IX


Schon als sie vom Freeway abbog und die Stadtgrenze passierte , wußte sie , daß sie heute extrem lange brauchen würden , bis sie alle Einkäufe erledigt hatten . So verstopft wie heute waren die Straßen sonst nur , wenn ein Feiertag vor der Tür stand . Victoria verstand zwar nicht , wieso es so voll war , aber sie hatte auch keine Lust , darüber nachzudenken . Sie war in Gedanken vielmehr damit beschäftigt , die neue Situation in ihre Planung einzubeziehen . Schließlich mußte sie ab sofort für zwei Personen mehr einkaufen , und mit der Zeit würde sie auch lernen müssen , was sie für Tom und Alice einkaufen mußte . Schon immer hatte sie sich vor Veränderungen gefürchtet , denn meistens brachten sie nur Probleme mit sich .
Nach einer Viertelstunde hatte sie zwischen einem dicken Mercedes und einem altersschwachen Ford endlich eine Parklücke entdeckt und ihren Wagen in diese manövriert . Daraufhin stürzten sie und Wanda sich ins Gedränge im Supermarkt. Wie immer trennten sie sich , um schneller voran zu kommen , und jede von beiden erledigte ihren Teil des Einkaufes . Manchmal machten sie aus dem Einkaufen einen richtigen Wettlauf , bei dem es darum ging , möglichst schnell einen Teil der Waren zusammenzusuchen und in den Einkaufswagen zu bringen . Victoria fand das zwar ziemlich kindisch und albern , aber es sparte immerhin Zeit . Normalerweise war sie mit ihrem Teil immer eher fertig als Wanda . Aber heute wußte sie von vornherein , daß sie wesentlich länger brauchen würde als sonst . Schon als sie aufgewacht war , hatte sie so ein merkwürdiges Gefühl im Magen verspürt . Sie hatte auch irgendetwas geträumt ; aber das hatte sie vergessen . Sie konnte sich einfach nicht mehr daran erinnern .
Langsam und planlos schob sie ihren Einkaufswagen durch die Gänge und konnte sich einfach nicht aus ihren Gedanken aufraffen . Eigentlich war sie nicht der Typ, der während der Arbeit an andere Dinge dachte , aber heute stand sie irgendwie neben sich . Vielleicht wollte sie aber auch einfach nur vor sich selbst oder vor der Zukunft fliehen . Dabei hatte sie schon früh gelernt , daß man sich der Zukunft mit allen Problemen und Gefahren stellen mußte . Als Kind hatte sie sich sehr oft gewünscht , sie könnte einfach weglaufen und alles hinter sich lassen. Sie träumte damals oft davon , auf einer einsamen Insel zu leben und von niemandem abhängig zu sein . Heute merkte sie , daß sie nicht fliehen konnte , aber auch nicht fliehen mußte . Sie hatte es geschafft . Das Peaceful Valley und das Wild - Side waren jetzt ihre einsame Insel .
Und doch existierten auch hier mehr als genug Probleme . Eines davon hieß Jesse. Sie wußte , sie mußte ihn endlich akzeptieren , aber erstens mußte sie immer wieder an Mervin denken , was sie mit Haß erfüllte , und zweitens wollte sie sich nicht damit abfinden , daß ausgerechnet sie einen Sohn wie Jesse hatte .
Endlich gelang es ihr aber doch noch , sich auf die Einkäufe zu konzentrieren und die quälenden Gedanken zu verdrängen . Irgendwie würde sie es schon überleben. Schließlich war sie in ihrem Leben schon über viele Klippen hinweggekommen . Also würde sie auch diese überwinden . Sie beeilte sich jetzt, damit Wanda nicht warten mußte und damit sie nicht fragte , warum es denn so lange gedauert hatte . Eine lange Diskussion mit Wanda , in der sie sowieso keine überzeugenden Argumente finden würde , war das letzte , was sie jetzt wollte . So schnell sie konnte warf sie alle Dinge , die auf ihrem Zettel standen , in den Einkaufswagen und schob diesen dann zur Kasse . Während sie in der Menschenschlange wartete , blätterte sie in einer Zeitschrift . Doch als sie die Zeitung wieder zuklappte , konnte sie sich an kein einziges Wort mehr erinnern . Ihre Gedanken kreisten die ganze Zeit nur um Jesse .
Draußen wartete Wanda schon ungeduldig vor dem Wagen .
„ Und ich dachte , bei mir hätte es heute lange gedauert ! “
Victoria war froh ,  daß sie nicht mehr sagte oder fragte und schloß das Auto auf.
Die Rückfahrt dauerte noch länger als die Hinfahrt , aber Victoria war jetzt so in Gedanken versunken , daß sie kaum etwas mitbekam . Sie fragte sich , wie sie sich Jesse gegenüber verhalten sollte . Sie wußte genau , daß sie den Jungen niemals lieben konnte . Aber sie wußte genausogut , daß es nicht so weitergehen konnte . Alice und Tom Henson würden nicht zulassen , daß sie ihm weiterhin aus dem Weg ging oder ihn verschwieg und ignorierte . Die beiden verstanden einfach nicht , was sie hinter sich hatte . Für Tom war seine Tochter nie ein Problem gewesen ; zumindest bis jetzt nicht . Aber er hatte auch keine große Erfahrung mit ihr . Schließlich hatte er bis vor kurzem allein gelebt . Sie jedoch hatte ihr ganzes Leben wegen des Jungen umstellen müssen und all ihre Zukunftspläne aufgegeben .
Victoria , die jetzt ganz und gar in Gedanken versunken war , achtete kaum mehr auf die Staße , übersah eine rote Ampel und raste auf die Kreuzung . Wanda , die neben ihr saß und die Ampel gesehen hatte , kreischte und riß Victoria damit aus ihren Gedanken und brachte sie blitzartig in die Realität zurück . Fast automatisch und ohne zu zögern trat sie auf die Bremse und brachte den Wagen abrupt zum Stehen . Erst als Wanda immer noch schrie , wurde ihr bewußt , daß sie mitten auf der Kreuzung stand , und daß jeden Moment ein schwerer Truck auf sie zurasen könnte . Was wäre das für eine Tragik , wenn die Betreiberin des Wild - Side Motels von einem Truck überfahren würde ! Victoria drehte den Zündschlüssel um und wollte so schnell wie möglich von der Kreuzung  herunter . Natürlich würgte sie den Motor ab . Glücklicherweise war noch kein Truck in Sichtweite . Aber das könnte sich ja schnell ändern . Noch einmal drehte sie den Schlüssel um und trat aufs Gaspedal . Jetzt schoß der Wagen nach vorne und die Gefahr war vorüber und Victoria wieder mit allen Sinnen auf der Straße . Nach einigen Metern hielt sie am Straßenrand an und stieg aus . Wanda sah sie an und atmete auf .
Nur langsam wurde ihr bewußt , was eigentlich geschehen war . Sie hatte weder Panik noch Angst noch sonst irgendetwas gespürt . Es war so gewesen als wäre sie gar nicht beteiligt gewesen , so als hätte sie sich nur von Weitem zugesehen . Oder so als wäre sie nur die Beifahrerin gewesen . Vielleicht war das aber auch gut so . Vielleicht hätte sie , wenn sie in Panik geraten wäre , nicht so schnell gehandelt .
Wanda legte jetzt ihren Arm um sie und fragte vorsichtig : „ Soll ich das letzte Stück fahren ? “
„ Nein , mir geht es gut “ , wollte sie ablehnen , „ aber ... vielleicht ist es doch besser . “
Wanda lächelte und stieg in den Wagen . Auch Victoria stieg wieder ein .
„ Ich ... “ , begann sie stockend , als sie weiterfuhren , „ ich war ganz in Gedanken . Ich hab’ überhaupt nicht mehr auf die Straße geachtet ... “
„ Ist schon gut . Es ist ja nichts passiert . Aber ich glaube , du denkst zu viel ! “ , beruhigte Wanda sie .
Victoria sah ein , daß sie Recht hatte . Sie sollte es ein wenig mehr so machen wie Wanda . Sie sollte die Dinge einfach auf sich zukommen lassen . Aber eigentlich wußte sie auch ganz genau , daß sie das nicht schaffte . Sie war eben anders als Wanda . Trotzdem war sie froh , Wanda zu kennen und als Hilfe an ihrer Seite zu haben . Wenn sie auch nicht in der Lage war , von ihr zu lernen , so bewunderte sie die junge Frau doch sehr . Es wäre für sie bestimmt auch leichter im Leben gewesen , wenn sie manche Dinge so leicht genommen hätte wie Wanda es tat . Und außerdem schaffte die Frau es , scheinbar sorglos in den Tag hineinzuleben , ohne dabei oberflächlich zu sein . Wahrscheinlich hatte sie Recht, wenn sie sagte , sie , Victoria , würde zu viel denken . Ja , es war so ; aber Victoria konnte dennoch nicht über ihren Schatten springen und die ewige Frage , ob das gerade Getane auch wirklich richtig war , an die Seite drängen . Sie war nun einmal  Victoria und nicht Wanda . Jeder Mensch war das , was das Leben aus ihm gemacht hatte , das war ein Satz , den sie irgendwo gelesen hatte und der ihr in Erinnerung geblieben war . Man kann sich die Umstände , in die man hineingeboren wird nicht aussuchen ; so wie man sie vorfindet , muß man sich von frühester Kindheit an mit ihnen auseinandersetzen .
Als Wanda den Wagen in die Einfahrt steuerte , fiel Victoria sofort auf , daß die Fenster neu gestrichen waren . Durch die neue Farbe wirkte das Haus gleich ganz anders . Viel jünger und nicht mehr so schäbig und zerbrechlich .
Sie trugen die Einkäufe ins Haus und räumten sie ein . Als sie damit fertig waren, trat Tom in die Küche .
„ Na , wie gefallen Ihnen die Fenster ? “ , fragte er , sichtlich stolz auf seine Arbeit . Wanda lobte die Arbeit , und auch Victoria drückte ihre Bewunderung aus .
„ Morgen werde ich damit beginnen , das übrige Haus zu streichen . Das Holz braucht dringend neue Farbe . Hoffentlich regnet es nicht . “
Dann verließ er die Küche und ließ die beiden Frauen allein .
Wanda fing an , über ihn zu reden und erzählte Victoria nochmals , wie nötig sie einen Mann im Haus brauchten und daß sie glaubte , Tom Henson sei genau der richtige . Sie erzählte noch mehr , aber Victoria hörte ihr nicht mehr zu . Sie brauchte heute einfach ein wenig Ruhe . Und außerdem saß ihr der Schreck noch in den Gliedern .
Sie entschuldigte sich bei Wanda und ging dann nach draußen . Vielleicht würde die frische Luft ihr gut tun . Sie sah sich im Tal um . Hier war sie ganz alleine . Manchmal liebte sie dieses Tal , das ganz allein ihr gehörte . Aber meistens haßte sie es . Es kam ihr vor , als versuchte es sie zu ersticken . Das Tal war vollkommen abgeschieden von der Welt und auch von den Menschen . Victoria hätte gerne wieder in einer großen Stadt unter Menschen gelebt , aber bisher hatte sie überall versagt . Sie war nie lange mit einem Menschen ausgekommen . Also blieb ihr gar nichts anderes übrig , als allein zu leben ; denn sie hatte Angst vor einem neuen Versuch , der dann scheitern würde . Und noch eine Veränderung würde sie in ihrem Leben nicht verkraften . Victoria fühlte sich einfach zu erschöpft und zu müde , um noch einmal neu anzufangen . Das hatte sie zu oft tun müssen .
Aber andererseits kam ihr das Leben hier auch oft zu eintönig vor . Sehr oft schien ihr das Leben wirklich ein ewiger Kreis zu sein . Es kam ihr vor , als liefe sie immer weiter und weiter und käme an kein Ziel . Es wiederholte sich nur alles. Woche für Woche lief alles gleich ab . Fast nichts änderte sich hier im Tal. Und auch draußen nicht . Es war immer dasselbe . Das Leben war wie ein Bild von einer Landschaft , die durch nichts eingeengt , nein völlig frei war . Und doch steckte dieses Bild in einem schweren , dunklen , beengenden Rahmen . Es war wie ein Weg , auf dem ihr immer wieder neue Probleme und Schwierigkeiten begegneten , ein Weg , den sie aber dennoch weitergehen mußte, und ein Weg , der einen Kreis , einen ewigen Kreis bildete , aus dem sie nicht ausbrechen konnte .
Victoria verstand sich selbst nicht . Sie wußte nicht , ob sie sich nun vor einer Veränderung fürchten sollte oder ob sie ihr vielleicht doch guttun würde . Einerseits wollte sie sich hier im Tal  vor allem , was ihr Leben verändern könnte, verstecken , andererseits kam sie vor der Starre des Lebens hier fast um. Das war doch paradox . Vielleicht war sie ja verrückt . Vielleicht hatte ihr dieses verdammte Tal den Verstand geraubt . Vielleicht war es aber auch schon die grausame , kalte Welt außerhalb des Tals gewesen . Das war wahrscheinlicher .
Wer statt Gedudel Musik , statt Vergnügen Freude , statt Geld Seele , statt Betrieb echte Arbeit , statt Spielerei echte Leidenschaft verlangte , für den ist diese hübsche Welt hier keine Heimat , hatte sie einmal gelesen ; und es war wahr . In einer Welt , die nur durch Geld , Gewalt und krumme Geschäfte regiert wurde , mußte man doch verrrückt werden . Wenn sie die Bibel richtig verstanden hatte , dann war der Mensch doch sowieso nicht für eine so grausame Welt geschaffen , sondern für das Paradies , in dem es weder Geld noch Gewalt gab .
Victoria sah auf die Uhr und erschrak , wieviel Zeit vergangen war . Schnell machte sie sich auf den Weg zurück ins Motel . Dort angekommen bemerkte sie, daß Wanda , Tom und Alice auch ohne sie zurechtkamen . Die Zimmer waren hergerichtet , das Geschirr gespült , und in der Küche roch es nach gebratenem Fleisch und Kartoffeln . Da sie also scheinbar nicht dringend gebraucht wurde , nahm sie sich ein Buch und setzte sich auf die Veranda .
Ein Satz fiel ihr beim Lesen besonders ins Auge . Er lautete : Die Menschen suchen ihr Glück , ohne zu wissen , auf welche Art sie es finden können .
Victoria las diesen Satz mehrere Male und dachte darüber nach . Nicht die Tatsache , daß auch sie nicht wußte , wie sie ihr Glück suchen sollte , ärgerte sie, nein der Satz an sich war es , der sie so aufwühlte . Allein die Tatsache , daß hier behauptet wurde , es gäbe eine Art , auf die man Glück finden konnte und die Behauptung , die Menschen , alle Menschen hätten nichts besseres zu tun , als nach ihrem Glück zu suchen , machte sie wütend . Das Leben war doch wohl mehr als eine ewige Suche nach Glück . Das war genauso billig wie die Erklärung, jeder Mensch strebe in seinem Leben immer nur nach seinem Vorteil, nach mehr und mehr Macht . Es gab doch genug Menschen , denen Macht nichts bedeutete und mindestens ebensoviele , die erkannt hatten , daß das Leben viel mehr aus Qualen als aus Glück bestand .
Eigentlich wußte Victoria gar nicht , warum sie sich so sehr von ihrer Aufregung packen ließ . Eigentlich wußte sie gar nicht , warum ihr dieser eine Satz auf einmal so wichtig war . Aber vielleicht lag es daran , daß sie selbst heute gemerkt hatte , daß sie auf der Suche nach etwas anderem als nur Glück und persönlichem Vorteil war und nicht wußte , was es war .
Plötzlich erschrak sie . Sie zuckte richtig zusammen , als sie plötzlich bemerkte , daß Tom hinter ihr stand . Sie hatte ihn überhaupt nicht kommen sehen oder hören . Aber er mußte dort schon länger stehen .
„ Es tut mir leid , ich wollte Sie nicht erschrecken “ , entschuldigte er sich , „aber Sie waren so in Gedanken versunken , da wollte ich nicht stören . “
Victoria wollte eigentlich sagen , daß es nicht schlimm war , und daß er ja nichts dafür konnte , aber ohne daß sie sich darüber bewußt war , zeigte sie stattdessen auf ihr Buch und den Satz , den sie gerade gelesen hatte , und fragte : „ Was halten Sie davon ? “
Ein wenig erschrak sie über ihre eigenen Worte . Sie wußte nicht , wieso sie einen fremden Mann so etwas fragte . Und außerdem verstand es doch sowieso nicht , was es eigentlich war , was sie an dem Satz störte . Am liebsten hätte sie die Frage wieder zurückgenommen .



X

Tom hatte Victoria draußen auf der Veranda gesehen und beobachtet , weil er hoffte , dadurch endlich etwas über diese Frau zu erfahren .
Als er dann auch auf die Veranda getreten war , hatte er überlegt , ob er sie ansprechen solle . Aber er hatte sich nicht getraut , aus Angst sie würde wieder abblocken . Sie wollte einfach niemanden an sich heran lassen . Er fragte sich nur, wovor sie Angst hatte .
Doch dann , als sie ihn bemerkte , fragte sie ihn ganz ernsthaft nach seiner Meinung . Tom merkte zwar gleich , daß sie nicht gefragt hätte , wenn sie sich nicht zuvor erschrocken hätte , aber das war egal . Er wollte endlich an diese Frau herankommen . Er wollte sie endlich kennenlernen . Und er wollte endlich verstehen , warum sie hier so einsam lebte . Wenn er jetzt etwas belangloses oder nicht ernsthaftes sagte , wußte er , würde sie sich sofort wieder verschließen . Also mußte er sich etwas einfallen lassen , was wirklich ehrlich war und von dem er außerdem überzeugt war , und etwas , daß sich so weit vom Thema des Satzes löste , daß Victoria gezwungen war , darüber nachzudenken .
„ Nicht der Wille zur Lust , nicht der Wille zur Macht , sondern der Wille zum Sinn ist der eigentliche Antrieb des Menschen . “ gab er deshalb als Antwort und wartete auf ihre Reaktion .
Sie war verblüffend : Victoria sah ihn mit großen klaren Augen direkt an . Sie sah ihn nur an , sagte aber nichts .
Tom sah sich zu einer Erklärung gezwungen : „ Was ich damit sagen will ist , daß es eigentlich die Suche nach dem Sinn ist , die den Menschen vorwärtstreibt und nicht das Glück . Und deshalb ist es ganz natürlich , daß sie ihr Glück nicht finden . “
Ein Lächeln zeigte sich jetzt auf ihrem Gesicht .
„ Ja , natürlich ! Sie haben vollkommen recht . Genau das ist es . “
Tom war verwirrt . So spontan und offen hatte er sie noch nie erlebt . Aber vielleicht konnte er jetzt endlich herausfinden , warum sie ihren eigenen Sohn nicht lieben konnte . Er konnte sich das nämlich einfach nicht erklären . Für ihn war seine Tochter alles , was zählte . Ohne Alice hätte Tom wenig Sinn in seinem Leben gesehen . Er fragte sich nur , wie er das Victoria erklären sollte .
Doch bevor er noch etwas sagen konnte , stand sie auf und erklärte : „ So , ich glaube , ich sollte jetzt wieder an die Arbeit gehen . Sonst fühlt sich Wanda noch im Stich gelassen . “
Da Tom nicht wußte , was er darauf antworten sollte , schwieg er und ließ sie gehen . Aber er nahm sich vor , nicht locker zu lassen und mehr über die Frau in Erfahrung zu bringen . Vielleicht sollte er erst einmal mit Wanda über sie sprechen .
Doch dann , als die Sonne langsam unterging und man absehen konnte , daß heute abend nicht all zu viel los sein würde , beschloß er , alle Planungen fallenzulassen und zum Direktangriff überzugehen . Kurz nach seinem verwirrenden Gespräch mit seiner neuen Chefin hatte er beobachtet , wie Alice zu Jesse auf den Hügel wanderte und wie Wanda dieses mit kritischem Blick verfolgte . Später hatte er von seiner Tochter dann erfahren , wie Victoria darüber dachte , wenn Jesse sich mit ihr traf . Und da war ihm klar geworden , wie schnell es zu einem Streit kommen konnte , wenn sie die Verhältnisse nicht bald klärten . Außerdem hatte er schon einmal den Fehler gemacht , eine dringend notwendige Aussprache so lange vor sich herzuschieben , bis es zu spät war .
Er ging also in die Küche und fragte seine Chefin ganz offen : „ Victoria , was halten Sie davon , wenn ich Sie heute zum Essen einlade ? “
Als sie zögerte , fügte er hizu : „ Wanda und Alice kommen schon zurecht . Und außerdem habe ich schon lange keine Dame mehr eingeladen . “
Victoria schien eine Weile darüber nachzudenken , lehnte dann jedoch ab .
„ Ich möchte die beiden trotzdem nicht allein lassen . “
Tom glaubte ihr zwar nicht , daß das der Grund war , aber er mußte ihre Absage, ob er wollte oder nicht akzeptieren .
„ Wahrscheinlich haben Sie recht und es war eine dumme Idee von mir . “ , erklärte er deshalb versönlich , obwohl er sich innerlich über diese Frau ärgerte . Er fragte sich , warum sie niemanden an sich heranließ und sich so verschloß . Was auch immer der Grund dafür war , er konnte nicht verstehen , daß ein Mensch so einsam und dabei scheinbar zufrieden sein konnte . Aber allem Anschein nach hatte sie ja ihr Glück doch noch nicht gefunden und wußte auch nicht , wie sie es suchen sollte .
Als er sie jetzt beobachtete , wie sie Gläser abspülte und dabei ganz in Gedanken zu sein schien , beschloß er dennoch nicht locker zu lassen und nochmals zu vesuchen , an sie heranzukommen .
„ Haben Sie sich eigentlich schon einmal überlegt , daß Jesse absolut nichts dafür kann , daß er geboren wurde ? “ , fragte er sie ganz unvermittelt .
Und um sie etwas in die Ecke zu drängen , fügte er hinzu : „ Und haben Sie schon einmal daran gedacht , daß Jesse etwas besseres verdient hätte als Ihren Haß oder daß Sie vielleicht auch sein Leben zerstört haben ? “
Tom war sich darüber im Klaren , daß es jetzt passieren konnte , daß die Frau sofort in Abwehrhaltung ging und nie wieder ein Wort mit ihm über dieses Thema sprechen würde . Er hoffte aber , es würde nicht so kommen .
„ Woher wissen Sie ... ich meine , ... wie kommen Sie dazu , zu behaupten , ich hätte sein Leben zerstört . “ , stieß sie wütend aber auch irgendwie ängstlich hervor .
„ Außerdem wissen Sie , daß  nicht ich sein Leben , sondern er meines zerstört hat . “ , setzte sie wenig überzeugt und wenig überzeugend hinzu .
Irgendwie erregte sie auf einmal Toms Mitleid , aber andererseits hatte er den Eindruck , da sei noch etwas , was sie ihm verschwieg . Er konnte sich nicht erklären warum , aber er war plötzlich überzeugt , daß die Tatsache , daß Jesses Geburt ihr die Zukunft verbaut hatte , nicht der einzige Grund war , weshalb Vistoria den Jungen verschwieg .
„ Alles , was ich will , ist doch nur eine Erklärung , warum sie dem Jungen die Schuld an allem geben . Was kann er denn schon dafür ? “ , fragte er nochmals nachdrücklich und sah ihr dabei fest in die Augen .
„ Tom , bitte hören Sie auf ! Ich habe Ihnen erzählt , warum es mir unmöglich ist , dieses Kind zu lieben und jetzt lassen Sie mich bitte damit in Frieden . “
Sie wollte dem Gespräch nur ausweichen , weil sie Angst hatte , dachte Tom , Angst davor , erkennen zu müssen , daß sie dem Jungen gegenüber wirklich ungerecht war und daß sie es sich zu einfach gemacht hatte , indem sie ihm die Schuld gab . Aber er wollte sie nicht so einfach davonkommen lassen . Zumal er wußte , daß sie unglücklich war und es ihr gut tun würde , ihre Sorgen endlich jemandem erzählen zu können .
„ Nein , ich lasse Sie nicht in Frieden . Ich möchte jetzt endlich verstehen , warum Sie dem Jungen gegenüber so ungerecht sind und warum Sie glauben , all ihre Probleme dadurch lösen zu können , daß sie so tun als haben sie keine .“
Victoria wandte sich ab und starrte auf  die Wand .
„ Wissen Sie vielleicht einen besseren Weg , wie man mit unlösbaren Problemen fertig werden soll ? Nein , das wissen Sie nicht . Sie denken , Sie können alle Probleme lösen , alle Schwierigkeiten überwinden , indem Sie nur lange genug darüber reden . Aber das ist auch nichts anderes als das Verdrängen des Problems. Und da verdränge ich mein Problem lieber allein . “
Als sie ging , wollte er sie zunächst aufhalten , aber dann mußte er ihr doch teilweise recht geben . Man konnte Probleme nicht nur dadurch lösen , daß man darüber sprach ; aber er konnte ihr doch auch nicht wirklich und tatkräftig helfen , wenn er ihre Probleme nicht einmal kannte . Aber eine weitere Diskussion war jetzt sinnlos . Und doch wollte er jetzt unbedingt das letzte Wort haben .
„ Jedenfalls werden Alice und ich morgen in die Stadt fahren und Jesse mitnehmen . Es wird Zeit , daß er endlich erfährt , daß dieses Tal nicht alles ist.“
„ Glauben Sie vielleicht , ich hielte ihn hier gefangen ? Er kann gehen , wohin er will . Es ist mir egal . Und außerdem war er auch schon früher mit mir in der Stadt , bevor ... “
Sie sprach nicht weiter . Und Tom fragte sich , was es wohl war , was sie ihm verschwieg . Auf jeden Fall war es der Grund aus dem sie ihren Sohn versteckt hielt und ein gestörtes Verhältnis zu ihm hatte .
„ Bevor was ? “ , fragte er , „ Warum sagen Sie mir nicht endlich , was damals passiert ist ? Warum verschweigen Sie mir etwas ? Verdammt noch mal , warum stellen Sie sich den Problemen nicht einfach ? “
„ Ich kann nicht ... “ , flüsterte sie , „ ich kann es nicht . “
Dann fuhr sie sich mit der Hand durch die Haare , schluckte schwer und verschwand schnell nach oben in ihr Zimmer .
Tom sah ihr nach und sie tat ihm leid . Sie litt unter irgendeiner vergangenen Begebenheit und traute sich nicht , darüber zu sprechen . Aber er wußte auch , daß er heute schon einen großen Schritt weitergekommen war .
Als er am nächsten Morgen aufstand , war er besonders guter Laune . Und diese verflog weder als er einige Wolken am Himmel entdeckte noch als Alice ihm offenbarte , daß sie gar keine Lust hatte , in die Stadt zu fahren . Er war fest von seiner Idee überzeugt . Und da Alice ihn schon lange genug kannte , wußte sie wahrscheinlich , daß sie ihn nicht vom Gegenteil überzeugen konnte und stimmte deshalb schließlich zu .
Nach dem Frühstück bat er Alice ,  Jesse zu holen und ihn zu überzeugen , mitzukommen .
„ Aber ... aber ... “ , stammelte sie , sah ihn mit offenem Mund an und konnte es nicht fassen . Allein der Gedanke , Jesse nach vielen Jahren Einsamkeit wieder unter Menschen zu bringen ,  wäre ihr nie in den Sinn gekommen . Und noch weniger hätte sie ihrem Vater wahrscheinlich zugetraut , so etwas in die Tat umzusetzen . Ein Gefühl des Stolzes stellte sich bei Tom ein , wenn auch , bedingt durch die Skepsis seiner Tochter , ein wenig Zweifel oder gar Angst mitschwangen . Als diese schließlich aber doch , jetzt auch voller Tatendrang , aufsprang und die Treppe hinaufrannte , war er wieder vollends überzeugt und konnte kaum erwarten , was geschehen würde .
In der Zwischenzeit erzählte er Wanda von seinem Plan , die ihn , als Victoria in der Küche verschwand , dafür lobte und ihn somit bestätigte .
„ Ich hatte zwar auch schon ‘mal daran gedacht , war aber immer zu feige gewesen , es durchzusetzen . “ , flüsterte sie , als Victoria mit frischem Kaffee zurückkam .
Nach einer Weile kamen Alice und Jesse die Treppe herunter und schienen aufbruchbereit zu sein . Tom begrüßte den Jungen freundlich und zuvorkommend, wobei ihm auffiel , daß er immer noch dasselbe T-shirt und dieselbe Hose trug . Er fragte sich , ob er nur diese Kleidungsstücke besaß und ob es überhaupt etwas gab , was er als sein Eigentum bezeichnete .
Kurze Zeit später saßen sie im Wagen und fuhren genau auf die Sonne zu . Während Tom darüber nachdachte , was er eigentlich erreichen wollte , beobachtete er die Kinder auf dem Rücksitz . Alice erzählte Jesse , was sie in der Stadt vorhatte , und er hörte ihr aufmerksam zu , als ob er jedes Wort auswendig lernte . Die Straße durchs Valley lief schnurgerade vom einen zum anderen Ende, und man mußte aufpassen , daß man nicht am Steuer einschlief . Aber Tom war so wach wie schon lange nicht mehr . Endlich hatte er wieder eine Situation gefunden , in der er helfen konnte . Er hatte schon immer gern anderen Menschen geholfen . Das gab ihm das Gefühl nützlich zu sein und gebraucht zu werden , und dieses Gefühl brauchte er . Er hatte vielen Menschen selbstlos geholfen , hatte Freunden geholfen , einen Job zu finden , hatte Bekannten geholfen , die Eheprobleme hatten und hatte auch vielen Fremden geholfen , die Hilfe brauchten. Nur sein eigenes Leben bekam er nicht in den Griff . Er hatte es nicht geschafft , Karriere zu machen , und er hatte es nicht geschafft , seine Frau zu lieben und zu ehren , in guten und in schlechten Tagen . Aber vielleicht würde sich das ja hier im Peaceful Valley ändern . Vielleicht würde es ihm hier gelingen, endlich das Leben zu leben , das er leben wollte . Und außerdem brauchten Victoria und Jesse wirklich Hilfe .
Als sie das Tal verließen , schaute Tom wieder in den Rückspiegel . Alice war immer noch dabei , dem Jungen ihre Pläne zu erzählen , aber Jesse  schien jetzt doch etwas nervös zu werden . Schließlich hatte er , wenn Tom Victoria richtig verstanden hatte , das Tal seit mehr als zehn Jahren nicht mehr verlassen . Alice schien seine Veränderung zu bemerken und redete  jetzt beruhigend auf ihn ein .  Zwar konnte Tom nicht genau verstehen , was sie sagte , aber scheinbar hatte sie Erfolg damit .
Eine Viertelstunde später parkte er den Wagen auf dem großen Parkplatz der Innenstadt und überlegte sich , wie er Jesse wohl am besten mit der Zivilisation konfrontieren sollte . Er hatte zwar einiges über das Thema Wolfskinder und Kaspar Hauser und ähnliche Fälle gelesen , aber ein Junge , der alles , was er über diese Welt wußte nur von besoffenen Truckern und Prostituierten gehört hatte , war mit anderen Kindern , die in der Wildnis aufgewachsen waren , nur schwer zu vergleichen .
„ Dad , “ riß Alice ihn plötzlich aus seinen Gedanken , „ hast Du etwas dagegen, wenn wir beiden allein gehen ? “
Im ersten Moment wollte er ablehnen , doch dann glaubte er , daß es vielleicht gar nicht so schlecht war , die beiden allein durch die Stadt streifen zu lassen . Schließlich hatte Jesse zu Alice wesentlich mehr Vertrauen als zu ihm und würde viel freier sein . Also sagte er : „ O. k. , aber in drei Stunden treffen wir uns wieder hier beim Auto . Und seid pünktlich . “
„ Danke , Dad ... “ rief Alice ihm zu und war schon mit Jesse um die nächste Ecke verschwunden .
Noch eine Weile starrte Tom stumm vor sich hin , dann überlegte er sich , wie er die Zeit nutzen sollte . Er entschloß sich zu einem Stadtbummel , genoß die Stadt und war pünktlich zur vereinbarten Zeit wieder auf dem Parkplatz . Er packte seine Einkäufe in den Kofferraum und legte das Buch , das er für Alice gekauft hatte auf den Rücksitz . Dann sah er auf die Uhr . Von den Kindern war noch nichts zu sehen . Tom setzte sich ans Steuer des Wagens , drehte das Radio leise an und begann zu warten . Dabei wußte Alice doch eigentlich , daß er Warten haßte . Aber von zwei Fünfzehnjährigen konnte er wohl keine Pünktlichkeit erwarten .
Als er jedoch zwanzig Minuten so im Auto gesessen hatte , machte er sich doch langsam Sorgen . Normalerweise konnte er sich auf seine Tochter verlassen , und sie befolgte seine Wünsche . Also mußte entweder etwas Wichtiges dazwischengekommen sein , oder es war etwas passiert . Tom hoffte , daß es nicht das zweite war , wobei er sich jedoch keineswegs sicher war .
Mit der Zeit wurde er erst ärgerlich , dann nervös und schließlich ernsthaft besorgt , und noch etwas später beschloß er , noch einmal durch die Innenstadt zu laufen . Selbst wenn er sie nicht finden würde , dachte er , so mußte  er immerhin nicht tatenlos im Wagen sitzen . Tom ging also los , machte sich Sorgen und auch Vorwürfe , da er die beiden allein hatte losziehen lassen . So war er zwar ruhiger, als wenn er die ganze Zeit hätte warten müssen , aber Alice mußte sich schon einen ziemlich guten Grund als Entschuldigung einfallen lassen , wenn nichts passiert war und sie ihn dennoch nicht wütend erleben wollte .
Natürlich fand er die beiden nicht und kehrte nach zwei Stunden mutlos zum Wagen zurück und wartete weiter .



XI

Alice war froh , daß sie mit Jesse allein gehen durfte und daß ihr Vater nicht wie ein Kindermädchen ständig bei ihnen war . Sie hatte sich vorgenommen , herauszufinden , ob Jesse wirklich nur das Wild - Side und das Peaceful Valley kannte ,, oder ob er doch schon in der Stadt gewesen war . Aber schon als sie vom Parkplatz aus in die Fußgängerzone bogen , mußte sie feststellen , daß das hier wirklich alles neu für ihn war . Sie konnte sich kaum vorstellen , daß er sein Leben lang noch nie in einer Stadt oder einem Kaufhaus gewesen war , aber an seinen weit aufgerissenen Augen sah sie , wie fremd ihm hier alles war .
Andererseits schienen ihn die neuen Eindrücke aber auch nicht zu erschrecken oder zu ängstigen , ja sie meinte sogar , eine Art Erwartung in seinem Blick sehen zu können . Und es wäre ja auch ganz natürlich , dachte sie , wenn er gespannt auf die Welt außerhalb des Tales war und sie endlich kennenlernen wollte . Also würde Alice sie ihm so gut zeigen , wie sie konnte .
Zuerst zog sie Jesse  in eine kleine Boutique , wo sie sich ein paar neue Klamotten kaufen wollte . Immer wenn sie etwas neues anprobiert hatte , zeigte sie es ihm und fragte nach seiner Meinung . Er sah jedesmal begeistert aus .
Als sie schließlich wieder an den Schaufenstern vorbeischlenderten und Jesse sich alles darin Ausgestellte interessiert ansah , mußte Alice sich vorstellen , wie es war , wenn man so isoliert aufwuchs wie Jesse . Es fiel ihr schwer , sich in seine Lage zu versetzen . Es war viel zu unvorstellbar , sich vorzustellen , ohne Zivilisation zu leben . Allerdings lebte Jesse ja nicht vollkommen ohne Zivilisation . Immerhin gab es im Wild - Side schließlich auch Zeitungen und Menschen , die aus Städten kamen und ein Stück Zivilisation in die Einöde des Peaceful Valley brachten .
Alice verdrängte diese Gedanken , da sie doch zu nichts führten und konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart . Plötzlich entdeckte sie an einer Ecke einen Eisverkäufer und zog Jesse in seine Richtung . Der Verkäufer guckte zwar etwas erstaunt , da sie Jesse einlud und nicht umgekehrt , aber das war ihr egal . Zufrieden ihr Eis genießend setzten sie ihren Einkauf fort .
Alice erledigte die Einkäufe , die sie sich vorgenommen hatte und fand außerdem heraus , wo es hier ein Kino und soetwas gab . Dann zog sie Jesse in ein Modegeschäft und versuchte ihn zu überreden , doch selbst einmal ein paar neue Klamotten anzuprobieren . Als er zum dritten Mal energisch den Kopf schüttelte , gab sie es auf , sah ein , daß er sich nicht traute und folgte ihm lächelnd wieder nach draußen an die Sonne . Die spiegelte sich jetzt in den Glasscheiben der Schaufenster und warf außerdem ein freundliches Licht auf die Stadt . Aber selbst trübes , regnerisches Wetter hätte Alice die gute Laune jetzt nicht verderben können . Sie genoß es sehr , mit Jesse zusammen zu sein , auch wenn sie sich nicht mit ihm unterhalten konnte . Sie mochte es einfach , wenn er sie  mit seinen großen Augen ansah und ihr jedes Wort von den Lippen abzulesen schien .
Noch eine Weile gingen sie so durch die Straßen der Stadt , bis sie sich schließlich auf den Rückweg machten . Als sie wieder an dem Eisverkäufer vorbeikamen , kaufte sie noch zwei Eis und schlug die Richtung zum Parkplatz ein . Sie brauchten sich nicht zu beeilen , um pünktlich zu sein und so machten sie einen Umweg durch einen Park . Kurz bevor der Parkplatz in Sicht kam , blieb Jesse plötzlich stehen und sah sie an . Sie merkte zwar , daß er irgendetwas wollte , konnte sich jedoch nicht denken , was es war . Außerdem schien er sich irgendwie nicht zu trauen , ihr klar zu machen , was er wollte .
Alice sah ihn weiter an und forschte in seinem Blick nach einer Reaktion .
Doch dann plötzlich begann er zu sprechen .
„ Alice , ich ... “
Sie sah ihn verblüfft an , fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen , wie von einem unglaublichen Windstoß mitgerissen , wie aus allen Wolken fallend , wie in einen Ozean eintauchend und konnte es einfach nicht glauben : Jesse sprach !
„ ... ich kann sprechen ... ich meine ... ich ... “
Auch Alice konnte in diesem Moment keinen Ton herausbringen . Sie konnte Jesse nur anstarren . Und auch Jesse sah sie eine ganze Weile stumm an .
Dann begann er noch einmal zu sprechen : „ Ich glaube , ich muß Dir einiges erklären ... “
Noch immer konnte Alice nicht sprechen . Jesse zog sie jetzt zu einer Parkbank und begann zu erklären : „ Ich bin nicht wirklich stumm , weißt Du ; ich kann sprechen ; aber bisher wollte ich einfach nicht ... “
Jetzt war Alice vollkommen verwirrt und sah ihn ungläubig an .
„ O. k. , ich versuche es Dir zu erklären . Und ich glaube , ich fange vorne an ...“
Daraufhin erzählte er ihr seine Lebensgeschichte . Er erzählte von seiner Geburt und seiner frühesten Kindheit . Er erzählte , daß seine Mutter ihn schon immer hatte spüren lassen , daß sie ihn nicht liebte und daß er , als er kleiner war , im Motel helfen durfte und mußte .
Alice konnte langsam wieder klar denken und hörte ihm jetzt gespannt zu .
Er erzählte ihr , wie er in der Einsamkeit des Tales schon früh eine besondere Beziehung zu Tieren aufgebaut hatte und daß er trotz der ewigen Vorwürfe und Wutausbrüche seiner Mutter glücklich war , da er ja nichts anderes kannte . Doch dann erzählte er ihr eine absolut unglaubliche Geschichte , eine Geschichte, die Alice einfach nicht glauben wollte .
Es passierte irgendwann im Mai , als Jesse gerade sieben Jahre alt war . Er hatte seiner Mutter bis dahin immer im Motel geholfen , da sie damals noch keine Hilfe hatte . Außerdem war das Geld in dem Jahr besonders knapp , so daß er kaum eine freie Minute hatte . Und dann eines Nachmittags , als er Lebensmittel in den Keller bringen mußte , passierte es . Jesse erklärte ihr , daß er es vermutlich niemals vergessen könnte und Alice konnte kaum fassen , was er erzählte . Etwas derartiges hätte sie Victoria einfach nicht zugetraut .
Victoria war gerade vom Einkaufen zurück und ließ Jesse die Lebensmittelration für die nächste Woche in den Keller tragen . Da er zuvor die Halle hatte putzen müssen , war er ziemlich müde und trug die Kartons langsamer als sonst , was Victoria ihm mehr als einmal und dazu nicht besonders freundlich sagte . Kurz gesagt , Victoria nannte ihn einen „ lahmen , nichtsnutzigen Parasiten “ und erklärte ihm wieder einmal , wie ärgerlich sie immer noch über seine Geburt war, die ihr ganzes Leben zerstört hatte . Zwar versuchte Jesse die Stufen der steilen Kellertreppe schneller auf- und abzuhetzen , aber es gelang ihm nicht . Und dann, als er noch eine besonders große Kiste hinuntertragen wollte , stolperte er plötzlich auf der obersten Stufe und konnte sich gerade noch am Treppengeländer festhalten , während die Kiste in die Tiefe polterte . Als sie unten krachend ankam , eilte Victoria mit vor Wut rotem Gesicht von draußen herein und sah sich die Bescherung an . Dann fing sie an zu fluchen und schrie Jesse an : „ Verdammt, Du kannst aber auch gar nichts , Du Nichtsnutz ... ! “
Jesse wollte etwas sagen , verkniff es sich aber , um sie nicht noch wütender zu machen . Sie war total ausgerastet und völlig außer sich .
„ Du verdammter ... Du widerlicher ... mußt Du denn alles zerstören ? ! “
Dann fuhr sie sich mit der Hand durch die Haare , sah ihn wütend an und machte dann eine plötzliche , schnelle Bewegung und stieß Jesse die Treppe hinunter , der Kiste hinterher ...
Alice sah ihn mit offenem Mund an .
„ Das hat sie wirklich getan ? ! “
„ Ja , hat sie “ , antwortete Jesse ganz ruhig , „ sie meinte , ich hätte ihr Leben versaut und sei zu nichts zu gebrauchen . Vielleicht hat sie recht . Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen , wenn ich nie geboren wäre oder ich hätte mir damals das Genick gebrochen . “
„ Jesse , das darfst Du nicht sagen “ , fauchte Alice ihn an , „ Du kannst doch nichts dafür , daß Du geboren wurdest , oder ? “
Jesse zuckte nur mit den Schultern .
Über ihnen kreisten einige Vögel , die erst ein wenig zankten , sich dann  auf einem nahen Baum niederließen und einen Augenblick ruhig waren , bevor sie kurz darauf wieder aufflogen und irgendwo veschwanden .  
„ Und was ist dann passiert ? “ fragte Alice nach einer Weile , weil sie sich das , was Jesse erzählt hatte noch immer nicht vorstellen konnte .
„ Na ja , ich habe mir einen Arm und ein Bein gebrochen , habe drei Jahre lang gehumpelt und beschlossen , nie wieder ein Wort mit Victoria zu sprechen . “
Dann sah er Alice an , lächelte und fragte : „ Was ist , kaufen wir uns noch ein Eis ? “
Alice nickte , dachte aber immer noch über seine Geschichte nach . Sein Leben lang hatte seine Mutter ihm eingeredet , er habe eigentlich kein Recht zum Leben, und er sei weniger wert als andere Menschen . Es mußte schrecklich sein !
Sie begann diese Frau , eine Frau , die ihrem eigenen Sohn den Tod wünschte , zu hassen . Sie konnte einfach nicht fassen , wie jemand seinen Sohn eine Treppe hinunter stoßen konnte . Am liebsten hätte sie noch weiter mit Jesse darüber gesprochen , aber an der Art wie er zielstrebig auf den Eisverkäufer zusteuerte , meinte sie zu erkennen , daß er jetzt nicht weiter über den Vorfall reden wollte . Vielleicht ergab sich ja stäter noch einmal die Möglichkeit .
Als sie kurze Zeit später ihr Eis aufgegessen hatten und zum Parkplatz zurückkehrten , nahm Jesse ihre Hand und lächelte sie zärtlich an . Alice lächelte zurück .
„ Weißt Du , “ flüsterte Jesse , „ irgendwie bist Du unheimlich toll . “
Alice freute sich über das Kompliment und überlegte , was denn an ihr so toll sein sollte . Eigentlich hatte sie doch nichts weiter getan , als daß sie Jesse vollgelabert hatte . Aber vielleicht genügte es einfach , ihn nur zur Kenntnis zu nehmen und ihn nicht zu ignorieren .
„ Hoffentlich ist Dad nicht sauer , weil wir so spät kommen “ , sagte sie nur und beschleunigte ihre Schritte .
Nachdem sie das gesagt hatte , sah sie zum ersten Mal seit Stunden auf die Uhr . Sie erschrak , als sie bemerkte , daß sie schon vor zwei Stunden hätten zurück sein sollen . Die Zeit war ihr bei Weitem nicht so lang vorgekommen , aber wenn sie jetzt überlegte , daß Jesse lange seine Geschichte erzählt hatte und daß sie danach noch einmal in die Stadt gegangen waren , wurde ihr bewußt , daß sie ihr Zeitgefühl irgendwie ausgeschaltet haben mußte . So schnell wie möglich eilte sie zurück zum Parkplatz und zum Auto . Ihr Vater stand davor und wirkte äußerst ruhig . Das war nicht unbedingt ein gutes Zeichen , und Alice überlegte , ob sie ihm wohl schon sagen durfte , was geschehen war , oder ob Jesse etwas dagegen haben könnte .
„ Was ist passiert ? “ , fragte Tom als sie näher kamen in einem Ton , der auf seine Wut und innere Unruhe schließen ließ , sie aber nicht offen zum Ausdruck brachte .
Alice wußte nicht , wie sie darauf antworten sollte , aber als Jesse sie in die Seite stieß , erklärte sie : „ Dad , wir müssen Dir etwas sagen ! “
Sie machte eine kurze Pause , damit Jesse sie notfalls doch noch zurückhalten konnte und auch um ganz sicher zu sein , daß ihr Vater ihr zuhörte . Dann fuhr sie fort :
„ Jesse kann sprechen ! ... Es ist eine lange Geschichte , aber er kann wirklich sprechen . “
„ Wie bitte ... ? “ , fragte Tom ungläubig , „ Was soll daß heißen : Jesse kann sprechen ? “
„ Wir werden es Dir erklären , Dad , “ antwortete Alice jetzt sicherer als vorher , „ aber ich möchte , daß Victoria dabei ist . “
„ Nein ... ! “ , entfuhr es Jesse und er sah sie entsetzt an . Aber Alice wußte plötzlich genau , was sie wollte .
„ Doch . Du brauchst ja nicht dabei zu sein , aber ich möchte wissen , was sie dazu zu sagen hat ... “
Jesse schwieg .
Tom stellte keine weiteren Fragen und forschte nur in ihrem Gesicht . Daß er nichts sagte , nahm sie als seine Zustimmung , durchzuziehen , was immer sie vorhatte .
Sie stiegen ins Auto ein , fuhren in Richtung Peacefull Valley , und niemand sprach ein Wort .
Tom grübelte wohl darüber nach , was Alice vorhatte , Jesse kämpfte mit seiner Angst vor seiner Mutter und Alice überlegte , wie es weitergehen sollte , nachdem sie mit Victoria gesprochen hatten . Auf jeden Fall würde sich das Leben im Wild - Side Motel von jetzt ab ändern . Es mußte sich  ändern .



XII

Victoria hatte am Fenster gestanden und nachgedacht . Sie hatte sich oft gefragt, was denn ihr Leben wert war , wozu sie überhaupt lebte . Sie hatte das Gefühl , immer nur auf der Stelle zu treten und daß alles , was sie tat eigentlich sinnlos war , wenn man bedachte , daß sie nicht ewig lebte . Zumindest nicht in dieser Welt . Wie oft hatte sie sich die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt , eine Frage , auf die es keine Antwort gab . Lange Zeit hatte sie einem Ausspruch geglaubt , der lautete : Der Sinn des Lebens ist das Leben . Aber irgendwie erschien ihr das zu naiv und zu simpel . Da mußte einfach noch mehr sein . Vielleicht war ja doch etwas dran  an dem christlichen Gedanken , daß das eigentliche , das ewige Leben erst nach dem Tod begann . Das würde zumindest erklären , warum sie ihr Leben bis jetzt noch nicht als erfülltes Leben bezeichnen konnte . Außerdem brauchte man dann , wenn man das glaubte , keine Angst vor dem Tod mehr zu haben . Während sie weiter darüber nachdachte , sehnte sie sich sogar danach , die Qualen und Probleme dieses Lebens hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen . Und der christliche Glaube war mehr als nur eine billige Erklärung für alle Widersinnigkeiten dieses Lebens .
„ Die Zeit und die Welt , das Geld und die Macht gehört den Kleinen und Flachen, “ hatte sie einmal zu Wanda gesagt , „ und den anderen , den eigentlichen Menschen , gehört nichts . Nichts als der Tod . “
„ Sonst gar nichts ? “ hatte Wanda gefragt .
„ Doch , die Ewigkeit . “
Und nach genau dieser Ewigkeit sehnte sie sich .
Ganz instinktiv begann sie zu beten und bat Gott , ihr endlich Frieden zu schenken .
Das Brummen des Motors ließ sie aufschrecken , und als sie Toms Wagen auf den Parkplatz einbiegen sah , spürte sie , daß irgendetwas vorgefallen war . Sie verdrängte aber das Gefühl und machte sich daran , das Essen vorzubereiten . Sie hatte gar nicht gemerkt , wie schnell die Zeit vergangen war .
Tom , Alice und Jesse stiegen aus dem Auto und kamen auf das Haus zu . Victoria glaubte , an ihren Gesichtern erkennen zu können , daß etwas ungewöhnliches passiert sein mußte . Sie war sich aber nicht sicher und verdrängte den Gedanken . Wenn etwas geschehen war , würde sie es schon noch erfahren .
Wieder dachte Victoria jetzt an einen Satz , den Tom irgendwann in den letzten Tagen einmal gebraucht hatte . Er lautete : Das Leben ist nicht  nur eine Gabe , sondern auch eine Aufgabe . Sie wußte nur nicht , worin die Aufgabe bestand . Vielleicht bestand sie einfach darin , zu erkennen , daß dieses Leben nicht alles war . Oder sie bestand in der Erkenntnis , daß alles , was passierte , Gottes Wille war und daß man dieses Leben als Prüfung für etwas Besseres ansehen mußte . Allerdings hatte Victoria diese Möglichkeit , die zwar eine Erklärung für das Leid in der Welt war aber andererseits auch wenig Hoffnung für dieses Leben gab , noch nicht akzeptieren können . 
Tom riß sie aus ihren Gedanken , indem er an die Küchentür klopfte und sofort eintrat .
„ Victoria , wir müssen mit Ihnen reden . “
Seine Stimme klang sehr sicher und sehr bestimmt . Victoria konnte sich zwar immer noch nicht vorstellen , um was es genau ging , aber sie mußte sich jetzt der Gegenwart stellen .
Als sie aus der Küche trat , saßen Tom und Alice schon am Ecktisch und warteten . Sie setzte sich und fühlte sich durch ihre Blicke angeklagt . Niemand sagte etwas , aber die Stimmung hätte nicht schlechter und gedrückter sein können .
Einige Augenblicke später trat Wanda mit einem Lächeln auf den Lippen ins Zimmer , das jedoch sofort erstarb , als sie die Gesichter der anderen sah . Schweigend setzte sie sich und wartete ab , was passieren würde .
„ Worum geht es , Tom ? “ fragte Victoria ungehalten .
Irgendetwas durchzuckte sein Gesicht und er schien aus einer Art Erstarrung aufzuwachen .
„ Es geht um Jesse , “ sagte er trocken , „ er hat uns eine Geschichte erzählt , über die wir gerne mehr erfahren würden . “
Ein Schock durchfuhr Victoria . Sie hatte sich geirrt . Sie mußte sich nicht der Gegenwart stellen , sondern der Vergangenheit . Sie spürte , wie sie blaß wurde .
„ Was soll das heißen : Jesse hat erzählt ? “ , fragte Wanda in eine bedrückende Stille hinein .
„ Das würden wir gern von Victoria erfahren . “
Tom sah sie auffordernd an .
Victoria brach der Schweiß aus . Sie hatte diese Sache damals fast verdrängt . Es war ihr beinahe gelungen , die Erinnerung zu verdrängen und zu vergessen , daß die Schuld für Jesses Unfähigkeit zu sprechen bei ihr lag . Sogar Jesse selbst hatte sie fast aus ihren Gedanken verbannt .
Erst jetzt wurde ihr wirklich bewußt , daß sie damals eine große Schuld auf sich geladen hatte . Und die läßt sich auch durch die Zeit nicht verdrängen . Jede Handlung im Leben ist für immer in das Fleisch der Seele eingegraben , hieß es in einem ihrer Bücher . Und jetzt war der Zeitpunkt gekommen , an dem sie diese Handlung wieder ausgraben mußte , ob sie wollte oder nicht . Nur so konnte sie endlich mit ihrer Schuld fertig werden .
„ Stehe ich hier vor Gericht  “ , hatte sie erst ausrufen wollen , aber sie schluckte es herunter . Stattdessen begann sie ihre Geschichte zu schildern und wunderte sich über ihre eigenen Reaktionen . Sie konnte nicht mehr verstehen , warum sie Jesse damals die Treppe hinuntergeschmissen hatte . Na gut , er hatte ihr Leben total versaut , aber das gab ihr doch nicht das Recht , ihn fast umzubringen .
„ Aber hat Jesse etwa kein Recht zu leben , nur weil Sie ihn damals nicht gewollt haben und ihn auch jetzt nicht wollen ? “ , fragte Tom forschend .
„ Hat er denn nicht trotzdem eine Chance verdient ? “
„ Hören Sie auf ! “ herrschte Victoria ihn an .
Sie konnte und wollte jetzt nichts mehr davon hören . Tom hatte es geschafft , sie an einen Punkt zu bringen , an dem sie sich fragte , ob sie Jesse nicht vielleicht Unrecht tat , wenn sie ihn haßte . Sie hatte ihre Schuld von damals jetzt endlich erkannt und war sogar soweit , daß sie erkannte , wie wenig Jesse selbst für seine Geburt konnte . Erst jetzt nach all den Jahren erkannte sie allmählich , daß vielleich nicht Jesse ihr Leben zerstört hatte , sondern sie . Aber jetzt mußte sie erst einmal allein darüber nachdenken . Sie stand schweigend auf und ging .
„ Verdammt , ich will endlich wissen , warum Sie so hartherzig sind ! “ , schrie Tom ihr hinterher . Aber Victoria zog sich trotzdem in ihr Zimmer zurück .
Zwei Stunden lang starrte sie aus dem Fenster auf das Tal und die Hügel und dachte nach . Dann klopfte es an der Tür und Wanda trat ein .
„ Victoria , ich muß mit Dir reden . Darf ich ‘reinkommen ? “
„ Wanda , ich ... “  Victoria zögerte einen Moment , nickte aber dann . „ Ja , gut, komm ‘rein . “
Wanda setzte sich aufs Bett und beobachtete ihre Chefin . Sie schien zu überlegen , was sie sagen könnte .
Da sie kein Gespräch begann , lenkte Victoria ein : „ Ich glaube , ich hätte mit Dir darüber sprechen sollen . Ich hätte Dir erklären sollen , was damals passiert ist , und daß ich Jesse nie gewollt habe ... “
„ Victoria , ich möchte nur , daß  Du mir erklärst , wie Du den Jungen so sehr hassen kanst . Es kann doch nicht nur daran liegen , daß Du Opfer einer Vergewaltigung geworden bist ... Ich verstehe das einfach nicht . “
Victoria kamen fast die Tränen . Sie hatte aber gelernt , Tränen zu unterdrücken.
„ Ich ... “ sie konnte kaum etwas sagen , aber sie wollte jetzt unbedingt ehrlich gegenüber Wanda sein , „ weißt Du , ich ... es gab auch noch einen anderen Grund , warum ich Jesse gehaßt habe , ich meine , meinen Zorn und meine Wut an Jesse ausgelassen habe ... “
Sie wußte nicht recht , wie sie es Wanda erklären sollte . Aber wenn sie jemand verstehen würde , dann sie .
Daraufhin begann sie ihrer Freundin , der wahrscheinlich einzigen Freundin , die sie je hatte , von ihrer Kindheit und Jugend zu erzählen , davon , daß ihre Eltern sie auch nur als Belastung empfunden hatten und auch davon , daß sie nie Emotionen oder Schwächen zeigen durfte . Vielleicht war das alles der Grund dafür , daß auch sie jetzt keine Schwächen duldete . Das wäre eine mögliche Erklärung , dachte sie . Vielleicht lag es aber auch nur daran , daß sie mit sich selbst und dem , was sie aus ihrem Leben gemacht hatte , unzufrieden war und ihre Enttäuschung deshalb auf Jesse projizierte .
Nachdem sie ihre Erzählung beendet hatte , sah sie Wanda an : „ So , jetzt kennst Du die ganze Geschichte . Ich kann eigentlich nur noch hinzufügen , daß ich jetzt erst feststelle , daß ich damals falsch gehandelt habe , nein , daß ich bis jetzt falsch gehandelt habe . Ich habe Jesse Unrecht getan . Sein Leben lang . Aber es ist nicht wieder gut zu machen . “
Victoria wußte nicht , was sie noch weiter sagen sollte . Und auch Wanda schwieg . Victoria tat es leid , was sie Jesse angetan hatte , aber sie wußte auch , daß sie es nicht ungeschehen machen konnte und daß ihr niemand verzeihen konnte , was sie getan hatte .
Jetzt erkannte Victoria auch noch eine dritte mögliche Erklärung für ihren Haß . Sie dachte , es war möglicherweise auch der Haß auf sich selbst , der Haß auf ihr eigenes Unvermögen , der sie dazu gebracht hatte , Jesse zu hassen . Aber all diese Erklärungen waren noch lange keine Entschuldigung . Die Schuld, die sie sich aufgeladen hatte , konnte ihr niemand abnehmen .
„ Victoria , “ unterbrach Wanda ihren Gedankengang , „ Du mußt mit Jesse reden. Er muß erfahren , was Du mir eben erzählt hast . “
„ Nein , das kann ich nicht ! “ gab Victoria beinahe entsetzt zurück , erkannte schließlich aber doch , daß Wanda Recht hatte und beschloß , mit Jesse zu reden. Wie sie das anstellen sollte , wußte sie allerdings noch nicht , und daher folgte sie nach einigem Überlegen Wandas Ratschlag , es gleich jetzt und ohne viel nachzudenken zu tun .
Kurze Zeit später machte sie sich auf den Weg nach draußen , auf den höchsten der Eden Hills .
Oben angekommen , setzte sie sich schweigend neben Jesse und sah zum ersten Mal von hier aus auf das Tal und das Wild - Side und erkannte , wie schön es hier eigentlich war . Jesse sah sie nicht an . Und auch als sie ihm ihren Arm um die Schultern legte , zeigte er keine Reaktion .
„ Jesse , ich möchte mit Dir reden , “ begann sie , und es fiel ihr schwer , die richtigen Worte zu finden , „ ich möchte nämlich , daß Du weißt , daß es mir leid tut , wie ich Dich behandelt habe . “
Als Victoria das sagte , stand Jesse auf und ging . Sie sah ihm nach und war im ersten Moment fast erleichtert , da ihr so das Gespräch erspart blieb , doch dann wurde sie wütend und fragte sich , warum der Junge ihr denn nicht zuhören wollte. Er mußte sich doch wenigstens anhören , was sie zu sagen hatte . Er konnte doch nicht tun und lassen , was er wollte . Er hatte ihr einfach zuzuhören. Dann wurde ihr bewußt , daß die Wut , die jetzt in ihr aufstieg , fast die gleiche Wut war wie damals , als ihm die Sache an der Treppe passierte , und sie schämte sich . Sie ärgerte sich , daß sie die Schuld sofort bei Jesse suchte, anstatt sich zu fragen , was sie falsch gemacht hatte .
Als Victoria später am Abend auf der Veranda saß und überlegte , wie sie mit Jesse reden sollte , kam Tom zu ihr und erklärte ihr , er müsse dringend mit ihr sprechen . Obwohl sie eigentlich nicht mehr aufnahmefähig war , stimmte sie zu. Tom setzte sich und schien zu überlegen , wie er beginnen sollte . Victoria dachte an den fast vergangenen Tag zurück . Die Ereignisse hatten sich überschlagen und wieder einmal sehnte sie sich nach Ruhe . Ein Spruch aus der Bibel kam ihr in den Sinn . Er lautete : Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn . Vielleicht war es gar nicht so falsch , den Tod als Ziel des Lebens , als Ziel einer qualvollen Rennstrecke zu sehen .
Dann bemerkte sie , daß Tom die Hände gefaltet hatte .
„ Sie beten ? “ fragte sie .
„ Ich bete für Sie . Ich habe heute Nachmittag dafür gebetet , daß Sie Ihre Schuld erkennen , und nun bete ich dafür , daß Gott sie Ihnen vergibt ... “
Victoria wußte nicht , was sie dazu sagen sollte . Sie war zutiefst gerührt und wollte Tom danken . Aber er ließ ihr keine Zeit dazu , sondern sprach sofort weiter : „ Kennen Sie die Geschichte von der Steinpalme ? “
Als sie verneinte , begann er zu erzählen :
Die Steinpalme steht an einem Strand zwischen unzähligen anderen Palmen , aber keine wirkt so stark und schön wie diese eine , die in ihrer Krone einen schweren Stein trägt . Diesen Stein trägt sie , seit sie noch ein ganz kleines Pflänzchen war . Damals war ein Mann durch die Wüste gewandert und war schon fast verdurstet , als er an den Strand kam  . Dort am Strand sah er die Palme und wurde wütend . Er empfand es als ungerecht , daß sie Wasser hatte , während er verdursten mußte . Da ergriff er einen Stein und warf ihn mit aller Kraft mitten in die Krone der Palme . Aber die Palme kämpfte gegen den Stein und um ihr Leben , und so kam es , daß sie stärker und größer als alle anderen Palmen am Strand wurde .
Nachdem Tom seine Erzählung beendet hatte , machte er eine lange Pause . Victoria sah ihn fragend an .
„ Und ... was soll mir die Geschichte sagen ? “ fragte sie schließlich , da sie keine  Lust mehr hatte , selbst lange darüber nachzugrübeln .
„ Tragen Sie ihre Schuld wie diese Palme ihren Stein . Lernen Sie , Ihre Schuld anzunehmen und mit ihr zu leben . Loswerden können Sie sie nicht wieder . “
Wieder sah Victoria ihn an . Dieser Mann hatte seine Frau verloren , keinen sicheren Job und nicht einmal ein Zuhause . Und trotzdem glaubte er , sich in ihre Angelegenheiten mischen und sie belehren zu müssen . Aber irgendwie bewunderte sie seine Lebensweisheit .
Lange Zeit herrschte Schweigen zwischen ihnen , bevor Tom wieder zu sprechen begann : „ Außerdem habe ich eine Entscheidung getroffen . “
Victoria sah ihn erwartungsvoll an .
„ Alice und ich werden in der nächsten Woche abreisen . Und wir werden Jesse mitnehmen . Er hat etwas besseres verdient als dieses Leben . “
Dann ging er zurück ins Haus .
Victoria war geschockt . Sie wollte ihm zuerst nachgehen und fragen , wie er denn einfach so über ihren Sohn bestimmen konnte . Doch dann fiel ihr ein , daß er sich im Gegensatz zu ihr Gedanken um Jesse machte . Er nahm Anteil am Leben des Jungen , was sie über fünfzehn Jahre lang nicht getan hatte . Und als sie weiter über seine Worte nachdachte , erkannte sie , daß er Recht hatte . Das war die einzige Möglichkeit für Jesse  . Und es war wirklich besser für ihn , wenn er endlich von hier weg kam .
Außerdem war sie sich sicher , Tom würde den Jungen mitnehmen , selbst wenn sie sich weigerte . Es schien zwar grausam , seinen Sohn so einfach weggehen zu lassen , aber es war wesentlich schlechter für ihn , wenn er hierblieb . Sie hatte heute gemerkt , daß sie das Vergangene  nicht ungeschehen machen konnte . Und außerdem hatte sie eigentlich nie einen Sohn gehabt . Sie war ihm niemals eine Mutter gewesen . Sie mußte Jesse gehen lassen , das wußte sie jetzt.
Und als sie später in ihrem Bett lag , fühlte sie sich sogar erleichtert . Sie fühlte , daß die Ruhe , nach der sie sich so sehnte , jetzt nicht mehr fern war .



XIII

Die Sonne war noch nicht lange hinter den Eden Hills hervorgekrochen , als das Wild - Side Motel zum Leben erwachte . Nach und nach traten Männer und einige Frauen an die frische Luft , streckten sich und ließen einen letzten Blick über die Bäume und Sträucher und Kakteen des Peaceful Valley wandern , um dann in ihre Trucks zu steigen und das Tal zu verlassen . Die meisten von ihnen kehrten vermutlich nie mehr hierher zurück .
Bald nachdem der letzte Trucker abgefahren war , trat die jüngere der beiden Frauen aus dem Haus und verließ das Tal dann mit dem Wagen in Richtung Stadt, wahrscheinlich um einzukaufen . Kaum daß sie außer Sichtweite war , traten auch die andere Frau , der Mann und die beiden Jugendlichen hinaus und ließen ihre Blicke in die Ferne schweifen . Dann irgendwann ergriff der Mann das Wort , und alle verabschiedeten sich von der Frau , die sich jedoch nicht anmerken ließ , ob sie traurig oder erleichtert über den Abschied war . Die anderen jedoch schienen recht froh darüber zu sein , das Motel für immer verlassen zu dürfen . Allerdings schien der Junge auch etwas Angst vor dem , was auf ihn zukam zu haben , die er aber zu verbergen versuchte . Sie stiegen in den Wagen , in den sie zuvor ihr Gepäck geladen hatten und fuhren schweigend davon .
Solange sie noch im Peaceful Valley waren , sprach keiner der drei ein Wort . Dennoch schienen alle über die Zeit im Wild - Side nachzudenken , was scheinbar nicht nur angenehm war .
Bald war der Wagen hinter der Kurve  verschwunden und die Frau blieb alleine zurück . Sie wischte sich eine Träne von der Wange und sah zu den Eden Hills hinauf . Ihr Blick verriet , daß sie total in Gedanken versunken war . Sie schien über ihr ganzes Leben nachzudenken und zu erkennen  , daß sie alles falsch gemacht hatte .
Erst Stunden später ging sie zurück ins Haus , nachdem sie wieder einige Tränen mit dem Handrücken weggewischt hatte . Auf dem Tisch stand ein Kerzenständer, in dem einige Kerzen brannten und ein Paket , das wie ein verschmähtes Abschiedsgeschenk aussah . Die Frau wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn und betrachtete das Geschenk . Nach ein paar Minuten nahm sie das Paket und warf es wütend gegen eine Wand . Dabei kippte sie mit einer Bewegung den Leuchter um und verließ das Zimmer . Entweder hatte sie nicht gesehen , daß das Tischtuch Feuer gefangen hatte , oder sie hatte es nicht sehen wollen . Jedenfalls setzte sie sich oben in einen Sessel und starrte vor sich hin . Dann schloß sie die Augen und faltete die Hände .
Kurz darauf hatten die Flammen der Kerzen unten im Haus ein Feuer entfacht , das jetzt das viel zu trockene Holz des Wild - Side Motels , das einst ein prachtvolles Anwesen gewesen war , gierig auffraß . Es dauerte gar nicht lange , bis das ganze Gebäude im Flammen stand , die sich in den klaren blauen Himmel über dem Tal streckten .
Die Frau hatte scheinbar noch immer nichts gemerkt . Jedenfalls hatte sie immer noch die Augen geschlossen und die Hände gefaltet . Sie schien an ihre verabschiedeten Mitbewohner zu denken . Und obwohl ihr Tränen über die Wangen liefen , hatte sie einen zufriedenen Gesichtsausdruck . Schließlich beendete sie das Gebet und murmelte : „ Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit euch allen . “ 


The End



ZURÜCK
HOME
Hosted by www.Geocities.ws

1