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Tagebuch
» Druckansicht 1. August
Weg war sie. Der Zug fuhr an und verließ den Bahnhof von Bansin Seebad. Sechs Tage war ich mit Judith auf Usedom gewesen. Florian hatte uns an diesem Morgen doch noch auf dem Zeltplatz in Bansin gefunden. Wir hatten uns an einem uns beiden unbekannten Ort verabredet für Mittwoch- oder Donnerstagabend - ohne Handy. Was, ihr habt kein Handy? Ja, ganz richtig. Und ich gebe zu, einen Augenblick habe ich es uns beiden gewünscht als Florian Donnerstagabend noch nicht da war. Fand er uns nicht? War ihm etwas passiert? War er gar nicht erst los gefahren? Judith fuhr zurück nach Dresden, was sollte ich machen? Alleine fahren? Nach Hause? Ich beruhigte mich schließlich und redete mir zu: "Sicherlich hat er uns nicht mehr gefunden, übernachtet am Strand und kommt morgen früh." So war es dann auch: Am Morgen kam er. Ein halbes Jahr nicht gesehen, welche Freude. Nun war es jedenfalls fast drei Uhr als Florian und ich über die Seebäder Heringsdorf und Ahlbeck nach Polen aufbrachen. Mit vollbepackten Fahrrädern kamen wir in Ahlbeck über die Grenze nach Swinemünde (Swinoujšcie). Hinter der Stadt setzten wir mit der Fähre über die Odermündung und mussten auf der E65 bis Miedzysdroje fahren. Dort bekamen wir einen ersten Eindruck von polnischen Küsten- und Touristenorten: Menschen über Menschen, Bude an Bude, Imbiss, Räucherfisch, Pepsi Cola, ein wahres Durcheinander... Wir folgten der 102 durch den Wolinsky Park Narodowy, Berg reihte sich an Berg, quälend anstrengende Auffahrt und rasante Abfahrt wechselten sich beständig ab. Wir waren geschafft und schlugen schließlich zwischen Wiselka und Miedzywodzie direkt am Strand unser Lager auf. Der erste Abend, die erste Nacht. Baden, sitzen und in der Dämmerung auf das Meer schauen, kochen, essen, erzählen und schließlich schlafen. 2. August
Nein, wir mussten noch nach Trzebiatow. Wir hatten noch kein Geld getauscht. Trzebiatow war die nächste größere Ortschaft, in der wir Geld tauschen oder abheben und einkaufen konnten. Das letzte Stück mussten wir auf einer großen Straße fahren. Es war Mittag und wir fuhren bereits 70 Kilometer. Ich konnte nicht mehr - Florian verschwand schon fast am Horizont. Wie weit war es denn noch? Dieser blöde Gegenwind, die Autos, die Hügel. Schließlich war es doch endlich geschafft. Ich zitterte vor Zuckermangel. Zwei Löffel Nutella und eine Scheibe Brot stärkten mich so weit zum Suchen von einer Bank. Unser Ziel war Danzig bzw. die Halbinsel Hela, welche die Danziger Bucht von der Ostsee abtrennt. Ein Ziel ist wichtig, denn es zieht einen, man hat eine Orientierung. Zunächst gewöhnungsbedürftig, doch dann so eine unendlich schöne Erfahrung ist die plötzliche, wenn natürlich auch nur vorübergehende Heimatlosigkeit. Wir hatten uns keine Tagesziele gesetzt, keine Zeltplätze oder Herbergen ausgeguckt, die wir zur Nacht ansteuern wollten. Wir wollten fahren so lange es schön war, dann uns ein ruhiges und schönes Plätzchen möglichst in der Abgeschiedenheit suchen. Diese Ungewissheit, nicht zu wissen, wo und wie man die nächste Nacht verbringen wird, bedrückt einen zunächst. Doch allmählich wird man so unendlich entspannt und entwickelt ein Vertrauen, dass man schon ein gutes Plätzchen finden wird und alles gut geht. Alltägliche und oft so banale Probleme, die einen sonst Tag ein Tag aus beschäftigen, quälen, nerven und verfolgen, sind auf einmal unwichtig und nebensächlich. Man kann den Tag genießen, jede Tageszeit, jede Minute, das Land, das Wetter usw. Man saugt die aufgenommenen Bilder tief in sich hinein. Vor allem hat man Zeit dazu. Das Fahrrad ist das perfekte Reisemittel, wenn es nicht darum geht so schnell wie möglich von A nach B zu kommen. Zu Fuß kommt man nicht vom Fleck, mit dem Auto geht es wiederum zu schnell. Mit dem Rad erfährt man sich richtig das Land, man kommt durch die kleinsten Dörfer, an die schönsten Strände und Seen, man kann schauen und bekommt ein elementares Gefühl der Entfernung. Das Fahrrad gibt einem Sicherheit. Für die Zeit Unterwegs ist es das neue Zuhause. Ja, wie wichtig es doch ist, ein Zuhause zu haben, an das man sich klammern kann, das einem Geborgenheit gibt, auf das man sich verlassen kann. Das Fahrrad trägt alles: Das Zelt, den Schlafsack, die Küche, Klamotten, Buch, Karte, Fotoapparat, die Zahnbürste und schließlich ja dich selbst. 4. August
Es war ein vermurkster Tag. Dabei hatte er ruhig begonnen. Wir waren schon gegen sechs Uhr voll wach und gegen acht Uhr dreißig auf den Rädern. Etwas ins Landesinnere fuhren wir auf kleinen Straßen bis Mittag nach Kluki. Dort endete die Straße und wir vertrauten uns dem ausgeschilderten Radweg nach Leba an. Zunächst führte uns dieser über Wiesen-, Feld- und Plattenwege durch eine unberührte, verträumte und einsame Landschaft. Das Tempo war den Wegen entsprechend gering. Ein riesiger, halb verfallener, wohl ehemaliger LPG-Betrieb, nebst brachliegenden Feldern, lag am Wegesrand. Kein Mensch, nirgendwo. Grillen zirpten im hohen Gras, die Luft flimmerte - fast etwas unheimlich. Irgendwo verloren wir die Markierung, fuhren einen großen Bogen, fanden schließlich wieder Anschluss an den Radweg und folgten ihm ab Gac durch den Nationalpark "Slowinski Park Narodowy". Wer hat sich nur den Spaß gemacht diesen Weg als Radweg auszuweisen? Das Fahren auf Wiesen-, Wald- und Feldwegen war uns langsam leid, doch sollte jetzt erst der vorläufige Höhepunkt an unbefahrbaren Wegen kommen: Ein Waldweg quer durch den Nationalpark von zahllosen Sandstellen unterbrochen, die einen zum ab-steigen und schieben zwangen. Sobald man wieder aufgestiegen war und an Fahrt gewonnen hatte, in der Annahme jetzt werde es besser, kam die nächste Sandstelle, in die man herein fuhr, feststeckte oder wegrutschte und wieder abstieg. Der Optimismus und vor allem meine Laune gingen allmählich gegen Null und ich fluchte laut. Florian lachte noch über mich. (Na warte...) Doch wenig später knirschte er auch: "Allmählich gehe ich auch auf dem Zahnfleisch!" Nun war ich es, der lachte. (Siehste!) Aber was half es? Zurück ging es nicht und trotz allem war der Nationalpark ja ganz schön. Warum also die Laune verderben lassen? Nach etwa fünf Kilometern in Zarnowska hatten wir den Nationalpark verlassen und dachten es somit geschafft zu haben. Leba, wo wir einkaufen wollten, lag zum greifen nahe. Sollten wir nicht lieber den längeren Weg in Kauf nehmen und dafür Straße fahren? Wir vertrauten noch einmal dem Radweg und er führte uns treu auf Sandwegen nach Leba... In der Stadt - welch ein Trubel! Touristen über, neben und hinter Touristen. Musik, Lärm, Verkehr und Abgase. Wo war ein Laden? Kein Supermarkt, nur kleine Läden. Einkaufen, Gemüse und Obst am Stand auf dem überfüllten Gehweg, einen Film im Fachgeschäft. Etwas vergessen - noch mal in den Laden. Menschen, Verstopfung, Hektik - irgendwie ein verkurkster Tag. Erstmal ans Meer eine Pause machen, etwas essen und durchatmen. Doch auch hier war mächtig was los. Mitten aus der Einsamkeit und der verträumten Landschaft in so ein Gewimmel. Irgendwie gehört man nicht dazu. Man fühlt sich angeschaut. Manchmal genießt man ja die erstaunten Blicke, schaut nur, wir erleben was. Doch jetzt waren sie lästig. Wohin kommen wir heute noch? Wo werden wir übernachten? Auf einmal war die Sehnsucht wieder da. Ich kann nicht genau festmachen wonach oder warum. Plötzlich so ein Gefühl der Einsamkeit in all dem Trubel. Sehnsucht nach Vertrautem, der Heimat, Judith und Familie. "Versuchen wir doch diesen kleinen roten Wanderweg direkt an der Küste weiter zu fahren." Sagte Florian. Ich stimmte zu. Die folgenden Kilometer waren die schlimmsten an diesem Tag. Der Weg war nicht nur von Sandlöchern sondern von ganzen Sanddünen unterbrochen. Wir nahmen es schließlich gelassen. "Was wir heute noch schaffen, müssen wir Morgen nicht mehr fahren." Sagten wir uns. Es wurde immer stiller um uns her, keine Menschen mehr, das Meer entfernte sich etwas vom Weg, das Rauschen ließ nach - wieder in der Einsamkeit. Irgendwann konnten und wollten wir nicht mehr, direkt am menschenleeren Strand ließen wir uns nieder. Ein starker Wind blies vom Meer her an Land. Ein mit der Plane und zwei Stöcken schnell errichteter Windschutz brachte Besserung, wir konnten in Ruhe kochen und essen. Trotz der Strapazen des Tages fühlt man sich so glücklich. Wenn es zutreffen sollte, dass die Menschen vieles, wenn nicht alles dafür tun, um glücklich zu sein, warum machen sie es sich dann so schwer? Warum buchen sie Reisen auf Luxusdampfern, fliegen in Jets rund um den Globus, um es zu erhaschen - und kriegen es wahrscheinlich doch nicht. Wenn man so nach so einem anstrengenden und erlebnisreichen Tag auf das Meer schauend am Strand sitzt, wenn man die ersten Sterne aufblinken sieht und das Rauschen des Meeres einen schließlich unter offenem Himmel in den Schlaf wiegt, kommt es von ganz allein. Ja, man kann es gar nicht so genau ausmachen woher es kommt, warum; auf einmal ist es da, nur so ein Gefühl, das sich wohlig breit macht in einem... 5. August
Gegen zwei Uhr Nachts wachte ich auf. Der Wind hatte wieder zugenommen und fuhr unter die Plane, so dass sie flatterte. Gleichzeitig wehte er den feinen Sand von der Seite an unserem Windschutz vorbei auf mich. Eine feine Sanddusche blies mir ins Gesicht. Florian war auch wach geworden. Wir zogen die Plane über unseren Köpfen tiefer, so dass der Wind keine Angriffsfläche mehr hatte und versuchten sie auch zur Seite hin straffer abzuspannen. Sie flatterte schließlich kaum noch. Die Sanddusche blieb allerdings. Ich drehte mich auf die Seite, vom Wind weg, zog den Schlafsack hoch und wir versuchten weiter zu schlafen. Doch daran war nicht mehr zu denken. Wenn der Wind noch mehr zunehmen sollte? Wir beschlossen umzuziehen. Doch wohin? Wir hatten gestern abend doch schon alles angeschaut. "Einfach hinter die Düne auf den Weg in den Windschatten!" Sagte Florian. Also raus aus dem warmen Schlafsack und alles zusammen gepackt. Gerade gestern abend hatten wir zum ersten mal nicht gleich abgewaschen, sondern einfach alles stehen lassen. Teller, Töpfe, Besteck und Tassen waren dreckig und vor allem vom Sand halb verschüttet. In drei Gängen hatten wir schließlich alles umgetragen und die Fahrräder geholt. Wir machten es uns wieder bequem und schliefen bis uns die Sonne am nächsten Morgen erst gegen acht Uhr weckte. Der Wind, der uns in der Nacht geweckt hatte, bescherte uns jetzt eine prima Fahrt. Sie ging wie im Fluge: Rückenwind und gute Straßen. Hatten wir Gepäck verloren? Die Landschaft zog nur so vorbei. Nachmittags waren wir bereits in Jastarnia, auf der Halbinsel Hela vor Danzig. Im Hafen erkundigten wir uns nach einem Schiff nach Danzig. Es fuhr nur von Hel, Mittags und Nachmittags, 33 Sloty pro Mann. So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Was tun? Zurück? Gegenwind! Wo bleiben? Auf einem kleinen privaten Zeltplatz, bei Leuten hinterm Haus auf der Wiese stellten wir unser Zelt auf und hatten somit eine Bleibe - welch Wohlgefühl. Wir schlenderten durch den Ort; das bekannte Bild: viele Menschen, Lokale, Buden, die meisten nur saisonfähig zusammen genagelt, Rummel, Trubel. Mitten im Gewimmel, fast erdrückt von den angrenzenden Karussells und doch piekfein gepflegt, eine Jesusfigur am vier Meter hohen Kreuz. Wir aßen Eis und kauften Räucherfisch von einer Fischersfrau direkt aus dem Fenster ihrer Küche. In der Touristeninformation zerschlug sich die Idee von der Schiffahrt nach Danzig endgültig. Das Schiff fuhr komischerweise nur hin, erst um elf Uhr und kostete zuviel. Daraufhin beschlossen wir am nächsten Morgen zurück zu fahren, um dann ins Landesinnere vorzudringen. Nach einer ausführlichen Dusche (man fühlt sich wie neu geboren, jedenfalls stellt man sich das so vor, ich kann mich nämlich nicht mehr genau an meine Geburt erinnern, kurzum - eben erfrischend) und einem reichlichen Mahl vor dem Zelt, saßen wir in der Dämmerung auf dem Kai am Hafen und genossen unseren Räucherfisch. Anschließend bummelten wir durch das vom Nachtleben aufgebrachte Zentrum zurück. 6. August
Die Beine sind wie Blei, der Wind kommt von vorn, es fährt sich, als würden die Räder im Teer der Straße einsinken, als hätte man die Bremsen angezogen oder sonstewas für ein Gewicht hinten drauf. Man kommt einfach nicht voran, es ist zum verrückt werden. Hochschalten, kraft geben, runterschalten - nichts zu machen und wieder hochschalten... Die Landschaft änderte sich. Die Weite schwand und es wurde hügliger. Kleine Ortschaften mit Wiesen und Feldern wechselten sich mit ab mit Wäldern. und Schluss... Wir sahen viele Bauern, die mit Hand ihr Korn mähten, es zusammen banden, zusammen stellten und es schließlich mit Hand auf Wagen verluden. Wir fuhren weiter und sahen Bauern, die mit uralten Mähdreschern mähten. Die nächsten zwei Nächte verbrachten wir an idyllischen Binnenseen. Die dritte Nacht auf einem biologisch-dynamischen Bauernhof in Juchowa, den Florian kannte. Dort gönnten wir uns einen Tag Pause, ruhten uns aus, konnten eine Dusche nehmen, den Hof anschauen und wurden zum Mittagessen eingeladen. Am Nachmittag brachen wir wieder auf, denn wir wollten möglichst am nächsten Abend wieder in Deutschland sein. Die letzte Nacht in Polen verbrachten wir auf einem kleinen Wiesenstück an einem Waldrand in einer völlig einsamen Landschaft. Am Abend entstand untenstehendes Bild und das Titelbild. Am morgen bei den ersten Sonnenstrahlen, die über die taunassen Wiesen strahlte, frühstückten wir und konnten dabei drei Störche beobachten, die unmittelbar vor uns dasselbe erledigten. (Allerdings frische Froschschenkel, wogegen wir Brot bevorzugten.) An diesem letzten Tag fuhren wir über 150 Kilometer. Es zog sich in die Länge und wir hatten gegen Ende im flachen Gelände mit kräftigem Gegenwind und großen Straßen zu kämpfen. Gegen halb Acht überquerten wir endlich die Grenze und waren somit wieder an unserem Ausgangspunkt angelangt - in Ahlbeck. Wir verbrachten die setzte Nacht direkt am Strand und frühstückten am nächsten Morgen in Bansin an der Seepromenade. Müllmänner waren damit beschäftigt Berge von Müll vom Strand und der Promenade wegzuräumen. In Ahlbeck und den anschließenden Seebädern, erlebten wir einmal mehr den Kontrast zwischen den polnischen Küsten- und Badeorten und den deutschen Kurorten, den "drei Kaiserbädern". Welch verschiedene Welten. Keine 50 Kilometer Entfernung zwischen Armut und Reichtum, Bescheidenheit und Prunk, Notdürftigkeit und Protz, Polski Fiat und schicken Schlitten. Welche mir besser gefiel? Ich glaube doch die erstere. Ich brachte Florian zum Bahnhof in Bansin, wo ich genau vor elf Tagen auch Judith verabschiedet hatte. Mir blieb noch eine reichliche Stunde Zeit bis auch mein Zug in Ahlbeck abfuhr.
© Hintergrundbild von Friedemann Weidauer
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