Freitag, 23. Juni 1995:
Nach rund einem Jahr der Vorbereitung geht nun für uns 3, Martin,
Meik und Christoph, der Traum in Erfüllung: Mit öffentlichen
Verkehrsmitteln von unserer Heimatstadt Mainz quer durch Südosteuropa
und den Nahen Osten nach Afrika!!! Natürlich haben wir uns das Ziel
aller Ziele gesetzt: Das Kap der Guten Hoffnung bis Ende August irgendwie
zu erreichen. Nach unseren Berechnungen müßten wir es in etwa
9 Wochen schaffen, den südwestlichsten Punkt Afrikas zu erreichen.
Allerdings sind Berechnungen, wie es sich erst später herausstellen
wird, z. T. reine Makulatur, da das Leben in Afrika in anderen Bahnen abläuft,
als wir es in Deutschland gewohnt sind.
Da der ÖPNV bei uns nicht so perfekt ausgestaltet ist, wie in vielen Entwicklungsländern, und dazu die Deutsche Bahn noch tarifäre Hürden uns in den Weg legte, fuhren wir die ersten Kilometer unserer Reise erst einmal im Auto unseres Freundes Alex bis zum Frankfurter Hbf. Jetzt wollten wir aber endgültig Abschied nehmen von unserer Heimat und im Zug langsam aber sicher unsere gewohnte Umgebung verlassen. Kaum ist uns der Abschied gelungen, mußten wir feststellen, daß man auch in Deutschland mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht allzu viel planen kann. Der IC, der uns eigentlich nach München bringen sollte, hatte natürlich wieder Verspätung, so daß plötzlich es gar nicht mehr so sicher war, daß wir unser Heimatland so schnell verlassen würden. Denn in München hatten wir eigentlich nur einen sehr kurzen Umsteige-Aufenthalt geplant, um im Nachtzug nach Budapest zu fahren. Glücklicherweise nahm uns der Schaffner zwischenzeitlich die Planung aus den Händen und ließ uns in Würzburg in einen IR umsteigen, der schneller in München sei, als dieser IC. Dank des Schaffners erreichten wir somit gerade noch rechtzeitig um 23h19 den D-Zug nach Budapest. Da wir am Anfang unserer Tour möglichst schnell voran kommen wollten, machten wir in Österreich leider keinen Stop. Denn schon in Budapest wußten wir nicht, wie die Tour weitergehen würde. Wegen des Jugoslawienkonflikts schien die Strecke von Budapest nach Sofia in Bulgarien via Belgrad ziemlich unsicher. Doch laut Deutscher Bahn war es die einzig Mögliche. Allerdings gäbe es eventuell eine Alternative, wie uns ein Bahnkenner im Reise- büro in Mainz verriet. Von Budapest könne man nach Bukarest in Rumänien fahren und dort dann in einen Zug nach Istanbul via Bulgarien umsteigen. Wann und wie (und ob) Züge auf dieser Strecke fuhren, war aber „zur Drucklegung" des Kursbuches der Deutschen Bahn nicht ermittelbar. Internet war zu dieser Zeit lediglich irgendwelchen Computerfreaks vor- behalten.So fuhren wir in dieser Nacht zwar einer wunderschönen Stadt entgegen. Trotzdem war uns bei dem Gedanken nicht ganz wohl, nicht zu wissen, wie die Tour wohl weitergehen würde.
Um 6h00 morgens erhielten wir an der österreichisch-ungarischen Grenze unseren ersten Stempel in einen der beiden Reisepässe, die jeder von uns bei sich trug. Warum 2 Pässe? Leider aus politischen Gründen: Da wir eventuell Israel und den Sudan besuchen wollten, mußten wir 2 verschiedene Pässe besitzen, weil die Sudanesen auf israelische Stempel mit der allergrößten Abneigung reagieren und uns garantiert nicht einreisen lassen würden.
Da wir in dieser Nacht im Abteilwagen nicht sehr viel Schlaf genießen konnten, waren wir froh, nach dem Besuch der ungarischen Grenzbeamten noch einmal 2 Stunden zu ruhen, ehe unsere erste Besichtigungstour starten würde. Glücklicherweise hat das ungarische Reisebüro etwas mehr Erfahrung mit Reisen per Zug nach Istanbul, und wir hatten zum 2. Mal Glück auf dieser Reise. Um 15h17 fährt ein Zug nach Bukarest, der Hauptstadt Rumäniens, vom Keleti Pu. ab, dem gleichen Bahnhof, in dem wir heute morgen angekommen sind. Allerdings wußte man hier auch nur, daß es wohl eine Verbindung von Bukarest nach Istanbul gibt. Wann dieser Zug fährt, konnte man uns leider wiederum nicht mitteilen. Egal, schnell das Gepäck in die Aufbewahrung bringen, Geld tauschen und ab in die wunderschöne un- garische Hauptstadt. Nach dem Besuch der Hauptsehenswürdigkeiten (Fischerbastei, Parlament etc.) ging es dann schon wieder mit der Metro zurück in Richtung Keleti pu.
Wir hatten mit unseren Forint etwas knapp kalkuliert und nur noch das Geld für eine Fahrt mit der Metro. Wir nahmen allerdings an, daß man mit den Metrofahrscheinen umsteigen darf. Doch ein Schild in 5 Sprachen wies in den U-Bahn Tunnels deutlich darauf hin, daß beim Umsteigen ein neues Ticket gelöst werden muß. Nun hatten wir ein Problem: Laufen wir zu Fuß, werden wir den Zug nach Bukarest verpassen. Fahren wir schwarz und werden erwischt, haben wir eventuell ein noch größeres Problem. Da wir Mainzer Verhältnisse ge- wöhnt waren, gingen wir davon aus, uns werde schon niemand kontrollieren. So nahmen wir die Rolltreppe hinunter zum Bahnsteig. Unten warteten allerdings schon unsere Kontrolleure und wir hatten keine Ahnung, wie wir uns nun rausreden könnten. Da blieb uns leider nur das Mittel der Korruption und für 5 US$ p. P. war das Vergehen „vergessen" und wir erhielten sogar einen Fahrschein!!! Zum 3. Mal Glück gehabt. Mit schlechtem Gewissen kamen wir gerade noch rechtzeitig am Bahnhof an und ab in den Zug in Richtung Rumänien.
Die Fahrt in Richtung rumänische Grenze war alles andere als spektakulär. Die Landschaft war von Feldern bestimmt und ziemlich monoton. Da es Samstag war, versuchten wir mit unserem Radio Fußballberichterstattungen zu empfangen, aber das klappte leider nicht, obwohl wir einen Weltempfänger dabei hatten. Dies war aber ziemlich das einzige Mal, bei dem unserer Radio den Dienst versagte. An der Grenze „lösten" wir dann unser erstes von 9 Visa ein, die wir uns schon in Deutschland besorgt hatten. Da wir ja nicht wußten, ob es via Jugoslawien oder via Rumänien nach Bulgarien ging, hatten wir Visa für beide Länder beantragt, um am Anfang unserer Reise nicht gleich unsere Zeit in Botschaften zu vergeuden. Wie richtig diese Einstellung war zeigte sich später in Kairo. Mit Einbruch der Dunkelheit verrammelten wir unser Abteil zusätzlich mit einem Fahrradschloß, nach dem uns der Schaffner dazu geraten hatte. In der Tat tauchten im Gang ziemlich schräge Gestalten auf und versuchten, sobald wir das Licht im Abteil löschten, sich Eintritt in unser Abteil zu verschaffen. Wir beschlossen daraufhin, das Licht anzulassen, und „Nachtwachen" einzuteilen, die die Situation beobachten sollten. Zum Glück schafften es die Typen nicht, das Abteil aufzuhebeln und im Morgengrauen verschwanden sie wieder aus dem Zug. Ich fragte mich zum ersten Mal, ob es vielleicht doch nicht so eine tolle Idee war, einfach quer durch die halbe Welt zu fahren und fremde Länder kennen zu lernen. Schließlich waren seit unserer Abfahrt erst 2 Tage vergangen, und ich hatte in dieser Nacht echte Angst gehabt. Was wird wohl erst in Afrika alles passieren, wenn schon im „zivilisierten" Europa es uns fast an den Kragen gegangen wäre? Völlig erschöpft und mit etwas flauem Gefühl im Magen schliefen wir endlich ein.
06h00: Völlig übernächtigt hören wir die Stimme des Schaffners: „Bucuresti" .Wir sind also pünktlich in Bukarest angekommen. Nach der vergangenen Nacht mit den zwielichtigen Typen hatten wir keine besonders große Lust aus dem Zug zu steigen, denn von Bukarest speziell, und Rumänien im Allgemeinen hörten wir, daß es sich um das „Armenhaus Europas" handelte. Verkrampft hielten wir unsere Rucksäcke fest, um sie vor eventuellen Taschenschlitzern zu schützen. Da wir ja immer noch nicht wußten, wie wir von hier nach Istanbul kommen sollten, schauten wir erst einmal, wie wir hier auf dem schnellsten Wege weiterkommen konnten. Und wieder haben wir Glück! Um 12h14 fährt heute nachmittag ein Direktzug in Richtung Istanbul ab, wo wir dann um 06h25 morgen früh ankommen sollen. Nachdem wir uns rumänische Lei besorgt hatten, den Zug reservierten und unser Gepäck gegen Entgelt in einer Hotelrezeption ließen (aus Sicherheitsgründen nicht in der Gepäck- aufbewahrung!), ging es in die Stadt.
Der erste Eindruck war schockierend. Kaputte Straßen, riesige
Schlaglöcher, die eine bizarre
„Seenplatte" formten und völlig heruntergekommene Häuser.
Einfach erschütternd. Nach einem ebenfalls nicht gerade erbauenden
Frühstück, näherten wir uns dann der Innenstadt. Dort sah
es dann glücklicherweise etwas besser aus. Ceaucescus ehemaliger Palast,
der Teil eines Schlosses ist, wird gerade restauriert. Die rumänisch-orthodoxen
Kirchen sind wirklich sehenswert, und der Platz, an dem der 1. Mc Donald's
Rumäniens gerade eröffnet wurde, sieht schon fast weltstädtisch
aus. Er besitzt die Ausmaße des roten Platzes in Moskau und ist mit
Springbrunnen übersät. Die Menschen, die wir trafen, sahen allerdings
alles andere als glücklich und zufrieden aus. In ihren Augen konnte
man eine gewisse Resignation erkennen, die mich bei dem Bild, was sich
in mir entwickelt hat, auch verstehen kann.
Um 12h14 saßen wir glücklicherweise wieder im Zug und verließen diese Tristesse. Nach 2 Stunden Fahrt bzw. 80 km erreichten wir die rumänisch-bulgarische Grenze. Nach einer Dreiviertelstunde waren die Paß- und Zollformalitäten erledigt. Den Zöllner hat nur das Transitvisum für Bulgarien interessiert. Die Paßdaten waren ihm völlig egal. Man könnte das Visum auch einfach in „Eintrittsgebühr" umtaufen, denn in Bonn, bei der Beantragung des Visums, war Geld ebenfalls das Einzige, was wir den Reisepässen beifügen mußten. Andere Länder forderten hingegen oft Bankbelege, daß wir auch genügend Geld verdienen, um die Reise wieder nach Hause antreten zu können. Aber was Visa anbetrifft, werden wir in Kairo später noch weitere Erfahrungen sammeln.
Bulgarien war leider wie Österreich nur ein Transitland, da wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wußten, wie wir durch so schwierige Länder wie den Sudan kommen sollten. Eigentlich wußten wir erst, daß es ab Nairobi, der Hauptstadt Kenias kein Problem mehr sein sollte, nach Kapstadt zu gelangen. Aber noch waren wir in Europa und wollten deshalb keine Zeit verlieren. Ihr werdet Euch vielleicht fragen, warum wir uns nicht mehr Zeit nahmen. Leider mußten Meik und ich (Christoph) am 01. September eine Zivi-Stelle in Mainz antreten. Mar- tin sollte sogar schon am 01. August seinen Einstand als Azubi geben, aber sein Arbeitgeber drückte beide Augen zu, als er erfuhr, welchen „Sommerurlaub" Martin geplant hatte, so daß er erst am 01. September anfangen mußte.
So blieben unsere Erlebnisse in Bulgarien auf eine Nord-Süd-Durchquerung per Zug beschränkt. So langsam merkten wir, daß wir nach Süden unterwegs waren. Im Zug wurde es ziemlich stickig und heiß. Aber heute war die Landschaft dafür wesentlich interessanter als gestern in Ungarn. Das Balkangebirge erinnerte mich ein bißchen an unsere Mittelgebirge, obwohl die höchsten Gipfel bis 2300m hoch ragen. Seit 17h30 „müssen" wir das erste Mal unser Abteil mit anderen Menschen teilen. Das Wort „müssen" ist allerdings falsch, die jun- gen BulgarInnen waren gut drauf, und wir unterhielten uns angeregt mit ihnen auf Englisch über Gott und die Welt und Deutschlands Niederlage im Viertelfinale gegen Bulgarien letztes Jahr bei der Fußball WM in den USA. Gegen Abend verließen uns unsere Gesprächspartner wieder, und wir fuhren in eine weitere Nacht hinein, die wir im Zugabteil verbringen mußten. Doch dieses Mal war die Nacht wirklich angenehm, denn wir befanden uns in einem Liegewagen, und niemand wollte uns an den Kragen. Gegen 23h00 verließen wir Bulgarien wieder und rollten durch den europäischen Teil der Türkei der Metropole am Bosporus entgegen.
Montag, 26.Juni 1995 & Dienstag, 27.Juni 1995
Obwohl wir gut geschlafen hatten, waren wir ziemlich erschöpft, als wir am Morgen in Istanbul eintrafen. Deshalb ließen wir uns auf Jimmy ein, der natürlich das beste und günstigste Hotel der Stadt besaß. Wir stutzten zwar, als wir 3 alle in einen riesigen Amischlitten geladen wurden und unser Europa über die große Bosporus-Hängebrücke in Richtung Asien verließen, doch wir hatten (noch) nicht den Mumm zu fragen, wo er denn hinfahre. Aber keine Angst! Das Hotel war wirklich prima und nicht teuer, aber weit ab vom Schuß! Wir mußten erst mal mit der S-Bahn zurück ins Zentrum fahren, um auf Besichtigungstour zu gehen. Von einer Reise wie dieser lernten wir sicher alle drei viel dazu. So also z. B. nicht auf den nächsten Hotelschlepper hereinzufallen.
Kaum waren wir wieder in der City, machten wir unsere 2. Erfahrung,
die uns auf zukünftigen Reisen wohl vor ähnlichen Situationen
bewahren würde: Ein Einheimischer fing mit uns eine Unterhaltung auf
Deutsch an. Er habe früher in Deutschland gearbeitet und habe jetzt
genug Geld, um hier einfach so zu leben und mit Touristen sich zu unterhalten.
Wir besuchten die berühmte Hagia Sophia und andere Moscheen und so
langsam mutierte unser Gesprächspartner zu einem Stadtführer!
Uns dreien wurde dies mit der Zeit bewußt und keiner von uns wollten
diesen „Service". Nur wie sollte man dies dem Einheimischen verständlich
machen, zumal wir uns untereinander ja nicht offen verständigen konnten,
da der Einheimische alles verstehen konnte. So standen wir die „Führung"
durch und wurden an deren Ende dann auch richtig gemolken: 30 DM verlangte
unser Führer für seine „Dienste"! Da wir nicht wußten,
was wir machen sollten, zahlten wir den Betrag und waren froh wieder alleine
zu sein.
Später wurden wir von den freundlichen Menschen zu einem herrlichen
Apfeltee eingeladen. Auch dort merkten wir erst spät, daß wir
dieses Mal einen Teppich aufgebrummt bekommen sollten. Doch langsam fingen
wir an, uns gegen diese „Freundlichkeiten" zu wehren. Jedenfalls kamen
wir aus den Läden ohne Teppich und Geldzahlen wieder raus. Trotzdem
waren die Menschen uns nicht unsympathisch. Wir merkten jetzt aber zum
ersten Mal, daß wir mittlerweile in eine uns völlig fremde Kultur
gereist sind. Und wir mußten uns darauf erst einmal einstellen. Mit
der Zeit lernten wir die Gepflogenheiten der Menschen kennen und konnten
wieder unbeschwerter diese reizvolle Stadt genießen. Von dem Geschäftsinn
der Türken profitierten wir am Ende sogar, denn wir erhielten gegen
ein paar Mark für jeden Stu- dentenausweise, die sich spätestens
in Ägypten bei der Besichtigung der historischen Stätten auszahlen
würden, da „Studenten" diese gegen wesentlich niedrigere Eintrittsgebühren
besichtigen können. Der Aufenthalt in Istanbul bleibt uns in guter
Erinnerung. Wir haben sicher viel dazugelernt und nicht sehr viel dafür
bezahlen müssen. Langsam merken wir, daß Reisen sehr viel Lebenserfahrung
mit sich bringt.
Am späten Morgen verlassen wir Europa endgültig, indem wir den Bus nach Antakya im äußersten Südosten der Türkei nehmen. Für rund 15€ geht es rund 1000 km quer durch die Türkei. Die Busse in der Türkei brauchen den Vergleich mit deutschen Bussen nicht zu scheuen. Klimaanlage und angenehme Sitze sind hier auf den Langstrecken Normalität. Nachdem wir bis Istanbul im Zugabteil mehr oder weniger immer in unserer kleinen Welt zusammensaßen, und das fremde Land am Zugfenster wie im Film an uns vorbei gerauscht ist, erleben wir unser Gastland nun endlich hautnah. Da wir zu dritt unterwegs sind, sitzt zumindest immer einer von uns alleine und fängt über kurz oder lang ein Gespräch mit seinem Sitznachbarn an. Allerdings müssen wir natürlich auf die fremde Kultur Rücksicht nehmen und uns in den islamischen Ländern nicht neben eine Frau setzen. Dies wäre eine ziemliche Aufdringlichkeit aus Sicht eines Moslems. Glücklicherweise sind wir nie in ein solches Fettnäpfchen getreten.
Dank der guten türkischen Straßen erreichten wir am Abend die Hauptstadt Ankara. Im Vergleich mit Istanbul ist Ankara natürlich ein Dorf, was die Atmosphäre und den Flair der Stadt angeht. Nach kurzem Aufenthalt ging es wieder auf eine Nachtfahrt; dieses Mal quer durch Anatolien. Vor dieser Fahrt hatte ich auch ein unangenehmes Gefühl, da nicht weit von hier ein blutiger Bürgerkrieg um Kurdistan ausgefochten wird. PKK Anschläge gegen Busse waren nicht gänzlich auszuschließen. Doch die Fahrt war aus dieser Sicht glücklicherweise un- spektakulär.
Allerdings wurden unsere Ohren zum ersten Mal auf das Aushalten von dröhnenden Fernsehern getestet. Leider stellt der Fernseher in der Türkei (und erst recht in den afrikanischen Ländern) immer noch ein Luxusgut dar. Deshalb ist es für den einfachen Reisenden in diesen Ländern natürlich ein Highlight jeder Reise, TV zu schauen. Damit auch jeder in diesen Genuß kommen kann, werden die Lautsprecher bis zum Anschlag aufgedreht. Dazu ist der Geschmack in diesen Ländern ein anderer, was das Programm anbetrifft. Deshalb bekamen wir im Verlauf dieser Tour meist zweitklassige Karate-Filme von Jean-Claude Vandamme zu sehen. Aber dank Oropax und Schlafbrillen überstanden wir alle diese Horrornachtfahrten unbeschadet.
Kurz nach Sonnenaufgang fuhren wir in eine ziemlich unattraktive Kleinstadt ein. Nach 20 Stunden Fahrt hatten wir Antakya erreicht. Eigentlich dachten wir, der Bus würde nach kurzem Aufenthalt direkt weiter nach Aleppo in Syrien fahren. Unser Ticket war zumindest bis nach Aleppo ausgestellt. Aber weit gefehlt. Alle Passagiere stiegen aus, und man bedeutete uns auch auszusteigen. Nachdem das Gepäck ausgeladen war, verschwanden alle Mitreisenden ziemlich schnell, und wir waren plötzlich alleine in einer Stadt im Südosten der Türkei, in der keiner mehr Deutsch oder Englisch verstand. Ein bißchen fühlte ich mich verlassen, und ich war froh nun mit Martin und Meik hier zu stehen und nicht völlig alleine. Andere Backpacker hatten wir bis jetzt sowieso nur mal kurz in Istanbul getroffen. Die meisten Backpacker fliegen halt irgendwohin, um von dort dann das große Abenteuer zu beginnen. Wir mußten ja unbedingt von der Haustür aus zum Kap der guten Hoffnung möglichst immer mit Bus, Bahn und Schiff fahren!!!
Nach längerem Warten (1 Stunde) fuhr dann doch tatsächlich ein Bus vor, und man erklärte uns, daß dieser Bus nach Haleb fahren würde. Haleb ist der arabische Name für Aleppo. Glücklicherweise haben wir einen Arabisch-Sprachführer bei uns, und diesen werden wir wahrscheinlich in Syrien häufiger benutzen, als uns recht ist. Wir waren die einzigen Fahrgäste, außer der Schmuggelware (Whiskey-Flaschen), die sich noch im Bus befand. Wir hatten kein besonders gutes Gefühl, alleine in einem großen, unkomfortablen Bus in Richtung Syrien unterwegs zu sein. Bis jetzt waren wir ja noch einigermaßen in der Zivilisation. Die Türkei ist ja wenigstens NATO Mitglied. Aber jetzt ging's nach Syrien! Von Syrien hört man bei uns eigentlich nur im Zusammenhang mit irgendwelchen Terroranschlägen auf Israel. Hätte mein Reiseführer nicht das Gegenteil behauptet, nämlich, daß in diesem Land sehr gastfreundliche Menschen leben und es abseits vom Massentourismus liegt, und daher noch sehr ursprünglich sei, ich wäre eventuell hier umgedreht. Aber die kurze Fahrt verlief problemlos. Nach einer halben Stunde gelangten wir an die Grenze. Die Grenzbeamten waren zwar etwas schroff, aber korrekt. Das in arabischer Schrift verfaßte Visum wurde abgestempelt und weiter ging's in die zweit größte Stadt Syriens, Aleppo.
Um unsere Kasse etwas zu schonen, nahmen wir die günstigste Variante des Übernachtens in Anspruch. Wir schliefen für ein paar Mark auf dem Hoteldach, denn bei Temperaturen um 35°C brauchten wir eh' kein Dach über dem Kopf. Von den Strapazen der Türkeidurchquerung erholten wir uns dann richtig gut in einem türkischen Bad, das ein wirklicher Genuß ist. Danach ging's in den Souk. Supermarktketten sind in die arabischen Länder noch nicht vorgedrungen. Deshalb werden so ziemlich alle Waren in einer Art permanentem Markt angeboten. Dieser Markt ist meist überdacht und mit engen Gassen durchsetzt. Meist sind Produkte derselben Gattung alle in einem Viertel zu finden, ähnlich wie bei uns im Mittelalter mit Zünften und Gilden. D. h. in einer Straße gibt es nur Gewürze, in einer anderen ausschließ- lich Stoffe zu kaufen. Im Souk von Aleppo fühlten wir uns zum ersten Mal so richtig wie in 1001 Nacht. Die verschiedenen Düfte der Gewürze zogen an unseren Nasen vorbei und das Arabische, das um unsere Ohren schwirrte ließ uns alles wie in einem Traum vorkommen. Von den Stoffhändlern wurden wir auch wieder zu Chaj (Tee) eingeladen. Doch dieses Mal wollte uns niemand irgend etwas andrehen. Was sollten wir auch mit Stoffen anfangen? Vielmehr waren die Menschen an uns persönlich interessiert. Was wir hier machen, wo wir her- kommen, wohin wir gehen, wie wir Syrien finden etc. Außerdem wollten die Menschen ihr Englisch verbessern, und da sich nach Aleppo (noch) sehr wenige Reisende hin verirren, wurden wir auf unserem Gang durch den Souk ständig zu Chaj eingeladen. Überflüssig zu erwähnen, daß es noch ein langer Abend wurde .…