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Tour-Auftakt vorm Eiffelturm in Paris |
Paris - Jan Ullrich hat gleich
beim Prolog zur Tour de France den ersten Sieg über Lance Armstrong errungen.
Doch der Australier Bradley McGee ist der erste Träger des Gelben Trikots bei
der Jubiläums-Tour zum 100. Geburtstag der Frankreich-Rundfahrt. Der 27-jährige
Spezialist gewann am Samstag in Paris den 6,5 km langen Prolog in 7:26 Minuten
vor dem Schotten David Millar. Der vierfache Toursieger und Topfavorit Lance
Armstrong (USA) musste sich auf den siebenten Rang mit sieben Sekunden Rückstand
zum Auftakt mit Rang sieben begnügen.
Ullrich, der nach einem Jahr Pause seine
sechste Tour bestreitet, hinterließ einen blendenden Eindruck und landete in
7:28 Minuten zeitgleich mit dem drittplatzierten Haimar Zubeldia aus Spanien auf
Rang vier. Mit seiner Vorstellung bei der Stadt-Rundfahrt durch Paris war der
29-jährige Bianchi-Kapitän „super zufrieden“. Der Beste der 17 deutschen
Tour-Starter sagte nach dem Rennen: „Ich hätte nicht damit gerechnet, dass
ich heute vor Lance Armstrong lande.
Erik Zabel war dagegen weniger zufrieden. Dem
frisch gekürten deutschen Meister vom Team Telekom gelang es nicht, wie er sich
vorgenommen hatte, „maximal 25 Sekunden über der Bestzeit“ zu bleiben. Er
brauchte 8:00 Minuten .
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Alessandro Petacchi gewinnt erste Tour Etappe |
Paris - Der Italiener Alessandro Petacchi
hat am Sonntag die 1. Etappe der 90. Tour de France gewonnen. Der Fahrer aus dem
Team Fassa Bortolo setzte sich auf der 168 km langen Strecke vom Pariser Vorort
Montgeron nach Meaux im Spurt vor Robbie Mc Ewen durch. Erik Zabel musste sich
knapp geschlagen mit Platz drei begnügen. „Petacchi war heute supergut. Als
er richtig durchgezogen hat, wusste ich, wo der Hammer hängt. Ich habe vorher
gesagt, dass er der neue große Sprintstar ist“, meinte Zabel im Ziel. Der
Telekom-Sprinter musste allerdings auch zehn Kilometer vor dem Ziel noch einen
Reifen-Defekt wegstecken.
Überschattet wurde das Finale am Sonntag von einem
Massensturz 200 m vor dem Ziel, bei dem fast das gesamt Feld gestoppt wurde.
Verwickelt waren darin auch die Telekom-Profis Matthias Kessler und Andreas Klöden,
der eine Platzwunde am Kopf erlitt. „Es sieht nicht so aus, als ob Nasen- oder
Jochbein gebrochen sind“, sagte Telekom-Teamleiter Olaf Ludwig. Der
Gerolsteiner-Profi Olaf Pollack (Kolkwitz) sein Rad auf der Schulter über den
Zielstrich tragen.
Ullrich kam wie Armstrong im Hauptfeld an. Damit hat
der Olympiasieger im Gesamtklassement als Vierter sechs Sekunden Rückstand auf
McGee, Armstrong ist elf Sekunden zurück Achter. „Ich bin zufrieden. Ich habe
einen Sprung nach vorn geschafft“, sagte Ullrich, der am Samstag im Prolog
erstmals in einem Tour-Zeitfahren schneller als Armstrong gewesen war.
Das Gelbe Trikot verteidigte trotz des Sturzes der Australier Bradley McGee, der
den Prolog am Eiffelturm zwei Sekunden vor Ullrich gewonnen hatte. Zeitrückstände
werden nicht gewertet, wenn sich ein Sturz in der 1000-Meter-Zone vor dem Ziel
ereignet.
Die zweite Etappe der Jubiläums-Tour startet am Montag 40 km östlich von Paris
in La Ferte-sous-Jouarre und endet nach 204,5 km am Rand der Ardennen in Sedan.
La Ferté-Sous-Jouarre -
Kerzengerade saß Jimmy Casper auf dem Beifahrersitz des Teamwagens von
Francaise des Jeux und stierte merkwürdig geradeaus. Eine verspiegelte
Sonnenbrille verdeckte die Blessuren um die die Augen, um seinen Hals hatte er
eine dicke, Halskrause. Kopfschüttelnd schaute Olaf Pollack vom Team
Gerolsteiner auf den französischen Rivalen: "Offenbar geht es hier um
Leben und Tod."
Die Tour de France, so scheint es, wird immer
gnadenloser. Am Abend vorher waren Caspars Halswirbel und seine Hirnströme noch
im Krankenhaus untersucht worden. Die erste Touretappe von Saint-Denis nach
Meaux hatte 450 Meter vor dem Ziel in einer Massenkarambolage geendet, dabei war
auch der Sprintstar kopfüber auf den Asphalt gefallen. Nun wird im Peloton
wieder hitzig über Straßenbarrieren, Zielführung und das Reglement
diskutiert, das vorschreibt: Wer bei einer Massenankunft einen Kilometer vor dem
Ziel Anschluss an das Feld hat, wird mit der Zeit des Siegers gewertet. Logisch,
dass jeder Rennfahrer zum Schluss noch einmal Gas gibt, um den Rückstand so
gering wie möglich zu halten.
Rudy Pevenage war gut gelaunt vor dem Start
zur zweiten Etappe von La Ferté-Sous-Jouarre nach Sedan (Zieleinlauf nach
Redaktionsschluss). "Noch", sagte er, "denn man weiß nie, was in
den nächsten Stunden passiert." Pevenage betreut das neue Team Bianchi und
dessen Star Jan Ullrich. "Seit drei Jahren plädiere ich dafür, dass die
Zeiten drei Kilometer vor dem eigentlichen Ziel gemessen werden. Die Sprinter hätten
dann freie Fahrt und die anderen würden langsam hinterher rollen. Damit würde
das Rennen, viele Stürze vermieden. Jeden Tag bete ich, dass uns nichts
passiert."
Sein Team Bianchi gehörte zu den wenigen
Mannschaften, die ohne Blessuren davon gekommen waren. Ullrich hatte mit einem
blitzschnellen Schlenker nach rechtsaußen reagiert und wäre fast in die
Metallabsperrgitter gerast. Etwa so, wie sein ehemaliger Teamkollege und Freund
Andreas Klöden. Er war mit 68 km/h in die Barrieren geknallt. "Das war der
schlimmste Sturz meiner Karriere", sagte der Telekom-Profi mit verbundenem
rechten Bein, "nachts wurde ich mit Schmerzmitteln behandelt, mir tut jetzt
noch alles weh. Es fällt mir schwer, wieder aufzusteigen." Zwei dicke
Pflaster klebten unter seinem linken Auge, die Nase aufgeschürft, das ze
Gesicht geschwollen. "Eigentlich", sagte er wütend, "war doch
der Sprint schon vorbei, da müssen dann immer noch irgendwelche Bergfahrer von
hinten draufhalten, um keine zu großen Zeitrückstände zu kassieren."
Normalerweise ist das für Klöden kein großes Problem, "aber plötzlich
wurde die Straße noch enger und machte eine Kurve. Überprüft eigentlich mal
jemand, was die Veranstalter machen?"
Tyler Hamilton rollte langsam an Klöden
vorbei. Der Amerikaner ist der Star beim dänischen Team CSC und einer der
Favoriten auf den Gesamtsieg. Erst kurz vor der zweiten Etape hatte sich
Hamilton entschieden, die Tour fortzusetzen. Sein linkes Schlüsselbein ist
angebrochen. Es sah aus, als hätte Hamilton einen Buckel. So wird er Favorit
Lance Armstrong kaum Paroli bieten können. "Die letzte Kurve", sagte
Hamilton, "war viel zu eng, und damit viel zu gefährlich. Diese
Zielankunft war einer Tour de France nicht würdig." CSC-Sportdirektor
Bjarne Riis ergänzte: "Wir haben so viel für die Tour gearbeitet und
gehofft, Tyler würde aufs Podium fahren."
Doch auch Armstrong hat es erwischt, aber nur
leicht. "Ich hatte wirklich Glück", bestätigte er, "denn das
war ein richtiges Gemetzel." Riis glaubt nun, dass "Jan Ullrich im
Kreis der möglichen Sieger weiter nach vorn rückt". Doch niemand weiß,
wann der nächste Massensturz kommt. "Fünf Mal ist Armstrong bisher
durchgekommen", sagte Gerolsteiner-Chef Hans Michael Holczer, "die
Wahrscheinlichkeit, dass es ihn erwischt, steigt."
Wie Pevenage plädiert auch Holczer für eine veränderte Zielankunft. Ob sie jedoch etwas erreichen, scheint fraglich. Immer spektakulärer, heißt das Motto selbst im Radsport. Den Fahrern wurde immerhin kürzlich die Helmpflicht auferlegt. Was in Meaux nur bedingt half. "Bei dem Tempo", wetterte sogar Etappensieger Alessandro Petacchi, "kannst du nichts mehr ausrichten. Da macht es nur noch Bum Bum." Und die Rennfahrer sind machtlos.
Saint-Diziers - Auf Englisch,
Französisch und Spanisch kommen die Anweisungen über Funk. Dank Sportdirektor
Rudy Pevenage wird beim Team Bianchi jede wichtige Sprache bedient, er ist mit
seinen Rennfahrern verbunden, ab dem frühen Nachmittag muss der Belgier heute
etwa anderthalb Stunden fast ununterbrochen reden. Beim Mannschaftszeitfahren über
69 Kilometer kommt es vor allem auf die richtige Renntaktik an: Fünf Fahrer müssen
gemeinsam die Ziellinie in Joinville überqueren, die übrigen vier müssen die
Etappe innerhalb einer bestimmten Karenzzeit beenden.
Für schlechte Zeitfahrer ein echtes Problem.
"Ein spezieller Tag, vor dem alle Angst haben", bestätigt Pevenage,
"wir sicherlich auch." Denn der Teamwettbewerb gilt als wichtige
Vorentscheidung beim Kampf um den Toursieg. Und Bianchi will seinen Star Jan
Ullrich trotz der 14 Monate Rennpause so gut wie möglich platzieren. Bei den
meisten Rennställen hatte Mannschaftszeitfahren einen festen Platz im
Trainingsplan. Nicht nur US Postal, die Equipe von Topfavorit Lance Armstrong,
hat die kollektive Tempojagd geübt, auch Pevenage war mit seinen Schützlingen
bereits vor Ort. "Nach der Deutschland-Tour haben wir uns die Strecke
angeguckt", so Pevenage, "für uns ist dieser Wettbewerb
gleichbedeutend mit einer schweren Bergetappe."
Der Bianchi-Chef läuft in Latschen und
legeren Freizeithosen herum. Er versucht, sich nicht anmerken zulassen, dass er
nervös ist. Schließlich fährt sein Team in dieser Formation zum ersten Mal
bei der Tour de France, Pevenage weiß selbst nicht, wo er seine Equipe
einordnen kann. "Vielleicht Platz fünf", hofft er, "wenn das
klappt, gebe ich einen aus."
Im vergangenen Jahr fuhr das spanische Team
Once allen davon, allein US Postal konnte halbwegs mithalten. Auch diesmal,
glaubt Pevenage, wird der Sieg an eine der beiden Mannschaften gehen. Aber auch
Bianchi wird eine gute Platzierung zugetraut. Die italienische Fahrradschmiede
schickte spezielle Rennmaschinen nach Frankreich. Um Ullrich, der seit Jahren
als einer der besten Zeitfahrer der Branche gilt, zu unterstützen, nominierte
Pevenage die beiden Deutschen Daniel Becke und Thomas Liese für die Tour. Den
Maßstab jedoch setzen die Schwächeren, der Spanier Felix Garcia Casas und der
Italiener Fabrizio Guidi. Am ersten Berg wird Tobias Steinhauser der Anfahrer
sein. "Auf allen", sagt Liese, "lastet ein gewisser Druck. Wir können
heute die Basis für Jan Ullrichs Erfolg legen, wir können aber auch viel
verlieren." In einem "miserablen Zustand" sei die Piste vor
wenigen Wochen noch gewesen. "Man hat uns aber versprochen, sie noch zu präparieren."
Darauf hoffen auch die Profis des Bonner
Rennstalls Team Telekom, die angeschlagen auf die Strecke gehen. Andreas Klöden,
einer von Telekoms Zeitfahrspezialisten, leidet noch unter den Folgen der
Massenkarambolage am Sonntag: Er kann sich kaum auf dem Sattel halten. Auch
Tour-Neuling Matthias Kessler hat einige Prellungen davon getragen. Über das
Mannschaftszeitfahren äußert er sich ungern, seine Stärken liegen in den
Bergen. Bei Telekom soll der Kolumbianer Santiago Botero im Gesamtklassement
ganz nach vorne manövriert werden. "Drei Minuten", schwant Kessler,
"nimmt der mir bei einem normalen Zeitfahren ab. Wenn der vorne Gas gibt,
kann ich kaum mithalten."
Im vergangenen Jahr fiel Telekoms italienischer Kletterer Guiseppe Guerini als Erster zurück. Kessler hofft, dass ihm nicht das gleiche passiert. "Auf 69 Kilometern", sagt Telekoms Sportdirektor Walter Godefroot, "kann eben viel passieren, wenn einer einen Defekt hat, kann man ihn nicht einfach zurücklassen." Oder aber, wenn einer stürzt. Wie Roberto Heras von US Postal, der vor zwei Jahren aus voller Fahrt auf die regennasse Straße knallte - seine Kollegen warteten am Straßenrand.
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US Postal freut sich über den Etappensieg im Mannschaftszeitfahren |
Saint Dizier - Es fällt kaum
auf, wenn Joseba Beloki ins Ziel rollt. Sehr klein und schmal wirkt er auf
seiner Rennmaschine. Das gelbe Trikot seines spanischen Arbeitgebers hat er
meistens bis zur Brust geöffnet, zum Vorschein kommen dann schwarze Haare auf
bleicher Haut und eine lange Goldkette, die wie ein Pendel über dem Lenker
schaukelt. Seit drei Jahren schafft es der stille Spanier regelmäßig, in Paris
auf dem Podest zu stehen - allerdings immer im Schatten der anderen. 2000 und
2001 wurde er Dritter, im Vorjahr Zweiter. Vor allem gegen den übermächtigen
Lance Armstrong zog Beloki immer wieder den Kürzeren.
Nach der Absage Jan Ullrichs im vergangenen
Jahr war Beloki der Einzige, der Armstrong in den Alpen und Pyrenäen
herausforderte. Alle Angriffe jedoch scheiterten. Noch nie konnte der 29 Jahre
alte Bergspezialist eine Etappe gewinnen, geschweige denn in das Gelbe Trikot
des Gesamtführenden schlüpfen. Diesmal aber befindet sich Beloki in
aussichtsreicher Position, zumindest für die Gesamtwertung: Platz 9 belegte er
nach dem Mannschaftszeitfahren gestern, hinter acht Fahrern von US Postal.
Armstrongs Team demonstrierte erstmals bei dieser Tour seine Stärke und gewann
das Mannschaftszeitfahren. Nach 1:18,27 Stunden rauschte Armstrongs Mannschaft
über den Zielstrich in Saint Dizier. Die Durchschnittsgeschwindigkeit von 52,77
km/h war die viertbeste in der Geschichte der Tour de France.
Beloki landete mit dem Once-Team auf Platz
zwei - mit deprimierenden 30 Sekunden Rückstand. Jan Ullrich fuhr mit der
Bianchi-Mannschaft auf Platz drei, in der Gesamtwertung liegt der Deutsche nun
mit 39 Sekunden Rückstand auf Rang 12.
Von jeher war der Teamwettbewerb für den
spanischen Rennstall immer von immenser Bedeutung. Dementsprechend viel ließ
der sportliche Leiter Manolo Saiz seine Rennfahrer dafür schwitzen. Auch
gestern galt Once als favorisierte Mannschaft, und Beloki, ihr bestplatzierter
Fahrer als erster Anwärter auf das Gelbe Trikot. Doch das schnappte ihm
Armstrongs Teamkollege Victor Hugo Pena (Kolumbien) weg. Gut möglich, dass
Beloki nun noch kleiner auf seinem Rennrad wirkt. Denn der Once-Kapitän hatte
sich für die Tortour durch Frankreich viel vorgenommen. "Ich habe keine
Lust mehr nur als großer Rivale von Armstrong zu gelten, ich will es diesmal
auch wirklich sein."
Bislang konnte Beloki denn auch sehr
zuversichtlich sein. Im Prolog zeigte er sich stärker als der fünfmalige
Toursieger, und beendete den Auftakt überraschend als Achter. "Es stärkt
mein Selbstvertrauen", sagte Beloki, "in einer von Armstrongs
Spezialdisziplinen noch zwei Plätze vor ihm zu liegen."
Ein selbstbewusster Beloki passte Armstrong
auf dem Weg zu seinem sechsten Toursieg jedoch ganz und gar nicht in den Kram.
Also startete er zunächst verbale Attacken: "Natürlich ist Beloki ein
glaubwürdiger Rivale", nuschelte Armstrong, "aber es ist nicht nötig,
dass ich über ihn rede. Das macht er selbst schon genug. Während er spricht,
bereite ich mich auf die Rennen vor." Dann ließ Armstrong Taten folgen.
Dennoch: Den Seitenhieb ließ Beloki nicht
auf sich sitzen. "Ich", erklärte er erbost, "erlaube mir nicht,
über andere zu sprechen. Deshalb rede ich über den einzigen, den ich am besten
kenne: Mich. Und ich habe noch etwas zu sagen", fuhr Beloki fort,
"jeder Rennfahrer ist schlagbar, und zwar nicht nur dann, wenn er stürzt."
Nun warten alle auf eine Fortsetzung des verbalen Geplänkels, bei dem Ullrich vielleicht sogar lachender Dritter sein wird. Beloki kündigte bereits an, "Armstrong diesmal richtig in Schwierigkeiten zu bringen", anstatt nur mit baumelndem Goldkettchen an seinem Hinterrad zu kleben. "Ich werde alles riskieren, das ist mir wichtiger als mein Stammplatz auf dem Podium." Doch an der Position im Schatten von Armstrong, so scheint es, wird sich sobald nichts ändern.
Troyes - Das äußere
Erscheinungsbild des Mannschaftsbusses von Gerolsteiner versetzt einen in gute
Stimmung. Türkisblaue kleine Blasen sind auf den Lack gesprüht, die auf den
staubigen, heißen Parkplätzen Frankreichs ein Gefühl von Frische und
Sauberkeit vermitteln. Das Wort "Hobby" prangt in großen, schwarzen
Lettern auf der Beifahrertür, doch nach Spaß ist den Rennfahrern der deutschen
Equipe überhaupt nicht zumute. Mit gesenktem Kopf marschierte Uwe Peschel auf
den Teamwagen zu, "schlecht gefahren", murmelte er, dann knallte er
die Bustür zu. Peschel (34) gilt als einer der besten Zeitfahrer weltweit,
zusammen mit Vizeweltmeister Michael Rich und René Haselbacher sollte er Tempo
machen beim Mannschaftswettbewerb. Am Ende jedoch landete Gerolsteiner auf Platz
elf und blieb "damit", so Teamchef Hans Michael Holczer, "hinter
den Erwartungen zurück."
Nevers - Alessandro Petacchi hat bei der Tour de France seinen dritten Etappensieg gefeiert. Der Italiener gewann nach 230 km von Troyes nach Nevers die fünfte Tour-Etappe im Spurt des Feldes vor Jaan Kirsipuu aus Estland. Erik Zabel aus Unna belegte zum dritten Mal den vierten Etappenplatz.
Lyon - Alessandro Petacchi ist bei der 90. Tour de France in den
Sprint-Entscheidungen nicht zu schlagen. Der Italiener gewann die Mammut-Etappe
über 230 km von Nevers nach Lyon und holte damit seinen vierten Tagessieg.
Petacchi setzte sich im Massensprint vor dem Australier Baden Cooke und
Bianchi-Profi Fabrizio Guidi durch.
Erik Zabel konnte nach einem Sturz sechs Kilomter vor dem Ziel nicht in die
Entscheidung mit eingreifen. Jan Ullrich und Lance Armstrong erreichten im
Hauptfeld das Ziel. Das Gelbe Trikot des Spitzenreiters in der Gesamtwertung
verteidigte der Kolumbianer Victor Hugo Pena erfolgreich. Das Grüne Trikot des
Punktbesten übernahm Tagessieger Petacchi, während der Franzose Christophe
Mengin „Berg-König“ bleibt.
Am Samstag stehen die ersten Bergetappen der Jubiläums-Tour auf dem Programm. Das erste Teilstück in den Alpen von Lyon nach Morzine-Avoriaz ist zugleich die längste Etappe der Tour und führt über 230,5 km
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Neben dem Gelben darf Virenque jetzt mit dem gepunkteten Trikot als bester Bergfahrer starten |
Morzine-Avoriaz - Der Franzose
Richard Virenque hat die erste schwere Alpenetappe bei der Tour de France
gewonnen und das Gelbe Trikot des Spitzenreiters erobert. Der Radprofi vom Team
Quick Step setzte sich auf der siebten Etappe von Lyon nach Morzine-Avoriaz über
230,5 km durch.
Telekom-Fahrer Rolf Aldag aus Ahlen kam mit
2:29 Minuten Rückstand als Zweiter ins Ziel und ist nun Dritter der
Gesamtwertung. "Ob es der größte Erfolg meiner
Laufbahn ist, weiß ich nicht, bestimmt aber der am schwersten erkämpfte",
sagte der lange Westfale nach dem Rennen.
Virenque, vor fünf Jahren nach dem
Tour-Skandal ausgeschlossen, gewann die erste Alpen-Etappe im Alleingang. Der
Franzose wiederholte damit seinen Erfolg an gleicher Stelle vor drei Jahren.
Jetzt fährt er im Gelben und führt auch die Wertung des besten Bergfahrers an.
Mit Rolf Aldag und Paolo Bettini (Italien),
der am letzten Berg zurückfiel, hatte der 33-jährige Virenque schon kurz nach
dem Start eine Ausreißergruppe gebildet. Aldag ist nun Dritter im
Gesamtklassement.
Das Verfolgerfeld von Virenque und Aldag war
auf der Etappe rund 60 Kilometer vor dem Ziel eine halbe Minute an einem
geschlossenen Bahnübergang aufgehalten worden. Laut Reglement wurde diese Zeit
nicht neutralisiert.
In der Spitzengruppe wiederum musste Aldag am
Fuß des vorletzten Anstiegs auf den Col de la Ramaz Virenque und Bettini ziehen
lassen. Dann fiel der Italiener zurück und der Franzose nahm die letzten 28
Kilometer allein in Angriff.
Armstrong und Ullrich halten sich zurück
Einen Tag vor der Königsetappe nach L'Alpe
d'Huez ließen die Topfavoriten auf den Tour-Sieg, Lance Armstrong (USA, Team
Postal) und Jan Ullrich (Scherzingen/Bianchi), anderen den Vortritt. Die beiden
belauerten sich in der Verfolgergruppe und rollten 4:06 Minuten hinter Virenque
ins Ziel.
Prominente Fahrer, unter ihnen der viermalige
Etappengewinner Alessandro Petacchi (Italien), gaben auf. Er war im Grünen
Trikot an der ersten von fünf Steigungen ausgeschieden und folgte damit dem
Beispiel seines nicht nominierten Landsmanns Mario Cipollini, der die Tour nie
zu Ende fuhr.
Gerolsteiner-Fahrer Pollack und Rich
fallen aus
Für die Tour-Debütanten Olaf Pollack (Kolkwitz)
und Michael Rich vom Gerolsteiner-Team war die Etappe ebenfalls vorzeitig
beendet. Zeitfahr-Vizeweltmeister Rich hatte bei der glühenden Hitze keine
Kraft mehr, Pollack plagten nach seinen beiden Stürzen zum Tour-Auftakt seit
Tagen Knie-Probleme. Überdies musste der Spanier Jesus Manzana mit einem
leichten Hitzschlag ins Krankenhaus gebracht werden.
L`Alpe d`Huez - Lance Armstrog
wirkte wie jemand, der etwas ausgefressen hat. Unruhig rutschte er auf seinem
Stuhl hin und her. Dann riss er sich seine Kappe vom Kopf, und studierte das
darauf abgedruckte Emblem seines Teams US Postal, eine Sekunde später kratzte
er sich bereits an den Haaren. Armstrong im Gelben Trikot, das war in den
vergangenen vier Jahren zum fast alltäglichen Bild bei der Tour de France
geworden. Seit gestern fährt der Amerikaner wieder im Trikot des
Spitzenreiters, aber zufrieden war er nicht. "Ich bin vielleicht nicht mehr
so stark wie in den anderen Jahren", gestand Armstrong und betrachtete
nachdenklich das Mikrophon in seiner Hand, "ich hatte das nicht erwartet.
Hoffentlich werden die Dinge in den nächsten Tagen besser und nicht noch
schlechter."
In Sallanches hatte sich das Peloton aufgemacht - 219 Kilometer unter sengender Hitze bis nach L`Alpe d`Huez. Schon beim Anstieg zum 2645 Meter hohen Col de Galibier hatte Armstrong bemerkt, "dass meine Beine nicht die Besten waren. Ich wusste schnell: Dies wird kein toller Tag für mich." Anfangs hatten zwar noch sechs Fahrer seines Team US Postal in der Spitzengruppe gelegen. Dann aber ging es in den Einstieg nach L`Alpe d`Huez, 13,8 knallharte Kilometer bis zum Gipfel. Auf denen wurde Topfavorit Armstrong überraschend abgehängt - von Iban Mayo, dem Kapitän der spanischen Equipe Euskaltel. Mehrmals blickte sich der Spanier nach den Verfolgern um, aber da kam keiner. "Es ist großartig", so Mayo, "auf dieser historischen Etappe gewonnen zu haben. Jetzt bin ich Gesamt-Dritter und versuche natürlich weiter, hinter Armstrong zu bleiben."
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Iban Mayo auf seiner Triumphfahrt nach Alpe d´Huez |
Das schien überhaupt die Devise des Feldes zu sein: Armstrong zu
kontrollieren. Um 16:56 Uhr attackierte der Spanier Joseba Beloki, diesen Moment
nutzte Mayo, um dem Amerikaner davon zu fahren. "Ich verstehe die Taktik
des Feldes nicht", maulte Armstrong anschließend, "da bewachen sie
mich anstatt noch mehr Distanz zu Jan Ullrich aufzubauen. Denn das wäre wichtig
gewesen: Ullrich bleibt nach wie vor gefährlich." Der Deutsche war
allerdings schon früher zurückgefallen, um 16.43 Uhr hatte er die
Spitzengruppe ziehen lassen und kam als 13. mit 3:36 Minuten Rückstand auf Mayo
ins Ziel. In der Gesamtwertung rangiert Ullrich auf einem respektablen achten
Platz. Sein Rückstand von 2:25 Minuten Rückstand ist vielleicht aufzuholen,
"denn Ullrich", erklärte Armstrong, "wird normalerweise bei der
Tour täglich besser." Auch Jacques Hanegraaf, Manager von Ullrichs Team
Bianchi erzählte von einer "zufrieden stellenden Leistung" seines Schützlings.
Nur Ullrich dachte das wohl nicht, seit Donnerstag leidet der Star unter Fieber
und Magenproblemen. Nach der Zielankunft schaute der 29-Jährige weder nach
rechts noch nach links, sondern rollte schnurstracks direkt zum Teamhotel. Dafür
gab es andere Deutsche, die sich freuten: Die Teamführung von Telekom feierte
den Kasachen Alexander Winokurow, der noch vor Armstrong sensationell auf Platz
zwei gefahren war. Langsam hatte sich Winokurow auf den 21 steilen Serpentinen
von L`Alpe d`Huez wieder an Armstrong und seine Bewacher herangekämpft. Dann
wartete der Telekom-Profi ab - Attacke von Beloki, Attacke von Tyler Hamilton
(mit gebrochenem Schlüsselbein) und wieder Beloki - bis Winokurow den Rivalen
davon strampelte. Schon vor dem Start der Königsetappe hatte Beloki angekündigt,
"diesmal mehr gegen Armstrong zu riskieren als in den vergangenen
Jahren." Doch nicht nur die Konkurrenten machten Armstrong das Leben
schwer: Postals neuer Helfer Manuel Beltran drehte um 16.43 Uhr so sehr auf,
dass sein Kapitän kaum folgen konnte. "Das war überhaupt nicht gut",
kritisierte Armstrong erstmalig einen Teamkollegen, "darüber werden wir
noch reden, denn so etwas darf nicht noch einmal passieren, vor allem dann
nicht, wenn ich einen schlechten Tag habe."
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Etwas
fassungslos: Telekom-Profi Winokurow nach seinem Etappensieg |
Gap - Auf der neunten Tour-Etappe
am französischen Nationalfeiertag über 184,5 Km von Bourg d'Oisans nach Gap
hat der Telekom-Profi Alexander Winokurow (Kasachstan) seinen ersten
Etappenerfolg im Alleingang eingefahren. Auf solch einen Erfolg bei der Tour
habe ich lange warten müssen - ich bin glücklich“, sagte der Etappensieger.
Zehn Kilometer vor dem Ziel hatte er aus der
Armstrong-Gruppe heraus attackiert. Am Schluss lag er 36 Sekunden vor Paolo
Bettini, Vorjahressieger Lance Armstrong und Jan Ullrich. Im Gesamtklassement rückte
er auf Rang zwei 21 Sekunden hinter Armstrong und kam damit seinem Vorhaben, in
Paris unter den ersten Drei zu liegen, näher. Armstrong behielt dennoch das
Gelbe Trikot.
Auf der Verfolgung von Winokurow war der
Vorjahres-Zweite Joseba Beloki (Spanien) unmittelbar vor Armstrong bei der
Abfahrt in einer Kurve schwer gestürzt. Der Texaner konnte mit Mühe ausweichen
und fuhr in Querfeldein-Manier über ein Feld in einem großen Bogen wieder auf
die Strecke. Beloki kam auf die Intensivstation des Krankenhauses von Gap. Er
erlitt nach ersten Diagnosen einen Oberschenkelhalsbruch im rechten Bein sowie
einen Bruch des rechten Handgelenks.
Ansbacher Jaschke (Once) zeitweise führend
Der 26-jährige Jörg Jaksche (Ansbach), im
dritten Jahr bei Once, setzte am Montag seine Topleistungen bei der Jubiläums-Tour
fort. Als zweitbester Deutscher hinter Ullrich rangiert er zwar nicht mehr unter
den Top-Ten, weil er mehrere Minuten beim gestürzten Team-Kollegen Beloki am
Straßenrand blieb. Aber er wurde auf der letzten Alpen-Etappe von seinem
Teamchef Manolo Saiz schon früh zum Attackieren auf die Reise geschickt und führte
dabei eine Zeit lang in der Spitzengruppe.
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Joseba Beloki nach seinem Sturz |
Gap - Die wichtigste Frage kam
ganz zum Schluss: "Haben Sie bei der Königsetappe gepokert, Herr
Armstrong?" Der Amerikaner überlegte, dann grinste er etwas beschämt und
sagte: "Ganz ehrlich, das war kein Bluff." Am Sonntag, auf dem Weg über
den Galibier nach L'Alpe d'Huez zeigte Armstrong, dass er im Hochgebirge zu
schlagen ist. Fünf Serpentinen vor dem Ziel ergriff der Spanier Iban Mayo die
Initiative und sauste mit wehenden Haaren davon. Bald war von Mayo nur noch sein
knalloranges Euskatel-Trikot zu erkennen, Armstrong strampelte am Ende 2:12
Minuten später als Dritter ins Ziel. "Vielleicht", gestand der 31-Jährige
anschließend, "bin ich nicht mehr so stark wie in den anderen Jahren. Das
habe ich nicht erwartet." Armstrongs wichtigste Mission wurde dennoch erfüllt:
Seit Sonntag fährt er wieder in Gelb. Nur liegt er nicht mehr so weit in Front
wie zwischen 1999 und 2002, als er viermal in Folge die Tour de France gewann.
"Meine Beine waren nicht die besten", erzählte Armstrong. Nun rätselt
das Peloton, ob der Topfavorit nur einen schlechten Tag hatte tatsächlich in
diesem Jahr an Stärke eingebüßt hat. "Armstrong ist klug gefahren",
resümierte sein deutscher Rivale Jan Ullrich, "allerdings nicht so, wie in
den Jahren zuvor." Selbst Etappensieger Mayo kann "nicht sagen, ob es
möglich ist, Armstrong zu schlagen. Ich habe eigentlich nicht vor, die Tour zu
gewinnen." Der Spanier will nur eines: dem Topfavoriten das Leben schwer
machen. Und damit steht Mayo nicht alleine da. Eine Handvoll Konkurrenten
bewachten Armstrong auf dem Weg nach L'Alpe d'Huez - die Spanier Mayo, Joseba
Beloki, Francisco Mancebo und Haimar Zubeldia, der Kasache Alexander Winokurow
vom Team Telekom und Tyler Hamilton. Mal griff der eine, dann wieder der andere
an, mal wurde es schnell, dann wieder langsam. Denn die gemeinsame Devise
lautete: Alle gegen Armstrong. Der Spitzenreiter rang derweil um Fassung:
"Diese Taktik", sagte Armstrong mehrfach, "habe ich nicht
verstanden." Eines scheint ihm aber am Sonntag schon klar geworden zu sein:
Der Weg zum fünften Toursieg wird schwerer als erwartet, das Peloton
registriert jede von Armstrongs Bewegungen. "Irgendwann" bestätigte
Winokurow, "habe ich gemerkt, dass Armstrong nicht so stark ist." Wie
am Sonntag gab der Kasache auch gestern Gas, löste sich vom Feld und gewann die
Etappe. In der Gesamtwertung liegt Winokurow nur noch 21 Sekunden hinter
Armstrong.
Am meisten aber hatte sich Beloki ins Zeug
gelegt, der Spanier fuhr eine Attacke nach der anderen. Gestern stürzte der
bisherige Gesamtzweite auf der letzten Abfahrt jedoch schwer auf sein Becken,
musste dann ins Krankenhaus gebracht werden.
Marseille (dpa) - Die Tour-Favoriten schienen
den ersten Ruhetag um 24 Stunden vorverlegt zu haben. Die 10. Etappe von Gap
nach Marseille, wo die zweite Etappe der ersten Tour 1903 endete, nutzten neun
Ausreißer für eine eindrucksvolle Alleinfahrt. Der Jakob Piil aus dem CSC-Team
von Bjarne Riis war nach 219,5 Kilometern der schnellste von ihnen.
Der Däne sicherte sich in der
Mittelmeer-Metropole seinen ersten Tagessieg überhaupt vor dem Italiener Fabio
Sacchi. Die beiden hatten sich wenige Kilometer vor dem Ziel von der Ausreißer-Gruppe
abgesetzt. Im Gesamtklassement änderte sich einen Tag vor dem richtigen Ruhetag
in Narbonne nichts, obwohl das Feld erst 21:23 Minuten später eintraf. Den
Spurt um Rang zehn gewann der Träger des Grünen Trikots, Baden Cooke
(Australien) vor seinem Landsmann Robbie McEwen und Erik Zabel (Unna), der in
der Punktwertung weiter an Boden verlor.
Der vierfache Toursieger Lance Armstrong
sicherte seinen am Vortag nach seiner Querfeldein-Einlage auf 21 Sekunden
geschrumpften Vorsprung auf Alexander Winokurow (Kasachstan) aus dem Team
Telekom. Jan Ullrich, der am Dienstag ebenso wie der Texaner einen relativ
ruhigen Tag verlebte, behauptete Rang sechs mit 2:10 Minuten Rückstand. «Das
erste Einzelzeitfahren am Freitag über 47 Kilometer wird zur Schlüsselstelle
der Tour. Danach sehen wir, wie es weiter geht», meinte Telekom-Manager Walter
Godefroot.
Die neun Fahrer, darunter der
Gerolsteiner-Sprinter René Haselbacher, hatten nach 16 Kilometern attackiert
und waren auch weg gekommen. Auf der Hitzefahrt durch die Provence hatten sie
einen Maximal-Vorsprung von 24:09 Minuten - Rekord für dieses Jahr. Diese Marke
schmolz zwar geringfügig - die Topfahrer rissen sich aber nach den
Anstrengungen der Alpen kein Bein aus. Die Ausreißer, die im Stadtgebiet
Marseilles in einzelne Gruppen zersplitterten, bildeten im Gesamtklassement
keine Gefahr. «Ich bin super glücklich. Auf solch einen Erfolg habe ich zwei
Jahre gewartet», freute sich Piil.
Zusätzlich zu den Ausreißern mussten sich
die Verfolger bei Kilometer 147 auch gegen Demonstranten durchsetzen, die das
Tour-Feld stoppten. Bauern demonstrierten gegen die Verbreitung von Gen
manipuliertem Getreide. Nach einem kleinen Handgemenge mit Polizisten auf der
einen und Demonstranten auf der anderen Seite konnten die Profis nach rund zwei
Minuten Unterbrechung ihre Fahrt fortsetzen. Die Jury entschied wie vor
Wochenfrist, als das Feld an einer Bahnschranke stoppen musste, dass es keinen
Zeitausgleich für die verlorene Zeit gibt. Die Ausreißer - der im
Gesamtklassement am besten Platzierte von ihnen, der Spanier José Gutierrez,
belegte beim Start Rang 61 mit 47:04 Minuten hinter Armstrong - hatten es mit
Genugtuung vernommen.
Haselbacher befindet sich seit seinem Sturz
in aussichtsreicher Position kurz vor dem Ziel der Etappe nach Sedan seit einer
Woche «auf einem Kreuzweg», wie die «L'Equipe» seine Schmerzen nach den
Sturzverletzungen beschrieb. Trotzdem wagte der Österreicher am Dienstag den
Sprung nach vorn, wurde Fünfter und hofft auch noch auf die Flachetappen der
letzten Tour-Woche. «Auch beim Giro ist er 2002 mit steigender Dauer immer stärker
geworden», setzt sein Teamchef Hans-Michael Holczer weiter Hoffnungen auf «Hasi»,
der nach seinem Sturz fast am ganzen Körper verpflastert war.
Der Vorjahres-Zweite Joseba Beloki, der am
Vortag vier Kilometer vor dem Ziel genau vor Armstrong schwer gestürzt war und
den Texaner damit zu dem Umweg über ein abgemähtes Feld gezwungen hatte, liegt
inzwischen in einem Krankenhaus in Vitoria/Spanien. Am Dienstag erhielt er sogar
ein Telegramm von Spaniens König Juan Carlos, der ihm Mut machte: «Im nächsten
Jahr bist du wieder dabei.» Beloki aus der Jörg-Jaksche-Mannschaft Once erlitt
Brüche am rechten Oberschenkel, am Handgelenk und am Ellenbogen. «Jetzt gibt
es keinen Chef mehr, aber vielleicht kann einer von uns noch eine Etappe
gewinnen», sagte Jaksche.
Gaillac - Jan Ullrich greift bei
der Tour noch einmal richtig an. Der deutsche Radstar gewann sensationell überlegen
das Zeitfahren auf der 12. Etappe über 47 Kilometer. Ullrich schob sich auf 34
Sekunden an den weiter führenden Lance Armstrong heran, ist im Gesamtklassement
nun Zweiter. Die Entscheidung fällt aber zwischen fünf Fahrern erst in den nächsten
drei Tagen in den Pyrenäen.
Es ist alles noch offen - wie oft hatten die
Verfolger von Armstrong diesen Satz schon vor dem Zeitfahren heruntergebetet.
Ullrich wurde nicht müde, zu erklären: Nichts ist entschieden!" Und der
drittplatzierte Alexander Winokurow relativierte seinen Rückstand auf
Armstrong: "Der lässt sich auf den Pyrenäen-Etappen sicherlich
wettmachen."
Paradoxerweise sind es die Aussichten auf unsägliche
Strapazen, die die Verfolger auf den Amerikaner schicksalhaft zusammenschweißt.
Auf die Pedaleure warten qualvolle Klettereien auf Berge wie den Col de Pailhéres,
den Col du Portet d'Aspet oder den Tourmalet: Temperaturstürze von über 30 auf
5 Grad Celsius, Regen, Wind und rissiger Asphalt werden die Fahrer an ihre
mentalen und physischen Grenzen führen. Das sind Anstiege, so mahnte Ullrich
seine Landsleute, die Schufterei nicht für eine Spazierfahrt durch den
Schwarzwald zu halten, bei denen du "Halluzinationen bekommst. Die Hitze
ist brutal heiß. Du kommst an den Anstieg und bist kurz davor, vom Rad zu
kippen. Das macht alles andere als Spaß."
Die Berge in den französischen Pyrenäen, so
haben es die Veranstalter der "Großen Schleife" geplant, sind der Höhepunkt
der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt. Doch nicht nur für die Fahrer. Gerade für
die Radsportvernarrten Basken ist dieser Teil der Tour de France, so der
sportliche Leiter des baskischen Rennstalls Euskaltel-Euskadi, Julian Gorospe,
"das wichtigste Sportereignis des Jahres."
Zwei Millionen Basken leben jenseits der Pässe
in Spanien. Die Hälfte davon werden bis Anfang nächster Woche auf die französische
Seite gepilgert sein. "Die Pyrenäen", so Gorospe, "sind fest in
baskischer Hand, es ist quasi unserer Heimat." Jahr für Jahr leben sie
dort friedfertig den Ausnahmezustand - eine Selbstdarstellung in Orange, der
Farbe der 1999 gegründeten baskischen Euskaltel-Equipe, dem Pendant zum
deutschen Team-Telekom. Schon vor Tagen forderte Mobilfunk-Anbieter Euskaltel
seine Klientel via Internet auf: "Taucht die Pyrenäen in Orange."
Grenzen kennt der Nationalstolz der Basken kaum. Bewehrt mit der Ikurrina, der
rot-weiß-grünen Landesfahne, und den Trikots der baskischen Teams Once-Eroski
und Euskaltel werden sie drei Tage auf eines hoffen: dem Sieg eines ihrer
Fahrer.
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Ullrich fuhr Armstrong davon |
Cap Decouverte - Jan Ullrich hat sich bei der Tour de France mit
einem Paukenschlag zurückgemeldet und Titelverteidiger Lance Armstrong eine
schwere Schlappe zugefügt. Durch einem sensationellen „Höllenritt“ nach
Cap'Decouverte hat der Tour-Sieger von 1997 im Prestige-Duell gegen „Tourminator“
Lance Armstrong das erste lange Zeitfahren der 90. Frankreich-Rundfahrt mit 1:36
Minuten Vorsprung gewonnen und den Topfavoriten im Kampf ums Gelbe Trikot ins
Wanken gebracht. Fünf Jahre nach seinem letzten Tour-Etappensieg am 1. August
1998 in Le Creusot meldete sich Ullrich eindrucksvoll zurück und entschied den
Kampf gegen die Uhr nach 47 km in 58:32,92 Minuten für sich.
„Ich bin überglücklich. Das habe ich nie erwartet. Ich wollte nur eine
gute Tour fahren, jetzt habe ich sogar einen Etappensieg, und das im Zeitfahren
gegen Lance. Ich bin den Tränen nah“, meinte der Bianchi-Kapitän und sagte
Armstrong den Kampf an: „Jetzt ist bei dieser Tour alles möglich.“ Das
sieht Ullrich-Manager Wolfgang Strohband genauso: „Die Tour ist wieder offen.
Ich habe nie geglaubt, dass er Armstrong so klar schlägt.“
Armstrong verteidigte mit Rang zwei immerhin das Gelbe Trikot erfolgreich,
hat aber vor dem Aufstieg in die Pyrenäen nur noch 34 Sekunden Vorsprung auf
Ullrich. Der Bianchi-Kapitän verbesserte sich vom sechsten auf den zweiten Rang
vor Telekom-Profi Alexander Winokurow (51 Sekunden Rückstand), der im
Tagesklassement 2:06 Minuten hinter Ullrich Dritter geworden war.
Auf dem Weg über das Hochplateau am Rande des Zentralmassiv schien sich ein
Thriller anzubahnen, als Armstrong und Ullrich bei der ersten Zwischenzeit nach
13 km gleichauf lagen. Danach aber war Ullrich nicht mehr zu stoppen. Auf dem
Weg zum insgesamt siebten Tour-Etappensieg seit 1996 ließ der zweimalige
Zeitfahr-Weltmeister den Titelverteidiger im „Fernduell“ einfach stehen und
demontierte den Tour-Sieger der vergangenen vier Jahren förmlich.
Peschel in Höchstform
Eine Superleistung zeigte Uwe Peschel vom Team Gerolsteiner. Der fünfmalige
deutsche Zeitfahrmeister war als 16. Fahrer um 11.18 Uhr auf die Strecke
gegangen und stellte an allen drei Zwischenmessstationen am croix de fer (13
km), sowie in Salles (33) und Pouilhounac (42) Bestzeiten auf und belegte am
Ende 3:26 Minuten hinter Ullrich den ausgezeichntenen sechsten Platz. Der
Tour-Debütant wurde in 1:01:58,190 Stunden gestoppt, 1:33 Minuten schneller als
Kolumbiens Zeitfahr-Weltmeister Santiago Botero vom Team Telekom.
Im Rahmen ihrer Möglichkeiten blieben die Telekom-Profis Erik Zabel
(1:09:42,00) und Matthias Kessler (1:08:56,96). Dagegen musste ihr stark
verschnupfter Teamkollege Rolf Aldag über 1:10:12, 39 Stunden einen Kraftakt
abliefern. Gesundheitliche Probleme hatte auch Saeco-Fahrer Jörg Ludewig. Der
Westfale kam mit einer Magenverstimmung nach 1:07:55,73 Stunden ins Ziel.
Ihre gute Form bestätigten die deutschen „Legionäre“ Jörg Jaksche (Once)
und Grischa Niermann (Rabobank). Für Jaksche wurden 1:05:11,06 Stunden notiert,
Niermann kam nach 1:04:51,81 Stunden an. Als erste Deutsche waren Torsten
Schmidt (Gerolsteiner) sowie die Bianchi-Profis Daniel Becke und Thomas Liese
auf die Zeithatz gegangen. Liese benötigte 3:39 Minuten mehr als Peschel,
Schmidt 3: 46. Nicht den besten Tag hatte Vierer-Bahnolympiasieger Becke
erwischt. Der Erfurter wurde in 1:10:00,21 Stunden gestoppt. Achtbar bei seiner
12. Tour hält sich weiter der „Gerolsteiner“ Udo Bölts (1:07:27,51).
Am Samstag steht die erste Pyrenäen-Etappe auf dem Programm. Den Auftakt bildet
das 197,5 km lange Teilstück von Toulouse nach Ax-les-Thermes, wo die zweite
von drei Bergankünften der 90. Tour absolviert wird. Vor dem Schlussanstieg müsssen
die Fahrer jedoch zunächst über den 2001 m hohen Port de Pailheres. Beides
sind Berge der ersten Kategorie.
Der 29-jährige Deutsche macht auf der ersten Pyrenäen-Etappe 19 Sekunden auf den Amerikaner im gelben Trikot gut. Der Spanier Carlos Sastre gewinnt die 13. Etappe der Tour de France
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Zwei ehemalige Teamgefährten auf dem Weg zum Gipfel |
Ax-3 Domaines - Die Tour de France
wird immer spannender und Jan Ullrich immer besser. Nach seinem überragenden
Erfolg beim Zeitfahren machte der 29-jährige Olympiasieger auf der ersten von
vier Pyrenäen-Etappen wiederum 19 Sekunden auf Lance Armstrong gut. Als
Etappenzweiter hinter dem Spanier Carlos Sastre sicherte sich Ullrich nach 197,5
Kilometern in Ax-3 Domaines im Ziel 12 Sekunden Zeitgutschrift. Der viermalige
Toursieger aus Texas, dessen Vorsprung an der Spitze des Gesamtklassements auf
15 Sekunden zusammenschrumpfte, ging als Tagesvierter leer aus.
Auf den letzten Kilometern hatten sich die
beiden Tour-Dominatoren ein gnadenloses Duell geliefert, das Ullrich als knapper
Sieger beendete. „Ich bin froh, dass Jan keine Angst hatte und selbst
attackierte“, lobte Bianchi-Teamchef Rudy Pevenage seinen Schützling, der
schon auf der nächsten Etappe die Gelegenheit bekommt, Armstrong das Gelbe
Trikot zu entreißen. Der Sieger der vergangenen Jahre trägt das „Maillot
Jaune“ am Sonntag zum 43. Mal.
Sastre, der sich 20 Kilometer vor dem Ziel
von einer Spitzengruppe abgesetzt hatte, feierte den zweiten diesjährigen
Etappen-Erfolg für das Bjarne-Riis-Team CSC und einen „Heimsieg“ unweit der
Landesgrenze. Hinter Armstrong und Ullrich rangiert in der Gesamtwertung
Alexander Winokurow (Kasachstan), der sich mit seinem alten Team-Kollegen
bestens ergänzte, weiter auf Rang drei - mit jetzt 1:01 Minuten Abstand zum
Vorjahressieger. „Es gibt noch genug Chancen in den Pyrenäen. Die enormen
Anstrengungen von gestern konnte ich noch nicht ausgleichen. Aber ich bin nicht
enttäuscht“, sagte Armstrong direkt nach dem Rennen, in dem sich die die
Topfahrer erneut nichts schenkten.
Nach dem Sturz des wohl stärksten Rivalen von Lance, Armstrong, Joseba Beloki, setzen die Basken nun ihr ganzes Vertrauen in den Sieger der "Königsetappe" nach L'Alpe d'Huez, Iban Mayo. Der Fahrer von Euskaltel weiß, mit welchen Erwartungen seine Landsleute nach Frankreich herüber gekommen sind. "Die wollen Attacken sehen", so Mayo, "und ich bin einer, der sein Gesicht nicht versteckt."
Loudenville-Le Louron - Gilberto
Simoni hat die zweite Pyrenäen-Etappe der 90. Tour
de France gewonnen. Der amtierende
Giro-Sieger setzte sich auf dem Teilstück über 191,5 km von Saint-Girons über
sechs Berge nach Loudenvielle-Le Louron vor Laurent Dufaux und Richard Virenque
durch.
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Ullrich
(r.) kontert Winokurows Attacke, Armstrong (l.) lässt abreißen, büßt
wieder Zeit ein |
Ax-les-Thermes - Oben auf dem
Port de Pailhères, einem Zweitausender der Bergkategorie eins, warfen sie sich
einen flüchtigen Blick zu. Ganz kurz nur. Alles beim Alten geblieben, nichts
ist passiert. Trotz der unglaublichen Strapazen. Lance Armstrong, ständig
kontrolliert von seinem Jäger Jan Ullrich (Bianchi). Sie ließen sich am Tag
nach dem großen Angriff Ullrichs im Zeitfahren keinen Meter aus den Augen. Neu
dabei: Ullrich gab das Tempo vor, Armstrong hing hinten dran.
Zwei Kilometer vor dem Ziel in Domaines (1372 m
hoch) ein Ausreißversuch von Alexander Winokurow (Telekom). Ullrich konterte
und zog selbst davon, er wurde Zweiter und nahm Armstrong erneut wertvolle 19
Sekunden ab. Den Sieg der ersten Pyrenäen- etappe überließ Ullrich dem
Spanier Carlos Sastre vom CSC-Team. Im Gesamtklassement bleibt Armstrong in
Gelb, Ullrich jetzt 15 Sekunden zurück. Was für ein dramatischer Dreikampf:
Armstrong, Ullrich - und die Höllenhitze.
Unweit der Tour 2003 toben heftige Waldbrände.
Die unerträgliche Glut macht sich in Südfrankreich selbstständig. Dieser
Sommer ist für viele eine Qual, vor allem aber für die Fahrer der Tour de
France.
Während des Zeitfahrens von Gaillac nach Cap
Dé- couverte herrschten 38 Grad. Im Schatten. "Ich war noch nie so durstig
in meinem Leben", klagte Armstrong und gab zu: "Ich habe echt
gelitten. Das ist die heißeste Tour, die ich je erlebt habe." Der
viermalige Sieger und Topfavorit kassierte seine bitterste Niederlage: Nach 47
Kilometern rollte er 1:38 Minuten später als Jan Ullrich ins Ziel, der mit dem
schnellsten Rennen für eine große Sensation sorgte. Ullrich: "Vor dem
letzten Anstieg habe ich noch einmal einen großen Schluck getrunken." Was
ein solcher Schluck doch bewirken kann. Ullrich war gerührt, als er das
Siegerpodest betreten durfte. "Ich bin den Tränen nahe."
Fünf Jahre ist es her, seit er seine letzte
Tour-Etappe, ebenfalls ein Einzelzeitfahren, gewann. Seitdem fuhr er Armstrong
beständig hinterher. "Die Rückkehr des Wunderkindes", titelte die
französische Sportzeitung "L'Equipe" euphorisch. Denn während sich
das Peloton der unerträglichen Hitze in Frankreich zu ergeben scheint, wird
Ullrich von Tag zu Tag besser.
"Von mir aus", sagte der Kapitän
des Bianchi-Teams, der kurioserweise aus dem kühlen Rostock stammt, "kann
es so heiß bleiben. Jetzt ist alles möglich." Vierzig Grad und mehr haben
die Meteorologen für die Etappen durch die Pyrenäen prophezeit. Auch in Höhen,
in denen Fans in den letzten Jahren Pullover benötigten, soll es unerträglich
heiß werden. Zuletzt wurden dort vergleichbare Temperaturen bei der großen
Schleife 1976 erreicht, nicht umsonst nannte man damals das Gelbe Trikot des
Belgiers Lucien van Impe "Maillot Jaune Tropical" (Tropisches Gelbes
Trikot).
Noch schlimmer war es nur 1957 - noch heute
sprechen Radsport-Veteranen von der "Tour de Crématoire" (Tour des
Krematoriums). "Wenn es so weitergeht, rechnen wir in den nächsten Tagen
mit einer Schwemme von Fahrern, die aussteigen", befürchtet Tour-Arzt
Gerard Porte.
Innerhalb von drei Tagen kapitulierten
bereits 22 Rennfahrer angesichts dieser Hitzeschlacht. In Ullrichs Team
erwischte es Tobias Steinhauser, der völlig entkräftet aufgeben musste. Der
Berliner Jens Voigt erkrankte an verdorbenen Lebensmitteln. Und Rolf Aldag vom
Team Telekom, Zweiter der Alpenetappe von Lyon nach Morzine, plagte eine hartnäckige
Erkältung. "Das wundert mich nicht", sagte Aldag, "während des
Rennens schwitzt man bei 35 Grad, danach kommt man in Räume, die um 20 Grad
runtergekühlt sind. Im Feld haben dazu viele Magenprobleme. In ausgepumpten Körpern
haben Bakterien eine günstige Angriffsfläche."
Auch Armstrong schien mit den Temperaturen
nicht zurechtzukommen, das glaubt zumindest Alexander Winokurow, Tour-Hoffnung
des Team Telekom. "Als Jan noch bei Telekom war, haben wir schon damals
festgestellt, dass Lance Hitze nicht mag."
Andere Weltklassefahrer wie der Franzose
Christophe Moreau fürchten dagegen den weichen Asphalt. "Man hat Angst zu
bremsen", klagt Moreau, "vor allem auf den langen Abfahrten. Sein
Mechaniker Pascal Ridel sieht "lebensgefährliche Situationen" auf die
Rennfahrer zukommen. "Die Bremsbeläge können an den Carbonfelgen kleben
bleiben oder sich wie bei Joseba Beloki die Reifen ablösen." Gestern stürzte
der Australier Robby McEwen, wie aus dem Nichts.
Ullrich, der sich selbst als ausgesprochenen Hitzefahrer bezeichnet, erklärt dieses Phänomen so: "Wenn man in den roten Bereich geht, kriegt man fast schon Halluzinationen. Nach vier bis fünf Stunden unter der prallen Sonne bleibt es nicht aus, dass man die Konzentration verliert. Und der Helm verschlimmert das Ganze noch. Die Hitze wird bei dieser Tour der entscheidende Faktor sein."
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Bleibt
nach der 15. Tour-Etappe insgesamt Spitze: Lance Armstrong |
Luz-Ardiden - Der US-Amerikaner
Lance Armstrong vom Team Postal hat die letzte Bergankunft der 90. Tour
de France gewonnen. Die 15. Etappe über
159,5 km von Bagneres-de-Bigorre mit sechs Bergpreisen bis nach Luz-Ardiden
entschied der Amerikaner nach einer Solofahrt in 4:29:26 Stunden für sich.
Armstrong verteidigte damit das Gelbe Trikot
des Spitzenreiters im Gesamtklassement. Der deutsche Fahrer Jan Ullrich
(Bianchi) kam nach dem auf dieser Etappe zweitplatzierten Iban Mayo mit 40
Sekunden Rückstand auf Armstrong ins Ziel.
Wegen einer Zeitgutschrift von 20 Sekunden für
den Etappenersten Lance Armstrong hat Ullrich jetzt 1:07 Minuten Rückstand auf
den Führenden. Der gebürtige Rostocker wiederum vergrößerte als
Etappen-Dritter seinen Abstand zu Verfolger Alexander Winokurow (Kasachstan) auf
1:38 Minuten.
Armstrong stürzt über Tasche eines
Zuschauers
Beim finalen Anstieg überschlugen sich die
Ereignisse. Armstrong kam nach einer Berührung mit der Tasche eines Zuschauers
zu Sturz. Ullrich nutzte dieses Missgeschick des viermaligen Tour-Gewinners
nicht zu einer Attacke. Armstrong kämpfte sich wieder nach vorn und ließ in
einer grandiosen Alleinfahrt auf den letzten Kilometern Ullrich keine Chance.
Mit seinem Rückstand von 67 Sekunden hat
Ullrich seine Chance auf seinen zweiten Toursieg nicht eingebüßt. Nach einem
Ruhetag am Dienstag folgt am 23. Juli die letzte Pyrenäen-Etappe und am Samstag
einen Tag vor dem Finale in Paris das vielleicht entscheidende Einzelzeitfahren.
Virenque ist Bergkönig
Bayonne - Tyler Hamilton hat am Mittwoch die letzte Berg-Etappe
bei der diesjährigen Tour de France gewonnen. Der Amerikaner, der seit
Tour-Beginn am Schlüsselbein verletzt ist, war über die 197,5 Kilometer von
Pau nach Bayonne in 4:59:41 Stunden Schnellster. Erik Zabel wurde im
Massensprint Zweiter. In der Gesamtwertung liegt Lance Armstrong weiterhin vor
Jan Ullrich, die beide mit dem
Hauptfeld ins Ziel kamen.
Bordeaux - Der Niederländer
Servais Knaven hat die erste Flachetappe der 90. Tour de France nach dem
Ausstieg aus den Bergen gewonnen. Der Quick-Step-Fahrer holte sich auf dem 17.
Teilstück über 181 km von Dax nach Bordeaux den Sieg, nachdem er sich 12 km
vor dem Ziel aus einer zehnköpfigen Spitzengruppe gelöst hatte. Das Hauptfeld
erreichte mit 8:07 Minuten Rückstand das Ziel.
Im Gelben Trikot des Spitzenreiters im
Gesamtklassement führt Lance Armstrong weiter mit 1:07 Minuten Vorsprung vor
Jan Ullrich. Das Grüne Trikot des Punktbesten verteidigte Baden Cooke
erfolgreich, als „Bergkönig“ bleibt der Franzose Richard Virenque im
rotgepunkteten Trikot.
Bordeaux - Um 16.30 Uhr war der
Arbeitstag für Erik Zabel noch lange nicht beendet. Vor dem Mannschaftsbus
hatten sich Fans, Fotografen und Journalisten versammelt, denn gerade hatte
Zabel die letzte schwere Bergetappe in Bayonne als Zweiter beendet. Der Radprofi
aus Unna machte drei Schritte nach rechts, und die große Menschentraube bewegte
sich geräuschvoll hinterher. 17 Punkte hatte Zabel für seine Platzierung
kassiert, damit brachte er sich hinter den Australiern Baden Cooke und Robbie
McEwen wieder ins Gespräch für das Grüne Trikot. Dass eine Handvoll Männer
bei der Tour auch um etwas anderes, als um Gelb kämpfen, war in den vergangenen
zehn Tagen völlig untergegangen. Das spannende Duell um den Toursieg zwischen
Jan Ullrich und Armstrong, anfangs noch mit Alexander Winokurow ein Dreikampf,
hatte alles andere überstrahlt. Da passte es nur gut ins Bild, dass selbst
Zabel wenig Interesse an dem Textil des Punktbesten zeigte: "Ich habe mich
mental vom Grünen Trikot gelöst. Seitdem macht mir die Tour wieder Spaß."
Dann erklomm Zabel die vielen Stufen zum
Studio der ARD-Sportschau. Dort stand er zum zweiten Mal seit Tourbeginn
zwischen Radlegende Rudi Altig und seinem früheren Sprint-Konkurrenten Marcel Wüst
und gestand: "Dieser ständige Druck, das Grüne Trikot zu holen, hat meine
Karriere beeinträchtigt. Nach meinem Sturz hatte ich erstmals richtig Angst vor
den Bergen, aber die Wunden sind verheilt. Das ist gut für die Moral."
Lächelnd stieg Zabel die verchromte Leiter
wieder hinunter, nahm Glückwünsche und ein anerkennendes Schulterklopfen
entgegen und schrieb ein paar Autogramme. Zabel ist jetzt 33 Jahre alt und Kapitän
des Team Telekom. Seit er seine Hauptaufgabe darin sieht, "der verlängerte
Arm zwischen Teamleitung und Rennfahrern" zu sein, hat er stets einen
kessen Spruch auf den Lippen, gibt sich locker und gelöst. Damit, dass derzeit
noch Cooke das Grüne Trikot auf dem Siegerpodest von zwei hübschen Brünetten
übergestreift bekommt, hat Zabel kein Problem. "Das steht dem Jungen doch
gut."
Noch führt Cooke die Rangliste mit 169
Punkten (Stand 17. Etappe, die Servais Knaven gewann, nachdem der Nied
erländer sich aus einer zehnköpfigen
Spitzengruppe gelöst hat) vor McEwen (163) und Zabel (157) an. Heute, nach den
203 Kilometern von Bordeaux nach Saint-Maixent-Ecole kann schon wieder alles
ganz anders aussehen. Bei den Sprintern entscheiden darüber manchmal nur wenige
Millimeter. Jahrelang dominierte der Kampf ums Grüne Trikot die letzte Woche
der Tour. 2001 war es Stuart O'Grady, der Zabel bis zuletzt jagte, im
vergangenen Jahr lieferte sich der Deutsche sogar noch auf den Champs-Elysées
in Paris mit McEwen ein erbittertes Duell. Wann immer es ums Grüne Trikot ging,
hat Zabel kräftig mitgemischt. Sechsmal hat er es bereits gewonnen, ein
einsamer Rekord, mit dem sich der Weltklassefahrer verewigt hat.
Ganz verbergen kann Zabel nicht, dass er
jetzt, drei Tage vor Tourende, doch wieder mit dem Grünen Trikot liebäugelt.
Über die Sprintwertungen der nächsten Etappe wusste er zuletzt genau Bescheid:
"Die kommen erst relativ spät."
Mittlerweile deutet alles darauf hin, dass
der abschließende und meistens rein repräsentative Sonntag einer der
spannendsten der Tourgeschichte werden kann: Sowohl der Kampf ums Gelbe als auch
der ums Grüne Trikot werden vielleicht erst auf Paris' Prachtstraße
entschieden. Falls Ullrich nicht mehr an Armstrong vorbeiziehen kann, steht
vielleicht mit Zabel doch wieder ein deutscher Rennfahrer auf dem Podest. In Grün.
Saint-Maixent-l Ecole - Punktsieg
für Jan Ullrich: Mit einem Husarenstück hat der Bianchi-Kapitän das Finale
der 90. Tour de France eingeläutet und den Rückstand auf Lance Armstrong schon
vor dem Zeitfahren am Samstag reduzieren können. Der Olympiasieger sprintete
beim ersten Zwischenspurt der 18. Etappe mit Armstrong am Hinterrad dem
Australier Robbie McEwen hinterher und nahm seinem Widersacher zwei Sekunden ab.
„Das war psychologisch sehr wichtig. Wenn
es eng bleibt, wird bis zur letzten Sekunde in Paris gekämpft“, meinte
Bianchi-Geschäftsführer Jacques Hanegraaf zum Kopf-an-Kopfrennen der beiden
Topstars, die mit dem Tagessieg jedoch nichts zu tun hatten.
Im Schlusspurt nach 4:03:18 Stunden gewann
der Spanier Pablo Lastras an der Spitze einer ursprünglich 16-köpfigen Ausreißergruppe
vor dem Franzosen Carlos Da Cruz und Telekom-Profi Daniele Nardello (Italien).
Den Sprint des Hauptfeldes entschied 24: 13 Minuten hinter Lastras auf dem 17.
Platz Robbie McEwen für sich, der damit Grüne Trikot eroberte. Erik Zabel fuhr
auf den 18. Platz.
Im Gesamtklassement machte sich die Ausreißeraktion
auf den 203,5 km von Bordeaux nach Saint-Maixant-l„Ecole, das erstmalig ein
Tour-Etappenort ist, nicht bemerkbar. Im Gelben Trikot führt Armstrong nun mit
1:05 Minuten Vorsprung vor Ullrich, 2:47 Minuten zurück blieb der Kasache
Alexander Winokurow vom Team Telekom Dritter.
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Pech beim Zeitfahren:
Ullrich stürzte |
Der Amerikaner Lance Armstrong hat im Kampf um den Gesamtsieg der 90. Tour de
France eine Vorentscheidung erzielt. Beim Einzelzeitfahren über 49 Kilometer
war der US-Postal-Kapitän elf Sekunden schneller als sein Rivale Jan Ullrich
und geht so mit einem Vorsprung von 1:16 Minuten im Gesamtklassement auf die
letzte Etappe.
Ullrich fuhr ein entfesseltes Rennen, hatte jedoch großes Pech. Er stürzte
bei Kilometer 37, verlor wertvolle Zeit und musste seine Hoffnungen auf einen
erneuten Toursieg nach 1997 begraben. Bis dahin hatte Ullrich bei allen
Zwischenzeiten vor Armstrong gelegen. Radsportlegende Rudi Altig sagte:
"Jan Ullrich wollte gewinnen, aber der liebe Gott war gegen ihn."
Ullrich: "Leider haben wir nicht wie in der Formel 1 Regenreifen. Ich bin
natürlich traurig. Es war mein Traum, Lance das Gelbe Trikot abzunehmen."
Den Tagessieg holte sich der Schotte David Millar in 54:05 Minuten. Armstrong
belegte mit 14 Sekunden Rückstand den dritten Platz, Ullrich wurde Vierter. Die
letzte Etappe führt heute über 152 km von Ville-d'Avray nach Paris. Ein
Ehrenkodex der Fahrer lässt es nicht zu, dass Ullrich Spitzenreiter Armstrong
angreift.
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Gegenseitiger
Glückwunsch: Auf der Schlussetappe gratuliert Jan Ullrich (l.) dem
Tour-Sieger Lance Armstrong |
Paris - Schon wenige Kilometer
nach dem Start in der Pariser Vorstadt Ville d'Avray reichte Johan Bruyneel
Champagner aus dem Begleitfahrzeug. Lächelnd griff Lance Armstrong nach dem
Glas, stieß rollend mit seinem Teamchef an, dann auch mit den Kollegen bei US
Postal. Fotografen knipsten von den Motorrädern aus, gratulierten dem
Amerikaner zum Sieg beim hundertjährigen Jubiläum der Tour de France. "Thank
you", sagte Armstrong artig, und flachste: "Große Sache bei euch,
diese Tour, hm?"
Als ob er das nicht ganz genau wüsste. Mit
seinem fünften Sieg hat sich der sonst so kühl und konzentriert wirkende Kapitän
des Teams US Postal endgültig in die Geschichtsbücher und auch ein Stück weit
mehr in die Herzen der Gastgeber gestrampelt. Er ist der Gewinner des Duells mit
Jan Ullrich, der Sieger über sich und alle Zweifler. Im Gesamtklassement liegt
Armstrong am Ende 76 Sekunden vor Ullrich, nach insgesamt 3427,5 Kilometern
durch Frankreich. Die letzten 152 Kilometer gestern durfte Armstrong genießen.
Ein Triumphzug über die Champs-Élysées. Er hielt sich zurück, vorn
formierten sich die Sprinter, um bei der letzten Etappe noch mal um die Meriten
eines Tagessieges zu kämpfen, den schließlich der Franzose Jean-Patrick Nazon
errang.
Die Schlagzeilen indes gehörten natürlich
Armstrong. "Lance ist eine Legende", schrieb "Libertà"
(Italien), "Armstrong erklimmt den Olymp des Radsports", schwärmte
"Marca" (Spanien) und "Le Journal du Dimanche" (Frankreich)
titelte: "Lance Armstrong ist im Kreis der Giganten angekommen. Sein fünfter
Tour-Sieg war der härteste und verrückteste."
Der Tag gestern war für den 31 Jahre alten
Texaner das Ende einer Dienstfahrt, die so zehrend war wie keine andere.
"Dieser Sieg war schwieriger als alle anderen zuvor", sagte Armstrong.
"Es war eine Tour voller Probleme, ich hatte viele Stürze zu überstehen,
und ich war körperlich schwächer als in den vergangenen Jahren. Aber ich habe
alles überlebt."
Ein Überlebenskünstler, auch sportlich.
Nach seiner Krebserkrankung wurde er erst zum kompletten Siegfahrer, die Tour in
diesem Jahr - mit all ihren Strapazen, Angriffen und Abgesängen auf den
Amerikaner - hat Armstrong nach vier souveränen Siegen wieder als verwundbaren
Athleten gezeigt. Einen, der sich wieder mit der Konkurrenz und eigenen Schwächen
auseinander setzen muss. Dass er daraus neue Kraft geschöpft hat, macht ihn zum
verdienten Sieger.
"Dass diese Tour unter keinem guten
Stern stehen würde, hatte sich schon vorher für mich abgezeichnet", sagte
er. Der Juni sei nicht einfach gewesen, räumte er ein. "Mein Sturz bei der
Rundfahrt Dauphiné Liberé, der erste seit Jahren, hat mir mental mehr
zugesetzt, als ich dachte." Dazu die "unerträglich Hitze", die
erst beim letzten Zeitfahren am Samstag vom Regen abgelöst wurde, dann musste
er auch noch private Probleme verarbeiten. Erst im Winter hatte er sich von Frau
Kristin getrennt, im Mai kamen sie wieder zusammen. Zu allem Überfluss dann
auch noch technische Probleme. Bei der Etappe nach Alpe d'Huez fuhr er 180
Kilometer mit leicht schleifender Hinterradbremse. Aus Sicht der Konkurrenz und
Kritiker war der Titelverteidiger plötzlich verwundbar. Armstrong sagte, jemand
habe die Bremse verstellt, wollte zwar nicht von Sabotage sprechen, nannte den
Vorfall aber "mysteriös".
Während er in den Jahren zuvor die Gegner
mit seiner unwiderstehlichen Kraft in Grund und Boden strampelte, habe er sich
diesmal "mehr auf meine taktischen Erfahrungen verlassen". Am
Tourmalet habe zum Beispiel Jan Ullrich die ganze Führungsarbeit geleistet,
dort habe der Deutsche viel Kraft gelassen. Armstrong sparte seine Reserven für
den letzten Anstieg auf, um zu attackieren.
Er wusste, dass er nicht viele Gelegenheiten
haben würde, Ullrich zu schlagen und wartete auf den perfekten Moment.
"Jan hat mir mehrere schlaflose Nächte bereitet", räumte Armstrong
ein. Die Niederlage gegen den Deutschen im ersten Einzelzeitfahren und der
Angriff Ullrichs in den Pyrenäen, bei dem Armstrong weitere 19 Sekunden seines
Vorsprungs einbüßte, "waren die schlimmsten Momente für mich bei dieser
Tour". Und gleichzeitig ein Weckruf an Körper und Geist. Der Rivale vom
Bianchi-Team brachte das Beste in Armstrong wieder zum Vorschein. "Ich mag
Jan, er war großartig. Es gibt niemanden, der mich mehr motivieren kann."
Ullrich motivierte den Amerikaner zu der Attacke bei Luz Ardiden - nach dem
Sturz des Amerikaners - und zu dem Kraftakt im letzten Zeitfahren am Samstag.
Ullrich stürzte, Armstrong war der fünfte Tour-Sieg nicht mehr zu nehmen.
"Willkommen im Klub", sagte Bernard
Hinault und klopfte dem US-Postal-Kapitän anerkennend auf die Schulter. Mit fünf
Siegen gehört der nun wie Hinault, Jacques Anquetil, Eddy Merckx und Miguel
Indurain zu den Radsport-Legenden, die fünf Mal gewinnen konnten. Armstrong
wollte nie einer von vielen sein und auch nicht einer von wenigen. Deshalb
befasst er sich zwar mit Rücktrittsgedanken, der Reiz, der einzige mit sechs
Erfolgen zu sein, ist aber größer. "Schon diesmal habe ich gemerkt, dass
ich älter werde", sagte er, "ich hoffe, ich verpasse den richtigen
Zeitpunkt zum Rücktritt nicht."
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Hier holte Lance
Armstrong den Toursieg - beim abschliessenden Zeitfahren. |
Paris - Nach einem der packendsten Duelle aller Zeiten ist Lance
Armstrong zum fünften Mal in Serie als „Tourminator“ auf den Champs-Elysees
von Paris eingezogen. Sein großer deutscher Rivale Jan Ullrich, Sieger von
1997, musste sich nach seinem Regen-Desaster im Zeitfahren am Samstag 1:01
Minuten zurück zum fünften Mal mit Rang 2 begnügen. Beide haben damit bei der
Jahrhundert-Tour ebenso Geschichte geschrieben wie Alexander Winokurow, der 4:14
Minuten zurück als erster Kasache das Podium in der Seine-Metropole bestieg.
Die Schlussetappe über 152 km vom Pariser Vorort Ville-d'Avray wurde für
alle zur Tour d'Honneur. Den Prestigesieg auf der Prachtstraße holte sich
schließlich der Franzose Jean-Patrick Nazon im Massenspurt vor den beiden
Australiern Baden Cooke und Robbie McEwen. Erik Zabel spielte im Kampf um den
Tagessieg keine Rolle mehr und beendete die Tour ohne Etappensieg.
US-Postal-Kapitän Armstrong rückte bei der 90. Tour als fünfter Fahrer zu
den Radsport-Heroen Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel
Indurain auf. Ullrich blieb sich nach seinem spektakulären Comeback nur der
Titel „Meister der Herzen“. Sein Traum vom zweiten Triumph endete beim
Zeitfahren mit dem Sturz auf dem regennaßen Asphalt 12 km vor Nantes. Trotzdem
war die Freude riesig, als er am Ziel seine Frau Gaby und Töchterchen Sarah
Maria in die Arme schließen konnte.
Zum insgesamt sechsten Mal seit 1994 erreichte Richard Virenque als „Berg-König“ die Hauptstadt; auch dies ein Rekord, der zuvor nur dem Spanier Federico Bahamontes und dem Belgier Lucien van Impe gelang. Das Grüne Trikot holte sich erstmals Cooke, zum besten Jungprofi wurde der Russe Denis Mentschow im Weißen Trikot gekürt, die Mannschaftswertung gewann nach drei Tagessiegen das dänische CSC-Team unter dem Telekom-Toursieger von 1996, Bjarne Riis
Nantes - Für ein kleines Schwätzchen hatte er stets bereit
gestanden, irgendwann aber wollte Santiago Botero mit niemandem mehr reden. Am
Freitag, zwei Tage vor Schluss, war für ihn als 70. des Gesamtklassements die
Tour de France beendet. Vor drei Wochen, beim Start in Paris hatte der
Kolumbianer vom Team Telekom noch zu den Favoriten gehört, nun plagten ihn
Magenkrämpfe. Und das ausgerechnet bei der Jubiläumsausgabe der "Grande
Boucle", der großen Schleife durch Frankreich. Bei seiner
Spezialdisziplin, dem Zeitfahren, saß der Weltmeister frustriert vor dem
Fernsehen. "Dabei habe ich", versicherte Botero, "mein Bestes
gegeben."
Es war die 90. Tour im hundertsten Jahr. Die ganz besondere sollte es sein.
Am 5. Juli waren 198 Fahrer mit dem Ziel losgefahren, in die Radsportgeschichte
einzugehen. Die Veranstalter waren die altbewährte Schiene gefahren: keine
Feste, keine Extratouren. Es sollten die Rennfahrer sein, die diese Tour
unvergessen machen: Schon auf den ersten Flachetappen wurde daher das Tempo
forciert wie selten zuvor, Massenstürze waren an der Tagesordnung. C'est le
Tour, so ist die Tour, hieß es überall, und am nächsten Tag ging es mit
Fleischwunden und weißem Tapeverband auf der historischen Route weiter. Jede größere
Stadt wurde angesteuert, dort brach jedes Mal der Verkehr zusammen.
Die Etappen wurden lang und länger, die Sonne brannte immer gnadenloser auf
den geschmolzenen Asphalt. Die Spannung um den Toursieg hielt bis zum letzten
Tag. Aber nur 148 Profis überstanden die 3427,5 Kilometer von Paris bis Paris.
Die Werbekarawane, 200 lustig angemalte Autos, die lärmend und trötend weit
vor dem Feld herfahren, wurde um 20 Kleinlastwagen aufgepeppt, die auf gelbem
Grund die Köpfe der Helden aus 100 Jahren Tour lackiert bekommen hatten und den
Fans an der Strecke die Geschichte der Rundfahrt erzählten. Doch für die
Historie blieb kaum Raum, zu sehr fesselte das aktuelle Renngeschehen, besonders
die Stürze der Favoriten. Der von dem Spanier Joseba Beloki in den Alpen auf
der Abfahrt nach Gap und der von Lance Armstrong in den Pyrenäen kurz vor
Luz-Ardiden. Etwa 600 000 Menschen und kaum weniger Wohnmobile bevölkerten
die Hänge der großen Gebirge, am Tag der Königsetappe nach L'Alpe d'Huez gab
es auf knapp 100 Kilometern keinen Diesel mehr zu kaufen. Um die historische
Route zu würdigen, musste Udo Bölts im Gerolsteiner Mannschaftsbus "150
Kilometer bis zum Start vom Mannschaftszeitfahren" zurücklegen. "Was
wir im Stau gestanden haben, ist doch Wahnsinn", klagte Bölts. Erik Zabel
hatte schon vorm Start in Paris eineinhalb Stunden im Bus festgesessen.
Heute nun rollt das Peloton wieder nach Paris, bei etwa 5000 Kilometer werden
dann die Tachos des Tourtrosses still stehen - eine Zahl, die vorher noch nicht
erreicht worden war. Doch es gibt auch Leute, denen die Tour ausnahmslos gut
gefallen hat. "Für mich", sagt Rudy Pevenage, "war es eigentlich
die schönste Tour." Vor acht Wochen hatte Pevenage den Rennstall Bianchi
gegründet. Dass sein Schützling Jan Ullrich hier bis zuletzt um den Toursieg
mitfahren würde, daran wollte selbst Pevenage lange nicht glauben. Bis zum
letzten Tag kämpften Ullrich und Lance Armstrong erbittert um den Sieg. Das gab
es nur sechs Mal zuvor. Kein Wunder, dass Tourdirektor Jean-Marie Léblanc von
"der spannendsten Tour, die ich je erlebt habe", schwärmte. Daneben
raste die Tour auf einen neuen Geschwindigkeitsrekord zu. Bei 40,231 Kilometer
pro Stunde lag die Durchschnittsgeschwindigkeit am Abend des 16. Teilstücks,
nach vier aufeinander folgenden Pyrenäenetappen. Mit einem Temposchnitt von
49,93 km/h katapultierte sich die Etappe von Bordeaux nach Saint-Maixent-l'Ecole
als zweitschnellste ihrer Art in die Tour-Annalen. "Wie ein bunter Pfeil
sind die hier durchgejagt", beschwerte sich Monsieur Hanol, der den örtlichen
Zeitungsladen in Jonzac betreibt. Er hatte "extra wegen des Jubiläums"
sein Schaufenster dekoriert, mit einer Ausgabe der Tageszeitung "L'Os á
Moelle" vom 1. Juli 1938, die er zu Hause auf dem Dachboden gefunden hatte.
Darin stand als Preisfrage, wer der Toursieger von 1937 war. "Keine
Ahnung", sagte Monsieur Hanol. Den Toursieger 2003 wird er sicher nicht so
schnell vergessen.

Lance Armstrong, Jan Ullrich und Alexandre Vinokurov