gekrümmt

Tod

meine Zeit ist die Unzeit

blutende Herzen

Inventur

Untat

die neuen Zeiten

Chile 73

die Stille zwischen den Schüssen

die Schale aus vergeblichem Zorn

als die Mauern fielen

Red Blues

in memoriam

für heute

wenn du da bist

Jagdglück

Freude

 


 

gekrümmt

gekrümmt liege ich auf dem Boden
wo mich gekrümmtes Licht abtastet
die Wände ringsum
mit dem Weiß von Hundeaugen
lang und schmal wie die Hoffnung der Steine
spiegeln mein Verlangen gebrochen
die Gedanken gespalten
wie nur die Helligkeit


 

Tod

Tod 
mein leeres Schneckenhaus
zu groß geworden
das Worte nicht füllen
von Tränen nicht voll wird
selber Wort und Gebilde
in den weißen Ländern
wo das Licht die Stirn kerbt
und die Augen brechen
die Fahnen zerreißen
vor Stille zerreißen
das sind wir in den weißen Ländern


 

meine Zeit ist die Unzeit

perfekt im Frühling
angepaßt im Sommer
diplomatisch im Herbst
melancholisch im Winter
vier harmlose Jahreszeiten lang
sind wir zahm und zahnlos
doch manche Tiere
kennen eine fünfte Jahreszeit

komm, Gefährtin, spring über meinen Schatten
laß Papier brennen und Worte leben
jeder Blick ist ein Schnitt
jede Wunde ein Gewinn
nur Rechnungen, die nicht aufgehen, sind glaubwürdig
jeder Weg ist ein Ausweg
das Lob ist verdächtig
der Verdacht lobenswert
komm, Gefährtin, wenn nicht heute dann gestern
wenn nicht gestern dann gar nicht
meine Zeit ist die Unzeit


 

blutende Herzen

blutende Herzen sind Kitsch
außer in Horrorfilmen
wir leiden an blutenden Mägen
aus Unfähigkeit
blutige Tränen zu weinen
du bist mein Chirurg
legst jede Gehirnwindung bloß
Operation gelungen, Patient rot
du tauchst deinen Finger in jede Wunde
du schreibst ein magisches Zeichen
schneid mich auf
reiß mich auf
blutende Herzen sind Kitsch


 

Inventur

wir packen die Vergangenheit
in tausend Kisten
wir stapeln die Umarmungen
wir legen eine Sehnsucht zu den Akten
unsere Liebe hat Methode
und der Wahnsinn geistert durchs Archiv
was bleibt von hundert Jahren Mißverständnis ?
welche Einsamkeit bleibt unverwaltet ?
ist jeder Traum gebändigt
jedes Glück mit Namensschild versehen ?


 

Untat

gestern packte ich ein Gedicht
und riß ihm alle Federn aus
es war wunderschön, doch ich bereue nichts
gestern schnitt ich einem Gedicht die Kehle durch
es war ein Freund, doch ich bereue nichts
ich tauchte eine Feder in Blut
und schrieb deinen Namen
zum letzten Mal - 
heute weichen mir die Gedichte aus


 

die neuen Zeiten

heute bin ich ausgerutscht
mit meiner harten Erkenntnis
auf einem weichen Verständnis
nach allen Seiten flutscht
die Toleranz
halbverdaute Arroganz
schauerlich hallte
das kalte Lachen der Zeitgenossen
in meinen Ohren
ich erkannte verdrossen
uns gehen die Feinde verloren
die Inquisitoren
kaum einer, der heute nicht
prinzipiell die Freiheit der Kunst verficht
sich für alle und jeden ausspricht
und ab und zu ein paar gute Worte erbricht
an Schaumgummiwänden rennt man sich den Schädel ein
weiche Birnen sind das Fallobst der Saison
wen stört das schon
wer abkassiert, der läßt die andern schrei'n


 

Chile 73

ich lache im Fortschritt des Regens
blutige Niederschläge
wir umsegeln das Kap der Traurigkeit
guter Hoffnung sind die Frauen
doch sie gebären keine Kinder
schon die Steine erschrecken
wie erst die Ungeborenen


 

die Stille zwischen den Schüssen

die Stille zwischen den Schüssen
zerreißt seinen Leib
tausend offene Augen
die wir mit Sand verschließen
eine Hand, die nicht schweigt
bevor sie der Stiefel zertritt
die Unbeteiligten gibt es nicht
du warst der Bluthund und ich der Jäger
die Unbeteiligten gibt es nicht


 

die Schale aus vergeblichem Zorn

die Schale aus vergeblichem Zorn
gesprungen
wie gedörrte Erde
tiefer als die Kluft der Gedanken
aus der wir trinken
voller Angst und gierig
die jungen Wölfe blind im Schnee


 

als die Mauern fielen

als die Mauern fielen
wurden wir schutzlos
und bauten sie in unsern Köpfen wieder auf
Kopfmauern ist auch mit Dynamit nicht beizukommen
als der Minister den Stacheldraht feierlich durchschnitt
und das Nachbarland zur freien Marktwirtschaft erklärte
begann der Stacheldraht in den Gehirnen zu wuchern
und gegen dieses Unkraut hilft keine Chemie
die Welt wird größer, unser Glaube kleiner
die Worte sind im Vormarsch und die Taten auf dem Rückzug
Dummheit ist keine Frage der Bildung
Armut keine Frage des Geldes
das Boot ist voll, weil die Worte leer sind
das Land wird eng, die Sonne knapp
Falschmünzer prägen harte Währung
die Masken fallen
Tag für Tag


 

Red Blues

der Schnee fällt in roten Flocken
du lehnst an der Mauer
dein Blick brennt ein Loch in die Nacht
dein Mund ist eine frische Wunde
Winterstraßen
Winterplätze
doch du brennst von innen nach außen
nur dein Mantel schützt die Nacht vor dir
woher kommst du, wohin gehst du
Fragen ohne Antwort und Bedeutung
du bist ein Schnitt in der Zeit
ein Fehler im System
morgen kehrt man deine Asche in den Rinnstein


 

in memoriam

kau weiter an deinem Bleistift
katzengesichtiges Mädchen
füge Hieroglyphe an Hieroglyphe
verhexe den Speisewagen
laß die Bäche bergauf strömen
Rauch fängt uns in seinen Spinnenweben
dich und mich
unbewußt
kau weiter an deinem unbewußten Bleistift
oder laß es bleiben
pack dein Kreuzworträtsel und geh
auch wenn du fort bist
werden die Bäche noch lange bergauf strömen


 

für heute

für heute ist der Liebe genug
du schläfst lichterloh
die Stille dröhnt sich ins Gehör
ich reffe die Segel und gehe vor Anker
dein Berg deine Bucht
deine Zedern und dein Rosmarin
du atmest diesen Tag bewußtlos und vollkommen
genug für heute
doch der Morgen brennt sich schon durch deine Haut


 

 

wenn du da bist

du reitest jede Wolke zuschanden
und keine Brücke trägt die Last deiner Träume
bewundernswert bäumt sich dein Trotz
und vergeblich
doch dein Brot ist geduldig
dein Salz und dein Süden
wer sich gibt, kann dich nehmen
du freundliche Festung
wer keinen Wegweiser braucht, findet sich in dir zurecht
ich teile einen Pfirsich mit dir
du leckst das Messer
Saft tropft auf die Haut
du bist nah, wenn du da bist
heut bist du da


 

Jagdglück

ich leg mich auf die Lauer
heut bist du fällig
der Schattenjagden überdrüssig
ducke ich mich ins Gras
wie ein kleiner stinkender Löwe
meine gelben Augen treiben Blicke übers Land
und da kommst du schon wieder
schon wieder schleift dein Schatten sieben Meter hinter dir
und mein Sprung ist kurz
doch die Hoffnung ist lang
und während du mir unbehelligt entgehst
träume ich von der morgigen Jagd


 

Freude

ein krachender Apfel
sträubt sich in deinen Zähnen
deine Zunge rüsselt mir ein duftendes Stück
ich zögernd wie manchmal
doch der Mut ist geschmackvoll
wir tauschen Sehnsucht in kleinen Portionen aus
von dir zu mir zu dir
die Säfte sind fruchtig
die Lippen frischregnend
Obst ist gesund

Hosted by www.Geocities.ws

1