Mittwoch, der 12. Mai 2004
Hallo Ihr
Lieben!
Ich stehe gerade in dem größten Outdoorladen Deutschlands, bei
"Globetrotter" in Berlin. Meine Güte, der Laden macht richtig Spass... über
4.000 qm feinster Outdoorspielsachen. Von der Kältekammer zum Austesten von
Schlafsäcken, bis zum Paddelbecken um Boote und Kajaks auzuprobieren, alles
vorhanden, (inkl. Cafebar mit Internet :o)) da muss man den Geldbeutel wirklich
schön in der Tasche lassen. Zum Glück ist der Platz in unseren Gepäcktaschen
schon sehr beschränkt ;-)
Am Montag sind wir also planmäßig mit dem Zug
hier in Berlin angekommen. Die Fahrt war recht entspannt, und das Umsteigen
klappte trotz des vielen Gepäcks reibungslos. Allerdings haben wir erst hier in
Berlin festgestellt dass sich ein Rad mit Anhänger UND 4 schweren Radtaschen
nicht mehr so komfortabel fährt. Unsere Versuche zuhause hatten sich darauf
beschränkt das nackte Rad ohne Packtaschen und nur mit Hänger auszuprobieren...
Nun, ja, selber Schuld werdet Ihr sagen, wenn man den Ernstfall eben auch erst
im Ernstfall ausprobiert, und wahrscheinlich habt Ihr da ja nicht ganz
unrecht... Aber Ihr kennt mich ja...
Hier in Berlin habe wir dann erstmal
den Sonntagabend mit Gerhard und Dana genossen, und sind seitdem auf der Suche
nach einem neuen Anhänger. So haben wir gestern mit unseren vollgepackten Rädern
ca. 35km nur in Berlin zurückgelegt um Radläden abzuklappern und Hänger
auszuprobieren. Und da wir keine wirlich gute Alternative finden konnten, werden
wir wohl doch bei unserem Hänger bleiben. Vielleicht können wir den Hänger noch
ein wenig leichter, und damit fahrstabiler machen, indem wir das Gepäck
umschichten, und etwas mehr Gewicht auf das hängerlose Rad packen. Das haben wir
noch nicht ausprobiert, denn im Moment ist Michael krank und alles andere als
reisefähig. Seit gestern hat er eine heftige Erkältung, so richtig mit Fieber
und Schüttelfrost, und wir können von Glück sagen dass wir noch hier bei Gerhard
und Dana Asyl gefunden haben, und nicht schon irgendwo in der Pampa sind...
Michael meint ja, dass er morgen wieder auf den Beinen sein wird und wir
endlich unsere Radreise beginnen können, aber als alte Krankenschwester habe ich
da so meine Zweifel. Na wir werden sehen...
Übrigens, leider ist es nicht
möglich längere Nachrichten im Gästebuch zu hinterlassen. Ich habe schon
mehrmals versucht das zu ändern, aber das lässt sich nicht einstellen. Wenn Ihr
also längere Nachrichten habt, dann macht einfach mehrere Eintragungen!
Donnerstag, der 13. Mai 2004
Michael ist
heute morgen wieder so einigermassen auf den Beinen! (liegt bestimmt an meiner
guten Pflege ;-) Nachdem wir nun noch einige Sachen hier erledigt haben, werden
wir gg. Mittag mit der S-Bahn bis Oranienburg fahren um die erste Etappe etwas
abzukürzen - ansonsten könnte es sein dass wir es vielleicht nicht schaffen vor
Einbruch der Dunkelheit aus dem Stadtgebiet rauszukommen. Und unser Zelt in
einem Vorgarten aufzuschlagen wär' sicher nicht so prickelnd. Hurra! Jetzt gehts
also richtig los!
Donnerstag, der 20. Mai 2004 (Christi Himmelfahrt) in
Rostock
Hallo Ihr Lieben,
gestern sind wir hier in
Rostock an der Ostsee angekommen!
Die erste Woche unseres
Rad-Boot-Abenteuers liegt also hinter uns. Kaum hatten wir in Oranienburg die
S-Bahn verlassen und die ersten Kilometer hinter uns gebracht, begann auch schon
mein rechtes Knie Probleme zu machen, so daß wir die erste Etappe schon nach 20
km beendeten und unser Schlaflager am Rande eines kleinen Wäldchens aufschlugen.
Erfreulicherweise verschob sich die Schmerzgrenze meines Knies
jeden Tag weiter nach hinten, so daß wir es zuletzt auf eine Etappenlänge von 55
km pro Tag bringen konnten. (Aber wir sind ja auch im Urlaub und nicht auf der
Flucht :-) ) So ging es also auf dem gut ausgeschilderten Rad-Fernweg
"Berlin-Kopenhagen" durch das weitläufige Seengebiet von Mecklenburg-Vorpommern.
Durch kleine beschauliche Dörfer, vorbei an hübschen roten Backsteinhäusern
durch Wald- und Wiesengebiete. Aber was für uns so idyllisch aussieht hat auch
seine Schattenseite. Egal mit wem wir reden, das Thema Nr.1 ist die
Arbeitslosigkeit und die daraus resultierende Landflucht. Ein junges Mädchen
erzählte uns, daß jeder zweite Schulabgänger ohne Job oder Ausbildungsplatz
dasteht; und häufig radeln wir vorbei an leerstehenden Häusern und dem Verfall
preisgegebenen Fabrikgebäuden ...
Die Menschen sind sehr
freundlich - egal ob wir um Trinkwasser bitten, oder um eine Auskunft nach dem
richtigen Weg, immer wird uns gerne geholfen. Gestern hat uns ein junger
Student, den wir nach einem Internetcafe gefragt hatten, kurzerhand zu sich mit
nach Hause genommen. Er teilt sich eine Flatrate mit seinen WG-Mitbewohnern und
außer der PC-Benutzung und einem netten Gespräch bekamen wir auch noch einen
heißen Tee - gerade recht bei dem regenreichen gestrigen Tag, den wir dann in
der Nähe von Häschendorf, ein paar Kilometer von Rostock entfernt, mit einer
heißen Dusche ausklingen ließen. Nach einer längeren Suchaktion, und der
abenteuerlichen Überquerung einer Eisenbahntrasse mittels einer uralten
Fußgängerbrücke, war es uns nämlich doch noch gelungen das "Häschencamp 3" zu
finden - d.h. den winzigen, aber urgemütlichen Campingplatz von "Otti" und
seiner Frau (ein Geheimtip für alle, die mal in die Nähe kommen!). Dort werden
wir auch noch die nächsten ein bis zwei Nächte verbringen, bevor wir die Fähre
rüber nach Trelleborg (Schweden) nehmen. Aber zuvor hoffen wir noch auf das
Eintreffen eines sehr wichtigen Päckchens. Da Michaels Hinterteil Probleme hat
sich an den Fahrradsattel seines neuen Rades zu gewöhnen hatte er seinen Bruder
gebeten ihm den alten Ledersattel postlagernd nach Rostok zu schicken. Und
natürlich hoffen wir sehr, daß er noch diese Woche hier eintrifft! Allerdings
war uns nicht klar, daß heute ein Feiertag ist, denn wir hatten eigentlich
gedacht noch heute Rostock verlassen zu können. Aber so genießen wir nun den
Feiertag jeder auf seine Art:
Während Michael heute früh ganz
begeistert war sein Rad außnahmsweise mal ohne Gepäck genießen zu dürfen und
sich in Richtung Ostseestrand aufgemacht hat, zog ich es vor, den Tag in der
Rostocker Altstadt zuzubringen und mit einer Riesentasse Cappuccino in der Sonne
sitzend meinen Muskelkater zu pflegen ...
Zum Abendessen
treffen wir uns dann wieder auf dem Campingplatz. Otti, der Platzbetreiber, hat
schon angekündigt, daß es eine kleine Familienfeier geben wird. Und da wir
derzeit die einzigen Gäste auf dem Platz sind, werden wir kurzerhand integriert
:-)
Freitag, der 21. Mai
2004, Häschendorf
Bis spät in die Nacht saßen wir gestern
noch am Feuer, bei gegrilltem Hering und jeder Menge Erzählungen aus der Zeit
wie es früher war als die Mauer noch stand, und von den Unterschieden zwischen
"Ossis" und "Wessis", und wie es war, als die Mauer endlich fiel und die
Menschen sich von heute auf morgen in einem völlig anderen Regierungs- und
Rechtssystem zurechtfinden mussten. Es war sehr interessant das Phänomen der
Wiedervereinigung mal aus der anderen Perspektive zu sehen ...
Samstag, der 22. Mai
2004, Rostock
Michaels Fahrradsattel ist nicht
eingetroffen. Er kann auch gar nicht mehr eintreffen, denn wie wir auf dem
Postamt erfuhren, kann man sich Päckchen gar nicht postlagernd schicken lassen,
sondern nur Briefsendungen ... Dabei hatte ich extra bei der Hotline der Post
angerufen und offensichtlich eine falsche Auskunft bekommen. Michaels Hinterteil
wird also noch ein wenig durchhalten müssen, bis der Sattel wieder beim Absender
angekommen ist und erneut verschickt werden kann.
Es gibt also
nichts, was uns noch hier hält, und so werden wir heute um 15:30 Uhr die Fähre
rüber nach Trelleborg/Schweden nehmen! ---
Dienstag, den 09. Juni 2004, nahe Strömstad (ca. 40 km
von der norwegischen Grenze)
Trelleborg empfing uns gegen
21:00 Uhr mit strömenden Regen ... Also erstmal rein in die Regenklamotten und
dann raus aus dem Stadtgebiet. Nach etwa 2 km haben wir einen Schlafplatz am
Rande eines Hohlweges als Lagerstätte auserkoren. Wir sind ja nun im Land des
sogenannten "Jedermannsrechts" und brauchen uns nicht mehr zu verstecken wenn
wir irgendwo im Grünen unser Zelt aufschlagen wollen :-)
Wir
sind dann an den nachfolgenden Tagen erstmal an der Küste entlang in Richtung
Osten geradelt, einfach so, ohne zu planen ... Wir machten unsere ersten
Erfahrungen in schwedischen Supermärkten und lernten, daß die Schweden
offensichtlich wahre Fans von Trinkjoghourt und Knäckebrot - beides gibt es in
unglaublich vielen Sorten - sind. Wir radelten also gemütlich an der Küste
entlang, besuchten den südlichsten Punkt Schwedens, genossen leckeren
Räucherfisch am Hafen sitzend, und genossen auch mal einen Kulturnachmittag ein,
an dem wir Schwedens größte "Schiffssetzung" bestaunten. (Das sind
geheimnisvolle Grabstätten und Ritualplätze die von den Wikingern errichtet
wurden.) Unser Zelt schlugen wir häufig direkt am Meer auf. Einzig der heftige
Gegenwind trübte ein wenig die Radlerfreude. Auch das Fahren mit dem Gespann
klappt von Tag zu Tag besser. (Das Problem mit dem Hänger hatten wir schon kurz
hinter Berlin gelöst, indem ich nun dauerhaft den Hänger ziehe, weil er an
meinem Rad einfach ruhiger läuft und nicht so hin- und herschwankt wie an
Michaels Rad. Dafür sind meine Packtaschen fast leer, während Michel die ganzen
schweren Sachen am Rad hat, wie Schlafsäcke, Zelt, Kocher, Geschirr, Essen und
Wasservorrat, Werkzeug, Ersatzteile, Reiseführer ... Diese Aufteilung hat sich
bewährt und wir kommen gut zurecht.)
So ließen wir uns also
immer in Richtung Osten über Ystad und Simrishamn bis Kristianstad treiben. Dort
stellten wir beide fest, daß dieses planlose Sich-treiben-lassen auf Dauer nicht
die wirkliche Erfüllung bringen würde. Das zeigte sich darin, daß wir morgens
immer später aufstanden, und sich das Frühstückmachen und Zusammenpacken immer
länger hinauszögerte, so daß es einige Tage fast schon Mittag war bis wir
endlich auf dem Sattel saßen ... Dementsprechend wurden unsere Tagesetappen dann
auch zunehmend kürzer statt länger, und selbst ich, als absolut
planungsunwilliger Mensch, mußte einsehen, daß es wohl doch besser wäre, sich
ein paar Ziele zu setzen. (Insgeheim knabbere ich aber noch immer an der Frage,
ob der Mensch wirklich Ziele braucht, um sich glücklich zu fühlen oder ob dieses
Bedürfnis nicht nur Ausdruck seiner Unfähigkeit ist, einfach nur "zu sein" ...
Ich vermute, daß die Lösung darin liegt, diese beiden Pole zu vereinigen. Alles
andere wär' ja auch zu einfach ;-)
Wir überlegten also, was uns
an dieser Reise wichtig ist, und kamen überein, daß wir gerne Wolfgang und Meike
besuchen wollten. Die beiden wohnen etwa 150 km nördlich von Oslo und sind schon
vor einigen Jahren von Deutschland nach Norwegen ausgewandert. Wolfgang hatte
übers Internet mal ein Buch bei mir gekauft und daraus hat sich ein sehr netter
e-Mail-Kontakt und eine Einladung zum Tee entwickelt :-) (Also seht Euch vor,
wenn Ihr denkt, Ihr könnt' uns einfach mal zum Tee einladen! Es kann passieren,
daß wir eines Tages tatsächlich vor der Tür stehen ;-)
Wir sind
dann also innerhalb von sechs Tagen von Kristianstad an der Ostküste quer durch
Schweden bis nach Göteborg an die Westküste geradelt. Größtenteils auf dem sehr
gut ausgeschilderten "Ginstlen Cykelsparet" (zu deutsch: "Ginster-Radweg"). Der
ist eine echte Empfehlung für alle Schweden-Radler!
Etwa drei
Tagesetappen vor Göteborg hatten wir eine sehr schöne Begegnung:
Es war
schon Abend und das Wetter sah sehr regnerisch aus, als wir in einer abgelegenen
Gegend an einem Haus klingelten, um unsere Wasservorräte auszufüllen, kurz bevor
wir uns auf die Suche nach einem Lagerplatz machen wollten. Die Hausbesitzer
Roland und Ulla luden uns kurzerhand ein, doch in ihrem Gartenhäuschen zu
nächtigen, was wir natürlich gerne annahmen. Außer zu einem Tee und einer heißen
Dusche am Abend, wurden wir am nächsten Morgen sogar noch zum Frühstück
eingeladen und lernten einiges über die schwedische Küche und die
Frühstücksgewohnheiten der Schweden. Seitdem ist Porridge (Haferbrei) mit
Preiselbeerkompott und Milch ein fester Bestandteil unseres Speiseplans geworden
:-) Preiselbeerkompott ist übrigens das Einzige was in Schweden preisgünstiger
zu bekommen ist als in Deutschland. Ansonsten sind die Preise hier schon ganz
schön gewöhnungsbedürftig ...
In Göteborg verbrachten wir dann zwei
Nächte auf dem Campingplatz und wollten eigentlich von dort mit der Fähre nach
Oslo fahren. Aber nachdem wir erfuhren, wie schön der Radweg von Göteborg nach
Oslo sein soll, entschieden wir uns noch weiter zu radeln, wohl wissend, daß uns
die Zeit nicht reichen würde, um die gesamte Strecke mit dem Rad bewältigen zu
können. (Mit Wolfgang und Meike hatten wir ausgemacht, daß wir am 13. Juni bei
ihnen ankommen.) Und so radelten wir in Göteborg weiter, immer entlang des
"Cykelsparet-West" und sind nun schon fast in Norwegen ...
Samstag, den 12. Juni
2004 - im Zug von Oslo nach Gjövik
Nach 1300 geradelten
Kilometerm sind wir vorgestern in Norwegen angekommen!
Gleich 20 km hinter
der Grenze quartierten wir uns für zwei Tage auf einem Campingplatz ein.
Wäschewaschen war angesagt, und auch die Räder hatten ein wenig Pflege nötig,
außerdem mußte unsere Bahnfahrt organisiert werden.
Beim ersten Einkauf im
Supermarkt blieb mir fast die Luft weg - für 5 Euro bekommt man 1 Kilo Tomaten
oder 1 Kilo Lachssteak. Ist ja wohl klar, daß es zum Abendessen dann keine
Tomatensauce gab :-)
Heute früh sind wir also Sack und Pack in den Zug
gestiegen, um den etwa 200 km entfernten Ort Gjövik zu erreichen. Von dort haben
wir dann noch eine Strecke von etwa sechzig bergigen Kilometern mit den Rädern
zu bewältigen. Wir haben zwar schon etliche Hügel erklommen und unsere Kondition
hat sich deutlich verbessert, dennoch habe ich ein wenig Bauchweh bei dem
Gedanken an die vorausliegende Etappe. Auf der Karte ist es nicht so genau
ersichtlich mit wieviel Steigung wir zu rechnen haben, aber ich bin sicher, daß
das kein Spaziergang werden wird ...
Während ich das schreibe fliegt draußen
die norwegische Landschaft vorbei: Reich bewaldetete Hügel und Berge, immer mal
wieder wunderschöne Ausblicke auf Fjorde und Seen, und dazwischen immer seltener
werdende Dörfer mit den typischen dunkelrot gestrichenen Holzhäusern ...
Freitag, den 18. Juni
2004 / Lillehammer
Kaum waren wir in Gjövik angekommen,
fügte sich alles wie von selbst ... Michael versuchte an einem Kiosk eine
Landkarte zu bekommen, während ich bei den Rädern blieb und meinen Blick über
den Bahnhofsvorplatz schweifen ließ. Dort stand ein Linienbus, mit weit
geöffneten Türen, und er Fahrer lachte freundlich zu mir herüber. Sieht ja fast
wie eine Einladung aus, dachte ich schon so bei mir und versuchte gegen die
Sonne blinzelnd die Aufschrift zu entziffern, die mir sein Fahrziel verraten
würde. "FAGERNES" stand da, und mein Herz klopfte plötzlich schneller. Das war
genau unsere Richtung!
Der Fahrer sprach zwar kein Wort Englisch, aber er
war genauso freundlich wie es den Anschein hatte, und unser gesamtes Gepäck
wurde im Bauch des Busses verstaut, und aufgrund einer Baustelle hatten wir dann
auch noch das Glück, daß der Bus seine Route etwas ändern mußte und wir fast vor
der Haustür abgesetzt wurden. Nur noch die etwa 2 km lange und sehr steile
Schotterpiste mußten wir hinaufklettern, um das abgelegene Haus von Wolfgang und
Meike zu erreichen. Zuerst plagte mich ja ein wenig der Stolz und ich dachte
gekniffen zu haben, statt die 60 km wie geplant per Rad zurückzulegen, aber als
ich dann die Steigung sah, die wir uns erspart hatten, war ich doch ganz froh im
Bus zu sitzen und nicht auf dem Fahrradsattel. Außerdem - wenn es sich denn
schon von ganz alleine so schön fügt :-) ...
Drei wunderschöne Tage
verbrachten wir dort oben, einquartiert in einer urigen Waldhütte aus dicken
Holzstämmen und mit grasbewachsenem Dach. Meike verwöhnte uns mit köstlicher
vegarischer Vollwertküche, und die Ruhe und Abgeschiedenheit war geradezu Balsam
für unsere reiseunruhigen Seelen. (Jeden Tag an einem anderen Ort das Zelt
aufzustellen und sich dauernd um die Grundbedürfnisse wie Wasser und Nahrung
kümmern zu müssen, bringt doch auch einiges an Unruhe mit sich.)
Am
Dienstag nach dem Frühstück verabschiedeten wir uns. Wir hatten uns entschlossen
die 115 km über's "Fjell", d.h. über eine Hochebene, bis nach Lillehammer zu
radeln, aber wir kamen nicht weit. Nach den ersten 600 Metern, bei einem
unbedachteten Bremsmanöver, machte ich eine satte Bauchlandung auf der steilen
Schotterpiste. Außer einem Riesenschrecken, ein paar Schürfwunden und einem
schmerzenden Knie, war ich ich in Ordnung, nur mein Fahrrad nicht ... Die
Deichsel des fast 30 kg schweren Anhängers kam bei dem Sturz in einen viel zu
steilen Winkel zum Hinterrad und verbog so das Schaltungsauge, Wolfgang und
Michael waren bis in den Nachmittag hinein mit der Reparatur beschäftigt,
während ich dabei saß und mein lädiertes Knie mit zwei Tachyonensteinen
behandelte, was übrigens erstaunlich schnell Wirkung zeigte.
In
den darauffolgenden beiden Tagen strampelten wir uns von 200 m Talhöhe bis auf
1000 m hinauf in die Berge, größtenteils auf steilen, nicht enden wollenden
Schotterpisten, und bei eisigem Gegenwind. Da hilft es nur noch, sich stur auf
den eigenen Rythmus zu konzentrieren, um nicht hinter jeder Kurve den Gipfel zu
ersehnen und sich damit nur noch mehr zu quälen.
In der ersten
Nacht schlugen wir unser Lager dicht an der Schotterpiste auf. Wir waren viel zu
müde, um noch wählerisch zu sein, und freuten uns, überhaupte eine halbwegs
windstille Ecke gefunden zu haben. Die zweite Nacht verbrachten wir dann etwas
idyllischer an einem Bergsee und gestern erreichten wir dann den höchsten Punkt
auf 1000 m Höhe. Eigentlich hatten wir ja gedacht unsere Räder dort stehen zu
lassen und einen Wandertag einzulegen, aber der einzige wirklich gemütliche Ort
befand sich innerhalb des Schlafsacks. So radelten wir also schnellstmöglich
hinunter nach Lillehammer und werden hier erstmal die wärmende Sonne genießen
und morgen dann weitere Pläne schmieden ...
Mittwoch, den 23. Juni 2004 / Sortland (Vesteralen)
In Lillehammer fanden 1994 die Olympischen Winterspiele
statt. Das sieht man nicht nur an den vielen Skischanzen (ähnlich wie in
Oberstdorf), sondern man spürt es auch in der Ausstrahlung dieser etwas mondän
anmutenden Wintersportmetropole.
Wir waren uns schnell einig, daß wir gerne
mehr vom Norden Skandinaviens sehen wollten und so verließen wir Lillehammer am
nächsten Mittag mit dem Bus in Richtung Trondheim. Auch diese Entscheidung
erwies sich als goldrichtig, denn kaum daß wir im Bus saßen, begann es auch
schon in Strömen zu regnen. Doch damit nicht genug - während der Fahrt über's
Dovrefjell verwandelte sich der Regen in dicke Schneeflocken, was mich aber
nicht davon abhielt, Michael zu versprechen, daß bei unserer Ankunft in
Trondheim die Sonne scheinen würde :-)
Und so war es denn auch. Die Busfahrt
hatte sieben Stunden gedauert, wovon sechs Stunden ausgesprochenes Sauwetter
herrschte, aber kurz vor Trondheim riß der Himmel auf, und gegen 22 Uhr wurden
wir von der Sonne und einem kristallblauen Ozean willkommen geheißen.
Wir blieben drei Nächte lang bei Trondheim auf einem Campingplatz und
genossen es, dieses urgemütliche Fischerstädtchen mit dem Rad, und vor allem
ohne Gepäck, zu entdecken. Wir besuchten die Burg, staunten über die
Konstruktion des Fahrrad-Lifts und wir waren uns einig, noch nie eine bessere
gräucherte Makrele gegessen zu haben als die aus dem Fischgeschäft am Hafen.
Am 22. Juni verließen wir Trondheim mit der "MS Nordkap", einem Schiff
der "Hurtigrouten". Dank "Partnerrabatt" zahlten wir nur die Hälfte des normalen
Tarifs und somit kostete uns die 40-stündige Fahrt (1000 km) gerademal 2000 NOK
(ca. 250 Euro) incl. Räder und Gepäck aber ohne Kabine. So suchten wir dann am
Abend ein windgeschütztes, überdachtes Plätzchen auf einem der Decks und rollten
dort gemeinsam mit Hilda und Pascquale unsere Schlafsäcke aus. Hilda ist aus
Norwegen und Pasquale stammt aus der Schweiz. Die beiden sind seit einem Jahr
verheiratet und waren ebenfalls mit dem Rad unterwegs. Wir verbrachten einige
sehr schöne gemeinsame Stunden an Bord und erfuhren sehr viel über das Leben in
Norwegen und das norwegische Gesundheitssystem, denn Pascquale ist Arzt während
Hilda noch Medizin studiert, und das mit unübersehbarer Begeisterung :-) (Ich
freue mich immer, wenn ich Menschen treffe, die ihre Arbeit wirklich lieben und
ich wünsche Dir Hilda, daß Du Dir die Freude an Deinem gewählten Beruf erhalten
kannst!)
Wir genossen die Stunden an Bord wirklich sehr, wurden durch
traumhafte Küstenabschnitte geschippert, bestaunten den geschichtsträchtigen nur
30 m breiten Trollfjord mit seinen 1000 m hohen Wänden und hatten sogar das
unvergeßliche Erlebnis einer Herde Wale zu begegnen!
Einzig unser
Schlafbedürfnis kam etwas zu kurz, denn hier gibt es das Phänomen der
Mitternachtssonne, d.h. daß für mehrere Wochen im Sommer die Sonne nicht
untergeht und es rund um die Uhr taghell ist! Und da die Route immer entlang der
Küste führte, gab es auch dauernd wunderschöne Ausblicke zu genießen, von denen
wir verständlicherweise so wenig wie möglich versäumen wollten ...
Beinahe
hätten wir unseren Ausstieg verpaßt, weil wir Jerry kennenlernten, einen
Reiseradler aus GB, und uns seine offene Art und sein typisch englischer Humor
so angenehm war, daß wir die Zeit regelrecht verquatschten ... Das Aussteigen
war dann eine ziemliche Hals-über-Kopf-Aktion und eigentlich ist es ein Wunder,
daß bei unseren vielen Gepäckstücken kein Teil verloren ging bzw. vergessen
wurde.
So standen wir also morgens um 3 Uhr bei strahlendem Sonnenschein
und blauem Himmel am Hafen von Sortland. Sortland liegt auf den Vesteralen,
einer benachbarten Inselgruppe der Lofoten. Mit dem Schiff hatten wir diese
beiden Inselgruppen von Süd nach Nord durchquert und waren nun fast am
nördlichsten Punkt der Vesteralen ausgestiegen. Und in den nächsten Tagen wollen
wir diese Inseln erkunden und in gegengesetzter Richtung mit dem Rad
durchqueren, um dann vom südlichsten Punkt aus die Fähre rüber nach Bodo ans
Festland zu nehmen ...
Donnerstag, den 24. Juni 2004 / Sortland (Daniels
Geburtstag!)
Nachdem wir heute "nacht" das Schiff
verlassen hatten, und beide sehr müde waren, fuhren wir etwa außerhalb des Ortes
und schliefen ein paar Stunden am Strand, ohne Zelt. (Es ist allerdings sehr
ungewohnt und gar nicht so einfach einzuschlafen, wenn einem die Sonne ins
Gesicht scheint ...) Am Morgen radelten wir dann nach Sortland zurück, um
einzukaufen, eine Landkarte zu bekommen und vor allem um mit Daniel, Michaels
Ältesten zu telefonieren, der heute seinen 13. Geburtstag feiert! (Herzlichen
Glückwunsch!!!)
Dann machten wir uns auf in Richtung Myre und haben
soeben unser Lager an einem romantischen Bachdelta eingerichtet. Und der
wolkenlose strahlend blaue Himmel verführte uns wieder dazu nur unsere
Schlafsäcke auszurollen und abermals auf das Zelt zu verzichten ...
Freitag, den 25. Juni
2004 / Nyksund
Heute Nacht um 2 Uhr hat es angefangen zu
regnen - also haben wir in Windeseile das Tarp über unsere Schlafsäcke gespannt
... Vermutlich haben wir es dieser "Tarnung" zu verdanken, daß am Morgen vier
Elche ganz nahe an uns vorbeizogen!
Beim Einkauf in Myre lernten wir
Roman kennen. Er ist Tscheche und hilft über die Sommersaison beim Wiederaufbau
von Nyksund, einem alten, verlassenen Fischerdorf. Einige Deutsche haben sich
dort niedergelassen und es sich zur Aufgabe gemacht, die alten Fischerhäuser
wieder aufzubauen und zu bewirtschaften. (Unter http://www.nyksund-info.com/ soll es
weitere Infos dazu geben - ich hab' aber noch nicht reingeschaut, kann also
nicht sagen wie gut die Seite ist!) Aber Nyksund war sowieso unser Ziel für
heute und Romans begeisterte Schilderung nur ein Grund mehr dorthin zu radeln.
Allein der Weg dorthin ist schon ein Genuß, mit traumhaften Ausblicken entlang
wunderschöner Buchten. (Das Örtchen selbst hat mir so gut gefallen, daß ich mir
ernsthaft vorstellen kann, wiederzukommen und vielleicht auch für längere Zeit
dort zu bleiben ...)
Den Nachmittag verbrachte Michael mit Roman beim
gemeinsamen Klettern in den Klippen am Meer. Unterdessen erwanderte ich den
Hausberg, um den Ausblick von oben zu erleben und genoß anschließend eine Tasse
Kaffee bei Romans deutschen Arbeitgebern, die direkt am Hafen ein kleines Cafe
betreiben. Unser Zelt stellten wir oberhalb des Dorfes auf und zum Abendessen
spendierte Roman einen selbstgeangelten Dorsch!
Samstag, den 26. Juni 2004 / Sandset
Am Nachmittag verließen wir Nyksund und radelten zurück
nach Myre, um von dort mit einer kleinen Inselfährte nach Sandset zu gelangen.
Eines der beiden Besatzungsmitglieder war Michel, ein Deutscher, der schon seit
15 Jahren auf den Vesteralen lebt, mit einer Ergotherapeutin verheiratet ist,
und auch noch zufällig ein kleines Haus in Nyksund besitzt ... Wir hatten also
mehr als genug Gesprächsstoff während der zweistündigen Überfahrt, und die Zeit
verging wie im Fluge. Das Boot legte unterwegs mehrmals an und jedesmal wurde
unser Gespräch durch Michels Arbeit unterbrochen: Da mußten Fahrkarten an
zugestiegenen Passagiere verkauft werden, da wurden Briefe und Zeitschriften
transportiert, ein Kanister mit Trinkwasser und sehr zu unserer Erheiterung
sogar ein gefüllter Kochtopf :-) Diese kleine Fährboote sind ein wichtiger
Bestandteil des Lebens hier auf den Inseln, und ein wenig beneide ich Michel um
seine Arbeit, die er mit Liebe und Freude ausführt. (Ich kann zwar kein
Norwegisch, aber es war unübersehbar, daß er für jeden ein paar freundliche
Worte, oder zumindest eine nette Geste übrig hat). Solche Kontakte während des
Reisens sind für mich wie das Salz in der Suppe und ich freue mich schon jetzt
auf ein Wiedersehen und auch darauf Michels Familie kennenzulernen! (Michel
hatte uns ermuntert uns bei bei ihnen zu melden, falls wir mal wieder in die
Nähe kommen, und ich hab' so das Gefühl, daß unser Weg uns vielleicht wieder auf
die Inseln führen wird ...)
Sonntag, den 27. Juni 2004 / Stockmarknes
Heute sind wir etwa 60 km geradelt, bei grauem
verhangenen Himmel und viel Wind. Über Vinje und Straumsnes erreichten wir am
Abend die Hauptstadt der Vesteralen, Stockmarknes, und schlugen unser Zelt
inmitten von sumpfigem Islandmoos auf, kurz vor der Stadt.
Montag, den 28. Juni 2004
/ nahe Melbu
Während wir so dahinradelten kam mir Jerry
in den Sinn, der Engländer den wir auf dem Hurtigrouten-Schiff kurz vor unserem
Ausstieg kennengelernt hatten. Ich fragte mich, ob wir ihn wohl wiedersehen
würden. Er war nur eine Station weitergefahren als wir und wollte ebenfalls hier
auf den Inseln radeln. Da er seine Route und auch die einzelnen Etappen genauso
wenig plante wie wir, hatten wir es dem Zufall überlassen ob wir uns
wiedertreffen würden. Und während ich so an ihn dachte und mich fragte, wo er
denn nun sein könnte, da kam er uns gerade entgegen - welch eine Freude!
Gemeinsam besuchten wir dann noch eine sogenannte "Unwetterhöhle". Da hatte
jemand zwischen den Felsen am Meer aus Steinen so eine Art Hütte gebaut.
Ringsherum geschlossen, mit Grasdach und alten klapprigen Fenstern. In dem
winzigen Innenraum gab es einen kleinen Holzofen mit Teekessel und zwei
Sitzbänke. Urgemütlich! Die zwei Norwegerinnen, die wir dort vorfanden,
erzählten uns, daß ihr ehemaliger Schullehrer diese Hütte vor etlichen Jahren
gebaut habe, und daß sie manchmal hierher kommen, um gemeinsam Tee zu trinken
und um Abstand vom Alltag zu gewinnen.
Nachdem auch wir dort einen Tee
genossen hatten, suchten wir uns zusammen mit Jerry einen Lagerplatz für die
Nacht. Zum Abendessen kochten wir Spaghetti mit Spinat in Knoblauchsahnesauce
und bis spät in die Nacht wurde gegessen, geredet und gelacht ...
Dienstag, den 29. Juni
2004 / Kabelvag - Lofoten
Zu dritt nahmen wir heute früh
die Fähre nach Fiskeböl. Das heißt, wir haben die Vesteralen velassen und sind
nun auf den Lofoten. Landschaftlich hat sich dabei kaum etwas verändert, ein
Ausblick ist schöner als der andere ... Man muß sich die Inseln so vorstellen,
als stünden unsere Alpen direkt im Meer. Immer wieder steil aufragende Wände und
Gipfel und nur wenige Ortschaften dazwischen. (Wenn man diese hochalpine
Bergwelt von Weitem sieht, dann kann man sich kaum vorstellen, daß es möglich
sein soll, dort Fahrrad zu fahren. Aber tatsächlich führen die meisten Straßen
sehr flach an der Küste entlang und selbst im Innern der Inseln sind die
Steigungen noch moderat, sogar mit Hänger.)
Kurz nach Fiskeböl trennten sich
unsere Wege wieder und wir fuhren alleine weiter über Svolvaer zum Campingplatz
nach Kabelvag bzw Örsnes. Es war mal wieder Zeit für eine ausgiebige Dusche und
für's Wäschewaschen :-)
Freitag, den 2. Juli 2004 / Henningsvaer
Gleich drei Nächte blieben wir auf dem Campingplatz in
Kabelvag. Das Wetter war nicht sehr einladend und es gab immer wieder kurze
Regenschauer. So besuchten wir ein mit vielen Aquarien ausgestattetes Museum und
lernten dort allerlei über die verschiedenen Meeresbewohner.
Heute morgen
sind wir dann nach Henngsvaer aufgebrochen und haben zuerst einmal den Ort
besichtigt. Auch Henningsvaer ist ein altes Fischerdorf in dem sich viele
Künstler niedergelassen haben, wie vielerorts auf den Lofoten. Überall gibt es
handgemachte Kunstwerke zu kaufen, wie Kerzen und Keramik, Strickwaren oder
Skulpturen. Am meisten haben mich zwei junge Glasbläserinnen beeindruckt, denen
man bei der Arbeit zuschauen konnte. Die friedliche Atmosphäre in der Werkstatt
und ihre ruhige professionelle Arbeitsweise haben mich sehr angesprochen. Dort
wurde mir wieder einmal bewußt, wieviel Unruhe ich noch in mir habe - und daß
meine Sehnsucht nach dem Gegenpol langsam an Deutlichkeit gewinnt ...
Nachdem wir unser Zelt schon früh am Nachmittag außerhalb der
Ortschaft aufgeschlagen hatten, unternamen wir noch eine Paddeltour durch die
Schären. Kaum zu glauben, aber das war das erste Mal, daß wir auf unserer Reise
unser Boot benutzten! (Ursprünglich war das ja anders gedacht gewesen, aber
bisher hatte es nie so richtig gepaßt. Entweder war das Wetter zu schlecht oder
die Flüsse zu wild.) Nun paddelten wir also bei Sonnenschein und wolkenlosem
Himmel durch die zerklüftete Küstenlandschaft mit ihren vielen kleinen Inseln.
Wir warfen auch unsere Angelschnur aus und innerhalb kürzester Zeit hatten wir
vier Fische geangelt - allerdings war keiner größer als 15 oder 18 cm und so
ließen wir sie alle wieder frei :-) (Da ich zwar kein Fleisch, dafür aber sehr
gerne Fisch esse, hatte ich mir vorgenommen auf dieser Reise mindestens einmal
einen Fisch selbst zu fangen, zu töten und auszunehmen, um der Wahrheit ins Auge
zu sehen - und dann zu entscheiden, ob ich auch weiterhin Fisch essen möchte.
Innerlich drücke ich mich aber noch vor der Erfahrung und wenn ich ehrlich bin,
dann war ich jedesmal sehr erleichtert, wenn ich sah, daß das geangelte Exemplar
noch viel zu klein war ...)
Zum Abendessen gab es dann also
wieder Nudeln mit Gemüse und Sahnesauce :-)
Samstag, den 3. Juli 2004 / ca. 5 km hinter Leknes
Heute sind wir etwa 65 km geradelt, wieder an
wunderschönen Küstenabschnitten entlang, teilweise sogar mit karibikähnlichen,
weißen Sandstränden und türkisfarbenem Wasser! Nur die Palmen fehlen noch und
natürlich ein paar Grad Celsius ... (Selbst an sonnigen Tagen war es bisher kaum
wärmer als 15 oder 20 Grad Celsius, und der meist gnadenlose Wind läßt uns sogar
in der prallen Sonne schnell frösteln!)
Nachdem wir in Leknes
Geld abgehoben und eingekauft hatten, machten wir uns auf die Suche nach einem
Lagerplatz. Und gerade heute, wo es schon so spät und ich so hungrig und müde
war, dauerte es "ewig", bis wir ein Plätzchen fanden. (So ist das manchmal, da
fahren wir an den schönsten Plätzen vorbei, weil wir denken, daß es noch zu früh
zum Lagern sei und wir die wertvolle Zeit lieber zum Radeln und Weiterkommen
verbringen wollen. Und dann, wenn wir endlich lagern wollen, müssen wir manchmal
viel Zeit für die Suche opfern ... Nachdem uns das klar wurde, beschlossen wir
die Feste mehr zu feiern wie sie fallen, das heißt schöne Lagerplätze auch etwas
früher dankbar anzunehmen :-)
Sonntag, den 4. Juli 2004 / Moskenes, Lofoten
Knapp 60 km haben wir heute zurückgelegt, und nach vier
Stunden Dauerregen war ich trotz Gore-Tex-Jacke naß bis auf die Knochen ... Was
meine Füße angeht, so konnte ich mir gar nicht vorstellen, daß sie jemals wieder
warm werden würden! Dabei war es lange Zeit gar nicht so unangenehm gewesen,
solange wir in Bewegung waren. Aber nachdem wir für ein paar Minuten
stehenbleiben mußten, um auf die Karte zu sehen und uns zu orientieren, bin
insbesondere ich, einfach nicht mehr warm geworden. Tropfnaß liefen wir also den
Campingplatz hier in Moskenes an und hatten das Glück unser Zelt und das Tarp
ganz windgeschützt an einer Felswand aufbauen zu können. Und nach einer heißen
Dusche, einem gebratenen Fisch und einer Kanne Tee sah die Welt auch wieder viel
freundlicher aus :-) Den Fisch hatten wir unterwegs in einem Fischgeschäft
gekauft und dort auch ein kleines Stück Walfleisch mitgenommen.
Norwegen hat eine uralte Walfang-Tradition, aber aufgrund des internationalen
Drucks hatte das Land in den letzten 20 Jahren auf den Walfang verzichtet, ihn
aber vor kurzem wieder zugelassen, und die Welt schreit auf. Mehrere
Organisationen werfen den Norwegern vor auch geschützte Arten zu bejagen - die
Regierung bestreitet das. Angeblich kontrollieren sie die Bestände sehr genau
und geben nur einen geringen Prozentsatz von Walen, die nicht zu den vom
Aussterben bedrohten Arten gehören, zur Jagd frei.
Ich weiß
nicht, wem ich da glauben soll, ich wundere mich nur darüber, daß viele
Walfang-Gegner es schon aus moralische Gründen ablehnen Wale zu töten, und da
frage ich mich, wieso es moralischer sein soll Schweine und Kühe zu essen, die
in unseren Fleischfabriken ein jammervolles Leben führen müssen, bevor sie
endlich erlöst werden. Das halte ich für "unmoralisch"! Ein Wal hat wenigstens
sein Leben in Freiheit genießen können, und warum sollte er dann nicht auch
unter das Naturgesetz "Fressen und Gefressen werden" fallen? (Wohlgemerkt, ich
sage nicht, daß man Wale jagen sollte, ich wundere mich nur...)
Ich hatte also auch ein kleines Stück Walfleisch gekauft, einfach aus Neugierde.
Es ist ein sehr dunkles Fleisch, und im rohen Zustand erinnert es im Aussehen an
rohe Leber. In Butter gebraten läßt es sich am ehesten mit einem etwas zähen
Rumpsteak vergleichen und schmeckt überhaupt nicht nach Fisch. Kein Wunder, der
Wal ist ja auch ein Säugetier. Ich habe also gleich nach dem ersten Bissen das
Handtuch geworfen ... Michael fand es dagegen gar nicht schlecht, aber in
Begeisterung ist auch er nicht ausgebrochen - wir werden uns in Zukunft also
wieder den kleineren Meeresbewohnern zuwenden ...
Montag, den 5. Juli 2004 / Moskenes, A und Bodö
Bei sonnigem Wetter besuchten wir am Vormittag noch das
Torrfiskmuseum in "A", dem Dorf mit dem kürzesten Ortsnamen der Welt :-)
Torrfisk, auch Stockfisch genannt, ist nichts anderes als
getrockneter Dorsch, der von hier in die ganze Welt exportiert wird, vor allem
aber nach Italien und Brasilien. In diesem Museum erfuhren wir alles über die
Geschichte, die Herstellung und über die Qualitätsunterschiede. Außerdem gab es
ein historisches Fischermuseum mit alten Angelgeräten und Booten zu bestaunen,
sowie eine alte Schmiede und eine Trankocherei. Dort konnte man den gesunden und
mir aus Kindertagen noch sehr gut in Erinnerung gebliebenen Lebertran probieren
:-(
Am Abend verließen wir dann die Lofoten und kamen nach
zweistündiger Überfahrt gegen 22:30 Uhr auf dem Festland in Bodö an. Da es schon
so spät war schliefen wir kurzerhand am Hafen unter einem Dachüberstand, der uns
vor dem nächtlichen Regen bewahrte.
Dienstag, den 6. Juli 2004 / Fahrt nach Jäkkvik,
Schweden
Am Morgen nahmen wir den Bus in Richtung Osten,
um wieder nach Schweden zu gelangen. Der sogenannte "Silvervägen-Express"
verfügt sogar über eine hydraulische Laderampe, und so war das Verladen unseres
Gepäcks richtig komfortabel.
Sechs Stunden später stiegen wir
in Jäkkvik, etwa 65 km vor Arjeplog wieder aus. Nun waren wir also wieder in
Schweden, genauer gesagt im schwedischen Teil von Lappland. Jäkkvik besteht
lediglich aus einer Bushaltestelle, einem kleinen Supermarkt und einer
Tankstelle - es gibt also absolut nichts, was einen dort länger halten könnte,
und so radelten wir bald los, immer entlang der "Hauptstraße", d.h. daß etwa
alle zehn Minuten mit einem Auto zu rechnen war. Die Straße führte stur
geradeaus, vorbei an Seen und Wäldern, und Wäldern und Seen, dazwischen Mal ein
Wald oder ein kleinerer See ... Einzige Abwechslung boten die zahlreichen
Rentiere, aber auch an deren Anblick gewöhnt man sich schnell. Einziger Vorteil:
Es ist alles bretteben, aber auch langweilig ... Nachdem wir an die spektakuläre
Landschaft der Lofoten und der Vesteralen gewöhnt waren kam uns die Landschaft
hier sehr eintönig vor. Auch die Suche nach einem Lagerplatz war nicht einfach,
da die meisten Stellen dick von Islandmoos bewachsen sind und damit viel zu
sumpfig um darauf lagern zu können. (Bei der Lagerplatzsuche konnte ich so
richtig nachempfinden wie es sich für eine Ameise anfühlen muß, wenn sie über
einen nassen Badeschwamm läuft.)
Das Highlight des Tages waren
dann die Birkenpilze die Michael gefunden hatte und die unser Abendessen sehr
bereicherten!
Mittwoch,
den 7. Juli 2004
Es regnet in Strömen, ist saukalt und
ich vermisse die Inseln ... Wir beschließen uns heute nicht vom Fleck zu rühren
und verschlafen den Tag im Zelt. Am Abend hören wir im Radio, daß dies in
Skandinavien der kälteste Sommer seit 1928 ist - es gibt ja wohl kaum eine
Erfahrung die wir auslassen ...
Donnerstag, den 8. Juli 2004 / Arjeplog
Der Regen hatte etwas nachgelassen und wir sind weiter
geradelt und haben uns in Arjeplog erstmal mit Geld und Lebensmitteln versorgt.
Am Abend fanden wir dann ein romantisches Plätzchen an einem Anglersee mit
Unterstand und Feuerstelle, was uns dazu verleitete auf das Zelt zu verzichten.
Aber da es hier, anders als auf den Lofoten, keinen Wind, aber viele viele
Mücken gibt bauten wir mitten in der Nacht dann doch noch das Innenzelt auf ...
Freitag, den 9. Juli 2004
/ bis kurz vor Slagnäs
Das Wetter hat sich etwas
gebessert, ist aber noch immer "durchwachsen". Wir folgen unserer Hauptstraße
und machen einen Abstecher zu einem Sami-Center und erfahren dort einiges über
die Kultur der Ureinwohner. Michael freut sich über ein Stück getrocknetes
Rentierfleisch was er dort erstanden hat. Am Abend lagern wir in einem
kiesgrubenähnlichen Gelände und machen Feuer, weil es sonst vor lauter Mücken
kaum auszuhalten ist. Vor allem mein Blut scheinen sie zu mögen, und ich frage
mich, wovon sich diese Biester ernähren, wenn ich nicht da bin. Wir entschließen
uns am nächsten Tag noch bis Slagnäs zu radeln und dann von dort den Bus nach
Östersund zu nehmen und eventuell Gunnar und Siv zu besuchen ...
Samstag, den 10. Juli
2004 / Östersund
Wir radeln die letzten Kilometer bis
Slagnäs und nehmen dort um 15 Uhr den Bus nach Östersund. Als wir dort um 20:30
Uhr ankommen rebelliert Michaels vegetatives Nervensystem. Ihm ist übel und er
ist kalkweiß, woraufhin wir den nächsten Campingplatz, mitten in der Stadt,
anlaufen. Kurze Zeit später geht es ihm schon wieder viel besser und wir
beschließen morgen früh bei Gunnar und Siv anzurufen, um mal zu hören, ob sie
Zeit und Lust haben uns zu sehen.
Sonntag, den 11. Juli 2004 / Östersund
Gunnar hatten wir im vergangenen Herbst nahe bei
Stockholm kennengelernt. Mit unserem Boot sind wir damals im Mälaren-See
gepaddelt und hatten gerade eine kleine Pause eingelegt, als ein älterer Herr
mit seinem kleinem schwarzen Hund am Ufer spazieren ging. Wir kamen ins
Gespräch, und da er sehr gut Deutsch sprach, und wir ganz heiß darauf waren
etwas über das Land und vorallem über die Schweden zu erfahren, entwickelte sich
schnell eine lebhafte Unterhaltung. Unter anderem erzählte er uns von seinem
Haus in der Nähe von Östersund, schwärmte von der Einsamkeit, der Wildnis und
den Seen dort, und lud uns ein, bei ihm und seiner Frau zu Gast zu sein wenn wir
auf unserer großen Reise durch Skandinavien in ihre Nähe kommen sollten ...
Und nun sind wir in der Nähe. Die beiden wohnen in einem
winzigen Dorf etwa 50 km südöstlich von Österund. Zuerst zögern wir noch so
einfach anzurufen. Seit der ersten und einzigen Begegnung in Stockholm ist ein
Jahr vergangen und zwischenzeitlich hatten wir nur zweimal brieflichen Kontakt.
Wer weiß ob Gunnar sich überhaupt noch an uns erinnert? Vielleicht haben sie ja
auch gar keine Zeit und wir kommen völlig ungelegen?
Das
Telefonat ergibt, daß sie durch ihr Rentnerdasein alle Zeit der Welt haben und
sich freuen, wenn wir so schnell wie möglich bei ihnen vor der Haustür stehen
:-) Aber wir wollen erstmal den heutigen Vormittag zum Wäschewaschen und Duschen
nutzen, um wenigstens einen halbwegs zivilisierten Eindruck zu vermitteln, und
versprechen bis morgen mittag anzukommen.
Gerade als wir hier
am Nachmittag das Zelt einpacken wollen fängt es wieder in Strömen an zu regnen
... Also werden wir noch eine weitere Nacht hier bleiben und uns morgen
ausnahmsweise mal sehr zeitig auf den Weg machen ...
Montag, den 12. Juli 2004 / Gällö bzw. Nor
Wir stehen um 6:00 Uhr auf, und um 8:00 Uhr sitzen wir
schon auf den Rädern, um wie versprochen um die Mittagszeit anzukommen. Wir
wählen eine Route, die etwas abseits der Hauptstrecke verläuft, und tatsächlich
sind wir die ganze Zeit alleine unterwegs. Erst als wir Gällö, einen Ort mit
vielleicht 500 Einwohnern erreichen, wird uns klar, daß Gunnar und Siv nicht
direkt dort wohnen, sondern im 15 km entfernten Dorf "Nor", welches so klein
ist, daß man es nur auf einer 50.000-er Karte finden kann, die wir natürlich
nicht haben.
Wir folgen also einem 15 km langen Waldweg und
erwarten hinter jeder Biegung, daß er sich als Holzweg entpuppt, aber am Ende
erreichen wir tatsächlich eine Ansammlung von ca. 10 Häusern, die sich "Nor"
nennt :-) Gunnar und seine Frau bewohnen dort ein altes, typisch schwedisches
Häuschen. Auch das Nachbarhaus gehört mit zu ihrem Anwesen. Dort befindet sich
nicht nur Gunnar's Werkstatt und die Waschküche, sondern auch ein schöner heller
Gästeraum, in dem wir uns einquartieren dürfen.
Bis in die
Nacht hinein wird geredet und gegessen - die Herzlichkeit und Offenheit der
beiden ist wirklich nur schwer zu übertreffen!
Montag, den 13. Juli 2004 / Nor
Gunnar und Siv laden uns ein zu einer "Sightseeing-Tour"
mit ihrem Auto. Wir sehen und erfahren viel über die Gegend, die Geschichte und
die wenigen Menschen die dort leben und lebten. Bei der Mittagsrast am See
zaubert Siv zu unserer Überraschung ein Picknick aus dem Kofferraum. Am
Nachmittag besuchen wir noch einen kleinen Wasserfall, und Gunnar hüpft mit
seinen 78 Jahren so geschickt über die Steine, daß ich nur staunen kann, und
mich tatsächlich beeilen muß um mithalten zu können! Auf meine Frage, wie er es
denn angestellt habe, so lange so fit zu bleiben, antwortet er nur: "Ich hatte
immer etwas zu tun und hatte viele Ziele (!). Außerdem war ich immer
optimistisch und hab nie über Krankheiten geredet. So viele alte Leute sitzen
zusammen und reden über ihre Krankheiten - da muß man ja krank werden ..."
Am Abend bekocht uns Siv mit gebratetenem Kabeljau und
Kartoffeln und wir schmieden Paddelpläne, denn hier vor der Haustür liegen
mehrere Seen, die miteinander verbunden sind und sich nicht nur sehr gut für
eine mehrtägige Bootstour eignen, sondern die auch noch vom Kanu-Tourismus
weitgehend unentdeckt geblieben sind ...
Mittwoch, den 14. Juli 2004 / Paddeltour
Nach einem ausgiebigen Frühstück laden wir unser fürs
Paddeln notwendiges Equipment in Gunnars Auto - den Rest, einschließlich der
Fahrräder lassen wir bei den beiden zurück. Gunnar fährt uns dann zum Einkaufen
und Tanken, (Nein wir haben keinen Hilfsmotor - nur einen Benzinkocher :-) )
bevor er uns an eine günstig gelegene Einsatzstelle bringt. Wir rechnen mit
einer Bootstour von 3-4 Tagen, haben aber vorsichtshalber für mindestens eine
Woche eingekauft. So sind wir frei und können die Tour noch verlängern, wenn uns
danach sein sollte und das Wetter mitspielt.
Wir sitzen gerade
mal zwei Stunden im Boot als uns ein herrlicher Sandstrand zum Lagern einlädt.
Kaum sind wir an Land, ziehen dunkelgraue Wolken auf, und das so schnell, daß
wir es gerade noch schaffen das Zelt aufzubauen und unsere Taschen reinzuwerfen,
bevor die Wolken sich öffen. Vom Zelt aus beobachten wir dann wie bis zu 15 mm
dicke Hagelkörner niederprasseln - ein tolles Schauspiel, vor allem wenn die
Körner mit lautem Platschen in den See fallen. Nach wenigen Minuten ist der Spuk
schon wieder vorbei und wir können zum gemütlichen Teil des Abends übergehen,
indem wir Feuer machen und sogar noch ein wenig die Abendsonne genießen dürfen
...
Donnerstag, den 15.
Juli 2004
Wir machen Mittagsrast auf einem großen runden
Felsen am See. Während ich noch faul in der Sonne liege erkundet Michael die
Umgebung und findet eine winzige schwimmende Hütte, die mit Drahtseilen in einer
kleinen Bucht verankert ist. Die Tür ist unverschlossen und auf 12 qm findet
sich tatsächlich alles, was man braucht:
Ein winziger Tisch mit Eckbank und
zwei Stühlen, zwei Stockbetten mit insgesamt vier Schlafplätzen, ein alter
Sekretär, der als Küchenzeile dient, und zu unserer großen Freude, ein kleiner,
selbstgeschweißter Holzofen!
Auf dem Tisch liegt ein dickes Gästebuch. Den
teilweise englischen Einträgen können wir entnehmen, daß die Hütte
offensichtlich der Allgemeinheit zur Nutzung zur Verfügung steht. In einem
Hängeschrank finden wir eine Grundausstattung an Küchenutensilien und sogar
einen Vorrat an Lebensmitteln gibt es, von dem allerdings ein Großteil schon
veraltet ist. Insgesamt ist die Hütte nicht sehr sauber und der Zustand läßt
leider sehr deutlich darauf schließen, daß die letzten Gäste die Großzügigkeit
der Eigentümer offensichtlich nicht mit Sauberkeit zu beantworten wußten. Fast
das ganze Geschirr klebt beim Anfassen, einige Teller sind gänzlich ungespült,
und in einem Topf befinden sich bis zur Unkenntlichkeit verschimmelte
Speisereste. Ein kleiner Vorrat an Brennholz ist zwar noch vorhanden, aber es
zeigt sich schnell, daß die Stücke allesamt zu lang sind, um in den Ofen zu
passen.
Wir brauchen nicht lange zu beratschlagen, um uns einig zu sein, daß
wir den restlichen Tag und die kommende Nacht hierbleiben werden, und sogleich
machen wir uns an die Arbeit. Michael hackt das Holz, während ich Ordnung in der
Küche schaffe.
Ein in schwedischer Sprache über dem Ofen
angebrachter Zettel macht uns stutzig. Das einzige Wort, das wir übersetzen
können ist "Skorsten", weil wir irgendwo aufgeschnappt haben, daß es zu deutsch
"Schornstein" heißt. Der Rest war für uns unverständlich, weil wir das
Wörterbuch bei den Rädern zurückgelassen haben ... Nach kurzer Prüfung des ins
freie führenden Ofenrohrs ist uns der Sinn aber schnell klar: Die fehlende
Kaminabdeckung auf dem Dach ist durch eine leere, darübergestülpte Konservendose
ersetzt worden, und diese muß man natürlich vor Inbetriebnahme des Ofens mit
einer extra dafür vorgesehenen Stange entfernen.
Am Abend
schmoren wir unser Gemüse in einer großen Wok-Pfanne auf dem Ofen und genießen
es, in der warmen, gemütlichen Hütte zu sein, anstatt nun draußen, im
einsetzenden Regenwetter, unser Zelt aufbauen zu müssen. :-)
Freitag, den 16. Juli
2004
Beim Frühstück beschließen wir, daß wir noch bleiben
wollen. Ich mache Yoga auf "unserer" Veranda in der Sonne, während Michael sich
um kleine Reparaturen an der Hütte kümmert.
Der Tag vergeht schnell, und am
Abend sitzen wir noch lange an der Feuerstelle vor der Hütte.
Freitag, den 17. Juli
2004
Auch heute wollen wir noch nicht aufbrechen. Als wir
von einem kurzen Spaziergang zurückkommen, finden wir Elisabeth, die Besitzerin
der Hütte und ihren Freund dort vor.
Elisabeth kommt nur zweimal im Jahr
hier vorbei, um nach dem Rechten zu sehen, und sie ermuntert uns, solange zu
bleiben wie es uns Spaß macht. Ihr Vater hatte 1968 die Hütte gebaut und seitdem
wird sie hauptsächlich von Anglern genutzt. Neben der Eingangstüre festgepinnte,
und inzwischen getrocknete Fischköpfe zeugen von einstigem Anglerglück.
Elisabeth und ihr Begleiter wollen nicht über Nacht bleiben, sondern nur ihr
Mittagessen an der Feuerstelle der Hütte zubereiten. So lernen wir ein einfaches
Gericht kennen, welches die schwedischen Waldarbeiter aufgrund der Einfachheit
der Zutaten früher häufig aßen: Pfannkuchen nur aus Wasser und Mehl und mit
gebratenem Speck gemacht. Dazu gibt es das allgegenwärtige Preiselbeerkompott.
(Da wir uns nicht mehr so genau an den schwedischen Namen dieser Speise erinnern
können, nennen wir sie seitdem "Waldarbeiter-Bular").
Sonntag, den 18. Juli 2004
Das Thema "Abreise" haben wir bei unserem heutigen
Frühstück erst gar nicht angeschnitten .. :-)
Am Nachmittag unternehmen wir
eine Wanderung und besuchen eine wunderschöne Badestelle mit mehreren
Wasserfällen und einer Lachstreppe die es den Tieren ermöglicht ihre
Laichgebiete zu erreichen.
Am Abend brutzeln wir uns leckere Bratkartoffeln
auf dem Feuer vor unserer Hütte, und nach einem Bad im kalten See tut es gut,
sich drinnen am warmen Ofen aufwärmen zu können.
Montag, den 19. Juli 2004
Immer
noch da ...
Dienstag, den
20. Juli 2004
Beim heutigen Frühstück entschließen wir
uns, daß die nun endlich unser letzter Tag hier sein soll.
Ich mache nochmal
Yoga in der Sonne, während Michael aus einer leeren Konservendose einen
sogenannten "Hobo-Ofen" bastelt, und sich fast den ganzen Tag damit beschäftigt.
(...wenn ich daran denke was für kostspieliges Spielzeug manch' anderer Mann so
braucht... ;-)
(Ein HOBO-OFEN wird nur mit kleinen Holzstückchen gespeist und
Michael schafft es am Ende einen Liter Wasser in nur zehn Minuten zum Kochen zu
bringen! Trotzdem werden wir aber in Zukunft nicht auf unseren Benzinkocher
verzichten :-)
Am Abend packen wir unsere Sachen und bereiten uns auf die
morgige Abreise vor.
Mittwoch, den 21. Juli 2004
Wir
verlassen "unsere" Hütte und machen uns wieder auf den Weg.
Zwei große
Umtragestellen haben wir zu bewältigen, und schon bei der ersten bricht ein Rad
des Bootswagens, so daß wir das Boot und einen Teil des Gepäcks tatsächlich
tragen müssen. So bewältigen wir heute nur eine relativ kurze Strecke, sind aber
am Abend richtig geschafft. Unser Lager schlagen wir an einem Sandstrand auf an
dem es vor Ameisen und Stechmücken nur so wimmelt. Ach wie schön war es doch in
unserer kleinen Hütte...
Donnerstag, den 22. Juli 2004 /Nor
Den ganzen Tag paddeln wir bei Wind und wolkenverhangenem Wetter, kommen am Nachmittag wieder in Nor bei Gunnar und Siv an, wo wir bis fast vor die Haustür paddeln können. Die beiden haben inzwischen Besuch bekommen von ihrem Sohn Lars, dessen Frau Hedwig, und den beiden Enkelkindern Erik und Elsa. Und wieder werden wir aufs Herzlichste empfangen. Es wird das Boot bestaunt, der Hänger bewundert und unsere Räder begutachtet. (Bei solchen Gelegenheiten wird mir dann wieder bewußt dass es ja nicht so alltäglich ist was wir derzeit machen, auch wenn es sich nach gut 2 Monaten für mich schon so ganz normal anfühlt.)
Natürlich hat die gute Siv sich schon um uns gesorgt, und mit einem
Suchtrupp aus Booten und Hubschraubern gedroht, falls wir noch länger als
maximal 3 Tage verschollen geblieben wären. :-) Aber nun ist sie ja beruhigt,
und zur Feier des Tages wird gekocht was das Zeug hält, und sogar
selbstgebackenes Brot nach deutscher Art gibt es – ohne Krümelfaktor, ohne
Zucker und sogar richtig knusprig – ich kann mich kaum beherrschen vor
Entzücken. (Das normale schwedische Brot ist leider eine Katastrophe... d.h. für
eine schwedische Omi ist es sicher angenehm, denn es zergeht auf der Zunge, und
man braucht noch nichtmal den Rand abzuschneiden um es auch ohne Zahnersatz
problemlos „genießen“ zu können...)
Die Unterhaltung führen wir nun in
Englisch, und Lars und Hedwig, die beide beim schwedischen Fernsehen arbeiten
haben viel Interessantes aus ihrer Welt, und ihrem Leben in Stockholm zu
erzählen. Ich bin erstaunt wie sehr wir in die Familie integriert sind. Es fühlt
sich tatsächlich an als hätten wir schon immer dazugehört.
Freitag, den 23. Juli 2004 /Nor-Brunflo
Nach dem Frühstück läd uns „Kapitän“ Erik (11 Jahre alt) zu einer
Sightseeing-tour mit einem kleinen alten Motorboot ein. Er umrundet eine kleine
Insel mit uns, und zeigt uns mit welchem Angelzubehör er die dicksten Fische
fängt. Er macht seine Sache sehr gut. Nur auf dem Rückweg, da fährt er ein paar
mal durch sehr flache Gewässerstellen, so dass ich um den Aussenbordmotor bange,
aber alles geht gut.
Da unsere Angelbemühungen bisher noch immer nicht von
Erfolg gekrönt waren hat er Mitleid mit uns, und schenkt uns schließlich einen
Blinker und einen Köderfisch aus Plastik. Vielleicht haben wir ja damit in
Zukunft mehr Glück.
Am Nachmittag brechen wir dann wieder auf. Ich freue mich nach dieser Fahrradpause wieder radeln zu dürfen, und als wir vom Hof rollen trage ich zum allererstenmal ein ärmelloses T-Shirt und eine kurze Hose. Endlich wird es auch in Schweden Sommer! :o)
Die 55km nach Brunflo rollen die Räder fast von alleine, trotz Schotterpiste und endlosen Hügeln. Wir sind gut gelaunt und voller Energie – erstaunlich was so eine Pause und ein bischen Sonnenschein ausmachen können! Von dort aus wollen wir morgen früh den Bus nach Mora nehmen. Wir haben Glück und brauchen heute nicht das Zelt aufzuschlagen, denn wir finden einen alten Geräteschuppen der an 3 Seiten geschlossen ist, und uns als Nachtlager dient. Nach einem reichhaltigen Thunfischsalat gehen wir früh zu Bett, äh zu Schlafsack meine ich natürlich...
Samstag, den 24. Juli 2004 /Mora
Schon um 7:20 geht unser Bus nach
Mora, wir müssen also zeitig aufstehen und sind froh dass wir uns die Zeit für's
Zeltabbauen sparen können. Alles klappt mal wieder bestens, und für die 300km
zahlen wir nur 340SEK, für die Räder wird uns nichts berechnet. Beim Einkauf in
Mora treffen wir auf Uwe und Tanja, zwei Reiseradler die zu unserer grossen
Freude und Verwunderung ebenfalls ein Boot im Anhänger mitschleppen! (Einen
Schlauch-Kanadier) Hurra! Es gibt also noch mehr Verrückte! (Wenn es Euch
interessiert mehr von den beiden zu lesen, dann schaut doch mal rein bei www.auszeitzuzweit.de )
Während
wir also vor dem ICA-Supermarkt stehen und reden und reden baut Michael
plötzlich ab. Sein Kreislauf scheint verrückt zu spielen, ihm ist übel und er
ist kalkweiß – genau wie bei unsere Ankunft in Östersund vor rund 2 Wochen. Da
Tanja und Uwe sich schon hier in Mora auf dem Campingplatz eingenistet haben,
beschließen wir kurzerhand dort unser Zelt aufzuschlagen und unsere Weiterreise
erstmal auf morgen zu verschieben, vorrausgesetzt dass Michael bis dahin wieder
fit ist. (Möglicherweise verträgt er das Busfahren nicht?)
Sonntag, den 25. Juli 2004 /Oxberg
Michael geht es wieder besser, trotzdem wollen wir nicht gleich weiter –
zu schön ist der Kontakt mit den anderen beiden Verrückten, in deren direkter
Nachbarschaft wir unser Zelt aufgeschlagen haben. Wir verquatschen den ganzen
Vormittag, und ich staune wieviel Gemeinsamkeiten sich finden. Während die
Männer sich hauptsächlich über technische Details der Ausrüstung unterhalten,
(endlich hat Michael mal jemand der ihn versteht ;-) freue ich mich mit Tanja
über typisch weibliche Themen austauschen zu können, das tut richtig
gut.
Gegen 12 Uhr am Mittag erheben sich die beiden um sich zu verabschieden,
und die nächsten 2 Stunden reden wir dann im Stehen weiter... Als sie dann nach
mehrmaligem Anlauf „endlich“ weg sind, kriegen auch wir die Kurve und machen uns
gg. 15.00 Uhr wieder auf den Weg. So faul wie der Tag begonnen hat, geht er auch
weiter, denn schon nach knapp 30km schlagen wir unser Zelt schon wieder in der
Nähe von Oxberg auf, am Rande eines Badesees.
Montag, den 26. Juli 2004 /Sälen
Ein schöner Radeltag bei sonnigem Wetter. Nach 65km sind wir am Ausgangspunkt einer weiteren Kanutour angekommen, und auf einer grossen Wiese auf dem Gelände eines Kanu-Centers dürfen wir lagern. Während Michael das Boot aufbaut, bzw. sich mit einem Angestellten des Kanuverleihs unterhält, sitze ich noch lange in der Sonne und schreibe unsere Reiseberichte. Mein Versuch den Einkauf schon heute abend zu erledigen scheitert an den ungewöhnlichen Öffnungszeiten des örtlichen Supermarktes, und ich stehe vor verschlossenen Türen.
Dienstag, den 27. Juli 2004 - Vaesterdalaelven (Saelen)
Wir haben keine Vorräte mehr, und so müssen wir erstmal einkaufen bevor
wir Frühstücken können, und so wird es wieder mal fast mittag bis wir
loskommen.
Zum ersten Mal paddeln wir nun mit dem ganzen Gepäck,
einschliesslich der Räder im Boot, und sind zweifellos die Attraktion auf dem
Fluss. Leider ist der Wasserstand etwas niedrig, und die Fliessgeschwindigkeit
so langsam dass wir uns jeden Meter selbst erarbeiten müssen.
Aber wir
bekommen viele Biber zu sehen, und am Abend gibt es einen schönen Lagerplatz und
gegrillte (gekaufte) Heringe mit Folienkartoffeln.
Mittwoch, den 28. Juli 2004 /Lima - Vaesterdalaelven
Es ist richtig heiss heute, und wir machen viele Pausen, vor allem wegen
der leckeren Him- und Johannisbeeren. Bedingt durch den niedrigen Wasserstand
beginnt jedoch der Fluss an einigen Stellen im Uferbereich sehr unappetitliche
Gerüche zu entwickeln, und einige Male verleidet uns diese Tatsache sogar das
Aussteigen. Ausserdem ist die Paddellei bei dem beinahe stehenden Gewässer keine
wirkliche Freude. Bis zum Abend haben wir dann beide genug und beschließen diese
müde Brühe zu verlassen und uns wieder auf die Räder zu schwingen. Michael hat
die Idee ein Tal weiter zu radeln, in der Hoffnung dass auf der sogenannten
„Flößerstrecke“ am Klarälven, die Bedingungen etwas besser sein werden..
Wir
finden einen Lagerplatz von dem aus wir morgen früh über einen Feldweg recht gut
die Strasse erreichen können, und packen das Boot wieder auf den
Hänger.
Donnerstag den 29. Juli
2004 / Malung
Schon nach 3 km müssen wir die erste Pause machen. Mein Hinterrad hat
einen Plattfuß und sogar der Mantel ist beschädigt. Hier rächt es sich also dass
wir den porösen Mantel nicht schon vor der Reise ausgetauscht haben. Der Reifen
war schon etwas älter, aber kaum gefahren und das Profil noch wie neu, deshalb
hatten wir darauf verzichtet. Michael schafft es mit drei kunstvoll übereinander
geklebten Flicken den Reifen notdürftig zu reparieren, und ich bete dass er hält
bis wir Malung erreichen, und dort ein Radgeschäft aufsuchen können.
Er
hält. Aber wir bekommen in Malung nicht den gewünschten Mantel, und so kauft
Michael einen etwas schmaleren Reifen, den er dann als Vorderrad montiert.
In
Malung kaufe ich auch zum ersten Mal eine neue Flasche Sonnencreme. Unglaublich,
aber bis zu diesem Zeitpunkt sind wir zu zweit mit einer einzigen 50ml-Flasche
Tiroler Nußöl Schutzfaktor 6 ausgekommen. Soviel zum bisherigen Wetter – von
Beileidsbekundungen bitten wir abzusehen...
Die Suche nach einem schönen
Lagerplatz gestaltet sich heute schwierig, und schliesslich geben wir auf und
schlagen unser Zelt auf einem buckeligen Holzweg, ohne Atmosphäre, und nahe der
Strasse auf. Wir sind beide genervt, ich schlafe mit dem Kopf abwärts, und
Michael versucht die halbe Nacht sich mit der Wurzel unter seinem linken
Schulterblatt zu arrangieren...
Freitag, den 30. Juli 2004 / Sysslebäck
Der Klarälven hat zwar auch etwas wenig Wasser, aber er strömt, und das
Wasser ist so sauber dass man sich tatsächlich vorstellen kann darin zu baden!
An einigen Stellen gibt es sogar kleine Stromschnellen, und wir freuen uns über
unsere Entscheidung hierher gekommen zu sein.
Wir lagern direkt am Fluss,
und erst nachdem das Zelt schon steht merken wir dass ganz in der Nähe 5
polnische Saisonarbeiter ihr Zelt aufgebaut haben. Sie sammeln Beeren in den
Wäldern und verkaufen diese für einen geringen Lohn an die Idustriebetriebe. Wir
müssen feststellen dass wir nicht ganz frei sind von Vorurteilen, und ich
schlafe in dieser Nacht ausgesprochen unruhig. Daran können auch die
„Waldarbeiter-Bular“ nichts ändern die wir uns ertstmals zum Abendessen backen.
(Für mich natürlich in der vegetarischen Version mit Zwiebeln :-))
Samstag, den 31. Juli 2004 / Klarälven
Als ich am Morgen erwache stelle ich fest daß wir nicht ausgeraubt wurden, und dass auch unsere Fahrräder in der Nacht unangetastet geblieben sind. Die 5 polnischen Männer sind schon in Aufbruchstimmung, und als sie weg sind habe ich das Bedürfnis ihren Lagerplatz zu inspizieren. Was ich finde ist absolut vorbildlich. Noch nichtmal den winzigsten Schnipsel haben sie zurückgelassen, nur das zerdrückte Gras an der Stelle an der ihr Zelt stand, erinnert an ihre Gegenwart. Ich schäme mich ein bischen für mein Mißtrauen...
Wir erleben einen vorbildlichen Paddeltag bei tollem Wetter und klarem,
strömendem Wasser.
Am Abend lagern wir auf einer Halbinsel mit schönem
Sandstrand. Allerdings fängt es kurz bevor wir das Zelt aufbauen können an zu
regnen, und später wird es dann schwierig trockenes Brennholz für meine
geliebten Folienkartoffeln zu finden.
Sonntag, den 1. August / Klarälven
Der Klarälven hat den Vorzug dass es auf 120km keine einzige
Umtragegestelle gibt, und das macht diesen Fluß besonders bei Floßfahrern
beliebt. Unter Anleitung können hier outdoorwütige Urlauber ihr Floß selbst
zusammenbauen, und sich damit dann den Fluß in 3, 5, oder 7 Tagen hinunter
treiben lassen. Das klingt ja erstmal sehr romantisch, aber die Meisten die wir
treffen machen gar nicht so einen sehr glücklichen Eindruck. So mancher beklagt
sich dass es ein ganz schön hartes Stück Arbeit gewesen sei, das Floß
zusammenzubauen. Drei Lagen schwerer Baumstämme müssen übereinander plaziert
werden, darüber kommt dann noch ein Aufbau der mittels einer Plane Schutz vor
Regen und Sonne bieten soll.
Da so ein schweres Floß nicht, bzw. kaum
gelenkt werden kann, läuft es immer mal wieder auf Sandbänken auf, und muss
mittels langer Stangen – und viel Muskelkraft - so manches Mal befreit
werden.
Wir treffen die unterschiedlichsten Leute, können schon am Baustil
des Floßes von Weitem erkennen ob wir es mit einer outdoorerfahrenen Besatzung
zu tun haben, und stellen fest dass nicht jeder auf dem Fluß in der Lage ist
sein Abenteuer genießen zu können. Wir sehen Flosse die so instabil gebaut
wurden dass sie fast zusammenbrechen, und solche, deren Besitzer offensichtilich
nicht nur mit handwerklicher Begabung ausgestattet sind, sondern auch mit guten,
kreativen Ideen. Wir lernen nette Leute kennen, meist Deutsche, aber auch einige
Holländer und Engländer die sich auf dem Fluss tummeln.
So mancher scheint
Mühe zu haben den ganzen Tag auf seiner Plattform zu sitzen, und nichts tun zu
können. Da geht es uns schon besser. Wir können unser Tempo varieren, und selbst
wenn wir trödeln und häufig an Land gehen, überholen wir immer noch viele, viele
Floße... Und wir haben den Vorteil dass wir den den Fluss jederzeit verlassen,
und uns auf die Räder setzen können, wenn wir keine Lust mehr haben sollten.
Aber so ein Flößer, der muss dann da durch bis zum bitteren Ende, hat er sich
doch vertraglich verpflichtet sein Floß am Zielpunkt auch wieder
abzubauen...
Wir treffen auf eine holländische Floßfahrer-Familie mit zwei Kindern, die besonders unglücklich aussehen. Sie erzählen uns dass sie einkaufen müssen, aber der einzige erreichbare Supermarkt hat heute am Sonntag geschlossen, und sie haben „nichts“ mehr. Die Verzweiflung steht dem Familienvater ins Gesicht geschrieben, und er macht deutlich wie schlimm die Situation vor allem für die Kinder ist. Als gut erzogene, soziale Wesen sind wir natürlich sofort bereit von unseren Vorräten etwas abzugeben, denn wir haben genug um die ganze Familie mitversorgen zu können, aber sie lehnen ab. Nach einigem hin und her erklären sie uns dass sie noch genügend Lebensmittel haben, es sei nur nichts mehr zu Trinken da, und die Kinder haben solchen Durst. Angespornt durch das Leid von zwei unschuldigen Kindern, bricht bei mir die Rettermentalität nun vollends durch, und ich biete sofort unseren Trinkwasservorrat an. Wir haben einen sehr guten Wasserfilter dabei, und können jederzeit beliebig viel Trinkwasser aus dem Fluss gewinnen, aber auch das lehnen sie ab. Nein, nein, Wasser haben sie genug und die Frau zeigt uns einen vollen Kanister. Wir schauen uns ratlos an, und ich zweifle an meinen Englischkenntnissen. Es dauert eine Weile bis wir verstehen wo das Problem eigentlich liegt: Die Limonade ist ausgegangen...
Das gute, warme Wetter wollen wir in der Mittagspause zum Haarewaschen
nutzen. (Natürlich nicht im Fluß, sondern so weit abseits, damit das
Seifenwasser im Erdreich versickert, und nicht in den Bach gelangt. Und mit so
wenig Shampoo wie möglich!) Wenn man sich gegenseitig dabei assistiert, dann
geht das ganz gut. Kurze Zeit später gibt es allerdings einen langen
Regenschauer und den sitzen wir unter dem Tarp aus. Da es sich so richtig
einzuregnen scheint, packe ich sogar noch den Kocher aus und koche Kaffee. Es
feht nur noch das Yes-Torty... Als es dann eigentlich schon Zeit wäre um das
Nachtlager aufzuschlagen steigen wir wieder ins Boot und paddeln in der
Abendsonne (unglaublich wie schnell das Wetter sich ändert) noch bis etwa 21Uhr
– und sehen aufgrund der späten Stunde viele Biber!
Montag, den 2. August / Klarälven
Das Wetter kann
sich noch bis zur Mittagspause beherrschen, dann öffnen sich die Wolken. Und das
ausgerechnet als wir unsere Lebensmittel vor uns ausgebreitet haben und gerade
anfangen wollen zu essen. Also haben wir in Windeseile, mit kauenden Backen, das
Tarp aufgebaut, und hinterher den Sand von der Butter gekratzt, vom Käse, und
von fast allem was da an Köstlichkeiten vor uns lag. So ein Picnic am Sandstrand
hat eben auch Nachteile...
Heute kommen wir nicht weit, schlagen schon
bald unser Nachtlager auf, und nutzen die Zeit zwischen zwei Regenschauern um
das Tarp aufzuspannen. Zu Michaels großer Freude backen wir am Abend wieder
„Waldarbeiter-Bular“.
Dienstag, den 3. August / Klarälven
Es regnet und
regnet und wir machen erst gar nicht den Versuch heute aufzubrechen. Als Trost
gibt es das Morgenmüsli mit frischen Himbeeren – einfach genial!
Den Tag
verbringen wir unter unserem Tarp, mit reden, schreiben, kaffeetrinken, und
schauen dabei den Flößern zu, die uns nun alle wieder einholen.
Mittwoch, den 4. August / Klarälven
Immer wieder
Regenschauer, trotzdem machen wir uns heute auf den Weg. Irgendwann nieselt es
dann nur noch, aber das mit Ausdauer. Da es völlig windstill ist, baut Michael
eine Vorrichtung mit deren Hilfe wir das Tarp über das Boot spannen können, was
dann aussieht wie eine chinesische Dschunke. Es ist uns nicht so ganz wohl
dabei, denn mit diesem „Segel“ würde schon ein sanfter Wind genügen um das Boot
zum Kentern zu bringen. Aber wir sitzen erstmal im Trockenen, lassen uns im
Nieselregen treiben, und nehmen unser Mittagessen zur Abwechslung mal an Bord
ein. Am frühen Nachmittag wird es dann jedoch sehr schnell richtig ungemütlich.
Tiefschwarze Wolken ziehen heran, und Wind kommt auf. Sofort bauen wir das Tarp
ab, und bevor der Regen losbricht schaffen wir es gerade noch unter einer Fichte
Schutz zu suchen, in dem Glauben dass dieser Regenguß zwar heftig, dafür aber
kurz sein wird. Wir haben uns leider gründlich verrechnet. Der Regen wird immer
stärker und nach einer Dreiviertelstunde ist auch die dichteste Fichte nicht
mehr dicht. Wir holen unsere Sachen aus dem Boot, bauen erst das Tarp auf, und
halb darunter dann das Zelt. Bis alles steht sind wir klitschnaß, und das Boot
ist schon bis zu einem Drittel mit Regenwasser vollgelaufen. Schliesslich fängt
es auch noch an zu Gewittern, und wir trauen unseren Augen kaum: Da ist
tatsächlich noch jemand mit dem Floss unterwegs – und kurz darauf passieren uns
noch zwei Männer mit einem Schlauchboot, und daß obwohl mir mittendrin sind in
der Gewitterfront. Kopfschüttel...
Es regnet Stunde um Stunde in derselben
Intensität. Die Geräuschkulisse ist so als stünde man unter einem Wasserfall.
Wenn wir Teewasser brauchen, dannn stelle ich einfach den großen Kochtopf (1,3
Liter) unter einen der „Wasserfälle“ die vom Tarp ablaufen – es dauert höchstens
20 Sekunden bis der Topf voll ist, sowas habe ich noch nicht erlebt.
Michael macht sich Sorgen um das Boot. Wir haben es zwar komplett aus dem Wasser gezogen, aber damit ist er noch nicht zufrieden. Da es nichts gibt woran man es festbinden könnte, macht er sich die Arbeit und gräbt Löcher, um zwei Pflöcke in dem unwegsamen Uferbereich platzieren zu können. Als ich das sehe, haben wir wieder mal eine kurze Diskussion über seinen Perfektionismus – aber meinetwegen, wenn es ihm denn so wichtig ist, dann soll er halt graben... Der Sinn erschließt sich mir allerdings nicht wirklich, denn das Boot liegt ja „weit“ weg vom Wasser, und schliesslich wird es ja wohl nicht die ganze Nacht so weiterregnen...
Je schlechter das Wetter, umso heimeliger und gemütlicher ist es im Zelt. Normalerweise kann ich bei dem Geräusch von prasselndem Regen besonders gut entspannen, aber heute ist das anders. Ich bin unruhig, brauche lange bis ich einschlafe, und erstmals schließe ich den Zelthersteller in mein Nachtgebet mit ein...
Donnerstag, den 5. August / Klarälven
Es hat
tatsächlich die ganze Nacht geschüttet. Ich traue meinen Augen kaum, als ich am
Morgen aus dem Zelt krabble. Der Wasserstand des Klarälven ist um gut 40cm
gestiegen, und obwohl das Boot zu ¾ mit Wasser gefüllt ist, und entsprechenden
Tiefgang hat, schwimmt es völlig frei!
Jetzt bin ich dann doch ganz froh um
Michaels Perfektionismus, denn sonst würden wir nun ohne Boot dastehen...
Nachdem der ganze Spuk nun vorueber ist machen wir uns auf um unsere letzte Etappe auf dem Klaraelven in Angriff zu nehmen. Wir erleben einen sonnig-schwuelen Paddeltag und koennen uns beim Sammeln von Johannisbeeren nicht zurueckhalten. Das Ergebnis: Etwa 4kg Beeren :-)
Freitag, den 6. August
Es dauert bis in den Mittag hinein bis wir unsere ganzen Sachen wieder so verpackt haben, dass die Raeder beladen werden koennen. Wohin mit 4kg Johannisbeeren? (D.h. inzwischen sind es wohl nur noch 3kg ;-))
Wir brechen
auf in Richtung Karlstad und wollen auf eine Nebenstrecke abbiegen um
nicht die ganze Zeit auf der Hauptstrasse fahren zu muessen. Als wir an den
Abzweig kommen ist die Strasse "wegen Bauarbeiten" gesperrt. Aber
davon lassen wir uns nicht schrecken, schliesslich brauchen wir ja mit den
Raedern nicht die ganze Strassenbreite, koennen uns sicher irgendwie an der
Baustelle vorbeiquetschen... Als wir dann nach etwa 2 km an die Baustelle kommen
wird uns dieser Zahn sehr schnell gezogen. Das Unwetter hat die ganze Strasse
unterspuelt und vor uns klafft ein riesiger Graben - 4m tief, 6m breit!
Vom gegenueberliegenden Haus ist ein Teil des Gartens "abgestuerzt",
und das ganze sieht aus wie nach einem Erdbeben. Da ist nichts mit
durchquetschen oder ruebertragen.
Wir versuchen einen Umweg, aber schon nach wenigen Metern muessen wir auch dort
aufgeben weil die Strasse so demoliert ist dass sie einfach nicht passierbar ist.
Die Anwohner empfehlen uns eine weitere Umgehungsmoeglichkeit auf der die
Strassenarbeiten wohl schon abgeschlossen sind. Aber dort ist die Schotterdecke
noch so neu und lose dass es absolut kein Vergnuegen ist mit den schweren
Raedern, und so fuegen wir uns in unser Schicksal und kehren zurueck zur
Hauptstrasse.
Wir finden einen Unterstand an einem Badesee und bauen zum Schutz vor den Muecken nur das Innenzelt auf.
Samstag, den 7. August
Bevor wir heute unser Lager verlassen verarbeiten wir zuerst die Johannisbeeren zu Marmelade - damit sind sie dann nicht nur laenger haltbar, sondern auch viel handlicher :-)
Wir folgen weiter der Hauptstrasse, und nach wenigen Kilometern finden wir "zufaellig" einen neu ausgebauten Radwanderweg, den "Vaermlandsleden", und koennen endlich die Hauptstrasse verlassen. Am Abend lagern wir in einem kleinen Waeldchen, mitten in einer Vorortsiedlung von Karlstad. Waehrend Michael das Zelt aufbaut gehe ich Beeren pfluecken fuer unser morgiges Fruehstucksmuesli. Dabei bin ich einem Bienenstock offensichtlich zu nahe gekommen, denn ploetzlich habe ich lauter Bienen um mich herum, die mich dann sogar noch etwa 50m weit verfolgen! Eine sticht mich dann tatsaechlich in die Kopfhaut, und Michael muss mir den Stachel herausoperieren. Bis dahin wusste ich garnicht wie schmerzhaft so ein Bienenstich sein kann.
Sonntag, den 8. August 2004
Wir fahren
zuerst zur Touristeninformation in Karlstadt um unsere Heimreise zu organisieren,
aber ganz im Gegenteil zu unseren bisherigen Erfahrungen an solchen
Informationsstellen, ist das Personal dort dermassen gelangweilt und unmotiviert,
dass wir schon sehr hartnaeckig fragen muessen um ueberhaupt eine Auskunft zu
bekommen. Anscheinend ist es im Sueden Schwedens nicht mehr so einfach das
Fahrrad mit in den Bus zu nehmen, aber genaue Auskuenfte bekommen wir nicht. Da
es ein sehr schoener, sonniger Tag ist, radeln wir erstmal weiter in Richtung
Goeteborg, aber Michael fuehlt sich mit dieser Entscheidung nicht wohl. Er ist
unruhig, denn am 16. August geht schon sein Flug von Frankfurt nach Spanien um
die Kinder zu holen, und in den paar Tagen wuerden wir es nicht schaffen per Rad
die ganze Strecke bis Trelleborg zur Faehre zurueckzulegen.
Wir machen eine mehrere Stunden dauernde Diskussionspause im Wald, und fahren
schliesslich zurueck nach Karlstadt, um uns dann am morgigen Montag selbst am
Busbahnhof informieren zu koennen.
Unser Nachtlager schlagen wir diesmal in einem Schulhof auf, der ein riesengrosses Waldstueck mit Felsen und Heidelbeerstraeuchern umfasst, zwischen denen es eine vielzahl schoener Plaetze gibt. Wir haben keinerlei Hemmungen uns dort niederzulassen, denn es sind ja noch Schulferien, und ausser vielleicht ein paar wenigen Spaziergaengern, wird uns hier niemand begegnen. An der Schule finden wir sogar einen Aussenwasserhahn, und so nutzen wir diese Gelegenheit um mittels Wassersack zu duschen, und die Haare zu waschen...
Montag, den 9. August 2004
Wir sind
gerade mit dem Fruehstueck beschaeftigt, als ein Hundespaziergaenger vorbeikommt,
und sich nach unserem Woher und Wohin zu erkundigt. Eine kurze, nette
Unterhaltung entwickelt sich, und begeistert erzaehlt er von seiner Nachbarin
Dorothea, die ebenfalls aus Deutschland stammt, und die erst gestern vom Urlaub
am Bodensee wieder zurueck gekommen ist. Wir welchseln noch ein paar Saetze, und
dann zieht er mit seinem Hund wieder davon...
10 Minuten spaeter kommt eine Frau mit schnellen Schritten direkt auf uns zu
gelaufen, und ich rechne schon damit dass wir nun einen Rueffel bekommen und vom
Schulgelaende gejagt werden - ich habe es offensichtlich noch immer nicht
verinnerlicht dass es in Schweden kaum Plaetze gibt an den zelten tatsaechlich
unerwuenscht ist.
Die Frau entpuppt sich als Dorothea, die von ihrem Nachbarn ueber unsere
Anwesenheit informiert wurde, und die unbedingt diese beiden verrueckten
Deutschen mit dem Raedern und dem Boot kennenlernen moechte. Ohne Umschweife
laed sie uns ein auf Ihrer Terasse ein zweites Fruehstueck einzunehmen,
gemeinsam mit ihrem Mann Lars-Gunnar. Dorothea betreibt eine eigene
Physiotherapie-Praxis, arbeitet vor allem mit Feldenkrais, und ist sehr an
alternativen Heilmethoden interessiert. Kein Wunder also, dass wir die Zeit
bis in den fruehen Nachmittag hinein bei den beiden verbringen.
Als wir dann
spaeter am Busbahnhof ankommen bestaetigt sich Michaels Befuerchtung: Es ist
tatsaechlich nicht moeglich die Raeder im Bus, oder mit der Bahn zu
transportieren. Es wird uns gesagt dass wir die Raeder und unser gesamtes
Gepaeck per "Busgods" nach Trelleborg schicken muessen, und es dann
ein oder zwei Tage spaeter dort wieder in Empfang nehmen koennen. Aber es ist
uns garnicht wohl dabei unsere gesamte Ausruestung, die schon eine etwas
spezielle Handhabung benoetigt, irgendwelchen Fremden in die Hand zu geben
die dann alles auch noch mehrmals umladen muessten... Wir "quengeln"
solange herum bis der Chef von "Busgods" uns schliesslich zusagt dass
wir unsere Raeder selber verladen koennen, und bis Goeteborg im selben Bus
mitfahren koennen. Aber ab Goeteborg, so prophezeit er uns, wird die Sitation
dann nicht anders aussehen. Egal, wir sind unserem Ziel wenigstens ein Stueck
naeher, und wie es dann in Goeteborg weitergeht sehen wir dann...
Um 16.45 Uhr brechen wir dann zu unserer teuersten Busfahrt der letzten drei
Monate auf: 390 SEK fuer unsere Fahrscheine, und 544 SEK fuer das Gepack. (Fuer
Nichtskandinavier: 9 SEK = 1 Euro )
Um 20.30 Uhr kommen wir in Goeteborg an. Waehrend Michael auf das Gepaeck
aufpasst, laufe ich am Bahnhof von einem Schalter zum naechsten, ohne Erfolg. Es
sieht so aus als muessten wir uns doch darauf einlassen unser Gepaeck alleine
nach Trelleborg reisen zu lassen, aber bei dem Gedanken ist mir sehr unbehaglich
zumute. "Es gibt ganz bestimmt noch eine andere Moeglichkeit, ich muss sie
nur finden", denke ich mir, und schliesslich bin ich dann bereit alle
Register zu ziehen, und schicke ein Stossgebet zum Himmel, in dem ich um
Fuehrung bitte. Dann spreche ich einfach jeden an, der mir im Bahnhof begegnet,
meist sind es andere Reisende die gerade umsteigen. Ich schildere mein Problem,
erklaere worum es geht - die meisten sind sehr freundlich und bemueht mir zu
helfen, wissen aber auch keine Loesung. Ein wenig komme ich mir dabei vor als
wuerde ich Staubsauger verkaufen wollen, oder Spenden sammeln, denn manche
Leute machen einen Riesenbogen um mich und lassen sich erst garnicht auf ein
Gespraech ein...
Schliesslich gerate ich an eine Frau die meine Bemuehungen schon eine Weile
beobachtet hat. Sie sagt mir dass es doch eine Menge LKW's geben muesste,
die von Goeteborg hinunter in den Sueden fahren... Per Anhalter mit
2 Raedern, 8 Packtaschen, 3 Rollsaecken, einem Anhaenger und 25kg Boot? Der
Gedanke klingt voellig verrueckt, aber einen Versuch ist er auf jeden Fall wert.
Sie hilft mir noch herauszufinden an welchem Platz wir die besten Chancen haben
wuerden auf Truckfahrer zu treffen, und erklaert mir den Weg dorthin.
Und so machen wir uns dann auf den Weg zu einer nahe gelegenen Verladestation
zwischen Gueterbahnhof und Hafengelaende, die wir gg. 22.00 Uhr erreichen.
Hinter einem Zaun sehen wir einen riesigen Parkplatz mit vielen, vielen Trucks,
aber jedesmal wenn wir denken den Eingang zu diesem Gelaende gefunden zu haben,
versperrt uns irgend ein verschlossenes Tor den Zugang. Es ist wie verhext.
Schliesslich "schleichen" wir mitsamt unseres Gepaecks im Hinterhof
eines Buerogebaeudes herum, um vielleicht von dort auf das Parkplatzgelaende
gelangen zu koennen, als uns ein Mann aufhaelt. Er fragt was wir hier zu suchen
haben, und das klingt erstmal etwas unfreundlich, aber es stellt sich heraus
dass er einst selbst begeisterter Reiseradler war, und sein Interesse an uns
durchaus freundlicher Natur ist. Wir erklaeren unser Problem, und er verraet uns
dass es einen Durchschlupf gibt, ueber die Gleise. Diesen hatten wir nicht
gesehen weil ein langer Gueterzug den Weg versperrt. "Kein Problem"
sagt er, "es wird hoechstens noch eine halbe Stunde dauern bis sie den Zug
wegfahren, dann koennt ihr rueber, aber lasst Euch nicht erwischen!" Ich
fuehle das Abenteuer, und die Sache beginnt mir so langsam richtig Spass zu
machen :-)
Tatsaechlich dauert es nicht lange bis der Gueterzug verschwindet, und wir
versuchen uns in der Dunkelheit ueber die Gleise zu stehlen, und natuerlich
behalten wir den Zugverkehr sehr genau im Auge. Ploetzlich sieht uns ein
Gleisarbeiter, und ruft uns etwas auf Schwedisch zu. Verflixt, jetzt bereue ich
es zum ersten Mal meine Jacke in einem leuchtenden Signalrot gekauft zu
haben. Wir tun erstmal so als haetten wir ihn nicht gehoert und setzen unseren
Weg ueber die Gleise unbeirrt fort. Erst als er wiederholt nach uns ruft,
schliesslich sogar in englischer Sprache, und uns sogar hinterherkommt, bleiben
wir stehen. Wir kassieren einen Rueffel, aber nachdem wir auch ihm unser Problem
erklaert haben, ist er deutlich milder gestimmt, und sagt schliesslich (in
Englisch): "OK, ich hab' Euch nicht gesehen, aber seid' um Himmelswillen
vorsichtig..."
Wir passieren die restlichen Gleise problemlos, und muessen dann nur noch
unsere Raeder unter einem Schlagbaum durchquetschen, um endlich auf den
Parkplatz zu gelangen. Hurra! Hunderte von Brummis stehen da herum. Die meisten
sind natuerlich abgestellt und ohne Fahrer, aber bei einigen sind die Vorhaenge
im Fuehrerhaus vorgezogen und man kann sehen dass innen Licht brennt. Wir fahren
von einem LKW zum naechsten und schon beim 5. Fahrer den wir fragen haben wir
Glueck! Peer faehrt zwar nicht nach Trelleborg, sondern sein Zielpunkt liegt
80km weiter oestlich bei Simrishamn, gerade mal eine Tagesetappe von Trelleborg
fuer uns! Und das allerbeste: Der ganze LKW samt Anhaenger ist leer :o)
Peer erzaehlt uns spaeter dass wir sehr viel Glueck hatten ihn noch zu erwischen,
denn wenn er nicht dieses kaputte Laempchen an einem seiner Ruecklichter noch
haette auswechseln muessen, dann waere er schon unterwegs gewesen...
Da faellt mir ein Satz ein den ich mal irgedwo gelesen habe: "Wenn Du
weisst was Du willst und dann beharrlich und voller Vertrauen dran bleibst, dann
kommt das Leben Dir tausendfach entgegen"
Dienstag, den 10. August 2004
Es ist 4.45
Uhr am morgen als wir in Simrishamn ankommen. Wir moechten Peer ein wenig Geld
geben, schliesslich wissen wir wie schlecht Fernfahrer bezahlt werden. Waeren
wir mit dem Bus gefahren, dann haetten wir ja auch einen Fahrpreis bezahlen
muessen, aber er lehnt nicht nur vehement ab, sondern bietet uns auch noch an
mit zu ihm zu kommen, und in seinem Appartement ein paar Stunden zu schlafen.
Die Welt ist voll mit liebevollen Menschen...
Wir wissen sein Angebot zu schaetzen, ziehen aber unser rauchfreies Zelt vor.
Peer zeigt uns dann noch einen Platz nahe der Stadt an dem wir ungestoert zelten
koennen, und dann verabschieden wir uns voneinander. Der Gedanke ihn
wahrscheinlich nie mehr wiederzusehen fuelt sich eigenartig an. Ich hoffe dass
ich in meinem Leben noch Gelegenheiten haben werde, an anderer Stelle, ein wenig
von dem zurueckzugeben was ich in den letzten drei Monaten bekommen habe.
Wir schlafen
bis uns die Mittagshitze aus dem Zelt treibt. Dann radeln wir in Richtung Stadt.
Es macht Spass wieder hier zu sein, und sich ausnahmsweise mal in einem Ort
schon auszukennen, denn dieselbe Strecke die wir nun nach Trelleborg radeln
werden, sind wir ja schon ganz zu Beginn unserer Radreise in umgekehrter
Richtung abgeradelt. Der Kreis schliesst sich...
Und wir freuen uns schon auf "Ales Stenar", den Kultplatz aus der
Wikingerzeit, auf einem weitlaeufigen Grashuegel hoch ueber dem Meer. Es ist
klar dass wir dort nocheinmal halt machen werden, vielleicht sogar uebernachten,
und natuerlich muessen wir noch einmal den Raeucherfisch dort am Hafen geniessen...
Vor der Touristeninformation in Simrishamn lernen wir eine Familie aus Alzey
kennen, die mit 2 Kindern und Hund in einem Wohnmobil unterwegs sind. Auch sie
wollen heute noch nach "Ales Stenar"...
Es ist sonnig, und wir machen uns auf den Weg. Die Raeder laufen mal wieder fast
von alleine, und ploetzlich wird mir klar wie relativ muehelos wir die Huegel
erklimmen. Auf genau derselben Strecke, vor fast 3 Monaten hatte sich das noch
deutlich anders angefuehlt. Offensichtlich haben wir beide ganz schoen an
Kondition zugelegt inzwischen. Noch deutlicher wird der Unterschied als wir den
Anstieg zu dem Kultplatz erreichen. Bei unserem letzten Besuch hatte sich nur
Michael mit dem Rad da hinauf gequaelt. Ich hatte schon auf den ersten Metern
aufgegeben und dann mein Rad samt Haenger unten stehen lassen.
Diesmal fahre ich Michael - der erst sein Rad hinauf fahren wollte um mir dann
mit meinem zu helfen - einfach hinterher, und jede Hilfe eruebrigt sich.
Waehrend wir unser Zelt dort oben aufschlagen - zweifellos an einem der
schoensten Flecken Suedschwedens, gesellen sich noch Joerg und Moni hinzu, ein
Radlerpaerchen aus Erfuhrt. Und auch Esther, eine junge Medizinstudentin die
ganz alleine mit Zelt und Rad unterwegs ist, lernen wir dort kennen. Zu guter
letzt kommt dann auch noch die Alzeyer Familie hinzu, die ihr Wohnmobil unten
beim Hafen geparkt haben. So findet sich eine nette kleine Gruppe zusammen, und
am Abend kochen wir Tee und essen gemeinsam, bei herrlichem Blick auf die
heilige Staette und das Meer, den leckeren Raeucherfisch...
Mittwoch, den 11. August 2004
Nach einem
gemeinsamen, ausgedehnten Fruehstueck brechen wir gg. 11.30 Uhr endlich auf. Ein
bischen wehmuetig ist mir schon zumute, denn waehrend Joerg, Moni und Esther
ihre Radreise gerade erst begonnen haben, machen wir uns auf zu unserer letzten
Etappe in Skandinavien.
70km spaeter erreichen wir den letzten Campingplatz vor Trelleborg, und hatten
eigentlich vor hier zu uebernachten, aber da es vor Urlaubern nur so wimmelt,
und laengst nicht mehr so ruhig ist wie bei unserer Anreise mitte Mai,
entschliessen wir uns den Campingplatz nur zum Duschen und Waeschewaschen zu
nutzen.
Um 23.00 Uhr verlassen wir Schweden mit der Nachtfaehre.
Donnerstag, den 12. August 2004
Ankunft in Rostock um 6.30 Uhr. Noch recht verschlafen bewegen wir uns in Richtung Zentrum. Ich kann noch gar nicht glauben dass es drei Monate her ist dass wir hier unser Abenteuer begannen. Aber wir besinnen uns auf die positiven Aspekte unserer Rueckkehr und fallen erstmal in einer Baeckerei ein. :-) So richtig knuspriges, deutsches Sauerteigbrot, einfach herrlich!
Danach laufen
wir erstmal ein Internetcafe an, und melden uns wie verabredet bei Stephan und
Silke, den beiden Rostockern die ich vor 3 Monaten hier in einem Cafe
kennengelernt hatte.
Den Rest des Tages verbringen wir damit unsere Zugfahrt zurueck nach Hanau zu
organisieren, und noch ein paar Stuendchen in einer Gruenanlage in der
Innenstadt etwas Schlaf nachzuholen.
Als wir dann am Abend auf Otti's Campingplatz in Haes-chendort eintreffen, ist
das Tor verschlossen, und ein Zettel mit einer Telefon-Nr. haengt an der Tuer.
Als wir dort anrufen, erfahren wir von Otti's Frau dass sie fuer einige Tage
verreist sind, und der Campingplatz eigentlich geschlossen ist. Da sie sich aber
noch gut an uns erinnern koennen, duerfen wir trotzdem auf den Platz. Das Geld
fuer die Uebernachtung sollen wir einfach in den Briefkasten werfen...
Freitag, den 13. August 2004
Es regnet in
Stroemen. Wir verkruemeln uns unter Otti's Carport, und kochen, essen, lesen
dort.
Nachdem das Wetter auch am Nachmittag noch keine Gnade mit uns hat, holt Stephan
uns mit dem Auto ab. Wir verbringen dann den Abend mit Stephan und Silke in
ihrem Haus in Voelkshagen, bei Schafskaese, Rotwein, Avokadocreme, und vor allem
- mit guten Gespraechen...
Samstag, den 14. August 2004
Nachdem es
sehr, sehr spaet geworden ist, laden die beiden uns ein, bei ihnen noch
wenigstens 2 Stunden zu schlafen, bevor Stephan uns um 4.00 Uhr frueh
wieder zurueck nach Haeschendorf bringt, wo wir uns auf unsere bereits fertig
gepackten Raeder schwingen. Im stroemenden Regen und bei Dunkelheit legen wir
die etwa 12km zum Bahnhof in Rostock zurueck, und steigen um 5.06 Uhr in den
ersten Zug. Dies ist auch der einzige Zug in dem wir kein Problem haben unsere
Raeder unterzubringen. Schon der naechste Zug ab Hamburg faehrt ohne uns, weil
das Fahrradabteil bereits voll ist. Wir muessen insgesamt 6x umsteigen, und sind
mit unserem vielen Gepaeck natuerlich sehr benachteiligt. Waehrend wir ein Rad
in den Zug hieven, draengen sich schon mindestens 8 Radler an uns vorbei. Aber
wieder haben wir viel Glueck, und einmal ist unser Gepaeck sogar ein Segen: Da
wir beim Umsteigen am langsamsten sind, hoeren wir noch rechtzeitig dass der Zug
umgeleitet wurde und auf einem anderen Gleis einfaehrt. Und waehrend die Radler,
die an uns vorbei, zum falschen Gleis eilten, noch gar nicht richtig begriffen
haben was nun eigentlich los ist, sind wir schon fast fertig mit dem Einladen.
Das war ein wahrer Gluecksfall, denn trotz oekonomischster Platzausnutzung haben
viele Radler keinen Platz mehr in diesem Zug bekommen.
Die Schaffner lassen sich uebrigens garnicht mehr zur Fahrkartenkontrolle
blicken - vermutlich muessten sie sonst mehrere Radler aus dem Zug schicken,
wegen blockierter (Not-) Ausgaenge...
Gegen 17.00 Uhr erreichen wir Hanau.
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Michael
ist dann ganz planmaessig am 16. August abends nach Spanien geflogen, und
am 19. mit seinen beiden Jungs Daniel und Jonas zurueck gekommen. Nach einer
gemeinsamen Woche in Hanau haben wir uns dann aufgemacht zu einer zweiwoechigen
Radtour zu Viert in Deutschland. Erst am Main entlang, und dann an der Tauber
und der Woernitz. Es war eine schoene, wenn auch sehr kurze gemeinsame Zeit.
"UNTERWEGSZUHAUSE"
ist damit natuerlich noch nicht am Ende.
Am 19. September sind Michael und ich nach Indien geflogen, aber das ist eine
andere Geschichte, die Ihr hier findet: