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Harry Potter und die Zweite Prophezeiung

Disclaimer: Harry Potter ist Eigentum J.K. Rowlings und verschiedener Publizisten einschlie�lich aber nicht ausschlie�lich Scholastic Books, Bloomsbury Publishing, Warner Bros. und Carlsen Verlag. Diese Geschichte will nicht in deren Rechte eingreifen, ist nur zur Unterhaltung geschrieben worden und jeder Versuch, aus ihr Profit zu schlagen steht im ausdr�cklichen Widerspruch zur Absicht der Autorin.

Kurzinfo:

Titel: Harry Potter und die Zweite Prophezeiung

Autor: starlight, aka Hoshiakari, aka Neli

Rating: PG-15

Kontakt: [email protected] (Neli), [email protected]  (Brandy)

Kurzzusammenfassung: Nach einem eher aufregenden Sommer kehrt Harry Potter nach Hogwarts zurück. Sirius' Tod belastet ihn schwer, trotzdem gibt er sein Bestes, um zu der Waffe zu werden, die Voldemort vernichten kann. Wenn da nur nicht die Zweite Prophezeiung Professor Trelawneys und der mysteriöse Talisman des Ourouboros wäre! Und was meint ein Mädchen, wenn es um Hilfe mit den Wahrsage-Hausaufgaben bittet? Harrys Jahr wird vieles werden, nur eines nicht: langweilig!

Ships: HP/GW, RW/HrG, NL/LL

"..." = sprechen

>...< = denken

*~* = Orts-/ Zeitwechsel (was, dürfte klar sein)


Harry Potter und die Zweite Prophezeiung

Kapitel 9

Siebzehn

 

Voldemort dachte das ganze Wochenende über nicht einmal an eine Pause. Harry hatte sich damit abgefunden, dass er nachts kaum schlafen konnte. Madam Pince war sehr viel freundlicher zu ihm, da er Merlins Buch schon am Montag nachdem er es ausgeliehen hatte, wieder zurückbrachte. Er hatte von ihr sogar die Erlaubnis, unbeaufsichtigt durch den altersbeschränkten Teil der Bibliothek zu gehen, der normalerweise nur Siebtklässlern (und Hermine) unter Aufsicht und den Professoren offenstand. Wenn er ehrlich war, hatte es etwas Magisches nachts beim Schein seines Zauberstabes in einem Sessel im Aufenthaltsraum zusammengerollt zu lesen, oder seine zauberstablose Zauberei zu üben. Er hatte sich in letzter Zeit auf Verteidigungszauber konzentriert, und seine letzten beiden großen Erfolge waren Expelliarmus und Protego.

Sein Stundenplan jedoch war noch immer so verrückt wie in der ersten Woche. Harry war Hermine dankbar dafür, dass sie ihm geholfen hatte, seine Hausaufgaben, die DA-Planung, sein eigenes Training, Okklumentik und Dumbledores extra Lesematerial, das er für die Grundlagen des Zaubererfindens brauchte, zu organisieren. Ron und er wussten beide, dass sie von Professor McGonagall wieder einen Zeitumkehrer erhalten hatte. Allerdings hatte sie diesesmal die strenge Auflage, nicht mehr als zwei zusätzliche Stunden am Tag zu nutzen. Manchmal erlaubte sie Harry, mit ihr in der Zeit zurückzugehen- vor allem dann, wenn er wieder einmal einfach eingenickt war, anstatt seine Hausaufgaben  zu machen. Tagsüber ruhte auch Voldemort, was Harry ein wenig Ruhe einbrachte.

Zaubertränke war eine Qual für Schüler und Lehrer. Harry konnte sich nicht dazu bringen, Professor Snape anzusehen, und der Lehrer konnte seinem Schüler ebensowenig in die Augen sehen. Malfoys verächtliche Kommentare waren die einzigen Worte, die während der ganzen Stunde an Harry gerichtet wurden. Er braute und schnetzelte beharrlich, was das Zeug hielt, aber nicht einmal ein perfekter (in Hermines Augen) Bluterneuerungstrank konnte ein Wort aus Snape herauslocken. Harry war es auch lieber so- je länger er seine unliebsame Verbindung zum Meister der Zaubertränke verdrängen konnte desto besser.

Verteidigung gegen die Dunklen Künste wurde ebenfalls nicht besser- Stevenson nutzte jede Gelegenheit, um Harry und Hermine zur Weißglut zu bringen. Seltsamerweise hatte er einen unerwarteten Leidensgenossen- Draco Malfoy hatte mit seiner Arroganz den Zorn der Verteidigungslehrerin auf sich gezogen, und es verging keine Stunde, in der nicht einer der drei als ein unwilliges Demonstrationsobjekt für einen meist nicht sehr angenehmen Fluch oder Gegenfluch herhalten musste. Ron war Harry keine große Hilfe- Stevenson mochte ihn, und Ron mochte Stevenson- "Sie bringt uns mal wirklich was bei, Harry! Fast so wie deine DA, dieser Unterricht!"- und er war stolz darauf, dass er es endlich einmal schaffte, mehr Hauspunkte als seine beiden Freunde in einem Fach zu sammeln.

Aber was seine Woche endgültig in den Mülleimer schickte war die Ankunft eines Magazins. Um genau zu sein waren es die begeisterten Quietscher, die diese Ankunft ankündigten. Wie jeden Monat schwebten am Mittwoch der zweiten Septemberwoche, während Harry mit seinen Gedanken bei der Okklumentikstunde mit Dumbledore am Abend war, einige Dutzend Eulen mit charakteristischen rosa Schleifen in die Große Halle.

"Na toll, da kommen wieder diese... Hochglanz-Broschüren zur Steigerung der Dummheit!" Hermine rollte die Augen.

"Huh?" meinte Ron, den Mund voller Cornflakes.

"Na, die Junge Hexenwoche natürlich!" erklärte Hermine. "Und nein, ich verstehe nicht, wie man- Harry, bist das du?" Tatsächlich war auf dem Cover der Zeitschrift Harrys Konterfei, und zwar in Lebensgröße. Wie sie sien Bild manipuliert hatten, dass es dem Betrachter zublinzelte war Harry ein Rätsel, aber es war wirklich ein Photo von ihm.

"Oh nein- was ist es diesesmal?" stöhnte er und ließ beinahe den Kopf in sein Rührei sinken.

"Keine Ahnung. Du!" bellte Ron eine Erstklässlerin aus Hufflepuff an, "das Ding ist in der Großen Halle nicht erlaubt! Ich bin ein Vertrauensschüler, und es ist hiermit konfisziert!" Das Mädchen brach in Tränen aus, aber die drei Freunde und Ginny kauerten schon dicht beisammen, den Kopf über das Magazin gebeugt.

"Oh nein!" Harry versuchte, schon bei der Überschrift über den ersten Artikel unter den Tisch zu kriechen, vor allem, weil fast jede Hexe über 12 ihn mit äußerst taxierenden Blicken und nervösem Gekicher anstarrte. Was auch kein Wunder war, wenn man das Bild von ihm, das nach einer seiner privaten Übungsstunden im Raum der Erfordernis geschossen worden sein musste, in Verbindung mit zollhohen Buchstaben, die in Gryffindor-Rot Achtung, Mädels- Potter ist sexier denn je proklamierten, sah.

"Was- sie haben dieses 'Ich habe momentan keine Freundin', das du in deinem Interview gesagt hast, in so etwas verwandelt? Und... wie zum Teufel sind sie dahinter gekommen, dass du das Black-Vermögen geerbt hast?" Hermines Mund stand offen vor Schock. Harry war inzwischen kurz davor, Eine Geschichte Hogwarts' zu widerlegen und aus der Großen Halle weg zu apparieren.

Die erste Seite des zwanzigseitigen Beitrags über den 'begehrtesten Junggesellen der Zauberwelt' zeigte 'Zehn Gründe, warum Potter der beste Fang des Jahrhunderts ist'. Ginny las sie natürlich mit lauter Stimme vor, was zu Lachern bei all seinen Freunden führte. Lavender Brown und Parvati Patil hatten natürlich ihre eigenen Exemplare, aber auch sie lauschten der Aufzählung von Harrys Tugenden.

Bei Nummer sechs, 'Mal ehrlich- so gut, wie er seinen Besen beherrscht würde doch Jede gerne einen Ritt darauf wagen' war Harrys Kopf heiß genug, um Tomaten darauf zu braten. Schließlich waren davor schon sein Reichtum, seine Augen, seine 'Ritterlichkeit', seine Schweigsamkeit und sein Image gestanden. Allein, dass in der Tür schon die halbe weibliche Bevölkerung Hogwarts auf ihn lauerte ließ ihn an seinem Platz verharren.

Der zweite Artikel war eine dürftig verschleierte Aufforderung an alle 'gepflegten Hexen zwischen 12 und 20', sich auf die Potter-Jagd zu machen. "Und ich dachte, Voldemort wäre schlimm. Aber dass sie auch noch Tips geben... Hermine, versteck mich!" war Harrys Kommentar dazu.

Angeblich sichere Quellen innerhalb Hogwarts versicherten, dass die zehn Methoden, Harrys Aufmerksamkeit zu erregen, garantiert funktionierten. Schon die erste verursachte Harry das kalte Grausen: 'Bring dich in eine Situation, aus der er dich retten muss- es passt zu ihm, er ist ein Held, und hat eine Vorliebe für Jungfrauen in Not.' 

Die zweite war noch schlimmer: 'Muggelkleidung wird seine Blicke garantiert auf dich lenken- er ist schließlich mit ihnen aufgewachsen.' Harry schüttelte nur den Kopf.

"Was zum Teufel soll das eigentlich werden?" fragte er, während Ginny und Hermine genau wie Ron und Neville beinahe vor Lachen erstickten.

"Das sind die Jagdmethoden, Kumpel!" gluckste Ron. Neville klopfte einem zu Tode beschämten Harry aufmunternd auf die Schulter.

"Wird schon wieder, Harry," sagte er wenig hilfreich.

Den Abschuss bildeten Interviews mit einem 'Expertenteam direkt an der Quelle' über sein Leben in der Schule, komplett mit Photos aus jeder nur erdenklichen Situation. In Harry keimte langsam ein schrecklicher Verdacht- es gab genau drei Schüler in Gryffindor, die so etwas auf die Reihe bringen konnten, und es erfüllte ihn keineswegs mit Zuversicht, dass er von gackernden Hühnern wie Parvati und Lavender und einem Möchtegern-Paparazzo wie Colin Creevey zum Gespött der Nation gemacht werden sollte. Von der D.A. bis zu seiner legendären Freundschaft mit Ron und Hermine ("Ist es wirklich nicht mehr? Granger sagt NEIN!") wurde jedes nur mögliche Thema abgedeckt. Selbst seine kurze Beziehung mit Cho wude diskutiert ("Warum sie nie eine Chance hatte- die Geschichte von Cho Chang").  

An dieser Stelle platzte Harry endlich der Kragen. "Ich will diesen Müll nicht lesen!" zischte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, und obwohl sein Kopf noch immer heiß und rot war, schnitt seine gefährlich leise Stimme durch die ganze aufgeregte Große Halle. "Wenn das ist, was berühmt sein heißt, dann wäre ich lieber gar nicht erst geboren worden!"

Er konnte die Bilder vor seinem inneren Auge nicht abschütteln, in denen sich ein Mädchen nach dem anderen vom Astronomieturm stürzte, nur, um einen 'Ritt auf seinem Besenstiel' mitzuerleben. Die Doppeldeutigkeit dieser Worte amüsierte ihn kein bisschen. Er hatte keine Freundin und er wollte keine Freundin, so lange Voldemort frei in der Welt herumlief. Und darüberhinaus würde er wohl nie wieder ein Mädchen ansehen können ohne darüber nachzudenken, ob sie ihn nun seines unverdienten Ruhmes wegen oder um seiner selbst willen mochte. Er würde es nicht leicht finden, in einer romantischen Situation zu beurteilen, ob ein Mädchen nur spielte und ihm hinterherlief, um die glückliche Gewinnerin des Preises 'Harry Potter' zu sein. Aber all diese persönlichen Sorgen verschwanden vor seinem Ärger darüber, dass seine Schulkameraden sich über eine solche Nebensächlichkeit so sehr aufregen konnten, wo doch ein Krieg tobte.

"Habt ihr eigentlich den Tagespropheten heute gelesen? Fünf Muggel und ein Zauberer sind tot, weil Voldemort seine Spielchen treibt, und alles, worüber ihr nachdenken könnt, ist, ob ich eine Freundin habe? Es reicht!" Seine Handflächen klatschten auf den Tisch, ein zu lautes Geräusch in der nun totenstillen Halle. Simultan flammte jedes einzelne Magazin auf und verbrannte in Sekunden zu Asche- nicht, dass Harry das noch mitbekommen hätte, denn er hatte schon sein Frühstück und die Große Halle verlassen.

Leider hatte sein Ausbruch genau die gegenteilige Wirkung als die, die er beabsichtigt hatte. Quiekser, die ihn als 'so nobel!' priesen, begeistertes Getuschel über seine angeblich gottgleichen Kräfte und natürlich Malfoys "Neulich irgendwelche Mädchen in Muggelkleidern gesehen, Potter? Oder bist du zu ritterlich, um  dich umzuschauen?" folgten ihm auf Schritt und Tritt. Sein Mittagessen und seine Freistunde verbrachte er verkrochen im Raum der Erfordernis, mit einem Auror-Trainingsbuch auf den Knien und einem Verstummungszauber um die Tür. Er hatte den Raum gebeten, ihm ein Versteck zu geben, das nicht einmal Ron und Hermine fanden, aber er hatte die Zähigkeit der Hexen von Hogwarts unterschätzt. Er musste nicht weniger als drei Ravenclaws, fünf Gryffindors, vier Hufflepuffs und sogar zwei Slytherins verjagen.

Und darum war er verständlicherweise sehr schlechter Laune, als er am Nachmittag Professor Dumbledores Büro betrat. Die greise, aber immer noch gerade Gestalt des Schulleiters war über einen seiner spindelbeinigen Tiische gebeugt, auf dem eines seiner silbernen Instrumente eine verwunschene Melodie spielte, die Harry seltsam bekannt und doch zugleich fremd erschien.

"Ah, Harry." Dumbledore richtete sich auf, sobald sein Schüler die Schutzzauber um seine Tür passiert hatte. Harry schauderte kurz- seit seinem letzten Besuch in Dumbledores Büro hatte er jedes Mal das Gefühl, unter einer warmen Dusche zu stehen wenn er die Treppe verließ. Fawkes begrüßte ihn mit einem freundlichen Trillern, das Harry an die Melodie des silbernen Instruments erinnerte.

"Hallo, Professor Dumbledore, 'lo, Fawkes," sagte er müde. Er hatte sich bis zur Erschöpfung getrieben, nachdem er die letzten beiden Schülerinnen aus dem Raum der Erfordernis gescheucht hatte, um wenigstens halbwegs entspannt für seinen Okklumentik-Unterricht zu sein.

"Harry, gibt es etwas, das ich wissen sollte?" fragte Dumbledore mit wissendem Gesichtsausdruck. Harrys alter Trotz wallte in ihm auf und drängte die Mattigkeit zurück.

"Sie haben doch bestimmt dieses verdammte Magazin schon gelesen, Professor," sagte er abweisend. Dumbledore gluckste. Selbst Fawkes schien amüsiert, dass dies den jungen Mann so aus der Fassung brachte.

"Aber sicher, Harry- und ich muss dir ein Kompliment machen. Ich wusste nicht, dass dein Geschmack in Roben so erlesen ist... nur feinste Seidenspinner-Wolle, nicht wahr?" Harry konnte den Witz immer noch nicht sehen.

"Wenn Sie es doch schon wissen, dann gibt es für mich nichts mehr zu sagen." Seine geballten Fäuste entspannten sich nur mit größter Willensanstrengung.

"Oh, Harry..." seufzte Professor Dumbledore. Die Ungeduld und Verletzlichkeit der Jugend...

"Professor, ich dachte, ich soll Okklumentik lernen," unterbrach Harry ungehobelt. Er hatte im Sommer sehr viel Zeit mit dem Schulleiter verbracht, und obwohl dessen Motive und Handlungen noch immer undurchsichtig für den Teenager waren hatten sie doch eine Art Vertrauensbasis aufgebaut, als Dumbledore Harry gesagt hatte, er könne sprechen wie er wolle in seiner Gegenwart.

"Ah, aber natürlich. Zitronendrop?" Harry schüttelte den Kopf.

"Nun, Harry... ich habe natürlich mit Professor Snape darüber gesprochen, was am letzten Freitag vorgefallen ist. Hast du irgend etwas zu dem Vorfall zu sagen?" Harry wurde schwarz vor Augen. Seine Ohren dröhnten, und er stolperte. Snape... hatte mit Dumbledore? Hatte Dumbledore etwa gewusst...?

"Nein, Sir," sagte er, sobald er sich wieder etwas gefangen hatte. Kaltes, grünes Feuer von der Intensität des Avada Kedavra-Fluchs brannte in seinen Augen.

"Harry, ich wusste auch nicht, dass Professor Snape in allen drei dieser... Situationen involviert war. Ich  hatte ihm absichtlich an diesem Tag mein Denkarium nicht überlassen, weil du unserer Meinung nach so weit warst, die ersten Schritte in Legilimentik zu wagen. Weder Professor Snape noch ich hatten mit einem so durchschlagenden Erfolg gerechnet- es scheint, als hätte dein letzter Kontakt mit Tom wieder einmal einige seiner Fähigkeiten in dir erweckt." Dumbledores nicht-funkelnder Blick war ehrlich- woher er wusste, dass das so war konnte Harry nicht sagen, aber er spürte, dass der alte Schulleiter ausnahmsweise einmal keine Hintergedanken hegte.

"Ich... ich kann nichts sagen, Professor," würgte er durch seine brennende Kehle hindurch, "Snape hat meine Großeltern umgebracht und..." Er konnte die Szene in Godric's Hollow nicht einmal erwähnen.

"Und dir ist sicher klar, dass Severus darunter eigentlich noch schrecklicher leidet als du? Du hast seine Gefühle doch gespürt, oder?" Dumbledores Stimme war so sanft wie der Gesang des Phoenix. Fawkes verließ seinen Platz auf seiner Stange und flog auf Harrys Schulter, wo er seinen Kopf tröstend an seinem Ohr rieb. Die Wärme und Ruhe des unsterblichen Vogels bauten für Harry eine Art Insel der Stabilität, während rings um ihn seine Gedanken und Gefühle kochten, auf die er sich flüchten konnte.

"Snape... hat meine Großeltern umgebracht, Professor," wiederholte er, noch verzweifelter. Dumbledore seufzte nur.

"Ich sehe, wir werden hier nicht so schnell Fortschritte machen, wie ich gehofft hatte... du gehst weiterhin zu deinen Zabuertrankstunden?" Harry nickte, aber sein glühender Zorn war selbst durch Fawkes' beruhigenden Einfluß hindurch in den Wellen roher Magie, die aus seinem Körper strömten, spürbar. Wenigstens zerstörte er diesesmal nichts...

"Ja, Professor. Aber wenn Snape noch einmal versucht, meinen Vater schlechtzumachen oder mich lächerlich zu machen, dann schweige ich nicht länger. Und... dann halte ich mich auch nicht länger zurück." Dumbledore nickte.

"Severus wird seine... unglücklichen Gefühle für alle Potters im Zaum halten, Harry. Aber ich hoffe immer noch, dass du die Größe haben wirst, ihm zu verzeihen und diesen alten Streit endlich zu begraben. Ganz  Hogwarts muss zusammenhalten- ich weiß, dass du schon einen bewundernswerten Schritt in die richtige Richtung gemacht hast, aber ich wollte es noch einmal wiederholen. Severus ist einer der stärksten Menschen die ich kenne, aber er zerbricht fast unter der Last seiner Vergangenheit. Du kannst ihn wieder aufrichten, Harry... erinnere dich daran. Und nun lass uns mit unserer Stunde beginnen- Legilimens!"

Harry hatte zum ersten Mal, seit er mit seinen Okklumentik-Stunden angefangen hatte, das Gefühl, dass er wusste, was er tat und tatsächlich auch kontrollieren konnte, was geschah. Der Schulleiter steckte etwas wie einen dünnen, warmen Finger in seine Gedanken, stupste sanft gegen die schwachen Schilde, die er sich aungewöhnt hatte, ständig aufrecht zu erhalten. Harry spielte mit dem Finger, erlaubte ihm, einen kleinen Schritt weit in seine Gedankenwelt einzudringen bevor er mit einer mentalen Nadel zustach.

Als er die Augen wieder öffnete fand er sich gegenüber eines ernst aussehenden Professor Dumbledores, der einen Finger komisch in den Mund gesteckt hatte und an der Kuppe sog.

"Sir, was-?" fragte er, noch immer nicht ganz sicher, ob er getan hatte, was er glaubte, getan zu haben.

"Harry, das war eben eine Meisterleistung in Okklumentik. Du hast mich nicht direkt zurückgeschmettert, sondern mich tiefer in deinen Geist gelockt, wo du die Kontrolle hast! Das ist die wichtigste Regel der Okklumentik: du selbst hast die Kontrolle über deine Gedanken.

"Nun ja, und dann hast du mich natürlich verbannt. Ich vermute, du hast an eine Nadel gedacht, nicht wahr?" Harry nickte, überwältigt. Seit wann wusste er, was bei Okklumentik zu tun war?

"Wie ich bereits vorhin erwähnt habe, ich denke, dass Voldemort dir bei seinem erneuten Versuch, deinen Geist zu besitzen und dich zu brechen eine Fähigkeit, die er an dich weitergegeben hat, als du ein Kind warst, aktiviert hat. Dazu kam dann noch dein eigenes Talent auf diesem Gebiet der Magie- ja, das hast du, auch wenn du es nicht erkannt hast. Normalerweise kann niemand einen Legilimentik-Angriff stoppen, wenn er nicht irgendeine Art von Technik dafür geübt hat, und doch hast du das im letzten Jahr getan. Dein Zon auf Severus hat auch die letzten Blockaden beseitigt. Voldemorts Gabe und dein Talent- so hast du Severus' Gedanken lesen können- Severus, der Voldemorts Angriffen widerstehen kann!- und so hast du mich eben abgewehrt."

"Aber... Professor, Sie haben mich nicht direkt angegriffen, nicht so wie... Snape." Harry schüttelte den Kopf. Er wollte nicht noch etwas von Voldemort haben, es reichte, dass sie einen so ähnlichen Lebenslauf und die Fähigkeit, mit Schlangen zu sprechen teilten.

"Mein Angriff war sehr viel schwerer abzuwehren, als es einer mit brutaler Gewalt gewesen wäre. Ich habe mich sozusagen durch eine Hintertür eingeschlichen, Harry- wenn ich versucht hätte, direkt einzubrechen hättest du mich wahrscheinlich einfach fortgeblasen." Der alte Zauberer setzte sich schwer auf den Sessel hinter seinem Schreibtisch und steckte einen Zitronendrop in den Mund.

"Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir an Legilimentik arbeiten. Der Dunkle Lord ist ein sehr starker Legilimens, aber mit ein wenig Übung bist du genauso stark. Du musst nur immer daran denken, dass du die Kontrolle hast... aber nun zu etwas anderem. Wie geht es dir in Arithmantik?"

Harry berichtete wahrheitsgemäß, dass er Arithmantik eigentlich nicht so schwer fand, weil er als Kind schon gut in Mathematik gewesen war und der Lehrer dort ausnahmsweise einmal nicht auf die Dursleys gehört hatte und ihn trotz deren Warnungen förderte.

"Gut. Ich möchte, dass du das hier liest." Dumbledore schnappte mit den Fingern, und ein altes, abgegriffenes Buch schwebte vom Regal zu ihnen hinüber. "Es gibt dir eine Einleitung in das Konstruieren von Zaubersprüchen." Harry nickte. Der Zauber, um Voldemort zu töten.

"Wenn du damit fertig bist, können wir weitersehen. Ach, und Harry?" Harry, der schon in seine eigene Gedankenwelt abgetaucht war, schreckte wieder auf.

"Remus und Tonks kommen dieses Wochenende nach Hogwarts. Du erinnerst dich sicher an die Versprechen, die ich dir gegeben habe? Nun, du wirst Verteidigung gegen die Dunklen Künste und zauberstablose Zauberei mit Remus und deine Metamorphmagus-Fähigkeiten mit Tonks trainieren. Beide werden dir noch etwas beibringen, das du sicher benötigen wirst, das sie aber als eine Überraschung geplant haben, weswegen ich dir hier nicht mehr sagen kann. Und Gratulation dafür, dass du Slytherin in deine DA aufgenommen hast. Das war wichtiger, als du dir vorstellen kannst." Dumbledore legte ihm wohlwollend eine Hand auf die Schulter. Harry nickte nur, er war wieder einmal vollkommen erschöpft, es war wohl doch sehr anstrengend gewesen, Dumbledore aus seinen Gedanken zu verjagen.

"Nicht alle Slytherins sind schlecht, Sir. Das haben Sie mir selbst gesagt. Und woher wissen Sie, dass die DA wieder stattfindet?" Dumbledore gluckste, seine blauen Augen funkelten zum ersten Mal seit Beginn ihres Treffens mit der Schlauheit, die ihn auszeichnete.

"Die Wände in Hogwarts haben Augen und Ohren, Harry." Er begleitete seinen Schüler zu der Treppe nach unten. Fawkes flog erst an dieser Stelle wieder von Harrys auf Dumbledores Schulter, und der Verlust der Wärme des Phoenix war wie eine kalte Dusche für ihn.

"Augen und Ohren, schon klar. Gute Nacht, Sir." Harry drehte sich noch einmal zurück. Dumbledore stand, das Urbild eines merlinschen Zauberers, inmitten seines runden Büros, umgeben von der Macht der Magie in Hogwarts, und Harry wusste, dass, wenn er ein einzelnes Bild nennen sollte, das für ihn die Zauberwelt beschreiben sollte, von nun an immer dieser alte Mann mit dem die Flügel ausbreitenden rotgoldenen Phoenix auf der Schulter auftauchen würde.

"Gute Nacht, Harry," sagte Dumbledore, und die Aura der Magie, die Harry einen Moment zuvor noch greifbar hatte spüren können, verschwand wieder. Zurück blieben nur der Schulleiter von Hogwarts und der majestätische Feuervogel, beide imposant, aber nicht so... magisch wie das, was er für einen kurzen Augenblick hatte wahrnehmen können.

Hogwarts war unheimlich still dafür, dass es ein kalter Spätnachmittag war. Die Fenster, an denen Harry vorbeikam, hatten schon einen leichten Beschlag, da die Wärmezauber in den Gänge  begonnen hatte, zu wirken. Draußen auf dem Quidditchfeld spielten ein paar Hufflepuffs aus dem Zweiten Jahr Fangen auf den Schulbesen, unter der strengen Aufsicht von Madam Hooch. Die Wiesen am Ufer des Sees waren von Schülern bevölkert, die die letzten Reste einer schwächelnden Sonne auskosteten. Und ein Arm des Riesenkraken platschte weit draußen über dem silbrigen Wasser.

>Anscheinend nimmt er mir es doch nicht so übel, dass ich ihn ins Karussell gesteckt habe,< dachte Harry mit einem schmalen Lächeln auf dem Gesicht. Hagrid hatte ihm bei einem kurzen Besuch verraten, dass der Krake kein bisschen scheu geworden war, obwohl Harry ihn ziemlich durchgewirbelt hatte. Er war sehr froh, dass sein Ausbruch keinen Unschuldigen verletzt hatte.

"Hey, Harry," grüßten ihn Susan Bones und Justin Finch-Fletchley auf ihrem Weg zur Bibliothek. Harry winkte zurück. Seine Narbe ziepte ein wenig, wie immer, wenn jemand versucht hatte, in seine Gedanken einzudringen. Zusammen mit seinen Übungen im Raum der Erfordernis und Dumbledores Beharren auf einer Verteidigung Snapes machte das ihn ziemlich unleidlich, aber er hoffte, zurück zum Schlafsaal zu kommen bevor sein Temperament irgend jemanden in Mitleidenschaft zog. Wenigstens hielten seine Glamourie-Zauber- er hatte keine Lust, schon wieder gefragt zu werden, ob alles in Ordnung war.

Feuchte, kühle Luft schlug ihm aus dem offenen Fenster entgegen. Hedwig kauerte mit einer Maus in den Krallen auf dem Fensterbrett und schuhuhte fragend, als er sich zu ihr setzte und die Knie an die Brust zog.

"Ist schon in Ordnung, Hedwig," sagte er. Wie oft hatte er in den letzten Jahren auf diesem Fensterbrett gesessen und hinunter auf das Schulgelände geblickt, oder hinauf zu den Sternen… dies war sein Platz in Hogwarts, wenn es überhaupt einen gab.

"Remus kommt am Wochenende. Remus und Tonks, um genau zu sein. Ich habe also keinen Brief für dich, den du tragen könntest." Hedwig zerrte nur an ihrer Maus und drehte ihren weißbefiederten Kopf um fast 180°.

"Remus kommt? Das ist toll, Kumpel!" Harry schreckte auf. Neben ihm stand Ron, ein wenig zerzaust, als ob er gerade einen sehr langen, weiten Dauerlauf hinter sich hatte.

"Ron? Was ist?" fragte er. Ron wurde rot und drehte nervös Däumchen.

"Ron, was ist los?" Harry hatte momentan einen sehr, sehr, sehr kurzen Geduldsfaden, der selbst nach so wenig Belastung schon kurz vor dem Reißen war.

"Na ja, Kumpel… du weißt doch, Hermine… und dass sie Geburtstag hat, oder?" sagte Ron langsam.

"Jeder normale Mensch hat einen Geburtstag, Ron," erwiderte Harry, der die Richtung, in die sein bester Freund steuerte, nicht ganz nachvollziehen konnte.

"Na ja, am 19., da ist ihr Geburtstag- und es ist ihr siebzehnter, Harry. Ich dachte nur… weißt du, wir haben nie mit ihr gefeiert, und ich hab mir gedacht, dass…" Harry streckte sich entnervt.

"Raus damit, Ron. Was hast du gedacht?" Er fixierte seinen rothaarigen Freund mit einem scharfen Blick, der diesen noch nervöser machte.

"Ichwolltefür'mineeinePartyorganisieren," stieß Ron hervor. Harry zog eine Augenbraue hoch. In Zeiten wie diesen brach sein Innerer Slytherin durch, und er konnte es nicht lassen, Ron ein wenig aufzuziehen.

"Ich spreche noch nicht Bandwurm, Ron- könntest du das für Normalsterbliche wiederholen?" Ron warf ihm einen gespielt bösen Blick zu.

"Idiot! Ich will eine Party für Hermine organisieren- wir haben ihren Geburtstag hier noch nie gefeiert, aber der Siebzehnte sollte doch eine Ausnahme sein. Wir können den Aufenthaltsraum dekorieren, und abends eine Überraschungsparty feiern. Fred und George könnten ein paar neue Tricks beisteuern, und… na ja, Butterbier und so sollte es schon auch geben."

Harry war überrascht. "Sag mal, wie lange hast du denn schon darüber nachgedacht, so eine Party zu machen, Ron?" Ron wurde rot und murmelte wieder etwas Unverständliches.

"Ron- wie lange?" fragte Harry entnervt.

"Na ja… seit deinem Geburtstag, Kumpel. Hermine hat mir da gesagt, wie schade sie es findet, dass sie seit ihrem elften Geburtstag nicht mehr richtig gefeiert hat, und da…" Harry schlug ihm aufmunternd auf die Schulter.

"Ist eine grandiose Idee. Ich weiß auch schon, an wen wir uns wegen des Butterbiers und so wenden… und wir können natürlich meinen Tarnumhang nehmen, um die Sachen zu verstecken. Jetzt muss ich nur noch ein Geschenk für Hermine finden..." Ron stieß erleichtert den angehaltenen Atem aus.

"Du machst mit? Klasse." Harry grinste.

"Es geht um meine beste Freundin. Klar mach ich mit!" Ron grinste zurück.

"Und was schenkst du ihr?" Harry zuckte die Schultern.

"Keine Ahnung. Du?" Ron wurde rot.

"Schon ne Ahnung… aber ich muss Fred und George anpumpen," sagte er niedergeschlagen. Harry schüttelte den Kopf.

"Quatsch, Ron- ich hab die ganze Kohle von Sirius bekommen, ich leih dir, was du brauchst," sagte er leichthin, obwohl er beim Gedanken an Sirius schon wieder Magenkrämpfe bekam.

"Nee, lass mal, Harry… ich will nicht noch mehr bei dir in der Kreide stehen," wehrte Ron ab. Harry merkte ihm an, wie sehr er hasste, dass er nicht selbst genug Geld für Hermine hatte.

"Keine Widerrede, Ron. Was soll ich mit dem ganzen Geld? Kann ich  sowieso nicht ausgeben. Sieh's einfach als… Langzeit-Leihe an. Zahl's mir zurück wenn wir beide vierzig sind und mit unseren Familien beim Sonntagspicknick Quidditch spielen, okay?" Etwas in seinem Tonfall oder seinem Ausdruck hatte Ron überzeugt. Vielleicht der vage Schimmer der Hoffnung, dass er es vielleicht schaffen könnte, seinen vierzigsten Geburtstag zu erleben.

"Okay, Kumpel. Aber ich zahl's dir wirklich zurück." Er schüttelte ernst Harrys Hand- und dann fielen sie beide lachend zu Boden.

"Oh Mann, dein Gesicht eben, Harry- du hättest als unser Nachbar durchgehen können, und der ist achtzig!" Ron schüttelte sich vor Lachen.

"Sag nichts- du hast ernster ausgesehen als Dumbledore nach der Geschichte mit dem Basilisken!" gab Harry zurück. Ron war der Erste, der sich wieder in aufrechte Position rollte.

"A propos Dumbledore- wo ist eigentlich dein Feuerblitz?"  Ein Schatten huschte über Harrys Gesicht.

"Entweder, Umbridge hat angeordnet, dass man ihn zerstört oder er ist irgendwo bei Dumbledore oder McGonagall. Als ich ihn gerufen habe kam stattdessen ein Schulbesen." Ron gaffte seinen Freund erschrocken an.

"Zerstört? Einen perfekten Feuerblitz?" Harry versuchte ein schiefes Grinsen.

"Es ist Umbridge, was denkst du denn- die Frau ist so krank, dass sie uns Sätze mit unserem eigenen Blut schreiben lässt!" Ron schüttelte sich noch mehr.

"Schon- aber ein perfekter Feuerblitz! Wer weiß, was diese Sicherheitstrolle mit ihm angestellt haben!" Harry fühlte sich, um ehrlich zu sein, auch nicht viel besser als sein Freund. Der Besen war eines seiner wenigen Erinnerungsstücke an Sirius, und auch wenn er jetzt den Schwarzen Schatten, Sirius' Triumph Bonneville(1), hatte, nichts konnte ihm das Gefühl absoluter Freiheit vermitteln wie ein Flug auf dem besten Rennbesen der Welt.

"Ganz sicher ist er in Ordnung," sagte Harry und versuchte, daran zu glauben.

"Wenn du meinst... was hast du eigentlich jetzt vor?" Harry hatte Ron den Rücken zugedreht und seinen Pullover über den Kopf gezogen.

"Ich war gerade bei Dumbledore, musste... üben." Ron nickte wissend. Eine Okklumentik-Stunde. "Und... na ja, ich glaube, ich brauch ein bisschen Zeit, und deswegen gehe ich eine Runde laufen."

"Eine Runde laufen? So wie die Vertrauensschüler? Du patroullierst?" Ron staunte. Harry war doch immer wieder für eine Überraschung gut.

"Nein, du Dummkopf! Ich renne um den See- ich schaffe gerade keine Zauberei mehr, das hab ich den ganzen Nachmittag über schon versucht, aber nach Muggelart zu rennen macht den Kopf genauso klar."

"Darum warst du also nicht beim Mittagessen... warte mal, Kopf klar? Ich hab eine bessere Idee- komm mit, Kumpel!" Bevor Harry Einspruch erheben konnte hatte Ron ihn schon am Ärmel gepackt und zum Porträtloch gezogen.

"Ron, was- was soll das?" Ron grinste.

"Wir gehen zu McGonagall!" Harry blinzelte.

"Und was soll das helfen?" Ron schüttelte ihn.

"Harry, denk nach. Klarer Kopf, McGonagall... na?" Harry ließ sich weiter mitziehen, hatte aber immer noch keine Ahnung, was Ron von ihm wollte.

"Mann, wir holen deinen Feuerblitz zurück, und dann spielen wir beide ein bisschen Quidditch! Du darfst zwar noch nicht deine üblichen Stunts durchziehen, aber als Jäger kannst du ja wohl ein bisschen gegen mich spielen, oder?" Harry schluckte. Ron war doch eben noch ein nervöses Wrack wegen Hermines Geburtstag gewesen, und nun? Man konnte sich wirklich keinen besseren Freund wünschen.

"Danke, Kumpel," sagte er mit erstickter Stimme.

"Quatsch- ich brauch meinen besten Sucher in Topform wenn die Saison beginnt!" Ron klopfte resolut an die Bürotür ihrer Hauslehrerin, bis Harry und er hineingebeten wurden.

"Potter, Weasley, was wollen Sie?" Professor McGonagall war nicht besonders guter Laune. Die diesjährigen Erstklässler von Gryffindor waren überwiegend muggelgeboren, und das bedeutete, dass das Korrigieren ihrer Aufsätze langsame und mühsame Arbeit (slow and tedious- bitte Hilfe, Betas! Ich weiß nicht, ob ich es auf deutsch richtig ausgedrückt habe!). Sie wussten einfach noch zu wenig über Theorie der Magie, und obwohl Adalbert Wafflings Buch auf der Leseliste stand wurde es doch in keinem Kurs jemals erwähnt, und daher auch von fast keinem Schüler gelesen. Hermine Granger war die Letzte gewesen, die es sich zu Gemüte geführt hatte...

"Es geht um Harrys Besen, Professor," sagte Ron. Harry stand nur daneben, die grünen Augen auf den Boden gerichtet. "Wir hätten ihn gerne zurück..." Er ließ den Satz ausklingen. Professor McGonagall schob seufzend ihre Brille auf ihrer Nase nach oben.

"Dann hätten Sie einfach nur zu Madam Hooch gehen müssen. Sie hat Potters Feuerblitz unten aus den Kerkern geholt und wieder in Ordnung gebracht. Anscheinend hat die feuchte Luft den Zweigen nicht besonders gut getan." Ihr Blick wurde sanfter- Quidditch und ihre Quidditchmannschaft waren ihr Schwachpunkt. Selbst Severus Snape hatte einsehen müssen, dass er nicht zwischen Minerva McGonagall und ihrer Hausmannschaft stehen konnte, als sie Potter in das Team geholt hatte.

"Madam Hooch hat den Feuerblitz?" Harrys Stimme klang heiser und müde, aber er hatte den Kopf endlich erhoben. "Danke, Professor McGonagall."

"Potter- ich muss morgen mit Ihnen sprechen. Kommen Sie nach Ihrem Verteidigungskurs in mein Büro." Harry nickte.

"Gut Professor. Danke für Ihre Hilfe."

"Ja, danke, Professor," echote Ron und zog Harry mit sich. Professor McGonagall war wieder allein mit ihren Aufsätzen.

Harrys Besen ging es besser als gut. Madam Hooch hatte mit ihren gelben Augen gefunkelt, als sie Umbridges unverzeihliches Verbrechen gegen den besten Rennbesen der Welt geschildert hatte- man hätte meinen können, jemand hätte eines ihrer Kinder entführt und misshandelt!

Harry schnappte sich nur den Feuerblitz und murmelte ein abwesendes "Danke!" bevor er endlich, endlich, nach viel zu langer Zeit seine Flügel ausstreckte und die Luft über dem Quidditchfeld in Besitz nahm. Er ignorierte die Stiche in seinem Bein und seiner Schulter, obwohl er wusste, dass er dafür später mit einem Muskelkater, der dicker als Hermines Krummbein war, bezahlen müssen würde. Im Augenblick gab es nur ihn und den Himmel, die Luftströmungen, die ihn höher trugen, den Wind, der gegen seine Brille peitschte und in seinen Ohren sang. Er war... er war frei. Er war Harry, nicht Harry Potter, nicht der Berühmte Harry Potter und schon gar nicht die Gallionsfigur Der Junge, der Überlebte. Er war nur Harry.

"Hey, spielst du mit?" Ron warf ihm einen roten Quaffel zu, der an den Ecken schon leicht abgewetzt war, wo ihn die Jäger immer anfassten. Einer der Übungsbälle...

"Klar!" Und das Spiel nahm in gefangen, wie immer, wenn er nur das Wort 'Quidditch' hörte. Er schaffte es trotzdem nicht, mehr als drei Torde zu schießen, denn Ron hatte im Sommer geübt, bevor er zum Grimmauldplatz gekommen war.

Verschwitzt und müde, aber so zufrieden und erleichtert wie seit mehr als einem Monat nicht mehr kehrten Ron und Harry in ihren Gemeinschaftsraum zurück, wo Hermine es auf sich nahm, den neuen Kapitän der Quidditchmannschaft daran zu erinnern, dass er seinen Sucher eigentlich vor so verrückten Maneuvern, wie er geflogen hatte, hatte bewahren sollen. Harry bekam den Kopf als nächstes gewaschen, aber bevor einer der beiden linkisch grinsenden, vollkommen erschöpften jungen Männer etwas zu ihrer Verteidigung sagen konnte, warf ihre beste Freundin die Hände in die Luft und kapitulierte.

"So lange ihr wenigstens Spaß hattet..." grummelte sie, aber ihre Augen lächelten dabei. Ron schien das bemerkt zu haben, denn erst nach einem Stoß von Harry- "Duschen, Ron!"- bewegte er sich und löste den Blick von Hermine.

"Bis dann, Hermine," sagte Ron benommen. Harry rollte die Augen und zwinkerte Ginny zu, die, statt über ihrem Zaubertränkeaufsatz zu brüten, lieber die drei Freunde beobachtet hatte.

Der Abend verging mit ihren Hausaufgaben viel zu schnell- weder Ron noch Harry konnten sich richtig konzentrieren, da beide in Gedanken noch auf ihren Besen waren. Hermine gab nach einer Weile ebenfalls auf, sich etwas vorzumachen und die drei begannen ein kleines Schachturnier mit einem von Harrys neuen Spielen- Rons wurde als zu parteiisch eingestuft. Neville, der sich mit einem sehr komplizierten neuen Züchtungsverfahren für Kräuterkunde beschäftigt hatte ließ seine Bücher links liegen und nahm auch teil, und zu Harrys großer Überraschung schaffte er es, sie alle- außer Ron natürlich- gründlich zu schlagen. Hermine gratulierte ihm mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht, und Harry, den alle geschlagen hatten fragte, ob Neville ihm vielleicht ein paar Tips geben konnte.

"Klar- ich hab Schachspielen von meinem Onkel Algie gelernt als ich noch klein war," meinte Neville, "aber ich bin nie über die ersten paar Eröffnungszüge und Strategien herausgekommen. Wo hast du es eigentlich gelernt, Ron?" Ron plusterte sich stolz auf.

"Hab's mir selbst beigebracht," sagte er, "hab nur ein Buch mit den ganz normalen Zügen gehabt... aber irgendwie hat es mir Spaß gemacht, und ich hab mir immer neue Strategien und Züge ausgedacht und gegen mich selbst gespielt."

"Deswegen habe ich keinen einzigen Zug wiedererkannt- du bist ein Genie, Ron!" Hermine schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. "Und ich hab natürlich meine Eröffnung vermasselt, und Neville hat das gemerkt und..."

"Kann mir jemand mal erklären, was ihr da redet?" fragte Harry, der von Schach außer dem Bewegen der Figuren eigentlich nichts verstand, weil er es nie erklärt bekommen hatte.

"Ganz einfach- im Schach gibt es eine Menge Strategien der großen Meister, die die meisten guten Schachspieler irgendwie imitieren. Es gibt ein paar klassische erste Züge- Eröffnungen- und klassische Antworten auf bestimmte Situationen... und Ron ist so besonders weil er keine einzige dieser Strategien je aus einem Buch gelernt hat sondern sich alles selbst ausgedacht und beigebracht hat." Harry nickte.

"Und diese Strategien sind irgendwo aufgeschrieben und man lernt sie auswendig?" fragte er.

"Genau. Oder man bekommt sie gezeigt," meinte Neville.

"Klasse- dann bin ich irgendwann mal nicht mehr ganz so hoffnungslos, weil ich verstehe, was der Andere spielt!" Harry fühlte sich schon besser. Kein Wunder, dass er immer verlor- einer seiner Freunde war ein Schachgenie und die beiden anderen hatten das Spiel richtig gelernt.

"Yup," sagte Neville und gähnte herzhaft. "Also, ich weiß nicht wie's euch  geht, aber ich bin fertig. Hab morgen als Erstes Zauberkunst... und wir machen bestimmt noch weiter mit diesen Stimmveränderungszaubern. Die sind selbst mit meinem neuen Zauberstab eine Plage!"

"Neuer Zauberstab? Ach, stimmt, deiner ist ja im... Ministerium zerbrochen!" Hermine beugte sich interessiert zu Neville hinüber. "Was ist es denn für einer?"

Neville zog einen Zauberstab, der eindeutig heller als sein letzter war, aus dem Gürtel. "Zehn Zoll, Eiche und Einhornhaar, beschützend und verlässlich," sagte er fröhlich. "Ollivander hat gemeint, dass er besonders gut zur Abwehr der Dunkelheit geeignet ist."

"Das können wir gut gebrauchen, nicht, Harry?" Ron klopfte Neville auf die Schulter. "Du-weißt-schon-wer kann sich warm anziehen- er hat es mit uns zu tun!" Harry spürte, wie sich ihm die Kehle zusammenschnürte. Nein! Seine Freunde durften sich nicht in Gefahr begeben!

"Ron! Das... das ist kindisch! Voldemort hat keine Angst vor ein paar Kindern! Aber es ist toll, dass du einen neuen Zauberstab hast, Neville- ich hab schon gemerkt, dass du damit viel besser zauberst. Vor allem in Verteidigung sind deine Zauber viel stärker." Hermine, immer die Stimme der Vernunft, schnitt eine selbstsüchtige und unvernünfttige Grimasse. Sie war schließlich meistens diejenige, die diese Zauber abbekam.

"Danke, Hermine," sagte Neville grinsend und stand auf. "Tut mir Leid in Verteidigung, weißt du ja. Nacht, Leute!"

Harry wartete geduldig, bis auch der Letzte der Fünftklässler, die unter der Last ihrer ZAG-Vorbereitungen schwitzten, den Gemeinschaftsraum verlassen hatte. Ron und Hermine hatten sich bereits eine ganze Stunde früher entschuldigt. Er wusste, dass er nach einem solchen Tag keine Ruhe finden würde, aber er versuchte vorsichtshalber doch, mit Hilfe von Tante Petunias Übung einen klaren Kopf für die Nacht zu bekommen bevor er ein neues Buch aus der Bibliothek unter einem Kissen des Sofas am Feuer, das sein Stammplatz geworden war, hervorzog. Es behandelte die Unverzeihlichen Flüche, und Harry hoffte, zu verstehen, wie der Todesfluch arbeitete, damit er einen neuen Zauber bauen konnte, der selbst Voldemort auslöschen konnte.

Die Nacht verging langsam. Irgendwann- Harry vermutete, dass es in diesen Stunden vor der Morgendämmerung war,  in denen die Nacht stets am dunkelsten und kältesten war- kam ein Hauself vorbei, der das erlöschende Kaminfeuer neu schürte. Harry beobachtete die kleine Kreatur schweigend, sah, wie sie von Kamin zu Kamin huschte, sich in die Schlafsäle der Schüler schnippte und mit einem Berg schmutziger Kleidung zurückkam, wie er die Kissen in den gemütlichen Armsesseln aufschüttelte und den Koboldstein, den einer der neuen Erstklässler verloren hatte, aufhob und auf den nächsten Tisch legte.

Als der Hauself zu seinem Sessel kam, richtete er sich auf. "Hallo," sagte Harry.

Der Hauself quiekte erschreckt und verbeugte sich so tief, dass seine Nase den Boden berührte. "Es tut Drusty Leid, Sir. Drusty wollte Sir nicht stören, Sir!" wiederholte er, während er versuchte, seine Nase in den Boden zu rammen. Zum ersten Mal verspürte Harry einen Anflug von B.Elfe.R-Ei(fer). Hermine hatte Recht- diese Servilität, angeboren und unauslöschlich mit dem Charakter eines Hauselfen verbunden, war unwürdig.

"Ist schon gut, Drusty- Sie haben mich nicht gestört. Es tut mir Leid, dass ich Sie in ihrer Arbeit unterbrochen habe." Harry wischte sich müde mit der Hand über die Stirn.Er hatte während des Lesens versucht, seine Haare wachsen oder schrumpfen zu lassen, aber bis auf dass sie sich noch verstrubbelter anfühlten als sonst hatte er keinen Erfolg gehabt. Das wieder angefachte Feuer spiegelte sich durch seine Geste jedoch auf der Narbe, die in einem fahlen Rot pochte- Voldemort und seine Todesser waren wieder unterwegs. Manchmal kam sich Harry vor wie ein portabler Voldemort-Detektor, eine Art Geigerzähler für Dunkle Aktivitäten.

"Oh, es ist Harry Potter! Drusty hat Harry Potter getroffen!Harry Potter Sir ist noch wach!" Drustys tennisballgroße Augen wurden noch weiter, "Drusty muss Tinsy Bescheid sagen! Tinsy will nicht, dass Harry Potter Sir denkt, sie kümmert sich nicht um ihn!"

"A...Aber... sie tut das doch! Sie bringt mir jeden Morgen meine Kleider, und ansonsten hilft sie euch!" Harry nickte dem kleinen Hauselfen in dem ordentlichen Kissenüberzug zu.

"Aber Harry Potter Sir muss sich ausruhen. Tinsy hat alle Hauselfen gebeten, ein Auge auf Harry Potter Sir zu haben und-" Harry fuhr dem eifrig hin und herrasenden Hauselfen über den Mund, bevor dieser in seiner Tirade fortfahren konnte. Drusty versuchte, ihm zu erklären, was Tinsy tat während er gleichzeitig weiter den Gemeinschaftsraum aufräumte- wenigstens war Dobby nicht mehr der Einzige, der sich in den Gryffindor-Turm wagte, seit keine Hauselfenmützen mehr herumlagen.

"Drusty, nennen Sie mich nicht Harry Potter Sir. Harry reicht. Und Tinsy sorgt sehr gut für mich. Sie muss sich keine Sorgen um mich machen, sagen Sie ihr das." Drustys Augen wurden wieder groß, und dicke Krokodilstränen kullerten ihm über die Wangen.

"Harry Potter Sir ist ein so großer Zauberer wie Dobby und Tinsy sagen! Harry Potter Sir ist zu freundlich zu Drusty- Drusty muss Harry Potter Sir dienen!" Wieder und wieder verbeugte sich der Hauself, bis Harry ihn schließlich aus Verzweiflung am Kragen seines sauberen Kissenüberzugs packte und davon abhielt.

"Drusty, Sie müssen mir nicht dienen. Niemand muss mir dienen, auch Tinsy nicht. Ich hab ihr schon mehr als einmal angeboten, ihr die Freiheit zu schenken. Sie haben diese Wahl auch- Professor Dumbledore würde euch Hauselfen sicher nicht zurückhalten, wenn ihr lieber woanders als in Hogwarts leben wollt." Harry hatte sich noch nie so sehr wie Hermine gefühlt, nicht einmal, während er wie ein Verrückter gelernt hatte. Das hatte er, im Gegensatz zu ihr, nicht gemacht, weil es ihm Spaß machte sondern weil er seine Mitmenschen vor sich selbst beschützen musste.

"Tinsy hat gesagt, dass Harry Potter Sir sie manchmal noch beleidigt. Drusty ist nicht beleidigt, Harry Potter Sir, weil er weiß, dass Harry Potter Sir es nicht so meint. Harry Potter Sir ist ein großer Zauberer, und Drusty ist ein guter Hauself. Drusty würde nie daran denken, seinen Schwur zu brechen. Drusty würde nie so tief sinken. Er will Harry Potter Sir helfen." Harry schüttelte den Kopf.

"Das bezweifelt ja niemand, Drusty, aber sind Sie sich sicher, dass...?" Der Hauself gab ein verschrecktes, ängstliches Quieken von sich.

"Drusty hat Harry Potter Sir doch schon erklärt. Drusty will nicht weggehen, Harry Potter Sir. Er hofft, dass Meister Albus Dumbledore ihn nicht wegschicken wird. Kann Drusty Harry Potter Sir nicht etwas bringen?" Harry gab es auf und setzte den kleinen Elfen wieder ab.

"Ein Becher heiße Schokolade wäre schön, Drusty," sagte er müde. Voldemort hatte Dementoren um sich, während er in dieser Nacht auf Muggeljagd war. Die Verbindung zwischen ihm und dem Anführer der Todesser war stärker denn je; Harry fühlte diese Dunklen Kreaturen als befänden sie sich im Schloß. Die Kälte, die von ihnen ausging, drang ihm bis in die Knochen. Ohne seine Okklumentik-Schilde, da war er sich sicher, würden die Dementoren ausreichen, um ihn ohnmächtig werden zu lassen und wieder in Voldemorts Gewalt zu bringen.

"Drusty wird Tinsy in der Küche Bescheid sagen, Harry Potter Sir," quietschte Drusty, plötzlich wieder voller Energie und fröhlicher Bereitschaft, Harry zu helfen.

"Nein, Sie müssen doch nicht auch noch Tinsy aufwecken!" protestierte Harry, aber Drusty wich schon wieder misstrauisch von ihm zurück.

"Tinsy ist eine gute Hauselfe, Harry Potter Sir. Alle guten Hauselfen sind schon wach um vier Uhr morgens, Harry Potter Sir!" Drusty verbeugte sich "Drusty geht jetzt Tinsy Bescheid sagen, dass Harry Potter Sir..."

"Meis... Harry braucht Tinsy?" Ein Knacken signalisierte die Ankunft seiner eigenen Hauselfe. Harry hielt nur mit Mühe ein Stöhnen zurück- jetzt würde er wieder eine Gardinenpredigt, die Molly Weasley alle Ehre machen würde, zu hören bekommen. Aber seltsamerweise schwieg seine Elfe nach ihrer ersten Frage. Harry hob hoffnungsvoll den in den Händen vergrabenen Kopf.

"Ich wollte eigentlich nur einen Becher heiße Schokolade," sagte er leise. Tinsy nickte, ihre langen Finger mit den knubbeligen Gelenken lagen auf seinem Knie.

"Tinsy versteht. Hauselfen wissen, was in der Nacht geschieht, und Tinsy hört zu, was Meister Dumbledore sagt. Mei... Harry bekommt seine Schokolade. Soll Tinsy das Feuer wärmer machen?" Harry schauderte, als der Einfluß der Dementoren stärker wurde und er weit entfernt die Rufe seiner Mutter hören konnte.

"Das wäre nett. Danke, Tinsy, danke, Drusty." Drusty quiekte begeistert und beteuerte noch einmal, dass er Harry dienen würde bevor er mit einem Fingerschnippen und einem lauten Plopp verschwand, Tinsy hinterher.

"Na dann, Tom..." seufzte Harry und legte sein Buch beiseite. Voldemort hatte gerade seinen Spaß, er konnte sich nicht mehr konzentrieren und versuchte stattdessen, seine Okklumentik-Schilde zu verstärken und seine Haarlänge zu verändern. Tinsy drückte ihm bald einen dampfenden Becher heißer (sehr heißer) Schokolade in die Hände und beobachtete ihn noch eine Weile, während sie hier und da im Gemeinschaftsraum die Lage der Kissen auf den Sesseln veränderte. Schließlich aber wünschte sie ihm eine Gute Nacht, bat ihn, ein wenig zu schlafen und ploppte zurück in die Küche. 

Harry wartete noch bis zum Sonnenaufgang, bevor er seine Runde um den See drehte und sich dann bis zum Frühstück im Raum der Erfordernis verkroch. Er hatte Pergament und eine Feder dabei, denn er hatte noch ein paar Nachrichten zu schreiben, wenn Hermines Geburtstagsparty ein voller Erfolg werden sollte.

Bis er die richtigen Worte gefunden hatte und sie so ordentlich wie nur möglich zu Papier gebracht hatte war das Schloß erwacht. Harry traf sich mit seinen Freunden beim Frühstück. Ginny zwinkerte ihm verschwörerisch zu, während Luna noch abwesender wirkte als sonst und kaum von ihrer Schüssel auf dem Ravenclaw-Tisch aufsah. Neville hatte sich an diesem Tag zu ihr gesellt, aber sie achtete kaum auf das, was er sagte. Ron und Hermine waren ausnahmsweise einmal nicht in eines ihrer Argumente verstrickt und bearbeiteten ihn stattdessen mit Vorschlägen für die DA und Quidditchtraining. Harry hörte mit einem halben Ohr zu, er war in Gedanken schon bei seinem Wochenende und Hermines Geburtstag. Die Briefe, die er geschickt hatte, sollten eigentlich genug sein, um sicherzustellen, dass seine beste Freundin die Party des Jahrhunderts feiern konnte. Wer schließlich war ein besserer Organisator als Rons Zwillingsbrüder Fred und George in ihrer Rolle als Gred und Forge? Und wem konnte man die Beschaffung seltener Güter wohl besser anvertrauen als Mundungus Fletcher, vor allem wenn man dessen Handflächen noch mit ein wenig Gold schmierte?

Harrys mysteriöses Grinsen zog natürlich die Aufmerksamkeit seiner Freunde und Ginnys auf sich, aber er schaffte es, alle Fragen abzuwehren, indem er einfach nur seinen Gedächtnisstein gut sichtbar in der Faust hielt. Die Wärme aus dem glitzernden Juwel beruhigte ihn und linderte das Pochen seiner Narbe, das nach Voldemorts Nachtwerk wie immer stärker geworden war. Seltsamerweise fühlte er sich nicht schuldig, die Erinnerung an Sirius so zu gebrauchen. Es war wahrscheinlich, was sein Pate für ihn gewollt hatte- ein sorgenfreies Leben, das sich nur auf den nächsten Streich konzentrierte. Ein Leben, wie es die Herumtreiber gehabt hatten, bevor sie in ihrem Sechsten und Siebten Jahr die kalte Grausamkeit des Ersten Krieges mit Voldemort eingeholt hatte.

In Verwandlung gab Professor McGonagall ihnen die Aufgabe, ihre Fingernägel in Krallen zu verwandeln. Hermine hatte sich sofort mit einem protestierenden Ron zusammengetan. Harry hatte in Neville einen Partner gefunden.

Seltsamerweise war er kein bisschen nervös, als Nevilles Eichenzauberstab auf seine Hände gerichtet wurde. Mit seinem neuen Zauberstab und dem Selbstvertrauen, das der immer noch unbeholfene aber nicht mehr tapsige junge Mann entwickelt hatte hatte sich auch seine schulische Leistung enorm gesteigert. Harry beobachtete, wie einer seiner Fingernägel ein wenig dunkler und länger wurde, nachdem Neville seinen Zauberspruch gesagt hatte.

"Du bist dran, Harry- ich glaub, ich muss noch einmal die Bewegung üben bevor ich versuche, das zurückzuverwandeln... also, hier sind meine Fingernägel!" Er streckte Harry seine linke Hand hin. Dieser nickte nur und schwenkte seinen Zauberstab über Nevilles Fingern, während er sich auf die Verdichtung des Gewebes, die scharfen Spitzen, die crèmeweiße Farbe an der Basis, die vorne zu schwarz wurde, konzentrierte. Noch während er den Zauber sprach wusste er, dass er anscheinend sein Talent in Verwandlung gefunden hatte.

Mit einem leisen Schnalzen verwandelte sich jeder einzelne der fünf Fingernägel an Nevilles Hand in die tödlich scharfen Krallen eines Falken. "Ummm... oops?" sagte Harry. Sie hätten nur einen Nagel verwandeln sollen.

"Ich mach es wieder rückgängig," versprach er. Professor McGonagall hatte Nevilles erstauntes Luftholen ebenfalls bemerkt und spähte nun zu den beiden Jungen hinüber.

"Lieber schnell, Harry- ich glaube, Professor McGonagall ist bisher nicht allzu beeindruckt mit ihrer Klasse." Tatsächlich hatte etwa die Hälfte der Verwandlungsschüler entweder gar kein Resultat bekommen oder ein so verfälschtes, dass Diana Moon dank Blaise Zabinis falscher Zauberformel kleine, schnappende Münder aus den Fingerspitzen wuchsen und Nott dank Malfoy Schlangen anstelle von Fingern hatte.

"Potter, Longbottom, was ist das Problem?" Harry schluckte. Er war nicht schnell genug gewesen, hatte zu lange angesehen, was seine Klassenkameraden angestellt hatten.

"Ich... ich habe alle von Nevilles Nägeln verwandelt und nicht nur einen," sagte er. Es hatte keinen Sinn zu versuchen, McGonagall zu belügen. Ähnlich wie Snape hatte sie da einen sechsten Sinn.

"Und nun können Sie sie nicht wieder zurückverwandeln?" fragte sie. Harry schüttelte den Kopf.

"Nein, Professor, der Zauber hat richtig gewirkt... ich wollte aber eigentlich nur einen Nagel verwandeln und nicht alle, weil Sie gesagt haben, dass wir das noch nicht versuchen sollen. Aber irgendwie..."

"Potter, Sie plappern. Verwandeln Sie Longbottoms Hand zurück und nehmen Sie zehn Punkte für Gryffindor. Sie haben ein echtes Talent mit menschlicher Verwandlung, wie es scheint. Selten schafft jemand es, alle fünf Nägel bei seinem ersten Versuch zu verwandeln. Das war doch Ihr erster Versuch oder, Potter?" Harry nickte. "Gut. Lassen Sie Longbottom den Rest der Stunde über üben. Und vergessen Sie nicht, ich will Sie heute mittag noch sprechen."

"Entschuldige nochmal, Neville," meinte Harry und schwenkte seinen Zauberstab zum zweiten Mal, "das war wirklich keine Absicht."

"Macht nichts, Harry- kann ich nochmal versuchen? Und währenddessen kannst du mir ja sagen, was McGonagall mit dir besprechen will." Neville stupste Harrys schon veränderten Fingernagel mit seinem Zauberstab an, was ihn aber nur vollkommen schwarz färbte.

"Wenn ich das wüsste... oi, das war unfair! Ich hab dich nicht mit Funken traktiert!" Neville entschuldigte sich.

"Ich schaffe das nicht- dieser Zauber ist verflixt schwer. Hast du einen Tip für mich?" Harry zuckte die Schultern.

"Weiß auch nicht, warum es bei mir klappt, aber selbst Hermine hat nur einen von Rons Nägeln verwandelt." Neville runzelte die Stirn.

"McGonagall hat etwas von Talent gesagt. Vielleicht ist es das." Harry hielt sein Gesicht mit Absicht ausdruckslos. Dumbledore hatte behauptet, dass ihm manche Zauber leichter fallen würden, weil er nun besser mit der Zauberkraft in ihm verbunden war und sie damit, mit der Zeit natürlich, auch besser verstehen konnte. Und Tonks meinte, dass Metamorphmagi oft ein Talent für menschliche Verwandlung besaßen.

Aber das hieße, dass ich glaube, dass ich ein Metamorphmagus bin, und das tue ich nicht,< protestierte er gegen seine eigenen Feststellungen.

"Ouch!" Neville hatte eine Kralle aus seinem Fingernagel gezaubert- nur, dass das scharfe Ende in Harrys Fingerkuppe stach. Er sehnte das Ende dieser Stunde herbei.

Verteidigung gegen die Dunklen Künste beinhaltete eine üble Überraschung für Marina Stevenson. Die Einheit über Lähmflüche, die die letzten anderthalb Wochen in Anspruch genommen hatte, war mit der letzten Stunde abgeschlossen gewesen und Stevenson leitete zum nächsten Thema über- den verschiedenen Schneidezaubern und –flüchen und welche Schilde gegen sie wirkten. Da es allesamt sehr starke und mächtige Zauber waren wirkte Protego nur bedingt, gegen manche gar nicht und bei anderen brauchte man einen bestimmten Gegenfluch, den man mit dem Schild verschmelzen konnte, damit es hielt. Was sie nicht wissen konnte war, dass Harry nach seinem Sommer zu einem Experten auf diesem Gebiet geworden war, der selbst die exotischsten dieser grauen Zauber gelernt hatte, damit er nie wieder so zugerichtet werden konnte wie Lucius Malfoy es getan hatte.

Er war wieder einmal als Demonstrationsobjekt auserkoren worden. Stevenson hatte ihm einen Zaubertrank gegeben der die Schnitte in blaue Flecken umwandelte, sollten sie ihn treffen. Sie wollte schließlich nicht wegen mutwilliger und vorsätzlicher Tötung nach Askaban wandern. Da Harry ihre Erlaubnis hatte, jeden Schild, den er kannte, einzusetzen wuchs ihre Frustration jedoch rasch.

Von Diffindo bis zum besonders aggressiven und gefährlichen Rostigen Messerfluch Culter aeruginosus schmetterte Harry jede ihrer Attacken zurück. Von Zeit zu Zeit benutzte er einen sehr aufwendigen Schild, den er durch Zufall in einem der uralten Bücher, aus denen er zauberstablose Zauberei zu lernen versuchte, gestolpert war und der wie ein Spiegel jeden Fluch reflektierte, der auf ihn traf. Allerdings beanspruchte er den, der ihn einsetzte nicht nur mit der Energie, die in seine Erzeugung wanderte sondern auch noch mit der Energie, die der reflektierte Fluch kostete. Außerdem wirkte er nur gegen Flüche, gegen Zauber war er wirkungslos.

Es dauerte zehn Minuten, bis beide Kontrahenten ihr Repertoire erschöpft hatten. Sowohl Stevenson als auch Harry atmeten schwer, aber keiner der beiden ließ sich etwas anmerken. Die Klasse hatte den Versuch, dem Geschehen zu folgen schon lange aufgegeben und staunte mit offenem Mund, wie Stevenson Fluch nach Fluch aus dem Ärmel schüttelte. Dass ihr Klassenkamerad ihr Paroli bieten konnte war unglaublich.

"Weißt du was- ich bin froh, dass er uns in der DA unterrichtet. Und dass ich auf seiner Seite bin," murmelte Diana Moon in die Stille hinein. Neville, der neben ihr stand und Harrys Vielseitigkeit zu fassen versuchte, nickte.

"Irgendwie hat er sich seit diesem Sommer verändert. Ich frage mich, was mit ihm passiert ist..." Zabini warf ihm einen scharfen Blick zu. Potter und seine Freunde hatten nichts erwähnt? Nun, in Slytherin war es allgemein bekannt, dass der Junge, der Überlebte dem Dunklen Lord wieder einmal ein Schnippchen geschlagen hatte und dem sicheren Tod mit der Hilfe einer Hauselfe entkommen war. Draco Malfoy ließ schließlich keinen Tag verstreichen, an dem er nicht beschrieb, wie Potter unter den Flüchen seines Vaters geweint hatte wie ein kleines Mädchen. Wenn Blaise sich Potter allerdings so ansah war das schwer zu glauben...

"Du weißt etwas?" Longbottom hatte seinen Gesichtsausdruck wohl richtig gedeutet.

"Ich glaube nicht, dass Potter will, dass jeder das weiß... wir Slytherins wissen es dank Malfoy. Potter ist Ihm-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf im Sommer wieder einmal knapp entkommen." Neville nickte.

"Ich dachte mir schon so etwas. Er hinkt, wenn er müde wird, und er hasst es, wenn man einen Zauberstab auf ihn richtet." Zabini zog die Augenbrauen hoch. Wie ganz Hogwarts unterschätzte er Longbottoms Beobachtungsgabe.

"Dann weißt du es jetzt," meinte Moon bevor sie gemeinsam mit Zabini begann, den einfachsten aller Schneideflüche, Diffindo, zu üben. Neville und Ron wurden als Übungspaar von Professor Stevenson zusammengestellt, und Neville hörte auf, sich Gedanken um seinen Klassenkameraden zu machen. Harry würde ihnen zu gegebener Zeit schon etwas sagen, wenn er das wollte.

Hermine und Harry, die beide Diffindo schon beherrschten übten die Stunde über den einfachsten Messerfluch, Culter(2). Professor Stevenson hatte ihnen beiden sogar Punkte gegeben, weil sie so fortgeschritten waren. "Vielleicht besteht doch Hoffnung für Sie, Potter," hatte sie gemurmelt. Zum ersten Mal war ihre Bitterkeit von ihr abgefallen und Harry hatte die blanke Angst unter einer dünnen Decke der Hoffnung gesehen. Er erinnerte sich wieder daran, dass sie eine alte Freundin Dumbledores war und dass sie Grindelwalds Terror miterlebt hatte. Vielleicht hatte er ihr Unrecht getan und sie war genauso ein Opfer des Schicksals wie er selbst...?

Bevor er jedoch Mitleid mit ihr bekommen konnte hatte Professor Stevenson ihm schon wieder Punkte dafür abgezogen, dass sich sein Zauberstab im Ärmel seiner Roben verfangen hatte, als er versucht hatte, Hermines Zauber zu blocken und seine Sympathie verflog.

>Aber sie hat Recht. Wenn das jetzt nicht Hermine sondern ein Todesser gewesen wäre und wenn du und die anderen nicht diesen Zaubertrank getrunken hättest...< Er rechtfertigte sich damit, dass ihm so etwas in einer ernsten Situation nie passiert wäre, doch der Zweifel ließ ihn nicht los.

Am Ende der Stunde entschuldigte er sich bei seinen Freunden und suchte Professor McGonagalls Büro auf. Seine Hauslehrerin erwartete ihn schon und bat ihn mit ernstem Blick herein. Harry wunderte sich, was er nun schon wieder angestellt hatte.

"Nichts, Mr. Potter, seien Sie beruhigt," meinte Professor McGonagall. Harry wurde rot, als ihm bewusst wurde, dass er seine Gedanken laut ausgesprochen hatte.

"Warum bin ich dann hier, Professor?" fragte er keck. Sein Umgang mit Professor Dumbledore hatte ihn selbstsicherer gemacht. Professor McGonagall runzelte die Stirn, ließ seinen Mangel an Respektsbezeugungen jedoch durchgehen.

"Es geht um Ihre Post, Mr. Potter," sagte die Verwandlungslehrerin mit einem Sefzen. "Bisher haben die Lehrer von Hogwarts sie zum größten Teil abgefangen und durchgesehen, aber nach diesem Sommer ist die Last einfach zu groß geworden. Da Sie nun das Black-Vermögen zusätzlich zu Ihrem Ausbildungsfonds zur Verfügung haben wollten wir Sie bitten, sich zu überlegen, einen Sekretär oder eine Sekretärin mit dieser Aufgabe zu betreuen."

"Meine... Post? Abgefangen? Durchgesehen?" Harry wurde wütend. "Was... warum?" fragte er schließlich, mühsam beherrscht. Niemandem wäre geholfen, wenn er Professor McGonagalls Büro so zurichten würde wie im Sommer Dumbledores.

"Nicht Ihre private Post, die haben wir stets unbesehen durchgehen lassen- Ihre Fanpost, Potter. Sie haben doch nicht ernsthaft gedacht, dass Ihr Geburtstag die einzige Gelegenheit wäre, die Ihre Fans nutzen, um Ihnen zu schreiben? Oh nein, Sie haben inzwischen beinahe einhundert Briefe am Tag... und seit dieser Artikel erschienen ist will die Flut gar nicht mehr abreißen- sehen Sie?" Harry bemerkte nun erst den großen Korb, der unter einem Rohr nahe des Fensters im Büro der stellvertretenden Schulleiterin stand. Aus dem Rohr fielen in diesem Moment drei eng verschnürte Pakete und mindestens zehn Briefe, acht von ihnen mit rosa Umschlägen.

"Aber... seit wann?" fragte er. Professor McGonagall schnaubte.

"Oh, seit Ihrem Sieg über Ihn-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf, Mr. Potter. Einmal mehr, einmal weniger. Aber in den letzten beiden Jahren hat die Zahl dieser... Fans extrem zugenommen." Harry sank in sich zusammen.

"Und warum hat mir nie jemand etwas davon gesagt?" fragte er und klang einen Moment lang so alt und müde, wie er sich fühlte.

"Wir wollten Sie nicht auch noch damit bedrängen, Potter- was hätten Sie denn getan? Jedem Einzelnen geantwortet? Sie hätten sie genauso vernichtet wie wir, nur, dass Sie wahrscheinlich den verschiedensten Flüchen und Fallen, die auf diesen Dingern lasten, zum Opfer gefallen wären- sehen Sie, schon wieder ein Portschlüssel!" Einer der rosa Umschläge im Korb glühte blau auf, als ein Sortierzauber ihn berührte und verging in einem Puff aus Rauch. "Und außerdem wären Sie taub von all den Heulern. Nein, Potter, in diesem Fall hat nicht nur Dumbledore entschieden, es war eine Entscheidung des gesamten Kollegiums."

"Und jetzt soll ich einen Sekretär beschäftigen?" fragte Harry, "und warum werfen Sie nicht einfach weiterhin alle Briefe weg?" Professor McGonagall seufzte müde.

"Ihre Fans lernen, Potter. Sie haben jetzt schon zeitgesteuerte Verfolgungszauber auf ihre Briefe gelegt, die sich aktivieren, wenn sie drei Stunden nach Erhalt nicht geöffnet worden sind. Ich bezweifle, dass Sie gerne von parfümierten rosa Umschlägen durch ganz Hogwarts verfolgt werden." Harry stöhnte.

"Das ist nicht wahr, oder? Warum machen sie mir nicht gleich einen Heiratsantrag?" Der Blick auf dem Gesicht der Professorin verriet ihm alles. "Nein, das kann nicht sein. Das ist nicht wahr. Niemand würde so weit gehen- oder?"

Ein Lächeln erhellten Professor McGonagalls Züge ein wenig. "Scheint, als hätten Sie danebengetippt, Potter. Meist drei oder vier pro Woche- Heiratsanträge, meine ich. Weniger... dauerhafte Angebote bekommen Sie mindestens einmal am Tag. Verstehen Sie jetzt, warum Sie einen Sekretär brauchen? Der letzte Brief dieser Art, den ich nicht geöffnet habe hat mich zwei Stunden lang verfolgt und mir Anzüglichkeiten nachgeworfen!"

Harry wurde rot. "Ich gebe Ihnen eine Vollmacht. Können Sie jemanden für mich einstellen? Das darf ich, soviel ich weiß, ohnehin noch nicht. Ich bin erst sechzehn."

"Als der letzte Erbe der Potters dürfen Sie mit sechzehn über die Angestellten Ihrer Familie entscheiden- Sie bekommen einen Teil Ihrer Rechte früher. Aber wenn Sie möchten, übernehme ich die Suche für Sie. Sie müssen sich schließlich auf Ihren Unterricht konzentrieren, nicht wahr, Mr. Potter?" Harry nickte, dankbar für jeden Ausweg.

"Oh, und noch einmal ein Kompliment für ihre exzellente Leistung heute Morgen. Selbst Miss Granger hat diesen Zauber nicht so schnell gemeistert wie Sie. Es scheint wirklich, als hätten Sie ein Talent für menschliche Verwandlung... vielleicht können wir im nächsten Jahr einmal Ihre Möglichkeiten, ein Animagus zu werden, diskutieren wenn Sie weiterhin so gut arbeiten- aber erst im Siebten Jahr, Potter!" schnappte Professor McGonagall, als sie Harrys hoffnungsvolles und strahlendes Gesicht sah.

"Und jetzt gehen Sie- Sie sollten noch etwas zu Mittag essen bevor Ihr Heilkunst-Kurs beginnt. Madam Pomfrey ist eine sehr fordernde Lehrerin." Harry zuckte die Schultern.

"Im Moment ist alles noch Theorie," sagte er, "wir müssen erst einmal den ganzen Menschen auswendig lernen."

"Dann tun Sie das, Potter," meinte Professor McGonagall abschließend. Harry verstand, dass das das Ende ihres Gespräches war.

"Das werde ich, Professor. Danke für ihre Hilfe, und es tut mir leid, dass Sie meinetwegen so viele Umstände hatten."

"Schon gut, Potter." Professor McGonagall winkte ab. "Sie sollen an Ihre Ausbildung denken und nicht daran, was Andere von Ihnen halten." Harry nickte und ging steif davon. Fanpost... warum konnte er nicht einen Tag ohne eine neue Horrormeldung verbringen?

"Harry- was ist los? Ron und Hermine sind beim Mittagessen, weil Hermine doch gleich Zaubereigeschichte hat. Sie haben gesagt du warst bei Professor McGonagall?" Ginny hatte ihn im Gryffindor-Gemeinschaftsraum erwartet und ihre Feder auf ihr halb beschriebenes Pergament geworfen, sobald er durch dasPorträt geklettert kam. Harry warf sich auf seinen Stammplatz auf dem Sofa am Feuer.

"Ginny- hast du mir jemals einen Brief geschrieben, bevor du mich gekannt hast?" Ginny wurde röter als eine Tomate und murmelte etwas Unverständliches.

"Hab ich nicht verstanden." Harry grinste müde, aber auch ein wenig aufreizend, "aber ich nehme es mal als 'ja'. Na ja, und das ist eben das Problem. Zu viele Leute tun das neuerdings."

Ginny lehnte sich neben ihm in die Sofakissen zurück. "Es tut mir Leid, Harry. Meine Mutter hat mir einmal eine Geschichte erzählt von einem kleinen Jungen, der den bösesten Zauberer der Welt besiegt hat. Von da an musste sie sich jeden Abend ein neues Abenteuer für mich und diesen Jungen ausdenken. Sobald ich lesen und schreiben konnte und wusste, dass dieser Junge echt ist, habe ich ihn natürlich kennenlernen wollen- ich hab aber aufgehört, nachdem ich dich getroffen hatte, ehrlich!" Sie lächelte scheu.

"Ist ja auch nicht schlimm, Ginny, es ist nur... irgendwie fällt alles um mich herum in sich zusammen und ich kann nichts tun, um das aufzuhalten. Sirius..." Er umklammerte seinen Gedächtnisstein, der seine brennenden Handflächen angenehm kühlte und holte tief Luft. "Sirius ist tot, Voldemort benutzt mich als Spielzeug für seine Todesser, die neue Verteidigungslehrerin hasst mich, Snape hat meine Großeltern umgebracht, Dumbledore kann sich nicht entscheiden ob ich sein Enkel oder seine Waffe bin, ein Teenager-Klatschmagazin analysiert mich, Voldemort geht nächtlich auf die Muggeljagd und weil er unsere Verbindung gestärkt hat wirkt Okklumentik nicht mehr vollkommen blockierend, Professor McGonagall eröffnet mir, dass ich seit Jahren Briefe von Fans bekomme..." Er schloß müde die Augen.

"Ich verstehe. Tom Riddle hat es also gerade auf Muggel abgesehen?" Auch wenn es eine schlechte Ablenkung war, es war eine. Harry war Ginny dankbar, dass sie so einfach mit ihm sprach. Rons leichte Eifersucht und bemühte Scherzhaftigkeit hätte er gerade ebensowenig ertragen können wie Hermines Analyse der Situation.

"Ja. Warum nennst du ihn eigentlich Tom Riddle und nicht Voldemort?" fragte Harry. Ginny schauderte bei der Nennung des Anagramms zusammen.

"Gewohnheit... und für mich ist er immer Tom Riddle. Du erinnerst dich?" Sie atmete schwer ein und aus. Harry schlug sich mit der Hand gegen die Stirn.

"Entschuldige, Ginny. Natürlich erinnere ich mich. Und ich kann verstehen, dass du ihn nicht anders sehen kannst. Dumbledore nennt ihn genauso, wusstest du das? Ich glaube, er sieht in ihm immer noch den Schüler, den er in Verwandlung unterrichtet hat. Deswegen kann er..." Harry verstummte. Beinahe hätte er sich und Dumbledore verraten, indem er die Prophezeiung erwähnte.

"Deswegen kann er was?" Ginny bemerkte sein Zaubern.

"Deswegen kann er erahnen, was Voldemort als nächstes tut," meinte Harry schnell. Die Jüngste der Weasleys sah ihn misstrauisch an.

"Na ja... kannst du mir vielleicht nicht mit Riddle, aber mit meinem Aufsatz für Zauberkunst helfen? Ich muss ihn heute Nachmittag fertig haben und war gestern zu... beschäftigt. Schau dir nachher mal die Slytherins aus dem Fünften Jahr an!" Harry lachte mit ihr, aber er fühlte sich zu  hohl, als dass es überzeugend gewirkt hätte.

Ginnys Aufsatz war in Ordnung, und Harry verließ sie und den Gemeinschaftsraum um im Raum der Erfordernis noch ein wenig zu üben. Professor Stevenson hatte einen oder zwei Flüche gegen ihn eingesetzt, die er bisher nicht gekannt hatte. Dieses Versäumnis wollte er nun ausräumen, und außerdem noch einen weiteren Schildzauber zauberstablos versuchen. Er glaubte, Tabula inzwischen gut genug zu kennen, um sich daran zu wagen. Auch wenn es nur ein sehr schwacher physischer Schild war, sehr viel weniger wirksam als der mächtige Scutum, würde es ihm doch helfen, wenn er in einer trickreichen Lage steckte.  

Statt eines leeren Raumes fand er den Raum der Erfordernis jedoch in den DA-Raum verwandelt, und in dessen Mitte stand Neville Longbottom, der mit entschlossenem Gesicht wieder und wieder den Messerfluch an einem Trainingsdummy versuchte.

"Neville?" entfuhr es Harry. Sein Klassenkamerad wirbelte herum, bis sein Zauberstab auf Harry zeigte. Bevor dieser nachdenken konnte hatte er schon die linke Hand erhoben und den Zauberstab in der Rechten.

"Expelliarmus! Petrificus totalus!" Gleichzeitig zischten die beiden Zauber auf Neville zu, der sich mit einem Quieken schneller zu Boden warf, als Harry es ihm zugetraut hätte.

"Sorry, Neville!" rief er sofort hinterher. Warum nur hatte er wieder einmal überreagiert, nur weil ein Zauberstab auf ihn gerichtet war? Hier waren keine Todesser!

Neville rappelte sich wieder auf. "Wenigstens hat dieser nette Raum den Boden in ein Kissen verwandelt, auf das ich fallen konnte. Entschuldige, dass ich auf dich gezielt habe, Harry."

"Macht nichts- es ist meine Schuld, dass ich so paranoid bin. Mad-Eye war zu lange in meiner Nähe," zwang er sich zu grinsen.

"Schon gut, Harry. Was machst du denn hier?" Harry schloß die Tür.

"Dasselbe, was du machst- üben. Lust auf ein Duell?" Neville nickte.

"Nicht zu hart, Harry," bat er. Harry lachte.

"Wir sind doch Freunde, oder?" Nichtsdestotrotz landete Neville geknebelt, gefesselt, versteinert und entwaffnet auf dem Fußboden noch bevor Harry zu seiner Heilkunststunde gehen musste.

"Danke, Neville," sagte er während er all seine Zauber wieder rückgängig machte.

"Keine Ursache- aber ich übe wohl besser noch ein bisschen, oder?" Harry zuckte die Achseln.

"Du bist schon ziemlich gut. Nur noch ein bisschen schneller solltest du noch werden. Aber das üben wir auch noch in der DA." Er winkte Neville zum Abschied zu. Madam Pomfrey wartete.

°°~°°

 

Das Wochenden konnte gar nicht schnell genug kommen. Harry hatte Professor Dumbledore gebeten, ihre Übungsstunde am Samstag ausfallen zu lassen, damit er ach Hogsmeade gehen konnte. Der Schulleiter hatte ihn aus unergründlichen Augen angesehen und schließlich mit einem Lächeln seine Erlaubnis gegeben. Es war schließlich nicht so, als dass Harry seine Erziehungsberechtigten um Erlaubnis bitten konnte, und da die Schutzzauber um Hogwarts bis hinunter zum Dorf reichten und kein Sirius Black mit Mordabsichten unterwegs war, war es für Harry dort auch nicht unsicherer, als es für jeden anderen Schüler im Sechsten oder Siebten Jahr war.

Die Weasley- Zwillinge und Mundungus Fletcher hatten ihm beide geantwortet, Fred und George schon am Freitag Morgen, Dung erst am Samstag. Harry las den Brief des zwielichten Ordensmitglieds mit verengten Augen beim Frühstück durch. Er verlangte nicht nur den Preis für die Waren sondern auch noch eine Kommission, und damit nicht genug, Harry sollte die drei Kästen auch noch spät abends erst abholen. Wenigstens konnte er den Geheimgang unter dem Honigtopf benutzen und die Entschuldigung, dass er Neville im Krankenflügel besuchen wollte. Ausnahmsweise war er nämlich einmal nicht der Erste, der über Nacht dort bleiben musste- Neville hatte in Kräuterkunde Susan Bones und ein paar andere Mädchen mit einem heldenhaften Maneuver vor dem Wüten der fleischfressenden Rosenbüsche (3) gerettet, die von einem Streich der Zweitklässler aufgestachelt worden waren und sich auf jedes Lebewesen stürzten, das in ihre Nähe kam, obwohl Professor Sprout sie erst am Vortag gefüttert hatte. Er war ein wenig zerfetzt, aber stolz, dass er die aufgeregten Pflanzen unter Kontrolle gebracht hatte, wenn das selbst ihre Lehrerin nicht schaffte.

Harry legte Dungs Mitteilung neben seinen Teller. Er war nicht wirklich hungrig, und so blieb das Butterbrot darauf ungeachtet der besorgten Blicke seiner Freunde unberührt.

"Ich... geh dann mal," murmelte er. Ron folgte ihm mit Blicken. Er wusste natürlich von Harrys Plan, aber er wusste auch, dass er Hermine von Hogsmeade fernhalten musste. Er selbst hatte in dem Zauberdorf nichts mehr einzukaufen; sein Geschenk für Hermine würde am Montag mit der Eulenpost eintreffen.

"Was ist mit ihm?" fragte Ginny besorgt. Wie die meisten der Fünftklässler war sie unausgeschlafen und hatte tiefe Ringe unter den Augen, da am Montag der erste Test in Zaubertränke anstand. In Ginnys Fall waren es allerdings nicht die mit Lernen verbrachten Stunden, die sie so müde machten, sondern Nachsitzen bei Professor Stevenson, weil sie in ihrer Klasse mit den Slytherins einen uralten Zauber wieder ans Licht geholt hatte, als alle Schüler Protego üben sollten- den Sag-es-mir-Zauber. Ihr Partner, und bald darauf auch alle anderen Slytherins aus der Verteidigungsklasse des Fünften Jahres, konnte dann nur noch in Limericks sprechen. Sein Repertoire in dieser Hinsicht war leider... begrenzt. In einer ganz bestimmten Richtung begrenzt- und leider nicht in der, in der Pelikane mehr im Mund als in ihrem Magen halten konnten. Stevenson war vor Wut außer sich gewesen. Ginny hatte lachen müssen und sich damit verraten. Und sie hatte daraufhin die Käfige Dunkler Kreaturen geschrubbt, bis Mitternacht schon nur noch eine dunkle Erinnerung war.

"Ich weiß nicht- weißt du was, Ron? Er zieht sich in letzter Zeit immer von uns zurück..." meinte Hermine. Ron zuckte mit den Schultern und schaufelte sich Porridge in den Mund.

"Ron?" Der rothaarige Junge schüttelte den Kopf.

"Er hat Sirius verloren und gibt sich dafür die Schuld, das wisst ihr. Und der Sommer war nicht gerade erholsam, oder?" Ron wusste, dass das nicht der Grund war. Harry wollte Hermines Geburtstagsgeschenke holen.

"Oh." Hermine hielt einen Moment lang inne, bevor sie wie von der Tarantel gestochen aufsprang. "Aber dann können wir ihn doch nicht alleine lassen! Ich habe gelesen, dass solche Erfahrungen verarbeitet werden müssen! Wir müssen mit ihm sprechen, er muss darüber sprechen!"


"Hermine, nein." Es war Ginny, die sie am Ärmel zurückhielt. Auch sie war in den Plan eingeweiht. "Gib ihm noch Zeit. Es ist noch zu nah, wenn du ihn jetzt ansprichst zieht er sich nur noch mehr zurück. Harry muss den ersten Schritt machen."

"Hn," meinte Hermine nur. Sie setzte sich widerwillig wieder, aber ihre Finger zuckten nervös über ihrem Verwandlungsbuch.

Harry hatte unterdessen seinen Geldbeutel und einen dunklen Kapuzenumhang aus seinem Schlafsaal geholt. Auch wenn er die Erlaubnis hatte, nach Hogsmeade zu gehen wollte er doch seine Anwesenheit nicht lauthals herausschreien, in diesen Tagen hatte Voldemort seine Augen überall. Nachdem Harry ihm bei seiner letzten Aktion wieder einmal durch die Finger geschlüpft war hatte er wahrscheinlich sein Netz um Hogwarts noch enger geknüft.

Als hätte sie auf diesen Gedanken gewartet gab Harrys Narbe einen scharfen Stich. Er presste seine Hand gegen den heißen Blitz auf seiner Stirn und stolperte ein paar Schritte vorwärts, bis Voldemort sich endlich beruhigte. Es verging kein Tag, an dem er nicht auf sich aufmerksam machte. Wenn es für Harry nicht so schmerzhaft gewesen wäre hätte er es wahrscheinlich lustig gefunden- der mächtigste Dunkle Lord der Geschichte hatte Angst, wegen eines Tages der Inaktivität in Vergessen zu geraten.

"Potter, was tun Sie da?" Pomona Sprout, die Arme voller Pflanzen, die Harry nicht identifizieren konnte, hatte sein Stolpern bemerkt.

"Oh, ich gehe nach Hogsmeade, Professor Sprout," sagte Harry. Dank Dumbledores Erlaubnis musste er nicht durch die Schatten schleichen.

"Sind Sie in Ordnung?" fragte die Kräuterkundehexe besorgt. Harry versuchte sein überzeugendstes Lächeln.

"Aber natürlich, Professor- und was haben Sie vor? Nachschub für Madam Pomfrey?" Professor Sprout nickte und wippte auf den Zehen.

"Ich habe es mit Longbottoms Hilfe- Neville, aus Ihrem Jahr, wissen Sie?- geschafft, ein paar rotgepunktete Nachtkriecher zu züchten. Madam Pomfrey hat sie schon lange gesucht, sie sind eine wichtige Zutat in der Salbe gegen Brandwunden." Harry nickte höflich.

"Neville ist sehr gut in Kräuterkunde, ich weiß... ich bin sicher, Madam Pomfrey wird Ihnen sehr dankbar sein. Auf Wiedersehen, Professor Sprout!" Er beugte leicht den Kopf zum Abschied, wartete noch auf Professor Sprouts fröhliche Verabschiedung und eilte zur Tür hinaus. Er hatte noch viel vor.

 

Hogsmeade war noch immer das verschlafene, halb im Mittelalter steckengebliebene Dörfchen das es in Harrys drittem Schuljahr gewesen war. In den engen Gassen zwischen den niedrigen Häusern mit den geduckten Dächern stand der Nebel, wo die Sonne nicht hinkam. Zauberer und Hexen in meist schwarzen, von Zeit zu Zeit aber auch farbenprächtigen Umhängen huschten mit gesenkten Köpfen und nervösen Blicken über die Schulter von Haus zu Haus- der Krieg streckte seine dunklen, kalten Arme nach der Welt aus und stahl ihr die Freude.

Harry ließ sich von den offensichtlichen Zeichen der düsteren Zeiten nicht niederschlagen. Seine Schritte waren fest und er hielt den Kopf erhoben als er in den Honigtopf, das Süßigkeitengeschäft mit der besten Schokolade Englands, eintrat. Hermine war zwar die Tochter gleich zweier Zahnärzte, aber wenn sie dem Einfluß ihrer Eltern entkommen war genoß sie Süßigkeiten wie jeder andere Jugendliche- und das auch noch mit einem guten Gewissen, Zauberer hatten schließlich Methoden, um die Zähne kariessicher zu machen. Ein großes Paket der verschiedensten Leckereien wanderte daher geschrumpft in seine Taschen.

Die nächste Station war dann der Buchladen. Hier kaufte er allerdings nicht für Hermine ein sondern für sich selbst- es gab noch einige Gebiete der Magie auf denen er nicht bewandert war. Am Wichtigsten waren zunächst einmal Schutzzauber, aber auch die Geschichte der Zauberwelt (abgesehen von den Koboldrebellionen), denn Harry wollte etwas über seine Familie herausfinden, Arithmantik-Bücher für Anfänger und auf dem mittleren Level und zwei Werke, die Zauber und Zaubertränke zu unheilstiftenden Zwecken anpriesen gesellten sich zu seinen Süßigkeiten. Harry strich immer wieder seine im feuchten Wetter noch widerspenstigeren Haare in die Stirn- sein Umhang war ihm nicht Tarnung genug.

Seine Armbanduhr piepste leise. Harry runzelte die Stirn- hatte er wirklich so viel Zeit in einem Buchladen verbracht?  Er hatte noch knapp eine halbe Stunde, bis er Dung in den Drei Besen treffen sollte. Ein Glück, dass ihm spät in der Nacht, als er wieder einmal über einem seiner Projekte gebrütet hatte, ein ideales Geburtstagsgeschenk für Hermine eingefallen war.

Seine Freundin hatte so oft traurig bemerkt, dass wieder einmal alle Schuleulen ausgeflogen waren und sie ihren Eltern nicht schreiben konnte. Da sie in den Ferien Rons und Harrys wegen meist in der Schule blieb waren Briefe monatelang ihr einziger Kontakt mit ihrer Familie. Ihre kleine Schwester, die gerade einmal drei Jahre alt war, hatte in den letzten Sommerferien sogar vergessen gehabt, wer sie war.

Die kleine Magische Menagerie, die eine Kombination von Eeylops Eulenkaufhaus und der Magischen Menagerie in der Winkelgasse war, war eine Kakophonie aus Geräuschen und Gerüchen. Harry studierte sorgfältig die verschiedenen Eulen, die neugierig ihre Köpfe nach dem Kaufinteressenten umdrehten (und das im wahrsten Sinne des Wortes). Eine Schneeule wie seine Hedwig war nicht im Angebot, aber eine majestätische Adlereule, die ihn an Malfoys erinnerte, funkelte ihn aus tiefbraunen Augen an. Nichts für Hermine...

Eine kleine Schleiereule schuhuhte sanft, sobald Harrys Blick sich mit ihrem amberfarbenen kreuzte. Sie war außergewöhnlich hübsch, mit zart zimtfarbenem Deckgefieder über reinweißen Unterfedern und schien außergewöhnlich wach und intelligent. Sie erinnerte ihn so stark an seine Freundin dass Harry wusste, dass sie Hermines gefiederter Gefährte sein würde, wie Hedwig seiner war.

Wenig später kam er mit einem eleganten schmiedeeisernen Käfig und hochrotem Kopf wieder aus dem Geschäft- die kleine Eule war in Wahrheit ein Er. Und er hasste es, wenn man ihn mit einer sie verwechselte und hatte Harry empfindlich in die Nase gekniffen, so stark, dass seine Augen tränten und er rot anlief (4). Harry hatte natürlich mit erstickerter Stimme geflucht, aber die kleine Eule hatte sich nur aufgeplustert und ein zufriedenes Gesicht gemacht.

"Bin ich froh, dass Hermine sich um dich kümmern muss. Sie hat etwas übrig für aggressive Haustiere!" warf er der Eule schließlich an den Kopf. Ein uninteressiertes Flügelzucken war seine Antwort.

In den Drei Besen herrschte Hochbetrieb. Eine Hand an seinem Zauberstab hielt Harry wachsam Ausschau- er fühlte sich noch immer nicht sicher in Gesellschaft vieler Leute und ohne die Rückendeckung, die seine Freunde ihm gaben. Dung Fletcher saß an einem kleinen Tisch in einer der hinteren Ecken des Pubs, die Hände um einen großen Maßkrug Butterbier gelegt (Mrs. Weasley hatte ihm angedroht, einen Heuler zu schicken sollte er jemals wieder Feuerwhisky im Dienst als Ordensmitglied trinken). Er winkte Harry zu sich hinüber.

"'lo, Harry," grüßte er mit seiner rauhen Trinkerstimme. Harry nickte. Er schob Dung nicht die Schuld für die Geschehnisse im Sommer in die Schuhe, er wusste, dass ganz allein er die Verantwortung für seine Entführung trug, aber er konnte dennoch nicht umhin zu denken, dass Dung ihn hätte aufhalten können.

"Ich hab dir all dein Zeug organisiert. Kommt heut Abend an... du has gesagt im Keller vom Honigtopf soll die Übergabe stattfinden? Das is okay mit mir. Aber die Galleon'n will ich jetz sehen." Harry nickte wieder und zog seinen Geldbeutel hervor. Er war froh, dass sie vor Beginn  des Schuljahres noch einmal in der Winkelgasse gewesen waren, da seine Geldvorräte, die er vor seinem ersten Schuljahr in Hogwarts aus seinem Verlies geholt hatte, doch recht zusammengeschmolzen waren.

"Zwölf Galleonen, wie abgemacht, Dung. Ich warte dann um zehn unten im Honigtopf. Und ich hab noch eine Bitte: könntest du den Kleinen hier mit ins Hauptquartier nehmen und ihn am Mittwoch Morgen nach Hogwarts schicken?" Er hielt Dung den Käfig mit der Eule hin, die träge blinzelte.

"Klaro," meinte Dung und schnappte sich den Käfig. "Mittwoch, korrekt?" Harry nickte.

"Ich sollte besser zurück- es ist schon fast Zeit zum Mittagessen. Ich muss heute Nachmittag noch ein paar Aufsätze schreiben." Automatisch  ließ er seine Augen über alle Besucher der Drei Besen schewifen bevor er sich zur Tür drehte.

"Harry, ich... willst du ein Butterbier mit mir trinken?" fragte Dung bevor er gehen konnte. Harry schüttelte den Kopf.

"Nein, Dung. Aber danke für das Angebot. Ich muss nur wirklich  nach Hogwarts zurück, hab's Professor Dumbledore versprochen, dass ich nicht länger als nötig im Dorf bleibe." Der enttäuschte Blick des oft (zu Recht) halblegaler Geschäfte verdächtigten Ordensmitglieds stimmte ihn beinahe wieder um, aber Dungs lakonisches Schulterzucken bestätigte seine Einschätzung, dass nicht viel diesen Mann wirklich berührte.

"Bis heute Abend, Harry. Tu nichts was ich nicht auch tun würde." Und was das heißen sollte konnte er sich gut vorstellen. Dung versuchte wohl, ihn zum professionellen Regelbrecher zu machen.

>Als ob es da noch etwas zu tun gäbe,< schmunzelte er in sich hinein. Ron, Hermine und er hatten in ihren mittlerweile mehr als fünf Jahren in Hogwarts wohl jede einzelne Schulregel gebrochen; die meisten mehr als einmal. Als hätte das alte Schloß seine Gedanken gelesen spiegelte sich in diesem Moment der einzige Sonnenstrahl, der es durch die tiefhängenden Wolken des schottischen Frühherbstes geschafft hatte in allen Fenstern, so dass Harry geblendet die Augen schließen musste, aber nicht, bevor er nicht zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit das Gefühl hatte, die Magie selbst gesehen zu haben.

"Na dann..." murmelte er. Er hatte nicht gelogen als er Dung erklärt hatte, dass er noch einige Aufsätze zu schreiben hatte. Snape hatte ihnen in Zaubertränke eine knifflige Frage zu den Gemeinsamkeiten der meisten gebräuchlichen Heiltränke gestellt und Stevenson wollte zum Abschluß ihrer Reihe über Lähmzauber eine Zusammenfassung. Ganz zu schweigen von Professor McGonagall und ihrer komplizierten Aufgabe zum Energietransfer bei masseproduzierenden Verwandlungen...

"Harry, schon wieder zurück?" Sobald er die Grenze der Schutzzauber überschritten hatte und das Kitzeln auf seiner Haut verschwunden war hatte sich Ginny auf ihn gestürzt. Sie war offensichtlich fliegen gewesen, ihr Haar war schlimmer zerstrubbelt als sein eigenes und sie trug Rons alten Besen in der Hand.

"Ich habe noch ziemlich viel zu erledigen," meinte Harry trocken. "Aber mit Dung ist alles geregelt. Wir treffen uns heute abend um zehn im Keller unter dem Honigtopf. Er hat uns sogar eine ganze Flasche Feuerwhisky besorgt!" Ginny grinste verschmitzt. Der Feuerwhisky war Teil eines ihrer Pläne, ihren eigenen Hausmitgliedern einen Streich zu spielen und sie hatte Harry gebeten, dafür zu sorgen, dass er zur Verfügung stand, obwohl Hermine wahrscheinlich nicht so begeistert davon sein würde.

"Danke, Harry- du bist ein Schatz!" Mit einem kleinen Zwinkern in den Augen küsste sie ihn schnell auf die Wange und schwang sich dann wieder auf ihren Besen. "Bis dann!"

Harry blieb wie festgewurzelt stehen, eine Hand auf seine Wange gelegt, wo ihn das Mädchen eben geküsst hatte. "Wer bist du und was hast du mit Ginny gemacht?" fragte er schließlich etwas dümmlich bevor er sich zusammenriss und mit schnellen Schritten zurück zum Schloß und seinen Hausaufgaben eilte. Es war besser, wenn er an diesem Tag alles schaffte, denn am nächsten würden schließlich sowohl Remus als auch Tonks endlich nach Hogwarts kommen. Er konnte es kaum erwarten, endlich von beiden unterrichtet zu werden. Remus' Erfahrung mit Verteidigung gegen die Dunklen Künste stand der eines Aurors in nichts nach, und sein Unterrichtsstil hatte Harry zum Erfolg mit seinem Patronus geführt, als er dreizehn Jahre alt war. Nun, da er der DA diesen Zaber beizubringen versucht hatte konnte er erst voll anerkennen, was Sirius' Freund damit geleistet hatte.

Ron war, wie immer, ein wenig eingeschnappt dass Harry sich nicht zu seiner Schwester und ihm auf dem Quidditchfeld gesellen wollte und warf ihm und Hermine einen sehr verdächtigenden Blick zu als sie sich gemeinsam an einen der kleinen Tische im Gemeinschaftsraum setzten und ihre Verwandlungssachen ausbreiteten. Er hatte sich zwar daran gewöhnt, dass Harry mehr Zeit mit seinen Schulaufgaben verbrachte, aber er vermisste doch den alten Harry, der nicht zweimal darüber nachgedacht hätte mit ihm Quidditch zu spielen. Harrys Gründe für seinen Sinneswandel kannte er ebenfalls nicht, weswegen Akzeptanz noch schwerer fiel. Die Prophezeiung, die stets in Harrys Unterbewusstsein war war schließlich immer noch geheim. Ron hatte darum eigentlich Angst um seinen besten Freund, aber er konnte das Gefühl selbst nicht fassen und was blieb war ein irritierendes Gefühl, wie ein Jucken an einer Stelle am Rücken die man selbst nicht erreichen konnte.

Hermine sagte zwar nichts, aber genau wie Ron machte sie sich große Sorgen um ihren besten Freund. Harry war fokussierter geworden, stiller, konzentrierter, aber das kalte Feuer der Rachsucht, das immer in seinen Augen entflammte wenn sie beide in die Kerker zum Zaubertrankunterricht gingen machte ihr Angst. Er war dieses Jahr eine ernsthafte Konkurrenz, wenn es um die besten Noten in vielen Fächern ging- und das, nachdem er sich fünf Jahre eigentlich nur darum geschert hatte, dass er die Abschlußexamina bestand. In Verteidigung gegen die Dunklen Künste war er der unangefochtene Jahrgangsbeste, trotz oder vielleicht gerade wegen Professor Stevensons Diskreditierungsversuchen. Harry hatte sich verändert- es war ja nicht so, dass sie nicht verstehen konnte, warum-, ob zum Besseren oder zum Schlechteren das wusste sie noch nicht. Aber während sie ihn so dasitzen sah, den Kopf in eine Hand gestützt während seine Feder mit bisher ungekannter Geschwindigkeit über sein Pergament kratzte vermisste sie ihren besten Freund, der alles sein ließ um auf seinem Besen der Sonne entgegen zu fliegen.

"Hermine? Was ist los? Du starrst mich jetzt schon seit fünf Minuten an!" Sie wurde rot.

"Nichts, Harry- ich musste nur daran denken, was wir schon alles erlebt haben in den letzten Jahren," sagte sie schnell um ihre Unsicherheit zu überdecken. Sie hatte vergessen, dass er auch sehr viel genauer beobachtete, was um ihn herum vorging. Aber Paranioa war eine erwartete Reaktion und sie konnte damit umgehen.

Was sie verwunderte war der verletzte Ausdruck auf seinem Gesicht, der aber schnell wieder hinter seiner starren Maske der fröhlichen Unantastbarkeit verborgen wurde.

"Bist du mir eigentlich jemals böse gewesen, Hermine? Ich meine, ich habe euch beide, dich und Ron, in mehr lebensbedrohliche Situationen gebracht als..." Er kam nicht weiter. Hermine beugte sich über den Tisch und legte eine Hand auf seinen Mund.

"Sprich lieber nicht weiter, Harry. In meinem Leben gibt es nichts Besseres als die Freundschaft, die uns drei verbindet. Ich würde sie für nichts in der Welt hergeben- und wehe, du gibst dir die Schuld für etwas, das mir oder Ron passiert ist. Es waren unsere eigenen Entscheidungen, und du wirst sie uns zugestehen, Harry James Potter, oder du lernst mich kennen!" Ihr Blick wurde sanfter und sie nahm die Hand von Harrys Mund.

"Bevor ich nach Hogwarts gekommen bin, bevor ihr mich vor dem Troll gerettet habt, hatte ich keine Freunde. Ich war das komische Mädchen mit den Hasenzähnen und den buschigen Haaren, das gefragt wurde, wenn die Lehrer selbst die Antwort auf eine Frage nicht wussten. Ich  wurde herumgeschubst, lächerlich gemacht, gemobbt. Ihr habt das geändert. Und wenn du mir das jetzt wegnehmen willst, weil du denkst, dass du uns vor dir beschützen musst dann bist du der egoistischste, größte Idiot der Welt." Sie atmete auf.

"So, und jetzt darfst du was sagen." Harry sah sie nur mit großen Augen an.

"Danke, schätze ich," sagte er mit belegter Stimme. "Kannst du mir hier weiterhelfen?" Er zeigte ihr seinen Aufsatz und fragte sich, womit er so gute Freunde wie Ron und Hermine verdient hatte. Sein Entschluss, die beiden zu schützen verstärkte sich wiederum.

Ginny und Ron kehrten wenig später, verstrickt in ein lautstarkes Argument darüber, ob ein Tor, das Ginny geschossen hatte, zählen sollte oder nicht, in den Gemeinschaftsraum zurück. Harry grinste, als er Rons hochroten Kopf bemerkte. Anscheinend hatte Ginny ihn mitsamt seinem Besen und dem Quaffel durch einen der Torringe geschossen.

"... und ich sage dir, Ginevra Molly Weasley, meine Hände mit dem Quaffel waren noch NICHT durch dieses Tor durch!"

"Ja ja, Bruderherz, wenn du meinst..."

"Ich meine nicht, ich WEIß!"

"Ist ja gut, Ronnielein! Nicht aufregen... wenn du meinst, dass vierzehn Tore besser klingt als fünfzehn dann..."

"Es geht ums Prinzip, Ginny!"

"Ach? Bist du sicher, dass es nicht um dein armes, geplagtes Ego geht?"

"Mir egal um was es geht, aber wenn ihr beide nicht den Mund haltet dann muss ich wohl oder übel diesen netten Spruch anwenden, den Lupin an Peeves demonstriert hat." Dean Thomas hatte ebenfalls einen Berg Hausaufgaben vor sich und war nicht gerade guter Laune.

"Dean, was sagst du- hat Ginny gemogelt, wenn sie vierzehn Quaffel-"

"Fünfzehn!" murmelte Ginny im Protest.

"Vierzehn Quaffel in einer halben Stunde an mir vorbeikriegt?" Dean sah  aus, als säße er zwischen einem Felsen und einem harten Platz.

"Erm," sagte er.

"Ron, sei doch lieber froh, dass du eine so vielversprechende Jägerin für dein Team hast," meldete sich  Harry zu Wort und rettete seinen Schlafsaalkameraden damit vor einer schwierigen Entscheidung. Ron presste die Lippen zusammen und sah einen Moment lang so aus, als wollte er Harry einen Fluch auf den Hals hetzen, aber dann nickte er und verschwand die Treppe zum Jungenschlafsaal hinauf, um seinen Besen zu verstauen.

"Also ehrlich, wenn er so weitermacht dann wird er noch zu Percy!" Ginny pustete ihre Haare aus ihren Augen.

"Hey, kannst du mir noch mit Wahrsagen helfen, Harry? Ich muss für die alte Fledermaus im Glockenturm noch eine Sternkartenanalyse vom Zeitpunkt meiner Geburt machen!" Harrys Augen fielen ihm beinahe aus den Höhlen. Hermine ließ ihm gegenüber ein amüsiertes Schnauben hören und verkroch sich in ihrem Verwandlungsbuch.

"Ummm... ich  hab ein S- in meinen Wahrsagen-ZAGs, Ginny," erinnerte er Rons Schwester an seine Kompetenz in diesem Fach. Hermine schnaubte wieder. War etwas nicht in Ordnung mit ihr? Er hatte doch die Wahrheit gesagt.

"Trotzdem- hilfst du mir oder nicht?" fragte Ginny. Harry nickte.

"Wenn du meinst... aber wenn du richtig kreative Katastrophen brauchst dann solltest du lieber Ron fragen- er hat das einfache S eingeheimst!" Ginny schüttelte sich.

"Nee danke- bis später dann, Harry!" Harry schüttelte den Kopf und wandte sich seinem vernachlässigten Aufsatz zu.

"Was war das gerade?" fragte er niemanden genau. Hermine tauchte wieder hinter ihrem Buch auf, der Kopf hochrot und die Haare abstehend und fusselig.

"Das war eine Bitte um Hilfe mit den Wahrsage-Hausaufgaben, Harry," kicherte sie. "Aber vergiss es einfach. Was meinst du zu Wendels Theorie der Energieerhaltung?"  Harry blinzelte Hermine an, aber er schaffte es, sich wieder auf Verwandlung zu konzentrieren.

Ginny setzte sich sehr eng neben ihn, während sie diskutierten, welche Katastrophen ihr Leben aufgrund der Sternkonstellation bei ihrer Geburt für sie bereithalten konnte. Harrys Verwirrung wuchs, da sie sich so vollkommen natürlich verhielt und keine Scheu davor hatte, sich über ihn zu lehnen um einen neuen Pergamentbogen heranzuziehen und Hermine ihnen gegenüber klang, als würde sie demnächst ersticken. Er war dankbar, als die Uhr im Gemeinschaftsraum endlich viertel vor Zehn schlug und er entkommen konnte.

"Ich muss... noch schnell zu Professor Dumbledore," entschuldigte er sich und floh vor den beiden Mädchen, die in Gelächter ausbrachen, sobald sich das Porträtloch hinter ihm geschlossen hatte.

"Preislos," meinte Hermine, "das war... gemein, aber der Ausdruck auf seinem Gesicht... unbezahlbar!" Ginny kicherte.

"Nur gut, dass Ron nicht dabei war. Er hätte einen Herzinfarkt bekommen!"

°°~°°

 

Es war zu gut gelaufen, stellte Harry fest während er sich wünschte, sich die Zeit genommen zu haben um seinen Unsichbarkeitsumhang zu holen. Es war viel zu gut und zu glatt gelaufen, als dass er hätte davonkommen können. Er hatte einfach erwischt werden müssen, und zwar nicht von irgendwem, sondern auch noch von seiner strengen Hauslehrerin selbst.

Er hatte Professor McGonagall noch nie eine so überzeugende Darbietung eines gestrandeten Goldfischs geben sehen wie in dem Augenblick, als er kurz nach dem Zapfenstreich aus dem Geheimgang hinter der einäugigen Hexe geklettert war, eine Flasche Feuerwhisky in der Hand und drei fliegende Kisten Butterbier auf den Fersen. Die Verwandlungslehrerin hatte einige Sekunden lang nach Luft geschnappt, in denen Harrys Gehirn fieberrhaft seine Chance, wegzulaufen diskutiert hatte, die Flasche Feuerwhisky in seinen Roben verschwunden war und er sich wie ein Reh im Scheinwerferlich fühlte, und dann hatte sie ihre Fassung wiedergefunden. Er konnte den Sturm auf ihrem Gesicht kaum fassen.

Harry blinzelte zu seiner wütenden Hauslehrerin auf. Es hatte keinen Sinn, seine Schuld zu bestreiten, da die Beweise in Form dreier Butterbierkästen unmissverständlich vor ihm her schwebten.

"Potter!" schnappte Professor McGonagall, "Nachsitzen mit Professor Snape- und sehen Sie mich nicht so an! Ihnen Nachsitzen mit Tonks aufzubrummen wäre ungefähr so sinnvoll wie Dung Fletcher zu bitten, auf die Bar im [i]Eberkopf[/i] aufzupassen!"

Harry nickte dümmlich. Er konnte schlecht gegen diese milde Bestrafung protestieren. Außerdem hatte er noch nicht registriert, dass er bei seinem Zaubertränkeprofessor nachsitzen sollte. Alles, was er gehört hatte war, dass Dung Fletcher nicht auf eine Bar aufpassen sollte, und die Wahrheit in dieser Feststellung konnte er nicht bestreiten.

"Was wollten Sie überhaupt mit dem ganzen... Kram?" fragte Professor McGonagall. Harry schluckte und war froh, dass er die Geistesgegenwart gehabt hatte, die Flasche Feuerwhisky schnell in seinen Roben zu verstecken.

"Für Hermine Grangers Geburtstag, Professor- sie wird doch nächste Woche siebzehn!" Er senkte den Blick. Jetzt mussten sie wohl auf andere Weise an ihr Butterbier kommen.

Seltsamerweise wurde der Blick der Lehrerin jedoch weicher. "Nun... es ist ihr Siebzehnter, sagen Sie?" Harry nickte.

"Wenn Sie den Erst- und Zweitklässlern nichts davon geben und ich mich da auf Sie verlassen kann dann dürfen Sie das Butterbier mitnehmen. Es ist je wenigstens kein Feuerwhisky wie ihn diese Weasley-Zwillinge einschmuggeln wollten! Aber sagen Sie ja nicht, dass ich Ihnen das erlaubt habe. Es ist nur, weil ich Miss Granger und ihrer Vernunft vertraue, verstanden, Mr Potter?" Harry schluckte und nickte. Er konnte sein Glück kaum fassen.

"Und wenn ich einen Vorschlag machen dürfte- ich bin sicher, die Hauselfen würden Ihr Butterbier gerne für Sie aufheben und Ihnen am Mittwoch zu Verfügung stellen." Sie rauschte davon, in einem Schwall schwarzer Roben, der sogar Snape Ehre gemacht hätte.

Harry hatte nicht einen Moment gezögert, Tinsy zu rufen, die ihn erst geschimpft und ihm dann mit einem Schnippen die schwebenden Kästen abgenommen hatte.

"Und Harry Sir- wenn Harry das nächste Mal etwas braucht dann soll er Tinsy fragen!" wies sie ihn zum Abschied an. Harry nickte. Es schien, als sei Sprache an diesem Abend eine überflüssige Fähigkeit. Er wurde ohnehin ständig von allen überfahren und vor vollendete Tatsachen gestellt bevor er seine Meinung kundtun konnte.

°°~°°

 

Harry riss die Verpackung von dem Paket, das ihm die Weasley-Zwillinge geschickt hatten Wie erwartet fand er eine Riesenpackung ihrer Feuerwerkskörper, ein paar ihrer Partytricks und einen Brief, den er für den Moment beiseite legte. Ganz unten befand sich noch ein kleines Päckchen in silberner Verpackung, auf der rot und dick 'Test-Produkt' stand.

"Was ist das?" wunderte er sich und entfernte die silberne Folie. Zum Vorschein kam eine kleine Tüte roter Drops, die wie die Himbeer-Variante von Dumbledores Zitronendrops aussahen. "Transportable Tränendrüse? Was haben die zwei jetzt schon wieder ausgeheckt?" Er drehte das Tütchen hin und her, aber er konnte keine weiteren Hinweise darauf entdecken, welche Art von Streich die Bonbons waren.

"Ich frage mich, was ich damit soll," murmelte er und begann, das Feuerwerk nach Innen- und Außenfeuerwerk zu sortieren. Die Weasley-Zwillinge hatten sich selbst übertroffen, als er sie um Partyknaller für Hermines Geburtstag gebeten hatte und ein komplettes magisches Mitternachtsfeuerwerk entwickelt, das laut Anleitung 'Happy Birthday, Hermine' an den Himmel schreiben würde und all die beliebten Motive des letzten Jahres beinhaltete. Das Innenfeuerwerk war, natürlich, hitzefrei und naßstartend, anscheinend hatten die Zwillinge hier einen Kooperationsvertrag mit Dr. Filibuster.

Die kopflosen Hüte würden ein paar Erstklässler erschrecken und die Kanariencrèmeschnitten waren so lecker, dass sich eigentlich niemand daran störte, für ein paar Minuten danach in einen großen gelben Vogel verwandelt zu werden.

Was blieb war der Brief, und die Transportablen Tränendrüsen. Harry steckte beides in die Tasche und nickte Ginny, Dean Thomas und Lavender im Gemeinschaftsraum auf dem Weg zum Büro des Schulleiters zu. Tonks und Remus sollten noch in dieser Stunde ankommen und Dumbledore hatte ihm erlaubt, sie zu  begrüßen.

Remus kam als Erster aus dem Kamin des Schulleiters, ein breites Grinsen auf seinem Gesicht. Er nickte Dumbledore höflich zur Begrüßung zu, aber seine ersten Schritte führten ihn zu Harry.

"Hallo, Harry," meinte er nur, aber seine Umarmung sagte alles andere- zumindest so lange, bis er hinzufügte: "Ich muss mit dir reden." Harry nickte.

Tonks taumelte wenig später aus ihrer Flohpulver-Reise. Nur ein schneller Levitationszauber Dumbledores rettete einen seiner spinnenbeinigen Tischchen und dessen Instrumente.

"Hey, Harry- wie geht's so? Hallo, Albus!" grüßte sie. "Remus hier hat es kaum erwarten können, wieder nach Hogwarts zu kommen. Hat mir in den Ohren gelegen, dass wir früher kommen sollen aber Albus hat den Floh-Eingang nur für drei Minuten geöffnet, und die waren eben jetzt Na, bist du eigentlich bereit für dein Training?"

Remus hatte Harry schnell losgelassen- er spürte, dass er lieber nicht vor Tonks umarmt werden wollte.

"Umm... klar. Aber ich glaub immer noch nicht, dass das mit den Metamorphmagus-Fähigkeiten klappt," sagte er vorsichtig. Dumbledores Augen zwinkerten und funkelten amüsiert, da Tonks sich aufplusterte wie Molly Weasley selbst.

"Siehst du, das ist das Problem mit dir, Harry- so lange du glaubst, dass du etwas tun kannst, dann tust du es auch, aber sobald du glaubst, du kannst etwas nicht dann geht's auch nicht, kapiert?" Dumbledore räusperte sich und Tonks wurde rot.

"Und... na ja, das war's auf alle Fälle, was ich sagen wollte. Albus, wo sollen Remus und ich denn wohnen?"

"In den Lehrerquartieren. Ich habe schon zwei Zimmer von den Hauselfen herrichten lassen und..." 

"Zwei? Remus, hast du  immer noch nicht...? Also gut." Tonks huffte ein wenig, aber sie stellte sich dicht neben Remus. Harry hatte das ungute Gefühl, dass irgend etwas vorgefallen war und stellte sich vor, dass er wieder einmal zu gut in Okklumentik gewesen war und einen Plan Voldemorts verpasst hatte.

"Remus und ich brauchen nur ein Zimmer, Albus," sagte Tonks.

Harry war erleichtert, Remus' Ohren brannten heiß, und Dumbledore zwinkerte zweimal mit hell funkelnden Augen.

"Aber das wusstest du schon," sprach die Aurorin weiter, "du wolltest nur, dass wir es Harry sagen, nicht? Also, jetzt weiß er es."

Remus schluckte. "Ich wollte mit dir reden, Harry, und es dir... anders beibringen," meinte er. "Mir ist klar, dass du wahrscheinlich nicht... ich meine, so kurz nach dem Sommer und... ich glaube..."

"Remus," unterbrach Harry, das erste echte Lächeln seit Tagen auf seinem Gesicht, "ich finde es großartig! Ich freue mich für euch zwei! Und ich glaube, Sirius wäre auch glücklich gewesen, auch wenn er dich wahrscheinlich mehr als alle anderen aufgezogen hätte. Tonks, pass gut auf Moony auf. Er ist manchmal ein bisschen zu besorgt um alle. Remus, pass auf dass Tonks nicht über die Erstklässler stolpert. Es sind dieses Jahr besonders viele und sie sind besonders klein."

"Harry!" unterbrach Dumbledore, "ich glaube, wir sollten den beiden ihr Zimmer zeigen und dann besprechen, wie wir dein Training gestalten werden." Er wirkte wieder jünger, dachte Harry; die Energie war in seine Schritte zurückgekehrt nachdem die ersten Tage an der Schule und der Sommer sie herausgesogen hatten.

"Okay," meinte er, "aber ich freu mich ehrlich für euch beide." Und er meinte es ernst. Er konnte sich niemanden vorstellen, der ein bisschen Glück mehr verdient hatte als Remus Lupin, und er konnte sich niemand Besseren für den Letzten der Herumtreiber wünschen als die tolpatschige Aurorin mit dem großen Herzen und der besonderen Gabe.

"Und Remus hatte solche Angst, dass du sauer bist," kicherte Tonks. Remus schnitt eine Grimasse und legte einen Arm um die Schultern seiner Freundin.

"Hättest du auch gehabt wenn du seinen Vater gekannt hättest- James Potter war der größte Mädchenschreck in Hogwarts wenn er jemanden nicht leiden konnte," verteidigte er sich.

"Aber Tonks ist prima," sagte Harry. Remus konnte dem nur zustimmen.

"Wie wäre es, wenn wir unser Training gleich heute starten?" Der Vorschlag wurde von drei Seiten einstimmig angenommen.

°°~°°

 

Tonks quittierte Harrys frustriertes Schnauben mit einem Grinsen. Er versuchte seit drei Stunden, seine Narbe von der Stirn zu löschen, aber alles, was er geschafft hatte war, sich violett zu verfärben, und das auch nicht dank seiner Metamorphmagus-Fähigkeiten.

Harry kochte, als er Tonks' Grinsen sah. Für sie war es sehr lustig, zu sehen, wie er sich abmühte. Sie konnte es ja auch nicht von seinem Standpunkt aus sehen, konnte nicht verstehen, warum die Narbe unbedingt verschwinden musste.

Sie war es, die ihn zu einem perfekten Werkzeug machte, zu einem perfekten Nachfolger für Dumbledore, zu einem perfekten Aushängeschild für die ganze Zauberwelt. Das Paket 'Harry Potter' kam komplett mit einer Legende, die auch noch einen guten Produktnamen wie 'Der Junge, der Überlebte'- oder, wie Harry bevorzugte, Der Junge der einfach nicht wie jeder normale Mensch sterben wollte- hatte, einen Namen, der Hoffnung symbolisierte. Dazu gab es dann noch einen eingebauten Erzfeind, der Unnennbar war und ein Erkennungszeichen, das er nicht einmal mit seinen neugefundenen Fähigkeiten auslöschen konnte.

Remus war keine große Hilfe- alles, was er tat war, in einer Ecke des Raums der Erfordernis zu sitzen und in einem Buch zu lesen, das seines Wissens nach schon seit Jahren verschollen war. Von Zeit zu Zeit kommentierte er Harrys Misserfolge mit all dem Witz eines Herumtreibers, aber er konnte auch keine Vorschläge machen, wie Harry den Blitz auf seiner Stirn loswerden konnte. Er grollte frustriert und verzog das Gesicht vor Anspannung. Vergeblich.

"Vielleicht sollten wir lieber etwas anderes versuchen?" schlug Tonks schließlich vor. Harrys neuester Versuch hatte wenigstens seine Fähigkeiten bestätigt- er hatte jetzt kleine, sich schlängelnde Hörnchen auf der Stirn.

"Also gut- an was denkst du?" Tonks nickte zu Remus hinüber.

"Ich glaube, er könnte einen netten kleinen Schreck gebrauchen- wie wäre es, wenn du deine Nase veränderst? In das Schlimmste, das dir einfällt?" Harry nickte, aber dann schnürte sich seine Kehle zu. Das Schlimmste, was ihm einfiel... ein Gesicht, das er so gut kannte, wie sein eigenes...

"Nein, Tonks," sagte er leise, "ich glaube, es ist besser wenn wir für heute Schluß machen. Ich glaube, nicht einmal Remus hat einen solchen Schreck verdient." Er konzentrierte sich und ließ die wiggelnden Hörnchen verschwinden bevor er seine Brille auf die Stirn schob und sich müde die Augen rieb.

"Ich hab es schon wieder getan, oder?" fragte Tonks. Sie hatte Harry während ihrer Übungen mindestens sechs Mal an Sirius und unzählige Male an Voldemort erinnert.

"Nicht schlimm, Tonks. Ich glaube nur, dass ich jetzt nicht weitermachen kann," wehrte Harry müde ab. Der Raum der Erfordernis veränderte sich in ein gemütliches Wohnzimmer, komplett mit einem Teeservice. Remus' Sessel rutschte aus der Ecke an den runden Sofatisch und er legte sein Buch zur Seite.

"Scheint als stimmt der Raum dir zu... warum hab ich ihn in meiner Zeit in Hogwarts eigentlich nie gefunden?" jammerte sie. Remus zog eine Augenbraue hoch.

"Warum sollte es dir besser gehen als uns? Wir haben ihn zwar auf der Karte drauf, aber selbst die Herumtreiber haben nicht herausgefunden, was er wirklich ist. Wir hatten aber auch..."

"Du willst damit sagen, dass ihr auch nicht über den Raum der Erfordernis Bescheid wusstet?" fragte Harry erstaunt. Dumbledore hatte ihn auch nicht gekannt- er hatte zwar von einem Zimmer voller Nachttöpfe erzählt, das eines Morgens aufgetaucht war und hinter dem das Trio den Raum der Erfordernis vermutete, aber das eigentliche Geheimnis war erst von Dobby enthüllt worden.

"Wir hatten nicht so gute Verbindungen zu den Hauselfen wie ihr," sagte Remus und grinste Harry an. "Ich glaube, deine kleine Hauselfe wird sicher enttäuscht sein, dass du sie schon wieder nicht gerufen hast, um dir den Tee zu servieren!"

"Erinner mich nicht daran," seufzte Harry, "Tinsy hat es sich zur Angewohnheit gemacht, mich morgens aufzuwecken!" Remus schob ihn aus dem Raum der Erfordernis.

"Dann ist es umso wichtiger, dass du dich ausruhst, oder- es ist schon spät geworden, du hast viel Energie verbraucht und-"

"Schon gut, ich verstehe ja, dass du mit Tonks alleine sein willst," grinste Harry. "Bleibt am besten hier, im Raum der Erfordernis- du wirst überrascht sein!" Er war sich sicher, dass Remus ein paar Stunden später verstehen würde, was er gemeint hatte.

°°~°°

 

Die Woche begann so quälend langweilig, dass bereits am Ende des Montags alle Gryffindors sehrnsüchtig das Wochenende (die jüngeren) oder die Wochenmitte (die älteren) erwarteten. Die Lehrer hatten sich anscheinend gegen ihre Schüler verschworen- eine Vorlesungsstunde folgte auf die andere, Pergamentseite um Pergamentseite musste mit Notizen bedeckt werden. Selbst Professor Flitwick, Madam Pomfrey und Professor Stevenson, die eigentlich nie die Zauberstäbe ruhen ließen trichterten ihren Schülern so viel neue Theorie ein, dass manche Köpfe zu rauchen begannen- im Fall der armen Eloise Midgen sogar im wahrsten Sinne des Wortes- sie hatte aus Versehen ihre Haare mit ihrem Zauberstab berührt und über den Flammenfluch nachgedacht, den Stevenson vorgestellt hatte.

Ron und Harry langweilten sich zwar ebenfalls, aber sie hatten wenigstens noch Hermines Party zu planen. Dass sie es bis jetzt unter den scharfen Augen ihrer intelligenten Freundin geschafft hatten,  ohne dass diese etwas bemerkt hatte grenzte an ein Wunder. Hermine wurde nur immer leiser, je näher ihr Geburtstag heranrückte. Am Dienstag abend erwähnte sie doch tatsächlich,  dass sie eigentlich sehr gerne ihre Eltern besuchen würde. Harry und Ron grinsten nur. Ginny tat ihr bestes, um Hermines trübe Stimmung aufzuheitern, aber wenn der Tag der eigenen Volljährigkeit heranrückt und nicht einmal die Aussicht auf eine Feier besteht dann gibt es nicht viel, was einen zum Lachen bringen kann.

So saß Hermine am Morgen ihres siebzehnten Geburtstags einsam und alleine auf ihrem Bett im Mädchenschlafsaal der Sechstklässler und las die Briefe ihrer Eltern und Großeltern, die sie ihr noch vor Beginn des Schuljahres eingepackt hatten. Da weder sie noch ihre Eltern eine Eule besaßen konnten die Grangers, Muggel-Zahnärzte, ihre Tochter während des Schuljahres nur erreichen, wenn diese ihnen eine Schuleule schickte. Sie wischte sich mit der Hand über die feuchten Augen- ihre Eltern fanden immer die Worte, um ihr zu sagen, dass sie sie liebten. Auch  wenn Hermine ihnen über die Jahre hinweg viele der Gefahren der Zauberwelt verheimlicht hatte oder sie verharmlost hatte fühlten die beiden Dr. Granger doch, dass ihre Tochter sie schonen wollte und baten sie, auch wenn sie sich nun als Erwachsene in ihrer Welt bewegen durfte, die sie als Muggel nicht verstehen und von der sie nicht ein Teil sein konnten, sich an sie zu erinnern und ihr altes Leben nicht vollkommen zu vergessen.

"In all den wunderbaren, neuen Dingen, die du erfahren hast," schrieb ihre Mutter, "liegt, wie in jedem strahlenden Sonnenschein, auch ein Schatten verborgen. Erinnere dich an uns, wenn er auf dich fällt, meine Kleine- auch wenn wir nicht an deiner Seite stehen können weil uns deine Gaben nicht gegeben wurden stehen wir doch hinter dir. Dein Vater und ich lieben dich mehr als alles andere und wünschen dir, dass du den Schatten nie erfahren wirst. Aber wie alle Eltern wissen auch wir, dass es kein Leben ohne die dunkleren Stunden gibt. Wir sind da, Hermine. Wir werden immer da sein, im Herzen wenn auch  nicht physisch. Wir wünschen dir alles Gute, viel Freude an deinem Geburtstag- du feierst doch mit deinen Freunden?- und einen gelungenen, glücklichen Start in dein Leben als Erwachsene in deiner Welt. Ich kann gar nicht fassen, dass ich das schreibe- für mich bleibst du immer meine Kleine, mein Minchen. Ich liebe dich, Minchen!

Alles Liebe, Mama"

"Ich kann euch doch gar nicht vergessen," wisperte Hermine, stand auf und ging zum Fenster. "Guten Morgen, Mama und Papa! Danke für eure Briefe, ich wünschte, ihr wärt hier!" Sie blies einen Kuss in den Wind. "Ich gebe mein Bestes, versprochen!"

Wieder musste Hermine eine kleine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Sie vermisste ihre Eltern, ihre Familie, das einfach-komplizierte Leben eines ganz normalen Bücherwurms in der Muggelwelt. In der Zauberwelt hatte sie zwar zum ersten Mal Freunde gefunden, aber ihre Familie lebte noch immer in einer anderen Welt, und je länger sie sich in der Zauberwelt aufhielt desto weiter driftete sie von ihnen fort. Es zerriss ihr manchmal das Herz...

"Hey, Hermine- herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!" Parvati war noch ziemlich verschlafen, ihr langes, dunkles Haar verwuschelt, aber sie lächelte ihre Klassenkameradin an. "Du bist ja jetzt volljährig!" Hermine nickte.

"Danke, Parvati- hab ich dich aufgeweckt? Das wollte ich nicht." Parvati winkte ab.

"Nee, ich bin heute nur früher aufgewacht, weiß nicht, warum. Was meinst du, feiern wir heute abend eine kleine Party?" Hermine schüttelte den Kopf.

"Ich hab Astronomie um Mitternacht und lege mich vorher noch ein bisschen hin sonst bin ich morgen erledigt," entgegnete sie. Parvatis Gesicht fiel, sie war enttäuscht, aber Hermine sah nicht ein, dass sie nun plötzlich eine Party feiern sollte nachdem sie es die Jahre zuvor nie getan hatte. Nein, sie war die vernünftige, intelligente junge Hexe die mehr Wert auf ihre Studien als auf Gesellschaften legte.

Dennoch war sie sehr traurig als weder Ron noch Harry ihr beim Frühstück 'Alles Gute' wünschten. Selbst Ginny war nur kurz angebunden. Die beiden Jungen schaufelten ihre übliche Portion in sich hinein und sausten dann, ohne sie eines Blickes zu  würdigen, vom Tisch weg. Im Unterricht hielten sie Abstand- es war das erste Mal, dass Hermine ihren Notizen in Verwandlung keine Auferksamkeit schenkte. Sie konnte sie sich vielleicht von Harry holen, der mit einem solchen Eifer auf seinem Pergament herumkritzelte dass es beinahe zerriss.

Auch beim Mittagessen war sie wieder alleine. Daphne Greengrass und ein paar Ravenclaws aus ihrer Arithmantikklasse gratulierten ihr, die Hufflepuffs, denen sie Nachhilfe in Verwandlung gegeben hatte sangen ihr sogar ein Ständchen, aber nicht ein einziger der Sechstklässler von Gryffindor erwähnte ihren Geburtstag auch nur mit einem Wort.

Der Nachmittag war für alle Gryffindors ein langer. Hermine selbst hatte Zaubereigeschichte, ein Fach, das sie gewählt hatte weil auf dem UTZ-Level endlich auch neuere geschichtliche Entwicklungen thematisiert wuden, und Alte Runen. Professor Binns kannte zwar ihren Namen- eine Errungenschaft, die niemand sonst aus dem ganzen Jahrgang mit ihr teilte- aber das machte seine Vorträge auch nicht interessanter. Und in Alte Runen wurde die Klasse nur in die Bibliothek geschickt, um für ein großes Schutzzauberprojekt, das Anfang Oktober stattfinden sollte, zu recherchieren. Sie war also ziemlich am Ende mit ihrer Geduld, ihrer Kraft und ihren Nerven als sie am Spätnachmittag in den Gryffindorturm zurückkehrte. Nicht einmal die Dicke Dame wagte es, sie anzusprechen obwohl sich das klatschsüchtige Porträt sonst von nichts vom Reden abhalten ließ.

Der Gemeinschaftsraum war verlassen, nur ein paar Erst- und Zweitklässler spielten in einer Ecke Koboldstein. Hermine seufzte und warf ihre schwere Schultasche auf einen Tisch nahe des Kamins. Ihre rechte Schulter schmerzte, weil sie sie den ganzen Tag lang umhergeschleppt hatte und weil seit Alte Runen noch drei Runenlexika mehr zu ihrer Last hinzugekommen waren. Ron und Harry waren noch immer nirgends zu sehen. Harry hatte eine Entschuldigung- er musste von Dumbledores Büro bis zum Turm gehen nach seinem Unterricht bei Dumbledore, aber Ron?

Das Licht im Gemeinschaftsraum flackerte für einen Moment. Hermine runzelte misstrauisch die Augenbrauen und umklammerte ihren Zauberstab fest mit der rechten Hand, noch ohne ihn aus ihrem Gürtelhalfter (eines von Harrys Geburtstagsgeschenken seiner Fans von denen es genug für Ron, Ginny und sie selbst gegeben hatte) zu ziehen.

Sobald das Licht ausging, war sie bereit. "Lumos!" rief sie mit lauter Stimme und duckte sich hinter den Tisch, auf dem ihre Tasche lag. Als hätte der Gemeinschaftsraum nur darauf gewartet erstrahlten mit ihrem Zauber hunderte von Kerzen, die in der Luft die Worte 'Happy Birthday, Hermine' bildeten.

Dann entzündete sich ein Feuerwerk, das nur von den Weasley-Zwillingen stammen konnte. Je mehr der vielfarbigen Feuerräder, Raketen und Knaller im Gemeinschaftsraum umherschwirrten desto vielstimmiger wurde der Gesang- jeder der Feuerwerkskörper spielte 'Happy Birthday to you'. Am Ende klang es, als stünde ein ganzes Symphonieorchester mit großem Chor im Gryffindor-Gemeinschaftsraum.

Und dann gingen alle Lichter wieder an. Alle Gryffindors standen in einer breit grinsenden Phalanx Hermine gegenüber. "Alles Gute zum Siebzehnten!" riefen sie unisono, allen voran Ron und Harry.

Hermine rannte mit Tränen in den Augen zu ihren beiden Freunden und umarmte sie so fest sie konnte. Ron lief violett an, wie Harry bemerkte, aber es konnte auch am Sauerstoffmangel liegen.

"Ich glaub... ich kann nicht glauben, dass ihr das geschafft habt!" Hermine war ganz aus der Fassung. "Ich dachte, ihr habt es ganz vergessen!"

"Wir sind gut, nicht?" grinste Ginny die beiden Jungen und ihre Freundin an, "war gar nicht so einfach, den Disillusionierungszauber zu lernen!"

"Danke!" rief Hermine.

"Und jetzt... leitete Dean Thomas gemeinsam  mit Seamus Finnegan ein. Alle Gryffindors holten tief Luft.

"PARTY!!!"

Die Butterbierkästen, die Flasche Feuerwhisky (Ron hatte durchgesetzt, daß sie zu Hermines Volljährigkeit geöffnet werden mußte, und Harry und Ginny hatten eingelenkt, schließlich konnten sie Dung immer wieder auf eine neue Flasche ansetzen), ein Buffet mit den leckersten Speisen und Nachtischen und mehrere Krüge mit eisgekühltem Kürbissaft materialisierten sich mit zwei Hauselfen und einem Krachen.

"Tinsy und Dobby wünschen Miss Hermine Alles Gute!" quieksten die beiden Hauselfen und schnippten sich auf ein Zeichen Harrys hin wieder davon bevor Hermine ihnen ihren B.Elfe.R-Vortrag halten konnte.

"Oh, ihr..." Hermine wusste gar nicht, ob sie ihren besten Freunden böse sein oder sie umarmen sollte. "Danke," sagte sie schließlich.

"Deine Geschenke," meinte Harry und deutete auf einen Stapel, der dem an seinem eigenen Geburtstag in nichts nachstand. Hermine lachte- und wenig später flog das Verpackungspapier. Die Mädchen und Jungen aus ihrem Jahr hatten ihr gemeinsam eine dauerhaft federleichte Schultasche mit erhöhter Speicherkapazität (bis zu fünfzehn große Bücher) geschenkt. Von Ginny bekam sie ein paar neue Stricknadeln mit Selbststrickfunktion. Die jüngeren Gryffindors beschenkten ihre Vertrauensschülerin mit Süßigkeiten, neuen Federn, wunderschönem Briefpergament oder (im Fall der anderen Fünftklässlerinnen) mit Zauber-Makeup. Die besten Geschenke aber waren von Ron und Harry.

Die kleine Schleiereule, die Dung Fletcher mit Dobby und dem Buffet in den Turm geschickt hatte, schuhuhte fröhlich, als Hermine sie aus ihrem verdunkelten Käfig befreite.

"Oh, Harry- woher wusstest du...?" fragte Hermine überglücklich. Endlich konnte sie ihren Eltern öfters schreiben, und diese ihr.

"Ich dachte, du willst ein bisschen mehr Kontakt mit deinen Eltern," sagte er leise und fast scheu. Hermine umarmte ihn so fest, dass seine Rippen knackten und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. "Das ist eines der besten Geschenke, die ich je bekommen habe!" meinte sie und drehte die kleine Eule in ihren Händen  hin und her, was sie mit erstaunlicher Geduld über sich ergehen ließ. "Ich nenne ihn Menelaus (6)!"

 Harry wurde rot und bemerkte, dass Ron seltsam zu ihnen hinüber sah. Er hatte seinem Freund einen Blankoscheck für sein Verlies in der Gringotts-Bank gegeben und wunderte sich, was Ron wohl eingekauft haben mochte.

"Für dich, 'Mine," meinte der rothaarige Junge sobald Hermine Harry losgelassen hatte und hielt ihr ein kleines Päckchen hin, das in schillernd goldenes Papier gehüllt war. Vorsichtig zog Hermine das Papier ab und öffnete die kleine, blank polierte Wurzelholzschatulle, die darin gesteckt hatte.

Als ihr ein begeistertes Keuchen entfuhr wusste Harry, dass Ron etwas ganz besonderes gefunden hatte. Und tatsächlich hob Hermine eine dünne, goldene Kette aus der Schatulle. An dieser Kette hing etwas, das wie eine Kreuzung aus einem dreikarätigen, lupenreinen Diamanten und einem Sonnenstrahl schien. Ein mildes Licht strahlte von dem Anhänger an der Kette aus und wenn man ganz genau hinhörte schien es, als sänge weit entfernt ein Phoenix.

"Es ist eine gefrorene Phoenixträne in einem Stasis-Zauber," erklärte Ron einer vollkommen überrumpelten Hermine. "Sie bringt Glück und Ruhe, und wenn du den Zauberspruch, der oben in der Schatulle eingraviert ist, sprichst dann wird sie wieder flüssig und kann angeblich dein Leben retten."

Harry wusste, dass sie das konnte- sein Leben war von Phoenixtränen gerettet worden, als er zwölf Jahre alt war. Hermine war sprachlos- zum ersten Mal in ihrem Leben fand sie keine Worte. So mussten eben Taten sprechen...

Ron fand sich schneller in einer ihrer Umarmungen wieder als er gedacht hätte- doch die größte Überraschung war der begeisterte, dankbare, liebevolle Kuss, den sie mitten auf seinem Mund plazierte. Ganz Gryffindor applaudierte, und dann ging die Party richtig los.

Die Astronomie-Stunde war lang vergessen noch bevor sie herangekommen war.

 

... to be continued ...

 please review!

Information:

(1)http: //www .bikez. com/bike/index .php?bike=10480 (natürlich ohne die spaces dazwischen)- Ein Bild des 'Schwarzen Schattens', nur leider in rot. Das Ding ist echt schnell für ein klassisches Bike... oh, und falls ihr es nicht gemerkt haben solltet: ich bin ein FAN von Rennmaschinen!

(2) Culter= lat. Messer. KISS, ne?

(3) fleischfressende Rosenbüsche sind nicht von mir, sie gehören Gundam Wing!

(4) Mein BF wurde mal in die Nase geboxt. Die beschriebene Reaktion fand statt.

(5)Chapter and notes by: Brandy; last revision by: Neli, 2004-09-30

  (6) Menelaus: In der griechischen Sage Ehemann von Helena, Vater eines Sohnes und einer Tochter, Hermine.

*grins* Harrys Reaktion auf Ginnys Frage entspricht genau der, die meine beste Freundin Neli gezeigt hat, als sie in den Sommerferien von einem Junge gefragt wurde, ob sie ihm helfen kann, für sein Französisch-Examen an der Sprachschule zu üben. Sie hat mal wieder in fließendem Französisch gemeint, sie könne kein Französisch und mich später tatsächlich gefragt, was das jetzt war. Und dann hat sie sich ganz brav neben ihn gesetzt und unregelmßige Verben gepaukt.

Brandys Soundtrack:

Enya: Wild Child, China Roses

Schumann: Waldszenen

Various: Harfenkonzerte

Georges Bizet: Au fond du temple saint (Freundschaftsduett aus Les pécheurs des perles) mit Marcello Alvarez und Salvatore Licitra

The Prince of Denmark's March (Trumpet Voluntary- gezwungenermaßen, mein Nachbar übt das gerade...)

F. Chopin: Tarantelle (weil ich das gerade übe...)

R. Schumann: Widmung (weil ich das auch gerade übe...)

Nächstes Kapitel:

Pflege Magischer Geschöpfe ist meist ein gefährliches Fach, besonders, wenn Hagrid einen neuen Liebling hat. Die Gringotts-Kobolde haben etwas vor, und der Sprechende Hut mischt auch noch mit... freut euch also auf Hagrids neues Haustier, coming soon to a computer screen near you!

Die Federn seiner Flügel strahlten, obwohl die Sonne sich hinter schweren, dunklen Wolken versteckte. Er war in jeder Hinsicht ein Geschöpf des Lichts und der Wärme, und Baby wusste, dass die Schüler ihn bewunderten- warum sonst hätte er wohl diesen Moment gewählt um mit einem lauten Gähnen seine eindrucksvollen Reißzähne zu präsentieren?

 

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