren wir relativ früh morgens nun in Kairo und konnten in aller Ruhe ausloten, wie unsere eigentliche Reise quer durch Afrika nun weitergehen sollte. Aus diesem Grund zogen wir wieder in mein Hotel ein, in dem ich schon ein Jahr vorher genächtigt habe, denn es wird von Sudanesen betrieben. Das Wortgefecht, das zwischen Ägypten und dem Sudan nach dem Anschlag von Addis Abeba losbrach, ebbte nicht etwa ab, sondern es verstärkte sich eher nur durch gegenseitiges Säbelrasseln. Unsere Sudanesen meinten in und um die sudanesische Hauptstadt Khartoum sollte das Reisen kein (Sicherheits-)Problem darstellen. Aber meinen ursprünglichen Plan, von Südägypten mit der Fähre über den Nasserstausee nach Wadi Halfa in den Sudan zu fahren, um dann mit der Eisenbahn weiter nach Khartoum zu gelangen, konnte ich mittlerweile abschreiben, da die Landesgrenzen zwischen Ägypten und dem Sudan geschlossen waren. Somit blieb uns die theoretische Möglichkeit, mit dem Boot von Suez nach Jeddah in Saudi-Arabien zu fahren, um dann lediglich vom Hafen zum Flughafen über saudisches Territorium zu fahren, um einen Flug von dort nach Eritrea zu nehmen. Aber da Saudi-Arabien ja keine Visa für unsere Gattung Mensch (Christ & kein Geschäftsmann) ausstellt, blieb diese Möglichkeit reine Theorie. Die nächste Möglichkeit, mit dem Flieger von Ägypten in den Sudan zu gelangen, war schon praktikabler, da wir ab Khartoum eh ein Flugticket weiter nach Eritrea schon besaßen. Aber diese Möglichkeit wurde von den ägyptischen Reisebüros einfach zunichte gemacht, indem sie sich weigerten, uns einen Flugschein in den „feindlichen" Sudan auszustellen. Mir taten unsere sudanesischen Hotelbesitzer allmählich Leid, denn die Ägypter hatten einen ziemlichen Haß auf alles Sudanesische. Laut Aussage der Sudanesen bestünde zur Zeit auch gar keine Möglichkeit, vom Sudan aus nach Eritrea zu gelangen, da die Grenze geschlossen sei, und beide Länder keine diplomatischen Beziehungen zueinander pflegten. Vielmehr befänden sich beide in fast kriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Deshalb mußten wir die 3. Alternative umsetzen: Mit dem Flugzeug von Ägypten den Sudan leider überfliegen und in Eritrea landen. Da wir weder ein Flugticket nach Asmara, der Hauptstadt Eritreas, von Kairo aus besaßen, noch ein Visum für diesen erst 1993 gegründeten Staat besaßen, war Kairo nun erst einmal Basis, um unsere Weiterreise zu organisieren. Leider wurde das Beschaffen des Visums und des Tickets eine Herkulesaufgabe, die es in der Hauptstadt aller Bürokraten zu meistern galt. Zuallererst mußten wir ein Flugticket auftreiben. Irgendwie sind wir dabei auf das Reisbüro mit dem bezeichnenden Na- men „Wondertravel" gestoßen. Denn diese Agentur hatte es wirklich in sich: Für mich als gelernten Luftverkehrskaufmann war es sehr interessant zu erfahren, daß hier im Orient sogar Preise für Flugscheine ausgehandelt werden konnten. Der Preis von ursprünglich 225€ fiel auf 195€ durch das Mißverständnis zwischen uns und dem Angestellten im Reisebüro, da ich seine anfängliche Offerte vom Englischen ins Deutsche übersetze. Der Angestellte dachte anscheinend, daß der Preis zu hoch sei, da ich ihn erst noch einmal auf Englisch wiederholte, da ich nicht genau wußte, ob ich ihn richtig verstanden hatte. Deshalb ging er mit dem Preis sofort hinunter auf 195€, was das Loch, das dieses Ticket in unsere Reisekasse riß, wenigstens etwas verringerte. Nachdem wir den Deal zu 195€ abgeschlossen hatten, sagte man uns, wir bekämen das Ticket, sobald wir das Visum vorweisen können. Dies war leider eine folgenreiche Feststellung.

Da wir von Asmara/Eritrea ein Ticket, ausgestellt auf Ethiopian Airlines (ET) besaßen, fragten wir hier in Kairo nach, wie die Visabestimmungen für Eritrea lauteten. Denn jedes Land hat andere Bestimmungen, um den verdammten Visumstempel in den Paß gedrückt zu bekommen. Um ein Visum für Eritrea zu erhalten, müßten wir ein Empfehlungsschreiben der deutschen Botschaft in Kairo vorlegen. Der Sinn dieses Schreibens ist mir bis heute, ehrlich gesagt, schleierhaft. Angeblich bekommen dieses Empfehlungsschreiben lediglich Bürger, denen keine Straftaten im Heimatland zur Last gelegt werden. Ob nun wirklich jemand von Kairo aus gecheckt hat, ob wir nicht vorbestraft sind, wage ich zu bezweifeln. Da es mittlerweile später Nachmittag war, und die Botschaften, wie schon früher erwähnt, keine besonders kundenfreundlichen Öffnungszeiten hatten, mußten wir morgen zuerst zur Deutschen Botschaft, uns dieses Empfehlungsschreiben besorgen.

Zur nächsten Woche                                                                    Zur vorherigen Woche
 
 

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