V
Nachdem sie und Victoria alle Einkäufe erledigt hatten , fuhren sie zurück und machten sich jede an ihre Arbeit . Während ihre Chefin den Keller in Ordnung brachte und sich um die Löhne der anderen Mädchen kümmerte , richtete Wanda die Zimmer für die Gäste her und machte das Mittagessen für sich , Victoria und den Fremden mit seiner Tochter . Sie hoffte nur , daß er wirklich bleiben würde . Auch wenn Victoria bisher immer alles sehr gut im Griff hatte , wäre es doch leichter , wenn sie einen Mann im Haus hatten . Allerdings wußte sie auch , daß Victoria nicht gut auf Männer zu sprechen war . Zwar hatte sie keine Ahnung , woran das lag und warum Victoria überhaupt oft sehr seltsam war , aber immerhin war sie bisher gut mit der Frau ausgekommen . Sie vermutete , Victoria hatte früher schlechte Erfahrungen mit einem Mann gemacht oder ihr Vater hatte sie in ihrer Kindheit geschlagen oder mißbraucht . Das waren zwar nur wilde Vermutungen , aber es war durchaus möglich . Allerdings müßte sie solche Erlebnisse doch nach vierzig Jahren überwunden haben , dachte Wanda . Doch sie hatte noch nie versucht , Victoria zu analysieren oder zum Reden über ihre Vergangenheit zu zwingen . Sie verstand sich gut mit ihr und das war das einzige, was zählte . Man sollte die Menschen so nehmen wie sie waren und versuchen , ohne Streit mit ihnen auszukommen . Nach dieser Regel lebte sie schon ihr ganzes Leben und bisher war sie gut damit zurecht gekommen .
Nach dem Essen richtete sie die letzten Zimmer her und beschloß dann , bis zum Eintreffen der ersten Trucker einen ausgedehnten Spaziergang zu machen .
Die Luft draußen war kalt , und das Grün des Grases bildete mit dem Braun der Erde und dem Hellblau des Himmels ein wunderschönes , heiterstimmendes Bild . Wie immer , wenn sie allein durch das Tal wanderte , war sie froh , daß sie dem Großstadtdschungel entkommen war . Sie war zwar immer noch nur eine einfache Prostituierte ohne irgendeine Ausbildung und mit geringem Gehalt, aber das , was sie hier tat , konnte man wenigstens „ leben “ nennen . Immerhin hatte sie ein Bett und ein Dach über dem Kopf und jemanden , mit dem sie reden konnte . In den drei Jahren , die sie hier war , war Victoria zu einer guten Freundin geworden, die Wanda aber wegen ihrer Lebenserfahrung auch sehr bewunderte .
Während sie jetzt weiter auf die Hügel zuging , dachte sie weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft , sie genoß einfach nur die Gegenwart .
Nach fast zwei Stunden näherte sie sich langsam wieder dem Wild - Side und wollte sich endlich an die noch zu erledigende Arbeit machen . Victoria konnte unerledigte Arbeit nicht ausstehen . Aber Wanda brauchte eben ab und zu diese Stunden , in denen sie einfach nur sie selbst war und die Welt nur visuell , ohne zu denken , betrachtete . Sie war sowieso der Meinung , daß es nicht gut war , wenn die Menschen zu viel dachten . Wenn die Menschen nicht so viel denken würden , sondern sich viel mehr auf ihre Gefühle verlassen würden , wäre diese Welt viel ehrlicher .
Als sie jetzt wieder in die Bar kam , waren die Mädchen schon da und auch einige Trucker saßen schon vor ihren Biergläsern . Schnell ging sie hinter den Tresen und löste Victoria ab . Wenn jetzt schon so viel los war , würde es heute abend bestimmt wieder total überfüllt sein . Hoffentlich würden nicht all zu viele Trucker kommen , so daß ihr wie letzten Freitag das Bier ausgehen würde . Solch ein Fehler durfte eben auf gar keinen Fall passieren in einer Kneipe . Sie schob den Fauxpas auf ihre eigene und auch Victorias Mehrarbeit seit Sams Tod. Dennoch durfte so etwas nicht vorkommen , egal unter welchen Umständen... Aber vielleicht trank ja doch ‘mal einer von denen etwas anderes als Bier .
Als es draußen langsam dunkel wurde , trat ihre Vermutung ein : die Bar war voller denn je , die Mädchen hatten alle gut zu tun und all die Trucker , die noch an der Bar saßen , verlangten ausschließlich Bier . Wandas Füße taten weh , ihr Kopf schmerzte und sie war müde . Aber die Arbeit mußte ja gemacht werden .
„ Kann ich Dir helfen ? “ , fragte Alice , die auf einmal hinter ihr stand .
„ Na klar ! “ antwortete Wanda und war sehr froh über die freiwillige Hilfe , die sie wirklich nötig hatte . Außerdem schien die Arbeit dem Mädchen wirklich Spaß zu machen . Vielleicht würden sie ja hierbleiben und Alice würde ihr öfter helfen , schoß es ihr nach einer Weile durch den Kopf .
„ Bleibt ihr nun eigentlich hier , oder zieht ihr weiter ? “ , fragte sie deshalb . Das Mädchen zuckte nur mit den Schultern und bediente weiter .
Die nächsten Stunden vergingen damit , daß einige Trucker sich ein Zimmer nahmen oder weiterfuhren , aber viel mehr neu hereinkamen , sich Mut antranken, für ein oder zwei Stunden mit einem der Mädchen verschwanden und danach weitersoffen . Wanda hatte zeitweise wirklich den Eindruck , die Bar würde vor Überfüllung platzen . Und es wurde immer noch voller . Wenn Alice ihr nicht geholfen hätte , wäre es heute schwierig gewesen , alle Trucker zufriedenzustellen . Jetzt erst wurde ihr bewußt , wie nötig sie eine Hilfe brauchte. Und dieses Mädchen und ihr Vater waren ihr von Anfang an sympathisch gewesen . Erst nach Mitternacht wurde es allmählich wieder übersichtlicher . Die meisten Trucker entschieden sich nun entweder fürs Weiterfahren oder nahmen sich ein Zimmer und gingen schlafen . Trotzdem dauerte es wie fast jede Nacht noch bis kurz vor drei Uhr , bis der letzte Betrunkene die Bar verlassen hatte und Wanda und Alice sich ans Aufräumen und Abwaschen machen konnten . Wanda wußte zwar , daß ihr Leben trostlos und eintönig war , aber darüber wollte sie nicht nachdenken .
„ Wanda ... “ setzte Alice plötzlich an , „ ... darf ich Dich etwas fragen ? “
„ Na klar ! “ antwortete sie und überlegte , ob das gerade , dieser Abend heute , der Beginn einer Freundschaft war .
„ Also , heute , als Du mit Victoria beim Einkaufen warst , “ fuhr Alice zögerlich fort , „ da habe ich mich etwas im Haus umgesehen ... und da habe ich etwas gesehen , ... “
Wanda zuckte innerlich zusammen . Doch obwohl sie genau wußte , was jetzt folgen würde , zeigte sie keine Reaktion und tat so , als wußte sie nicht , worauf Alice hinaus wollte .
„ Also , ich habe einen Jungen in Victorias Zimmer gesehen . Es tut mir leid , daß ich hier einfach so herumgestöbert habe , aber jedenfalls hat mich das total aus der Fassung gebracht . ... Wer ist er ? “
Wanda wußte nicht recht , was sie sagen sollte .
„ Na ja , ich weiß nicht , ob Du es verstehen würdest . “
Wenn sie ehrlich war , verstand sie es ja selbst nicht recht , aber irgendetwas mußte sie ihr doch jetzt erklären .
„ Der Junge ist Jesse . Er ist Victorias Sohn . “
„ Ja , aber ... “
Wanda konnte sich gut vorstellen , was Alice fragen wollte , denn sie selbst hatte diese Fragen auch schon oft gestellt . Alice verstand nicht , wieso Jesse ihr nicht vorgestellt worden war , warum Victoria nicht über ihn sprach , warum er in solch einer Zelle wohnte , wer oder wo sein Vater war und unzählige andere Dinge .
„ Weißt Du , Alice , ich kann Dir auch nur wenig über ihn sagen . Ich bin ja auch erst seit drei Jahren hier . Ich weiß nur , daß Jesse stumm ist und daß Victoria hysterisch reagiert , wenn sie über ihn sprechen soll . “
Wanda hatte zwar oft über Jesse nachgedacht und hatte eine Theorie über seine Herkunft und seine Existenz , aber die wollte sie Alice nicht verraten . Sollte sie doch selbst überlegen .
Victoria war es sowieso nicht recht , wenn man über ihn sprach .
Vermutlich war Jesse ein „ Unfall “ . Wanda konnte es sich nur so erklären , daß der Junge ungewollt gezeugt worden war , also daß irgendein Kunde , der eine Nacht mit Victoria verbracht hatte , Jesses Vater war und daß Victoria diesen Typen seit vierzehn Jahren nicht mehr gesehen hatte , wenn sie überhaupt wußte , wer es war . Und da sie sich für ihre Unvorsichtigkeit schämte und außerdem Angst hatte , die Kunden könnten wegbleiben , wenn sie die Geschichte kannten , wollte sie nicht über den Vorfall und Jesse sprechen . Oder sie konnte es auch gar nicht .
Als sie mit dem Saubermachen fertig waren , ging Alice ins Bett und ließ Wanda allein zurück . Da sie noch nicht müde war , setzte sie sich noch mit einem Buch auf die Veranda und schaute in den Himmel . Die Sterne schienen sie zu beobachten und über das Valley zu wachen . Im Motel waren bereits alle Lichter aus und es war alles ruhig . Und auch hier draußen konnte man außer dem Rascheln einiger Mäuse und dem Zirpen der Grillen keinen Ton hören . Aus irgendeinem Grund mußte Wanda an ihre Eltern denken . Sie waren echt in Ordnung gewesen . Sie hatte sich gut mit ihnen verstanden , und sie hatten gut für sie gesorgt . Aber dann hatte sie irgendwann keine Lust mehr , zur Schule zu gehen und hatte alles hingeschmissen . Sie war damals von zu Hause weggelaufen und hatte versucht , auf eigenen Füßen zu stehen . Na ja , heute war sie immerhin glücklich . Wer weiß , wo sie hingekommen wäre , wenn sie auf ihre Eltern gehört hätte und damals mehr an ihre Zukunft gedacht hätte . Sie hätte es vielleicht zu mehr gebracht im Leben , aber ob sie auch glücklicher gewesen wäre, bezweifelte sie .
Wenn sie es sich recht überlegte , verstand sie eigentlich gar nicht , warum fast alle Menschen nach mehr und mehr Geld , Ruhm und Macht strebten . Sie tat das nicht und war trotzdem glücklich . Und glücklich zu sein war für sie das , worauf es im Leben ankam . Glücklich sein und Harmonie zu verbreiten .
Daher verstand sie die Menschen nicht . Die meisten arbeiteten den größten Teil der Zeit , um leben zu können , und das bißchen , das ihnen an Freiheit übrig blieb , ängstigte sie so , daß sie alle Mittel aufsuchten , um es los zu werden . Wanda wollte jedoch möglichst viel Freiheit erlangen und sich nicht zum Sklaven ihrer Arbeit machen . Sie sah keinen Sinn darin , daß ein Mensch sein Leben lang arbeitete , um es später einmal besser zu haben , und dann irgendwann vor Erschöpfung tot umfiel . Sie wollte das Gegenwärtige genießen und das Vergangene sollte ihr vergangen sein . Der Sinn des Lebens war für sie die Gegenwart . Nicht die Vergangenheit oder Zukunft .
Die Sterne funkelten weiter hoch oben am Himmel und der sichelförmige Mond tauchte das Land in ein schwaches silbernes Licht . Etwas friedlicheres als die Nächte hier im Valley konnte Wanda sich nicht vorstellen . Gedankenverloren schaute sie in den Himmel , atmete die frische , kühle Nachtluft ein und fühlte sich fast schwerelos .
Auf einmal ging die Verandatür auf , und Victoria trat im Nachthemd , in ein Wolltuch gehüllt , hinaus ins Freie .
„ Wanda “ , sagte sie leise , „ warum gehst Du nicht ins Bett ? Bist Du nicht müde ? Oder denkst Du nach ? “
Wanda lächelte sie an und antwortete : „ Beides , glaube ich . “
Dann rückte sie zur Seite , und Victoria nahm neben ihr Platz auf der Holzbank .
„ Alice hat Dich nach Jesse gefragt , hab’ ich recht ? “
Wanda dachte , es sei besser , ehrlich zu sein und nickte deshalb . Dabei beobachtete sie , wie Victoria ihre Stirn in Falten legte und scheinbar angestrengt nachdachte .
„ Du weißt , daß ich nicht gern darüber rede , “ setzte Victoria an , „ aber ich denke , ich muß Dir einiges über Jesse sagen . “
Wanda sah sie erwartungsvoll an und fragte sich , was oder eher wieviel ihre Chefin ihr erzählen würde .
„ Weißt Du “ , begann sie , „ ich war neunundzwanzig als es passierte . Ich hatte mir damals geschworen , nie etwas Ernstes mit Männern anzufangen . Doch dann kam dieser Typ , er hieß Mervin , und ich war so in ihn verknallt , daß ich einen winzigen Moment lang nicht aufpaßte . Und dann war es geschehen . Er veschwand und ich hatte seinen Sohn am Hals . Na ja , ich hätte eben besser aufpassen sollen . “
„ Aber , ... liebst Du Jesse denn überhaupt nicht ? “ , fragte Wanda und sah sie forschend an .
Ganz nüchtern , ohne an dem , was sie sagte , zu zweifeln , gab Victoria zurück : „ Nein , wie könnte ich denn ? Erstens war er ein großer Fehler und zweitens wird er genauso werden wie sein Vater . Weißt Du , Wanda , die Männer bringen den Frauen nur Unglück . Und die Kinder ebenfalls . Wenn Du nicht aufpaßt , zerstören sie Dir alles , was Du hast und nehmen Dir alles weg ... “
„ Aber was hast Du denn gegen Jesse ? “
Ihren Haß auf die Männer konnte Wanda ja verstehen , aber daß sie ihr eigenes Kind ablehnte , ja ignorierte , war ihr unklar . Schließlich konnte Jesse ja nichts für seine Geburt .
Victoria schien die Frage nicht gehört zu haben . So , als ob jetzt alles geklärt war, was es zu klären gab , stand sie auf und fragte : „ Wollen wir nicht ins Bett gehen ? Es ist spät und morgen müssen wir wieder früh ‘raus . “
Nachdenklich stand Wanda auf und folgte der Frau , die soetwas wie ein Vorbild für sie war , ins Motel . Nachdem sie Victoria eine gute Nacht gewünscht hatte , ging auch sie in ihr Zimmer , zog sich aus , wusch sich und legte sich ins Bett . Aber schlafen konnte sie nicht . Sie mußte noch lange , sehr lange über das nachdenken , was Victoria ihr erzählt hatte . Obwohl sie sich etwas Ähnliches gedacht hatte , konnte sie es nicht recht fassen und grübelte deshalb noch lange . Aber wie so oft , stellte sie fest , daß alles Denken , alles Kopfzerbrechen sie nicht weiterbrachte .
VI
Lange hatte sie wach gelegen und die Schatten an ihrer Wand beobachtet , bevor sie eingeschlafen war . Aber ruhig hatte sie nicht geschlafen . Sie hatte von der Vergangenheit geträumt und all das , was sie vergessen wollte , wieder vor sich gesehen . Sie wußte genau , daß Jesse daran Schuld war . Wäre er nicht geboren worden , hätte sie das Ganze bestimmt schon längst vergessen können . Aber Jesse war nun einmal geboren . Sie konnte nichts mehr daran ändern . Und selbst wenn sie ihn nicht liebte , konnte sie nicht länger so tun , als existiere er nicht . Es mußte sich etwas ändern . Sie mußte etwas ändern , wenn sie nicht länger in Lüge und Verschweigen leben wollte . Und sie hatte es gründlich satt , den Jungen immer versteckt zu halten . So konnte es auf keinen Fall weitergehen. Außerdem wollte sie auch Wanda nicht noch einmal anlügen müssen . Sie mußte irgendwie mit ihrer Vergangenheit fertig werden . Doch sie wußte auch , daß das sehr schwierig werden würde . In der Nacht sah sie im Traum alles noch einmal genau vor sich . Es war , als erlebte sie das alles noch einmal . Sie sah sich noch einmal vor dieser Bar , in der sie damals gearbeitet hatte , an der Straße stehen und sah , wie dieser Trucker mit dem großen Hut auf sie zukam . Sie erinnerte sich noch genau an alles , was damals geschehen war . Nicht einmal die kleinsten Details hatte sie vergessen können . Der Trucker war auf sie zugekommen , hatte ihr hundert Dollar angeboten und sie hatte abgelehnt, da sie servieren mußte .
„ Und was ist mit nachher ? “ , hatte er gefragt und sie hatte wieder abgelehnt . Doch dann , als sie Feierabend hatte , es war um kurz nach zwei Uhr gewesen , hatte sie die Bar durch den Hinterausgang verlassen und war durch die dunklen, unbeleuchteten Straßen und Gassen nach Hause gegangen . Allerdings war sie nicht weit gekommen . Schon nach einigen Minuten war sie sicher gewesen , daß sie verfolgt wurde . Dann , als sie durch die Wilson Road ging , wurde sie plötzlich von hinten angesprochen . „ Ich will jetzt aber nicht mehr länger warten!“ , hatte der Trucker gesagt . Dann war er näher gekommen , hatte sie mit beiden Händen an den Schultern festgehalten und zu Boden geworfen . Auch das was danach geschah , konnte sie noch genau vor sich sehen .
Sie hatte ihr Leben lang versucht , diese Erinnerungen zu verdrängen . Doch es war ihr scheinbar nicht gelungen . Als ihr Boss nach diesem Abend mitbekam , daß sie schwanger war , hatte er sie gefeuert und ihr war nichts anderes übrig geblieben , als Prostituierte zu werden . Zum Glück hatte sie damals nicht aufgegeben , sondern versucht , das Beste aus der Situation zu machen , und so war sie schließlich ans Wild - Side gekommen .
Irgendwann wachte sie kurz auf , aber nur , um sofort wieder einzuschlafen und sich in einem neuen Traum an Jesses Geburt zu erinnern . Mervin hatte sie nicht wiedergesehen , und ihren Job hatte sie auch verloren . Der Tag , an dem der Junge geboren wurde , war ein verregneter Freitag . Bis zum Nachmittag hatte sie es in dem kleinen Zimmer , in dem sie damals wohnte , ausgehalten , dann hatte sie sich aufgerafft und sich unter starken Schmerzen langsam auf den Weg in ein Armenkrankenhaus am Rande der Stadt gemacht . Sie hatte sich mühsam durch die menschenleeren , nassen Straßen gequält und all ihre Kraft gebraucht , um nicht vor Schmerz und Erschöpfung zusammenzubrechen . Jetzt im Traum machte sie all das , was sie damals empfunden hatte , noch einmal durch . Sie spürte noch einmal den Haß auf Mervin und das Baby in ihrem Bauch , sie spürte noch einmal die Erschöpfung , die sie damals fast zum Zusammenbruch gebracht hatte und sie spürte noch einmal die grenzenlose Wut auf das Leben , die schließlich in Verzweiflung umgeschlagen ist . Dann erinnert sie sich daran , wie sie schließlich die Tür des Krankenhauses erreicht hatte , wie sie sich den langen Flur entlang geschleppt hatte und wie der alte Doktor sie weggeschickt hatte . Der Typ hatte doch damals tatsächlich gesagt , sie solle wiederkommen , wenn sie das Geld hatte , eine Entbindung zu bezahlen . Was dann passiert war , wußte sie nicht mehr . Sie erinnerte sich nur noch daran , daß sie ohnmächtig geworden war und erst mitten in der Nacht in einem sterilen Krankenhauszimmer wieder aufgewacht war . Danach war alles ohne Probleme über die Bühne gegangen ; und um drei Uhr morgens hatte eine Ärztin ihr ein kleines Baby auf den Bauch gelegt .
Als Victoria am nächsten Morgen aufwachte , hatte sie den Traum noch vor Augen und war fast erstaunt , keine Ärztin an ihrem Bett zu sehen , sondern in ihrem Bett im Wild - Side zu liegen . Wie jeden Morgen stand sie auf und weckte Jesse durch ein Klopfen an seine Tür . Danach ging sie nach unten um zu arbeiten, und Jesse sorgte hier oben dafür , daß alles sauber war . Später würde der Junge entweder in seinem Zimmer sitzen oder draußen , weit weg vom Haus sein , so daß er ihr nicht all zu oft über den Weg laufen würde . Sie hatte zwar schon oft überlegt , ob der Junge nicht auch eine gute Arbeitskraft sein könnte , aber andererseits hätte sie ihn dann den ganzen Tag um sich , und das würde sie nicht ertragen . Außerdem hatte sie das ja auch früher einmal ausprobiert , und damals hatte es auch nicht geklappt .
Als sie nach unten kam , erwartete Tom sie in der Küche .
„ Wir haben es uns überlegt “ , sagte er , „ wir weden hier bleiben . “
Victoria setzte ein Lächeln auf und erzählte ihm , wie froh sie über seinen Entschluß war , obwohl sie in Wirklichkeit darüber nachdachte , ob es richtig war, was sie getan hatte . Aber ob es richtig war oder nicht , würde sie erst in einigen Monaten merken , wenn sie die neue Situation kennengelernt hatte . Sie war nur etwas verzweifelt , weil sich bisher alle Entscheidungen , die das Leben von ihr gefordert hatte , negativ auf ihre Zukunft ausgewirkt hatten . Daher überkam sie jedesmal , wenn sie etwas entscheiden mußte , die Angst , es könnte falsch sein . Sie war sich nie ganz sicher , ob es ein Fehler sein würde . Auch heute nicht .
Aber sie wußte , daß sie gestern einen Fehler gemacht hatte . Sie hatte Wanda belogen , obwohl sie die einzige Person war , der sie blind vertrauen konnte . Wanda hatte sich immer als echte Freundin erwiesen . Sie war immer da gewesen, wenn sie sie brauchte , und außerdem hatte sie nie nach Jesse gefragt . Also würde sie ihr auch die Wahrheit erzählen .
Als ihre Kollegin zehn Minuten später die Treppe herunter kam , zog Victoria sie kurz in die Küche und fing an , ihr die Wahrheit über Jesse zu berichten . Sie erzählte ihr von der Vergewaltigung , wie sie später gefeuert wurde und von der Geburt des Kindes . Während sie sich die Szenen erneut ins Gedächtnis rief , mußte sie aufpassen , daß sie nicht in Tränen ausbrach .
„ Oh ... das ist ja schrecklich ! “ flüsterte Wanda , und Victoria hatte den Eindruck , sie verstehe sie wirklich . Vielleicht verstand sie jetzt sogar , warum sie ihren Sohn nicht lieben konnte .
„ So , jetzt laß uns an die Arbeit gehen ! “ schloß sie das Gespräch abrupt als sie dachte , alles wäre jetzt klar .
Den Vormittag verbrachte sie damit , die Bar aufzuräumen und zu säubern , während Wanda die wenigen Gäste verabschiedete , die über Nacht geblieben waren , und Tom draußen ihre Trucks volltankte . Soweit sie es bisher beurteilen konnte , war es eine richtige Entscheidung gewesen , den Mann einzustellen . Nachdem sie ihre Arbeit getan hatte , bereitete sie das Mittagessen zu . Wie immer brachte sie zuerst Jesse seinen Teller auf sein Zimmer und rief dann die anderen zu Tisch . Während sie ihre Suppe löffelten , sprachen sie kaum ; und wenn , dann waren es nur belanglose Phrasen . Obwohl Victoria erwartet hatte , daß entweder Tom oder Alice oder sogar Wanda das Thema Jesse anschneiden würde , erwähnte ihn niemand . Also sprach auch sie nicht über den Jungen . Irgendwann würde sich schon die Gelegenheit bieten , den dreien alles zu erklären . Heute hatte sie sowieso genug anderes zu tun . Sie mußte sich zunächst einmal Gedanken über die neue Organisation des Wild - Side machen und die Aufgaben neu verteilen . Sie und Wanda würden sich natürlich weiterhin um die Männer kümmern , und Tom würde die Arbeit an den Tanksäulen übernehmen , aber da sie jetzt einen Mann im Hause hatten , konnte man sich ja vielleicht auch über einige Renovierungsarbeiten unterhalten , die eigentlich schon vor zehn Jahren hätten gemacht werden müssen . Vielleicht konnte man ja aus dieser Bruchbude doch noch wieder etwas herausholen .
Nach dem Essen zog Victoria sich allein in die Küche zurück . Auch wenn sie das Problem , das sie mit ihrem Sohn hatte , immer wieder verdrängte , verschwand es dadurch noch lange nicht . Victoria hatte früher von ihren Eltern immer zu hören bekommen , daß ein Mensch erst dann in Ruhe und Frieden sterben konnte, wenn er alle Fehler , die er in seinem Leben gemacht hatte , eingesehen hatte und bereute . Damals hatte sie mit dem Satz absolut nichts anfangen können und ihn deshalb als Drohung , keine Fehler zu machen interpretiert . Doch mittlerweile war sie zu der Einsicht gekommen , es war wirklich so , daß man erst seinen Frieden hatte , wenn man einige Dinge in Ordnung gebracht hatte . Und ihre Beziehung zu ihrem Sohn gehörte eindeutig zu diesen Dingen . Ihr war jetzt klar , daß sie das Problem seit fast sechzehn Jahren vor sich her schob , nur weil sie Angst davor hatte , daß er ihr Leben völlig verändern konnte . Aber da er das doch schon längst getan hatte , brachte es nichts , es noch länger und weiter wegzuschieben . Sie mußte sich endlich der Situation stellen . Aber dennoch hatte sie Angst davor . Victoria fühlte sich in diesem Moment völlig hilflos und verlassen .
Doch als kurz nach drei Uhr der erste Trucker eintraf , waren alle diese Vorsätze schon wieder verflogen . Sie hatte wichtigeres zu tun , als sich Gedanken über ihre und Jesses Zukunft zu machen . Als der Trucker die Bar betrat , erwartete Victoria ihn mit einem Lächeln und widmete sich voll und ganz ihrer Arbeit . Der Trucker bestellte sein Bier und sah sich dann im Fernsehen ein Footballspiel an . Der Fernseher war so über der Bar angebracht , daß die Gäste zwar gucken konnten , man aber hinter dem Tresen nicht viel von dem , was auf der Mattscheibe ablief , mitbekam . Oft war das für Victoria und Wanda ein Glück gewesen , denn erstens hätte sie die zusätzliche Geräuschkulisse total nervös gemacht und zweitens war es viel lustiger , sich die jubelnden und gröhlenden Männer anzusehen , ohne zu wissen , warum sie es taten .
Bis zum frühen Abend stand sie allein hinter der Bar , dann kam Alice , um ihr zu helfen . Zwar störte es sie etwas , daß das Mädchen sie nicht ein einziges Mal ansah und auch ihren Blicken auswich , aber andererseits war sie froh über die Hilfe und hatte Angst , Alice könnte gehen , wenn sie sie auf ihre gestrige Unterhaltung ansprechen würde . Und natürlich konnte sie verstehen , wenn Alice sich ihr gegenüber jetzt distanziert benahm .
Als um kurz vor sechs Uhr für eine Weile nicht viel los war , da die Trucker entweder das Spiel im Fernsehen verfolgten oder sich ein Mädchen genommen hatten , beschloß Victoria doch noch mit Alice zu reden .
„ Alice “ , sagte sie , „ kommst Du mal bitte . “
Noch immer schaute sie sie nicht an . Aber sie kam und hörte ihr zu .
„ Ich ... ich wollte mich für gestern bei Dir entschuldigen “ , begann Victoria und merkte , daß es sogar gut tat , endlich darüber zu reden . Denn jetzt erst wurde ihr bewußt , wie schwer es eigentlich war , dem Thema immer aus dem Weg zu gehen . Außerdem mußte sie sich dann , wenn sie nicht darüber sprach , um so mehr damit befassen .
„ Weißt Du , es tut mir leid , daß ich so extrem reagiert habe . Aber das ist eine lange Geschichte . Was hältst Du davon , wenn wir heute abend oder morgen früh alle gemeinsam darüber sprechen ? Dann werde ich euch auch erklären , warum ich nicht über Jesse reden wollte . “
Alice nickte stumm , sah sie aber nicht an . Dann wendete sie sich wieder der Arbeit zu . Victoria war sich nicht sicher , ob sie über die Situation froh sein sollte oder nicht .
Den Rest des Abends verbrachte sie damit , sich zu überlegen , warum sie eigentlich plötzlich den Mut hatte , über alles zu sprechen . Aber sie war jetzt doch zu der Einsicht gekommen , daß es besser war , sich einmal dem Problem zu stellen , als ihr ganzes Leben lang weiterhin davor wegzulaufen .
Irgendwann gegen Mitternacht hatte sie das Gefühl , daß der Betrieb in der Bar langsam weniger wurde und daß die meisten Trucker sich jetzt entweder fürs Weiterfahren oder fürs Hierbleiben entschieden hatten . Sie schickte Alice nach oben und schaffte den Rest alleine . Es dauerte noch eine knappe Stunde , bis der Betrieb endgültig zum Erliegen kam und Wanda ihr half aufzuräumen .
Victoria machte sich Gedanken , wie sie den anderen erklären sollte , daß es ihr unmöglich war , Jesse zu lieben . Sie würden es wahrscheinlich nicht verstehen . Auch Wanda hatte es gestern Nacht nicht verstanden . Und heute morgen auch nicht . Und Tom würde es auch nicht verstehen . Für ihn war seine Tochter alles, was er hatte ; er hatte ein Kind gewollt und Alice stand ihm nicht im Weg . Victoria hatte plötzlich wieder Angst , darüber zu reden . Doch jetzt gab es kein Zurück mehr , sie hatte es Alice versprochen .
Eine Viertelstunde später hatten sich alle um einen Tisch im Restaurant versammelt . Wanda , Alice und Tom starrten sie gespannt an . Die Mädchen waren entweder oben bei ihren Kunden oder sie waren schon nach Hause geschickt worden .
Victoria sah in die Runde und wußte nicht recht , wie sie beginnen sollte .
„ Ich werde euch jetzt eine Geschichte erzählen und hoffe , ihr werdet dann etwas besser verstehen , warum ich euch nichts von Jesse erzählt habe und auch warum ich den Jungen hasse . “ , begann sie und machte dann eine Pause , um die Reaktionen abzuwarten . Alice sah zu einem unbestimmten Punkt im Raum , Wanda erwartete mit großen Augen , was wohl kommen würde , und Tom wollte etwas sagen , verkniff es sich dann aber .
Also begann Victoria zuerst zu erzählen , wie sie damals durch ihre Geburt das Leben ihrer Eltern zerstört hatte und wie Jesse später ihr Leben zerstört hatte . Doch wenn sie heute Morgen Trauer überfallen hatte , so war es jetzt Wut . Unbändige Wut auf Jesses Vater und Jesse selbst . Sie merkte , wie sie sich verkrampfte und mußte sich zum Weitersprechen zwingen . Sie überlegte , was sie alles aus ihrem Leben hätte machen können , wenn der Junge nicht geboren worden wäre . Und sie spürte nicht nur Wut , sie spürte Haß , Haß auf dieses Kind , das ihr die Zukunft verbaut hatte .
VII
Als Alice am Abend in ihrem Bett lag , dachte sie über Victorias Geschichte nach. Nachdem sie geendet hatte , war zunächst betretenes , unsicheres Schweigen eingetreten . Dann hatte ihr Vater sich geräuspert und erklärt : „ Victoria , ich glaube , sie leiden unter ihrer Vergangenheit und werden dadurch nicht mit der Gegenwart fertig . Ich meine , dadurch , daß sie sich in ihrer Kindheit Schuldgefühle eingeredet haben , weil ihr Vater keine Karriere gemacht hat , projizieren sie diese Schuld jetzt auf ihren Sohn , dem sie vorwerfen , er sei an dem Schuld , was sie in ihrem Leben nicht erreicht haben . “
Alice wußte , wie falsch es von ihrem Vater gewesen war , sich einzuschalten . Victoria war es ohnehin schon schwer genug gewesen , darüber zu sprechen . Aber Tom Henson war nun einmal ein Mann , der sich mit seinen guten Ratschlägen nicht zurückhalten konnte . Und schließlich wollte er ja nur helfen . Jedenfalls war Victoria nach dieser Kritik aufgestanden und hatte behauptet , sie möchte nicht weiter darüber diskutieren , da sie müde sei . Kurze Zeit später hatten sie sich alle zurückgezogen ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren . Jetzt lag Alice in ihrem Bett , hörte ihren Vater im Nebenzimmer schnarchen und dachte nach . Sie verstand nicht , warum Victoria sich die Schuld daran gab, daß ihr Vater keine Karriere gemacht hatte . Na gut , sie hatte erzählt , daß ihr Vater damals nicht versetzt worden war , weil ihre Mutter zu der Zeit ins Krankenhaus mußte ; aber das war doch nicht ihre Schuld !
Und warum sie Jesse die Schuld an dem Scheitern ihrer eigenen Karriere gab , verstand Alice auch nicht . Vielleicht hatte ihr Vater doch recht und die Frau hatte Probleme , mit ihrer Vergangenheit fertig zu werden . Vielleicht suchte sie aber auch nur einen Grund oder einen Sündenbock dafür , daß ihr eigenes Leben nicht so verlaufen war , wie sie es sich gewünscht hatte . Jedenfalls haßte sie es , wenn ihr Vater immer gleich alles und jeden analysieren mußte . Er konnte diese Welt doch sowieso nicht entscheidend verbessern . Er sollte lieber lernen , gegebene Umstände zu akzeptieren . Das war ja auch das , was ihre Mutter immer an ihm gestört hatte . Man mußte doch auch einmal lernen , etwas nicht Perfektes oder gar etwas Schlechtes so hinzunehmen wie es war . Na ja , das konnte Tom Henson eben nicht . Außerdem war es ja immerhin gut , daß er überhaupt etwas zu ändern versuchte .
Und vor ihrer Mutter hatte sie ihn immer verteidigt . Immer wenn sie etwas Schlechtes über ihn gesagt hatte , und das hatte sie oft , hatte sie ihren Vater verteidigt und versucht , sich in seine Lage zu versetzen . Und selbst wenn sie oft nicht ganz seiner Meinung war und erkannte , wie viele Fehler er machte , so liebte sie ihn doch über alles und bemühte sich deshalb , seinen Standpunkt zu verstehen .
Als Alice später einschlief , träumte sie von ihrem Vater und von alten Zeiten , in denen sie noch eine Familie gewesen waren . Sie träumte davon , wie sie damals nach Disneyland gefahren waren und wie sie trotz der Menschenmassen nur ihre Eltern wahrgenommen hatte und sie zu dritt so viel Spaß gehabt hatten wie nie zuvor . Nur der Lärm , das Gekreische und die vielen grellen bunten Farben und Figuren hatten sie gestört . Jetzt in ihrem Traum verließen sie den Park einfach und gingen durch einen wunderschönen , tiefen Wald , hörten den Vögeln zu und unterhielten sich prächtig . Als dann langsam die Sonne unterging , machten sie auf einer Lichtung ein Picknick . Es war wunderschön .
Gegen acht Uhr wachte Alice auf , weil die aufgehende Sonne ihr ins Fenster schien und sie blendete . Von ihrem Traum wußte sie nichts mehr .
Eine halbe Stunde später hatte sie sich angezogen und setzte sich zu Wanda an den Frühstückstisch .
„ Wo sind denn die anderen ? “
„ Dein Vater ist mit Victoria in die Stadt gefahren und kommt erst gegen Mittag wieder . “
„ Und was hast Du vor ? “
„ Ich muß heute Victorias Privaträume saubermachen . Das kann ich nur , wenn sie nicht da ist . Wenn sie zuhause ist , steht sie nur neben mir und gibt mir Ratschläge . Und das kann ich nicht leiden . “
Alice mußte über ihren trockenen Humor lachen . Dann aß sie auf und beschloß, ein wenig nach draußen zu gehen , um nicht die ganze Zeit neben Wanda zu stehen und sie mit Ratschlägen zu nerven .
Die Luft draußen war kühl und klar . Man konnte hier weder die Autoabgase noch den abgestandenen Geruch der Großstadt wahrnehmen . Hier gab es nur die reine , unberührte Natur und ein paar Motorengeräusche , die ganz ganz weit weg waren . Bisher war Alice nie klar geworden , wie schön und wie interessant und einladend die Natur sein sein konnte . Wenn sie mit ihren Freundinnen etwas unternehmen wollte , dann zogen sie durch die Discos , die Kinos und die von Neonreklameschildern erleuchteten Straßen der Innenstadt . Hier war das alles weit weg . Hier gab es weit und breit nur eine einzige Neonreklame , und das war die des Wild - Side . Ansonsten gab es hier nur Bäume , Gräser , Hügel, Wolken , Sand und natürlich die Vogelstimmen . Alice überlegte , was das wohl für Auswirkungen auf die Menschen haben mußte , die hier lebten . Sie überlegte , ob die dadurch auch natürlicher waren , als die Menschen in der Stadt . Ihre Freundinnen , und alle anderen Menschen höchstwahrscheinlich auch , spielten immer eine bestimmte Rolle . Je nachdem , wo sie gerade waren , paßten sie ihre Rolle , ihr Verhalten und alles , was sie sagten und taten , der Umgebung an . Auch ihre Mutter war ihrem Vater gegenüber jemand ganz anderer als die , die sie war , wenn ihr Chef zu Besuch war . Aber hier hatte sie den Eindruck , daß die Menschen sich nicht verstellten . Die Menschen hier zeigten sich so , wie sie waren . Mit allen Fehlern und allen Schwächen . Sie konnte sich jedenfalls nicht vorstellen , daß Wanda und Victoria anders waren , als sie sich ihr gegenüber zeigten . Sie hatten es eben nicht nötig , sich zu verstellen , denn die Menschen die hier her kamen würden jeden so akzeptieren , wie er war . Jedenfalls hatte Alice den Eindruck , daß es so war .
Langsam entfernte sie sich weiter vom Haus und näherte sich den Hügeln . Die Sonne schien ihr jetzt ins Gesicht und es war angenehm warm . Sie konnte sich nicht viel Schöneres vorstellen , als das Peaceful Valley und die Eden Hills .
Als sie nach kurzer Zeit oben auf dem Hügel angekommen war , konnte sie das ganze Tal , in dem in der Mitte das Motel thronte , überblicken . Es war so still und so friedlich hier . Sie war sich fast sicher , daß sie für immer hier bleiben wollte . Nach einer Weile ging sie weiter und erklomm schließlich den höchsten der Hügel , auf dem oben ein großer , dicker Baum stand , und von dem aus man bestimmt nicht nur das Tal , sondern auch die Stadt auf der anderen Seite der Hügelkette überblicken konnte .
Oben angekommen , erschrak sie . Denn unter dem Baum saß auf einem großen Stein Jesse , der ihr Kommen still beobachtet hatte .
Als Alice näher kam , trat Angst in seine Augen und sie hatte den Eindruck , er würde gleich vor ihr davonlaufen . Alice fühlte sich unsicher und wußte nicht , wie sie ihm gegenübertreten sollte . Schließlich setzte sie sich ganz langsam und zögernd neben ihn und hoffte , er würde nicht sofort weglaufen .
„ Es tut mir leid , daß ich beim letzten Mal so erschrocken war “ , flüsterte sie nach ein paar Augenblicken , „ aber ich kannte Dich nicht und hatte niemanden in dem Zimmer erwartet . “
Jesse sah sie mit großen braunen Augen an . Alice lächelte . Dann stand sie auf und ging ein paar Schritte weiter . Sie wollte wissen , ob Jesse ihr folgte , aber er blieb sitzen und sah sie nur an .
„ Warum sitzt Du hier oben ? “ , fragte sie und wollte wissen , wie er reagierte . Sie wußte ja , daß er stumm war , aber sie wollte wissen , was er tat . Irgendetwas mußte er ja tun . Irgendwie mußte er ja reagieren und sie dadurch an sich heranlassen . Aber der Junge reagierte nicht . Er sah sie nur an .
Langsam wurde Alice wütend . Er könnte wenigstens zeigen , daß er sie zur Kenntnis nahm .
„ Verdammt noch mal ! “ , schnauzte sie ihn an , „ Wer gibt Dir das Recht , mich die ganze Zeit so anzuglotzen ? “
Aber schon nachdem sie es gesagt hatte , tat es ihr leid , und sie hätte es gern zurückgenommen . Jesse sah sie entgeistert mit seinen großen Augen an und sie hatte den Eindruck , er würde aufspringen und weglaufen . Aber er wich lediglich ein Stück zurück und sah in die entgegengesetzte Richtung .
„ Es ... es tut mir leid ... “ , stammelte Alice und setzte sich neben ihn . „ Aber ich... “ Sie wußte nicht weiter .
Der Junge wendete ihr wieder sein Gesicht zu und sah sie an . Dann merkte er , wie nah sie ihm gekommen war und rückte ein Stück weit weg . Er sah jetzt wieder geradeaus , so als wäre das Mädchen neben ihm gar nicht hier . Eine ganze Weile saßen sie so da und blickten auf das Peaceful Valley . Dann irgendwann meinte Alice , etwas sagen zu müssen und versuchte mit dem Jungen ins Gespräch zu kommen : „ Es ist schön hier oben . “
Jesse nickte .
„ Man kann das ganze Tal überblicken . “
Jesse nickte abermals .
Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel und tauchte das Tal in ein freundliches Gelb .
Alice wollte noch etwas sagen , da der Bann endlich gebrochen schien , aber Jesse brachte sie durch eine Geste zum Schweigen und zeigte dann mit dem Finger auf einen Strauch , der in der Nähe stand . Einen Moment lauschte Alice , bevor sie wußte , was Jesse meinte . Aus dem Busch hörte sie leises Vogelpiepsen .
Jesse stand auf und ging langsam auf den Strauch zu . Dann bog er vorsichtig die Zweige auseinander und winkte Alice zu sich her . In einer Astgabelung entdeckte sie ein Nest , in dem fünf kleine Vögel aufgeregt piepsten und mit den Flügeln schlugen . Sie konnten höchstens eine Woche alt sein . Alice hatte soetwas noch nie gesehen und war aufgeregt wie ein kleines Kind . Am liebsten hätte sie die niedlichen Tierchen in die Hand genommen und gestreichelt . Aber Jesse legte einen Finger auf den Mund und zog sie zurück . Sie setzte sich wieder zu ihm auf den Stein und wollte gerade etwas sagen , als der Junge plötzlich in den Himmel zeigte . Alice sah hoch und entdeckte zuerst gar nichts . Doch dann bemerkte sie einen Vogel , der erst ein paar Mal über ihnen kreiste und dann auf den Strauch mit den kleinen Vögeln zuflog . Alice erkannte , daß der Vogel irgendetwas im Schnabel hatte und wußte , daß es die Mutter der kleinen Vogeljungen sein mußte , die zurückkam , um sie zu füttern . Gespannt lauschte sie , wie das Piepsen aufhörte , als die Mutter kam , nur um dann sofort wieder anzufangen , als sie den Strauch wieder verließ .
Alice sah Jesse an und überlegte , was er wohl für ein Mensch war . Er schien sehr nett zu sein und sah außerdem unheimlich süß aus . Sie wünschte sich , daß sie ihn zum Freund gewinnen konnte . Aber vielleicht hatte sie das längst geschafft .
Lange sahen sie sich schweigend und gedankenverloren an . Dann fing Alice an, ihm von sich zu erzählen : „ Weißt Du , eigentlich haben wir uns noch gar nicht bekannt gemacht . “
Jesse sah sie an .
„ Vielleicht sollte ich Dir erstmal erzählen , wie wir , also mein Vater und ich hierher gekommen sind ... “
Alice war sich nicht sicher , ob das der richtige Weg war , eine Freundschaft zu beginnen , wenn man dem anderen seine Probleme erzählte , aber als sie auf Jesses Lippen ein schwaches Lächeln zu erkennen glaubte , fühlte sie sich ermutigt , weiterzumachen .
„ Weißt Du , meine Eltern sind geschieden und ich hab’ lange Zeit bei meiner Mutter gelebt . Aber sie mußte immer hin- und herziehen und hatte nie Zeit . Darum hat mein Vater mir versprochen , daß ich jetzt bei ihm leben kann und daß er uns ein kleines Haus kaufen wird und auch Zeit für mich hat und so ... “
Jesse sah sie aufmerksam an und las ihr jedes Wort von den Lippen ab . Sie hatte den Eindruck , daß er es genoß , daß sie mit ihm sprach , und sie glaubte außerdem , daß das wohl nicht allzu oft vorkam . Aber auch ihr tat es gut , endlich mit jemandem reden zu können . Sie erzählte ihm von der Zeit vor der Scheidung , von der Zeit mit ihrer Mutter und von der Scheidung selbst . Während der ganzen Zeit hörte Jesse ihr gespannt zu .
Irgendwann fing sie an , ihm zu schildern , was sie empfunden hatte , als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte , und beide mußten lachen .
Kurze Zeit später wurde es langsam dämmerig , und Alice wunderte sich , wie schnell der Nachmittag vergangen war . Sie stand auf und machte sich langsam an den Abstieg . Jesse folgte ihr . Den Weg zurück zum Haus schwieg sie .
Als sie vor der Tür des Wild - Side angekommen waren und Alice die Klinke hinunterdrückte , war Jesse plötzlich verschwunden . Sie sah sich um und horchte, aber der Junge war von einer Sekunde auf die andere wie vom Erdboden verschwunden . Aber wahrscheinlich war Alice nur nicht daran gewöhnt , daß jemand verschwand , ohne „ Auf Wiedersehen “ zu sagen .
Sie betrat das Motel und setzte sich an den gedeckten Tisch .
„ Ich war draußen ... “ , erklärte sie entschuldigend .
„ Und ? Gefällt Dir das Tal ? “ , fragte Victoria und schenkte ihr eine Tasse Tee ein .
Alice dachte kurz nach , dachte an Jesse , das Motel , die Natur und auch an ihre Mutter und die Hotelzimmer und die Apartments , in denen sie vorher gewohnt hatte und erklärte dann : „ Mein Zuhause ist dort , wo mein Herz ist , und mein Herz ist dort , wo Menschen sind , die mich freundlich aufnehmen . “
„ Heißt das , Du willst hier bleiben ? “ , fragte Wanda .
„ Ich glaube schon . Ich glaube , ich könnte mich an das Motel und das Tal gewöhnen . “
Und Alice glaubte wirklich , daß sie sich hier zuhause fühlen könnte .
Als sie später in ihrem Bett lag und die Schatten an der Zimmerdecke beobachtete , mußte sie an Jesse denken . Sie überlegte , was der Junge wohl für ein Leben führte . Sie hatte ihn erst zweimal gesehen : einmal in diesem gefängniszellenartigen Zimmer und einmal draußen auf dem Hügel . Im Motel oder mit den anderen Bewohnern zusammen hatte sie ihn noch nie gesehen . Er schien immer allein zu sein , und er durfte nicht einmal mit den anderen zusammen essen . Sie konnte das einfach nicht verstehen . Zwar wußte sie nun , daß Victoria ihren Sohn nicht liebte oder nicht lieben konnte , und sie hatte auch versucht , die Gründe dafür zu verstehen , aber sie konnte nicht begreifen , warum Victoria ihn so versteckte . Es sah fast so aus , als schämte sie sich dafür, daß sie ein Kind hatte und versuchte deshalb , ihn von den Menschen fernzuhalten und irgendwie zu verleugnen . Alice konnte das alles einfach nicht fassen . Aber sie würde herausfinden , was hier wirklich vor sich ging . Sie würde Jesse helfen , wenn sie ihm irgendwie helfen konnte .
VIII
Als Alice ins Motel zurückgegangen war , hatte er sich durch die Hintertür zurück in sein Zimmer geschlichen . Kurz darauf hatte seine Mutter ihm sein Essen gebracht , ohne ein Wort zu sagen . Er hatte es nicht angerührt . Er hatte nur am Fenster gesessen und über dieses Mädchen nachgedacht . Sie war nett gewesen , und sie hatte einfach so ohne Grund mit ihm geredet . Jesse konnte sich nicht daran erinnern , daß überhaupt schon einmal jemand so lange mit ihm geredet hatte .
Nach einer Weile schlich er sich nach unten und dann durch die Hintertür wieder nach draußen an die frische , klare Nachtluft . Es war angenehm kühl und ein leichter Wind wehte von den Hügeln hinab ins Tal . Jesse war die Nacht wesentlich lieber als der Tag . In der Nacht war es hier im Tal so friedlich und so ruhig . Und die Sterne funkelten hoch oben am Himmel . Er mochte die Sterne , weil er sich durch sie bewacht aber nicht beobachtet fühlte . Hier draußen fühlte er sich sicher und geborgen , fast so , als sei hier jemand , der auf ihn aufpaßte , jemand , der ihn so annahm , wie er war .
Jesse machte sich auf den Weg zu seinem Baum . Dort oben auf dem Hügel unter dem Baum war sein Lieblingsplatz . Von dort aus konnte er das ganze Tal überblicken und beobachten , was alles im und um das Motel vor sich ging . Aber oft saß er dort auch nur , um seinen Gedanken nachzuhängen . Dann schloß er die Augen und dachte über alles mögliche nach oder wünschte sich einfach nur , ganz weit weg zu sein . Er hatte das Tal so lange er denken konnte noch nie verlassen. Aber er hatte auch noch nie wirklich den Wunsch verspürt , das Peaceful Valley zu verlassen . Wenn er ehrlich war , war es heute das erste Mal , das er überhaupt darüber nachdachte . Aber das Mädchen hatte ihm von den großen Städten und anderen Dingen erzählt , von denen er noch nie zuvor gehört hatte .
Jesse überlegte , ob er dumm war , weil er nur Victoria , Wanda , die Mädchen , das Tal , die Hügel , die Tiere und die Geschichten , die die Trucker erzählten , kannte . Aber der alte Sam hatte ihm einmal gesagt , er könne froh sein , daß er die grausame Welt außerhalb des Tals nicht kannte . Jesse hatte oft oben an der Treppe gestanden und gelauscht , was die Trucker von dieser grausamen Welt außerhalb des Tals erzählten , und er hatte oft von seinem Hügel aus auf diese Welt gesehen . Aber er hatte noch nie etwas Grausames gesehen oder gehört . Wenn die Trucker erzählten , dann erzählten sie lustige Geschichten oder sie redeten von Frauen , aber viel Grausames hatten sie noch nicht erzählt . Und wenn er auf das Land hinter den Hügeln sah , konnte er auch nichts Grausames sehen . Zumindest nichts , daß grausamer war , als hier ganz allein zu sein und von der eigenen Mutter kaum beachtet zu werden .
Aber Jesse hatte über solche Dinge noch nie nachgedacht und wollte auch jetzt nicht damit anfangen . Er setzte sich auf seinen Stein und sah in den Himmel . Die Sterne funkelten hoch oben und es schien , als war dort jemand , der aufpaßte , daß ihm hier unten nichts passierte . Jetzt schloß er die Augen und dachte an das Mädchen . Erst jetzt fiel ihm auf , wie hübsch sie war . Sie sah viel lieber aus , als die Mädchen , die im Motel arbeiteten . Aber er konnte das ja sowieso nicht beurteilen . Er lebte ja nur hier im Tal und kannte nur Wanda und Victoria . Nicht einmal die Mädchen kannte er , da seine Mutter ihm verboten hatte , sich irgendeinem Menschen außer ihr und Wanda zu zeigen . Er verstand zwar nicht genau , warum sie ihn versteckte , aber wahrscheinlich schämte sie sich für ihn . Schließlich war er dumm und untauglich . Und als sie erfahren hatte , das das Mädchen ihn gesehen hatte , war sie auch stinksauer geworden und hatte ihn geschlagen . Und sie hatte ihm verboten , sich ihr wieder zu zeigen. Doch Jesse wollte sie unbedingt wiedersehen . Er fand sie wirklich nett und glaubte sogar , daß sie ihn auch mochte . Außerdem hätte sie sich doch sonst nicht so lange mit ihm unterhalten . Und sie schien nicht einmal zu merken, daß er dumm war . Sie hatte ganz normal mit ihm gesprochen . So , als wäre er wie jeder andere Junge auch .
Eine Maus huschte dicht an seinen Füßen vorbei und verschwand hinter dem Baum . Jesse kannte fast alle Tiere , die hier lebten . Er beobachtete sie gern und oft . Mittlerweile war es schon so weit , daß sie gar keine Angst mehr vor ihm hatten . Jesse wünschte sich manchmal , ein Tier zu sein . Sie schienen so sorglos und glücklich zu sein . Er fragte sich oft , was an ihm eigentlich so schlecht war . Seine Mutter hatte ihm zwar gesagt , daß er nichts taugte , aber sie hatte ihm nie erklärt , was an ihm so schlecht war . Aber er hatte schon oft darüber nachgedacht und war noch nie zu einem Ergebnis gekommen . Also hörte er auf zu denken und machte sich auf den Rückweg . Er schlich sich ihs Haus , in sein Zimmer und zog sich aus und legte sich ins Bett , ohne daß irgendjemand ihn hörte .
Am nächsten Morgen schlief er sehr lange , und als er aufwachte , mußte er sofort an das Mädchen denken . Er wollte sie unbedingt wiedersehen . Sie war ihm wichtiger als jeder andere Mensch , den er kannte . Allerdings kannte er nicht viele Menschen , und die , die er kannte , waren ihm nicht wichtig , aber dieses Mädchen war es ihm .
Als er nach unten kam , waren alle schon auf den Beinen . Aber wie immer nahm ihn niemand wahr . Also schlich Jesse nach draußen , denn dort fühlte er sich wesentlich wohler als im Haus . Während er durch die endlosen Wiesen und über die trockene Erde der Steppe lief , beobachtete er die Vögel am Himmel . Er fragte sich , wo sie wohl herkamen und wo sie hinflogen , aber bisher hatte er darauf wie auf so vieles noch keine Antwort gefunden . Er fragte sich auch oft , warum sie überhaupt lebten . Irgendeinen Grund mußte das doch haben .
Noch eine ganze Weile beobachtete er , wie sie über den Hügeln auftauchten , ihre Kreise über dem Tal drehten und dann im Nirgendwo verschwanden .
Oben auf dem Hügel angekommen , setzte er sich auf seinen Stein und beobachtete das Tal . Auch bei den Menschen hier war es meistens so , daß sie von irgendwoher auftauchten , eine Zeitlang blieben und dann das Tal verließen, so als seien sie nie dagewesen .
Nach ein paar Minuten verließen Wanda und Victoria das Motel , stiegen ins Auto und fuhren dann auf der Straße in Richtung Stadt davon . Kurz danach trat der Vater des Mädchens aus der Tür und begann , die Fensterrahmen des Gebäudes , von denen die Farbe schon lange abgeblättert war , mit weißer Farbe neu zu streichen .
Jesse sah ihm lange dabei zu , wartete aber in Wirklichkeit nur auf das Mädchen.
Als der Mann die Fenster der Vorderfront fertig gestrichen hatte und mit dem ersten Fenster an der Seite begann , öffnete sich die Vordertür , und das Mädchen kam heraus . Jesse beobachtete sie und hoffte , sie würde zu ihm heraufkommen , wie sie es gestern ja auch getan hatte . Sie sah den Hügel hinauf , aber natürlich war sie zu weit , um sie unter dem Baum sehen zu können . Er hingegen sah sie gut . Sie ging zu ihrem Vater , die beiden redeten kurz miteinander , und dann nahm sie sich ebenfalls einen Farbtopf und half ihm .
Enttäuscht sah Jesse ihr dabei zu . Er überlegte , ob sie nicht wußte , wo er war , oder ob sie nicht kam , weil sie nicht wollte . Wahrscheinlich war ihr doch noch klar geworden , daß er schlecht und dumm war . Oder Victoria hatte es ihr gesagt. Jedenfalls wußte Jesse , er war es sowieso nicht wert , daß jemand mit ihm sprach und durfte sich deshalb auch nicht ärgern .
Als die Sonne später ganz oben am Himmel stand , und es Zeit zum Essen sein mußte , unterbrachen der Mann und das Mädchen ihre Arbeit und gingen ins Haus . Doch schon nach ein paar Sekunden kam das Mädchen wieder nach draußen und lief zu Jesses Erstaunen auf die Hügel zu .
„ Hi , Jesse “ , rief sie als sie näher kam . Dann setzte sie sich neben ihn auf seinen Stein . Am liebsten hätte Jesse irgendetwas zu ihr gesagt oder sie gefragt , was sie von ihm hielt . Aber er schwieg und sah ihr nur tief in die Augen . Auch sie sah ihn lange Zeit an , ohne etwas zu sagen . Dann lächelte sie und fing leise und zögernd an zu sprechen .
„ Weißt Du , Jesse , Du bist so anders als andere Jungen ... “
Jesse wußte genau , was jetzt folgen würde . Aber er wollte es nicht hören . Blitzartig sprang er auf und lief weg . Er wußte zwar nicht , warum er das tat oder wohin er laufen sollte , aber er wollte nicht hören , was das Mädchen ihm sagen wollte . Die ganze Zeit hatte er gehofft , sie merkte nicht , daß er nicht so schlau war wie andere Menschen . Aber sie hatte es natürlich doch gemerkt . Sie hatte es gemerkt und wollte nun nichts mehr mit ihm zu tun haben .
Jesse lief so schnell er konnte und ohne sich umzusehen den Hügel hinunter und einen anderen wieder hinauf . Oben angekommen , versteckte er sich in einem Gestrüpp und blieb dort . Er blieb dort sehr lange und dachte an das Mädchen . Er dachte an das , was hätte werden können und an das , was nicht passiert war. Und er wußte , daß es so kommen mußte .
Nach ein oder zwei Stunden hatte er seine Trauer einigermaßen überwunden und ihre Abneigung akzeptiert . Immer noch zögernd kroch er zwischen den Sträuchern hervor und ging langsam zurück zum Haus . Noch immer kreisten einige Vögel am Himmel , aber jetzt nahm Jesse sie kaum mehr wahr .
Im Motel angekommen quälte er sich die Treppe hoch und bemühte sich , dabei kein Geräusch zu machen . Er kam in seinem Zimmer an , ohne daß Victoria ihn bemerkt hatte .
Jesse erschrak und zuckte zusammen , als er die Tür zu seinem Zimmer öffnete , denn dort auf seinem Bett saß das Mädchen und lächelte ihn an , als er sie anstarrte . Zuerst wollte er wieder weglaufen , da sie sich jetzt auch noch über ihn lustig machte , doch während er noch überlegte , stand sie auf , zog ihn ins Zimmer und schloß die Tür . Immer noch starrte Jesse sie an .
„ Jesse , warum bist Du denn weggelaufen ? “ , fragte sie mit ruhiger , sanfter Stimme , „ Ich wollte doch nur mit Dir reden . “
Jesse zweifelte immer noch daran , ob er das , was sie zu sagen hatte , hören wollte . Aber er blieb .
„ Ich ... “
Langsam geriet sie ins Stocken und schien zu überlegen , wie sie es ihm sagen sollte . Jesse sah sie erwartungsvoll an .
„ Ich wollte Dir eigentlich nur sagen , daß ich Dich sehr nett finde ... “
Als die Information bis in sein Gehirn vorgedrungen war , verschluckte Jesse sich, da er es nicht fassen konnte .
„ Ja , das finde ich wirklich , “ fuhr sie fort und fing dann an zu lachen . Auch Jesse mußte jetzt mitlachen , da ihr Lachen einfach ansteckend war . Er konnte zwar kaum fassen , was sie da sagte , aber sie schien es ernst zu meinen . Plötzlich erstarb sein Lachen und er fragte sich , warum sie das fand . Sie mußte doch gemerkt haben , daß er dumm war ! Und wenn sie es bis jetzt nicht gemerkt hatte , würde sie es bald merken . Und dann würde sie trotzdem nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen ; so wie alle anderen auch . Er verstand jetzt , warum Victoria ihn von den anderen Menschen fern hielt . Sie wollte nicht , daß jemand merkte , was für einen dummen , dreckigen und untauglichen Sohn sie hatte . Es genügte ja , daß sie das so lange hatte ertragen müssen . Und er erinnerte sich noch gut daran , wie oft sie an ihm verzweifelt war . Vielleicht würde es doch besser sein , das Mädchen nie wieder zu sehen . Dann konnte sie jedenfalls nichts Schlechtes von ihm denken ...
„ Jesse , “ begann das Mädchen jetzt wieder , „ ich finde doch nur , daß Du so ... so ... na jedenfalls bist Du nicht so doof wie die meisten anderen ... “
Entgeistert sah er das Mädchen an . Sie konnte das , was sie sagte , doch unmöglich ernst meinen .
„ Ich verstehe nicht , warum Deine Mutter Dich so behandelt “ , fuhr sie fort .
„ Sie hat mir zwar erklärt , daß sie Deinen Vater nicht liebte , aber das ist doch kein Grund , Dich nicht zu lieben!“
Jesse wollte ihr erklären , was die Gründe waren , wegen der sie sich für Jesse schämte , aber das Mädchen hörte nicht auf zu reden .
„ Ich finde es gemein und ungerecht von ihr , Dich so zu behandeln als wärst Du Luft . Na gut , Du sprichst nicht , aber deshalb bist Du doch nicht weniger wert als andere ... “
Dieser Satz blieb ihm im Gedächtnis haften . Sie hatte wirklich gesagt , er sei nicht weniger wert als andere . Das bedeutete , sie glaubte wirklich nicht , daß er schlecht und dumm war . Zum ersten Mal begann er sich zu fragen , wirklich ernsthaft zu fragen , ob sie vielleicht Recht haben könnte . Zum ersten Mal begann er sich zu fragen , ob er vielleicht doch nicht dumm war und ob Victoria vielleicht wirklich gemein und ungerecht war . Es war früher zumindest oft so gewesen , daß er nicht wußte , was er falsch gemacht hatte , wenn sie auf ihn böse war ...
Als das Mädchen merkte , daß er ihr nicht zuhörte , schwieg sie und sah ihn an . Sofort brach sein Gedanke ab und er sah sie schuldbewußt an . Aber anstatt sauer zu sein , nahm sie seine Hand in ihre und flüsterte viel leiser als vorher :
„ Du bist echt süß , Jesse . “
Daraufhin stand sie auf und verließ das Zimmer . Noch lange starrte Jesse ihr hinterher und spürte eine unbeschreibliche Freude in sich aufflackern . Und als ihm wirklich bewußt wurde , was sie gesagt hatte , konnte er sein Glücksgefühl kaum noch im Zaum halten . Sie schien ihn wirklich zu mögen . Und wenn sie ihn mochte , konnte er ja doch nicht so schlecht sein , wie Victoria sagte . Wenn das Mädchen ihn wirklich mochte , mußte sie ja einen Grund dazu haben ...
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