Hermine fiel in Ohnmacht. Ron konnte sie gerade noch auffangen, bevor sie auf den steinernen Treppenstufen vor der Tür aufgeschlagen wäre. Harry stolperte und rutschte an der (neuen) Dielenwand herunter; barg den Kopf mit einem Stöhnen in den Armen. Ron war der Einzige der drei, der sich nicht auf die eine oder andere Art und Weise zum Affen machte sondern sich ruhig an Remus wandte.
"Wo sind sie?" fragte er leise. Die Tatsache, dass er leise sprach, konnte allerdings als Beweis dafür gewertet werden, wie tief bei ihm der Schock saß, dachte Harry während er versuchte, die in ihm aufsteigende Panik zu unterdrücken. Nach allem, was an diesem Tag schon geschehen war, konnte die Ankunft eines Examensergebnisses doch nicht mehr so schlimm sein!
>Aber das Fangen eines Schnatzes in einem Geschäft bestimmt nicht meine Zukunft oder mein Leben<, dachte er verzweifelt. Remus war es, der ihn schließlich auf die Füße zog.
"Harry, fall du nur nicht auch noch um- Tonks musste Hermine mit Ennervate wecken." Harry wurde nur noch grüner im Gesicht. Remus fuhr sich mit einer Hand über das angestrengte Gesicht.
"Also, wenn ihr dann soweit seid, die Briefe liegen auf dem Küchentisch.", sagte er.
Harry glaubte nicht, dass er jemals so weit sein würde. Hermine dachte da leider anders. Kaum wieder bei Bewusstsein schnappte sie sich Rons Arm- seinem Gesichtsausdruck nach hatte sie ihre Finger zu diesem Zweck in eine Schraubzwinge verwandelt- und zerrte ihn in Richtung Küche.
"Bist du sicher, dass es unsere ZAGs sind, Remus?" fragte sie mit einer Stimme, die eine Oktave höher war als normal. Ihre braunen Augen waren weit, und ihre Ohren rot vor Aufregung.
"Steht auf dem Umschlag", sagte Remus und lehnte sich, mit einem kleinen Schmunzeln, gegen den Pfeiler des Treppengeländers. Er wirkte sehr, sehr müde. Tonks, die die Jugendlichen begleitet und beschützt hatte, trat neben ihn und legte ihm einen Arm um die Schultern, wie um ihn zu stützen.
"Oh…! Ähm.. ja.", sagte eine sichtlich irritierte Hermine und zerrte nun heftiger, den sich sträubenden Ron, in Richtung Küchentür.
Harry schluckte seine Übelkeit herunter. Es half auch nichts, den Moment herauszuzögern. Er hätte zwar hundertmal bevorzugt dass Voldemort in der Küche auf ihn wartete statt seiner Examensergebnisse, aber er marschierte (so gut es mit einem magisch geschienten Bein ging) resolut bis zum Küchentisch und war der erste der Freunde, der unter den neugierigen Blicken und begeisterten Quieksern der Zuschauer seinen Umschlag in die Hand nahm.
"Alle gemeinsam?" fragte Ron, die Sommersprossen in seinem Gesicht die einzigen Spuren von Farbe. Er wurde grün, als er das Siegel des Zaubereiminsteriums auf der Rückseite ansah.
"Alle zusammen?" fragte Hermine zitternd. Harry nickte, er fühlte sich zu unsicher um zu sprechen.
Wie ein Mann fassten sich die Mitglieder des Goldenen Trios von Gryffindor ein Herz, und das laute Geräusch von zerreißendem Pergament schnitt durchdringend durch die drückende Stille in der Küche des Grimmauldplatzes Nr.12.
Harrys Finger waren schweißnass, aber nun, da der Umschlag schon einmal offen war wollte er nicht länger warten, um seine Noten zu erfahren. Zittrig entfaltete er das erste Blatt, ein offizieller Brief der Prüfungsbehörde.
Sehr geehrter Mr Potter,
Anbei finden Sie die Ergebnisse Ihrer ZAG-Prüfungen, die Tabelle der landesweiten durchschnittlichen Ergebnisse sowie die Liste der für Sie wählbaren Fächer, beigelegt von Ihrer Schule.
Wir möchten Ihnen auch im Namen Ihrer Schule unsere herzlichsten Glückwünsche zu Ihren bestandenen ZAGs aussprechen und wünschen Ihnen das Beste für Ihre Zukunft.
Mit freundlichen Grüßen,
i.A. Griselda Marchbanks
- Zaubereiprüfungsbehörde –
Harry überflog den Brief nur, seine Aufmerksamkeit richtete sich fast sofort auf das sehr viel dickere, mit einem Wasserzeichen in Form des Siegels des Zaubereiministeriums versehene zweite Blatt- seine Noten. Er ließ es beinahe fallen während steife, bebende Finger es auseinanderfalteten. Dies war er- der Moment der Wahrheit. Er schickte ein kurzes Stoßgebet an Merlin, Gryffindor und alle großen Zauberer und las.
ZAG- Ergebnisse 1996
Name der Schule: Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei
Name des Schülers: Harry James Potter
Fach theor. prakt. ges. in% Gewichtg
| Fach |
theoretisch |
praktisch |
gesamt |
in Prozent |
Gewichtg. |
| Verwandlung |
O- |
O |
O |
104 |
2 |
| Zaubertränke |
O- |
O |
O |
93 |
2 |
| Zauberkunst |
O |
O |
O |
95 |
2 |
| Zaubereigeschichte |
M |
- |
M |
48 |
1 |
| Vert. gg. die Dunklen Künste |
O+ |
O++ |
O++ |
130 |
2 |
| Kräuterkunde |
A |
E |
E- |
81 |
1 |
| Wahrsagen |
S |
S- |
S- |
31 |
1 |
| Pfl. Mag. Geschöpfe |
- |
O+ |
O+ |
115 |
1 |
| Astronomie |
A |
n.s.[1] |
- |
- |
1 |
| |
|
|
|
|
|
| Gesamt ZAGs |
|
|
|
|
10 |
| Gesamt in Prozent |
|
|
|
93 |
|
[1] n.s. = nicht stattgefunden, wird an noch bekannt zu gebendem Termin wiederholt
Bestandene ZAGs: 10 (+1 Astronomie)
Nicht bestandene ZAGs: 2
In Ihrem Jahrgang stehen Sie an 4. Stelle von 40 in der akademischen Rangfolge.
Landesweit stehen Sie an 15.
Stelle von 237 in der akademischen Rangfolge.
Seine ZAG-Ergebnisse. Harry glaubte zunächst, es läge eine Verwechslung vor. Nicht nur, dass er es in Snapes UTZ-Zaubertrankklasse geschafft hatte, nein, er hatte sich irgendwie auch unter die ersten Fünf in seinem Jahrgang gemogelt. Oder vielleicht hatte diese Griselda Marchbanks, die ihn in seinem Zaubertrankexamen beaufsichtigt hatte, an seinen Ergebnissen gedreht... er war schließlich Harry Potter.
Oder vielleicht... oder vielleicht hatte er es doch ganz alleine geschafft. Vielleicht hatte er endlich etwas, auf das er stolz sein konnte.
Er war mit Sicherheit nicht stolz darauf, dass Voldemort an seinem Versuch, ihn zu töten, als er ein Jahr alt war, gescheitert war Er war mit Sicherheit nicht stolz darauf, dass er es durch die Hindernisse bis zum Stein der Weisen geschafft hatte- das war Hermines und Rons Verdienst.
Ein Hippogreif und Remus Lupins besondere Fähigkeiten als Lehrer hatten Sirius gerettet. In seinem vierten Schuljahr gab es mehr, dessen er sich schämte als auf das er stolz war. Und sein fünftes Jahr war eine einzige große Enttäuschung- er hatte nichts geschafft, aber auch gar nichts.
Mit seinen ZAGs änderte sich das. Sie waren etwas, auf das niemand anders als er selbst einen Einfluss gehabt hat, etwas das einfach nur Harry geschafft hatte. Sicher, er hatte mit Hermine gelernt, und ohne ihr ständiges Drängen wäre es sicher nicht so gut gelaufen. Dennoch spürte er eine warme Welle des Stolzes auf sich selbst in sich aufsteigen. Diese Noten waren sein!
Fast hätte er da und dann aufgehört zu lesen, aber er erinnerte sich daran, dass auch noch ein Brief von der Schule in seinem Umschlag sein musste, und hinter seinem Notenblatt fand er ihn dementsprechend auch. Professor McGonagall selbst hatte geschrieben, es war ihre Handschrift, Harry nur zu gut bekannt von den vielen Notizen und Kommentaren in seinen Verwandlungsaufsätzen.
Sehr geehrter Mr Potter,
als Hauslehrerin von Gryffindor freue ich mich besonders, Ihnen zu Ihren exzellenten ZAG-Prüfungsergebnissen zu gratulieren. Ihrem Berufsziel als Auror steht nun vorläufig nichts mehr im Wege, insbesondere da Sie in den vier 'Kerndisziplinen' eines Aurors, Zauberkunst, Zaubertränke, Verteidigung gegen die Dunklen Künste und Verwandlung jeweils die Note 'Ohnegleichen' erhalten haben. Ihr ZAG- Ergebnis in Verteidigung gegen die Dunklen Künste ist das höchste in ganz England in 30 Jahren- das Zaubereiministerium wird Sie aus diesem Grund zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal anschreiben.
Auch Ihre Plazierung auf nationalem Level unterstreicht Ihre Leistung.
Ich habe Ihnen zu Ihrem Berufsziel eine Liste der wählbaren Fächer zusammengestellt. Wie im Dritten können Sie auch im Sechsten Jahr wieder alle Wahlfächer wählen, allerdings können Sie Fächer, die Sie im Dritten Jahr nicht gewählt haben, nur auf dem ZAG-Level wählen.
Mindestanforderung für das Sechste Jahr sind fünf Kurse auf dem UTZ-Level.
Sämtliche Unterrichtserlasse, die Dolores Umbridge im letzten Jahr eingeführt hat, sind widerrufen. Ich freue mich, Sie zurück im Quidditch-Team von Gryffindor begrüßen zu können.
Ich wünsche Ihnen ein gutes Jahr!
Mit freundlichen Grüßen,
Minerva McGonagall, stellvertretende Schulleiterin
Liste der wählbaren Fächer für Harry James Potter
UTZ-Level:
Verwandlung für Fortgeschrittene
Zauberkunst für Fortgeschrittene
Zaubertränke für Fortgeschrittene
Verteidigung gegen die Dunklen Künste für Fortgeschrittene
Pflege Magischer Geschöpfe für Fortgeschrittene
Astronomie (provisorisch) - Basislevel
Kräuterkunde für Fortgeschrittene
ZAG- Level
Alte Runen
Arithmantik
Muggelkunde
Zaubereigeschichte
Wahrsagen
In diesem Jahr wird außerdem ein Kurs in Grundlagen der Heilkunst für die Schüler des Sechsten und Siebten Jahres angeboten.
Harry ließ den Brief auf seinen Schoß sinken und wurde sich dabei der Blicke seiner Freunde bewusst, die auf ihm harrten.
"Was ist?" fragte er gereizt. Er musste so viel Information erst einmal verdauen. Hermine nickte Ron aufmunternd zu
"Äh... wie ist's gelaufen?" fragte dieser. Harry schluckte seine Gereiztheit schnell herunter- seine Freunde konnten nichts dafür, dass er so aufgewühlt war.
"Ganz OK", antwortete er mit einem verschmitzten Grinsen um die Mundwinkel. Rons Schultern sackten nach unten.
"Was meinst du mit 'ganz okay'? Ich habe 12, 13 mit Astronomie, aber in Alte Runen hab ich es vermasselt, nur E... alle anderen sind aber O... und in Zauberkunst und Verwandlung sogar O+... aber in Alte Runen... ich hab doch gewusst, dass ich ehwaz und eihwaz verwechselt hatte! Aber wie war es nun bei dir, Harry?" stieß Hermine hervor, Sie war noch immer halb im Schockzustand über die Ankunft der ZAG-Briefe. Harry grinste breit und offen.
"Uh... schau selber", sagte er und hielt ihr sein Blatt mit den Noten hin. Ron spähte begierig über Hermines Schulter, und wenig später fand er sich in einer engen Umarmung seiner beiden besten Freunde.
"Das... das ist verdammt gut.", sagte Ron während er scheinbar versuchte, Harrys Rippen zu brechen.
"Ich wusste, dass ihr es könnt!" quiekte Hermine begeistert, "und sagt noch einmal was gegen meine Studienpläne!"
"Ich... Luft", ächzte Harry, aber innerlich strahlte er. Die Anerkennung, die er für seine ZAGs bekam, war ihm nicht zuwider, hier war er sich sicher, dass er etwas geleistet hatte. Ron und Hermine ließen ihn los, als sie bemerkten, dass er rot anlief.
"Was... wie war's bei dir, Ron?" fragte er. Ron zuckte die Achseln. "10 ZAGs mit Astronomie", meinte er, "hab's in Zaubertränke nur ins Basislevel geschafft und deswegen nur einen ZAG dafür bekommen."
Harrys gute Laune schmolz ein wenig in sich zusammen. "Wie? Du bist nicht..?"
"Nee", sagte Ron fröhlich, "nie wieder Snape! Und wenn ich professioneller Quidditchspieler oder Zaubererpolizist werden will, dann brauche ich nicht unbedingt Zaubertränke."
"Aber..." Harry konnte nicht einmal in Worte fassen, was er dachte.
"Tja, sieht so aus als wären du und ich allein mit Snape", meinte Hermine achselzuckend.
"Aber... dann haben wir ja gar nicht mehr unsere Kurse zusammen!" sagte Harry entsetzt.
"Das ist sowieso so- hast du nicht gehört, im Sechsten und Siebten Jahr werden die Schüler aus allen Häusern in die Fortgeschrittenen- und Basiskurse aufgeteilt. Du hast nicht mehr alle Kurse mit den Leuten aus deinem Haus." erklärte Ron, mit den Augen rollend. Harry wurde rot. Er hatte es nicht gehört- wieder einmal eine Sache, in der er in der Zauberwelt Aufgewachsenen nachstand.
"Mal was anderes", warf Hermine ein, "nehmt ihr diesen Heilkurs? Ich habe schon darüber nachgedacht, ob ich nicht Medizauberer oder Heiler werden soll... meine Eltern fänden das auch gut, wenn ich schon nicht Zahnärztin werde... und ich denke, dass Pomfrey wahrscheinlich unterrichtet, und sie ist eine sehr gute Heilerin."
"Uh... ich denke, es ist nicht schlecht, wenn wir alle ein paar Heilzauber können," sagte Harry, "ich meine, mit allem, was passiert ist..."
"Klar, und wenn wir mal wieder durch irgendwelche Schachspiele müssen oder so dann können wir uns helfen." bestätigte Ron.
"OK, dann nehmen wir das also alle drei?" fragte Harry. Ron und Hermine nickten, Letztere eindeutig mit mehr Enthusiasmus als Ersterer.
"Ansonsten nehme ich nur die vier Grundfächer... und Kräuterkunde und Magische Geschöpfe." sagte Ron, "Ich hab schließlich noch an was Anderes zu denken."
Harry zog die Augenbrauen hoch. "An was?"
Ron wurde tomatenrot und zog eine goldene, kleine Plakette aus seinem Brief hervor. "Ummm... McGonagall hat geschrieben, dass Katie Bell nicht wollte und weil ich als Einziger dann im letzten Jahr und in diesem Jahr im Team bin... na ja, ich bin Quidditch-Kapitän!" sagte er stotternd.
"Klasse!" meinte Harry, obwohl er einen scharfen Stich der Eifersucht in der Brust verspürte- schließlich war er der jüngste Spieler in einem Jahrhundert und einer der besten Sucher von Hogwarts. Aber wahrscheinlich dachte Dumbledore wieder einmal, dass die Leitung des Quidditchteams Harry zu viel abverlangen würde...
"Herzlichen Glückwunsch, Ron!" rief Hermine, lehnte sich nach hinten, weil Ron noch nicht aus der Position hinter ihr gewichen war und gab ihm einen leichten Kuss auf die Wange. Harry fühlte sich an das Ende seines vierten Schuljahres erinnert, als Hermine ihm dieselbe Behandlung hatte zukommen lassen. Allerdings war sie damals nicht so pink angelaufen...
"Hey, Ron- was meinst du, kannst du mich als Sucher gebrauchen? Oder soll ich es lieber mal als Jäger versuchen, wenn Ginny lieber..." Harry schluckte seine rohe Eifersucht herunter. Ron hatte es nicht verdient- er hatte schließlich einen Traum gehabt, den er leben wollte- und konnte, im Gegensatz zu ihm selbst. Er pflasterte ein breites Grinsen auf sein Gesicht, als Ron auffuhr.
"Ob ich dich als Sucher- Harry, dein Bann ist weg! Zum Teufel ja, du wirst wieder Sucher- und du kannst mir helfen, wir müssen so viele Strategien planen!" Ron war schon in Gedanken auf dem Quidditchfeld.
"Aber denk nicht, dass du deswegen deine Pflichten als Vertrauensschüler vernachlässigen kannst." fügte sie mit strengem Blick aber seltsam schwacher Stimme hinzu.
"Denk nicht dran." meinte Ron abwesend und wischte mit dem Ärmel über sein neues Abzeichen. Hermine plusterte sich schon auf, bereit, Ron einen weiteren Vortrag über seine miserable Vorstellung als Vertrauensschüler zu geben als Mrs. Weasley, rot im Gesicht und etwas außer Atem durch die Küchentür geplatzt kam.
"Eure ZAGs, Kinder! Ich kann es nicht glauben... Wie ging es dir, Ron? Ich hoffe doch, du hast mehr als die Zwillinge... und Harry, Hermine, wie lief es bei euch? Na?" Sie stemmte die Hände in die Seite und stellte sich fordernd vor die drei Freunde.
"Uh... na ja," meinte Ron und händigte ihr sein Notenblatt aus, "ganz okay."
Mrs. Weasley stieß einen Freudenschrei aus, umarmte und küsste einen sichtlich peinlich berührten Ron unter den amüsierten Blicken von Harry, Hermine und- sie war hinter Mrs. Weasley in die Küche gekommen- Ginny.
"Oh, Ron, 9 ZAGs, das ist wunderbar! Fast so gut wie Bill und Percy! Wir haben den dritten Schulsprecher in der Familie!" Sterne leuchteten in ihren Augen. Ron wurde tomatenrot, nicht aus Verlegenheit, sondern aus Stolz.
"Solltest mal Hermine sehen- sie hat 12, mit Astronomie 13! Und alles Ohnegleichen, außer Alte Runen." wehrte er ab, konnte aber nicht verhindern, dass er dabei schnurrte wie eine zufriedene Katze.
"Wie schön, Liebes." meinte Mrs. Weasley und zog auch Hermine in eine warme Umarmung, die diese sehr viel angenehmer fand als Ron die Seine.
"Und du, Harry?" fragte Mrs. Weasley, ihr Blick wieder scharf. Harry schluckte.
"Ummm... 10, Mrs. Weasley?" sagte er. Im nächsten Moment erstickte auch er beinahe in Mrs. Weasleys Armen, und wurde beinahe so rot wie Ron, da er Ginny im Hintergrund kichern hörte.
"Glückwunsch, Harry- ist das nicht ein wundervolles Geburtstagsgeschenk? 10 ZAGs!" Sie geriet ins Schwärmen. Harry nickte höflich und lauschte ihren Erinnerungen an ihre älteren Kinder, die alle so exzellente Ergebnisse heimgebracht hatten.
"Ich glaube, jetzt habt ihr euch das redlich verdient- kommt mal mit!" Sie versuchte vergeblich, das begeisterte Funkeln ihrer Augen zu verbergen.
Neugierig folgte Harry Hermine, Ron, Ginny und deren Mutter. Er war langsamer als sie, nun, da nach einem langen Tag die Kraft seines linken Beines stark nachließ. Eigentlich wollte er nicht noch eine Überraschung erleben- es reichte!
"Keine Sorge, Harry, es wird dir gefallen." Remus Hand fiel auf seine Schulter. Der Werwolf war ebenso erschöpft wie das Geburtstagskind, in beiden Gesichtern waren tiefe Linien eingegraben und schwarze Augenringe sorgten im dumpfen Licht der Diele für ein untotes Aussehen.
"Ich mach mir keine Sorgen, und ich freu mich ehrlich." wehrte Harry wenig überzeugend ab. Remus verstärkte den Druck seiner Hand für einen Moment bevor er neben Harry in den langsamen Rhythmus seiner schlurfenden Schritte fiel. "Molly hat sich sehr bemüht" sagte er nur. Harry nickte.
Durch die halb geschlossene Tür zum Salon der, wie Harry sich erinnerte, noch immer mit den abgehackten Köpfen der Hauselfen dekoriert war, fiel ein dünner gelber Lichtstreifen.
"Alle da?" fragte Mrs. Weasley. Viermal 'ja' (und einmal 'nein' von Ginny) waren zu hören, dann öffnete Mrs. Weasley die Tür ganz.
"Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!" schallte es Harry entgegen. Er blieb einen Moment auf der Schwelle stehen, sein Mund halb offen vor Überraschung. Der Salon hatte sich von einem schmutzigen Doxynest in einen hellen, freundlichen Partyraum verwandelt, der mit magischem Konfetti, Luftschlangen, Luftballons und Girlanden verziert waren, die in allen Regenbogenfarben leuchteten. Über dem Kamin hing statt der Hauselfenköpfe ein großes Banner, auf dem in Rot und Gold 'Happy Birthday, Harry' stand. Fast der gesamte Phoenixorden war anwesend, inklusive eines fröhlich lächelnden Albus Dumbledore und eines finster blickenden Severus Snape. Die Geschenke (mit Ausnahme der Triumph), die er bekommen hatte, lagen auf einem Tisch an der Seite und hatten Zuwachs von ein paar kleinen Päckchen bekommen. Auf einem Buffet entlang einer der Längsseiten fand sich ein Angebot an Speisen, das Harry sonst nur an den Hogwarts-Festen zu sehen bekam. An der Decke zischten und knallten Wildfeurige Wunderknaller, formten Worte und Ornamente- es war eine richtige Geburtstagsfeier, die erste, die Harry je gehabt hatte.
"Steh nicht da rum, Harry! Komm, feiere mit uns!" Ginny zerrte ihn in die Mitte des Raumes. Die Anwesenden begannen, zu applaudieren, und Harry wurde rot.
"Uh... danke, dass ihr alle gekommen seid." sagte er leise, und Dankbarerweise schien das zu genügen- die Gäste kehrten zu ihren Tellern, Gläsern und Gesprächen zurück.
"Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Harry," sagte Dumbledore, der unvermittelt vor ihm aufgetaucht war. Harry wich einen Schritt zurück und verzog das Gesicht- sein Bein mochte keine schnellen Bewegungen. "Ich hoffe, dieser Tag war nicht zu ereignisreich- Poppy würde mich einen Kopf kürzer machen!" Er kicherte in seinen Bart und sah Harry aus wohlwollenden, blauen Augen an.
"Meine Glückwünsche auch zu deinen ZAGs- so viel ich weiß hat dein Vater dieselbe Anzahl erreicht, allerdings hatte er nicht die Ehre, eine der höchsten jemals erreichten Punktzahlen in Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu haben. Wenn Ms Granger nicht wäre, dann wärst du der einzige Schüler in Hogwarts, der so etwas in den letzten fünfzig Jahren erreicht hat. So teilst du dir die Ehre mit ihren Ergebnissen in Zauberkunst." Harry wusste nicht, was er sagen sollte.
"Uh...Äm… Danke Professor." sagte er schließlich. Dumbledore lächelte wieder.
"Minerva hat dir geschrieben, dass du noch einen Brief vom Ministerium bekommen wirst?" Harry nickte. "Gut... sie werden dir spezielle Kurse anbieten, Harry- es bleibt dir überlassen, ob du sie annehmen willst."
Harrys Augen weiteten sich. "Wirklich?" Dumbledore nickte.
"Ja, Harry- wenn du das Angebot annehmen willst, kannst du schon jetzt lernen, dich zu duellieren. Ich denke, dass du ein Tutorium bekommen wirst, das heißt, dass du einen Lehrer hast, der wahrscheinlich einmal pro Woche nach Hogwarts kommt. Ich kann deinen Lehrer vorschlagen..." Harry fühlte ein warmes Gefühl in sich aufsteigen. Konnte er etwa darauf hoffen, dass..?
"Ich denke, Remus Lupin wäre ein ausgezeichneter Tutor, oder?" Harrys Herz hüpfte vor Freude.
"JA!" jubelte er, ehe er sich erinnerte, mit wem er sprach, "ich meine: Ja, Professor! Das wäre er." Dumbledore senkte den Blick
"Ich muss jedoch auch auf etwas anderem bestehen- selbst wenn du die Grundlagen nun gemeistert hast besteht weiterhin Notwendigkeit für ein Training in Okklumentik." Harry schluckte. Das hatte er nicht kommen sehen. Er hatte erwartet, dass er mit seiner neu gefundenen Gabe, die weißen Wände aufzubauen endlich von den langen, schmach- und schmerzvollen Stunden mit Snape befreit war.
"Ist das.. wirklich nötig, Professor?" fragte er. Dumbledore seufzte.
"Ich fürchte, ja. Lass es uns allerdings für diesen Abend einfach vergessen- wir werden in Hogwarts weiter darüber sprechen. Und jetzt solltest du feiern gehen- Ms Weasley scheint ebenso zu denken," schloss Dumbledore mit einem amüsierten Unterton in der Stimme. Harry gab sich damit zufrieden. Es war schließlich nicht so, als würde er nicht einsehen, dass er andere vor sich und Voldemort schützen musste. Er wollte nicht noch jemanden töten. Aber noch mehr Zeit mit Snape zu verbringen, der wegen seiner Anwesenheit in den fortgeschrittenen Zaubertrankklassen schon unausstehlich sein würde... Harry seufzte, entschloss sich aber dazu, trotz dieser Aussichten seine Party zu genießen. Schon deswegen, weil Ginny mit einem Ausdruck wie ein Mutterdrachen auf dem Gesicht auf ihn zusteuerte.
"Harry James Potter! Was denkst du dir dabei, auf deiner eigenen Geburtstagsparty so ein Gesicht zu machen? Du kommst jetzt sofort mit, isst etwas- glaub ja nicht, ich weiß nicht, dass du deinen Eisbecher kaum angerührt hast- und amüsierst dich!" Das tat er eigentlich schon- ein rothaariges Mädchen, das sein ganzes Temperament wegen etwas so Trivialem wie einer Geburtstagsfeier zum Einsatz brachte, war ein guter Grund dafür.
"Ich komm schon, Ginny.", beruhigte er sie und grinste. "Hatte nichts anderes vor."
Es war eine lange, laute, fröhliche Feier. Fast jeder der Gäste fiel einem der Scherze von Fred und George zum Opfer, die diese zum Entsetzen ihrer Mutter in den verschiedensten Speisen und Getränken untergebracht hatten. Harry brachte Tonks wieder zum Lachen, als er, entrüstet über seine orangefarbenen Haare und die violetten Hörner auf der Stirn diese zum Verschwinden brachte.
"Und er will es immer noch nicht glauben." kicherte sie. Harry schnitt eine Grimasse, versuchte aber weiter, jeden Scherz der Zwillinge aufzuspüren. Die blaue Haut, roten Augen und gelben Haare, die der Scherz im Kürbissaft hervorrief behielt er sogar- Hermine hatten sie gefallen. Aber Hermine hatte auch kleine, singende Feen in den rosa Haaren, die 'Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann' sangen, grüne Schlangenaugen und Flossen statt Händen.
Ginny war von allen am Glimpflichsten davongekommen- sie hatte nur ihre Haarfarbe in Smaragdgrün geändert. Fred und George hatten versprochen, dass keiner der Scherze mehr als eine Stunde halten würde, eine Vorsichtsmaßnahme falls einer der Auroren Fortgerufen wurde.
Irgendwann im Laufe des Abends war Harry Snape über den Weg gelaufen, aber statt dass er ihn angefeindet hätte hatte er ihn mit einer Art widerwilligen Respekts betrachtet (was angesichts seiner definitiv violetten Gesichtsfarbe nicht einfach zu erkennen gewesen war). Harry hatte sich beherrscht und kühl zurückgeblickt. Nach ein paar Sekunden des Schweigens hatte Snape schließlich die Stille gebrochen.
"Glückwunsch zu Ihren ZAG-Ergebnissen. Ich sehe Sie dann in meiner Klasse." Er hatte die Worte förmlich ausgespuckt bevor er wie eine violette Fledermaus davon gerauscht war. Harry war für einen Moment versteinert gewesen- war die Welt gerade untergegangen, oder der Himmel eingestürzt, oder hatte Snape ihm tatsächlich zu etwas gratuliert?
Abgesehen von diesem doch eher... seltsamen Erlebnis hatte Harry noch nie so viel Spaß gehabt. Er konnte lachen, einfach nur er selbst sein und niemand erwartete etwas von ihm. Seine rechte Hand schmerzte fast ein wenig von all den Händedrücken, die er bekommen hatte, und er sonnte sich in der Anerkennung, die er für seine ZAGs bekam. Für ein paar Stunden rückten der Krieg, die Prophezeiung und der Tod in weite Ferne, und Harry war ein ganz normaler Sechzehnjähriger.
Zu bald aber schlug die Uhr Mitternacht, und Mrs. Weasley scheuchte die letzten Feierer (unter ihnen Mundungus Fletcher, der eine Flasche Feuerwhisky auf dem Getränkebuffet gefunden und für sich beansprucht hatte) aus dem Haus. Harry, der nun halb eingeschlafen war vor Erschöpfung, schaffte es kaum die Treppen hoch und in sein Bett. Seine unausgepackten und ausgepackten Geschenke ließ er im Salon, er hatte nicht die Kraft, sie auch noch die Treppe hinaufzutragen. Sein Schnatz flatterte aus seiner Jeanstasche, und weil er nicht mehr schnell genug war, ihn einzufangen, zog er leise sirrend Kreise um sein Bett. Harry kümmerte das nicht- er war selbst zu erschöpft, einen Verstummungszauber zu sprechen. Bevor er einschlief, erinnerte er sich daran, dass er eigentlich Dumbledore nach dem Ring hatte fragen wollen, der in Sirius' Brief gewesen war- dem Ring seines Vaters.
Harry glaubte, zu schlafen, aber plötzlich befand er sich in einem weitläufigen, steinernen Raum, in dem er rastlos auf und ab ging und vor sich hinmurmelte.
"Wo ist sie... wo kann sie nur sein... das Verlorene Königreich, steht geschrieben, aber wo ist sie?" Er hielt in seiner Wanderung inne. Sein Blick fiel auf die riesige Schlange, die träge vor einem mit Schlangereliefs verzierten Kamin eingerollt lag.
°Nagini!° zischte er, °wasssss weisssst du über die Quelle der Sssssstärke?° Die Schlange hob den Kopf und zischte leise, schmeckte mit ihrer Zunge die Luft ihrer Umgebung und den Mann, der vor ihr stand, ihren Meister.
°Nichtssss, Meissssster,° zischte sie zurück. Ihre perlenartigen, tiefschwarzen Augen starrten geradeaus. In ihnen spiegelte sich, was ein Teil von ihm schon befürchtet hatte- sein knochenweißes Antlitz mit den roten Augen. Er war nicht er selbst!
Sein Kopf schnellte nach oben. "Potter!" Der Teil von ihm, der wusste, dass dies nicht real war, versuchte verzweifelt, zu fliehen. Stählerne Wände schlossen ihn ein, fingen ihn in einem Käfig, den er nicht sehen, aber spüren konnte, so unbarmherzig wie der Wille der Kreatur, die ihn gefangen hielt.
"Wie schön, dass du auch einmal wieder zu Besuch kommst- das gibt mir die Gelegenheit, meine neueste Theorie zu testen." Er richtete seinen Zauberstab auf den Boden vor seinen Füßen, konzentrierte sich aber auf... ein anderes Ziel, etwas, das ihn mit Grauen erfüllte. Er schlug verzweifelt gegen sein Gefängnis- >Es kann nicht sein, es ist Wille gegen Wille! < - aber er hatte noch immer keinen Erfolg, und dann schlug er los.
"Crucio!"
Er lachte- nein, er schrie, nein, er lachte, schrie, lachte, schrie, lachte... er wurde wahnsinnig, er war gefangen, dann frei, dann wieder gefangen, er schrie, er lachte, und dann stürzte er, durch einen leeren Raum der Dunkelheit... und der Schmerz begleitete ihn.
"Harry!" Er blinzelte, die Dunkelheit war fort, vertrieben vom Schein zweier Zauberstäbe, vertrieben von zwei verschwommenen Gesichtern, die in seinem Blickfeld auftauchten, er war sich nicht sicher, der Schmerz hielt noch an, und er konnte nicht klar denken. Vielleicht war es nur ein Gesicht... aber jetzt waren es noch mehr, und so viele mit roten Haaren... der Schmerz wollte nicht aufhören, was geschah?
Die Gesichter sprachen, aber er konnte nicht hören, er wollte nicht hören, er wollte nicht mehr empfinden... er schrie nicht mehr, etwas in ihm wollte nicht, dass er schrie.
"Harry!" Das war sein Name. Er war wieder er selbst, er war wieder zu Hause, in Sirius' Zimmer. Und er musste... wenn er doch nur denken könnte!
"Harry, Okklumentik!" Dieses Wort... weiße Wände! Weiße Wände! Wenn er nur nicht so müde wäre...
"Harry!" Weiße Wand... sie stieg langsam auf, ersetzte die Gesichter eines nach dem anderen- wurde stärker, schloß die letzte Lücke- und der Schmerz hörte endlich auf.
"Ist es vorbei?" fragte jemand- Hermine. Das war Hermine.
"Es scheint so, Ms Granger." Warm, weich, beunruhigt. Dumbledore. Dumbledore, dessen Erfahrungen den Seinen so gleich waren.
"Weg da, seine Narbe hat angefangen zu bluten." Madam Pomfrey- und er hatte wirklich etwas Klebriges im Haar. Warm, nass, klebrig, und der Geruch nach Rost und Kupfer. Vorsichtig blinzelnd schlug er die Augen wieder auf.
"Harry!" Ron war weiß wie eine Wand, stand zu seiner Rechten, neben Hermine und Professor Dumbledore, dessen Zauberstab Licht spendete, zu helles Licht, er musste die Augen weiter wandern lassen. Zu seiner Linken stand Remus, bleich und abgespannt, sein Zauberstab die zweite Lichtquelle, neben ihm Ginny, die bleich und verschreckt mit großen Augen Harry anstarrte.
"Ron, Remus, Hermine, Ginny" krächzte er, trotz des missbilligenden Blicks von Madam Pomfrey, die gerade mit ihrem Zauberstab seine Narbe wieder versiegelte und danach mit etwas Kühlem und Feuchtem seine Stirn abwischte. Er war dankbar für die Kühle- er fühlte sich wie im Fieber von den Nachwirkungen des Fluches, den er selbst- nein, er war Voldemort gewesen...
"Professor Dumbledore, es ist... ich hatte eine Vision." Seine Stimme war so heiser- wie lange hatte es gedauert, bis er aufgewacht war? "Voldemort... er sucht etwas namens Die Quelle der Stärke, und seine Schlange weiß nicht, wo er ist, und dann..." er hielt inne und sog scharf die Luft ein, Madam Pomfrey hatte ihn mit ihrem Zauberstab in seine schmerzende Seite gepiekst.
"Albus! Der Junge war schon wieder unter dem Cruciatus-Fluch! Aber wie... hier?" fragte die konsternierte Heilerin. Das Zwinkern und Funkeln in Dumbledores Augen verschwand.
"Harry?" fragte er besorgt. Remus sah aus, als hätte ihm jemand einen Schlag in den Magen verpasst.
"Ich weiß auch nicht- Voldemort hatte seinen Zauberstab auf den Boden gerichtet, und dann... dann hat er sich auf etwas in seinem Kopf konzentriert, das ich nicht sehen konnte. Und dann... hat er den Fluch gesprochen, und..." Harry schnitt eine Grimasse und drehte den Kopf weg. Gerade in dieser Nacht musste er den Verstummungszauber vergessen. Was für ein Weg, seinen Geburtstag zu beenden! Er hatte alle aus dem Schlaf gerissen, und er hatte gezeigt, dass er Okklumentik nicht wirklich beherrschte.
"Oh, Harry," seufzte Dumbledore. Madam Pomfrey hielt einen ihm bekannt vorkommenden leuchtend blauen Zaubertrank an seine Lippen.
"Trinken," orderte sie barsch an. Harry schluckte gehorsam, und fühlte, wie sich seine Muskeln wenigstens ein wenig entspannten.
"Der Junge braucht jetzt Schlaf, Albus- wenn du sie alle...?" bat sie dann.
"Bist du in Ordnung, Harry?" fragte Hermine leise. Sie zitterte, ebenso wie Ron und Ginny. Wenigstens war Mrs. Weasley über Nacht in den Fuchsbau zurückgekehrt- sie wollte alles für die Ankunft ihres Sohnes Charlie in zwei Tagen vorbereiten, und Tonks hatte Schichtdienst im Ministerium.
"Schon okay," murmelte er. Seine Kehle brannte, er hatte sie wohl heiser geschrieen.
"Kommt, Kinder," sagte Dumbledore ruhig, "ihr habt Poppy gehört." Einer nach dem anderen marschierten die Bewohner des Hauses am Grimmauldplatz Nr.12 aus seinem Zimmer, bis nur noch Remus und Madam Pomfrey übrig waren.
"Remus!" schimpfte Madam Pomfrey, aber ihre Gesichtszüge waren weich. Lupin schüttelte den Kopf.
"Ich bleibe, Poppy." Harry wunderte sich, dass Madam Pomfrey nachgab. Zwischen Remus und ihr musste eine Beziehung bestehen, von der Harry nichts wusste... vielleicht lag es daran, dass Remus als Werwolf während seiner Hogwarts-Zeit immer mindestens einmal im Monat bei ihr gewesen war?
"Also gut- aber du schläfst auch!" Mit einem geübten Schlenker ihres Zauberstabes verwandelte sie einen von Harrys Sesseln in ein Bett, das denen im Krankenflügel von Hogwarts zum Verwechseln ähnlich sah.
"In Ordnung," meinte Remus, und beobachtete, wie Harry von der Heilerin eine Phiole mit Traumlos-Schlummer-Trank bekam, die er klaglos schluckte.
"Gute Nacht, Remus." sagte Harry. Madam Pomfrey reichte Remus ebenfalls eine Phiole mit demselben Trank, und auch Remus trank sie schnell leer. Er konnte eine friedliche Nacht gut gebrauchen.
"Gute Nacht, Remus, Harry." sagte die Schulkrankenschwester bevor sie auf leisen Sohlen über den Gang in ihr Zimmer verschwand.
"Gute Nacht, Harry." sagte Remus, und dann war nur noch das Sirren von Harrys Schnatz und der gleichmäßige Atem der beiden Schläfer zu hören.
Es war eher später Vormittag, als Harry erwachte, erholt und- seltsamerweise- entspannt. Snapes Zaubertrank musste wirklich magisch sein, wenn er einen solchen Effekt hatte- Harry war sogar hungrig! Er gähnte ausgiebig und reckte sich, wobei er nur ein leichtes Ziepen im linken Bein verspürte. Nach den Schrecken der Nacht sah der neue Tag von Anfang an sehr viel versprechend aus. Er wischte sich die letzten Schlafreste aus den Augenwinkeln und war bereit für eine lange, heiße Dusche und ein großes... Mittagessenfrühstück danach. Und dann ein netter, ruhiger Tag an dem er seine restlichen Geschenke auspackte und gegen Ron im Zauberschach verlor bevor er Hermine herausforderte und sein Ego wiederherstellte.
Als er die Hände sinken ließ, stellte er fest, dass direkt vor seiner Nase sein kleiner Schnatz fröhlich mit den silbernen Flügeln flatterte. Blitzschnell fing er ihn ein- er würde sich ärgern, wenn er ihn verlöre. Remus schnarchte leise auf, sobald das Sirren des Schnatzes verstummt war und Harry kicherte ungewollt. Sein Traum von Voldemort schien im hellen Tageslicht ein Ding aus einer anderen Welt zu sein, und er hatte schon fast vergessen, was geschehen war. Im Vergleich zu allem anderen, all dem Guten, was sein Geburtstag gebracht hatte, verblasste er einfach.
Wenig später saß Harry mit nassen Haaren und feuchtem Hemdkragen in seinen neuen Jeans am Küchentisch und stopfte die dritte Portion Würstchen mit Kartoffelpüree in sich hinein. Mrs. Weasley, die gehört hatte, was in der letzten Nacht geschehen war und danach sofort zurück in den Grimmauldplatz geeilt war, war beinahe in Tränen ausgebrochen als sie ihn sah, und nur Harrys fröhliches Grinsen und seine Versicherung, dass alles in Ordnung war und dass Madam Pomfrey sich um ihn gekümmert hatte hielt sie davon ab. Trotzdem begann sie sofort damit, ihm ein Frühstück zu kochen. Harry gab es auf, zu protestieren- erstens schmeckte Molly Weasleys Essen besser als sein eigenes und zweitens schien ihr nichts eine größere Freude zu bereiten als für andere zu sorgen.
"Danke, Mrs. Weasley." sagte er zwischen zwei Bissen. Sie leistete ihm, sobald sie mit Kochen fertig war, am Tisch Gesellschaft da der Rest der Bewohner des Hauses, außer Harry und Remus, zum Einkaufen nach London gegangen war und blickte überrascht von ihrer Lektüre der Hexenwoche auf.
"Keine Ursache, Harry- und denkst du nicht, dass wir uns gut genug kennen, dass du mich Molly nennen kannst?" Sie lächelte ihn warm an, und Harry spürte wieder einmal, was er nicht hatte- eine Familie. Aber die Weasleys taten ihr Bestes als Ersatz.
"Gerne... Molly", sagte Harry. Molly Weasley wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
"Ich wünschte, Dumbledore hätte uns dich adoptieren lassen," meinte sie unvermittelt. "Aber ich verstehe schon, warum nicht- die alten Blutzauber würden nicht wirken und du wärst schutzlos gewesen." Harry schluckte.
"Ich hätte es auch lieber gehabt, wenn ich im Fuchsbau hätte wohnen können," sagte er mit belegter Stimme. Molly schwieg daraufhin, schnüffelte nur hinter ihrer Zeitung, und auch Harry hielt den Mund. Der Sonnenschein hatte ein paar Schleierwolken bekommen.
Die trübe Stimmung hielt aber nicht lange vor- laut und übermütig kehrten die Einkaufenden von ihrem Ausflug in die Muggelwelt zurück. Hermines Beschreibung davon, wie Ron versucht hatte, eine der Gurken im Supermarkt dazu zu überreden, sich zu bewegen ("Schließlich räkeln sich Bubotuber normalerweise!") rief allgemeine Heiterkeit hervor. Hermine hatte Ron noch einmal detailliert erklärt, dass Muggel nun einmal keine Kältezauber beherrschten und dass Muggelgemüse deswegen auch manchmal in weniger als perfektem Zustand auf der Theke lag. Ron rollte die Augen während Tonks, deren müde Blicke Bände sprachen, sich auf einen Stuhl sinken ließ.
"Bin nur froh, dass wir Hermine dabeihatten," meinte sie und schüttelte ihr hüftlanges, ringellockiges Haar, das heute blau-gelb gestreift war, "dieses komische Muggelgeld! Dad hat mir das nie beigebracht... aber er und Mum leben ja auch praktisch nur in der Zauberwelt. Gut, dass du endlich wach bist, Harry- da gibt es ein paar Sachen, um die du dich kümmern musst." Harry schluckte den Rest seines Kürbissaftes herunter, entschuldigte sich bei Mrs. Weasley- Molly- und folgte Tonks. Er war gespannt, um was er sich denn nun kümmern sollte- vielleicht war Seidenschnabel zurück? Aber das war nur eine Sache... was waren dann 'ein paar Sachen'? Es konnte ja nicht so schlimm sein.
Kaum eine Minute später widerrief er sein Urteil. Es konnte so schlimm sein. Die 'paar Sachen' türmten sich auf dem- schon sauber geputzten- Fußboden des Salons und blitzten Harry mit ihren bunten Verpackungen und Umschlägen an.
"Was ist das?" fragte er verwirrt. Ginny grinste ihn frech an.
"Fanpost!" sagte sie. Harrys Augen weiteten sich.
"Was?" rief er. Ron rollte die Augen.
"Du bist Der Junge, der überlebte, Fudge hat die ganze Voldemort-Geschichte zugegeben, alle lieben dich- das sind Geburtstagsgeschenke und Briefe von deinen Fans, Kumpel!"
"Harry, du musst sie lesen und ihnen antworten- du solltest zumindest höflich sein, auch wenn du das nicht willst.", meinte Hermine vorbeugend, sie ahnte schon, dass Harry am Explodieren war.
"Höflich sein?" bellte er denn dann auch, "ich hab diese Leute nicht gebeten, sich in mein Leben einzumischen!"
"Ein paar sind auch von Leuten aus Hogwarts," verteidigte sich Hermine, die sich angegriffen fühlte. Harry entspannte sich, fuhr sich mit der Hand durch die wild abstehenden Haare.
"Also gut- ich les sie, und die, die ich kenne, schreib ich auch zurück. Aber die, von denen ich noch nie gehört habe, bekommen keinen Brief von mir.", lenkte er ein.
"Ich kann dir helfen", bot Ginny an, "ich meine, mit den Briefen von Leuten, die dir nichts sagen," fügte sie schnell hinzu und wurde rot.
"Ich helf auch", meinte Ron. Harry nickte dankbar.
"Das ist nett.", sagte er.
"Dann mal los", sagte Hermine.
Bis zum späten Nachmittag sortierten die Freunde Briefe, öffneten Päckchen und aßen, bis es ihnen schlecht wurde von den Süßigkeiten, die die meisten von ihnen enthielten. Harry wunderte sich, dass so viele Leute seinen Geburtstag kannten bis Hermine ihn leicht schnippisch daran erinnerte, dass er schließlich in den meisten der neueren Geschichtsbücher zu finden war.
Harry fand es amüsant, zu lesen was manche von ihm dachten. Die meisten jungen Hexen schienen davon überzeugt zu sein, dass er eine Art Superheld war, während die Zauberer ihn eher als Sportler bewunderten und ihm Poster und Bilder von Quidditch-Mannschaften schenkten.
Das bei Weitem peinlichste Geschenk packte Ron aus- ein vierzehnjähriges Mädchen, das auf eine der anderen Zaubererschulen in England ging, hatte ihm ihre Unterwäsche geschickt. Ron war so schockiert, dass er den Mund drei Minuten lang nicht zubekam, Ginny und Hermine kicherten haltlos wobei Ginny sogar verkündete, dass sie so etwas nie im Leben tragen würde und Harry versuchte, irgendwo unter dem Berg Geschenkpapier zu verschwinden. Remus, der zwei Stunden nach Harry aufgewacht war, und Tonks fragten, was los sei- aber keiner der Teenager war imstande, zu antworten. Sie deuteten nur auf die Quelle der Belustigung. Die beiden Erwachsenen ließen es sich danach nicht nehmen, am Geschenke auspacken teilzunehmen, und Remus erzählte, dass Sirius als Teenager einige ähnliche Erlebnisse gehabt hatte, was für erneutes Gelächter sorgte.
Als endlich auch der letzte Brief (von einer Gladys Gudgeon, an die sich Harry dumpf erinnerte, weil er ihren Namen in Gilderoy Lockharts Fanpost gesehen hatte) geöffnet war lehnten sich die vier Teenager und zwei Erwachsenen mit einem zufriedenen Seufzer zurück.
Harry beäugte den Turm, den seine neuen Geschenke bildeten, mit Abscheu. Außer den Geschenken verschiedener DA-Mitglieder (kleine, handliche Hilfen für die Abwehr Dunkler Zauberer) und Hagrids (eine Greifenfeder und ein Buch über Phoenixe) hatte er alle auf einen großen Haufen geworfen.
"Nehmt euch, was ihr wollt," sagte er zu den anderen und deutete auf den Haufen. Ron stürzte sich sofort auf die Süßigkeiten, während Hermine gedankenverloren nach Büchern wühlte und Ginny nur den Kopf schüttelte und sich einen Schokofrosch in den Mund steckte.
Tonks steckte sich prüfend eine große, schillernde Pfauen-Schreibfeder hinter das Ohr bevor sie den Kopf schüttelte. "Nah, Harry, das Zeug ist deins," sagte sie.
Remus schmunzelte nur und nahm sich einen Schokofrosch- er liebte Schokolade. Harry seufzte und blickte hilflos über die Berge von altem Geschenkpapier, Briefpapier und Geschenken. In seiner rechten Hand hielt er seine neue Greifenfeder von Hagrid und einen kleinen Sack voll selbst gemachtem Karamell, das ihm eine ältere Hexe geschickt hatte, weil er 'es vertragen könnte, ein paar Kilo zuzunehmen'. Hagrids Brief hatte ihn ein wenig traurig gemacht- der Wildhüter hatte ihm geschrieben, dass er momentan leider nicht von Hogwarts weg konnte, weil er sich um seinen kleinen Bruder kümmern musste, der im Übrigen große Fortschritte mit seinen Sprachkünsten machte und immer wieder nach 'Hermy' und 'Hery' fragte.
Tonks half ihm mit einem Schlenker ihres Zauberstabes aus. "Evanesco", befahl sie, und die Papierberge lösten sich in Luft und Wohlgefallen auf.
"Schon besser", meinte Ginny, die inzwischen ihre ablehnende Haltung auch aufgegeben hatte und Schokofrösche mampfte. Harry sah ihr zufrieden dabei zu- er freute sich auf diesen entspannten Tag und darauf, den Rest seiner Ferien unter Zauberern und Hexen zu verbringen.
"Harry?" Remus hatte wohl bemerkt, dass er ein Stück weit in eine andere Welt abgedriftet war, "würde es dir etwas ausmachen, wenn wir diese Süßigkeiten für alle in die Küche bringen?"
Harry schüttelte den Kopf- nicht einmal in einem ganzen Jahr in Hogwarts würde er diese Zuckerberge vertilgen können, es war besser, wenn der Orden des Phoenix sie als Proviant für seine Mitglieder hatte- die viele Schokolade würde vielleicht sogar nützlich sein, wenn es wieder Dementoren-Angriffe gab. Dementoren... Harry fragte sich immer noch, wie Sirius es zwölf Jahre mit diesen Wesen ausgehalten hatte. Auch wenn er selbst nicht mehr in Ohnmacht fiel, wenn sie auf ihn zukamen- dank Remus und seiner Fähigkeiten als Lehrer- konnte er es doch kaum ertragen, den Erinnerungen und der lichtlosen Kälte ausgesetzt zu sein, die sie erzeugten. Er hoffte nur, dass hinter dem Schleier ein warmer Sommertag auf Sirius gewartet hatte... wenn er auch noch in Askaban-ähnlichen Bedingungen... Harry schüttelte sich. Anstelle von Wut fühlte er nur noch ein riesiges, eisiges Loch in seiner Brust, wenn er an Sirius dachte. Würde es noch weiter wachsen, das ahnte er, dann würde es ihn verschlingen- es würde eine leere Hülle zurücklassen, wo Harry Potter gewesen war. Aber er würde Voldemort nicht seine Identität stehlen lassen. Er konnte ihn nicht gewinnen lassen, und wenn es bedeutete, dass er den Rest seines Lebens mit einem Schwarzen Loch in der Brust leben musste, dann... er war eben Harry Potter, Der Junge Der Überlebte.
"Harry, bist du wirklich in Ordnung?" fragte Ginny. Sie hatte seine Hand ergriffen und sah ihn fragend an. Harry lächelte gezwungen. Aus dem Augenwinkel heraus sah er, wie Ron eines seiner Geschenke, ein neues Schachspiel, aufstellte und ihn zu sich herüberwinkte. Gewaltsam riss er sich aus seinen eigenen Gedanken und verschloss sie, so gut er konnte.
"Bald", versprach er und wartete auf Rons Eröffnungszug.
De letzte Ferienmonat verging wie im Flug- ein weiterer Besuch in der Winkelgasse, bei dem alle ihre Schulbücher und sonstigen Schulsachen einkauften, versetzte den ganzen Orden in Aufregung- Voldemort war wieder aktiver geworden und hatte am Tag zuvor ein wenig 'Muggeljagd' gespielt, wie Mad-Eye Moody voller Bitterkeit erklärte. Trotzdem wollte ihn niemand verschieben- Ginny brannte darauf, die neuen Erzeugnisse, von denen Fred und George ihnen vorgeschwärmt hatten, aus dem Scherzartikelladen der Zwillinge zu kaufen, Hermine lechzte nach neuen Büchern und Ron wollte unbedingt ein Teil des Geschenkgutscheins bei Qualität für Quidditch einlösen.
Harry war nicht so enthusiastisch gewesen- er wollte eigentlich noch nicht verraten, welche Fächer er noch zusätzlich gewählt hatte, da das Thema zwischen den Freunden nicht wieder aufgekommen war und er keine Streitigkeiten zwischen Hermine und Ron hervorrufen wollte, die ihre ewigen Zankereien ein wenig eingestellt hatten. Wenn Ron allerdings herausfand, was er sich auf Anraten von Remus, Professor McGonagall und Dumbledore alles aufgehalst hatte... er wollte nicht die Harmonie zwischen den Beiden zerstören, Lieber schlich er ein wenig hinter den Regalen eines Buchladens umher, wenn er es konnte.
Er schaffte es, alleine zu Flourish&Blotts zu gehen- Ron und Ginny waren schneller fertig gewesen und Hermine würde noch länger brauchen, weil selbst das Budget ihrer Eltern von der Menge an Büchern, die sie verschlang, strapaziert wurde und sie nur fünf Extra-Bücher mitnehmen durfte (1).
Hermine war in Gelächter ausgebrochen, als er sich vehement geweigert hatte, auch nur einen Fuß in Qualität für Quidditch zu setzen. Ginny hatte ihn enttäuscht angesehen ("Vielleicht gibt's noch mal ein Schnatzfangen- das letzte lief auch drei Wochen bevor du ihn erwischt hast!") und Ron hatte nur den Kopf geschüttelt. Harry war eisern geblieben und hatte die Baseball-Kappe, die Tonks ihm geliehen hatte, tiefer in die Stirn gezogen. Er wollte nur nicht erkannt werden, sich selbst und den anderen eine Wiederholung des peinlichen Auftritts vom letzten Mal ersparen. So war es denn auch kein Wunder, dass alle es recht eilig hatten, wieder zurück in Sirius' altes Haus zu kommen- Harry steckte sie alle mit seiner Nervosität an.
Außer diesem einen Ausflug blieben die vier Teenager meist im Haus- Dumbledore hatte Harry klar gemacht, dass er nicht wieder außerhalb der Schutzzauber herumgeistern durfte. Seine täglichen Joggingrunden hatte Harry ohnehin noch nicht wieder aufnehmen können- Madam Pomfrey hatte erst zwei Tage, bevor sie in die Schule abreisen würden, die magische Stütze von seinem linken Bein genommen und ihm eingeschärft, dass er erst eine Woche nach Schulbeginn wieder ganz normal Quidditch spielen und laufen konnte. Seltsamerweise störte ihn das wenig- er verbrachte lange Stunden mit seinen Freunden auf dem Dach des Hauses- sie hatten hinter einem Berg alter Sachen, die Kreacher gehortet hatte, eine Falltür gefunden, die zu einem Dachgarten führte. Nachdem der erst einmal weniger verwunschen (im negativen Sinne- diese Brennnesseln waren einfach unangenehm) und etwas gemütlicher aussah (Tinsy wurde dazu aus Hogwarts wieder herbeordert, weil keiner der Menschen mit dem Unkraut fertig wurde) wurde er zum Lieblingsplatz aller Bewohner.
Harry hatte sich auch an diesem Morgen hinauf geschlichen- seine Truhe war gepackt, alles an seinem Platz und das Chaos, das seit dem Erwachen der Anderen herrschte, konnte er noch nicht wirklich ertragen, da Voldemort in der letzten Nacht wieder zugeschlagen hatte und Harrys Okklumentik zwar gewirkt hatte, aber ihm dennoch grauenerregende Visionen vom Treiben des Dunklen Lords und seiner Gefolgschaft geschickt hatte. Er konnte nicht mehr getäuscht werden und Voldemort- oder Tom Riddle, wie Dumbledore ihn immer häufiger nannte- konnte auch nicht mehr seine Gedanken lesen, aber er konnte immer noch seine Träume heimsuchen, und Harrys Schlaf war den ganzen Sommer über nicht sehr erholsam gewesen.
Blass unter seiner Sommerbräune- die langen Stunden auf dem Dach hatten dem Kerker-Look, wie Ron es nannte, schnell ein Ende gemacht- lag Harry mit geschlossenen Augen in der Mitte der Terrakotta Kräutertöpfe, die Mrs. Weasley herbeigezaubert hatte und die eine Vielfalt (harmloser und nichtmagischer) Küchenkräuter beherbergten. Auch Ende August hatte die Sonne noch Kraft, ihre morgendlichen Strahlen trockneten den Tau und kitzelten Harry in der Nase- oder waren das gar keine Sonnenstrahlen?
Tatsächlich, vor ihm stand Ginny Weasley und kitzelte seine Nase mit einer Feder, und Ron und Hermine bogen sich keine zwei Meter entfernt vor Lachen.
"Hey!" protestierte er und setzte sich auf. Ron half ihm auf die Beine.
"Unten gibt's Frühstück- wir sind alle schon fertig, Mum hat es nicht mehr ausgehalten und Tinsy gerufen, die hat alles in fünf Minuten gepackt- sieht so aus als würden wir dieses mal pünktlich zum Bahnhof kommen!" Harrys Magen grummelte hörbar angesichts der Aussichten auf ein Molly-Weasley-Frühstück.
"Komme", sagte er.
Trotz aller guten Vorsätze waren sie doch wieder ein wenig zu spät vom Grimmauld-Platz weggegangen- bis alle ihre Federleicht-Zauber auf ihren Truhen hatten, Harrys Gestalt verändert wurde, damit er nicht erkannt wurde (eine Anordnung von Mad-Eye Moody) und die Vorauskommandos und Spähtrupps in fünf Minuten-Abständen losgeschickt worden waren verging einfach zu viel Zeit als dass sie es pünktlich hätten schaffen können.
Und so rannten sie, außer Atem und verschwitzt, gerade noch rechtzeitig durch die Barriere zwischen den Gleisen neun und zehn. Eine Minute bis zur Abfahrt des Zuges... und es war geschafft.
Natürlich war, da es so spät war, jedes Abteil im vorderen Teil des Zuges schon besetzt. Harry schleppte seine Truhe mühsam von Waggon zu Waggon- auch wenn sie federleicht war, an ihrer Sperrigkeit änderte das nichts. Auch weiter hinten gab es kein einziges freies Abteil, und erst als Ginny ihn, Ron und Hermine herbeiwinkte fanden sie Platz- in einem Abteil mit Luna Lovegood und einer klein gewachsenen, schüchtern aussehenden Ravenclaw Schülerin, die schon in ihren Schulroben steckte und die Nase in einem dicken Muggelroman versteckt hatte- Krieg und Frieden von Leo Tolstoi. Harry erinnerte sich, dass sein Buch über Dunkle Flüche als genau dieser Roman getarnt gewesen war. Luna, an deren Ohrläppchen kleine, rote Schmetterlinge als Ohrringe baumelten, die wie lebendig flatterten, nahm ihre Anwesenheit nicht einmal zur Kenntnis.
"Hi Luna", grüßte Ginny freundlich. Luna hob den verschleierten Blick von ihrem Klitterer- den sie ausnahmsweise einmal richtig herum hielt- und schnüffelte ein, zwei Mal. Ihre hervorquellenden blauen Augen hafteten sich an Harrys Hemdkragen fest.
"Hallo, Luna.", sagte Harry. "Können wir hier...?"
"Macht Platz in euren Herzen und euren Abteilen." sagte Luna verträumt. Harry fasste das als Einladung auf und winkte Ron und Hermine herbei. Ginny hatte ihre Truhe schon verstaut und sich gegenüber der unbekannten Ravenclaw Schülerin gesetzt.
"Hallo. Ich bin Ginny Weasley, und das hier sind..." Weiter kam sie nicht Die Schülerin hatte Harry und seine beiden Freunde gesehen, ihre Augen vollzogen den Harry so verhassten und vertrauten Weg von seinen Augen zu der Narbe auf seiner Stirn und wieder zurück- und dann floh sie mit einem entsetzten Quieken aus dem Abteil.
"Was war denn das?" wunderte sich Ron, der nur die Schreckgeweiteten braunen Augen mit grünen Flecken darin gesehen hatte.
"Das war nur Lavinia Coretto." meinte Luna, "sie ist aus meinem Haus."
"Wir hätten weitergehen sollen." sagte Hermine schuldbewusst. "Jetzt haben wir sie verjagt. Schließlich sind wir Vertrauensschüler und sollten ein besseres Beispiel sein!"
"Ich bin keine Vertrauensschülerin!" protestierte Ginny, die dabei war, Spiele und Bücher für die Zugfahrt aus ihren Taschen zu ziehen, "und sie hätte nicht weglaufen müssen, es gibt hier genug Platz."
"Nee" erklärte Luna, die weniger verträumt wirkte nun, da die meisten ihrer Freunde in ihrer Nähe waren, "sie hat Angst vor vielen Menschen. Am Anfang ist sie sogar aus den Klassenzimmern weggelaufen!"
"Ich bin jedenfalls froh, dass ich sitze," schloss Ron und ließ sich erleichtert in den der Tür am nächsten liegenden Stuhl sinken, "irgendwie endet die Fahrt immer mit Stress."
"Das Einzige, was zu unserem Glück noch fehlt, ist Malfoy", stimmte Harry zu.
"Beschwör ihn lieber nicht herauf", warnte Ginny, "er wird Gift und Galle spucken, weil sein Vater im Ministerium verhaftet wurde."
"Er ist doch wieder frei", sagte Harry tonlos. Ginny zog die Augenbrauen hoch.
"Offiziell sitzt er immer noch in Askaban. Ich schätze, das..."
"Das Ministerium hat einen großen Fehler gemacht", unterbrach sie eine lässige, kalte Stimme von der Tür ihres Abteils aus, "und Potter weiß das, nicht wahr, Narbengesicht? Niemand kommt einem Malfoy in die Quere, schon gar nicht ein so dummer Junge wie du. Aber wie ich hörte habt ihr sogar eine Schülerin verjagt? Sie konnte es wohl nicht mit einem Schlammblut aushalten, und der Gestank zweier Weasleys auf einmal... die Ärmste!"
Draco Malfoys kennzeichnende, nachlässig herabgezogene Mundwinkel und kalte graue Augen sandten heiße Blitze der Wut durch Harrys ganzen Körper. Seine beiden Gorillas hinter ihm hatten denselben dümmlichen Gesichtsausdruck wie immer, aber Malfoy wusste etwas, und Harry ahnte, was. Wie konnte dieser kleine... Bastard nur....
"Nenn sie nicht Schlammblut!" donnerte Ron, ihm zuvorkommend. Harry warf sich auf seinen besten Freund und hielt ihn mit Mühe davon ab, Malfoy anzugreifen. Ron vergaß meist, dass er einen Zauberstab hatte wenn Malfoy Hermine beleidigte.
"Ron, nicht!" schrillte Hermine und half Harry, Ron festzuhalten.
"Und ich dachte, du wärst etwas vorsichtiger mit dem, was du sagst, Malfoy", meinte Ginny und drehte lässig den Zauberstab, den sie unbemerkt gezogen hatte, zwischen den Fingern. "Du hast schließlich meinen Flederpopelfluch schon einmal abbekommen... und dein Vater hat dir sicher nette Geschichten aus dem Ministerium erzählt, nicht wahr?"
"Halt den Mund, Wieselin", schnappte Malfoy, eine leichte Röte auf den Wangen. Von Ginnys Flederpopelfluch getroffen worden zu sein nagte anscheinend noch immer an seinem Ego. " Potter, pass auf, dass deine Freunde nicht die nächsten sind, die dem Dunklen Lord in die Quere kommen. Dein Hund hat ja schließlich schon die Kurve gekratzt, nicht, dass um so einen räudigen, feigen Köter schade wäre..."
Harrys Freunde hatten alle Mühe, ihn zurückzuhalten. Er sah nur noch rot, wollte Malfoy erwürgen, ihm die Unverzeihlichen Flüche auf den Hals hetzen, ihn aus dem fahrenden Zug werfen... Er spürte, wie eine Kraft aus seinem Inneren an die Oberfläche drängte und zog mit aller Kraft an ihr. Malfoy würde ihn kennen lernen...
Von weit weg hörte er, wie ihn jemand rief und bat, aufzuhören, aber er spürte nur die übermächtige Wut. Wie konnte Malfoy so etwas über Sirius sagen- er musste mit Bellatrix Lestrange gesprochen haben und...
"Was ist denn hier los?" schnitt die freundliche, aber autoritäre Stimme der Hexe, die die Snacks im Zug verkaufte, durch den roten Nebel vor Harrys Augen. Die Kraft, die er gespürt hatte, verschwand urplötzlich bis auf einen kleinen Rest, den er benutzte, um Malfoy mit einem Verscheuchezauber gegen seine beiden schweigsamen Gorillas zu schleudern. Die drei fielen in einem Haufen aus Armen und Beinen in den Gang, direkt in den Weg des mit Snacks beladenen Karrens. Der Blick der freundlichen Hexe wurde noch schärfer hinter ihren Türmen von Kesselkuchen, und sie stemmte die Hände in Erwartung einer Antwort in die Seite.
"Gar nichts", sagte Ginny einfach und ruhig und steckte ihren Zauberstab ein. Hermine und Ron blickten Harry fragend an, ließen ihn aber los.
"Gar nichts", bestätigten die drei Freunde wie aus einem Mund.
"Na dann... wollt ihr etwas vom Wagen?" Und ob sie wollten! Malfoy würde ihnen doch nicht den Appetit verderben, schon gar nicht, wenn er schon wieder grummelnd und wenigstens ein bisschen geschlagen abziehen musste.
"Was meint ihr, wird der Sprechende Hut wieder eine Warnung aussprechen?", versuchte Hermine, die anderen von Malfoy abzulenken.
Harry, der noch zwischen Wut und Frustration gefangen war, zuckte nur mit den Schultern. "Wahrscheinlich, schließlich ist noch nicht eingetreten, was er wollte. Oder?" Ron nickte und stopfte sich die zweite Hälfte einer Kürbispastete in den Mund.
"Dem impf ouf," sagte er. Hermine runzelte die Stirn, und auch Harry konnte sich keinen Reim auf das Gesagte machen. Es sollte wahrscheinlich etwas wie 'Denk' ich auch' heißen.
"Wir müssen nach vorne, zu den Vertrauensschülern", sagte sie, "eigentlich hätten wir ja schon bei Abfahrt des Zuges dahin gehen sollen, aber Professor Dumbledore hat..."
"Angeordnet dass ich nicht alleine sein soll", ergänzte Harry müde. Manchmal- nein, eigentlich täglich- würde er alles dafür geben, seine Narbe an Neville abzutreten. Wenn Voldemort doch nur auf den Vollblut-Zauberer gesetzt hätte anstatt auf das ihm so ähnliche Halbblut!
"Bis dann, Ron, Hermine", sagte Ginny fröhlich. Harry winkte nur und kramte in seiner Tasche. Luna zog eine Feder aus der Tasche ihrer Roben.
"Soll ich euch eine Wegbeschreibung geben?" fragte sie. Ron sah sie nur zweifelnd an, aber Hermine lehnte knapp dankend ab. Luna zuckte die Schultern.
"Habt eine sichere Reise", sagte sie.
Als der Zug endlich in Hogsmeade in den Bahnhof einfuhr hatte Harry ernsthafte Langeweile. Luna weigerte sich, mit Zauberschnippschnapp zu spielen, und Ginny war einfach zu gut. Sie hatte ihm verraten, dass sie lieber die Nachfolge der Zwillinge antreten als Vertrauensschülerin werden wollte, und dass sie für dieses Jahr ein paar besondere... Ereignisse geplant hatte. Harry hatte lachen müssen- die schüchterne Ginny Weasley als Meister im Streiche spielen? Die Erschütterung hatte ausgereicht, um seine Karten schon wieder zum Explodieren zu bringen. Bevor seine Augenbrauen abgesengt wurden, hatte Harry lieber aufgegeben und sich mit einem seiner Bücher für das Sechste Jahr beschäftigt. Die Bedrohung, die Voldemort darstellte, hing schließlich nicht mehr nur wie eine dunkle Wolke über dem Horizont- der Zweite Krieg hatte schon begonnen, und selbst die Muggel bemerkten mehr und mehr, dass befremdliche Dinge in der Welt vorgingen. Erst am Tag zuvor hatte die 'Sun' (zwar nicht das verlässlichste Blatt, aber ein guter Indikator, was die Zauberwelt betraf da sie die absurdesten Geschichten brachten) von einem zweiten Hitler berichtet, der im Geheimen operierte und bestimmte Familien, in denen schon des Öfteren merkwürdige Dinge geschehen waren, die die Muggel sich nur mit Geheimagenten erklären konnten, verschwinden ließ. Dass sie damit nicht so weit von der Wahrheit entfernt lagen, hatte natürlich niemand bestätigt, stattdessen war das Blatt der größten Hassbriefaktion seiner Geschichte ausgesetzt, vor allem von Überlebenden des Zweiten Weltkrieges, die sich lächerlich gemacht sahen.
"Du arbeitest viel", stellte Luna angesichts von Harrys Leseeifer (sein Standardbuch der Zaubersprüche, Band 6 hatte überall Eselsohren und Tintenflecke von seinen Notizen) fest. Harry antwortete ihr nicht, und bald waren sie beide schweigsam in ihre Bücher vertieft, während Ginny kichernd etwas auf ein Blatt Pergament kritzelte.
>Sie hat sich wirklich verändert- vielleicht... ich habe schließlich versprochen, dass die Nachfolger der Herumtreiber auch weiterhin für Belustigung in Hogwarts sorgen werden.< Aber da Ginny genau in diesem Moment von ihrem Pergament aufsah, so, als hätte sie seine eindringlichen Blick bemerkt, ließ Harry seine Gedanken lieber wieder in den Tiefen seines Kopfes verschwinden. Manchmal war es geradezu unheimlich, wie gut sich die Weasley-Frauen aufs Gedankenlesen verstanden.
Harry klappte sein Lehrbuch zu. Aus dem Fenster heraus hatte er gesehen, dass sie sich schon fast in Hogsmeade befanden, und er wollte eigentlich, trotz des strahlenden Sonnenscheins draußen, lieber schnell ins Schloss gelangen. Nur keine Aufmerksamkeit erregen... er hatte sich im Laufe des Sommers damit abgefunden. Dumbledore hatte einfach Recht, auch wenn es ihn manchmal (na gut, recht häufig) noch wütend machte.
Die Thestral-gezogenen Kutschen warteten schon am Bahnhof. Mehrere verwunderte Blicke folgten Harry, der vor dem Einsteigen einem der Thestrale den Hals klopfte. Für die Mehrzahl der Schüler sah es so aus, als würde er ein Hindernis in der Luft abtasten.
"Erinnerst du dich nicht mehr an die Gerüchte, dass du nicht ganz richtig im Kopf bist oder warum machst du das?" fragte Ginny scharf. Harry runzelte die Stirn und strich dem Thestral über den Kopf.
"Ist mir egal- die können denken, was sie wollen, aber die Thestrale haben uns geholfen," schnappte er. Die Fahrt verlief, in angespannter Stimmung. Trotz der eifrig schwatzenden Hermine, die kaum alle Neuigkeiten, was die Schulregeln betraf, innerhalb der wenigen Minuten, die sie bis Hogwarts brauchten, loswerden wollte. Harry war eingeschnappt und sagte kein Wort wegen der Thestrale, und Ron war eingeschnappt und sagte kein Wort weil Hermine ihn angeblich vor der neuen Schulsprecherin Cho Chang lächerlich gemacht hatte. Ginny warf den beiden Jungen kritische Blicke zu und versuchte, die Unterhaltung mit Hermine am Laufen zu halten, aber irgendwie waren alle doch froh, der Enge der Kutsche entkommen zu können und ein wenig mehr Abstand zwischen sich und alle anderen zu bringen.
"Hallo, Dean!" Ginny war die erste, die aus der Gruppe brach und zu ihrem (mutmaßlichen, Ron hatte während der Ferien keine Bestätigung für Ginnys Behauptung bekommen) Freund lief.
"Ich... sollte zu meinem Haustisch gehen", verabschiedete sich Luna, mit einem uncharakteristisch schüchternen Lächeln.
„Ja, bis dann Luna", sagte Harry abwesend und machte sich auf in Richtung Gryffindortisch. Ron blickte Luna noch einen kurzen Moment hinter her, bevor er ihnen folgte und etwas von wegen Weibern, vor sich hin murmelte. Zu erst dachte Harry noch das Hermine es auch nicht verstanden hatte, wurde jedoch eines besseren belehrt als er aus den Augenwinkeln erkennen konnte, wie Hermine mit ihrem Ellenbogen in Rons Seite stieß.
Die drei Mitglieder des legendären Trios von Gryffindor fanden schnell einen Sitzplatz etwa in der Mitte zwischen dem Lehrertisch und der großen Eingangstür, und dann ging das Warten auf die Erstklässler (oder, in Rons Fall, das Essen) los.
Zum Glück war an diesem Tag schönes Wetter- kein Sturm, der die Überfahrt behinderte, und auch keine besonders Neugierigen, die den Riesenkraken näher kennen lernen wollten (wie damals Dennis Creevey). Nur- selbst in Harrys Augen- sehr klein und verschreckt aussehende Elfjährige, die nervös hinter Professor McGonagall herschlurften und mit großen Augen auf den Sprechenden Hut starrten, der auf seinem Hocker vor dem langen Lehrertisch lag und geduldig auf seinen großen Moment wartete. Er hatte einmal mehr ein ganzes Jahr an dem Lied gedichtet, das er singen wollte. Ein Riss zwischen Krempe und Spitze öffnete sich mit einer seinem zerrissenen Zustand angemessenen Langsamkeit.
"Spricht der?" wisperte einer der neuen Erstklässler laut- zu laut. In Erwartung des Liedes des Sprechenden Hutes war nämlich die ganze Halle verstummt. Der Junge lief knallrot an und versuchte, sich so klein wie möglich zu machen während der Hut sein Lied sang.
"Das alte Lied sing ich erneut
Von vier berühmten Zaub'rern
Vier'n, denen großes Lob gebeut
Vier Freunden so wie keinen.
Zur Zeit als dieser alte Stein
Noch leer und einsam stand
Da sprachen sie: "Dies hier wird sein
Wo wir die Jungen lehren,
hier werden wir die Schule bau'n
die uns're Herzen begehren."
Gemeinsam hatten sie das Werk vollbracht,
gemeinsam lehrten sie,
Zu viert war ihre große Macht
Mehr als die Summe ihrer Teile.
Jedoch herrscht' Unmut unter ihnen
Wer ihre Schul' besuchen darf.
Der Aufrichtigkeit zu dienen
War Ziel für Helga Hufflepuff.
So wollte sie nur jene nehmen
Die sind loyal und treu
Die sich aneinander lehnen
Hart arbeiten und haben Spaß dabei.
Doch diese mocht' nicht Slytherin
Der schlaue, alte Fuchs
Für ihn war'n nicht die fleißigen
Die, die er schätzt und sucht.
Ehrgeiz und Listigkeit wollt er
Oft Zauber-Blut dazu.
"Grad jene sollten kommen her
Deren Väter schon hier waren."
Sagt Gryffindor: "Das schert mich nicht!
Haben sie nur Mut, schickt sie in Scharen,
und ich werd sie lehren."
Sagt Rowena: "Aber wie
Wenn doch ihr Geist so leer
Nur Mut und kein Verstand? Geht nie!"
Und so begann der Zwist,
vier Freunde warn's nicht mehr
und wie es nun einmal so ist
ich blieb, sie sind nicht mehr.
Doch ihr, die ihr jetzt hier beginnt
Merkt auch meinen Rat
Draußen wird's dunkel, die Zeit verrinnt
Die Kraft des Bösen naht.
Vergesst den Zwist, vergesst den Streit
Erinnert euch daran
Dass es in Landen weit und breit
Nie solche Freunde gab
Wie Ravenclaw und Hufflepuff
Wie Godric und wie Salazar!
Auf dass die Lücke niemals klaff'
In uns'rer schönen Schul!
Ich trenn euch jetzt, doch seid bereit
Euch wieder zu vereinen
Denn, Freunde, diesmal ist es Zeit
Wollt ihr nicht untergehen
Den Unterschied zu überwinden
Gemeinsamkeit zu sehen.
Nun, setzt mich auf, doch seid gewarnt-
Ich hab erzählt die Sage
Dass sie nicht sich wiederholt
Stellt euch selbst diese Frage:
Wer ist er, euer wahrer Feind?
Ist er in diesen Mauern?
Ist wirklich euer wahrer Freund
Einer der, die draußen lauern?
Mit diesen Worten ende ich,
lasst mich nun euch teilen
doch jedermann besinne sich:
Wir sind ein Teil des Einen!"(2)
Der Applaus, der auch dieses mal eher höflich als begeistert war, verstummte. Professor McGonagall, das strenge Gesicht womöglich noch einschüchternder als wenn sie einen Schüler nachts auf den Gängen erwischte, zog die lange Pergamentrolle mit den Namen der neuen Schüler hervor.
"Ich rufe eure Namen auf. Ihr werdet euch daraufhin auf den Hocker setzen und den Sprechenden Hut aufsetzen, der euch euer Haus verraten wird. Eure Haustische werden euch dann gerne willkommen heißen", erklärte die Stellvertretende Schulleiterin den, vor Aufregung ganz blassen, Kindern.
"Die Namen werden von der Feder des Wissens geschrieben, gleich nachdem ein magisches Kind zur Welt gekommen ist," wisperte Hermine, "das müsstest du eigentlich jetzt wissen, Harry- es steht in..."
"Eine Geschichte Hogwarts'" fiel Ron ihr ins Wort und rollte die Augen. Harry schwieg wohlweislich und beobachtete, wie "Appleby, Susanna" nach Ravenclaw kam während Ron und Hermine erhitzte Blicke austauschten.
"Argent, Byron," war ein Slytherin, ebenso wie "Astius, Sebastian" und "Attleborough, Julianna".
"Borne, Holmes," wurde nach Hufflepuff geschickt, und "Bundlewidth, Meredith" schließlich wurde die erste Gryffindor, die Harry und seine Freunde mit begeistertem Applaus empfangen konnte.
"Mach doch schneller, ich hab Hunger," grummelte Ron. Zwischen "B" und "H" hatte das Haus Gryffindor nur einen einzigen neuen Schüler erhalten, einen Jungen namens "Evans, Mark", der verschüchtert und in etwa so mutig wie Neville in einem Tutu wirkte.
"Imme, Emmanuel", der Junge, der so eindrücklich festgestellt hatte, dass der Sprechende Hut tatsächlich sprach, kam ebenfalls nach Gryffindor, zur Belustigung der anderen Häuser.
"Typisch- vorlaut und dumm, das ist Gryffindor", sagte Draco Malfoy so laut, dass es selbst über den Applaus der Gryffindors hinweg zu hören war. Emmanuel wurde daraufhin noch freundlicher begrüßt als alle anderen.
Bis letztendlich "Yemanah, Rebecca" vom Sprechenden Hut als Ravenclaw bezeichnet wurde knurrte auch Harrys Magen so laut, dass Hermine es hörte und ihm einen vorwurfsvollen Blick zuwarf.
"Mal gespannt, wer Verteidigung unterrichtet- ich hoffe ja, dass Dumbledore dieses Jahr jemanden gefunden hat!" Hermine war von der Aussicht auf eine zweite Umbridge jedenfalls nicht begeistert. Harry zuckte die Schultern- auch er hatte den leeren Sitz neben Professor Dumbledore bemerkt.
"Glaub schon", sagte er. Der Schulleiter von Hogwarts erhob sich und bat mit einem leisen Lächeln und weit ausgebreiteten, die Neuen willkommen heißenden, Armen um Ruhe.
"Ich möchte euch, vor dem Essen, eigentlich nur eines sagen: Lasst's euch schmecken!" Und die Tische füllten sich.
Harry vertilgte vier volle Teller- Madam Pomfrey wäre stolz auf ihn. Aber Steak und Kartoffeln, den verschiedensten Aufläufe, Pasteten, Gemüse, Saucen und mehr konnte er einfach nicht widerstehen.Und dann erst der Nachtisch... er wagte es am Ende des Mahles jedenfalls nicht einmal mehr, tief Luft zu holen so voll war sein Magen.
"Das war nötig", seufzte Ron zufrieden und stürzte einen letzten Becher Kürbissaft hinunter bevor er laut rülpsen musste. Hermine, die sich mit einer Portion begnügt hatte, hatte während des Essens einen Gesichtsausdruck angenommen, der darauf schließen ließ dass es ihr lieber gewesen wäre, wäre es nicht so bekannt, dass sie mit den beiden Jungen befreundet war. Nur einmal hatte sie ihre distanzierte Haltung aufgegeben- nämlich dann, als eine ältliche, Hochgewachsene, vollschlanke Hexe durch den kleinen Seiteneingang, den Harry vom Trimagischen Turnier her noch kannte, in die Halle gekommen und an den Lehrertisch getreten war.
"Eine Kreuzung aus McGonagall und Sprout", hatte Ron sie genannt, wenn Harry es zwischen den Steak-und-Nieren-Pastetenbissen in seinem Mund richtig verstanden hatte.
"Sie ist nicht so dick- und was ist schlimm an Professor McGonagall?" hatte Hermine gefunkelt. Harry wunderte sich eher über den säuerlichen und zugeknöpften Gesichtsausdruck der Dame, die von Dumbledore überaus freundlich mit einer Umarmung begrüßt wurde- wer war sie?
Des Rätsels Lösung erfolgte, nachdem auch die letzten Reste der Siruptorten von den Tellern der letzten Esser verschwunden waren und Dumbledore zu seiner jährlichen Willkommensrede ansetzte.
"Nachdem wir nun alle unser erstes Mahl des neuen Schuljahres in Hogwarts genossen haben, möchte ich euch alle bitten, mir für ein paar Minuten eure Aufmerksamkeit zu schenken- wie jedes Jahr habe ich euch ein paar Ankündigungen zu machen.
Mr. Filch, unser Hausmeister, bittet darum, euch daran zu erinnern, dass außer den bisherigen auch folgende Gegenstände auf seiner Schwarzen Liste stehen: Stolperfallen-Hüpfgummis, Flatschende Flummis und das gesamte Inventar einer unter dem Namen 'Weasleys Zauberhafte Zauberscherze' bekannten Firma."
An dieser Stelle wanderte stolze Röte in Rons und Ginnys Wangen, da die Blicke der gesamten Schülerschaft auf ihnen ruhten und donnerndes Klatschen und Trampeln der zurückkehrenden Schüler Fred und Georges Leistungen im Kampf gegen Dolores Umbridge würdigte. Auch Dumbledore klatschte mit, und seine Mundwinkel zuckten. Dann aber wurde er wieder ernst und sorgte mit einer Handbewegung im Saal für Ruhe.
"Der Wald auf dem Schulgelände heißt nicht umsonst der Verbotene Wald- das Betreten ist streng verboten, und wer es trotzdem tut, wird mit Nachsitzen und Strafarbeiten bestraft." Er wandte sich an die Frau, die neben ihm saß und stier in einen leeren Becher gestarrt hatte. Sie sah nicht gerade glücklich aus, als er sie bat, aufzustehen.
"Als nächstes möchte ich euch eure neue Lehrerin für Verteidigung gegen die Dunklen Künste vorstellen- Mrs. Marina Stevenson. Sie ist eine sehr gute und alte Freundin von mir, und, wie ich auch dem Ministerium gegenüber versichert habe, bestens für diese Stelle geeignet."
Warmer Applaus schallte durch die Halle- eine Freundin von Dumbledore, die Verteidigung unterrichtete? Das musste einfach besser sein als Umbridge- oder, wie Ginny scherzhaft sagte, Sie-deren-Name-nicht-genannt-werden-darf (was allerdings niemand außer den Gryffindors lustig fand).
Mrs. Stevenson nahm den Beifall gelassen entgegen- wenn man genau hinsah, erkannte man sogar, dass sie danach noch griesgrämiger wirkte.
"Kreuzung zwischen Sprout und McGonagall, Ron?" meinte Harry, während sie unter dem Drängen der anderen Schüler aus der Halle geschoben wurden. "War wohl doch eher Snape und McGonagall!"
Ron musste zugeben, der erste Eindruck von ihrer neuen Lehrerin war nicht gerade der beste gewesen.
"Ich jedenfalls kann schon gar nicht mehr erwarten, wie unsere Stundenpläne aussehen." ,sagte Hermine eifrig. "Ich bin schon so gespannt mit was wir morgen anfangen!" Ron stöhnte.
"Erinnere mich nicht daran, dass der 01. September dieses Jahr ein Sonntag war!" Er kickte lustlos den Saum seiner Schulroben bei jedem zweiten Schritt hoch.
"Na, ich hoffe jedenfalls, dass wir schnell raus finden, wie die Neue ist.", sagte Harry ruhig. Beide seiner Freunde nickten.
"Das will ich auch wissen. Und wenn sie nichts ist, dann machen wir mit der DA weiter, ja Harry?" Aber Harry wollte eigentlich nicht mehr weiter unterrichten. Er hatte dadurch andere nur in Gefahr gebracht. Und das, obwohl die Prophezeiung ihm als erklärtes Ziel setzte, Gefahr für andere aus der Welt zu schaffen, ein Ziel, dem er auch zustimmte. So wie Grindelwald, Dumbledores Aufgabe gewesen war, so war Voldemort die seine. Dumbledore hatte schreckliche Opfer bringen müssen, um sein Ziel zu erreichen. Aber er würde das nicht zulassen, dass andere seinetwegen Opfer brachten. Der Einzige, der das tun würde, würde er selbst sein.
"Mal sehen," meinte er leise. Ron und Hermine unterhielten sich zwar schon darüber, wie sie weiter an ihren Patroni arbeiten würden, aber Harry wusste, dass, wenn er nicht wollte, die DA nicht weiterlaufen würde. Vielleicht würden dann alle in Sicherheit in Hogwarts bleiben können...
"Das Passwort ist Zentaur", sagte Hermine als sie vor dem fröhlich kichernden Porträt der Fetten Dame angekommen waren.
"Und das ist ein gutes Passwort- Violet hat mir alles erzählt, wie ihr diese..." Weiter kam sie nicht, da sie aufschwingen musste. Ron hatte das Passwort wiederholt.
"Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich bin müde," sagte Hermine. "Wir müssen morgen früh aufstehen- es gibt eine Informationsveranstaltung für alle Sechstklässler vor der ersten Stunde- und sie ist Pflicht!" fügte sie mit strengem Blick hinzu, da sie sehr wohl erkannt hatte, dass Ron und Harry vorhatten, nicht zu erscheinen und die Informationen einfach von ihr zu bekommen.
"Na gut", sagte Harry, "Nacht, Hermine."
"Nacht, 'mine," murmelte auch Ron.
Sein Himmelbett, seine Truhe und Hedwgis Käfig warteten schon im Schlafsaal der Sechstklässler auf Harry- und außerdem eine kleine, aufgeregte Hauselfe, die wie in seinem zweiten Jahr Dobby eifrig auf seinem Bett herumhüpfte.
"Tinsy?" fragte er ungläubig. "Was willst denn du hier?" Tinsy strahlte über das ganze Gesicht, als sie ihn sah. Ihre Fledermausohren stellten sich auf wie bei einem Hund und in ihren riesigen, fahlblauen Augen schienen Tränen.
"Meister Harry ist nach Hogwarts gekommen! Oh, Tinsy wird gut für Meister Harry sorgen. Tinsy hat schon mit den anderen Hauselfen von Hogwarts gesprochen, und Meister Harry ist ein sehr großer und gütiger Zauberer- er wird Tinsy für ihn sorgen lassen!" Harry fühlte sich sehr überrumpelt.
"Uh... natürlich, Tinsy, aber warum nennst du mich Meister Harry?" fragte er langsam. Ron, der hinter ihm die Treppe herauf gekommen war, hatte weniger Probleme mit Tinsy.
"Kannst ihr sagen, sie soll mir auch helfen, Harry. Muss ich schon meine Klamotten nicht selber zusammenlegen." Tinsy nickte eifrig.
"Meister Harrys Wheezy- Dobby hat mir von Meister Harrys Wheezy erzählt. Ich werde Meister Harrys Wheezy natürlich helfen. Aber..."
"Aber warum nennst du mich 'Meister Harry'?" beharrte Harry. Tinsys Ohren senkten sich ein wenig.
"Meister Harry weiß nicht, dass Tinsy seine Elfe ist? Meister Harrys Vater hat Tinsy für Meister Harry gekauft, damit Tinsy auf ihn aufpasst!"
"M... Meine Elfe?" fragte Harry. Als er Tinsys zustimmendes Nicken sah, raffte er sich zusammen. "Na gut, dann... dann nenn mich wenigstens Harry, okay?" Er sollte eigentlich langsam daran gewöhnt sein, dass merkwürdige Enthüllungen über seine eigene Vergangenheit ihm geradezu ins Gesicht sprangen, wenn er sie am Wenigsten erwartete.
"Meister... Harry. Kann Tinsy etwas für M... Harry tun?" Die Hauselfe strengte es sichtlich an, seine Anweisungen zu befolgen, aber weil er sie akzeptiert hatte waren ihre Ohren wieder auf die alte Hab-Acht-Stellung gestiegen.
Harry schluckte und blinzelte müde, wie immer öfter abends ließ seine Sehkraft nach. Seine Augen begannen langsam, Dumbledores Zaubersprüchen zur Korrektur seiner Kurzsichtigkeit Widerstand zu leisten. Er brauchte eine neue Brille. "Tinsy, kannst du mir eine neue Brille besorgen? So eine, wie ich auf dem Bild da-" er deutete auf ein Bild auf Rons Nachttisch, auf dem die drei Freunde auf dem Rasen von Hogwarts zu sehen waren, "aufhabe, aber mit neuen Gläsern in dieser-" er fischte einen zerknitterten Zettel aus der Tasche, auf dem Dumbledore seine Augenwerte notiert hatte, "Stärke?"
Tinsy hüpfte vom Bett. Ihre kleine Brust schwellte sich stolz. "Aber sicher, M... Harry. Mache ich sofort!" Sie schnippte mit den Fingern- und Harry hielt eine neue Brille in der Hand.
"Wie...?" fragte er verwirrt. Tinsy grinste.
"Hauselfen haben starke Magie, Meister Harry," flötete sie. "Ich habe H... Harrys Schlafanzug auf seine Bettdecke gelegt- M... Harry muss jetzt schlafen! Ich werde Harry morgen aufwecken, damit er nicht zu spät kommt."
"D... danke" stotterte Harry, der sich immer noch nicht sicher war, was Hermine zu Tinsy sagen würde. Sie hatte, genau wie er selbst, sie noch nicht als seine persönliche Elfe kennengelernt, nur als Hauselfe, die ab und zu im Grimmauldplatz aushalf.
"Gute Nacht, Harry, Harrys Wheezy!" Harry hielt die davoneilende Hauselfe am Ärmel ihrer weißen Bluse fest.
"Moment, Tinsy- kannst du mir vielleicht noch ein paar Kontaktlinsen besorgen? Beim Quidditch ist es leichter ohne Brille," sagte er, "und... wenn du lieber frei wärst, dann..."
Tinsys Tennisball-Augen füllten sich mit Tränen. "Ha.. Harry will Tinsy Kleidung schenken?" schluchzte sie, "was ha.. hat Tinsy M.. Meister Ha..Harry getan?" Ron rollte die Augen.
"Harry, du bist ja genauso schlimm wie Hermine!" schimpfte er.
"Ich will dir keine Kleidung schenken, Tinsy, aber... ich dachte, wenn du lieber so wärst wie Dobby... kennst du Dobby schon? Dann will ich dir nicht im Weg stehen und... es tut mir Leid!" schloss er lahm.
"Meister... Harry wird Tinsy nicht Kleidung schenken? Harry ist ein gütiger Meister! Tinsy wird alles tun, um Harry zu helfen. Aber Tinsy kennt Dobby nicht," Tinsys Stimme klang erstickt und belegt während sie mit einem kleinen, weißen Taschentuch aus einer Tasche in ihrem roten Röckchen ihre Augen trocken wischte.
"Du solltest ihn kennen lernen, Tinsy.", sagte Harry freundlich, "Und jetzt solltest du auch schlafen gehen. Hast du ein Bett?" Tinsys Augen wurden noch größer.
"Harry fragt, ob Tinsy ein Bett hat? Harry ist ein so großzügiger Meister wie sein Vater! Tinsy hat ein Bett, bei den anderen Hauselfen. Aber sie dankt der Nachfrage!"
"Dann ist's ja gut", brummte Ron, "jetzt lass uns endlich schlafen, Harry- hast doch Hermine gehört. Informationsveranstaltung für alle Sechstklässler..."
"Also... Gute Nacht, Tinsy", sagte Harry.
"Gute Nacht, Harry, Harrys Wheezy!" Sie schnippte sich davon.
"Komische Elfe. Seit wann hast du sie?" fragte Ron schläfrig während er sich seinen Schlafanzug überstreifte.
"Keine Ahnung", antwortete Harry verwirrt, "ich wusste nicht mal, dass sie mir gehört- und was ist das mit meinem Vater, der sie für mich gekauft hat?"
"Erklär ich dir morgen... aber die Kurzfassung ist, dass reiche Zaubererfamilien ihren Kindern einen persönlichen Hauselfen schenken, wenn sie bisschen mehr als ein Jahr alt sind. So ähnlich wie ein Behbesitzer bei den Muggels."
"Es heißt Babysitter, Ron. Und meine Eltern...?" fragte Harry, der immer noch nicht verstand.
"Ich dachte, du hast den Ring zum Geburtstag bekommen- du bist ein Potter, Harry!" Ron drehte sich auf die Seite. Harry blickte auf den Ringfinger seiner rechten Hand, an dem der Wappenring saß.
"Meine Eltern... waren reich?" fragte er sich leise.
"Kennst doch dein Verlies", murmelte Ron im Halbschlaf, "und jetzt schlaf endlich auch!"
Harry streifte sich mechanisch den Schlafanzug über und kroch unter die Decken. Sein Kopf schwirrte nur so vor Fragen- wie immer wussten alle mehr darüber, wer er war als er selbst.
>Ich muss mit Dumbledore reden.< dachte er, bevor er den Tag hinter einer dicken, weichen, weißen Decke verschloss.
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