Waiting
for
Eternity
Once upon a time there
was light in my life
but now there`s only love in the dark.
I
Die Sonne verschwand gerade
hinter den Eden Hills und tauchte das weite Land des Peaceful Valleys in
ein warmes , sattes Rot . Die Schatten der wenigen Bäume , Sträucher
und Kakteen fielen auf den warmen , trockenen Sand , der sich überall
zwischen den Hügeln und dem Freeway ausgebreitet hatte . Das weite Land
lag still und friedlich da, und nur selten war der Schrei eines Vogels ,
der über den wolkenlosen Himmel gleitete , oder das Motorengeräusch
eines einsamen Trucks irgendwo auf dem Freeway zu hören .
Die einzigen Lichter weit und breit kamen aus den
Fenstern des Wild - Side - Motels , das sich trotz seiner Größe
problemlos in das Bild der Natur einfügte . Das Wild - Side war aus
Holz gebaut , lag direkt an der Straße und war außer dieser das
einzige im ganzen Tal , was Menschen geschaffen hatten . Es stand hier seit
vielen Jahren . Ein englischer Lord hatte es sich als Sommerhaus bauen lassen
. Doch irgendwann wurde ihm das Anwesen zu teuer , und er mußte
es verkaufen . So kam es , daß das Haus zu dem wurde , was es war :
ein altes , billiges , heruntergekommenes Motel , in dem die Trucker das
fanden , wovon sie die ganze Zeit , während sie unterwegs waren , träumten
. Da das Wild - Side auf einer Erhebung lag , hatte es früher einmal
die ganze Ebene des Peaceful Valley beherrscht . Doch all der Glanz und die
Schönheit waren verblaßt , und es war nur noch ein morsches
, baufälliges , häßliches Motel . Irgendwann würde es
vermutlich zusammenfallen , und die Natur hätte die Landschaft zurückerobert
.
Die Sonne war jetzt ganz hinter den Hügeln verschwunden
, und das Rot war dem silbernen Schein des Mondes gewichen . Auch die Vögel
waren verschwunden . Die einzigen Geräusche waren ein leichter Wind
, der durch die Baumkronen und um das Haus strich , und das Piepsen einiger
Mäuse , die sich im Licht des Vollmondes sicher genug fühlten ,
um auf Nahrungssuche zu gehen . Sonst legte sich eine schwere , friedliche
Ruhe über das weite Tal und beendete einen weiteren Abschnitt auf dem
Weg des Lebens .
Oben auf dem höchsten der Eden - Hills saß
unter einem großen alten Baum mit knorrigen Ästen und einem mächtigen
Stamm ein Junge auf einem großen flachen Stein und schaute verträumt
und gedankenverloren dorthin , wo die Sonne zuletzt zu sehen gewesen war
. Da er sich nicht bewegte , war er kaum wahrnehmbar , und er schien zudem
seine ganze Umwelt vergessen zu haben . Er saß nur stumm da und starrte
in den Himmel , und es sah so aus , als säße er schon eine ganze
Weile so da . Irgendwann bewegte er sich aber doch . Er sah sich langsam
um und stand dann auf . Er verließ den Platz auf dem Stein und stieg
den Hügel bedächtig und mit zögernden Schritten hinab . Dann
ging er langsam aber sicher auf den Eingang des Wild - Side zu . Daß
die Wärme des vorangegangenen Tages langsam der Kälte der Nacht
wich , schien der Junge nicht zu spüren . Der Junge erreichte den Fuß
des Hügels und ging vorbei an Kakteen , Bäumen und Sträuchern
, vorbei an den Mäusen , einigen Schlangen und den Nestern einiger Vögel
, ohne dabei auch nur das geringste Geräusch zu machen . Schließlich
überquerte er die Straße und ging vorbei an den Müllcontainern
zur Hintertür des Motels . Als er die Hand auf die Klinke legte , sah
er sich noch einmal um ; sah noch einmal in die Weite des Valleys , sah noch
einmal zu dem Hügel , auf dem er gesessen hatte und sah hinauf zum Mond
, der beruhigend auf die Erde hinuntersah . Dann öffnete er die Tür
und verschwand im grellen Neonlicht und lauten Gelächter der Trucker
in der Bar . Als er die Tür von innen schloß , erinnerte nichts
mehr an die kühle , einsame Nacht , den Vollmond und die ruhige Finsternis
draußen . All das , was man vor der Tür noch deutlich spüren
konnte , schien hier drinnen kilometerweit weg zu sein . Die Bar des Wild
- Side wurde von Gelächter , lauteen Stimmen , Neonlicht, Radiomusik
und Gläserklirren beherrscht .
„ Verdammt noch mal , Jesse , verschwinde !
“, wurde der Junge angeschriehen und zog sich durch eine Tür im
hinteren Teil des Raumes zurück .
Draußen war der Mond gerade hinter einer Wolke
verschwunden , und das einzige Licht , das jetzt noch die Dunkelheit durchbrach
, war das Neonlicht aus den Fenstern des Motels und der helle Schriftzug
„ Wild - Side Motel “ über der Eingangstür . Sonst
war alles dunkel , ruhig und friedlich .
II
Das Auto fuhr zügig über
die langen , geraden Straßen Arizonas . Die Sonne war bereits vor einer
Stunde untergegangen , und im Lichtkegel der Scheinwerfer des alten Buick
konnte man nicht mehr als den grauschwarzen Asphalt der Straße sehen
. Da auch die letzte Kurve schon fast zehn Minuten hinter ihnen lag , fiel
es Alice schwer , die Augen offen zu halten .
„ Dad “ , fragte sie den großen
, kräftigen , dunkelhaarigen Mann , der am Steuer saß und sie
nun mit gütigen blauen Augen ansah , „ werden wir heute noch ankommen
? “
„ Ja , Schatz , ich denke schon . Wir werden
die ganze Nacht durchfahren , und morgen früh sind wir da . Aber jetzt
schlaf ein wenig . “
Alice rutschte tiefer in ihren Sitz und kuschelte
sich in die warme Wolljacke ihres Vaters . Bevor sie einschlief , sah sie
zu ihrem Dad und war glücklich , daß er bei ihr war . Er war zwar
nicht besonders hübsch mit seiner Hakennase , dem harten Gesichtsausdruck
, und seinen Bart mochte Alice auch nicht besonders , aber immer , wenn er
sie mit seinen tiefen dunkelblauen Augen ansah und lächelte , fühlte
sie sich sicher und geborgen . Dann übermannte sie die Müdigkeit
und sie fiel in einen tiefen Schlaf .
Tom Henson fuhr weiter gedankenverloren durch die
Nacht , sah ab und zu zu seiner schlafenden Tochter und war glücklich
, sie endlich bei sich zu haben . Seit der Scheidung hatte er Alice ja kaum
gesehen . Aber nun war sie endlich bei ihm . Endlich konnte er sie ein wenig
vor der Welt und ihren Gefahren beschützen , und endlich war er nicht
mehr allein . Die vier Jahre , in denen er vor Gericht um Alice gestritten
hatte , waren schrecklich gewesen . Er war nicht mehr mit Audrey verheiratet
gewesen , aber geschieden waren sie auch noch nicht ganz . Es war wie eine
Leere zwischen Krieg und Frieden . Wenn es aber für ihn schon unerträglich
gewesen war , mochte er gar nicht daran denken , was Alice empfunden haben
mußte . Sie wurde vier Jahre lang zwischen ihm und Audrey hin-
und hergestoßen , so daß sie nicht wußte , wo sie hingehörte
und wem sie vertrauen konnte . Und das gerade in den Jahren ihrer Jugend
, wo sie dringend eine Vertrauensperson gebraucht hätte . Jetzt war
sie sechzehn , und Tom hatte Angst , daß das Verhältnis zwischen
ihnen zerbrochen war . Allerdings hatte sie immer gesagt , daß sie
lieber bei ihm bleiben wollte als bei Audrey . Doch das lag wahrscheinlich
daran , daß Audrey in den zwölf Jahren ihrer Ehe noch weniger
zuhause gewesen war als er . Na ja , sie hatte eben ihren Job und ihre Karriere
gehabt , während er in der Zeit mehr als zehn verschiedene Jobs angenommen
hatte . Hoffentlich würde er jetzt eine Arbeit finden . Er hatte Alice
versprochen , ein kleines Haus in Canada zu kaufen und noch einmal ganz von
vorne anzufangen . Das war zwar nicht das , was sie sich am meisten wünschte
, aber das Versprechen gab ihr zumindest ein wenig Sicherheit . Und selbst
wenn er bisher weder Arbeit noch ein Haus in Canada hatte , würde es
ihr lieber sein als mit ihrer Mutter zwischen den Fernsehstudios in Hollywood
, New York und Paris hin- und herzupendeln . Wenigstens hoffte er , daß
es so war .
Nach einer Weile sah Tom auf den Tankanzeiger und
stellte fest , daß er spätestens in einer halben Stunde eine Tankstelle
finden mußte oder hier verlassen auf dem Freeway liegenbleiben würde
. Dann schaute er auf seine schlafende Tochter und hoffte , daß das
, was er vorhatte , auch das beste für sie war . Er hoffte auch , daß
sie ihm und Audrey die letzten Jahre verzeihen würde und nicht jegliches
Vertrauen in ihre Eltern verloren hatte . Wenn er jetzt auf die Zeit zurückblickte
, dachte er , daß es besser gewesen wäre , wenn er mit Audrey
zusammengeblieben wäre . Und wenn er es nur wegen Alice getan hätte.
Sie hätten sich zwar weiterhin gestritten , aber sie hätten sich
und besonders ihrer Tochter auch sehr viel Ärger erspart . Doch nun
war es zu spät . Er war diesen Weg gegangen und konnte nicht mehr umkehren
. Jetzt mußte er den Weg weitergehen und versuchen , das beste daraus
zu machen .
Während er noch weiter darüber nachdachte
, was sie jetzt tun sollten und wie es weitergehen würde und feststellte
, wie grausam es sein konnte , an die graue Zukunft zu denken , sah er plötzlich
ein rosa Licht am Horizont , welches die bedrückende Finsternis , die
beengende Nacht wie ein Hoffnungsschimmer durchbrach . Als Tom weiterfuhr
, erkannte er , daß es die pinke Neonreklame eines Motels war , das
einsam und allein als einzige Festung in dieser trostlosen, öden Wildnis
stand . Und als er dem Gebäude noch näher kam , erkannte er , daß
vor dem Haus zwei Tanksäulen standen und in den Fenstern noch Licht
brannte . Da er keine Lust mehr hatte , weiterzufahren , und da er außerdem
großen Hunger verspürte , beschloß er , den Rest der Nacht
in diesem Motel zu verbringen und erst am nächsten Morgen seinen Weg
fortzusetzen .
Er steuerte den Wagen also auf den Parkplatz ,
auf den ein Schild neben den Tanksäulen hinwies , und versuchte , Alice
durch das Bremsen und Einparken nicht aufzuwecken .
Doch als er die Tür öffnete , seine Jacke
und sein Geld nahm und aussteigen wollte , schlug das Mädchen doch die
Augen auf und sah ihn wie aus weiter Ferne an . Sekunden später kam
sie zu sich und fragte : „ Sind wir da ? “
Da es für Tom kein „ da “ gab
, und er deshalb nicht wußte , was er antworten sollte , erklärte
er nur , daß sie weiterschlafen sollte . Das wollte sie jedoch
nicht, und schließlich machten sie sich beide auf den Weg über
den Schotter des Parkplatzes durch die dunkle , kalte Nacht zur Hintertür
des großen Hauses , durch die man im Inneren eine Bar und einige
Menschen sehen konnte . Alice hatte seine Hand ergriffen , und beide waren
froh , nicht allein zu sein , sondern jemanden bei sich zu haben , der ihnen
vertraut war und der ihnen Sicherheit gab. Dennoch hätte das keiner
von beiden dem anderen jetzt sagen können .
Sie hatten die Tür erreicht , und Tom drückte
die Klinke herunter und zog Alice hinter sich her aus der Kälte in die
geheizte Bar des Motels . In dem großen , im Country - Stil eingerichteten
Raum empfing ihn das vertraute Geräusch der Zivilisation , das ihn endlich
diese bedrückende Stille der unberührten Natur ein wenig vergessen
ließ . Es saßen etwa zehn Männer in dem Raum an der Bar
, die sich laut unterhielten und sich ständig ein weiteres Bier bestellten
oder eine weitere Zigarette anzündeten . Hinter der Bar stand eine schlanke
, nicht allzu große rothaarige Frau , die nicht älter als fünfundzwanzig
sein konnte . Trotzdem waren ihre Augen leer , und auch ihr Gesicht verriet
, daß das Leben ihr schon viel angetan hatte und daß sie viel
älter war , als sie eigentlich sein konnte . Sie trug ein enges , weitausgeschnittenes
hellblaues Kleid und sah für Toms Geschmack extrem gut aus . Das Kleid
paßte sehr gut zu ihren feuerroten Haaren und auch ihre meergrünen
Augen wären wunderschön gewesen , hätten
sie nicht so glanzlos und trübe ausgesehen
.
Als sie Tom und Alice bemerkte , kam sie auf sie
zu und fragte : „ Kann ich ‘was für Sie tun ? “
„ Ich hätte gern ein Zimmer , eine Tasse
Kaffee und etwas zu essen , “ antwortete Tom und wurde dann angewiesen
zu warten , bis die Chefin kam . Aber den Kaffee und etwas zu essen konnte
er auch jetzt schon haben .
Nachdem er seinen Kaffee getrunken und sich mit
Alice ein großes Steak geteilt hatte , ging es ihm wieder besser .
Die Anspannung des vergangenen Tages fiel von ihm ab , und auch die quälenden
Gedanken an die Zukunft hatte er für einen Moment verdrängt . Es
war einer der Momente , in denen nur die Gegenwart zählte . Leider gibt
es von diesen Momenten nur sehr wenige , und die meisten dauern nicht besonders
lange . Aber vielleicht würde es in Zukunft anders werden. Wenn er erst
einen Job und ein Haus hatte , würde sein Leben vielleicht endlich ruhiger
und geordneter werden , und er konnte es mit Alice endlich genießen
.
Noch während er versuchte , nicht an die Zukunft
zu denken , wurde er plötzlich zurück in die Realität geholt
.
„ Sie wollen ein Zimmer ... “ fragte
eine etwa Mitte vierzig Jahre alte Frau mit dunkler , kräftiger , kratzender
und dennoch melodischer Stimme . Tom sah zu ihr auf . Sie hatte lange braune
Haare , blaue Augen und ein Gesicht , das so sehr vom Leben gezeichnet war
, daß es viel älter wirkte , als es war . Im Gegensatz zu der
Rothaarigen trug sie kaum Make up und wirkte kein bißchen unnatürlich
. Sie verfügte über eine natürliche Schönheit und Ausstrahlung
, die ihn sofort in ihren Bann zog . Als er ihr zum ersten Mal in die Augen
sah , wußte er , daß sie eine der wenigen Frauen war , die in
der Lage waren , ein Motel wie dieses zu führen . Sie schien die nötige
Energie , die nötige Härte aber auch das nötige Einfühlungsvermögen
zu haben , um mit den Truckern fertigzuwerden und in dieser Wildnis bestehen
zu können .
Auch wenn er in ihren Augen nicht die müde
Resignation ihrer Kollegin sah , so sah er in ihnen doch so etwas wie Trauer
. Auch wenn sie noch so gut hierher in diese Szenerie paßte , so schien
sie dennoch unzufrieden mit ihrer Rolle zu sein und sich in ihren Träumen
ein anderes Leben zu wünschen . Als Tom weiter darüber nachdachte
, vermutete er , daß sie wahrscheinlich nur die Rolle der couragierten
, energischen Frau spielte und in Wirklichkeit unnahbar war und niemanden
an sich heranließ . Auf jeden Fall schien sie ihm eine sehr interessante,
facettenreiche Persönlichkeit zu sein .
Dann führte sie Tom und Alice in ein Zimmer
im ersten Stock und wünschte ihnen eine gute Nacht . Doch Tom war jetzt
nicht mehr müde . Er scheint die Atmosphäre dieses Motels zu genießen
, dachte Alice , als sie schließlich allein im Zimmer gelassen wurde
, während Tom seinem Wandertrieb folgte und das Gebäude erkundete
. Die schweren dunklen Eichenmöbel in der Bar und im Zimmer hatten erwas
Beruhigendes , und die antik wirkende , gemütliche Einrichtung sowie
die warmen Farben , die das Bild bestimmten , ließen Alice sich fast
heimisch fühlen , obwohl es ihr trotzdem lieber gewesen wäre ,
wenn sie endlich ein festes Zuhause gehabt hätten . Seit der Scheidung
fühlte sie sich nur noch herumgestoßen und wollte endlich einmal
wieder in einem eigenen Bett schlafen . Sie war es leid gewesen , mit ihrer
Mutter zwischen den Fernsehstudios von Hollywood und New York hin- und herzureisen
oder für eine Reportage „ mal eben “ nach Paris zu fliegen
. Das klang zwar wie ein in Erfüllung gegangener Traum , war aber weit
entfernt von dem , was sie sich wünschte und der Grund dafür ,
daß Alice sich entschieden hatte , bei ihrem Vater zu bleiben , der
ihr versprochen hatte , ein kleines eigenes Haus zu kaufen. Jetzt zweifelte
sie jedoch daran , daß er das Versprechen halten konnte . Bisher hatte
er es nirgendwo allzu lange ausgehalten . Er hatte immer versucht , seine
Mitmenschen zu analysieren und hatte sich dann mit denen , die nicht analysiert
werden wollten, zerstritten und jeglichen Kontakt abgebrochen . Dadurch war
er fast immer allein gewesen , und Alice glaubte manchmal , daß es
für ihn das beste war . Sie hatte auch festgestellt , daß er die
Menschen , mit denen er zusammen war zu verbessern versuchte , indem er sie
auf ihre Fehler und Schwächen permanent hinwies . Es war doch klar ,
daß sich das niemand lange gefallen ließ . Aber er wollte ja
nur für jeden das beste . Ihr Vater war ein wunderbarer Mensch; nur
schien das außer ihr niemand zu wissen . Alice lag nun wach im Bett
, dachte nach und sah sich die Punkte an der Zimmerdecke an. Das Zimmer war
weder groß noch klein . Über ihrem Bett war ein Sprossenfenster
, an der gegenüberliegenden Wand die Tür und ein Waschbecken .
An der rechten Wand hing ein großes Bild , das sie in der Dunkelheit
kaum erkennen konnte , in der Mitte des Raumes stand ein runder Tisch mit
drei rotgepolsterten Stühlen , und links konnte sie durch zwei weitere
Fenster den Vollmond und die Wolken am Himmel sehen .
Von unten , wahrscheinlich aus der Bar , konnte
Alice Musik und leise Geräusche und Stimmen hören , die sie jedoch
nicht störten , sondern eher beruhigten . Sie dachte noch eine Weile
über sich , ihren Vater und ihre Mutter nach und merkte dann schließlich
, daß sie müde wurde und kuschelte sich in die Bettdecke . Nach
ein paar Minuten war sie eingeschlafen und träumte von einem kleinen
Häuschen mit Garten in einem kleinen Dorf in Canada . Es war ein weißes
Haus mit rotem Dach und einem Schornstein , aus dem eine dünne Rauchfahne
in den strahlend blauen Himmel aufstieg . Im Garten blühten Blumen in
allen Farben , und auf den Ästen der Bäume sangen die Vögel
. In der offenen Tür des Häuschens stand ihr Vater und winkte ihr
zu .
III
Victoria hatte sich noch
lange mit dem Fremden unterhalten , bevor sie endlich aufgeräumt und
die Trucker entweder ‘rausgeschmissen oder ins Bett geschickt
hatte . Sie war nur froh , daß sie mittlerweile so viel Authorität
erlangt hatte , daß die Männer auf sie hörten . Außerdem
kannte sie die meisten ihrer Gäste , so daß diese sich im Wild
- Side benahmen und keine Schlägerreien oder ähnliches anfingen
. Trotzdem waren die meisten von ihnen absolut primitiv und redeten nur über
Frauen , Autos und Alkohol . Aber was für Gespräche wollte sie
auch erwarten von Männern , die nur auf ihren und Wandas Körper
und die Mädchen scharf waren .
Der Fremde war jedoch anders . Er war gebildet
und schien sich für mehr als Sex zu interessieren . Er war irgendwie
sogar anders als alle Männer , die sie bisher kennengelernt hatte .
Aber wahrscheinlich täuschte das . Es waren doch sowieso alle Männer
gleich . Na ja , vielleicht außer dem alten Sam , der hier im Motel
für die Reparaturen zuständig gewesen war und außerdem zu
alt für Frauen gewesen war . Doch er war vor einem Monat gestorben und
hatte somit Victoria , Wanda und die anderen im Stich gelassen .
Sie hatte sich mit dem Fremden zunächst
über alles mögliche unterhalten , und irgendwann hatte er sie irgendwie
dazu gebracht , von sich zu reden . Sie hatte ihm von ihrer Jugend erzählt
und daß sie geboren wurde , als ihr Vater die Chance gehabt hätte
, nach Washington zu gehen , und sie durch ihre Geburt seine Karriere beendet
hatte . Sie hatte ihm auch erzählt , daß sie diese Schuldgefühle
noch immer nicht ganz losgeworden war und daß ihre Mutter diese Schuldgefühle
immer verstärkt hatte und ihr klar gemacht hatte , daß sie bloß
keine Kinder bekommen sollte . Außerdem hatte sie ihm erzählt
, wie sie zum Wild - Side gekommen war und warum sie sich so weit heruntergebracht
hatte . Sie hatte ihm erzählt , wie sie die Schule geschmissen hatte
, von zu Hause weggelaufen war , weil sie ihren Eltern nicht weiter zur Last
fallen wollte und schließlich hier in Arizona gelandet war . Es war
wirklich lange her , daß sie jemandem ihre Lebensgeschichte anvertraut
hatte , aber aus einem ihr unbekannten Grund hatte er sie zum Reden gebracht
.
Jetzt , als der Fremde als letzter die Bar verlassen
hatte , fiel ihr auf , daß er zwar alles über sie erfahren hatte
, aber sie noch nicht einmal seinen Namen kannte . So etwas war ihr wirklich
noch nie passiert . Alle anderen Menschen , die sie kannte , redeten am liebsten
von sich selbst und konnten anderen nicht besonders gut zuhören . Und
obwohl sie sich etwas darüber ärgerte . daß sie nichts über
den Fremden wußte , fühlte sie sich nicht von ihm ausgequetscht
, sondern sogar fast ein wenig erleichtert .
Bevor sie ins Bett ging , räumte sie mit
Wanda noch die Bar auf und verabschiedete die anderen Mädchen . sie
wischten Boden und Tische , spülten die Gläser ab und trugen den
Müll hinaus zu den zwei Containern und gingen dann beide nach oben in
ihre Schlafzimmer . Obwohl Victoria froh war , so einsam zu leben , dachte
sie doch , daß es gut war , daß Wanda noch mit im Haus lebte
.Sie war zwar gern allein , aber erstens kam sie gut mit Wanda aus , und
zweitens war es vielleicht doch nicht so gut , ganz allein im Haus zu sein
. Schließlich wußte man nie , wie besoffene Trucker reagierten
, und ob sie sich nicht doch noch einmal in ihr Zimmer schlichen , um das
zu tun , wofür er sonst bezahlen mußte .
Victoria wischte den Gedanken weg und überlegte
, wie es nun weitergehen sollte. Jetzt , wo Sam weg war , mußten sie
und Wanda die Reparaturen im Motel selber machen , und es fehlte einfach
ein Mann im Haus . Aber es mußte ein Mann sein , der anders war als
die Männer , die sie kannte . Es mußte ein Mann sein , der sie
nur als Mensch und nicht als Frau sah . Allerdings gab es solche Männer
soweit Victoria wußte nicht . Männer waren alle gleich . Wenn
sie weiter darüber nachdachte , würde sie wieder einmal feststellen
, daß die Menschen sowieso alle gleich waren und würde sich die
Frage stellen , was das Leben denn überhaupt für einen Sinn hatte
. Da sie das nicht wollte , zwang sie sich , nicht weiter nachzudenken ,
sondern einfach zu schlafen . Doch Victoria konnte nicht schlafen . Wie so
oft versuchte sie weiterhin , den Sinn ihres Lebens zu finden .
Durch ihre Geburt hatte sie ihrem Vater die Karriere
zerstört und auch sonst hatte sie ihren Eltern nur Schwierigkeiten
bereitet . Ihre Eltern hatten ihr immer das Gefühl gegeben , nichts
richtig zu machen ; und wahrscheinlich war es auch so . Ohne sie wären
ihre Eltern glücklicher gewesen . Kinder machten nur Probleme . Ihre
Mutter hatte schon recht , als sie ihr das Versprechen abverlangte, nie Kinder
zu haben . Aber selbst als sie schon erwachsen war , hatte sie ihren Eltern
noch Schwierigkeiten gemacht . Sie wußte noch , als sie irgendwann
einmal jemandem erzählt hatte , daß ihr Vater sie geschlagen hatte
und dieser jemand ihren Vater dann angezeigt hatte . Dabei war es doch nur
gerecht , daß ihr Vater sie für alles Schlechte bestraft hatte
. Jedenfalls wollte ihr Vater sie danach nie wieder sehen . Sie war also
von zu Hause fortgegangen und hatte gelernt , daß in dieser Welt nur
Geld zählte . Also hatte sie hart gearbeitet und war schließlich
von einer kleinen Straßenhure zur Besitzerin des Wild - Side geworden
.
Aber das konnte doch nicht der Sinn des Lebens
sein : bis zum Tode Geld zu scheffeln und dann einfach zu sterben .
Noch lange Zeit lag Victoria wach im Bett , starrte
aus dem Fenster auf den Vollmond und dachte nach . Aber ihre Gedanken drehten
sich nur noch im Kreis und sie kam nicht weiter . Sie dachte zurück
an ihre Jugend , dann wieder an die Zukunft , und zwischendurch fielen ihr
immer wieder Erlebnisse ein , aus denen sie jedoch keinen Sinn des Lebens
entdecken konnte . Dann , als sie sich schon fast damit abgefunden hatte
, die ganze Nacht wach zu liegen und zu grübeln , übermannte sie
der Schlaf doch noch und sie wachte erst wieder auf , als Wanda sie am nächsten
Morgen weckte . Die Sonne schien durchs Fenster und malte ein helleuchtendes
Viereck an die Wand über ihrem Bett . Mit einem Ruck war Victoria hellwach
und schob alle Grübeleien der vergangenen Nacht beiseite , um der rationalen
Planung für diesen Tag Platz zu machen . Heute mußte sie neuen
Whisky und Lebensmittel kaufen . Außerdem mußte sie die Mädchen
auszahlen und endlich das Holz für den Kamin hacken . Doch zuerst duschte
sie, zog sich an und sorgte dafür , daß die Trucker ihr Frühstück
bekamen .
Während die Trucker sich schließlich
einer nach dem anderen verabschiedeten , trat der Fremde in die Bar .
„ Guten Morgen , ... Kaffee ? “
begrüßte Victoria ihn kurz und fragte sich wieder, warum sie gestern
ihm gegenüber so offen gewesen war . Er war ein Typ wie jeder andere
. Er kam hier herein , bestellte etwas zu trinken , blieb eine Nacht und
verschwand dann wieder . Aber sie hatte ihm ihre ganze Lebensgeschichte erzählt
, obwohl sie eigentlich seht ungern an die Vergangenheit dachte und mit niemandem
darüber sprach .
„ Ja , gerne ... “ antwortete er
auf ihre Frage und setzte sich an den kleinen Tisch in der Ecke neben der
Musikbox . Als sie ihm eine dampfende Tasse heißen Kaffee brachte ,
überlegte sie , ob sie ihn fragen sollte . Sie war sich nicht sicher,
aber er war einer der wenigen Männer , bei denen sie zumindest überlegte
, ob sie sie ansprach . Vielleicht war er wirklich anders , und sie konnte
es wagen , ihn zu fragen . Trotzdem wollte sie das vorher mit Wanda besprechen
.
Als irgendwann alle Trucker mit ihren schweren
, großen Trucks wieder auf der Straße waren , kehrte wie jeden
Morgen erst einmal Ruhe ein . Victoria und Wanda hätten sich noch bis
zum späten Nachmittag ausruhen können , bevor sie zum Einkaufen
fahren mußten . Es war immer das gleiche : Jeden Morgen machten sie
den Truckern Frühstück und warteten darauf , daß sie weiterfuhren.
Dann hatten sie ihre Ruhe , bis abends die Mädchen und neue Trucker
kamen . Die Trucker wurden dann bis spät in die Nacht hinein bedient
und am nächsten Morgen ging das ganze von vorne los . Nur daß
sie , seit Sam weg war , den Nachmittag damit zubringen mußten , Schäden
am Haus auszubessern und all die Arbeiten zu erledigen , die eigentlich ein
Mann hätte tun können . Doch Victoria beklagte sich nicht . Sie
hatte gelernt , Schwierigkeiten zu akzeptieren und mit ihnen fertig zu werden
. Ihr Vater hatte immer gesagt , das Leben sei ein langer , beschwerlicher
Weg , auf dem man sich so gut wie möglich vorwärts kämpfen
mußte . Für Victoria schien dieser Weg jedoch immer nur im Kreis
zu laufen , und es war dennoch unmöglich , einfach stehen zu bleiben
.
Etwa um neun Uhr war der letzte Trucker durch
die Tür verschwunden . Victoria zog Wanda für einen Moment in die
Küche und erklärte : „ Wanda , wir brauchen unbedingt einen
Mann im Haus ... “
An der Art , wie Wandas grüne Augen sie
ansahen , merkte sie , daß sie sofort verstanden hatte , worauf ihre
Chefin hinaus wollte .
„ Dann frag’ ihn . “ antwortete
sie und beendete damit ihr Gespräch .
Victoria ging zurück in die Bar und schlenderte
dann langsam auf den Ecktisch zu. Der Fremde saß ruhig da und sah sich
um . Er schien über irgendetwas nachzudenken . Bevor sie sich dazu überwinden
konnte , ihn anzusprechen , betrachtete sie den großen , groben , leicht
ergrauten Mann noch einmal genau und stellte fest , daß er trotz seiner
etwas wilden Frisur und dem Bart und dem kräftigen Körperbau sehr
gutmütig , sanft und harmlos wirkte .
„ Mister ... “ , brachte sie
scließlich über ihre Lippen , „ ... wie lange wollen Sie
eigentlich noch bleiben ? “
Als der Fremde ihr daraufhin erzählte ,
daß er heute noch weiter müsse , da er dringend einen Job brauchte
, verließ sie zuerst der Mut , dann erkannte sie ihre Chance und fragte
: „ Und was hielten Sie davon , hier zu arbeiten ? “
Die folgende Stunde verbrachten sie damit , daß
sie ihm erklärte , was er zu tun hatte , und daß sie über
die Bezahlung redeten . Der Fremde , der Tom Henson hieß , schien sogar
sehr froh über ihr Angebot zu sein , wodurch Victoria jedoch wieder
nachdenklich wurde .
Sie fragte sich , warum jemand freiwillig in
dieser Einöde arbeiten und leben wollte . Hoffentlich hatte sie das
richtige getan . Doch dann , als sie Wanda davon erzählte , beruhigte
diese sie und bat sie , endlich einmal ihren Haß allen Männern
gegenüber zu vergessen .
Sie hatte oft mit Wanda über Männer
gesprochen . Sie hatten oft zusammen am Küchentisch gesessen und über
Victorias Männer geredet . Wanda wußte , daß ihr Vater sie
niemals geliebt hatte und daß sie immer an die falschen Männer
geraten war . Und die Sache mit dem Trucker aus New York wußte sie
auch . Doch darüber redete Victoria nicht gerne . Vielleicht war Wanda
die Einzige , der sie die Geschichte je erzählt hatte .
Wanda meinte , sie sei psychisch gestört
. Doch das stimmte nicht . Man konnte es sich doch nicht so einfach machen
und sagen , daß sie ihrer schlechten Kindheit wegen solch einen Haß
auf Männer hatte . Nein , sie hatte einfach zu viele Erfahrungen gemacht
und gemerkt , wie die Männer oder vielleicht sogar alle Menschen wirklich
waren . Aber es konnte auch sein , daß sie für all das Schlechte
, was sie erlebt hatte , einfach einen Sündenbock brauchte .
Während Victoria noch ihren Gedanken nachhing
, kam Wanda von draußen wieder herein und fragte , ob es nicht Zeit
zum Einkaufen sei . Victoria kehrte in die Realität zurück , sah
Wanda an und stand auf . Auf dem Weg zum Auto , einem alten Kleinlaster ,
der hinterm Haus parkte und dort langsam vergammelte , beobachtete sie Wanda
. Sie war jung , schön und hatte das Leben noch vor sich . Trotzdem
war sie des Lebens jetzt schon müde geworden . Sie hatte viel zu früh
die Realität erkennen müssen . Sie war früh von Zuhause weggelaufen
und bald auf dem Strich gelandet . Von da an hatte sie im Leben keine Chance
mehr . Von da an war die Ewigkeit und ein besseres Leben nach dem Tod ihre
einzige Hoffnung . Victoria konnte das wahrscheinlich deshalb so gut verstehen
, weil es bei ihr selbst genauso war . In diesem Leben hatte sie ihre Chancen
verspielt und mußte nun zusehen , daß sie einigermaßen
über die Runden kam . Doch wenn es nach diesem Leben noch weitergehen
sollte , dann gab es für sie doch noch Hoffnung . Überhaupt war
sie der Ansicht , daß dieses Leben eine Reihe von Prüfungen war
, die man zu bestehen hatte , bevor man ins ewige Leben übertreten
durfte und das Paradies , falls es eines gab , zu sehen bekam . Sie hoffte
nur , daß es nach dem Tod wirklich etwas besseres als dieses Leben
gab . Doch welchen Sinn hätte das Leben , wenn es danach nichts besseres
gab , wenn es danach zuende war ?
IV
Als Alice aufwachte ,
wußte sie zunächst nicht , wo sie war . Doch dann fiel ihr alles
wieder ein . Draußen stand jetzt die Sonne hoch , hell und freundlich
an einem strahlend blauen Himmel und sofort war Alice gut gelaunt . Sie stand
auf, zog sich an und ging nach unten , um ihren Vater zu suchen .
Als sie in die Bar kam , wurde sie von der
Rothaarigen begrüßt und gefragt , was sie denn zum Frühstück
haben wollte . Sie bestellte French Toast und erkundigte sich , wo ihr Vater
sei .
„ Der ist draußen , glaube ich
... Aber er hat Dir nachher noch etwas zu erzählen.“
Alice verstand zwar nicht , was sie damit meinte
und sah sie daher verwundert an, aber sie würde es schon noch erfahren
.
Nach einer Viertelstunde war sie fertig mit
Essen , die Rothaarige räumte das Geschirr ab und verabschiedete sich
und erklärte , daß sie jetzt zum Einkaufen müsse . Alice
wunderte sich über den vertrauten Ton , den sie dabei anschlug . Sie
tat gerade so , als würde Alice hier wie sie zum Personal gehören
.
Einige Minuten , als sie verschwunden war ,
ging Alice hinaus und suchte ihren Vater . Sie fand ihn hinter dem Haus ,
wo er wie selbstverständlich Holz hackte . Er lächelte ihr zu ,
als er sie kommen sah , ließ sich aber nicht bei der Arbeit stören
. Alice sah ihn fragend an , und schließlich ließ er die Axt
sinken und rückte mit der Sprache heraus : „ Alice , ich muß
Dir etwas erzählen . “
„ Dann schieß los ... “
„ Also , Alice , ich habe Dir doch erzählt
, daß wir uns ein Haus suchen , daß ich einen Job habe und daß
wir auf dem Land leben werden ... “
„ Ja , und ... ? “
„ Sag ‘ mal , wie gefällt
es Dir hier ? “
„ Du willst doch nicht etwa behaupten
, daß wir hier ... “
„ Und ... was hältst Du davon ?
“
Alice konnte darauf jetzt nicht antworten .
Sie mußte es sich erst noch einmal durch den Kopf gehen lassen . Sie
mußte sich erst einmal vorstellen , wie es war, in dieser Einöde
zu leben .
„ Wie lange hab’ ich Zeit , es
mir zu überlegen ? “
„ Na , sagen wir eine Woche . Dann entscheidest
Du , ob wir hierbleiben oder weiterfahren . “
Damit gab sie sich zufrieden und beschloß
, sich in dieser Woche gründlich umzusehen . Sie mußte entscheiden
, ob ihr das hier wirklich lieber was als die Zeit , die sie mit ihrer Mutter
von Fernsehstudio zu Fernsehstudio und von Hotel zu Hotel und von Stadt zu
Stadt gereist war .
Dann wurde ihr bewußt , daß das
große Haus zur Zeit leer war , da die beiden Frauen weggefahren waren
. Vielleicht war es jetzt die beste Gelegenheit , sich im Motel umzusehen
. Sie war gespannt , was sie finden würde . Zwar hatte sie auch etwas
Angst , ein fremdes , leeres Haus einfach so zu durchsuchen , aber die Chance
, sich ungestört umzusehen , bekam sie so schnell wahrscheinlich nicht
wieder .
Alice betrat das Haus zum ersten Mal durch
die vordere Eingangstür und sah sich in der großen Eingangshalle
um . Sie wirkte wie die große Vorhalle aus einem alten englischen Film
. Der großen Tür gegenüber führte eine prunkvolle Treppe
, die mit rotem Teppich überzogen war , nach oben auf eine Empore .
Das ganze Haus mußte früher einmal wie ein Schloß gewirkt
haben , doch heute gab es an allen Stellen Spuren von Zerfall und Hinweise
auf das Alter des Gebäudes . Und es mußte sehr alt sein . An der
Seite des Raumes befand sich ein langer Eichenholztresen , der vorne mit
Holzschnitzereien verziert war und als eine Art Rezeption diente . Dahinter
befanden sich die Haken für die Zimmerschlüssel und ein großes
Bild , das eine lange , breite Straße ziegte , die irgendwo im Nirgendwo
endete und außerdem genau auf eine untergehende Sonne zulief . Direkt
an der Straße stand ein großes , altes , prachtvolles Haus ,
das Alice erst jetzt als das Wild - Side Motel vor langer Zeit erkannte .
Das Gemälde mußte schon sehr alt sein , aber es war auch sehr
schön. Doch Alice riß sich von dem Anblick los , da sie ja noch
oft genug Gelegenheit haben würde , das Bild zu betrachten . Jetzt
wollte sie doch lieber die Zimmer kennenlernen , die sie noch nicht gesehen
hatte . Sie ging also die Treppe hinauf und überlegte , welche der vielen
Türen auf dem großen Flur , an dem sich an der einen Seite viele
Türen , an der anderen ein Geländer , von dem aus man in die Bar
hinuntersehen konnte , befand , sie zuerst öffnen sollte . Sie entschied
sich für die letzte . Die , durch die Mrs . Paul , so hieß die
Chefin , gestern abend verschwunden war . Vielleicht führte sie in ihre
Privaträume , vielleicht verbarg sich dahinter aber auch der interessanteste
Teil des Motels . Die Tür öffnete sich fast ohne jedes Geräusch
. Dahinter war es dunkel . Alice tastete die Wand ab und fand einen Lichtschalter
. Sie drehte daran , und ein großer Kronleuchter erhellte den Raum
. Verwundert sah Alice sich um . Der Raum war genauso alt wie das übrige
Haus . Nur daß hier kein Prunk vergangener Tage zu finden war . Das
Zimmer hatte nur einen einfachen grauen Teppich und dicke schwarze Vorhänge
, die kein Licht von draußen hereindringen ließen . Unter dem
Fenster stand ein einfaches Bett , daneben ein Schrank und in der Mitte des
Raumes ein einfacher Holztisch mit zwei Stühlen . Es mußte wirklich
das Schlafzimmer von Mrs . Paul sein .
Alice wollte schon wieder hinausgehen , aber
dort in der Ecke befand sich noch eine Tür , von der sie dachte
, sie sei offen gewesen , als sie hereingekommen war . Dann hatte sie sich
dem Fenster zugewandt und die Vorhänge aufgezogen, und nun war die Tür
zu . Das verwunderte sie . Sie hätte das Zimmer ja schon längst
wieder verlassen , aber nun war ihre Neugierde geweckt .
Langsam ging sie durch den schmucklosen Raum
auf die Tür zu und drückte langsam , ganz langsam und vorsichtig
die Klinke herunter . Als die Tür aufschwang , nahm Alice eine kurze
Bewegung wahr . Sie suchte den Lichtschalter , machte Licht und sah sich
um . Was sie sah erschreckte sie zutiefst und sie konnte einen entsetzten
Aufschrei nur schwer unterdrücken . Der Raum hatte weder Tapeten noch
Teppiche . Er war fast quadratisch und hatte keine Fenster und die einzigen
Möbel waren ein kleiner Tisch , ein kleines Regal und ein Bett . Das
Zimmer wirkte wie eine Gefängniszelle . Doch das erschreckendste war
etwas anderes : Dort auf dem Bett saß , die Knie unters Kinn gezogen
und sie mit ängstlichen Augen anblickend , ein Junge . Wenn er nicht
selbst vor Angst gezittert hätte , hätte Alice bestimmt einen erschreckten
Schrei von sich gegeben . Der Junge sah sie an , als wollte sie ihn fressen
oder als hätte er noch nie einen Fremden gesehen . Er mußte ungefähr
in ihrem Alter sein , ein bißchen jünger vielleicht , hatte scheue
braune Augen , braune Haare und mußte dringend zum Friseur . Er trug
ein dreckiges graues T - shirt , eine Jeans mit einem Loch auf dem Knie und
ziemlich durchlöcherte billige graue Turnschuhe .
Eine ganze Weile starrte Alice ihn an , bevor
sie sich endlich wieder in ihrer Gewalt hatte .
„ Tut mir leid , daß ich hier so
einfach ‘reingekommen bin ... aber ich wußte nicht ... ich dachte
, das Haus sei leer . “
Alice hatte wirklich nicht damit gerechnet
, hier jemanden zu treffen und wunderte sich daher sehr über die Existenz
des Jungen . Noch mehr aber wunderte sie , daß er kein Wort sagte ,
sondern sie nur stumm ansah .
„ Es tut mir wirklich leid ... “
, stammelte sie verunsichert , „ ich wollte dich wirklich nicht erschrecken
. “
Noch immer antwortete der Junge nicht . Er
saß nur da und sah sie an , als ob er Angst davor hatte , daß
sie ihn schlug . Alice versuchte es nochmal , ihn zum Reden zu bringen und
verließ dann , als es nicht klappte , mutlos und verwirrt den Raum
und rannte nach draußen .
Ihr Vater stapelte jetzt das Holz , das er
zuvor gehackt hatte . Erst wollte sie ihm von der Begegnung erzählen
, doch dann ließ sie es sein und sagte nur : „ Ich glaub’
, mir gefällt es hier nicht . “
Obwohl die beiden Frauen immer noch weg
waren , traute Alice sich nicht zurück ins Motel . Stattdessen entfernte
sie sich immer weiter vom Haus und sah sich die Landschaft und die Hügelkette
an . Es war ein wundervolles Tal , und Alice hätte sich hier wahrscheinlich
wirklich wohlfühlen können ... Außerdem sehnte sie sich nach
einem festen Zuhause . Sie hatte ihre Mutter über alle Maßen geliebt
, und dennoch war diese Umherzieherei wie eine Wunde , die niemals richtig
verheilte , da sie immer wieder aufgekratzt wurde . Und ihr Vater hatte ihr
einmal gesagt , daß manche Wunden mit der Zeit tiefer und tiefer werden
, bis sie nicht mehr zu verheilen sind .
Während Alice weiter über ihr Leben
nachdachte , schlenderte sie weiter einen der Hügel hinauf und ließ
ihren Blick über das weite Land mit seinen Kakteen , Grasbüscheln
und vereinzelten Sträuchern schweifen . Schließlich blieb sie
an einem Raubvogel , der in weiten Bahnen über den Himmel kreiste ,
hängen und beobachtete das stolze Tier . Auch sie fühlte sich wie
dieser Adler , der sein ganzes Leben lang von Ort zu Ort fliegt aber nirgends
lange bleibt . Vielleicht war das im Leben immer so : man flog immer umher
und suchte den Platz , an dem man bleiben wollte , bleiben für
alle Ewigkeit . Irgendwo hatte sie einmal gelesen , jeder Mensch lebe so
lange , bis er erkannt hatte , welches Leben er hätte führen können
. Sie hatte immer überlegt , was dieser Satz bedeuten könnte; und
heute , jetzt , als sie über die Eden Hills wanderte , konnte sie zum
ersten Mal etwas damit anfangen . Sie dachte , es könnte vielleicht
bedeuten , daß jeder am Ende seines Lebens diesen Platz , nach dem
er sich sein ganzes Leben lang gesehnt hatte , finden würde .
Hoffentlich fand sie bald diesen Platz . Oder
hatte sie ihn schon gefunden ? Sie war sich nicht sicher , ob das Peaceful
Valley nicht doch der Platz war , an dem sie ihr Leben verbringen wollte
. Auf jeden Fall würde sie noch eine Weile brauchen , um das herauszufinden
. Und so lange mußte sie mindestens noch hier bleiben .
Den ganzen Vormittag war Alice durchs Peaceful
Valley und über die Hügel gewandert . Erst gegen Mittag ging sie
wieder ins Haus . Während des Essens sagte sie keinen Ton , war froh
, daß sie auch nichts gefragt wurde und beschloß, Victoria und
Wanda auch nicht nach dem Jungen zu fragen . Sie würde einfach abwarten
und sehen was passierte . Vielleicht würden die Frauen ja von sich aus
etwas sagen , wenn der Junge ihnen erzählte , daß ein unbekanntes
Mädchen in sein Zimmer eingedrungen war . Als das Essen beendet war
und sie allein im Restaurant des Motels saß , zwang sie sich , nicht
mehr an ihr ungewöhnliches Erlebnis zu denken und etwas anderes zu tun
.
Also ging sie in ihr Zimmer und beschloß
, ein Buch zu lesen , das sie einmal von ihrem Vater zu Weihnachten bekommen
hatte . Sie merkte jedoch schon nach fünf Seiten , daß sie sich
nicht konzentrieren konnte und daß sie nichts von dem Buch mitbekommen
hatte , sondern in Gedanken immer noch bei dem Jungen war. Vielleicht hätte
sie Victoria doch fragen sollen . Nachdem sie noch einmal versucht hatte
, sich auf das Buch zu konzentrieren und es ihr wieder mißlungen war
, stand sie auf , verließ ihr Zimmer und suchte in der Küche nach
Victoria . Sie fand die Chefin des Wild - Side schließlich im Keller
, wo sie irgendwelche Kisten sortierte . Als die Frau sie kommen hörte
, drehte sie sich um und sah sie fragend an .
„ Was suchst Du denn hier unten ? “
Alice war sich immer noch nicht sicher , ob
sie die Frau wirklich fragen sollte , aber wenn sie es nicht tat ,
würde sie keine Ruhe finden und immer weiter darüber nachgrübeln
. Also gab sie sich einen Ruck und erzählte Victoria von der Begegnung
. Als die Frau sie daraufhin nur verwirrt ansah , fragte sie : „Wer
war er ? “
Statt einer Antwort wurde Victorias Stimme
plötzlich schärfer und als sie fragte: „ Was hattest Du denn
da oben zu suchen ? ! “ , verhärteten sich ihre Züge , wodurch
sie wesentlich älter als vierzig und irgendwie unheimlich und bedrohlich
wirkte .
„ Ich ... es tut mir leid ... “
, stammelte Alice vorsichtig und beeilte sich dann , den Keller wieder zu
verlassen .
Sie wußte zwar nicht recht , was sie
von Victorias Reaktion zu halten hatte , aber sie war sich sicher , daß
ihr die Frage unangenehm gewesen war . Jedenfalls würde sie sie nicht
wieder darauf ansprechen . Vielleicht würde sie heute Abend doch noch
mit ihrem Vater darüber reden oder morgen Wanda fragen . Aber Victoria
würde sie bestimmt nicht mehr ansprechen .