Die Idiotie, Mittelhochdeutsch mit hebräischen Zeichen darzustellen, ist weniger einzigartig als man glauben mag. Es war/ist sicher nicht weniger idiotisch, z.B. Japanisch mit chinesischen, Türkisch mit arabischen und Armenisch mit äthiopischen Zeichen zu schreiben. Daraus resultieren in allen Fällen erhebliche Probleme, auch bei der Transskription. Ich habe kein Jiddisch gelernt; ich verstehe es nur, weil ich mal Mittelhochdeutsch gelernt habe, kann es aber im Original weder lesen noch schreiben, wie vermutlich die meisten meiner Leser. Deshalb folge ich hier weder der alten deutschen Transskription noch der des YIVO, sondern meiner eigenen.
Ich versuche, zum einen möglichst nah an der Aussprache zu bleiben, zum anderen dem deutschen Muttersprachler ein paar Eselsbrücken zu bauen, über die er leichter zur Bedeutung der Wörter gelangt, u.a. durch Groß- und Kleinschreibung, obwohl es die weder im Hebräischen noch im Mittelhochdeutschen noch im Jiddischen gab oder gibt. Im einzelnen:
Ärgäz dort 'n schtäjt an altä Krätschmä,
wo mir vlegn trinken siss'n wajn
Gedenkstu wi gelacht mir hob'n schoen*
un ojsgetrojmt wi 's Leb'n darv zu sajn?**
(Kerrajm:)
Varbaj di Täg, majn Vrajnt,
Ich denk asoj bis hajnt,
noch jene Zajt vul Simche, vul Gäsang
Dos Läb'n schajnt un lacht,
's is jeder Tog a Pracht,
wen du bist jung, un munter is dajn Gang.
Laj laj laj...
Oj, wi schnäl, wi schnäl es lojv'n joren,
Ojsgeven a Velt un zich geplogt
Wen 'ch trev dich durch a Zuval in der Krätschmä,
wolt ich mit a Schmäjch'l dir gesogt:
Kerrajm
Laj laj laj...
Se ich jene Krätschmä var di Ojg'n,***
schoj nischt mer wos is amol gewe'n
Es kukt zu mir vun Schojb ärojs a Schot'n
Der Schot'n, dacht ich, dos bin ich aläjn.
Kerrajm
Laj laj laj...
'ch her, wi 's klingt, bäkant mir dajn Gelächter
Ärkänst mich nischt, majn Vrajnt, 'ch ärkän' dich kojm
Mir werd'n Tage älter, nur nischt kluger****
In 'n Härzen wacht noch alz***** derselbe Trojm.
Kerrajm
Laj laj laj...
*Das ist ein bloßes Dehnungs-"e", der Musik geschuldet, um die Zeile zu füllen; das Mittelhochdeutsche hatte kein "ö".
**Nein, das ist kein "schlechtes Deutsch". Der Wegfall des "zu" nach gewissen Hilfsverben - hier "dürfen" - trat erst später ein, und nicht alle germanischen Sprachen haben ihn mitgemacht.
***Auch das ist kein "schlechtes Deutsch". Wir sagen doch auch "die Äuglein" und "be-äugen"!
****Im Mittelhochdeutschen gab es auch kein "ü"; darüber schreibe ich
hier etwas ausführlicher (in der ersten Fußnote).
*****Ausnahmsweise übersetze ich das mal, da es nicht ohne weiteres zu verstehen ist: kurz für "alle Zeit"! À propos Übersetzung: Ich würde ja "Krätschmä" flapsig mit "Kaschemme" übersetzen, wenn da nicht eine Kleinigkeit wäre, die sich zur Zeit des Mittelhochdeutschen nur bessere Häuser leisten konnten, nämlich die [Fenster-]Scheiben aus der 3. Zeile der 3. Strophe. Wer eine bessere Übersetzung bieten kann möge mir bitte
mailen!