Die Teams 2003                 Die Etappen               Die Gesamtwertung                    Die Leiden der Zuschauer

 

Die Tour de France 2003 - Eine Zusammenfassung der Höhepunkte

 

Ulllrich schlägt Armstrong im Prolog

... und wird vierter. Australier McGee gewinnt den den 6,5 km langen Tour-Auftakt in 7:26 Minuten. Topfavorit Armstrong fährt auf den siebten Rang

 Tour-Auftakt vorm Eiffelturm in Paris

Paris  -  Jan Ullrich hat gleich beim Prolog zur Tour de France den ersten Sieg über Lance Armstrong errungen. Doch der Australier Bradley McGee ist der erste Träger des Gelben Trikots bei der Jubiläums-Tour zum 100. Geburtstag der Frankreich-Rundfahrt. Der 27-jährige Spezialist gewann am Samstag in Paris den 6,5 km langen Prolog in 7:26 Minuten vor dem Schotten David Millar. Der vierfache Toursieger und Topfavorit Lance Armstrong (USA) musste sich auf den siebenten Rang mit sieben Sekunden Rückstand zum Auftakt mit Rang sieben begnügen.

Ullrich, der nach einem Jahr Pause seine sechste Tour bestreitet, hinterließ einen blendenden Eindruck und landete in 7:28 Minuten zeitgleich mit dem drittplatzierten Haimar Zubeldia aus Spanien auf Rang vier. Mit seiner Vorstellung bei der Stadt-Rundfahrt durch Paris war der 29-jährige Bianchi-Kapitän „super zufrieden“. Der Beste der 17 deutschen Tour-Starter sagte nach dem Rennen: „Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ich heute vor Lance Armstrong lande.

Erik Zabel war dagegen weniger zufrieden. Dem frisch gekürten deutschen Meister vom Team Telekom gelang es nicht, wie er sich vorgenommen hatte, „maximal 25 Sekunden über der Bestzeit“ zu bleiben. Er brauchte 8:00 Minuten .

Das Jubiläums-Rennen im 100. Tour-Jahr wurde erstmals seit 1963 wieder in der französischen Hauptstadt gestartet. Die erste Etappe führt am Sonntag über einen 168 km langen Kurs von Saint Denis nach Meaux. Die Stadt nordöstlich von Paris ist in der 100-jährigen Tourgeschichte erstmals Etappenziel.

Petacchi gewinnt erste Tour-Etappe

Zabel wurde Dritter. Kurz vor dem Ziel wurden große Teile des Hauptfeldes durch einen Massensturz gestoppt

 Alessandro Petacchi gewinnt erste Tour Etappe

Paris -  Der Italiener Alessandro Petacchi hat am Sonntag die 1. Etappe der 90. Tour de France gewonnen. Der Fahrer aus dem Team Fassa Bortolo setzte sich auf der 168 km langen Strecke vom Pariser Vorort Montgeron nach Meaux im Spurt vor Robbie Mc Ewen durch. Erik Zabel musste sich knapp geschlagen mit Platz drei begnügen. „Petacchi war heute supergut. Als er richtig durchgezogen hat, wusste ich, wo der Hammer hängt. Ich habe vorher gesagt, dass er der neue große Sprintstar ist“, meinte Zabel im Ziel. Der Telekom-Sprinter musste allerdings auch zehn Kilometer vor dem Ziel noch einen Reifen-Defekt wegstecken.

Überschattet wurde das Finale am Sonntag von einem Massensturz 200 m vor dem Ziel, bei dem fast das gesamt Feld gestoppt wurde. Verwickelt waren darin auch die Telekom-Profis Matthias Kessler und Andreas Klöden, der eine Platzwunde am Kopf erlitt. „Es sieht nicht so aus, als ob Nasen- oder Jochbein gebrochen sind“, sagte Telekom-Teamleiter Olaf Ludwig. Der Gerolsteiner-Profi Olaf Pollack (Kolkwitz) sein Rad auf der Schulter über den Zielstrich tragen.

Ullrich kam wie Armstrong im Hauptfeld an. Damit hat der Olympiasieger im Gesamtklassement als Vierter sechs Sekunden Rückstand auf McGee, Armstrong ist elf Sekunden zurück Achter. „Ich bin zufrieden. Ich habe einen Sprung nach vorn geschafft“, sagte Ullrich, der am Samstag im Prolog erstmals in einem Tour-Zeitfahren schneller als Armstrong gewesen war.
Das Gelbe Trikot verteidigte trotz des Sturzes der Australier Bradley McGee, der den Prolog am Eiffelturm zwei Sekunden vor Ullrich gewonnen hatte. Zeitrückstände werden nicht gewertet, wenn sich ein Sturz in der 1000-Meter-Zone vor dem Ziel ereignet.
Die zweite Etappe der Jubiläums-Tour startet am Montag 40 km östlich von Paris in La Ferte-sous-Jouarre und endet nach 204,5 km am Rand der Ardennen in Sedan.


Lebensgefährliches Gedränge

Nach dem Massenunfall zum Tour-Auftakt gibt es harte Kritik am Regelwerk

La Ferté-Sous-Jouarre  -  Kerzengerade saß Jimmy Casper auf dem Beifahrersitz des Teamwagens von Francaise des Jeux und stierte merkwürdig geradeaus. Eine verspiegelte Sonnenbrille verdeckte die Blessuren um die die Augen, um seinen Hals hatte er eine dicke, Halskrause. Kopfschüttelnd schaute Olaf Pollack vom Team Gerolsteiner auf den französischen Rivalen: "Offenbar geht es hier um Leben und Tod."

Die Tour de France, so scheint es, wird immer gnadenloser. Am Abend vorher waren Caspars Halswirbel und seine Hirnströme noch im Krankenhaus untersucht worden. Die erste Touretappe von Saint-Denis nach Meaux hatte 450 Meter vor dem Ziel in einer Massenkarambolage geendet, dabei war auch der Sprintstar kopfüber auf den Asphalt gefallen. Nun wird im Peloton wieder hitzig über Straßenbarrieren, Zielführung und das Reglement diskutiert, das vorschreibt: Wer bei einer Massenankunft einen Kilometer vor dem Ziel Anschluss an das Feld hat, wird mit der Zeit des Siegers gewertet. Logisch, dass jeder Rennfahrer zum Schluss noch einmal Gas gibt, um den Rückstand so gering wie möglich zu halten.

Rudy Pevenage war gut gelaunt vor dem Start zur zweiten Etappe von La Ferté-Sous-Jouarre nach Sedan (Zieleinlauf nach Redaktionsschluss). "Noch", sagte er, "denn man weiß nie, was in den nächsten Stunden passiert." Pevenage betreut das neue Team Bianchi und dessen Star Jan Ullrich. "Seit drei Jahren plädiere ich dafür, dass die Zeiten drei Kilometer vor dem eigentlichen Ziel gemessen werden. Die Sprinter hätten dann freie Fahrt und die anderen würden langsam hinterher rollen. Damit würde das Rennen, viele Stürze vermieden. Jeden Tag bete ich, dass uns nichts passiert."

Sein Team Bianchi gehörte zu den wenigen Mannschaften, die ohne Blessuren davon gekommen waren. Ullrich hatte mit einem blitzschnellen Schlenker nach rechtsaußen reagiert und wäre fast in die Metallabsperrgitter gerast. Etwa so, wie sein ehemaliger Teamkollege und Freund Andreas Klöden. Er war mit 68 km/h in die Barrieren geknallt. "Das war der schlimmste Sturz meiner Karriere", sagte der Telekom-Profi mit verbundenem rechten Bein, "nachts wurde ich mit Schmerzmitteln behandelt, mir tut jetzt noch alles weh. Es fällt mir schwer, wieder aufzusteigen." Zwei dicke Pflaster klebten unter seinem linken Auge, die Nase aufgeschürft, das ze Gesicht geschwollen. "Eigentlich", sagte er wütend, "war doch der Sprint schon vorbei, da müssen dann immer noch irgendwelche Bergfahrer von hinten draufhalten, um keine zu großen Zeitrückstände zu kassieren." Normalerweise ist das für Klöden kein großes Problem, "aber plötzlich wurde die Straße noch enger und machte eine Kurve. Überprüft eigentlich mal jemand, was die Veranstalter machen?"

Tyler Hamilton rollte langsam an Klöden vorbei. Der Amerikaner ist der Star beim dänischen Team CSC und einer der Favoriten auf den Gesamtsieg. Erst kurz vor der zweiten Etape hatte sich Hamilton entschieden, die Tour fortzusetzen. Sein linkes Schlüsselbein ist angebrochen. Es sah aus, als hätte Hamilton einen Buckel. So wird er Favorit Lance Armstrong kaum Paroli bieten können. "Die letzte Kurve", sagte Hamilton, "war viel zu eng, und damit viel zu gefährlich. Diese Zielankunft war einer Tour de France nicht würdig." CSC-Sportdirektor Bjarne Riis ergänzte: "Wir haben so viel für die Tour gearbeitet und gehofft, Tyler würde aufs Podium fahren."

Doch auch Armstrong hat es erwischt, aber nur leicht. "Ich hatte wirklich Glück", bestätigte er, "denn das war ein richtiges Gemetzel." Riis glaubt nun, dass "Jan Ullrich im Kreis der möglichen Sieger weiter nach vorn rückt". Doch niemand weiß, wann der nächste Massensturz kommt. "Fünf Mal ist Armstrong bisher durchgekommen", sagte Gerolsteiner-Chef Hans Michael Holczer, "die Wahrscheinlichkeit, dass es ihn erwischt, steigt."

Wie Pevenage plädiert auch Holczer für eine veränderte Zielankunft. Ob sie jedoch etwas erreichen, scheint fraglich. Immer spektakulärer, heißt das Motto selbst im Radsport. Den Fahrern wurde immerhin kürzlich die Helmpflicht auferlegt. Was in Meaux nur bedingt half. "Bei dem Tempo", wetterte sogar Etappensieger Alessandro Petacchi, "kannst du nichts mehr ausrichten. Da macht es nur noch Bum Bum." Und die Rennfahrer sind machtlos.


Der Tag, vor dem auch Ullrich Angst hat

Beim Mannschaftszeitfahren kann heute eine Vorentscheidung über den Toursieg fallen

Saint-Diziers  -  Auf Englisch, Französisch und Spanisch kommen die Anweisungen über Funk. Dank Sportdirektor Rudy Pevenage wird beim Team Bianchi jede wichtige Sprache bedient, er ist mit seinen Rennfahrern verbunden, ab dem frühen Nachmittag muss der Belgier heute etwa anderthalb Stunden fast ununterbrochen reden. Beim Mannschaftszeitfahren über 69 Kilometer kommt es vor allem auf die richtige Renntaktik an: Fünf Fahrer müssen gemeinsam die Ziellinie in Joinville überqueren, die übrigen vier müssen die Etappe innerhalb einer bestimmten Karenzzeit beenden.

Für schlechte Zeitfahrer ein echtes Problem. "Ein spezieller Tag, vor dem alle Angst haben", bestätigt Pevenage, "wir sicherlich auch." Denn der Teamwettbewerb gilt als wichtige Vorentscheidung beim Kampf um den Toursieg. Und Bianchi will seinen Star Jan Ullrich trotz der 14 Monate Rennpause so gut wie möglich platzieren. Bei den meisten Rennställen hatte Mannschaftszeitfahren einen festen Platz im Trainingsplan. Nicht nur US Postal, die Equipe von Topfavorit Lance Armstrong, hat die kollektive Tempojagd geübt, auch Pevenage war mit seinen Schützlingen bereits vor Ort. "Nach der Deutschland-Tour haben wir uns die Strecke angeguckt", so Pevenage, "für uns ist dieser Wettbewerb gleichbedeutend mit einer schweren Bergetappe."

Der Bianchi-Chef läuft in Latschen und legeren Freizeithosen herum. Er versucht, sich nicht anmerken zulassen, dass er nervös ist. Schließlich fährt sein Team in dieser Formation zum ersten Mal bei der Tour de France, Pevenage weiß selbst nicht, wo er seine Equipe einordnen kann. "Vielleicht Platz fünf", hofft er, "wenn das klappt, gebe ich einen aus."

Im vergangenen Jahr fuhr das spanische Team Once allen davon, allein US Postal konnte halbwegs mithalten. Auch diesmal, glaubt Pevenage, wird der Sieg an eine der beiden Mannschaften gehen. Aber auch Bianchi wird eine gute Platzierung zugetraut. Die italienische Fahrradschmiede schickte spezielle Rennmaschinen nach Frankreich. Um Ullrich, der seit Jahren als einer der besten Zeitfahrer der Branche gilt, zu unterstützen, nominierte Pevenage die beiden Deutschen Daniel Becke und Thomas Liese für die Tour. Den Maßstab jedoch setzen die Schwächeren, der Spanier Felix Garcia Casas und der Italiener Fabrizio Guidi. Am ersten Berg wird Tobias Steinhauser der Anfahrer sein. "Auf allen", sagt Liese, "lastet ein gewisser Druck. Wir können heute die Basis für Jan Ullrichs Erfolg legen, wir können aber auch viel verlieren." In einem "miserablen Zustand" sei die Piste vor wenigen Wochen noch gewesen. "Man hat uns aber versprochen, sie noch zu präparieren."

Darauf hoffen auch die Profis des Bonner Rennstalls Team Telekom, die angeschlagen auf die Strecke gehen. Andreas Klöden, einer von Telekoms Zeitfahrspezialisten, leidet noch unter den Folgen der Massenkarambolage am Sonntag: Er kann sich kaum auf dem Sattel halten. Auch Tour-Neuling Matthias Kessler hat einige Prellungen davon getragen. Über das Mannschaftszeitfahren äußert er sich ungern, seine Stärken liegen in den Bergen. Bei Telekom soll der Kolumbianer Santiago Botero im Gesamtklassement ganz nach vorne manövriert werden. "Drei Minuten", schwant Kessler, "nimmt der mir bei einem normalen Zeitfahren ab. Wenn der vorne Gas gibt, kann ich kaum mithalten."

Im vergangenen Jahr fiel Telekoms italienischer Kletterer Guiseppe Guerini als Erster zurück. Kessler hofft, dass ihm nicht das gleiche passiert. "Auf 69 Kilometern", sagt Telekoms Sportdirektor Walter Godefroot, "kann eben viel passieren, wenn einer einen Defekt hat, kann man ihn nicht einfach zurücklassen." Oder aber, wenn einer stürzt. Wie Roberto Heras von US Postal, der vor zwei Jahren aus voller Fahrt auf die regennasse Straße knallte - seine Kollegen warteten am Straßenrand. 


Armstrong verschreckt die Konkurrenz

Tour-Favorit führt US Postal zum Sieg im Zeitfahren - Dämpfer für Herausforderer Beloki

 US Postal freut sich über den Etappensieg im Mannschaftszeitfahren

Saint Dizier  -  Es fällt kaum auf, wenn Joseba Beloki ins Ziel rollt. Sehr klein und schmal wirkt er auf seiner Rennmaschine. Das gelbe Trikot seines spanischen Arbeitgebers hat er meistens bis zur Brust geöffnet, zum Vorschein kommen dann schwarze Haare auf bleicher Haut und eine lange Goldkette, die wie ein Pendel über dem Lenker schaukelt. Seit drei Jahren schafft es der stille Spanier regelmäßig, in Paris auf dem Podest zu stehen - allerdings immer im Schatten der anderen. 2000 und 2001 wurde er Dritter, im Vorjahr Zweiter. Vor allem gegen den übermächtigen Lance Armstrong zog Beloki immer wieder den Kürzeren.

Nach der Absage Jan Ullrichs im vergangenen Jahr war Beloki der Einzige, der Armstrong in den Alpen und Pyrenäen herausforderte. Alle Angriffe jedoch scheiterten. Noch nie konnte der 29 Jahre alte Bergspezialist eine Etappe gewinnen, geschweige denn in das Gelbe Trikot des Gesamtführenden schlüpfen. Diesmal aber befindet sich Beloki in aussichtsreicher Position, zumindest für die Gesamtwertung: Platz 9 belegte er nach dem Mannschaftszeitfahren gestern, hinter acht Fahrern von US Postal. Armstrongs Team demonstrierte erstmals bei dieser Tour seine Stärke und gewann das Mannschaftszeitfahren. Nach 1:18,27 Stunden rauschte Armstrongs Mannschaft über den Zielstrich in Saint Dizier. Die Durchschnittsgeschwindigkeit von 52,77 km/h war die viertbeste in der Geschichte der Tour de France.

Beloki landete mit dem Once-Team auf Platz zwei - mit deprimierenden 30 Sekunden Rückstand. Jan Ullrich fuhr mit der Bianchi-Mannschaft auf Platz drei, in der Gesamtwertung liegt der Deutsche nun mit 39 Sekunden Rückstand auf Rang 12.

Von jeher war der Teamwettbewerb für den spanischen Rennstall immer von immenser Bedeutung. Dementsprechend viel ließ der sportliche Leiter Manolo Saiz seine Rennfahrer dafür schwitzen. Auch gestern galt Once als favorisierte Mannschaft, und Beloki, ihr bestplatzierter Fahrer als erster Anwärter auf das Gelbe Trikot. Doch das schnappte ihm Armstrongs Teamkollege Victor Hugo Pena (Kolumbien) weg. Gut möglich, dass Beloki nun noch kleiner auf seinem Rennrad wirkt. Denn der Once-Kapitän hatte sich für die Tortour durch Frankreich viel vorgenommen. "Ich habe keine Lust mehr nur als großer Rivale von Armstrong zu gelten, ich will es diesmal auch wirklich sein."

Bislang konnte Beloki denn auch sehr zuversichtlich sein. Im Prolog zeigte er sich stärker als der fünfmalige Toursieger, und beendete den Auftakt überraschend als Achter. "Es stärkt mein Selbstvertrauen", sagte Beloki, "in einer von Armstrongs Spezialdisziplinen noch zwei Plätze vor ihm zu liegen."

Ein selbstbewusster Beloki passte Armstrong auf dem Weg zu seinem sechsten Toursieg jedoch ganz und gar nicht in den Kram. Also startete er zunächst verbale Attacken: "Natürlich ist Beloki ein glaubwürdiger Rivale", nuschelte Armstrong, "aber es ist nicht nötig, dass ich über ihn rede. Das macht er selbst schon genug. Während er spricht, bereite ich mich auf die Rennen vor." Dann ließ Armstrong Taten folgen.

Dennoch: Den Seitenhieb ließ Beloki nicht auf sich sitzen. "Ich", erklärte er erbost, "erlaube mir nicht, über andere zu sprechen. Deshalb rede ich über den einzigen, den ich am besten kenne: Mich. Und ich habe noch etwas zu sagen", fuhr Beloki fort, "jeder Rennfahrer ist schlagbar, und zwar nicht nur dann, wenn er stürzt."

Nun warten alle auf eine Fortsetzung des verbalen Geplänkels, bei dem Ullrich vielleicht sogar lachender Dritter sein wird. Beloki kündigte bereits an, "Armstrong diesmal richtig in Schwierigkeiten zu bringen", anstatt nur mit baumelndem Goldkettchen an seinem Hinterrad zu kleben. "Ich werde alles riskieren, das ist mir wichtiger als mein Stammplatz auf dem Podium." Doch an der Position im Schatten von Armstrong, so scheint es, wird sich sobald nichts ändern.


Wenn Pech zum Markenzeichen wird

Nach vielen Stürzen soll Bergfahrer Totschnig Gerolsteiners Ruf polieren

Troyes -  Das äußere Erscheinungsbild des Mannschaftsbusses von Gerolsteiner versetzt einen in gute Stimmung. Türkisblaue kleine Blasen sind auf den Lack gesprüht, die auf den staubigen, heißen Parkplätzen Frankreichs ein Gefühl von Frische und Sauberkeit vermitteln. Das Wort "Hobby" prangt in großen, schwarzen Lettern auf der Beifahrertür, doch nach Spaß ist den Rennfahrern der deutschen Equipe überhaupt nicht zumute. Mit gesenktem Kopf marschierte Uwe Peschel auf den Teamwagen zu, "schlecht gefahren", murmelte er, dann knallte er die Bustür zu. Peschel (34) gilt als einer der besten Zeitfahrer weltweit, zusammen mit Vizeweltmeister Michael Rich und René Haselbacher sollte er Tempo machen beim Mannschaftswettbewerb. Am Ende jedoch landete Gerolsteiner auf Platz elf und blieb "damit", so Teamchef Hans Michael Holczer, "hinter den Erwartungen zurück."

Zum ersten Mal ist Gerolsteiner bei der Tour dabei, doch schon nach wenigen Tagen war "die Moral ganz unten", bestätigte der sportliche Leiter Raimund Dietzen. Auf fast jeder Flachetappe wurden Gerolsteiner-Profis in einen Sturz verwickelt. Anstatt um den Sieg mitzukämpfen, trug Sprint-Ass Olaf Pollack sein demoliertes Rad ins Ziel. Zuletzt erwischte es den Österreicher Haselbacher (25). Kurz vor dem Ziel in Saint Dizier bekam er "eine Welle von rechts gegen die Schulter" und knallte mit knapp 70 km/h in die Absperrungen. Holczer hielt später kopfschüttelnd Haselbachers Trikot in den Händen: Es war nur noch ein blutverschmierter Stofffetzen. Spätestens da avancierte Gerolsteiner zum Pechvogel der Jubiläumstour und sammelte dadurch Sympathiepunkte. Hektisch rannte Christian Henn zwischen seinen Fahrern und den Rennrädern auf und ab, der Sportdirektor wirkte ziemlich besorgt. "Rene wird die Schmerzen erst in den nächsten Tagen spüren", sagte Henn, "die ganze Haut am Rücken hat er sich abgeschürft." Beim Mannschaftszeitfahren tat sich Haselbacher allerdings schon schwer. "Die ersten 15 Kilometer", so Henn, "konnte er gar nicht mithalten." Zu allem Überfluss fuhr Routinier Thorsten Schmidt bereits bei 8,5 Kilometer noch einen Reifen platt. "Damit", bedauerte Rich, "fehlte uns ein wichtiger Leistungsträger, wir mussten uns komplett umstellen." Nun hoffen die Gerolsteiner, sich bei einigen Bergetappen mit Georg Totschnig (32) in Szene zu setzen. Totschnig fuhr beim Giro d'Italia immerhin auf Platz fünf. Bei der Tour de France aber, das musste das Team schmerzlich erkennen, gelten andere Gesetze.

Dritter Etappensieg für Petacchi

Nevers -  Alessandro Petacchi hat bei der Tour de France seinen dritten Etappensieg gefeiert. Der Italiener gewann nach 230 km von Troyes nach Nevers die fünfte Tour-Etappe im Spurt des Feldes vor Jaan Kirsipuu aus Estland. Erik Zabel aus Unna belegte zum dritten Mal den vierten Etappenplatz.


Petacchi unschlagbar

Lyon -  Alessandro Petacchi ist bei der 90. Tour de France in den Sprint-Entscheidungen nicht zu schlagen. Der Italiener gewann die Mammut-Etappe über 230 km von Nevers nach Lyon und holte damit seinen vierten Tagessieg. Petacchi setzte sich im Massensprint vor dem Australier Baden Cooke und Bianchi-Profi Fabrizio Guidi durch.

Erik Zabel konnte nach einem Sturz sechs Kilomter vor dem Ziel nicht in die Entscheidung mit eingreifen. Jan Ullrich und Lance Armstrong erreichten im Hauptfeld das Ziel. Das Gelbe Trikot des Spitzenreiters in der Gesamtwertung verteidigte der Kolumbianer Victor Hugo Pena erfolgreich. Das Grüne Trikot des Punktbesten übernahm Tagessieger Petacchi, während der Franzose Christophe Mengin „Berg-König“ bleibt.

Am Samstag stehen die ersten Bergetappen der Jubiläums-Tour auf dem Programm. Das erste Teilstück in den Alpen von Lyon nach Morzine-Avoriaz ist zugleich die längste Etappe der Tour und führt über 230,5 km


Virenque übernimmt Gelbes Trikot mit Etappensieg

Der Franzose vom Team Quick Step siegt bei der ersten schwierigen Alpenetappe. Telekom-Fahrer Rolf Aldag fährt als Zweiter durchs Ziel

Neben dem Gelben darf Virenque jetzt mit dem gepunkteten Trikot als bester Bergfahrer starten

Morzine-Avoriaz -  Der Franzose Richard Virenque hat die erste schwere Alpenetappe bei der Tour de France gewonnen und das Gelbe Trikot des Spitzenreiters erobert. Der Radprofi vom Team Quick Step setzte sich auf der siebten Etappe von Lyon nach Morzine-Avoriaz über 230,5 km durch.

Telekom-Fahrer Rolf Aldag aus Ahlen kam mit 2:29 Minuten Rückstand als Zweiter ins Ziel und ist nun Dritter der Gesamtwertung. "Ob es der größte Erfolg meiner
Laufbahn ist, weiß ich nicht, bestimmt aber der am schwersten erkämpfte", sagte der lange Westfale nach dem Rennen.

Virenque, vor fünf Jahren nach dem Tour-Skandal ausgeschlossen, gewann die erste Alpen-Etappe im Alleingang. Der Franzose wiederholte damit seinen Erfolg an gleicher Stelle vor drei Jahren. Jetzt fährt er im Gelben und führt auch die Wertung des besten Bergfahrers an.

Mit Rolf Aldag und Paolo Bettini (Italien), der am letzten Berg zurückfiel, hatte der 33-jährige Virenque schon kurz nach dem Start eine Ausreißergruppe gebildet. Aldag ist nun Dritter im Gesamtklassement.

Das Verfolgerfeld von Virenque und Aldag war auf der Etappe rund 60 Kilometer vor dem Ziel eine halbe Minute an einem geschlossenen Bahnübergang aufgehalten worden. Laut Reglement wurde diese Zeit nicht neutralisiert.

In der Spitzengruppe wiederum musste Aldag am Fuß des vorletzten Anstiegs auf den Col de la Ramaz Virenque und Bettini ziehen lassen. Dann fiel der Italiener zurück und der Franzose nahm die letzten 28     Kilometer allein in Angriff.  

Armstrong und Ullrich halten sich zurück

Einen Tag vor der Königsetappe nach L'Alpe d'Huez ließen die Topfavoriten auf den Tour-Sieg, Lance Armstrong (USA, Team Postal) und Jan Ullrich (Scherzingen/Bianchi), anderen den Vortritt. Die beiden belauerten sich in der Verfolgergruppe und rollten 4:06 Minuten hinter Virenque ins Ziel.

Prominente Fahrer, unter ihnen der viermalige Etappengewinner Alessandro Petacchi (Italien), gaben auf. Er war im Grünen Trikot an der ersten von fünf Steigungen ausgeschieden und folgte damit dem Beispiel seines nicht nominierten Landsmanns Mario Cipollini, der die Tour nie zu Ende fuhr.

Gerolsteiner-Fahrer Pollack und Rich fallen aus

Für die Tour-Debütanten Olaf Pollack (Kolkwitz) und Michael Rich vom Gerolsteiner-Team war die Etappe ebenfalls vorzeitig beendet. Zeitfahr-Vizeweltmeister Rich hatte bei der glühenden Hitze keine Kraft mehr, Pollack plagten nach seinen beiden Stürzen zum Tour-Auftakt seit Tagen Knie-Probleme. Überdies musste der Spanier Jesus Manzana mit einem leichten Hitzschlag ins Krankenhaus gebracht werden.

Damit ist der Kampf um das Grüne Trikot der Sprinter für Zabel, der nach seinem Sturz vom Vortag angeschlagen in die siebte Etappe ging und von zwei Schürfwunden an der Innenfläche der rechten Hand behindert wurde, übersichtlicher geworden.

 


Jan Ullrich wird abgehängt

Favorit Armstrong erobert Gelb, kann dem Spanier Mayo nach L`Alpe d`Huez aber nicht folgen

L`Alpe d`Huez -  Lance Armstrog wirkte wie jemand, der etwas ausgefressen hat. Unruhig rutschte er auf seinem Stuhl hin und her. Dann riss er sich seine Kappe vom Kopf, und studierte das darauf abgedruckte Emblem seines Teams US Postal, eine Sekunde später kratzte er sich bereits an den Haaren. Armstrong im Gelben Trikot, das war in den vergangenen vier Jahren zum fast alltäglichen Bild bei der Tour de France geworden. Seit gestern fährt der Amerikaner wieder im Trikot des Spitzenreiters, aber zufrieden war er nicht. "Ich bin vielleicht nicht mehr so stark wie in den anderen Jahren", gestand Armstrong und betrachtete nachdenklich das Mikrophon in seiner Hand, "ich hatte das nicht erwartet. Hoffentlich werden die Dinge in den nächsten Tagen besser und nicht noch schlechter."

In Sallanches hatte sich das Peloton aufgemacht - 219 Kilometer unter sengender Hitze bis nach L`Alpe d`Huez. Schon beim Anstieg zum 2645 Meter hohen Col de Galibier hatte Armstrong bemerkt, "dass meine Beine nicht die Besten waren. Ich wusste schnell: Dies wird kein toller Tag für mich." Anfangs hatten zwar noch sechs Fahrer seines Team US Postal in der Spitzengruppe gelegen. Dann aber ging es in den Einstieg nach L`Alpe d`Huez, 13,8 knallharte Kilometer bis zum Gipfel. Auf denen wurde Topfavorit Armstrong überraschend abgehängt - von Iban Mayo, dem Kapitän der spanischen Equipe Euskaltel. Mehrmals blickte sich der Spanier nach den Verfolgern um, aber da kam keiner. "Es ist großartig", so Mayo, "auf dieser historischen Etappe gewonnen zu haben. Jetzt bin ich Gesamt-Dritter und versuche natürlich weiter, hinter Armstrong zu bleiben." 

Iban Mayo auf seiner Triumphfahrt nach Alpe d´Huez

Das schien überhaupt die Devise des Feldes zu sein: Armstrong zu kontrollieren. Um 16:56 Uhr attackierte der Spanier Joseba Beloki, diesen Moment nutzte Mayo, um dem Amerikaner davon zu fahren. "Ich verstehe die Taktik des Feldes nicht", maulte Armstrong anschließend, "da bewachen sie mich anstatt noch mehr Distanz zu Jan Ullrich aufzubauen. Denn das wäre wichtig gewesen: Ullrich bleibt nach wie vor gefährlich." Der Deutsche war allerdings schon früher zurückgefallen, um 16.43 Uhr hatte er die Spitzengruppe ziehen lassen und kam als 13. mit 3:36 Minuten Rückstand auf Mayo ins Ziel. In der Gesamtwertung rangiert Ullrich auf einem respektablen achten Platz. Sein Rückstand von 2:25 Minuten Rückstand ist vielleicht aufzuholen, "denn Ullrich", erklärte Armstrong, "wird normalerweise bei der Tour täglich besser." Auch Jacques Hanegraaf, Manager von Ullrichs Team Bianchi erzählte von einer "zufrieden stellenden Leistung" seines Schützlings. Nur Ullrich dachte das wohl nicht, seit Donnerstag leidet der Star unter Fieber und Magenproblemen. Nach der Zielankunft schaute der 29-Jährige weder nach rechts noch nach links, sondern rollte schnurstracks direkt zum Teamhotel. Dafür gab es andere Deutsche, die sich freuten: Die Teamführung von Telekom feierte den Kasachen Alexander Winokurow, der noch vor Armstrong sensationell auf Platz zwei gefahren war. Langsam hatte sich Winokurow auf den 21 steilen Serpentinen von L`Alpe d`Huez wieder an Armstrong und seine Bewacher herangekämpft. Dann wartete der Telekom-Profi ab - Attacke von Beloki, Attacke von Tyler Hamilton (mit gebrochenem Schlüsselbein) und wieder Beloki - bis Winokurow den Rivalen davon strampelte. Schon vor dem Start der Königsetappe hatte Beloki angekündigt, "diesmal mehr gegen Armstrong zu riskieren als in den vergangenen Jahren." Doch nicht nur die Konkurrenten machten Armstrong das Leben schwer: Postals neuer Helfer Manuel Beltran drehte um 16.43 Uhr so sehr auf, dass sein Kapitän kaum folgen konnte. "Das war überhaupt nicht gut", kritisierte Armstrong erstmalig einen Teamkollegen, "darüber werden wir noch reden, denn so etwas darf nicht noch einmal passieren, vor allem dann nicht, wenn ich einen schlechten Tag habe."


Telekom-Profi Winokurow holt Etappensieg

Lance Armstrong behält das Gelbe Trikot, sieht sich jedoch einem starken Verfolgerfeld ausgesetzt. Der Spanier Beloki stürzte schwer und kommt auf die Intensivstation

Etwas fassungslos: Telekom-Profi Winokurow nach seinem Etappensieg
Foto: dpa

Gap -  Auf der neunten Tour-Etappe am französischen Nationalfeiertag über 184,5 Km von Bourg d'Oisans nach Gap hat der Telekom-Profi Alexander Winokurow (Kasachstan) seinen ersten Etappenerfolg im Alleingang eingefahren. Auf solch einen Erfolg bei der Tour habe ich lange warten müssen - ich bin glücklich“, sagte der Etappensieger.

Zehn Kilometer vor dem Ziel hatte er aus der Armstrong-Gruppe heraus attackiert. Am Schluss lag er 36 Sekunden vor Paolo Bettini, Vorjahressieger Lance Armstrong und Jan Ullrich. Im Gesamtklassement rückte er auf Rang zwei 21 Sekunden hinter Armstrong und kam damit seinem Vorhaben, in Paris unter den ersten Drei zu liegen, näher. Armstrong behielt dennoch das Gelbe Trikot.

Auf der Verfolgung von Winokurow war der Vorjahres-Zweite Joseba Beloki (Spanien) unmittelbar vor Armstrong bei der Abfahrt in einer Kurve schwer gestürzt. Der Texaner konnte mit Mühe ausweichen und fuhr in Querfeldein-Manier über ein Feld in einem großen Bogen wieder auf die Strecke. Beloki kam auf die Intensivstation des Krankenhauses von Gap. Er erlitt nach ersten Diagnosen einen Oberschenkelhalsbruch im rechten Bein sowie einen Bruch des rechten Handgelenks.

Ansbacher Jaschke (Once) zeitweise führend

Der 26-jährige Jörg Jaksche (Ansbach), im dritten Jahr bei Once, setzte am Montag seine Topleistungen bei der Jubiläums-Tour fort. Als zweitbester Deutscher hinter Ullrich rangiert er zwar nicht mehr unter den Top-Ten, weil er mehrere Minuten beim gestürzten Team-Kollegen Beloki am Straßenrand blieb. Aber er wurde auf der letzten Alpen-Etappe von seinem Teamchef Manolo Saiz schon früh zum Attackieren auf die Reise geschickt und führte dabei eine Zeit lang in der Spitzengruppe.

Lance Armstrong sieht sich nach dieser Etappe weiterhin einem starken Verfolgerfeld ausgesetzt. „Ich bin nicht mehr so stark wie sonst und hätte mir vorher nicht träumen lassen, so zu leiden wie heute“, sagte der US-Amerikaner.

"Diese Taktik verstehe ich nicht"

Lance Armstrong muss so viele Angreifer abwehren wie noch nie - Beloki schwer gestürzt

Joseba Beloki nach seinem Sturz

Gap -  Die wichtigste Frage kam ganz zum Schluss: "Haben Sie bei der Königsetappe gepokert, Herr Armstrong?" Der Amerikaner überlegte, dann grinste er etwas beschämt und sagte: "Ganz ehrlich, das war kein Bluff." Am Sonntag, auf dem Weg über den Galibier nach L'Alpe d'Huez zeigte Armstrong, dass er im Hochgebirge zu schlagen ist. Fünf Serpentinen vor dem Ziel ergriff der Spanier Iban Mayo die Initiative und sauste mit wehenden Haaren davon. Bald war von Mayo nur noch sein knalloranges Euskatel-Trikot zu erkennen, Armstrong strampelte am Ende 2:12 Minuten später als Dritter ins Ziel. "Vielleicht", gestand der 31-Jährige anschließend, "bin ich nicht mehr so stark wie in den anderen Jahren. Das habe ich nicht erwartet." Armstrongs wichtigste Mission wurde dennoch erfüllt: Seit Sonntag fährt er wieder in Gelb. Nur liegt er nicht mehr so weit in Front wie zwischen 1999 und 2002, als er viermal in Folge die Tour de France gewann. "Meine Beine waren nicht die besten", erzählte Armstrong. Nun rätselt das Peloton, ob der Topfavorit nur einen schlechten Tag hatte tatsächlich in diesem Jahr an Stärke eingebüßt hat. "Armstrong ist klug gefahren", resümierte sein deutscher Rivale Jan Ullrich, "allerdings nicht so, wie in den Jahren zuvor." Selbst Etappensieger Mayo kann "nicht sagen, ob es möglich ist, Armstrong zu schlagen. Ich habe eigentlich nicht vor, die Tour zu gewinnen." Der Spanier will nur eines: dem Topfavoriten das Leben schwer machen. Und damit steht Mayo nicht alleine da. Eine Handvoll Konkurrenten bewachten Armstrong auf dem Weg nach L'Alpe d'Huez - die Spanier Mayo, Joseba Beloki, Francisco Mancebo und Haimar Zubeldia, der Kasache Alexander Winokurow vom Team Telekom und Tyler Hamilton. Mal griff der eine, dann wieder der andere an, mal wurde es schnell, dann wieder langsam. Denn die gemeinsame Devise lautete: Alle gegen Armstrong. Der Spitzenreiter rang derweil um Fassung: "Diese Taktik", sagte Armstrong mehrfach, "habe ich nicht verstanden." Eines scheint ihm aber am Sonntag schon klar geworden zu sein: Der Weg zum fünften Toursieg wird schwerer als erwartet, das Peloton registriert jede von Armstrongs Bewegungen. "Irgendwann" bestätigte Winokurow, "habe ich gemerkt, dass Armstrong nicht so stark ist." Wie am Sonntag gab der Kasache auch gestern Gas, löste sich vom Feld und gewann die Etappe. In der Gesamtwertung liegt Winokurow nur noch 21 Sekunden hinter Armstrong.

Am meisten aber hatte sich Beloki ins Zeug gelegt, der Spanier fuhr eine Attacke nach der anderen. Gestern stürzte der bisherige Gesamtzweite auf der letzten Abfahrt jedoch schwer auf sein Becken, musste dann ins Krankenhaus gebracht werden.

Überraschend stark präsentierte sich auch Tyler Hamilton, einst Armstrongs wichtigster Helfer. Seit Tagen fährt Hamilton mit gebrochenem Schlüsselbein durch Frankreich, "immer, wenn ich am Lenker ziehe", erzählte der US-Profi, "denke ich, der Knochen kommt durch Haut." Die Königsetappe meisterte er als Siebter, meistens aber klebte er an Armstrongs Hinterrad. "Ich wollte mich aus dem Katz und Maus-Spiel von Beloki und Armstrong heraushalten", sagte Hamilton. "Außerdem wusste ich: Ich muss mich nur für eine Minute quälen, dann wird das Tempo wieder gedrosselt." Auch Hamilton findet, dass Armstrong nicht ganz gut wie sonst ist, "aber immer noch stark genug, um die Tour zu gewinnen." In den kommenden Tagen wird sich nun zeigen, was Armstrong wirklich drauf hat. "Seine Mannschaft", so Hamilton, "hat es verdammt schwer, sie muss das ganze Feld kontrollieren." US-Postals Sportdirektor Johan Bruyneel mimte derweil den Gelassenen: "Warum sich Sorgen machen? Als Mayo weg war, musste Lance vorsichtig kalkulieren. Am Ende hatten wir das Gelbe Trikot ohne uns überanstrengt zu haben." Haben Armstrong und sein Team doch wieder nur geblufft?

Dänischer Außenseitersieg

Jakob Piil schlägt in Marseille Fabio Sacchi im Spurt. Hauptfeld mit den Favoriten rund 20 Minuten zurück

Marseille (dpa) - Die Tour-Favoriten schienen den ersten Ruhetag um 24 Stunden vorverlegt zu haben. Die 10. Etappe von Gap nach Marseille, wo die zweite Etappe der ersten Tour 1903 endete, nutzten neun Ausreißer für eine eindrucksvolle Alleinfahrt. Der Jakob Piil aus dem CSC-Team von Bjarne Riis war nach 219,5 Kilometern der schnellste von ihnen.

Der Däne sicherte sich in der Mittelmeer-Metropole seinen ersten Tagessieg überhaupt vor dem Italiener Fabio Sacchi. Die beiden hatten sich wenige Kilometer vor dem Ziel von der Ausreißer-Gruppe abgesetzt. Im Gesamtklassement änderte sich einen Tag vor dem richtigen Ruhetag in Narbonne nichts, obwohl das Feld erst 21:23 Minuten später eintraf. Den Spurt um Rang zehn gewann der Träger des Grünen Trikots, Baden Cooke (Australien) vor seinem Landsmann Robbie McEwen und Erik Zabel (Unna), der in der Punktwertung weiter an Boden verlor.

Der vierfache Toursieger Lance Armstrong sicherte seinen am Vortag nach seiner Querfeldein-Einlage auf 21 Sekunden geschrumpften Vorsprung auf Alexander Winokurow (Kasachstan) aus dem Team Telekom. Jan Ullrich, der am Dienstag ebenso wie der Texaner einen relativ ruhigen Tag verlebte, behauptete Rang sechs mit 2:10 Minuten Rückstand. «Das erste Einzelzeitfahren am Freitag über 47 Kilometer wird zur Schlüsselstelle der Tour. Danach sehen wir, wie es weiter geht», meinte Telekom-Manager Walter Godefroot.

Die neun Fahrer, darunter der Gerolsteiner-Sprinter René Haselbacher, hatten nach 16 Kilometern attackiert und waren auch weg gekommen. Auf der Hitzefahrt durch die Provence hatten sie einen Maximal-Vorsprung von 24:09 Minuten - Rekord für dieses Jahr. Diese Marke schmolz zwar geringfügig - die Topfahrer rissen sich aber nach den Anstrengungen der Alpen kein Bein aus. Die Ausreißer, die im Stadtgebiet Marseilles in einzelne Gruppen zersplitterten, bildeten im Gesamtklassement keine Gefahr. «Ich bin super glücklich. Auf solch einen Erfolg habe ich zwei Jahre gewartet», freute sich Piil.

Zusätzlich zu den Ausreißern mussten sich die Verfolger bei Kilometer 147 auch gegen Demonstranten durchsetzen, die das Tour-Feld stoppten. Bauern demonstrierten gegen die Verbreitung von Gen manipuliertem Getreide. Nach einem kleinen Handgemenge mit Polizisten auf der einen und Demonstranten auf der anderen Seite konnten die Profis nach rund zwei Minuten Unterbrechung ihre Fahrt fortsetzen. Die Jury entschied wie vor Wochenfrist, als das Feld an einer Bahnschranke stoppen musste, dass es keinen Zeitausgleich für die verlorene Zeit gibt. Die Ausreißer - der im Gesamtklassement am besten Platzierte von ihnen, der Spanier José Gutierrez, belegte beim Start Rang 61 mit 47:04 Minuten hinter Armstrong - hatten es mit Genugtuung vernommen.

Haselbacher befindet sich seit seinem Sturz in aussichtsreicher Position kurz vor dem Ziel der Etappe nach Sedan seit einer Woche «auf einem Kreuzweg», wie die «L'Equipe» seine Schmerzen nach den Sturzverletzungen beschrieb. Trotzdem wagte der Österreicher am Dienstag den Sprung nach vorn, wurde Fünfter und hofft auch noch auf die Flachetappen der letzten Tour-Woche. «Auch beim Giro ist er 2002 mit steigender Dauer immer stärker geworden», setzt sein Teamchef Hans-Michael Holczer weiter Hoffnungen auf «Hasi», der nach seinem Sturz fast am ganzen Körper verpflastert war.

Der Vorjahres-Zweite Joseba Beloki, der am Vortag vier Kilometer vor dem Ziel genau vor Armstrong schwer gestürzt war und den Texaner damit zu dem Umweg über ein abgemähtes Feld gezwungen hatte, liegt inzwischen in einem Krankenhaus in Vitoria/Spanien. Am Dienstag erhielt er sogar ein Telegramm von Spaniens König Juan Carlos, der ihm Mut machte: «Im nächsten Jahr bist du wieder dabei.» Beloki aus der Jörg-Jaksche-Mannschaft Once erlitt Brüche am rechten Oberschenkel, am Handgelenk und am Ellenbogen. «Jetzt gibt es keinen Chef mehr, aber vielleicht kann einer von uns noch eine Etappe gewinnen», sagte Jaksche.


Sensationeller Endspurt der Giganten

Ullrich gewinnt Zeitfahren und ist jetzt Zweiter - Armstrong behält Gelb - Showdown in den Pyrenäen

Gaillac -  Jan Ullrich greift bei der Tour noch einmal richtig an. Der deutsche Radstar gewann sensationell überlegen das Zeitfahren auf der 12. Etappe über 47 Kilometer. Ullrich schob sich auf 34 Sekunden an den weiter führenden Lance Armstrong heran, ist im Gesamtklassement nun Zweiter. Die Entscheidung fällt aber zwischen fünf Fahrern erst in den nächsten drei Tagen in den Pyrenäen.

Es ist alles noch offen - wie oft hatten die Verfolger von Armstrong diesen Satz schon vor dem Zeitfahren heruntergebetet. Ullrich wurde nicht müde, zu erklären: Nichts ist entschieden!" Und der drittplatzierte Alexander Winokurow relativierte seinen Rückstand auf Armstrong: "Der lässt sich auf den Pyrenäen-Etappen sicherlich wettmachen."

Paradoxerweise sind es die Aussichten auf unsägliche Strapazen, die die Verfolger auf den Amerikaner schicksalhaft zusammenschweißt. Auf die Pedaleure warten qualvolle Klettereien auf Berge wie den Col de Pailhéres, den Col du Portet d'Aspet oder den Tourmalet: Temperaturstürze von über 30 auf 5 Grad Celsius, Regen, Wind und rissiger Asphalt werden die Fahrer an ihre mentalen und physischen Grenzen führen. Das sind Anstiege, so mahnte Ullrich seine Landsleute, die Schufterei nicht für eine Spazierfahrt durch den Schwarzwald zu halten, bei denen du "Halluzinationen bekommst. Die Hitze ist brutal heiß. Du kommst an den Anstieg und bist kurz davor, vom Rad zu kippen. Das macht alles andere als Spaß."

Die Berge in den französischen Pyrenäen, so haben es die Veranstalter der "Großen Schleife" geplant, sind der Höhepunkt der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt. Doch nicht nur für die Fahrer. Gerade für die Radsportvernarrten Basken ist dieser Teil der Tour de France, so der sportliche Leiter des baskischen Rennstalls Euskaltel-Euskadi, Julian Gorospe, "das wichtigste Sportereignis des Jahres."

Zwei Millionen Basken leben jenseits der Pässe in Spanien. Die Hälfte davon werden bis Anfang nächster Woche auf die französische Seite gepilgert sein. "Die Pyrenäen", so Gorospe, "sind fest in baskischer Hand, es ist quasi unserer Heimat." Jahr für Jahr leben sie dort friedfertig den Ausnahmezustand - eine Selbstdarstellung in Orange, der Farbe der 1999 gegründeten baskischen Euskaltel-Equipe, dem Pendant zum deutschen Team-Telekom. Schon vor Tagen forderte Mobilfunk-Anbieter Euskaltel seine Klientel via Internet auf: "Taucht die Pyrenäen in Orange." Grenzen kennt der Nationalstolz der Basken kaum. Bewehrt mit der Ikurrina, der rot-weiß-grünen Landesfahne, und den Trikots der baskischen Teams Once-Eroski und Euskaltel werden sie drei Tage auf eines hoffen: dem Sieg eines ihrer Fahrer.  

 

Ullrich demontiert Armstrong

Der Bianchi-Kapitän gewann das erste lange Zeitfahren der diesjährigen Tour de France mit 1:36 Minuten vor Armstrong und ist nun zweiter der Gesamtwertung

Ullrich fuhr Armstrong davon

Cap Decouverte  -  Jan Ullrich hat sich bei der Tour de France mit einem Paukenschlag zurückgemeldet und Titelverteidiger Lance Armstrong eine schwere Schlappe zugefügt. Durch einem sensationellen „Höllenritt“ nach Cap'Decouverte hat der Tour-Sieger von 1997 im Prestige-Duell gegen „Tourminator“ Lance Armstrong das erste lange Zeitfahren der 90. Frankreich-Rundfahrt mit 1:36 Minuten Vorsprung gewonnen und den Topfavoriten im Kampf ums Gelbe Trikot ins Wanken gebracht. Fünf Jahre nach seinem letzten Tour-Etappensieg am 1. August 1998 in Le Creusot meldete sich Ullrich eindrucksvoll zurück und entschied den Kampf gegen die Uhr nach 47 km in 58:32,92 Minuten für sich.

„Ich bin überglücklich. Das habe ich nie erwartet. Ich wollte nur eine gute Tour fahren, jetzt habe ich sogar einen Etappensieg, und das im Zeitfahren gegen Lance. Ich bin den Tränen nah“, meinte der Bianchi-Kapitän und sagte Armstrong den Kampf an: „Jetzt ist bei dieser Tour alles möglich.“ Das sieht Ullrich-Manager Wolfgang Strohband genauso: „Die Tour ist wieder offen. Ich habe nie geglaubt, dass er Armstrong so klar schlägt.“

Armstrong verteidigte mit Rang zwei immerhin das Gelbe Trikot erfolgreich, hat aber vor dem Aufstieg in die Pyrenäen nur noch 34 Sekunden Vorsprung auf Ullrich. Der Bianchi-Kapitän verbesserte sich vom sechsten auf den zweiten Rang vor Telekom-Profi Alexander Winokurow (51 Sekunden Rückstand), der im Tagesklassement 2:06 Minuten hinter Ullrich Dritter geworden war.

Auf dem Weg über das Hochplateau am Rande des Zentralmassiv schien sich ein Thriller anzubahnen, als Armstrong und Ullrich bei der ersten Zwischenzeit nach 13 km gleichauf lagen. Danach aber war Ullrich nicht mehr zu stoppen. Auf dem Weg zum insgesamt siebten Tour-Etappensieg seit 1996 ließ der zweimalige Zeitfahr-Weltmeister den Titelverteidiger im „Fernduell“ einfach stehen und demontierte den Tour-Sieger der vergangenen vier Jahren förmlich.
Peschel in Höchstform
Eine Superleistung zeigte Uwe Peschel vom Team Gerolsteiner. Der fünfmalige deutsche Zeitfahrmeister war als 16. Fahrer um 11.18 Uhr auf die Strecke gegangen und stellte an allen drei Zwischenmessstationen am croix de fer (13 km), sowie in Salles (33) und Pouilhounac (42) Bestzeiten auf und belegte am Ende 3:26 Minuten hinter Ullrich den ausgezeichntenen sechsten Platz. Der Tour-Debütant wurde in 1:01:58,190 Stunden gestoppt, 1:33 Minuten schneller als Kolumbiens Zeitfahr-Weltmeister Santiago Botero vom Team Telekom.
Im Rahmen ihrer Möglichkeiten blieben die Telekom-Profis Erik Zabel (1:09:42,00) und Matthias Kessler (1:08:56,96). Dagegen musste ihr stark verschnupfter Teamkollege Rolf Aldag über 1:10:12, 39 Stunden einen Kraftakt abliefern. Gesundheitliche Probleme hatte auch Saeco-Fahrer Jörg Ludewig. Der Westfale kam mit einer Magenverstimmung nach 1:07:55,73 Stunden ins Ziel.
Ihre gute Form bestätigten die deutschen „Legionäre“ Jörg Jaksche (Once) und Grischa Niermann (Rabobank). Für Jaksche wurden 1:05:11,06 Stunden notiert, Niermann kam nach 1:04:51,81 Stunden an. Als erste Deutsche waren Torsten Schmidt (Gerolsteiner) sowie die Bianchi-Profis Daniel Becke und Thomas Liese auf die Zeithatz gegangen. Liese benötigte 3:39 Minuten mehr als Peschel, Schmidt 3: 46. Nicht den besten Tag hatte Vierer-Bahnolympiasieger Becke erwischt. Der Erfurter wurde in 1:10:00,21 Stunden gestoppt. Achtbar bei seiner 12. Tour hält sich weiter der „Gerolsteiner“ Udo Bölts (1:07:27,51).
Am Samstag steht die erste Pyrenäen-Etappe auf dem Programm. Den Auftakt bildet das 197,5 km lange Teilstück von Toulouse nach Ax-les-Thermes, wo die zweite von drei Bergankünften der 90. Tour absolviert wird. Vor dem Schlussanstieg müsssen die Fahrer jedoch zunächst über den 2001 m hohen Port de Pailheres. Beides sind Berge der ersten Kategorie.


Ullrich nur noch 15 Sekunden hinter Armstrong

Der 29-jährige Deutsche macht auf der ersten Pyrenäen-Etappe 19 Sekunden auf den Amerikaner im gelben Trikot gut. Der Spanier Carlos Sastre gewinnt die 13. Etappe der Tour de France

Zwei ehemalige Teamgefährten auf dem Weg zum Gipfel

Ax-3 Domaines -  Die Tour de France wird immer spannender und Jan Ullrich immer besser. Nach seinem überragenden Erfolg beim Zeitfahren machte der 29-jährige Olympiasieger auf der ersten von vier Pyrenäen-Etappen wiederum 19 Sekunden auf Lance Armstrong gut. Als Etappenzweiter hinter dem Spanier Carlos Sastre sicherte sich Ullrich nach 197,5 Kilometern in Ax-3 Domaines im Ziel 12 Sekunden Zeitgutschrift. Der viermalige Toursieger aus Texas, dessen Vorsprung an der Spitze des Gesamtklassements auf 15 Sekunden zusammenschrumpfte, ging als Tagesvierter leer aus.

Auf den letzten Kilometern hatten sich die beiden Tour-Dominatoren ein gnadenloses Duell geliefert, das Ullrich als knapper Sieger beendete. „Ich bin froh, dass Jan keine Angst hatte und selbst attackierte“, lobte Bianchi-Teamchef Rudy Pevenage seinen Schützling, der schon auf der nächsten Etappe die Gelegenheit bekommt, Armstrong das Gelbe Trikot zu entreißen. Der Sieger der vergangenen Jahre trägt das „Maillot Jaune“ am Sonntag zum 43. Mal.

Sastre, der sich 20 Kilometer vor dem Ziel von einer Spitzengruppe abgesetzt hatte, feierte den zweiten diesjährigen Etappen-Erfolg für das Bjarne-Riis-Team CSC und einen „Heimsieg“ unweit der Landesgrenze. Hinter Armstrong und Ullrich rangiert in der Gesamtwertung Alexander Winokurow (Kasachstan), der sich mit seinem alten Team-Kollegen bestens ergänzte, weiter auf Rang drei - mit jetzt 1:01 Minuten Abstand zum Vorjahressieger. „Es gibt noch genug Chancen in den Pyrenäen. Die enormen Anstrengungen von gestern konnte ich noch nicht ausgleichen. Aber ich bin nicht enttäuscht“, sagte Armstrong direkt nach dem Rennen, in dem sich die die Topfahrer erneut nichts schenkten.

Am Samstag begann die viertägige Tour durch die Pyrenäen. Der Sonntags-Abschnitt über 191,5 Kilometer und sechs Anstiege endet nach einer sechs Kilometer langen Abfahrt. Am Montag stehen eine Bergankunft und über 159,5 Kilometer die zwei Tour-Klassiker Aspin und Tourmalet vor dem Schluss-Anstieg nach Luz-Ardiden auf dem Programm. Die letzte Pyrenäen-Etappe am Mittwoch verspricht vom Profil her die relativ leichteste zu sein. Am Dienstag wird den Fahrern ein zweiter Ruhetag gegönnt. Zuletzt gelang das vor zwei Jahren Roberto Laiseka von Euskaltel auf der 15. Etappe nach Luz-Ardiden. "Der Sieg von Laiseka", schwärmte damals Gorospe, "ist soviel wert, als hätte Athletic Bilbao die Champions League gewonnen."

Nach dem Sturz des wohl stärksten Rivalen von Lance, Armstrong, Joseba Beloki, setzen die Basken nun ihr ganzes Vertrauen in den Sieger der "Königsetappe" nach L'Alpe d'Huez, Iban Mayo. Der Fahrer von Euskaltel weiß, mit welchen Erwartungen seine Landsleute nach Frankreich herüber gekommen sind. "Die wollen Attacken sehen", so Mayo, "und ich bin einer, der sein Gesicht nicht versteckt."


Lance Armstrong verteidigt das Gelbe Trikot

Der Amerikaner und sein schärfster Rivale Jan Ullrich rollten in der selben Gruppe ins Ziel. Simoni gewinnt zweite Pyrenäen-Etappe der Tour de France

Loudenville-Le Louron -  Gilberto Simoni hat die zweite Pyrenäen-Etappe der 90. Tour de France gewonnen. Der amtierende Giro-Sieger setzte sich auf dem Teilstück über 191,5 km von Saint-Girons über sechs Berge nach Loudenvielle-Le Louron vor Laurent Dufaux und Richard Virenque durch.

Das Gelbe Trikot verteidigte der Amerikaner Lance Armstrong erfolgreich. Der US-Postal-Kapitän kam gemeinsam mit Jan Ullrich und 1:24 Minuten Rückstand auf Sieger Simoni ins Ziel. Telekom-Profi Alexander Winokurow machte derweil als
Sechstplatzierte weitere Sekunden auf das Duo gut. Seine Führung in der Bergwertung baute der Franzose Richard Virenque aus.

 

Noch 15 Sekunden!

In den Pyrenäen nimmt Jan Ullrich Titelverteidiger Lance Armstrong erneut wertvolle Zeit ab - er gewinnt den Kampf gegen die Höllenhitze

Ullrich (r.) kontert Winokurows Attacke, Armstrong (l.) lässt abreißen, büßt wieder Zeit ein
Foto: AP

Ax-les-Thermes  -  Oben auf dem Port de Pailhères, einem Zweitausender der Bergkategorie eins, warfen sie sich einen flüchtigen Blick zu. Ganz kurz nur. Alles beim Alten geblieben, nichts ist passiert. Trotz der unglaublichen Strapazen. Lance Armstrong, ständig kontrolliert von seinem Jäger Jan Ullrich (Bianchi). Sie ließen sich am Tag nach dem großen Angriff Ullrichs im Zeitfahren keinen Meter aus den Augen. Neu dabei: Ullrich gab das Tempo vor, Armstrong hing hinten dran.

Zwei Kilometer vor dem Ziel in Domaines (1372 m hoch) ein Ausreißversuch von Alexander Winokurow (Telekom). Ullrich konterte und zog selbst davon, er wurde Zweiter und nahm Armstrong erneut wertvolle 19 Sekunden ab. Den Sieg der ersten Pyrenäen- etappe überließ Ullrich dem Spanier Carlos Sastre vom CSC-Team. Im Gesamtklassement bleibt Armstrong in Gelb, Ullrich jetzt 15 Sekunden zurück. Was für ein dramatischer Dreikampf: Armstrong, Ullrich - und die Höllenhitze.

Unweit der Tour 2003 toben heftige Waldbrände. Die unerträgliche Glut macht sich in Südfrankreich selbstständig. Dieser Sommer ist für viele eine Qual, vor allem aber für die Fahrer der Tour de France.

Während des Zeitfahrens von Gaillac nach Cap Dé- couverte herrschten 38 Grad. Im Schatten. "Ich war noch nie so durstig in meinem Leben", klagte Armstrong und gab zu: "Ich habe echt gelitten. Das ist die heißeste Tour, die ich je erlebt habe." Der viermalige Sieger und Topfavorit kassierte seine bitterste Niederlage: Nach 47 Kilometern rollte er 1:38 Minuten später als Jan Ullrich ins Ziel, der mit dem schnellsten Rennen für eine große Sensation sorgte. Ullrich: "Vor dem letzten Anstieg habe ich noch einmal einen großen Schluck getrunken." Was ein solcher Schluck doch bewirken kann. Ullrich war gerührt, als er das Siegerpodest betreten durfte. "Ich bin den Tränen nahe."

Fünf Jahre ist es her, seit er seine letzte Tour-Etappe, ebenfalls ein Einzelzeitfahren, gewann. Seitdem fuhr er Armstrong beständig hinterher. "Die Rückkehr des Wunderkindes", titelte die französische Sportzeitung "L'Equipe" euphorisch. Denn während sich das Peloton der unerträglichen Hitze in Frankreich zu ergeben scheint, wird Ullrich von Tag zu Tag besser.

"Von mir aus", sagte der Kapitän des Bianchi-Teams, der kurioserweise aus dem kühlen Rostock stammt, "kann es so heiß bleiben. Jetzt ist alles möglich." Vierzig Grad und mehr haben die Meteorologen für die Etappen durch die Pyrenäen prophezeit. Auch in Höhen, in denen Fans in den letzten Jahren Pullover benötigten, soll es unerträglich heiß werden. Zuletzt wurden dort vergleichbare Temperaturen bei der großen Schleife 1976 erreicht, nicht umsonst nannte man damals das Gelbe Trikot des Belgiers Lucien van Impe "Maillot Jaune Tropical" (Tropisches Gelbes Trikot).

Noch schlimmer war es nur 1957 - noch heute sprechen Radsport-Veteranen von der "Tour de Crématoire" (Tour des Krematoriums). "Wenn es so weitergeht, rechnen wir in den nächsten Tagen mit einer Schwemme von Fahrern, die aussteigen", befürchtet Tour-Arzt Gerard Porte.

Innerhalb von drei Tagen kapitulierten bereits 22 Rennfahrer angesichts dieser Hitzeschlacht. In Ullrichs Team erwischte es Tobias Steinhauser, der völlig entkräftet aufgeben musste. Der Berliner Jens Voigt erkrankte an verdorbenen Lebensmitteln. Und Rolf Aldag vom Team Telekom, Zweiter der Alpenetappe von Lyon nach Morzine, plagte eine hartnäckige Erkältung. "Das wundert mich nicht", sagte Aldag, "während des Rennens schwitzt man bei 35 Grad, danach kommt man in Räume, die um 20 Grad runtergekühlt sind. Im Feld haben dazu viele Magenprobleme. In ausgepumpten Körpern haben Bakterien eine günstige Angriffsfläche."

Auch Armstrong schien mit den Temperaturen nicht zurechtzukommen, das glaubt zumindest Alexander Winokurow, Tour-Hoffnung des Team Telekom. "Als Jan noch bei Telekom war, haben wir schon damals festgestellt, dass Lance Hitze nicht mag."

Andere Weltklassefahrer wie der Franzose Christophe Moreau fürchten dagegen den weichen Asphalt. "Man hat Angst zu bremsen", klagt Moreau, "vor allem auf den langen Abfahrten. Sein Mechaniker Pascal Ridel sieht "lebensgefährliche Situationen" auf die Rennfahrer zukommen. "Die Bremsbeläge können an den Carbonfelgen kleben bleiben oder sich wie bei Joseba Beloki die Reifen ablösen." Gestern stürzte der Australier Robby McEwen, wie aus dem Nichts.

Ullrich, der sich selbst als ausgesprochenen Hitzefahrer bezeichnet, erklärt dieses Phänomen so: "Wenn man in den roten Bereich geht, kriegt man fast schon Halluzinationen. Nach vier bis fünf Stunden unter der prallen Sonne bleibt es nicht aus, dass man die Konzentration verliert. Und der Helm verschlimmert das Ganze noch. Die Hitze wird bei dieser Tour der entscheidende Faktor sein."


Armstrong gewinnt vorletzte Bergetappe

Auf den letzten Kilometern reißt der US-Amerikaner trotz eines Sturzes aus. In der Gesamtwertung lässt er seinen Verfolger Jan Ullrich 67 Sekunden hinter sich

Bleibt nach der 15. Tour-Etappe insgesamt Spitze: Lance Armstrong
Foto: AP

Luz-Ardiden -  Der US-Amerikaner Lance Armstrong vom Team Postal hat die letzte Bergankunft der 90. Tour de France gewonnen. Die 15. Etappe über 159,5 km von Bagneres-de-Bigorre mit sechs Bergpreisen bis nach Luz-Ardiden entschied der Amerikaner nach einer Solofahrt in 4:29:26 Stunden für sich.

Armstrong verteidigte damit das Gelbe Trikot des Spitzenreiters im Gesamtklassement. Der deutsche Fahrer Jan Ullrich (Bianchi) kam nach dem auf dieser Etappe zweitplatzierten Iban Mayo mit 40 Sekunden Rückstand auf Armstrong ins Ziel.

Wegen einer Zeitgutschrift von 20 Sekunden für den Etappenersten Lance Armstrong hat Ullrich jetzt 1:07 Minuten Rückstand auf den Führenden. Der gebürtige Rostocker wiederum vergrößerte als Etappen-Dritter seinen Abstand zu Verfolger Alexander Winokurow (Kasachstan) auf 1:38 Minuten.

Armstrong stürzt über Tasche eines Zuschauers

Beim finalen Anstieg überschlugen sich die Ereignisse. Armstrong kam nach einer Berührung mit der Tasche eines Zuschauers zu Sturz. Ullrich nutzte dieses Missgeschick des viermaligen Tour-Gewinners nicht zu einer Attacke. Armstrong kämpfte sich wieder nach vorn und ließ in einer grandiosen Alleinfahrt auf den letzten Kilometern Ullrich keine Chance.

Mit seinem Rückstand von 67 Sekunden hat Ullrich seine Chance auf seinen zweiten Toursieg nicht eingebüßt. Nach einem Ruhetag am Dienstag folgt am 23. Juli die letzte Pyrenäen-Etappe und am Samstag einen Tag vor dem Finale in Paris das vielleicht entscheidende Einzelzeitfahren.

 

Virenque ist Bergkönig

Der Franzose Richard Virenque sicherte sich unterdessen auf der vorletzten Pyrenäen-Etappe den Gewinn der Bergwertung. Wenn er durchs Ziel in Paris fährt, steht Virenque damit das Gepunktete Trikot der Tour zu.

Hamilton gewinnt letzte Berg-Etappe - Armstrong bleibt vor Ullrich

Bayonne  -  Tyler Hamilton hat am Mittwoch die letzte Berg-Etappe bei der diesjährigen Tour de France gewonnen. Der Amerikaner, der seit Tour-Beginn am Schlüsselbein verletzt ist, war über die 197,5 Kilometer von Pau nach Bayonne in 4:59:41 Stunden Schnellster. Erik Zabel wurde im Massensprint Zweiter. In der Gesamtwertung liegt Lance Armstrong weiterhin vor Jan Ullrich, die beide mit dem
Hauptfeld ins Ziel kamen.


Knaven gewinnt 17. Tour-Etappe

Lance Amstrong führt weiter das Gesamtfeld an. Vorsprung zu Jan Ullrich beträgt 67 Sekunden

Bordeaux -  Der Niederländer Servais Knaven hat die erste Flachetappe der 90. Tour de France nach dem Ausstieg aus den Bergen gewonnen. Der Quick-Step-Fahrer holte sich auf dem 17. Teilstück über 181 km von Dax nach Bordeaux den Sieg, nachdem er sich 12 km vor dem Ziel aus einer zehnköpfigen Spitzengruppe gelöst hatte. Das Hauptfeld erreichte mit 8:07 Minuten Rückstand das Ziel.

Im Gelben Trikot des Spitzenreiters im Gesamtklassement führt Lance Armstrong weiter mit 1:07 Minuten Vorsprung vor Jan Ullrich. Das Grüne Trikot des Punktbesten verteidigte Baden Cooke erfolgreich, als „Bergkönig“ bleibt der Franzose Richard Virenque im rotgepunkteten Trikot.

Am Freitag führt die 18. Etappe über 203,5 km von Bordeaux nach Saint-Maixant-l„Ecole, bevor am Samstag das vorentscheidende Einzelzeitfahren über 49 km auf dem Programm steht.  

 


Grün ist die Hoffnung

Das Trikot des Sprinterkönigs sorgt vorm Tour-Finale plötzlich für mehr Interesse und Spannung

Bordeaux  -  Um 16.30 Uhr war der Arbeitstag für Erik Zabel noch lange nicht beendet. Vor dem Mannschaftsbus hatten sich Fans, Fotografen und Journalisten versammelt, denn gerade hatte Zabel die letzte schwere Bergetappe in Bayonne als Zweiter beendet. Der Radprofi aus Unna machte drei Schritte nach rechts, und die große Menschentraube bewegte sich geräuschvoll hinterher. 17 Punkte hatte Zabel für seine Platzierung kassiert, damit brachte er sich hinter den Australiern Baden Cooke und Robbie McEwen wieder ins Gespräch für das Grüne Trikot. Dass eine Handvoll Männer bei der Tour auch um etwas anderes, als um Gelb kämpfen, war in den vergangenen zehn Tagen völlig untergegangen. Das spannende Duell um den Toursieg zwischen Jan Ullrich und Armstrong, anfangs noch mit Alexander Winokurow ein Dreikampf, hatte alles andere überstrahlt. Da passte es nur gut ins Bild, dass selbst Zabel wenig Interesse an dem Textil des Punktbesten zeigte: "Ich habe mich mental vom Grünen Trikot gelöst. Seitdem macht mir die Tour wieder Spaß."

Dann erklomm Zabel die vielen Stufen zum Studio der ARD-Sportschau. Dort stand er zum zweiten Mal seit Tourbeginn zwischen Radlegende Rudi Altig und seinem früheren Sprint-Konkurrenten Marcel Wüst und gestand: "Dieser ständige Druck, das Grüne Trikot zu holen, hat meine Karriere beeinträchtigt. Nach meinem Sturz hatte ich erstmals richtig Angst vor den Bergen, aber die Wunden sind verheilt. Das ist gut für die Moral."

Lächelnd stieg Zabel die verchromte Leiter wieder hinunter, nahm Glückwünsche und ein anerkennendes Schulterklopfen entgegen und schrieb ein paar Autogramme. Zabel ist jetzt 33 Jahre alt und Kapitän des Team Telekom. Seit er seine Hauptaufgabe darin sieht, "der verlängerte Arm zwischen Teamleitung und Rennfahrern" zu sein, hat er stets einen kessen Spruch auf den Lippen, gibt sich locker und gelöst. Damit, dass derzeit noch Cooke das Grüne Trikot auf dem Siegerpodest von zwei hübschen Brünetten übergestreift bekommt, hat Zabel kein Problem. "Das steht dem Jungen doch gut."

Noch führt Cooke die Rangliste mit 169 Punkten (Stand 17. Etappe, die Servais Knaven gewann, nachdem der Nied

erländer sich aus einer zehnköpfigen Spitzengruppe gelöst hat) vor McEwen (163) und Zabel (157) an. Heute, nach den 203 Kilometern von Bordeaux nach Saint-Maixent-Ecole kann schon wieder alles ganz anders aussehen. Bei den Sprintern entscheiden darüber manchmal nur wenige Millimeter. Jahrelang dominierte der Kampf ums Grüne Trikot die letzte Woche der Tour. 2001 war es Stuart O'Grady, der Zabel bis zuletzt jagte, im vergangenen Jahr lieferte sich der Deutsche sogar noch auf den Champs-Elysées in Paris mit McEwen ein erbittertes Duell. Wann immer es ums Grüne Trikot ging, hat Zabel kräftig mitgemischt. Sechsmal hat er es bereits gewonnen, ein einsamer Rekord, mit dem sich der Weltklassefahrer verewigt hat.

Ganz verbergen kann Zabel nicht, dass er jetzt, drei Tage vor Tourende, doch wieder mit dem Grünen Trikot liebäugelt. Über die Sprintwertungen der nächsten Etappe wusste er zuletzt genau Bescheid: "Die kommen erst relativ spät."

Mittlerweile deutet alles darauf hin, dass der abschließende und meistens rein repräsentative Sonntag einer der spannendsten der Tourgeschichte werden kann: Sowohl der Kampf ums Gelbe als auch der ums Grüne Trikot werden vielleicht erst auf Paris' Prachtstraße entschieden. Falls Ullrich nicht mehr an Armstrong vorbeiziehen kann, steht vielleicht mit Zabel doch wieder ein deutscher Rennfahrer auf dem Podest. In Grün.


Spanier Pablo Lastras gewinnt 18. Etappe

Jan Ullrich hat dem führenden Lance Amstrong zwei Sekunden abgenommen. Durchschnittstempo des Etappensiegers lag über 50 km/h

Saint-Maixent-l Ecole  -  Punktsieg für Jan Ullrich: Mit einem Husarenstück hat der Bianchi-Kapitän das Finale der 90. Tour de France eingeläutet und den Rückstand auf Lance Armstrong schon vor dem Zeitfahren am Samstag reduzieren können. Der Olympiasieger sprintete beim ersten Zwischenspurt der 18. Etappe mit Armstrong am Hinterrad dem Australier Robbie McEwen hinterher und nahm seinem Widersacher zwei Sekunden ab.

„Das war psychologisch sehr wichtig. Wenn es eng bleibt, wird bis zur letzten Sekunde in Paris gekämpft“, meinte Bianchi-Geschäftsführer Jacques Hanegraaf zum Kopf-an-Kopfrennen der beiden Topstars, die mit dem Tagessieg jedoch nichts zu tun hatten.

Im Schlusspurt nach 4:03:18 Stunden gewann der Spanier Pablo Lastras an der Spitze einer ursprünglich 16-köpfigen Ausreißergruppe vor dem Franzosen Carlos Da Cruz und Telekom-Profi Daniele Nardello (Italien). Den Sprint des Hauptfeldes entschied 24: 13 Minuten hinter Lastras auf dem 17. Platz Robbie McEwen für sich, der damit Grüne Trikot eroberte. Erik Zabel fuhr auf den 18. Platz.

Im Gesamtklassement machte sich die Ausreißeraktion auf den 203,5 km von Bordeaux nach Saint-Maixant-l„Ecole, das erstmalig ein Tour-Etappenort ist, nicht bemerkbar. Im Gelben Trikot führt Armstrong nun mit 1:05 Minuten Vorsprung vor Ullrich, 2:47 Minuten zurück blieb der Kasache Alexander Winokurow vom Team Telekom Dritter.

Der Sieg von Lastras wird als der zweitschnellste in die Tour-Geschichte eingehen. „Das war bei dieser Tour meine letzte Möglichkeit und die habe ich genutzt. Den Sieg widme ich meiner Mutter, die vor vier Monaten gestorben ist“, sagte Lastras, der das Teilstück bei starker Rückenwind-Unterstützung mit einem Tempo von 50,185 km/h fuhr. Den bisherigen Rekord hatte Italiens Weltmeister Mario Cipollini am 7. Juli 1999 auf den 194,5 km der vierten Etappe zwischen Laval und Blois mit 50,355 km aufgestellt.  

 


Ullrich stürzt - Tour verloren

Armstrong geht mit einem Vorsprung von 1:16 Minuten auf die letzte Etappe

Pech beim Zeitfahren: Ullrich stürzte

Der Amerikaner Lance Armstrong hat im Kampf um den Gesamtsieg der 90. Tour de France eine Vorentscheidung erzielt. Beim Einzelzeitfahren über 49 Kilometer war der US-Postal-Kapitän elf Sekunden schneller als sein Rivale Jan Ullrich und geht so mit einem Vorsprung von 1:16 Minuten im Gesamtklassement auf die letzte Etappe.

Ullrich fuhr ein entfesseltes Rennen, hatte jedoch großes Pech. Er stürzte bei Kilometer 37, verlor wertvolle Zeit und musste seine Hoffnungen auf einen erneuten Toursieg nach 1997 begraben. Bis dahin hatte Ullrich bei allen Zwischenzeiten vor Armstrong gelegen. Radsportlegende Rudi Altig sagte: "Jan Ullrich wollte gewinnen, aber der liebe Gott war gegen ihn." Ullrich: "Leider haben wir nicht wie in der Formel 1 Regenreifen. Ich bin natürlich traurig. Es war mein Traum, Lance das Gelbe Trikot abzunehmen."

Den Tagessieg holte sich der Schotte David Millar in 54:05 Minuten. Armstrong belegte mit 14 Sekunden Rückstand den dritten Platz, Ullrich wurde Vierter. Die letzte Etappe führt heute über 152 km von Ville-d'Avray nach Paris. Ein Ehrenkodex der Fahrer lässt es nicht zu, dass Ullrich Spitzenreiter Armstrong angreift.


"Niemand motiviert mich so wie Jan"

Nach dem fünften Erfolg bei der Tour will Lance Armstrong den Deutschen noch einmal besiegen

Gegenseitiger Glückwunsch: Auf der Schlussetappe gratuliert Jan Ullrich (l.) dem Tour-Sieger Lance Armstrong
Foto: dpa

Paris -  Schon wenige Kilometer nach dem Start in der Pariser Vorstadt Ville d'Avray reichte Johan Bruyneel Champagner aus dem Begleitfahrzeug. Lächelnd griff Lance Armstrong nach dem Glas, stieß rollend mit seinem Teamchef an, dann auch mit den Kollegen bei US Postal. Fotografen knipsten von den Motorrädern aus, gratulierten dem Amerikaner zum Sieg beim hundertjährigen Jubiläum der Tour de France. "Thank you", sagte Armstrong artig, und flachste: "Große Sache bei euch, diese Tour, hm?"

Als ob er das nicht ganz genau wüsste. Mit seinem fünften Sieg hat sich der sonst so kühl und konzentriert wirkende Kapitän des Teams US Postal endgültig in die Geschichtsbücher und auch ein Stück weit mehr in die Herzen der Gastgeber gestrampelt. Er ist der Gewinner des Duells mit Jan Ullrich, der Sieger über sich und alle Zweifler. Im Gesamtklassement liegt Armstrong am Ende 76 Sekunden vor Ullrich, nach insgesamt 3427,5 Kilometern durch Frankreich. Die letzten 152 Kilometer gestern durfte Armstrong genießen. Ein Triumphzug über die Champs-Élysées. Er hielt sich zurück, vorn formierten sich die Sprinter, um bei der letzten Etappe noch mal um die Meriten eines Tagessieges zu kämpfen, den schließlich der Franzose Jean-Patrick Nazon errang.

Die Schlagzeilen indes gehörten natürlich Armstrong. "Lance ist eine Legende", schrieb "Libertà" (Italien), "Armstrong erklimmt den Olymp des Radsports", schwärmte "Marca" (Spanien) und "Le Journal du Dimanche" (Frankreich) titelte: "Lance Armstrong ist im Kreis der Giganten angekommen. Sein fünfter Tour-Sieg war der härteste und verrückteste."

Der Tag gestern war für den 31 Jahre alten Texaner das Ende einer Dienstfahrt, die so zehrend war wie keine andere. "Dieser Sieg war schwieriger als alle anderen zuvor", sagte Armstrong. "Es war eine Tour voller Probleme, ich hatte viele Stürze zu überstehen, und ich war körperlich schwächer als in den vergangenen Jahren. Aber ich habe alles überlebt."

Ein Überlebenskünstler, auch sportlich. Nach seiner Krebserkrankung wurde er erst zum kompletten Siegfahrer, die Tour in diesem Jahr - mit all ihren Strapazen, Angriffen und Abgesängen auf den Amerikaner - hat Armstrong nach vier souveränen Siegen wieder als verwundbaren Athleten gezeigt. Einen, der sich wieder mit der Konkurrenz und eigenen Schwächen auseinander setzen muss. Dass er daraus neue Kraft geschöpft hat, macht ihn zum verdienten Sieger.

"Dass diese Tour unter keinem guten Stern stehen würde, hatte sich schon vorher für mich abgezeichnet", sagte er. Der Juni sei nicht einfach gewesen, räumte er ein. "Mein Sturz bei der Rundfahrt Dauphiné Liberé, der erste seit Jahren, hat mir mental mehr zugesetzt, als ich dachte." Dazu die "unerträglich Hitze", die erst beim letzten Zeitfahren am Samstag vom Regen abgelöst wurde, dann musste er auch noch private Probleme verarbeiten. Erst im Winter hatte er sich von Frau Kristin getrennt, im Mai kamen sie wieder zusammen. Zu allem Überfluss dann auch noch technische Probleme. Bei der Etappe nach Alpe d'Huez fuhr er 180 Kilometer mit leicht schleifender Hinterradbremse. Aus Sicht der Konkurrenz und Kritiker war der Titelverteidiger plötzlich verwundbar. Armstrong sagte, jemand habe die Bremse verstellt, wollte zwar nicht von Sabotage sprechen, nannte den Vorfall aber "mysteriös".

Während er in den Jahren zuvor die Gegner mit seiner unwiderstehlichen Kraft in Grund und Boden strampelte, habe er sich diesmal "mehr auf meine taktischen Erfahrungen verlassen". Am Tourmalet habe zum Beispiel Jan Ullrich die ganze Führungsarbeit geleistet, dort habe der Deutsche viel Kraft gelassen. Armstrong sparte seine Reserven für den letzten Anstieg auf, um zu attackieren.

Er wusste, dass er nicht viele Gelegenheiten haben würde, Ullrich zu schlagen und wartete auf den perfekten Moment. "Jan hat mir mehrere schlaflose Nächte bereitet", räumte Armstrong ein. Die Niederlage gegen den Deutschen im ersten Einzelzeitfahren und der Angriff Ullrichs in den Pyrenäen, bei dem Armstrong weitere 19 Sekunden seines Vorsprungs einbüßte, "waren die schlimmsten Momente für mich bei dieser Tour". Und gleichzeitig ein Weckruf an Körper und Geist. Der Rivale vom Bianchi-Team brachte das Beste in Armstrong wieder zum Vorschein. "Ich mag Jan, er war großartig. Es gibt niemanden, der mich mehr motivieren kann." Ullrich motivierte den Amerikaner zu der Attacke bei Luz Ardiden - nach dem Sturz des Amerikaners - und zu dem Kraftakt im letzten Zeitfahren am Samstag. Ullrich stürzte, Armstrong war der fünfte Tour-Sieg nicht mehr zu nehmen.

"Willkommen im Klub", sagte Bernard Hinault und klopfte dem US-Postal-Kapitän anerkennend auf die Schulter. Mit fünf Siegen gehört der nun wie Hinault, Jacques Anquetil, Eddy Merckx und Miguel Indurain zu den Radsport-Legenden, die fünf Mal gewinnen konnten. Armstrong wollte nie einer von vielen sein und auch nicht einer von wenigen. Deshalb befasst er sich zwar mit Rücktrittsgedanken, der Reiz, der einzige mit sechs Erfolgen zu sein, ist aber größer. "Schon diesmal habe ich gemerkt, dass ich älter werde", sagte er, "ich hoffe, ich verpasse den richtigen Zeitpunkt zum Rücktritt nicht."

Der wird aber frühestens nach der Tour im nächsten Jahr kommen. Er sagte, er brauche jetzt erst mal etwas Abstand vom Radsport, hat daher auch seinen Start bei der WM im Oktober in Hamilton/Kanada abgesagt. Und dann wird er noch einmal das Abenteuer Tour angehen. Die Form dieses Jahres könne er allemal überbieten, meinte Armstrong. "Ich trete sicherlich nicht an, um Zweiter zu werden."

 


Lance Amstrong gewinnt die Tour de France

Jan Ullrich Zweiter mit einem Abstand von 1:01 Minuten. Den Sieg auf der Schlussetappe holte sich der Franzose Jean-Patrick Nazon im Massenspurt vor den beiden Australiern Baden Cooke und Robbie McEwen

Hier holte Lance Armstrong den Toursieg - beim abschliessenden Zeitfahren.

Paris -  Nach einem der packendsten Duelle aller Zeiten ist Lance Armstrong zum fünften Mal in Serie als „Tourminator“ auf den Champs-Elysees von Paris eingezogen. Sein großer deutscher Rivale Jan Ullrich, Sieger von 1997, musste sich nach seinem Regen-Desaster im Zeitfahren am Samstag 1:01 Minuten zurück zum fünften Mal mit Rang 2 begnügen. Beide haben damit bei der Jahrhundert-Tour ebenso Geschichte geschrieben wie Alexander Winokurow, der 4:14 Minuten zurück als erster Kasache das Podium in der Seine-Metropole bestieg.

Die Schlussetappe über 152 km vom Pariser Vorort Ville-d'Avray wurde für alle zur Tour d'Honneur. Den Prestigesieg auf der Prachtstraße holte sich schließlich der Franzose Jean-Patrick Nazon im Massenspurt vor den beiden Australiern Baden Cooke und Robbie McEwen. Erik Zabel spielte im Kampf um den Tagessieg keine Rolle mehr und beendete die Tour ohne Etappensieg.

US-Postal-Kapitän Armstrong rückte bei der 90. Tour als fünfter Fahrer zu den Radsport-Heroen Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain auf. Ullrich blieb sich nach seinem spektakulären Comeback nur der Titel „Meister der Herzen“. Sein Traum vom zweiten Triumph endete beim Zeitfahren mit dem Sturz auf dem regennaßen Asphalt 12 km vor Nantes. Trotzdem war die Freude riesig, als er am Ziel seine Frau Gaby und Töchterchen Sarah Maria in die Arme schließen konnte.

Zum insgesamt sechsten Mal seit 1994 erreichte Richard Virenque als „Berg-König“ die Hauptstadt; auch dies ein Rekord, der zuvor nur dem Spanier Federico Bahamontes und dem Belgier Lucien van Impe gelang. Das Grüne Trikot holte sich erstmals Cooke, zum besten Jungprofi wurde der Russe Denis Mentschow im Weißen Trikot gekürt, die Mannschaftswertung gewann nach drei Tagessiegen das dänische CSC-Team unter dem Telekom-Toursieger von 1996, Bjarne Riis


Die Tour übertrifft sich selbst

So spannend wie noch nie - selbst Renndirektor Jean-Marie Léblanc schwärmt vom Jubiläum

Nantes -  Für ein kleines Schwätzchen hatte er stets bereit gestanden, irgendwann aber wollte Santiago Botero mit niemandem mehr reden. Am Freitag, zwei Tage vor Schluss, war für ihn als 70. des Gesamtklassements die Tour de France beendet. Vor drei Wochen, beim Start in Paris hatte der Kolumbianer vom Team Telekom noch zu den Favoriten gehört, nun plagten ihn Magenkrämpfe. Und das ausgerechnet bei der Jubiläumsausgabe der "Grande Boucle", der großen Schleife durch Frankreich. Bei seiner Spezialdisziplin, dem Zeitfahren, saß der Weltmeister frustriert vor dem Fernsehen. "Dabei habe ich", versicherte Botero, "mein Bestes gegeben."

Es war die 90. Tour im hundertsten Jahr. Die ganz besondere sollte es sein. Am 5. Juli waren 198 Fahrer mit dem Ziel losgefahren, in die Radsportgeschichte einzugehen. Die Veranstalter waren die altbewährte Schiene gefahren: keine Feste, keine Extratouren. Es sollten die Rennfahrer sein, die diese Tour unvergessen machen: Schon auf den ersten Flachetappen wurde daher das Tempo forciert wie selten zuvor, Massenstürze waren an der Tagesordnung. C'est le Tour, so ist die Tour, hieß es überall, und am nächsten Tag ging es mit Fleischwunden und weißem Tapeverband auf der historischen Route weiter. Jede größere Stadt wurde angesteuert, dort brach jedes Mal der Verkehr zusammen.

Die Etappen wurden lang und länger, die Sonne brannte immer gnadenloser auf den geschmolzenen Asphalt. Die Spannung um den Toursieg hielt bis zum letzten Tag. Aber nur 148 Profis überstanden die 3427,5 Kilometer von Paris bis Paris.

Die Werbekarawane, 200 lustig angemalte Autos, die lärmend und trötend weit vor dem Feld herfahren, wurde um 20 Kleinlastwagen aufgepeppt, die auf gelbem Grund die Köpfe der Helden aus 100 Jahren Tour lackiert bekommen hatten und den Fans an der Strecke die Geschichte der Rundfahrt erzählten. Doch für die Historie blieb kaum Raum, zu sehr fesselte das aktuelle Renngeschehen, besonders die Stürze der Favoriten. Der von dem Spanier Joseba Beloki in den Alpen auf der Abfahrt nach Gap und der von Lance Armstrong in den Pyrenäen kurz vor Luz-Ardiden. Etwa 600 000 Menschen und kaum weniger Wohnmobile bevölkerten die Hänge der großen Gebirge, am Tag der Königsetappe nach L'Alpe d'Huez gab es auf knapp 100 Kilometern keinen Diesel mehr zu kaufen. Um die historische Route zu würdigen, musste Udo Bölts im Gerolsteiner Mannschaftsbus "150 Kilometer bis zum Start vom Mannschaftszeitfahren" zurücklegen. "Was wir im Stau gestanden haben, ist doch Wahnsinn", klagte Bölts. Erik Zabel hatte schon vorm Start in Paris eineinhalb Stunden im Bus festgesessen.

 

Heute nun rollt das Peloton wieder nach Paris, bei etwa 5000 Kilometer werden dann die Tachos des Tourtrosses still stehen - eine Zahl, die vorher noch nicht erreicht worden war. Doch es gibt auch Leute, denen die Tour ausnahmslos gut gefallen hat. "Für mich", sagt Rudy Pevenage, "war es eigentlich die schönste Tour." Vor acht Wochen hatte Pevenage den Rennstall Bianchi gegründet. Dass sein Schützling Jan Ullrich hier bis zuletzt um den Toursieg mitfahren würde, daran wollte selbst Pevenage lange nicht glauben. Bis zum letzten Tag kämpften Ullrich und Lance Armstrong erbittert um den Sieg. Das gab es nur sechs Mal zuvor. Kein Wunder, dass Tourdirektor Jean-Marie Léblanc von "der spannendsten Tour, die ich je erlebt habe", schwärmte. Daneben raste die Tour auf einen neuen Geschwindigkeitsrekord zu. Bei 40,231 Kilometer pro Stunde lag die Durchschnittsgeschwindigkeit am Abend des 16. Teilstücks, nach vier aufeinander folgenden Pyrenäenetappen. Mit einem Temposchnitt von 49,93 km/h katapultierte sich die Etappe von Bordeaux nach Saint-Maixent-l'Ecole als zweitschnellste ihrer Art in die Tour-Annalen. "Wie ein bunter Pfeil sind die hier durchgejagt", beschwerte sich Monsieur Hanol, der den örtlichen Zeitungsladen in Jonzac betreibt. Er hatte "extra wegen des Jubiläums" sein Schaufenster dekoriert, mit einer Ausgabe der Tageszeitung "L'Os á Moelle" vom 1. Juli 1938, die er zu Hause auf dem Dachboden gefunden hatte. Darin stand als Preisfrage, wer der Toursieger von 1937 war. "Keine Ahnung", sagte Monsieur Hanol. Den Toursieger 2003 wird er sicher nicht so schnell vergessen.

 

Lance Armstrong, Jan Ullrich und Alexandre Vinokurov

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