Virenque und die steilen Anstiege im Wohnzimmer

- Querpass -

Heute ist Montag, und auf die Ärzte wartet wieder das reine Grauen, denn wie nach jedem Wochenende stehen wir Sportsfreunde in den Notfallaufnahmen Schlange mit den bösen Folgen unseres schlimmsten Martyriums - des stundenlangen Dauerfernsehens. Die Risiken und Nebenwirkungen des ununterbrochenen Mattscheibensports reichen von der Augapfeltrübung und Pupillenstarre bis zur Halswirbelverrenkung mit Ohrensausen, doch beliebt sind auch Hexenschüsse, Nackenverspannungen, Bandscheibenvorfälle und Beckenschiefstände - jedenfalls hat es jeder Zweite im Kreuz. Schmerzhafter sind nur noch die Karikaturen, die uns Fans als fettleibige Sofaathleten und Sesselfurzer beleidigen, deren sportliche Betätigung sich darauf beschränkt, zwischendurch zum Kühlschrank zu schlurfen und das nächste Bier zu holen, um damit im Unterhemd und mit den Pantoffeln auf den Tisch Tüten von Kartoffelchips hinunterzuspülen. Was, bittschön, soll man auch sonst tun? Wenn, wie am Samstag, Regina Halmich im ZDF boxt, kann man nicht mitboxen, und wenn die Wolfsburger sich auf Eurosport im UI-Cup quälen, sind einem die Füße gebunden, und man kann nur untätig zusehen, wie man wieder anderthalb Stunden Lebenszeit mit dem Betrachten von Fehlpässen vergeudet - oder sagen wir es mit dem großen Komiker Bob Hope: "Meine einzige Unterhaltung ist es, im Fernsehsessel zu sitzen und zu warten, welches Bein zuerst einschläft." Das gilt fast für jeden Sport.

Nur nicht fürs Radfahren. Da kann man als Fernsehzuschauer mitmachen, auf dem Hometrainer - und wird nicht krank, sondern fit. Max Schmeling wird demnächst Hundert, weil er sich auf seinem Stahlross, vor dem Fernseher, jahrelang abgestrampelt hat. "Am besten geht es", rät der stramme Max, "während die Nachrichten laufen" - die sind in ihrer wachsenden Grausamkeit derart spannend, dass sie einen ablenken von den Qualen und der Eintönigkeit des Pedaltretens in der eingeschränkten Naturkulisse des heimischen Wohnzimmers, so dass die Zeit wie im Flug vergeht. Noch leichter allerdings, stellen wir in diesen Tagen fest, fällt das Radfahren vor dem Fernseher, wenn sie Radfahren übertragen. Bei der Tour de France. Es gibt nichts Größeres und Gesünderes, als die große Schleife auf dem Hometrainer mitzufahren.

Die Etappe von Lyon nach Morzine beispielsweise, am Samstag, war ein voller Erfolg - denn wenn die Kamera die Ausreißer von hinten zeigt, wie sie mit wippendem Rückgrat aus dem Sattel steigen, lässt du dich zuhause nicht einfach abhängen, sondern hältst dagegen, klemmst dich auf deinem Computerross an ihr Hinterrad, gehst per Knopfdruck mit der Leistung notfalls auf 200 Watt hoch und keuchst, kämpfst und kletterst mit einem wachsamen Blick auf die Pulskontrolle hinterher. Egal, wie schnell die da vorne fahren, sie werden dich niemals los.

Unbeschreiblich wird das überwältigende Gefühl des Augenblicks dann vollends, wenn du, unbemerkt von der Konkurrenz, zwischendurch auch noch am Col de Portes ( 1020 Meter) eine Bergwertung der Kategorie 2 ge-winnst. Weiter ist es gegangen zum Col de la Ramaz. "Ein Alpenriese", hat der ZDF-Reporter Leissl gedroht - aber wenn du dann plötzlich von seinem KKollegen Cerne hörst, dass ein Aldag dafür Puls 180 braucht, und du selbst packst den Berg mit Puls 120 im Sattel, also sozusagen auf einer Backe, mit links, ist das ein triumphales Gefühl und löst im Notaggregat der Willenskraft den finalen Adrenalinschub. "Ein Husarenritt!", haben wir den Reporter jubeln hören. Das sind die erhebenden Momente während einer siebenstündigen Tour-Übertragung, in denen du alles erträgst, die schlimmsten Steigungen, die unnötigsten Interviews, die sengendste Hitze. Der Schweiß schießt dir in Sturzbächen vom Kopf, kriecht dir in alle Achselhöhlen, das Handtuch um den Hals ist zum Auswinden - doch alle Qualen werden verdrängt von dem Hochgefühl, dass keiner dich abhängt.

 Selbst bei der zehnprozentigen Steigung, als Aldag zurück fiel, ist unsereins zäh und unbeugsam dran geblieben - und hat sich mit dem nächsten Kameraschwenk sogar kurz ins Feld zurückfallen lassen, um Jan Ullrich zu motivieren ("Quäl dich, du Sau!"). Und gleich ging es wieder vorne weiter. Virenque, Aldag, Beck - es war ein zeitweise erbitterter Dreikampf um das Trikot des besten Bergfahrers. "Ich habe", hat Aldag am Ende gestöhnt, "alles gegeben." Beck auch. Furchtbar fertig hat er ausgesehen - und doch ist er fit, gesund und durchtrainiert wie selten aus dem Sattel gestiegen, mit Blutfett- und Kreislaufwerten wie schon lange nicht mehr.
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